»Warum willst du mir nicht sagen, wo deine Komplizen sind. Du könntest dir die weiteren Schmerzen sparen.« Wieder lässt Montinguez einige Tropfen der Säure auf Tibors Haut tröpfeln. Es brennt wie heißes Eisen, aber der Agent verzieht keine Miene. Zumindest versucht er es. Man hat ihn sein Jackett abgenommen, und die kleinen Tropfen fressen sie durch den dünnen Stoff seines T-Shirts. »Du hasst mich jetzt, oder? Aber glaube mir: Es macht mir genauso wenig Spaß wie dir.«
Tibor weiß, dass das gelogen ist, aber es lässt ihn kalt. Sein Ausbilder versucht immer noch, ihn auf seine Seite zu ziehen. »Warum glaubst du, dass WIR die bösen sind, Tibor. Wir tun nur das, was nötig ist, um die Ordnung wahren zu können. Und du stellst dich einfach gegen uns.«
»Für euren Plan von Ordnung tötet ihr Unschuldige. Glaubst du ich weiß nicht, dass ihr laufend Leute tötet, die euch im Weg stehen? Glaubst du wirklich ich weiß nicht, dass es deine Leute waren, die damals das Mädchen töten sollten?« Das war ein winziger Ausrutscher Tibors, aber Montinguez rächt sich gleich mit weiteren Tropfen der Säure. »Der Tod des Mädchens war nur ein geringes Opfer für das, was wir geplant haben. Die Welt ist ein grausamer Ort, aber wir können es ändern.«
Tibor lacht. »Wie willst du sie ändern? Indem du weiter die Bosse der Nachrichtendienste erpresst? Oder Politiker? Eine wirklich tolle Welt.«
»Es ist alles nur Mittel zum Zweck. Und jetzt verrate mir wer deine Komplizen sind, oder...«
Weiter kommt Montinguez nicht, denn selbst unten im Keller ist der schrille Alarm zu hören.
Sind Delilah und Julius etwa…? Montinguez lacht, als er den Anflug von Panik in den Augen seines Opfers sieht.
»Jetzt ist es doch vorbei, Tibor. Bist du dir sicher, nicht mehr für mich arbeiten zu wollen? Ich könnte dir jeden deiner Fehler verzeihen, und eventuell lass ich deine Freunde sogar am Leben.«
Doch Tibor ist nicht bereit, zu sprechen.
»Wie du willst. In wenigen Augenblicken werden meine Männer deine Freunde durch diese Tür schleifen und du wirst dabei sein, wie sie getötet werden. Möchtest du wieder für den Tod von jemandem verantwortlich sein?« Wieder schweigt Tibor, fest entschlossen, niemanden zu verraten. Einige Minuten bleibt es völlig still im Keller, aber Montinguez wird zunehmend unruhiger.
Seine Männer hätten schon längst mit den Gefangenen hier sein müssen, aber nichts geschieht. Er schreit dem Mann mit den Baseballschläger, der immer noch draußen wartet, etwas zu, dann wendet er sich wieder zu Tibor.
»Ich weiß zwar nicht was da draußen los ist, aber ich bin mir sicher dass ich es gleich erfahren werde. Die Frage ist nur, was mache ich mit dir? Ich kann dich doch nicht einfach hängen lassen, oder?« Wieder greift er nach seiner Flasche, diesmal hält er sie Tibor direkt unter das Kinn. Ein starker, säuerlicher Geruch steigt seine Nase empor und wilde Panik macht sich in den gefesselten Agenten breit. Immer mehr nähert sich das Fläschchen Tibors Mund, während Montinguez grausam lächelt.
Er zieht mit der einen Hand Tibors Kopf in den Nacken, sodass er dazu gezwungen ist, die Säure zu trinken.
Montinguez genießt seine Grausamkeit so sehr, dass er seinen eigenen Fehler zu spät bemerkt. Er steht direkt vor seinem Opfer, dicht genug für Tibors Beine, die nicht gefesselt sind. Mit einem Sprung hängt er sich an die Kette und schafft es, mit seinem rechten Fuß direkt unter Montinguez Kinn zu treten. Er lässt erschrocken das Fläschchen fallen, und der gesamte Inhalt läuft dicht an seinem Hals Tibors Schulter herunter. Seine gesamte linke Körperhälfte scheint in Flammen zu stehen und der Agent schreit auf, als selbst er nicht mehr die Schmerzen ertragen kann.
Montinguez scheint den Verlust seiner Flasche zu bedauern, aber lächelt wieder, als er Tibors schmerzverzehrtes Gesicht sieht. »Du hast dein Ende noch schmerzvoller gestaltet als sowieso schon. Ich kümmere mich gleich um dich, jetzt sind deine Freunde dran.«
Mit diesen Worten stürmt er aus dem Keller, aber Tibor achtet gar nicht darauf. Er versucht weiterhin, sich nicht vom Schmerz überwältigen zu lassen, aber er verliert ständig die Konzentration. Panik ist jetzt das letzte, was er jetzt gebrauchen kann. Er muss klar denken können, ob es ihn gefällt oder nicht.
Was weiß er?
Jemand ist in die Falle getreten. Dieser jemand ist vermutlich Delilah oder Julius. Jemanden vom Projekt zu entkommen ist beinahe unmöglich. Sein Bruder hat ihn des Öfteren überrascht.
Und: Wenn er nicht bald hier raus kommt frisst sich die Säure noch durch seine Halsschlagader.
Die Tür wird aufgestoßen. Ist Montinguez etwa schon wieder zurück? Für einen Moment vergisst Tibor seine Schmerzen, als er die Neuankömmlinge sieht.
