Eric hockte auf dem Bett, seine Beine steckten endlich wieder in einer Jeans und er trug einen Pullover. Er hatte die Beine angezogen und hielt sie mit den Armen umschlungen. Der raue Stoff der Jeans schabte über seine Wange.
Er war nervös. Der Gedanke daran, nicht mehr in die alte Wohnung zurückzukehren, war merkwürdig und fremd, fühlte sich sperrig an. Doch wenn er sich ausmalte, mit Ried sein Leben zu teilen, schlug sein Herz plötzlich Purzelbäume und war überhaupt nicht mehr zu bändigen! Trotzdem fürchtete er sich vor dem neuen Weg, der sich ihm eröffnen würde, wenn er diesem Krankenhaus, mit all seinen Kuriositäten, endlich den Rücken würde kehren können.
Er gab einen unwilligen Laut von sich und vergrub das Gesicht auf den Knien. Warum musste er so viel grübeln?
„Na? Bereit für die große neue Welt?", ertönte plötzlich eine Stimme von der Tür aus.
Eric hob irritiert den Kopf.
„Tiny!" Sein Gesicht erhellte sich und er breitete die Arme aus. Ein leichtes Grinsen erschien auf seinem Gesicht, als er die junge Anwaltshexe in die Arme schloss.
„Wie geht's dir? Viel zu tun im Moment?"
„Ach…" Tiny zuckte wegwerfend mit den Schultern.
„Es hält sich in Grenzen. Gerade ist mein spannendster Fall eine Schadenersatzforderung."
„Oh, um was geht es denn da?", fragte Eric, begierig ein bisschen Wissen aus der Außenwelt zu erhaschen.
„Oh Eric. Du weißt doch, alles streng geheim!", flappste sie und hopste auf das Fußende seines Bettes. Insbesondere da Ried mich darum gebeten hat, fügte sie in Gedanken noch hinzu. Er wollte die Hand voll Galleonen, die er vielleicht für seine unrechtmäßige Inhaftierung erhielt, für etwas ganz bestimmtes verwenden.
„Ach Tiny, komm schon. Ich fühl mich gerade wie in einer Blase!", nörgelte Eric.
„Aus der wirst du ja zum Glück bald befreit." Lächelnd ließ sie ihren Blick über seine Jeans und seinen Pullover gleiten.
„Du bist schon bereit zum Abflug wie ich sehe?", fragte sie ihn. Sogar das Glas voller Sommerregen wartete brav verpackt in eine Tüte darauf, mitgenommen zu werden in ein neues Leben.
„Oh ja, ich bin mehr als bereit für die Welt", erwiderte er.
„Aber es wird merkwürdig sein... Jedenfalls am Anfang...", räumte er ein.
„Wieso das denn?" Tiny setzte sich mit unterschlagenen Beinen hin und musterte aufmerksam Erics Gesicht. Noch immer trug er dunkle Schatten unter seinen Augen, als stummer Zeuge von durchwachten Nächten und schlechtem Schlaf.
Er hatte noch immer Alpträume, bestand jedoch vehement darauf, dass Ried jeden Abend nach Hause ging. Dieser brauchte den Schlaf ebenso dringend wie er selbst. Und Eric sorgte dafür, dass er ihn auch bekam.
„Da fällt mir ein, dass ich noch was für dich habe", sagte Eric, um der Frage auszuweichen und kletterte erfreulich behände aus dem Bett und kramte in seinem spärlichen Reisegepäck. Als er sich wieder aufrichtete, hielt er ein rotes, flauschiges Etwas in Händen.
„Das ist deine", sagte er, nachdem er wieder aufs Bett geklettert war und hielt Tiny die Weihnachtsmütze hin, „Ich würde sagen, sie hat ihren Dienst mehr als getan."
Tiny nahm die Mütze und lächelte sie liebevoll an. „Sie kommt mir vor, wie ein Relikt aus einer lang vergessenen Zeit", sagte sie, „Kaum zu glauben, was seither alles passiert ist."
„Na ja... Ach... wir... ich... Ich hab ganz schön viel Ärger gemacht...", meinte er leise.
„Sophie, und Tommy und dir... Und auch Ried..."
Tiny runzelte die Stirn.
„Eric. Schau mich an und sag mir dann noch mal, dass du mir viel Ärger gemacht hast. Du hast mich förmlich über Tommy stolpern lassen. Über den Mann, den ich liebe. Du... hast mir geholfen... Über meine Ängste zu springen!"
„Du und Angst? Du nimmst regelmäßig die Leute auseinander, vor Gericht und wie man hört auch außerhalb!", spottete Eric, doch sein Grinsen fiel zögerlich aus.
