36. Ohnegleichen
In einer Hinsicht konnte sie ihm dankbar sein. Er hatte jegliches Mitleid in ihr hinweggefegt. Wut. JA, sie empfand nichts anderes als Wut und bittere Enttäuschung.
Hermine hatte an diesem Morgen nicht einmal mit Ron und Harry frühstücken können. Sie hatte nicht einen Bissen hinunterkriegen, geschweige denn einen geraden Satz in der Zeitung lesen können.
Wenigstens schmerzte ihr Knie nicht mehr.
Sie kroch noch weiter in den Schatten der Statue. Sie wollte nicht, dass irgendjemand sie sah. Kein Zauber half gegen ihr blasses von der Schlaflosigkeit gezeichnetes Gesicht. Nicht einmal kaltes Wasser. Es hätte nur der Schlaf selbst geholfen, aber den fand sie nicht mehr. Es waren nicht nur die Gedanken an ihn, es war auch die Angst vor dem Aufflackern der Visionen, die sie kaum ein Auge zu tun ließ. Und die Anst davor, wen oder was diese Visionen zeigen würde.
Sie war nicht wieder bei Trewalney gewesen. Diese Sherry-Drossel konnte ihr nicht mehr helfen als ein gutes Nachschlagewerk über Wahrsagekunst. Das musste sie sich wohl oder übel eingestehen.
Und Firenze. Sie wusste nicht einmal, ob seine Art der Wahrsagerei ihr überhaupt weiterhelfen würde.
Noch vier Wochen, Hermine. Dann bist du wieder die alte. Du fährst nach Hause. Feierst Weihnachten und wenn du wiederkommst, bringst du diesen lästigen Okklumentikunterricht hinter dich.
Der morsamoris war sehr stark. Er würde ihr dabei helfen.
Hermine musste die Zähne zusammenbeißen, als sie sich eingestehen musste, dass sie dabei war sich selbst zu belügen. Aber sie würde nicht weinen. Sie konnte es nicht mehr. Der Schmerz, der in ihr pochte, er war eine Art ständiger Begleiter geworden. Sie konnte sich fast nicht mehr an die Zeiten erinnern, in denen sie noch unbeschwert und ohne andere Sorgen als die um die nächsten Hausaufgaben durch die Gänge Hogwarts geschritten war. Diese Zeiten waren lange vorüber.
Sie war kein Kind mehr.
Ihr Instinkt sagte ihr, dass sie aufbrechen musste, wenn sie nicht zu spät zu Verteidigung kommen wollte. Nach Binns Geschichtsstunde war sie Harry und Ron schnurstracks davon gelaufen, weil sie allein sein hatte wollen.
Ja, Binns Stunden waren immer angenehm gewesen. Man hatte seinen Gedanken immer freien Lauf lassen können, wenn man nur wollte. Aber gerade das war ihr an diesem Morgen zum Verhängniss geworden. Ihre Hände hatten es kaum geschafft die Feder so schnell zu führen, wie es in dem Unterricht des verwirrten Geistes notwendig war. Ihre Gedanken hatten einen nur all zu freien Lauf genommen und waren immer wieder im Kerker gelandet. Bei Snapes überraschtem Gesicht, aus dem sie sich keinen Reim machen konnte.
Und noch viel öfter bei seinem wutverzerrtem Gesicht, dass ihr noch nie zuvor so schrecklich vorgekommen war.
Sie war in den Korridor getreten, der zum VgdK-Klassenzimmer führte, da traten Ron und Harry neben sie.
,,Da bist du ja, Hermine. Du bist einfach davon gerauscht. Wo warst du?" fragte der Rothaarige. Hermine bemerkte seinen besorgten Blick.
,,Darf ich nicht mal mehr für kleine Streberinnen gehen, ohne ausgefragt zu werden?" erwiderte sie gereizt.
,,Doch ,klar." sagte Ron betreten. Mädchenkram machte ihn, obwohl er inzwischen ein großer Junge war, noch immer verlegen. Er folgte ihr, ohne ein weiteres Wort zu ihrem Platz. Ronald Weasley wusste, wann er eine schlecht gelaunte Hermine Jane Granger vor sich hatte. Und dass man besser damit fuhr, sie in diesem Zustand nicht an zu sprechen.