»Delilah, Julius! Wie habt ihr mich gefunden?«
»Das war gar nicht mal so einfach nach deiner Aktion im Büro. Was sollte das?« Julius ist ziemlich wütend, dann sieht er aber den schrecklichen Zustand, in den sich sein Bruder befindet: T-Shirt und Hose wurden zerfetzt, sein gesamter Körper scheint von kleinen, aber gewiss schmerzhaften Verätzungen übersäht zu sein. Am meisten schockt Julius aber die Schulter, auf der die oberste Hautschicht zu fehlen scheint.
»Wow, was ist denn mit dir passiert?!« Ein starker Geruch von Säure steigt in seiner Nase auf, als er sich seinen Bruder genauer anschaut.
»Ich erkläre es euch später, falls wir dann noch leben heißt das. Montinguez hat den Schlüssel mitgenommen, ihr müsst das Schloss irgendwie anders knacken.« Ohne zu zögern macht sich Julius an die Arbeit, bedacht, die Wunden so wenig wie möglich zu berühren. Er vermeidet es sowieso, sich die schmerzhaften Verletzungen genauer anzusehen. »Sag mal, wer ist eigentlich die scharfe Schwarzhaarige, die hier rumläuft?«
»Na vielen Dank für die Blumen Julius, zur Erinnerung: Ich bin auch da.« Delilah schaut ihren Partner wütend an, der sich sofort entschuldigen möchte. »Du weißt doch, dass ich nichts von scharfen Frauen will, ich möchte mit dir… Ok ich merk es selber, das war blöd.«
»Könntet ihr freundlicher Weise aufhören euch wie ein altes Ehepaar zu streiten und mich hier runter holen? Es ist nicht so gemütlich wie es aussieht!« Keiner der anderen bezweifelt, dass sogar Tibor Schmerzen haben muss. Angespannt versucht Julius, mit seinem Dietrich das Schloss zu knacken, aber es dauert einen Augenblick, bis sich mit einem vertrauten Klick die Fesseln öffnen.
Tibor sackt vor Schmerzen zusammen, als seine Arme unkontrolliert nach unten fallen. Er weiß nicht genau, wie lange er an der Kette hing, aber jetzt spürt er erst das volle Ausmaß seiner Verletzungen.
Delilah und Julius eilen zu ihm, um ihn zu stützen, Tibor lehnt ihre Hilfe jedoch ab.
»Wir müssen hier unbedingt raus, bevor Montinguez seine Leute auf uns hetzt. Die Tunnelsysteme vom Projekt haben immer einen oder mehrere Ausgänge außerhalb des Geländes. Wenn wir Glück haben finden wir sie, bevor wir eine Kugel im Kopf haben. Folgt mir.« Sein Gang ist immer noch wackelig, trotzdem haben Delilah und Julius Probleme, Tibor folgen zu können. Ohne sich umzusehen führt er sie durch das komplexe Labyrinth, indem sich jeder andere drin verlaufen hätte.
Hin und wieder glauben sie, die entfernten Rufe ihrer Verfolger zu hören, aber Tibor kennt immer eine Möglichkeit, ihnen auszuweichen. Zu seinem Glück sind die unterirdischen Gänge jeder Ausbildungsstätte gleich aufgebaut, und so finden sie ziemlich schnell den langersehnten Ausgang. Tibors Wagen steht nur ein wenig abseits, und nach dem er sich versichert hat, dass niemand ihnen folgen konnte, reicht er Julius die Schlüssel.
»Du willst dass ich fahre? Was hat man dir angetan?« Er ist ziemlich verblüfft, dass Tibor ihm die Schlüssel seines heißgeliebten Autos überlässt, aber er lächelt seinen jüngeren Bruder nur müde an. Ohne Zweifel: Er hat sehr große Schmerzen. Sie steigen ein, und mit einem wahnsinnigen Tempo rast Julius auf die Straße.
»Du schuldest uns eine Antwort, Tibor: Warum warst du plötzlich verschwunden?«
Während er weiter mit Stoffresten seine Wunden notdürftig versorgt, antwortet er: »Ich habe geahnt, dass etwas nicht stimmt. Bevor sie uns alle drei erwischen, war es besser, dass sie glauben es wäre nur eine Aktion von mir gewesen. Und es hat ja anscheinend auch geklappt. Wie konntet ihr fliehen?«
»Wir haben eins und eins zusammengerechnet. Julius hat einen Lageplan gefunden und daher wussten wir, dass es viele geheime Tunnel und Gänge gibt. Es wurde jeweils dort eine geheime Tür eingezeichnet, wo die Fliesen sind, also führt von dort ein Weg in das Tunnelsystem. Wir haben uns gedacht, dass sie ihre Opfer mit einer Art Gas betäuben also haben wir Gasmasken aus dem Büro geklaut. Wir haben uns noch einen Kampf mit der schwarzhaarigen Tussi geleistet und sind dann auf die Fliese getreten. Den Rest kennst du ja.«
Tibor scheint beeindruckt von dem, was Delilah erzählt. »Gut gemacht. Ich hätte nie gedacht, dass ihr mich dort raus holt und vor allem: Dass ihr es auch schafft. Giulia in einem Kampf zu besiegen ist nicht gerade einfach.«
»DAS war Giulia?! Kein Wunder dass du sie nicht ausstehen kannst.« Julius kann nicht glauben, dass ausgerechnet diese Frau Tibor so viele Schwierigkeiten bereitet hat.
»Freu dich nicht zu früh, Julius. Sie hat euch eindeutig unterschätzt, den Fehler wird sie nicht ein zweites Mal machen. Und jetzt fahr ein wenig schneller, ich habe das Gefühl am lebendigen Leib zu verbrennen.«