„Ja, ich habe Angst. Sogar vor vielen Dingen. Genau wie du", durchschaute sie ihn.
„Zum Beispiel hatte ich Angst mir endlich einzugestehen, dass ich nicht nur für meine Arbeit leben kann. Und dass ich es verdient habe, glücklich zu sein. Mit Tommy an meiner Seite", erklärte sie ruhig. „Das hat zwar ziemlich lange gedauert, aber besser später als nie, oder?"
Sie langte nach seiner Hand und drückte sie.
„Und genau das hast du auch verdient. Glücklich zu sein, mit dem Menschen an deiner Seite, dem dein Herz gehört. Und Ried hat genau dasselbe verdient."
„Aber Sophie...", murmelte er und senkte den Kopf. Tiny konnte Erics Gedanken gut nachvollziehen.
„Sophie fragt mich jedes Mal, wie es dir geht. Und das voller ehrlicher Neugierde. Sie hasst weder dich noch Ried", erklärte sie, zögerte dann wohl ein wenig zu lange. Auf Erics Gesicht erschien ein Stirnrunzeln. „Auch wenn sie selbst wohl etwas länger braucht, sich das einzugestehen. Sie hat es verstanden, glaube ich. Und wenn nicht, wird ihr das klar werden, wenn sie euch zusammen sieht", vollendete Tiny den Satz und mit jedem Wort sprach eine noch größere Überzeugungskraft aus ihr.
Eric stutzte.
„Ich glaube nicht, dass sie uns sehen möchte...", nuschelte er und besaß den Anstand ein wenig rot zu werden.
„Oh doch. Ihr habt alle drei lange genug das gemeinsame Abendessen bei Tommy geschwänzt." Sie sprang wieder vom Bett.
„Wenn ihr heute nicht auf der Matte steht, hetz ich euch wirklich den Schnecken-Kotz-Fluch auf den Hals!"
Ried, der gerade schwungvoll mit einem Brief in der Hand wedelnd, die Tür aufgerissen hatte, stutzte bei Tinys letzten Worten.
„Ich würde sie ernst nehmen", war das einzige was er hinzufügte.
Ein eisiger Wind fuhr durch die Häuserschluchten Londons und ließ den frisch gefallenen Schnee aufwirbeln, durch den die Leute, die noch nicht in ihren gemütlichen Wohnzimmern saßen, rasch hindurch schritten.
Eric zog den Kragen seiner Winterjacke weit hinauf und fragte sich für eine Sekunde, warum er den Vorschlag, gleich in Tommys Wohnung zu apparieren, für schlecht befunden hatte. Er fror erbärmlich. Seine Körper zitterte und er presste sich an Ried, während er das Stückchen bis zu dem Haus, in dem Tommy wohnte, durch den Schnee stolperte.
„Erinner mich das nächste Mal dran, dass Höflichkeit überschätzt wird", murrte er.
„Hab ich's nicht gesagt?", fragte der Freund leise und drückte seine Hand. Aus seiner Stimme sprach Besorgnis. Wirklich gut ging es Eric noch immer nicht, obwohl er auf die Entlassung vehement bestanden hatte. Und da Eric wieder auf seinen wackligen Beinen stehen konnte, hatte David auch keinen zwingenden Grund angeben können, um ihn noch länger im St. Mungo zu behalten.
„Zum Glück sind wir gleich da", meinte er zähneklappernd und bog um die nächste Ecke. An der Tür angekommen legte er seine Finger auf den Klingelknopf und drückte ihn sturm.
„Wir sind's!", rief Ried leise, als sich Tinys Stimme aus dem Lautsprecher meldete.
Sofort ertönte das Summen und Eric lehnte sich gegen die Tür, atmete erleichtert auf, als ihm die warme Luft entgegen strömte.
Durch eine Tür im Hausflur fiel ein Streifen warmes, heimeliges Licht und ein kurzes Lächeln flackerte über Erics Gesicht.
„Ich glaube, es war doch eine gute Idee, her zu kommen", flüsterte er dem Freund leise zu und drückte seine Hand.
Ried nickte. Außerdem war es schwer, gegen Tinys Willen anzukommen.
Die Tür wurde aufgerissen und Tinys grinsendes Gesicht erschien im Spalt.
„Hey! Kommt rein! Es ist eiskalt draußen!", rief sie und zog die beiden kurzerhand durch die Tür. Eric kam stolpernd in Tommys Wohnung an und musste sich am Schirmständer festhalten.
„Sorry", grinste Tiny.
Tiny umarmte Eric herzlich und ließ ihn erst los, als sie sich sicher war, dass der Schwarzhaarige auf eigenen Beinen stehen konnte.
