Vielen Dank für die netten Kommentare, Lena5972 und Mortianna´s Morgana! Schön das ihr noch mitlest, auch wenns bei mir mit den neuen Kapiteln in letzter Zeit ein bisal dauert.
Weihnachten und Sylvester waren toll, auch wenn ich wie jedes Jahr viel zu viel gegessen habe. ;-)
Liebe Grüße Gaby
35 Alles braucht Zeit
Hermione erstarrte mitten in der Bewegung. Sie klang anders. Hatte etwas raues Ungeschultes an sich, fast so als wäre sie eingerostet. Ihr fehlte die Farbe, das Volumen. Die Bandbreite des Sektrums, zu dem nur er fähig war und doch war es unverkennbar seine Stimme. Nervös leckte sie sich über die Lippen. Was sollte sie jetzt tun? Gehen? Nein, das war keine gute Idee. Nicht jetzt.
„Wie … seit wann …" Hermione brach ab und probierte es erneut einen vernünftigen, ganzen Satz über die Lippen zu bringen. Sie schloss die Augen und konzentrierte sich.
„Sie haben ihre Stimme wieder?" Das Klang zwar auch noch nicht viel besser, ging aber ansatzweise als ganzer Satz durch.
Severus öffnete den Mund mit dem vagen Versuch ihr zu antworten, doch seine Stimme gehorchte ihm nicht mehr. Kein Krächzen, kein Stöhnen, nichts was man auch nur im Entferntesten als Laut definieren konnte, brachte er zustande.
„Wir sollten vielleicht Poppy hinzuziehen?", schlug Harry leise vor.
Severus und Hermione musterten ihn mit Erstaunen. Warum waren sie selber nicht darauf gekommen? Schweigend machten sie sich auf den Weg zur Krankenstation. Hermione eilte an Severus Seite. Im Moment dachte keiner von ihnen an ihr Gespräch, das vor gerade mal ein paar Minuten stattgefunden hatte. Beide waren damit beschäftigt über das Wunder, dass sie gerade erlebt hatten, nachzudenken.
Sowie im ganzen Schloss war auch auf der Krankenstation ruhe eingekehrt. Es befanden sich zurzeit nur wenige Patienten im Krankenflügel. Ein verunglückter Zauber bei Verwandlung, ein Junge hatte versucht sich Alkohol zu brauen und sich dabei selber fast vergiftet und ein Mädchen war vom Besen gefallen. Sie pochten an Madam Pomfreys Tür und nach der Länge der Zeit, die sie brauchte, um die Tür zu öffnen und ihrem verschlafenen Zustand zu schließen, hatten sie scheinbar mitten aus dem Bett geholt.
„Was gibt es?", fragte sie laut gähnend, ohne die Drei richtig wahrzunehmen.
„Er hat ein Wort gesagt!", trumpfte Harry auf.
„Das ist ja schön. Nicht das nicht schon den ganzen lieben Tag lang unnützes Zeug geplappert wird, passiert das auch schon mitten in der Nacht. Wenn es sonst weiter nichts gibt, gehe ich wieder ins Bett und ich rate Ihnen wecken Sie mich nur mehr in dringenden Fällen." Leicht erbost knallte sie ihnen vor der Nase die Tür zu.
Verdutzt sahen sie sich eine Minute lang an. Was sollten sie jetzt tun? Morgen wiederkommen? Bevor sie noch zu einer Entscheidung kommen konnten, wurde die Tür wieder aufgerissen.
„Du hast ein Wort gesagt?" Erstaunt musterte sie Severus als würde sie ihn heute zum ersten Mal sehen. Schweigend nickte er.
„Was hast du gesagt? Einen Zauberspruch? Eine Formel? Zutaten? Was war es?", verlangte sie wissbegierig zu wissen. Severus schüttelte verneinend seinen Kopf. Nichts davon hatte er gesagt.
