Der L-Raum konnte überall hinführen, wenn nur Bücher oder das Potential für Bücher in der Nähe waren.

Esme Wetterwachs hielt nicht viel von Büchern. Geschichten und Meinungen anderer Leute hielt sie für suspekt und so misstraute sie allem, was auf Papier gedruckt war, denn bedrucktes Papier war arrogant genug sich immer und überall und jedem als Wahrheit verkaufen zu wollen.

Esme wusste sehr genau, dass es so etwas wie Wahrheit nicht gab und dass man sie schon gar nicht mit menschlichen Worten auf Papier bannen konnte.

Sie selbst hatte genug erlebt um zehn Bücher füllen zu können, doch sie hütete sich davor mit dem schreiben zu beginnen.

Und so befand sich der einzige Ausgang des L-Raums in ihrer Nähe, an dem einzigen Ort, den Esme bedrucktem Papier zubilligte.

Eddy und Susanne traten sich gegenseitig auf die Füße, bis der Vampir stolperte und mit der Tür hinaus in den Garten fiel.

„Ein Abort?", fragte Susanne verblüfft, als sie aus dem Häuschen heraustrat und sich die Szene betrachtete.

Sie befanden sich in einem Wald. Neben ihnen stand das Hexenhaus, schief, eine architektonische Katastrophe und doch stabil und irgendwie hatte man das Gefühl, dass diesem Ort ohne genau diese Hütte etwas fehlen würde.

Eddy war aufgestanden: „Derr Almanach.", sagte er.

„Sie hängt sich den Almanach auf's Klo?", wunderte sich Susanne.

„Natürrlich. Dafürr wirrd err überrhaupt errst prroduzierrt. Err wirrd sogarr auf extrra dünnes Papierr gedrruckt.", erklärte Eddy, der diese Sparpraxis an Toilettenpapier aus seiner Heimat in Überwald kannte.

„Und der halb zerrissene Almanach soll stark genug sein, um einen Ausgang in den L-Raum zu reißen?", fragte Susanne skeptisch.

„Ich sehe hierr sonst keine anderren Bücherr, oderr?", erwiderte Eddy und suchte in seiner Jackentasche nach etwas zum Schnupfen, „Mist! Es ist leerr!", rief er, als er seine Hände hervorzog und nichts gefunden hatte.

Susanne rollte mit den Augen. Eddy sah es: „Du hast keine Ahnung, was das bedeutet!", rief er.

„Du wirst nüchtern.", sagte Susanne trocken, „Ein Zustand, den manche Leute für erstrebenswert halten.".

„Oh. Du willst nicht, dass ich nüchterrn werrde, glaub mirr!".

„Ich habe keine Angst vor Vampiren. Vergiss nicht, ich hab das hier.", sie zeigte Eddy das Schwert.

„Wir sterrben nicht so einfach.", gab Eddy zurück.

„Es reicht, dir den Kopf abzuschlagen, schätz ich.", säuselte Susanne.

„Lass uns rreingehen und es hinterr und brringen! So schnell wie möglich!".

Die schäbige Holztür, die von vorne in das Hexenhaus führte, ließ sich nicht öffnen. So sehr Susanne und Eddy daran zerrten, sie bewegte sich keinen Zentimeter.

Für Susanne wäre das kein Problem gewesen, doch der Vampir brauchte einen wahrhaftigen Durchgang um einen Raum zu betreten.

„Sieht aus, als wäre die Tür nur aufgemalt.", sagte Susanne.

„Sie ist eine Hexe.", sagte Eddy und in seiner Stimme lag etwas drängelndes.

Susanne zog einen Schluss: „Und Hexen benutzen immer die Hintertür!".

Sie eilten um die Hütte und fanden dahinter tatsächlich eine Tür, die nur noch lose in den Angeln hing.

„Sie hat offensichtlich keine Angst vor Einbrechern.", überlegte Susanne.

„Solche Leute sind besonderrs gefährrlich.".

Der Vampir und die Enkelin des Todes schlichen durch das Hexenhaus. Es war klein und staubig. Außerdem fand Susanne die Einrichtung recht altmodisch und karg.

„Wo ist sie?", fragte sie schließlich. Sie hatte das Schlafzimmer gefunden, doch das Bett war verwaist und es hatte in dieser Nacht noch niemand darin gelegen.

Eddy konnte als Vampir schlagende Herzen auf 10 Meilen gegen den Wind wahrnehmen und wies Susanne wortlos hinauf zum Dachboden.

„Was ist los mit dir? Kein dummer Spruch? Kein Kommentar?".

„Bitte! Ich verrsuche, nicht die Kontrrolle zu verrlierren!", gab Eddy zurück und seine Unterlippe zitterte.

Susanne stieg eine knarrende Treppe hinauf zum Speicher des Hexenhauses. Eddy trippelte ihr nach.

Der Dachboden bestand aus einem Raum mit den Umrissen des gesamten Hauses. Das reetgedeckte war mit den Jahren löchrig geworden und ließ das Licht einiger Sterne hindurch.

Auf einem Strohballen lag eine alte, dünne, knöchrige Frau.

„Das ist sie nicht.", sagte Eddy sofort.

„Das muss sie sein. Sonst ist hier niemand.", sagte Susanne verwirrt.

„Sie kann es nicht sein. Ihrr Herrz schlägt nicht. Sie ist tot.", erklärte der Vampir.

Susanne trat an die Frau heran und entdeckte ein Stückchen Pappe in ihren Händen. Sie las: ICH BINNE NICH TOT

„Das ist eindeutig.", sagte Susanne, „Außerdem: Wenn sie tot wäre, wüsste ich es!".

„Tot ist vielleicht das falsche Worrt.", verteidigte sich Eddy, „Sie ist jedenfalls nicht da drrin.".

„Wo drin soll sie denn sonst sein?".

„Hierr schlägt irrgendwo ein Herrz.", Eddy horchte und fand einen kleinen Punkt Leben in der Dachkammer. Er deutete darauf und erst jetzt bemerkte auch Susanne den kleinen Waldkauz auf einer Dachlatte sitzen.

„Da soll sie drin sein?", fragte sie ungläubig.

„Sie ist eine Hexe. Es würrde mich nicht wunderrn, wenn sie sich in eine Schlammpfütze verwandeln könnte.".

„Dann also der Vogel. Na schön!", Susanne griff Eddy am Ärmel und trat einen Schritt vor.