„Tommy", rief sie in die Wohnung hinein, „Willst du nicht unsere Gäste begrüßen?"
Dann stellte sie sich auf die Zehenspitzen und umarmte Ried.
„Unsere Gäste?", fragte Ried grinsend, „Bist du bei Tommy eingezogen, ohne es mir zu verraten?"
„Nein", entgegnete Tiny, ebenfalls grinsend und nahm Ried die Jacke ab, „Aber er lässt mich ungern gehen."
„Kann ich ihm nicht vorwerfen, nachdem er so lange gebraucht hatte, um dich hierher zu bekommen", antwortete Ried und fing sich dafür einen freundschaftlichen Knuff ein.
„Kommt rein, kommt rein", meldete sich da Tommy, der in der Tür zum Wohnzimmer stand.
„Heute gibt es Schonkost", verkündete Tommy ernst, als sie in der Küche angekommen waren, „Pürierte Erbsen, Kartoffelbrei, zermatschte Möhren."
„Nicht dein Ernst?", fragte Eric bestürzt, hielt sich geschockt an Rieds Ärmel fest und starrte ihn an. „Komm, wir gehen wieder!"
„Nein", antwortete Tiny lachend und warf Tommy einen tadelnden Blick zu.
„Lass mir doch den Spaß", entgegnete Tommy grinsend.
„Eric, willst du dich nicht lieber auf das Sofa setzen?", fragte Tiny besorgt. Seine Bewegungen schienen ihr noch nicht sicher genug für den hohen Barhocker.
„Nein", wiedersprach dieser, „Ich kann ja immer noch später rüber gehen."
Auch Ried schaute seinen Freund besorgt an und schien bereit, ihn jeden Moment fest zu halten.
„Jetzt behandelt mich nicht wie einen Invaliden", wehrte sich Eric gegen die sorgenvollen Blicke.
Widerwillig begannen Tiny und Tommy zu kochen, während Ried seinen Freund fest im Blick hielt.
„Hattest du nicht gesagt, Sophie würde kommen?", fragte Eric schließlich vorsichtig.
„Ich habe sie eingeladen", entgegnete Tiny knapp.
„Sie kommt schon noch", fügte Tommy zuversichtlich an.
Damit war das Thema abgehakt und Tommy brachte sie alle zum Lachen, indem er sehr anschaulich vormachte, wie sie einem Lehrer eine Reißzwecke auf den Stuhl gelegt hatten. Woraufhin Ried mit einer Geschichte aus Hogwarts toppte. Das Lachen zauberte ein gesundes Rosa auf Erics Wangen.
„Hey!" rief Tommy, als Tiny ein Gewürzgläschen mit Zauberkraft vom obersten Regalbrett holte.
„Was ist denn?", fragte Tiny verwirrt.
„Das kannst du nicht machen", entgegnete Tommy und wies auf den Zauberstab in Tinys Hand.
„Aber hier wissen doch alle, dass ich eine Hexe bin", lachte Tiny, lehnte sich verschwörerisch zu Tommy und flüsterte klar vernehmlich, „Und ich erzähl dir was: Ried ist ein Zauberer."
Eric und Ried brachen in lautes Gelächter aus. Doch Tommy blieb ernst.
„Darum geht es nicht", entgegnete dieser, nahm Tiny das Gewürz aus der Hand und stellte es vehement zurück.
„Sondern darum!", mit diesen Worten packe er Tiny bei den Hüften und hob sie in die Höhe, „So nimmt man sich richtig ein Gewürz aus dem Regal!"
Nun lachte auch Tommy und Ried und Eric stimmten herzlich mit ein.
„Lass mich runter!", rief Tiny, ebenfalls lachend.
„Nö", entgegnete Tommy.
„Pass auf, sie hat noch ihren Zauberstab", japste Eric, den das herzhafte Lachen ganz schön aus der Puste gebracht hatte.
Erst diese Bemerkung schien der Rothaarigen in Erinnerung zu rufen, wofür das Stück Holz in ihrer Hand gut war. Doch da war es schon zu spät. In hohem Bogen flog der Zauberstab aus ihrer Hand und wurde von Ried aufgefangen, der seinen Haselstab erhoben hatte und breit grinste.
„Das ist unfair, ihr habt euch gegen mich verschworen", lachte Tiny, vergeblich versuchend, einen ernsten Ton bei zu behalten.
„Klar, immer auf die Kleinen"; kommentierte Tommy.
„Lass mich runter", wiederholte Tiny, die vergebens nach einer Waffe gesucht hatte.
„Du musst dich freikaufen", sagte Tommy, „Mit einem Kuss."
