Hermine war einfach hinausgelaufen. Hinaus aus dem Büro, hinaus aus dem Schloss und hinein in eine eisige Winternacht, als könne sie sich so der Wirklichkeit entziehen.
Nicht ein Gedanke an einen Umhang oder wärmenden Mantel, was schert sich das Schicksal auch um ein paar kalter Ohren.
In Hermine war kein Platz mehr frei für ein anderes Gefühl außer Wut und Verzweiflung.
Sie spürte den schneidenden Wind der an ihren Haaren zerrte ebenso wenig, wie die kleinen, spitzen Schneeflocken, die wie eisige Geschosse ihre Wangen trafen.
Ohne sich umzusehen war sie wieder bis zum See gelaufen, der zugefroren und halb vom Schnee bedeckt wie ein trübes Auge ins Dunkel starrte.
Am Ende des Bootsstegs blieb sie stehen, mit pochendem Herzen und keuchendem Atem.
Sie wollte nicht, dass es so endete. Sie wollte nur ihr Leben zurück.
Weiter unbeschwert zur Schule gehen, mit Harry und Ron Spaß haben, hinter Snapes Rücken Grimassen schneiden, und er sollte ungerechtfertigt Hauspunkte abziehen, herumschnauzen und Kinder erschrecken.
Sie wollte seinen Tod nicht, er hatte ihn nicht verdient.
Langsam beruhigte sich ihr Atem. Ihr Blick war in den wolkenverhangenen Himmel gerichtet. Warum?
Ja warum? Hier in dieser kalten Nacht versuchte Hermine sich ihrer Gefühle klar zu werden. Wenn sie in den letzten Tage und Wochen an Snape gedacht hatte, dann war dies mit einer Mischung aus Wut und Furcht gewesen.
Alles in allem war sie sich sicher gewesen ihn zu hassen, den eisigen, harten und grausamen Mann. Grausam? Eisig ja, hart ja, zynisch, sarkastisch, ironisch, arrogant ja, aber grausam???? Hermine fielen kleine Details der Vergangenheit ein. Sein Zeigefinger der verstohlen über Verdammtes Lästiges Vieh streichelte, seine Strenge mit der er ihr ihre Fehler vor Augen führte, seine Lachfältchen bei ihrem Spaziergang im Schnee, die Wärme, mit der er Gina Nicemeadows in den Arm genommen hatte......
Nein, er war nicht grausam, er war ein verdammter; zynischer, arroganter, stets übellauniger, brillanter Lehrer und ein in sich verschlossener Mann.
Nur zu oft hatten sie und ihre Klassenkameraden ihn in das Land gewünscht wo dem Pfeffer Ohren wachsen.
Aber niemals war jemand so weit gegangen, ihm den Tod zu wünschen.
Severus!
Zum ersten Mal nannte sie ihn in Gedanken beim Vornamen.
„Severus!" Ihr Mund flüsterte vorsichtig seinen Namen, so als müsse sie sich erst an seinen Klang gewöhnen.
„Severus!"
Und lauter nochmals „Se-ver-us", dann wurde ihre Stimme zum Schluchzen.
„Ich bin hier!"
Snape schälte sich aus der Dunkelheit der ufernahen Bäume und trat hinter Hermine die mit bebenden Schultern weiter über den See starrte. Alles in ihr schien erfroren. Ihre Gefühle erstarrt, ihr Körper eisig.
Snape stellte sich hinter sie, so dicht dass sie seinen Körper spüren konnte und seine Wärme, die ihr wie ein vertrauter, warmer Atem vor kam.
Er tat es langsam, vorsichtig, genauso vorsichtig wie sein Vorname über ihre Lippen gekommen war. Endlich hatte sie ihn ausgesprochen und wie zuckersüß klang es in seinen Ohren. Severus! Wie sehr hatte er es sich gewünscht, dass aus ihrem Mund zu hören. Und nun zählte sie ihn sogar zu ihren Freunden, wie sie leidenschaftlich bekundet hatte, und als ihr Freund hatte er alles Recht der Welt, sich nun hinter sie zu stellen, genauso wie sie es vorhin für ihn getan hatte.
Und sie ließ es zu. Ließ freiwillig seine Nähe zu.
