Eine lange Nacht

Schweigend führte uns der Soldat durch die weiten Gänge der Burg. Außerhalb der privaten Gemächer der Fürstenfamilie wandelte sich das Aussehen der Räume und Gänge zur eher nüchternen Sachlichkeit. Blumengebinde sah man nun seltener. Die Wände waren kaum zu sehen mit Gemälden und Gobelins, die von alten Zeiten berichteten. Wohin man blickte präsentierte sich das Haus Quintirios mit Stärke. Trotz der späten Stunde herrschte noch reges Treiben in der Burg. Bedienstete unterschiedlicher Rassen eilten durch die Gänge. Wachposten patrouillierten. Manche von ihnen musterten uns kurz mit einer Mischung aus Misstrauen und Furcht. Einer von ihnen sprach unseren Begleiter barsch an. Dieser antwortete ihm scharf. Leider verstand ich nichts, da sie sich ihrer Sprache bedienten. Doch auf dem Gesicht des einen breitete sich Unglauben und Freude aus. Ich folgerte, dass unser Begleiter ihm von der Rettung Tameras erzählt hatte. Die Nachricht würde sich nun wie ein Lauffeuer in der Burg verbreiten. Kurze Zeit später erreichten wir unser Quartier.

Der Mann öffnete eine schlichte dunkle Holztür und ließ uns eintreten. Dahinter lag ein geräumiges Zimmer mit großen Fenstern, die einen hervorragenden Blick in den Burghof gestatteten. Auf der anderen Seite des Hofes mussten sich die Privatgemächer Talerons befinden. Keiner der dunkelroten Samtvorhänge war vorgezogen. Eine Magd in dunkelblauem Gewand mit ebensolchem Kopftuch hatte begonnen die filigran durchbrochenen Läden zu schließen. Der Nachtwind ließ die dicken Kerzen in den großen Kerzenleuchtern flackern. An der einen Seite des Gemachs stand ein Vierpfoster mit hohem Himmel, an dem die schweren Samtvorhänge zur Seite gebunden waren. Sie gaben den Blick frei auf ein mit dunkelroter Decke verhülltes Bett. Daneben stand eine hölzerne Truhe mit flachem Deckel. An der anderen Wand standen zwei Stühle aus poliertem Holz, welches wie dunkler Honig schimmerte. Mitten im Raum befand sich ein Tisch mit schön geschnitzten Beinen. Auf dessen Platte lagen unsere Waffen sorgfältig ausgebreitet. Eine kurze Überprüfung zeigte, dass nichts fehlte. Nicht ein einziger Pfeil.

Mit einem kurzen Kopfnicken verließ uns die Wache. Nur die Magd war noch anwesend. "Wie ist dein Name", fragte Anordil sie in dem Westron-Dialekt. "Jarna, Herr", erwiderte sie leise. "Lasse die Läden offen, Jarna", befahl Anordil ihr, "meine Gemahlin quält der Hunger. Bringe uns etwas zu Essen." Die Magd verbeugte sich. Sie war mittleren Alters, vermutete ich, und keine Adena, sondern eine Pel, wie die olivfarbene Haute und die Tätowierungen an ihren Schläfen verrieten. "Ja, Herr", murmelte sie und verschwand zur Tür hinaus. War sie eine Sklavin? Aber ihr fehlte der Sklavenring. Wenn ich die letzten Stunden überdachte, so musste ich sagen, dass ich in der ganzen Burg keinen Sklaven gesehen hatte. Obwohl dies hier im Süden gängige Praxis war.

"Ruhe dich aus, anor nîn", sagte Anordil zu mir, "der Aufruhr steht kurz bevor. Taleron ahnt nicht, dass ein Umsturz im Gange ist." Überrascht zog ich eine Augenbraue hoch. "Tamera hat den Attentäter gesehen", fragte ich ihn mit gesenkter Stimme. Er nickte verhalten. "Das Haus Juvanar", bohrte ich weiter. Er schüttelte den Kopf. "Schlimmer", wisperte er, "das Wappen des eigenen Hauses."

Irritiert sah ich ihn an, während er unsere Waffen vom Tisch auf die Truhe räumte. "Taleron hat drei Brüder und eine Schwester", erklärte Anordil leise, "er ist der ältere und damit Thronfolger. Seine Geschwister sind entweder strategisch verheiratet worden – wie im Fall der Schwester – oder im Dienste Talerons als Gesandte oder Berater tätig. Taleron hat erst spät Kinder gezeugt. Damit hatte er die Hoffnung in den anderen geschürt, doch noch in der Nachfolge bedacht zu werden. Jeder von ihnen hat Söhne und Töchter, die dafür in Frage kamen. Doch einer von ihnen hat vier Söhne, die nach Macht streben. Tamera hat einen von ihnen erkannt." Der nächste Brocken an diesem Tag, den ich verdauen musste. Einige Sekunden verstrichen. "Bei Cernunnos Hörnern", stieß ich dann hervor, "da sind wir mitten in eine Familienfehde geraten." Leise murmelte ich einen gälischen Fluch vor mich her. "Deine impulsive Wortwahl ist äußerst erfrischend", lachte Anordil erheitert.