„Hmm", machte Tiny nachdenklich.
„Dann bleibst du den ganzen Abend da oben", antwortete Tommy, „Ried kann weiter kochen."
„Klar", entgegnete der Angesprochene lachend. „Kein Problem!"
„Na gut, na gut", gab sich Tiny geschlagen, „Aber dazu musst du mich erst mal runter lassen."
Vorsichtig setzte Tommy seine Freundin auf den Boden, diese drehte sich zu ihm, lächelte ihn verführerisch an und wandte ihm dann den Rücken zu, um weiter zu kochen.
„So hatten wir nicht gewettet!", widersprach Tommy sofort, umfasste Tiny von hinten, so dass ihre Arme an die Seite gepresst wurden und stahl sich seinen Kuss.
Ried und Tiny lachten laut los, doch Erics Lachen war verebbt und er atmete schwer, als hätte er gerade einen Fünf-Kilometer-Lauf absolviert.
Sofort war Rieds besorgter Blick auf seinen Freund gerichtet.
„Genug jetzt", sagte er, „Ab mit dir aufs Sofa, bevor du noch vom Stuhl kippst."
„Ich kipp nicht vom Stuhl, Ried", stöhnte Eric, gehorchte dann aber dem Freund. Jedoch nicht ohne sein Handgelenk in den Klammergriff zu nehmen und ihn mit sich zu ziehen.
„Du leistest mir Gesellschaft", grinste er. „So wie es sich gehört!"
Ried lachte leise, ließ sich aber gerne mit auf das gemütliche Sofa führen. Er hatte nach seinem Geschmack viel zu wenig Zeit mit Eric gehabt, und diese auch noch mit Ordnung schaffen verschwenden müssen, bevor sie aufgebrochen waren. Tiny war so umsichtig gewesen und hatte mit einem Schwenk ihres Zauberstabs schon vor Tagen Erics Besitz' in Rieds Wohnung transportiert, welche nun unter Überfüllung nur noch ächzen konnte. Mit diesen Gedanken setzte er sich auf die Couch, zog die Beine an den Körper und breitete seine Arme aus.
„Gehört sich das auch so?", fragte Ried. „Ich bin ein bisschen eingerostet." Er grinste und schloss den Freund in die Arme, der sich nur mit einem leisen Seufzer an ihn lehnte und kurz die Augen schloss. Dass es doch anstrengender für ihn war, als er eigentlich erwartet hatte, verschwieg er. Das konnte sich jeder selber denken. Stattdessen genoss sein noch immer frierender Körper Rieds Wärme. Mit halbem Ohr lauschte er den leisen Geräuschen, die aus der Küchenecke drangen. Und ganz langsam beschlich ihn das Gefühl von Geborgenheit. Und er hoffte sehr, dass dieses Gefühl zur wunderbaren Normalität des Alltags werden würde.
„Alles okay?", fragte Ried ihn plötzlich.
Er öffnete die Augen und blickte auf in das besorgte Blau, das ihn musterte, so als hätte er gleich den passenden Spruch um ihn wieder ins St. Mungo zu hexen.
„Ried... Hör endlich auf dir so viele Sorgen zu machen!" Er schmunzelte leicht.
„Ich bin hier. Und ich renne auch ganz bestimmt nicht mehr weg"
Er hob die Hand und legte die noch immer kühlen Fingerspitzen an Rieds Wange.
„Gib mir ein bisschen Zeit, ok?" Vorsichtig berührten seine Finger den Haaransatz des Freundes, verfingen sich in den kurzen blonden Haaren.
Dann berührten seine Lippen sanft die des Freundes. Es fühlte sich so wahnsinnig gut an, dies nicht mehr in aller Heimlichkeit und verschämt genießen zu müssen. Diese zuvor seltenen Berührungen waren in der letzten Woche zur herrlichen Alltäglichkeit geworden.
Ried stieß ein leises Lachen aus, ohne seine Lippen von denen des Freundes zu lösen, legte seine Hand in den Nacken des Freundes und hielt ihn so in dieser Position, nur um den zärtlichen Kuss noch länger genießen zu können.
„So schnell kommst du jetzt nicht wieder hier weg", grinste er und küsste ihn noch einmal auf den Mundwinkel.
„Hat irgendjemand behauptet, dass ich das will?", fragte Eric lächelnd, und schloss die Augen.
Wieder spürte er Rieds Lachen an seiner Wange. Sein Atem floss über seinen Hals hinweg und kitzelte ihn am Haaransatz. Eric fühlte sich in diesem einen Augenblick so wohl, wie schon lange nicht mehr. Trotz Sophie und trotz der Frustration über die langsame Genesung.