„Er hat … er hat meinen Namen gesagt", warf Hermione fast unhörbar ein.
„Deinen Namen? So!" Verständnislos blickte sie Hermione an, dann wandte sie sich ab und ging mit den Dreien auf die Krankenstation.
Dabei murmelte sie beständig: „Merkwürdig, aber warum nicht? Eigentlich unmöglich. Tja!" vor sich hin. Sie zwang Severus sich auf ein Krankenbett zu legen, warf Harry und Hermione raus und begann ihn gründlich zu untersuchen.
*
Hermione lehnte sich an die Wand direkt gegenüber von der Tür. Sollte Poppy oder Severus herauskommen, wollte sie gleich zur Stelle sein. Harry schritt, die Arme vor der Brust verschränkt, nachdenklich auf und ab. Dabei runzelte er die Stirn und man konnte beinahe sehen, wie es dahinter arbeitete.
„Was war eigentlich los, bevor ich kam?", fragte er plötzlich und blieb dabei direkt vor Hermione stehen. Hermiones Augen weiteten sich kurz vor Überraschung. Diese Frage hatte sie eiskalt erwischt. Wie kam er nur darauf? Hatte sie sich irgendwie verraten? Nein, er riet bestimmt nur ins Blaue hinein.
„Nichts!", erwiderte sie schroff. Sie senkte ihren Kopf um ihn nicht länger ansehen zu müssen. Er wusste einfach immer, wenn sie lügt, nur diesmal wolle sie es um jeden Preis verhindern. Unschlüssig stand er vor ihr und sah auf sie herab. Dieses Nichts hörte sich nach verdammt mehr an als, nach nichts.
„Ich nehme an Du willst nicht darüber reden?" Unschlüssig zuckte Hermione mit den Schultern.
„Wenn du es so nennen willst." Harry nahm seine Wanderung wieder auf und marschierte auf und ab, was Hermione schön langsam wahnsinnig machte.
„Kannst du damit aufhören?", verlangte sie genervt.
„Was ist dein Problem?", kam es von Harry zurück.
„Ich wollte, dass er mich von dieser Bürde befreit und sie dir übergibt. Du … du kannst so was viel besser als ich", gestand sie zögernd.
„Wie kommst du darauf? Du bist doch die Schlauere von uns. Wenn wer seine Erinnerungen versteht, dann bist du es.", berichtigte Harry sie.
„Nein bin ich nicht. Es ist alles so düster und voller Leid. Schon seine Kindheit und danach …" Hermione brach ab.
Sie hatte kein Recht das zu erzählen. Das war Severus Snapes Leben, das er bisher mit seinem Leben geschützt hatte. Niemand wusste etwas Genaueres über ihn und dafürkonnte es eigentlich nur einen Grund geben. Er wollte es so.
„Was meinst du eigentlich mit so was? Meinst du ich, komme, weil ich selber schon vieles erlebt habe, mit schlechten und grausamen Erinnerungen besser zurecht?" Harry klang verletzt.
„Nein, so war das nicht gemeint. Du findest immer eine Lösung für alles und scheinst die Zusammenhänge besser zu verstehen", klärte sie ihn auf.
„Ich? Nein, das täuscht. Im Grunde habe ich meist genauso wenig Ahnung wie alle anderen. Ich probier einfach was aus und manchmal habe ich eben Glück." Harry zuckte mit den Achseln. Hermione wusste nicht sollte sie über diese Antwort geschockt sein oder darüber lachen. Sie war so typisch für Harry.
Bevor sie noch etwas dazu sagen konnte, erschien Poppy in der Tür und sah sie ernst an.
„Es erstaunt mich … seid ihr euch sicher, dass er etwas gesagt hat? Ihr habt euch das doch nicht nur eingebildet, oder wollt mir einen Streich spielen?", fragend blickte sie die beiden an, die verneinend den Kopf schüttelten.