So wie sie seine Körperwärme spürte, so spürte er den eisigen Wind der durch ihre Haare ging. Wie kalt musste ihr sein.
Nach einem Moment des Schweigens hüllte er sie in seine Robe ein, in dem er von hinten seine Arme sacht um sie legte. Ganz allmählich drückte er ihren kalten Körper immer mehr an sich. Als sie sich nicht wehrte ließ er sein Kinn auf ihren Kopf sinken. Hermine bewegte sich nicht, wieder einmal hatte sie Angst, doch diesmal war es die Angst, dass er diese Umarmung lösen würde sobald sie sich bewegte.
Er war so warm, seine Arme so stark wie sie um sie geschlungen waren. Wieso hatte sie dies nicht schon eher haben wollen?
Lange standen sie so da, schauten gemeinsam schweigend über den See. Irgendwann löste Snape seine Umarmung mit einem tiefen Seufzer. Besorgt drehte sich Hermine zu ihm um und sah ihm fest in die Augen.
„Ich will nicht dass Du stirbst!"
Snapes Augen glänzten, reflektierten das schwache Mondlicht. Stumm zog er Hermine an seine Brust, umschloss sie wieder mit seinen Armen und deckte sie mit seiner Robe zu. Wieder stützte er sein Kinn auf ihr Haar. Die kleinen Eiskristalle schmolzen unter seinem Atem.
Sie wollte, dass er lebte.
Wie von selbst legte Hermine ihre Arme um ihn und schmiegte sich dann aber entschlossen an seinen Körper.
Snape drückte sein Gesicht in ihr Haar, streichelte ihr über den Rücken und seine Lippen strichen sanft über ihre Stirn, unendlich vorsichtig, fragend, bittend.
Ihre Wange von seiner Brust lösend sah sie zu ihm auf.
Sein Gesicht war weich geworden und von unbestimmter Trauer. Sehr zögernd näherten sich seine Lippen ihrem Mund, berührten ihn aber nicht. Nur seine Nase strich zärtlich über die ihrige.
Unbewusst streckte sie sich etwas, so dass sich ihre Lippen berührten. Es war kein Kuss, es war nur eine Berührung.
Sofort zog Snape seinen Kopf zurück, schaute sie lange an, dann küsste er sie behutsam auf die Stirn, dann auf ihre Wange und dann unendlich sanft auf ihren Mund. Hermine vergaß das Atmen, ein lange unterdrücktes Gefühl in ihr errang rasant die Oberhand und raubte ihr gleichzeitig fast das Bewusstsein.
Was geschah hier?
Sie sahen sich gegenseitig in die Augen, dann wandte Snape sich zum Gehen.
„Komm," sagte er schlicht und fasste ihre Hand.
Keiner sprach ein Wort, auf ihrem gemeinsamen Weg zurück zum Schloss. Vor dem Portal blieb Snape wieder stehen und zog Hermine langsam in eine Umarmung. Fast war es so, als ob er dem eben Erlebtem nicht traute. Vorsichtig küsste er sie erneut. Hermine wich nicht zurück, auch wenn ihr Herz vor Aufregung raste. Und wieder fragte sie sich, was um Himmels Willen hier mit ihr geschah. Snape Hand spielte mit ihren Haaren, streichelte über ihren Rücken.
„Geh jetzt schlafen!" befahl er ihr leise. Statt einer Antwort drückte sich Hermine an ihn. Sie wollte den Zauber dieser Berührung noch nicht aufgeben.
„Komm!" sagte Snape wieder und führte sie weiter ins Schloss. Hinter dem Portal blieb er nochmals stehen und schnell schmiegte sich Hermine an ihn. Seine Umarmung war fester als zuvor und seine vorsichtigen Küsse fanden Hermines Haut an ihrem Hals. Er seufzte tief und Hermine merkte wie schwer es ihm fiel, weiter zu gehen.
„Jetzt geh endlich schlafen!" Er bemühte sich um Strenge in seiner Stimme und zog sie an der großen Halle vorbei in Richtung ihres Turms.
Als sie an den Treppen vorbei kamen, die zum Kerker führten, war es Hermine die stehen blieb. Snape wandte sich ihr mit einem Ausdruck von Ungläubigkeit und Bestürzung zu.