Hier, im Umfeld seiner Freunde, mit ihrem Lachen und ihren Emotionen fühlte er sich eigentümlich geborgen.
Seine Hand fuhr über Rieds Hals, berührte seine Schlagader, und kam schließlich auf seinem Schlüsselbein zur Ruhe. Vorsichtig wollte er über seine Schultern fahren, seine Haut streicheln, doch plötzlich ertastete er zwei gewölbte Unebenheiten. Eric runzelte die Stirn. Irritiert öffnete er die Augen und blickte in zwei schuldbewusste Augen. Zeitgleich zuckte der Freund weg, so als hätte er Schmerzen.
„Ried ... was..." Seine Finger fuhren die Linien entlang, während er seine Aufmerksamkeit nicht von Rieds Gesicht abwenden konnte.
„Es gibt essen Freunde! Pürierte Erbsen und gestampfte Möhren!", rief Tommy aus der Küche. Seine Stimme drang irritierend heftig in das Vakuum ein, das Eric und Ried für einen Augenblick umgeben hatte.
„Da... reden wir nachher drüber... ok?" Rieds Augen suchten nach Zustimmung, und Eric nickte leicht, dann drehte er sich um.
„Ich mach dir die Hölle heiß, wenn du den Pürierstab auch nur bei einer einzigen Erbse angesetzt hast, Tommy. Ich schwörs!"
Er rappelte sich aus Rieds Armen auf und stützte sich vorsichtshalber an der Lehne ab. Doch da er einigermaßen stehen konnte, lief er zum Esstisch, mit Ried im Schlepptau.
Tiny und Tommy trugen das Essen auf, es war leicht verkocht, denn die beiden hatten das Wohnzimmer besser im Blick, als ihre beiden Gäste wohl gedacht hatten. Die Köche hatten Eric und Ried so viel Zeit wie möglich gegeben, doch hätten sie noch länger gewartet, wäre Tommys Schonkostscherz ganz ohne Pürierstab wahr geworden.
Das Essen schien trotzdem zu schmecken, denn alle langten kräftig zu und schwatzen ausgelassen.
„Quidditch klingt ja echt cool", begeisterte sich Tommy, nachdem Ried ausführlich die Regeln erklärt hatte, „Das könnten wir mal spielen."
„Eher nicht, Tommy", entgegnete Tiny, „Besen sind bei Muggeln nicht so zuverlässig wie bei Zauberern. Und schon für einen Zauberer braucht es einiges an Training, um wirklich spielen zu können."
„Du hast für dein Haus gespielt", erinnerte sich Ried.
„Ja", bestätigte Tiny und fügte etwas wehmütig hinzu, „aber nur zwei Jahre, vor den ZAGs habe ich aufgehört. Mit dem Training hätte ich nicht all meine Fächer geschafft."
„Also hast du einen fliegenden Besen?", wollte Tommy wissen und seine Augen glitzerten gefährlich.
„Denk nicht mal dran", warnte Tiny sofort, „Der ist sicher weg geschlossen."
Beim Anblick von Tommys enttäuschtem Gesicht, brachen die drei anderen unwillkürlich in lautes Gelächter aus.
„Euch will ich mal auf dem Fußballfeld sehen!", gab Tommy zurück.
„Gerne", entgegnete Tiny und begann die leer geputzten Teller zusammen zu stellen, „Ich mach dich platt!"
Tommy schnappte sich die leeren Töpfe und räumte sie weg, als er sie neben das Waschbecken stellt, rief er laut: „Tiny und ich haben gekocht, also wascht ihr ab."
„Sei nicht albern, Tommy", schalt Tiny ihren Freund.
„Nein, nein", mischte sich Ried ein, „Das ist nur fair."
Ohne aufzustehen, deutete er den Zauberstab auf den Geschirrberg, der sofort begann, sich selber abzuwaschen.
„Das ist natürlich auch eine Möglichkeit", nickte Tommy zufrieden, „Tiramisu zum Nachtisch?"
Doch bevor er eine Antwort erhielt, ertönte die Türklingel. Die Gastgeber warfen sich einen Blick zu und Tommy huschte zur Tür, während Tiny fünf Teller für das Tiramisu aus dem Schrank holte.
Erics Gesicht hatte sich angespannt und Ried versuchte merklich, sich nichts anmerken zu lassen.
Als Tiny die Teller verteilte, kam Tommy mit seiner Schwester ins Wohnzimmer. Sophie hatte eine Extraschicht Make-Up aufgetragen, um die Spuren der Schlaflosigkeit zu überdecken. Sie hatte sich extra sorgfältig eingekleidet und ihre Anwaltshaltung eingenommen, doch das alles unterstrich nur, dass sie sich unwohl fühlte.