„Ich habe ihm einen Arum Viola Rubusmacultum-Trank verabreicht. Das sollte, falls möglich, die Heilung beschleunigen, aber ich habe da ehrlich gesagt, wenig Hoffnung. Seine Stimmbänder wirken unverändert – wie sollte es da möglich sein, dass er auch nur ein Wort zustande bringt? Ich weiß es nicht." Poppy zuckte mit den Achseln und seufzte.
„Wie auch immer ich werde ihn über Nacht hier behalten und sehen ob, und wie sich sein Zustand verändert", meinte sie noch abschließend und verschwand wieder auf ihrer Krankenstation.
Harry und Hermione sahen sich einen Moment lang betroffen an. Hatten sie sich Severus Stimme tatsächlich nur eingebildet? Aber warum hatten sie dann die gleiche Halluzination? Harry schüttelte den Kopf. Nein, er hatte gehört, was er gehört hatte!
*
Er lag wach in den Kissen. Sein Hals brannte von dem Trank und kribbelte merkwürdig. Hieß das seine Stimmebänder heilten? Er würde schon bald wieder sprechen können? Warum brachte er nicht mehr als ein Wort zustande? Unruhig wälzte er sich hin und her. Vom Fenster fiel ein fahles Licht in den Raum. Der Mond war aufgegangen und tauchte alles in ein gespenstisches Licht. Erzeugte unheimliche Schatten, die beinahe lauernd wirkten und Albträumen zum Leben erweckte. Dunkle Schatten.
Er erinnerte sich an Gestalten in langen schwarzen Kutten, das Gesicht unter der Kapuze verborgen. Er mochte sie nicht. Sie jagten im Schauer über den Rücken. Seufzend erhob er sich und trat dicht an das Fenster heran. Hermione hatte heute Abend eine Menge gesagt, aber irgendwie nicht zu ihm. Ob sie den Verstand verloren hatte? Den Eindruck machte sie eigentlich nicht auf ihn, eher das Gegenteil. Er hatte das Gefühl, das sie genau wusste, was sie sagte, bis sie erkannte, zu wem sie es sagte.
Noch so ein Rätsel, dem er auf die Spur kommen wollte. Wer sah so aus wie er, konnte sprechen und war doch nicht er? Poppy hatte ihn dazu verdonnert auf der Krankenstation die Nacht verbringen zu müssen, aber wozu? Liegen und sich erholen konnte er auch in seinen Räumen. Genau! Unten im Kerker waren seine Räume. Er fühlte es, er wusste es wieder. Nicht klar. Nicht mit dieser Selbstverständlichkeit, die er haben müsste, wenn er sich an alles erinnern könnte. Es war nur ein Gefühl.
Aber dennoch stark genug ihn dazu zu bringen die Krankenstation, ohne Poppys Wissen zu verlassen, um in seine Räume zurückzukehren. Er begab sich nicht zu Bett. Schlafen konnte er sowieso nicht. Er machte einen Rundgang durch seine Räume. Betrachtete sie genau, so als sähe er sie zum ersten Mal. In gewisser Weise tat er es auch. Er sah sie nicht mehr mit den Augen eines Fremden, der hier unerlaubt eingedrungen war. Er sah sie wie ein Mensch, der endlich heimgekehrt war. Hier hatte er die letzten beinahe zwanzig Jahre gelebt und gewirkt. Was er alles getan hatte, das galt es noch zu ergründen. Hermione glaubte, dass es nicht gut für ihn wäre, sich an alles zu erinnern. Hermione.
Was hatte sie nur an sich, dass sie ihm für einen Augenblick die Stimme zurückgab? Sie war so kompliziert, so schwierig und so freundlich. Sie war da. Aber nun wollte sie es nicht mehr sein. Ein leiser Schmerz schlich sich durch seinen Körper. Er würde sie gehen lassen müssen. Er würde sie vermissen. Achtlos zog er Bücher aus dem Regal und schob sie ohne sie genauer zu betrachten wieder zurück. Frauen hatten ihn in seinem Leben nie groß interessiert. Woher wusste er das?