Einen Kuss auf seine überraschten Lippen hauchend versuchte sie ihn in Richtung der Kerkertreppe zu ziehen. Doch er blieb stehen wie ein Felsen.
„Nein!" sagte er.
Hermine sah ihn an und erstmalig konnte sie wieder etwas lächeln.
„Nein was?"
„Nein!" wiederholte Snape leiser.
„Sprich in ganzen Sätzen!" Hermine schlang ihre Arme um ihn und genoss das Gefühl, dass sie ihn erstmalig an den Rand seiner Selbstbeherrschung geführt hatte.
„Nein, ich möchte nicht, dass Du etwas tust was Du später bereust!"
Sie legte ihren Kopf schräg und blinzelte ihn an.
„Nicht?"
Er schüttelte leicht den Kopf.
„Später vielleicht? Oder morgen?"
Er schüttelte nochmals stumm den Kopf.
„Schade!" Hermine ließ ihn los, ihre Augen strahlten als sie einen Schritt zurücktrat.
Snape schien unfähig etwas zu entgegnen. Sein Gesicht versteinerte bis auf seine bebenden Nasenflügel. Sekunden hielt er sein Schutzschild noch hoch, dann bröckelte seine Festung und jäh zog er sie mit sich. Wie im Traum folgte Hermine ihm. Er hielt sie fest an der Hand und ließ sie auch nicht los, als sie in seinem Wohnzimmer angekommen waren.
Er nötigte sie auf dem Sofa Platz zu nehmen.
Durch ein kurzes Fingerschnippen hatte er zwei dampfende Becher mit Tee herbei gezaubert und gab Hermine einen davon in die Hand.
„Trink, das ist gut gegen die Kälte!"
Hermine lächelte ihn an und nippte an dem Getränk.
„Mir ist nicht kalt!"
„Ach nein?"
Prüfend legte Snape seine Hand an ihre Wange.
„Wie kannst Du bei diesem Wetter draußen herumrennen, ohne Umhang, ohne Stiefel? Du hättest Dir den Tod holen können!"
Sein Daumen streichelte zärtlich über ihren Wangenknochen, berührte sanft ihren Mundwinkel.
Mit geschlossenen Augen schmiegte sich Hermine in seine Hand, genoss die Wärme, die von ihr ausging.
„Und wenn schon!" murmelte sie.
Mit seiner Linken nahm Snape Hermine den Tee aus den Händen um dann ihr Gesicht mit beiden Händen zu streicheln.
„Aufsässiges Geschöpf!"
Er scheiterte kläglich in seinem Versuch streng zu klingen. Schnell zog er sie an sich und Hermine leistete keine Gegenwehr.
Wie gut ihr das doch tat. Sie spürte wieder seine Lippen auf ihrer Stirn und diesmal hob sie schnell ihren Kopf und hoffte, dass er sofort ihren Mund finden würde.
Sanft begann dieser Kuß, zunächst wieder fragend und zögernd doch als Hermine sich etwas ihm entgegenstreckte und sich an seine Lippen presste, da war es als würde ein Damm brechen. Mit plötzlicher Leidenschaft teilte Snapes Zunge ihre Lippen um ihren Mund zu erforschen.. Hermine stieß einen kurzen Keucher vor Überraschung aus, dann verlor sie sich in diesem Kuss.
Seine Zunge war wie eine Flamme, die in ihr ein Feuer entzündete. Alle Gedanken verschwammen in ihrem Kopf, sie vergaß die permanente Bedrohung durch den dunklen Lord, vergaß das Damokles Schwert des Todes, dass über seinem Kopfe schwebte und fühlte nur noch ihn, wie er sie mit einer einzigen fließenden Bewegung hochhob und in das Schlafzimmer trug.
Nie hätte sie gedacht, dass dieser Mann zu solchen Zärtlichkeiten fähig sein könnte, mit denen er nun ihren Körper bedeckte.
Und ihre Sanftheit berührte seine Seele und die Küsse, die sie erwiderte, schmolzen das letzte Eis, dass er wie einen Panzer um sein Herz gelegt hatte. In dieser Nacht, in dieser Stunde musste er sich eingestehen, dass er keinen Tag länger ohne Liebe leben konnte.