„Tut mir leid, dass ich etwas zu spät bin", sagte sie.
„Das macht doch nichts", entgegnete Tiny und schloss die Freundin rasch in die Arme, „Schön, dass du es noch geschafft hast. Viel zu tun in der Kanzlei?"
„Ja, du weißt ja, wie das ist", antwortete Sophie, offensichtlich dankbar für die Ausrede für ihr spätes Auftauchen.
„Du kommst doch gar nicht zu spät", winkte Tommy ab und setzte seine Schwester an den Tisch, „Wir wollten gerade Nachtisch essen. Tiramisu!"
„Ich liebe Tiramisu!", freute sich Sophie, „Aber habt ihr denn überhaupt genug?"
„Sicher", entgegnete Eric, der wie Ried bisher stumm geblieben war, „Im Zweifel machen wir eben die Portionen etwas kleiner."
Sophie erwiderte sein scheues Lächeln.
„Du siehst gut aus", sagte sie zu ihren Noch-Ehemann, „Du auch, Ried."
„Danke", antwortete Eric etwas zu höflich, fügte aber ehrlich interessiert an, „Wie geht es dir?"
Sophie druckste eine Weile um eine Antwort verlegen herum, doch Tommy sprang ihr zur Seite, indem er laut rief: „Tiramisu fassen!"
Mit einem lauten Klonk stellte er die gläserne Auflaufform, die bis oben hin mit dem luftigen Dessert gefüllt war, mitten auf den Tisch.
„Davon werdet ihr den Rest der Woche satt", kommentierte Ried.
„Das habe ich vor", grinste Tommy.
„Und ich lade mich abwechselnd bei einem von euch zum Essen ein", lachte Tiny und verteilte das Dessert.
„Hey, ich habe nicht vor, davon noch irgendetwas übrig zu lassen", sagte Eric siegesgewiss.
„Krankenhausessen und Tupperkost machen hungrig."
Er nahm sich eine große Portion vom Tiramisu und begann zu löffeln, während ihm Sophie nur einen leicht amüsierten Blick zuwarf.
Doch schon nach der Hälfte der Portion kapitulierte Eric und hielt sich den Bauch.
„Kann einer von euch nicht mal den Magen größer zaubern?", maulte er und kniff die Augen zusammen. Sein Magen zeigte ihm gerade demonstrativ was er davon hielt, vollgestopft zu werden!
Ried runzelte die Stirn, wollte ihm eine Frage stellen, doch Eric schüttelte nur den Kopf. Nicht jetzt, schien der Blick zu besagen, den Eric dem Freund zu warf.
Und Ried verstand.
Nachdem alle Teller geleert waren, stapelte Ried sie mit einem Schwenk seines Zauberstabs aufeinander. „Ich übernehm den Abwasch!", grinste er und scheuchte die Teller vor sich her in die Küche. Bei diesem Kunststück entfleuchte ihm ein Teller und ging mit lautem Getöse zu Bruch.
„Ich helf ihm mal lieber. Nicht dass noch mehr kaputt geht!", lachte Tiny, während Tommy gespielt erzürnt fluchte.
„Das waren Erbstücke meiner Oma!"
Eric prustete.
„Ich wusste nicht, dass der bevorzugte Laden deiner Großmutter Ikea ist."
„Sie hat halt Stil, unsere Granni, nicht wahr?" Er zwinkerte Sophie zu, die nur sacht lächelnd den Kopf schüttelte.
Ried indes setzte mit einem raschen Schwenk des Zauberstabs die Einzelteile des Ikeatellers wieder zusammen und stellte alles in die Spüle, dann drehte er sich zu Tiny um.
„Sag mal Tiny..." Er warf einen hastigen Blick hinüber zu Eric, der sich langsam aber sicher vortastete in seiner Lektion „Gespräche führen mit der Ex-Frau".
„Weißt du eigentlich schon..."
„Was willst du mir sagen, Ried?", grinste sie und verschränkte die Arme. Sie wusste natürlich wovon der Freund redete, wollte ihn nur etwas länger zappeln lassen.
„Na ja... ob ich mit der Klage durchkomme" Er senkte die Stimme ein wenig.
Tiny wiegte den Kopf hin und her, doch schließlich glitt ein Lächeln über ihr Gesicht.
„Es sieht so aus, ja. Endgültig kann ich es noch nicht sagen, aber es sieht gut aus. Und die Sache müsste auch ziemlich schnell über den Zauberstab springen!"