Er wusste es einfach, weil es so war. Er nahm gedankenverloren seinen Zauberstab in die Hand und schaffte ohne weiter darüber nachzudenken Ordnung in dem Raum. Die Art von Ordnung wie er sie früher, bevor er verletzt wurde gehabt hatte.
Lily hatte ihn verletzt. Schwer verletzt. Er wäre über ihren Verlust beinahe zugrunde gegangen. Schmerzhaft griff er sich an die Brust. Er erinnerte sich an ein langes dunkles Tal auf dessen Pfaden er viele Jahre gewandelt war. Der Tod schien ihm dabei sein freundlichster Begleiter, aber niemals nahm er ihn mit sich. Niemals holte er ihn.
Sie kamen wieder zurück. Sie mochten noch von Schleiern verhüllte Bilder sein, kaum fassbare Nebelfelder, die im Trüben auftauchten. Sie mochten auf den ersten Blick keinen Sinn ergeben, aber das würden sie. Er begann sie wieder zu erinnern. Zufrieden betrachtete er sein Werk. Selbst die Magie beherrschte er unbewusst noch immer.
*
Wie lähmend Unterricht sein konnte, selbst für Schüler, die es liebten zu lernen, wenn sie eigentlich ganz woanders sein wollten. Hermione dachte unentwegt an Severus. Wie es ihm wohl ging? Ob er seine Stimme wiedergefunden hatte? Sie wünschte sich wirklich, dass er wieder sprechen konnte. Es würde für ihn alles leichter machen. Zu sagen was man sich wünscht ist immer leichter, als es umständlich die Worte mit dem Zauberstab in der Luft formen zu müssen.
Sie schielte in Rons Richtung. Er hatte beschlossen, mit ihr und Harry vorerst kein Wort mehr zu reden. Er war nicht gezwungen zu schweigen und tat es trotzdem. Was ihn dazu bewegte, verstand sie immer noch nicht ganz. Sie konnte nur vermuten, dass es mit seinem Bruder zusammenhing. Sie hatte keine Geschwister. Sie war ein Einzelkind. Aber wie würde sie reagieren, wenn sie einen Bruder hätte und ihn in diesem schrecklichen Krieg verloren hätte?
Würde sie es nicht auch als große Ungerechtigkeit empfinden, wenn jemand den man nicht leiden konnte, ja sogar von ganzem Herzen verabscheute, überlebte, während der Mensch, den man von Herzen liebte, tot war?
„Er braucht einfach Zeit, um darüber hinwegzukommen. Für uns alle ist es nicht leicht. Mum weint ständig. Sie vermisst ihn so sehr. Wir alle tun das. Es ist eine Lücke, die sich einfach nicht schließen will. Nicht kann.", versuchte Ginny das Verhalten ihres Bruder zu erklären.
Auf der Suche nach jemanden dem er die Schuld für dieses Unrecht geben konnte, fiel die Wahl natürlich auf Severus. Über die Jahre hinweg hatten sie alle sich ein Feindbild von ihm aufgebaut, was, wenn man ihn kannte, nicht weiter schwierig war. Doch jetzt war alles anders. Er war anders. Er war kein alles verachtender Menschenfeind mehr. Er war mehr. Er hörte zu.
Gut er konnte nicht sprechen. Nicht widersprechen, wie er es früher so gerne tat. Er ließ andere Meinungen gelten. Vielleicht auch, weil er seine Eigenen nicht mehr vehement verteidigen konnte. Nein er hatte sich verändert und eines Tages würde Ron das auch erkennen.
Es brauchte eben Zeit. Alles brauchte Zeit. Hemione sah auf die Uhr. Scheinbar kroch sie heute schleppend, oder wie sonst war es möglich, dass erst fünf Minuten vergangen waren, seit sie zuletzt darauf gesehen hatte?