Hermines Herz begann hart zu klopfen, als sie den Klassenraum betraten. Die ganze Nacht hatte sie sich ausgemalt, wie es werden würde, Snape wieder gegenüber zu treten. Sie hatte es sich nicht vorstellen können.
Und diese Vorstellung hatte ihr Angst gemacht.
Wut und bittere Enttäuschung.
Sie senkte den Blick, als sie zu ihrem Platz ging. Sie würde ihm kein weiteres Mal den Gefallen tun, ihn ihr Lächeln in den Dreck zu treten zu lassen.
Wenn er es so haben wollte, dann sollte er sie bekommen. Abscheu. Wut. Hass. Wenn er es so wollte.
Er arbeitete gut daran, diesen Hass in ihr zu schüren. Gestern abend hatte er es wie ein Meister getan. Ohnegleichen, Professor.
Trotzig griff sie zu ihrer Tasche und holte ein Buch nach dem anderen heraus. Kompendium der Zaubersprüche gegen dunkle Magie. Spruchkompendium der Runenbeschwörung. Verteidigung gegen dunkle Flüche . Schwarze Magie- im Wandel der Zeit. Silbetabelle der Zaubereisprache...
Sie ließ eines nach dem anderen geräuschvoll auf den Tisch plumpsen, bevor sie es zurecht schob. Mit einem Seitenblick erhaschte sie Rons entgeisterten Blick.
,,Hermine." flüsterte er ihr eindringlich entgegen ,,Was tust du da?"
,,Meine Bücher auspacken, Ron."
,,Aber du weisst doch-." Ron hielt inne und lehnte sich mit verschränkten Armen in seinem Stuhk zurück.
,,Verstehe. Du bist heute rebellisch. Und deswegen muss Gryffindor Punkte verlieren."
Hermine machte unbeirrt weiter, ohne den Blick zu heben. Sie erwartete nicht einmal, dass Snape sich die Mühe machen würde, sie darauf an zu sprechen, bevor das eintraf, was Ron ihr soeben vorgworfen hatte.
Aber sie kümmerte sich nicht darum. Was war nur mit ihr geschehen? Es war ihr egal. Es waren lächerliche fünf Punkte. Es gab wichtigere Dinge im Leben. Dinge, wie freien Willen. Dinge, wie seine Bücher auspacken zu dürfen, ohne dafür gedemütigt zu werden. Dinge wie, jemanden seine Liebe zu zeigen, ohne sich hinterher selbst dafür zu hassen. Das letzte Buch kam mit einem lauten Geräusch auf ihrem Tisch.
,,Hermine." hörte sie Ron ihren Namen aussprechen.
Hermine begann ohne ein Wort ihre Bücher zurecht zu schieben, wie sie es zuvor immer getan hatte. Hinter ihr nur das leise, scheue Murmeln, das immer vor Snapes Unterricht durch den Raum wehte. Wahrscheinlich lag auch gerade Harrys Blick auf ihr, doch auch das kümmerte sie nicht. Sie musste diese Aufgabe zu ende führen und niemand würde sie daran hindern.
Das Schleifen einer Robe.
Sie sog seufzend Luft ein. Sein Geruch umfing sie wie ein zarter Nebel und ließ als das brüchig werden, was sie sich mühsam zusammengedichtet hatte. Mühsam. Qualvoll. Stunde um Stunde. Während der Mond auf und untergegangen war.
Sie musste wohl oder übel ihren Blick heben. Auch wenn er ein widerwärtiger Bastard war. Er war immer noch ihr Lehrer.
,,Nach dem Unterricht, Miss Granger, bleiben sie noch eine Minute hier." erklang es rau. Es war nicht mehr als ein Blinzeln und schon hatte er sich wieder abgewandt und schritt zum Pult.
Ron belegte sie mit einem vorwurfsvollen Blick. ,,Das werden bestimmt mehr als fünf Punkte."
Hermine hatte Ron mehr als einmal zu Boden geworfen, als Snape den Unterricht schließlich beendete. Sie war beinahe geneigt, sich bei ihrem besten Freund zu entschuldigen. In ihrer Wut hatte sie ihn wahrscheinlich härter behandelt, als es hätte sein müssen. Ron jedoch hatte nicht den Hauch eines Missmuts gezeigt.