Rieds Augen strahlten vor Glück. Tiny hatte ihm mit dieser Neuigkeit den Abend noch mehr versüßt, als es jedes Tiramisu hätte tun können!
Er umarmte die Freundin stürmisch. „Das Geld kann ich gut gebrauchen", grinste er.
„Wofür brauchst du es eigentlich?", flüsterte sie lachend, als der große Mann sie vor lauter Übermut beinahe zerquetschte.
„Das werdet ihr alle noch früh genug sehen." Er zwinkerte verschwörerisch. „Und kein Wort zu Eric, versprochen?"
„Versprochen", grinste sie und griff nach einer Schüssel, in welche von allen Seiten her alle erdenklichen Arten von Knabberzeug geflogen kamen.
„Umzug!", verkündete sie lautstark und deutete zur Couch, wohin sie auch die große Schale dirigierte.
Tommys Augen leuchteten und er war derjenige, der als erster auf den Beinen war.
Eric musste lachen.
„Verfressener Nimmersatt!", grinste er und versuchte etwas unsicher aufzustehen. Sophie zögerte für eine Sekunde, dann streckte sie ihm die Hand entgegen. Eric sah für einen Augenblick auf zu ihr, dann ergriff er die schmale Hand, die ihm lange Zeit so viel Stärke gegeben hatte, vorsichtig und nahm die Hilfe beim Aufstehen an.
Ried beobachtete die beiden. Keine Eifersucht flammte in ihm auf. Er freute sich ehrlich für die beiden. Vielleicht konnten sie ja doch so etwas wie Freunde bleiben?
Auf dem kuschligen Sofa fanden alle bequem Platz und bald entspann sich ein lockeres Gespräch, das sich um Belanglosigkeiten, die Schulzeit und vorzugsweise um das köstliche Essen drehte. Sie umschifften dabei tunlichst jede Klippe, auf der Sophies oder Erics Name prangte.
Irgendwann spürte Ried etwas Schweres an seiner Schulter. Überrascht, aus dem Gespräch mit Tommy über seine Lieblingsfußballmannschaft (Arsenal London) gerissen, sah er auf.
„... weißt du... wir müssen unbedingt mal zusammen zu einem Spiel. Sie sind so gut!" Dann stockte auch er.
„Ich glaube... wir haben ihn geschafft", urteilte Ried, den Blick schmunzelnd auf Eric gerichtet. Dieser schlummerte, an seine Schulter gelehnt, tief und fest.
„Ziel erreicht", urteilte Tommy und zuckte grinsend mit den Schultern, während Sophie schweren Herzens einen Blick auf ihren Noch – Ehemann warf.
Er wirkte ... glücklich. Trotz dessen, dass man die Erschöpfung in seinem Gesicht lesen konnte.
Und das, stellte Sophie tief in ihrem Herzen fest, bedeutete auch für sie sehr viel.
„Du bringst ihn am besten nach Hause", sagte Tiny leise zu Ried, „Aber pass auf beim apparieren, sonst weckst du ihn noch."
„Geht das denn überhaupt?", fragte Tommy und legte unwillkürlich die Hand auf den Magen, der schon beim Gedanken an das beengende Gefühl beim magischen Transport rebellierte.
„Versuchen kann ich es ja", entgegnete Ried mit einem sanften Blick auf den Schlafenden.
„Bring euch gut nach Hause", sagte Tiny, „Und melde dich bald mal wieder."
„Mach ich", grinste er, lächelte allen zum Abschied zu und disapparierte mit einem genau bemessenen Schwung des Zauberstabs.
„Und was machen wir noch?", fragte Tommy, der die Beine auf dem Sofa ausstreckte und einen großen Keks aus der Schüssel nahm, welchen er am Stück in den Mund schob.
„Großmaul", schaffte Sophie noch zu sagen, bevor sie ein großes Gähnen überkam. Sie streckte sich ausgiebig.
„Ich werde wohl auch nach Hause gehen", sagte sie dann und packte ihre Sachen.
Tommy sprang sofort auf und schaute seine Schwester besorgt an.
„Willst du nicht noch etwas bleiben? Wie geht es dir?"
„Mir geht es gut", sagte sie mit einem gütigen Lächeln und relativierte dann, „Ich… ich komme klar."
„Wenn du hier bleiben willst", sagte Tommy und wies einladend auf das große Sofa.
„Das ist lieb", antwortete Sophie und tätschelte den Arm ihres großen Bruders, „Aber ich komme wirklich klar."
Tommy musterte seine Schwester eingehend.
„Ich melde mich schon, wenn ich etwas brauche", beruhigte ihn Sophie.
Ihr Bruder seufzte schicksalsergeben. „Komm morgen zum Abendessen", sagte er, „Bei deinen Kochkünsten verhungerst du mir noch."
Sophie lächelte leicht beleidigt. „Ich schau, wie mir ist. Ich ruf noch an."
Die Frau ging in den Flur und ihre Gastgeber folgten ihr.
„Weißt du was", sagte Tiny, „Es ist ganz schön kalt draußen, Sophie, ich bring dich rasch magisch nach Hause."
„Ja!", rief Tommy mit dem Beschützerinstinkt des großen Bruders.
Dann schaute er plötzlich verwirrt seine Freundin an. „Jedes Mal, wenn ich dich nach Hause gebracht habe, da hättest du auch apparieren können", stellte er fest.
„Ja", bestätigte ihm Tiny verwirrt.
„Du hast mich von Anfang an gemocht", triumphierte er.
„Du warst einfach sehr schwer abzuschütteln", antwortete Tiny, ohne zu präzisieren, worauf sie das bezog. Stattdessen griff sie Sophies Arm und disapparierte mit ihr.
„Danke", sagte Sophie, nachdem sie sich von dem Transport erholt hatte.
„Es war wirklich schön, dass du vorbei gekommen bist", sagte Tiny, „Und es war doch ok… mit Eric und Ried?"
„Ja", bestätigte Sophie zögernd, „Ja… ich … ich habe es mir schlimmer vorgestellt."
„Hast du dich schon entschieden?", fragte Tiny dann unvermittelt.
Die Hexe sah der Anwältin an, dass sie überlegte, ob sie die Ahnungslose mimen sollte, sich aber dagegen entschied.
„Nein", gab Sophie zu, „Es… Der Gedanke, all das vergessen zu können ist schon verlockend."
„Sophie", begann Tiny, „Du bist eine kluge, erwachsene Frau und es ist deine Entscheidung. Aber… darf ich etwas dazu sagen?"
Es war keine rhetorische Frage, Tiny wartete auf eine Antwort.
„Ja, eine kluge, erwachsene Frau hat kein Problem damit von einer anderen klugen, erwachsenen Frau einen Rat anzunehmen."
„Ich verstehe… zumindest annähernd, wie du dich fühlen musst", begann Tiny, „Du hast die Möglichkeit, all die schlimmen Erinnerungen, die du in den letzten Wochen gesammelt hast, loszuwerden. Aber… du hast selber gesagt, dass es nichts bringt, sich vor der Wahrheit zu verstecken. Und nichts anderes würdest du tun. Und keiner kann dir garantieren, dass der Gedächtniszauber hundert prozentig wirkt. Eric ist zwar ein Sonderfall, aber es kommt durchaus vor, dass sehr starke Gefühle wie eine Art Schatten bestehen bleiben."
Sophie nahm Tinys Worte hin, ohne zu zeigen, ob sie sie berührten.
„Außerdem", fuhr die Rothaarige fort, „vergisst du, dass du auch schöne Erinnerungen gesammelt hast. Denk an die Abendessen, das Lachen, wie du mit Ried darüber getratscht hast, ob und wann Tommy es schafft, mich zu angeln. Versuch gar nicht erst, es abzustreiten, ich weiß, dass ihr über uns gesprochen habt."
Tiny seufzte.
„Ich würde es dir nicht übel nehmen, wenn du dich dafür entscheidest, deine Erinnerungen aufzugeben. Ehrlich! Schließlich würde ich dich ohnehin neu kennenlernen. Tommy lädt dich zum Essen ein, um seine neue Freundin kennen zu lernen und wir können Lachen, wie immer."
Tiny versuchte ein Lächeln.
„Was ich sagen will ist eigentlich ganz einfach: Es ist deine Entscheidung und wie immer du dich entscheidest, ich werde dich bei der Durchsetzung unterstützen. Aber bitte entscheide nicht leichtfertig aus einer momentanen Laune heraus."
Sophie lächelte Tiny dankbar an.
„Ich werde es mir gut überlegen", versicherte sie, „Und ich bin dir sehr dankbar, dass du mich auf jeden Fall unterstützen wirst."
„Wofür hat man denn sonst einen Anwalt?", grinste Tiny.
Die Hexe wollte sich gerade verabschieden, da hielt die brünette Frau sie nochmal auf.
„Kann ich dich um einen Gefallen bitten?"
„Ich werde keinem ein Sterbenswörtchen davon verraten", versicherte Tiny, ohne auf die Bitte zu warten.
„Kannst du denn Gedanken lesen?"
„Manchmal. Die meiner Freunde", bestätigte Tiny, „Aber das hat wenig mit Magie zu tun."