Während der Duellierübung hatte er sogar seinen Unmut über den bevorstehenden Punktabzug vergessen. Hermine hatte beinahe lächeln müssen, wenn sie das den gequälten Gesichtsausdruck des Gepeinigten sah, der jedoch sogleich in ein Grinsen umschlagen hatte, wenn er sich erhoben hatte.
Ron tätschelte Hermine mitfühlend an der Schulter. ,,Wahrscheinlich hat Gryffindor durch mich heute mehr Punkte verloren, als du es in einem Jahr schaffst. Augen zu und durch!"
Hermine stupste ihn matt lächelnd in Richtung Harry, der ihr einen mitfühlenden Blick schenkte, bevor er mit Ron das Klassenzimmer verließ. Hermine packte ihr letztes Buch ein, während das Klassenzimmer sich leerte. Snape, der am Pult stand, hob den Zauberstab und ließ die Tür zu fallen.
Hermine hob ihren Blick und sah ihm direkt die Augen. Sie sahen ihr ruhig entgegen. Wenigstens war die Verächtlichkeit in seinem Blick verschwunden, wenn da sonst auch nicht viel war.
,,Was wollen sie?" fragte Hermine mit klopfendem Herzen und matter Stimme.
In diesem Moment griff Snape nach einem Heft, das verborgen auf dem Pult gelegen hatte. Er ging zu ihr zu ihr und überreichte es ihr mit einer langsamen, fast feierlichen Geste.
Hermines Hände griffen zaghaft danach. Die Verwirrung, die sie mit einem Mal erfasste ,war unermesslich.
Ihr Blick klebte einen Moment ungläubig an den Aufsatzheft , auf dem ihr Name stand.
Was sollte das? Sie hatten den Aufsatz erst letzte Woche abgegeben und Snape hatte nicht den Anschein gemacht als wolle er ihn hastig korrigieren. Selbst er brauchte mindestens zwei Wochen dafür.
Hermine erinnerte sich noch genau daran, wie verzweifelt sie über dem Pergament gehangen hatte, sich ständig fragend wie sie je wieder irgendetwas schaffen sollte, wenn sie nicht einmal mehr einen geraden Gedanken hin bekam. Sie hatte in der Bibliothek gehockt, bis Madam Pince sie schließlich mit ihrer liebenswürdigen Art heraus gescheucht hatte.
Sie hob ihren Blick. Noch immer lag Snapes dunkler Blick ruhig auf ihr. Sie musste schlucken. Dieser Blick. Dieser völlig ruhige Blick war fast noch verstörender als sein verächtlicher es jemals hätte sein können.
Plötzlich griff er in seine Robe und holte etwas hervor. Es war eine Phiole.
,,Heute abend, Miss Granger." sagte er und drückte ihr das Fläschen in die Hand. ,,Vergessen sie nicht, dass wir eine Aufgabe haben."
Seine warme Haut hatte ihre gestreift. Sie musste tief einatmen, um ihrer Verwirrung Herr zu werden. Ihre Hand zog sich zurück, als hätte ein Blitz sie getroffen.
Schon im nächsten Moment ging Snape zur Tür, riss sie auf und war verschwunden.
Hermine steckte densedatio-Trank hastig in ihre Tasche und schlug ihr Aufsatzheft auf. Es musste einen Grund haben, warum er ihr es gegeben hatte.
Ihre Finger stolperten fast über die Seiten, als sie versuchten sie ungeduldig beiseite zu klauben. Da war er : Ihr Aufsatz über die Verteidigung gegen Inferi und andere untote Wesen.
Ihre Augen wanderten über den Text. Hier und dort war etwas unter strichen und korrigiert.Nicht ganz korrekt, es heißt vielmehr... suchen sie auf Seite fünfhundertsechsundsiebzig in Vittorio Oscuros Werk... dieser Name muss in einem Atemzug genannt werden mit...
Hermine blätterte bis zum Ende des Aufsatzes. Dass was sie gelesen hatte, hatte sie verwirrt und erstaunt zu gleich. Doch nun blieb ihr der Atem weg und Tränen bahnten sich den Weg über ihre Wangen, ohne, dass sie etwas dagegen tun konnte.
Was dort in feinsäuberlichen Buchstaben geschrieben stand, ließ sie für einen Moment erstarren. Es war nur ein Wort. Es war ein Ohnegleichen.