Düster sah ich ihn an. "Es ist eine Sache für einen Assassinen gehalten zu werden", konterte ich, "aber es ist eine andere Sache zwischen zwei Fronten zu geraten. – Wird Tamera es ihrem Vater berichten?" "Ich nehme an, dass sie es bereits tut", erwiderte Anordil gelassen, "wir müssen für die Nacht mit Angriffen rechnen. Die Neuigkeit von ihrer Genesung wird sich rasch verbreiten."

Aufseufzend inspizierte ich meine Waffen. Ich wollte nichts dem Zufall überlassen. Wenn Anordil Recht behielt, was er meistens tat, so würde die Nacht äußerst kurz werden. Die Überprüfung zeigte, dass keine beschädigt oder sonstwie beeinträchtigt war. Zufrieden legte ich sie in Reichweite. Anordil hatte in der Zwischenzeit sich ans Fenster begeben. Regungslos stand er dort. Seinen Blick auf die Sterne gerichtet.

Kurze Zeit später brachte uns Jarna ein Tablett mit Essen, dass sie auf dem Tisch abstellte. Aus einem der Tontöpfe dampfte es verführerisch. Ehrerbietig grüßte sie uns. "Mein Herr Taleron schickt euch dieses bescheidene Mahl", sagte sie leise, "er wird nachher selber nach euch sehen." Mein Magen knurrte bereits gewaltig. Begierig langte ich zu den Speisen hinüber. Aber Anordil hielt mich zurück. "Warte einen Augenblick", sagte er ruhig, "ich möchte erst ergründen, ob diese Speisen ohne Vorbehalt zu verzehren sind."

Das Stück Brot, welches ich mir bereits abgebrochen hatte legte ich wieder auf seinen Platz. Meine Nackenhaare hatten sich quer gestellt. "Gift", fragte ich auf Bethteur, von dem ich annahm, dass die Magd es wohl kaum beherrschte, "meinst du es ist vergiftet?" "Wir werden sicher gehen", antwortete er mir, "ich prüfe die Speisen und ich spüre die Aura der Magd." Nach einigen Sekunden der Anspannung zeigte er sich gelassen. Jarna hatte dem Ganzen zugesehen. Eine Aura von verhaltener Furcht umgab sie. Mit jeder Sekunde, die verstrich, ohne dass Anordil etwas sprach, wurde sie unruhiger. Unsicher, was sie nun tun sollte.

"Du kannst nun gehen, Jarna", sagte er schließlich zu ihr. Erleichtert eilte sie hinaus. Erst nachdem sie den Raum verlassen hatte, sprach er weiter. "Die Speisen sind genießbar", teilte er mir mit, "die Angst dieser Frau beruht nur darauf, dass ich ein Elb bin. – Eher gesagt, dass sie uns beide für Elben hält." Er lachte leise. "Es hätte genausogut anders sein können", erwiderte ich, "ich war zu leichtfertig, als ich das Brot brach. – Die Feinde Talerons hätten bereits zuschlagen können." "Hunger ist ein schlechter Ratgeber", entgegnete Anordil, "nun iss und sei unbesorgt."

Ich nahm mir jetzt doch noch die Zeit mir einen Stuhl heranzuziehen, bevor ich mich hungrig über das Tablett her machte. Anordil aß ebenfalls eine Kleinigkeit. Eher um mir Gesellschaft zu leisten, als dass er wirklich Nahrung benötigte. Seine Gedanken beschäftigten sich mit der politischen Intrige, die sich in dieser Burg abspielte. Zumal er als Elb auch nicht dermaßen vom Essen abhängig war. Ich hingegen schon. Schließlich blieb ich trotz des Quentchen Elbenblutes in mir immer noch ein Mensch. Regelmäßige Nahrungsaufnahme war deshalb für mich unabdingbar. Frisches Brot, ein Eintopf aus dicken Fleischstücken und paprikaähnlichem Gemüse, Wein und süße Pasteten stillten jedoch schnell meinen Hunger.

Wir waren kaum mit dem Mahl fertig, als es an der Türe klopfte. Auf Anordils Ruf kam Taleron herein. Er trug nun den leichten zweckmäßigen Waffenrock seiner Wache und an der rechten Seite ein Schwert. Offensichtlich war er Linkshänder. Ein Umstand, der ihn als Kämpfer unberechenbar machte. "Es tut mir leid, dass ich euch nicht mehr Gastfreundschaft angedeihen lassen kann", sagte er entschuldigend, "doch ich erwarte einen Angriff in den frühen Morgenstunden. - Tamera hat mir alles erzählt. Ich kann nicht begreifen, dass mein eigener Bruder Verrat an mir begeht." "Das Streben nach Macht ist äußerst menschlich", erwiderte Anordil, "und in manchen Menschen ist dieses Streben gewaltig ausgeprägt. Habgier, Neid und Missgunst sind dabei meist die Begleiter."

"Aber mein eigenes Blut", fragte Taleron erschüttert, "dies hatte ich nicht erwartet. Ausgerechnet Asaron. – Ich nannte sogar meinen jüngsten Sohn nach ihm, um ihn zu ehren. Er war mir mein Arm und mein Schwert. Bisher dachte ich, dass ich ihm blind vertrauen könne. – Was ist nur in ihn gefahren, dass er mir in den Rücken fällt?"

Anordil lehnte sich zurück. "Die Gier nach Macht kann einen ehrbaren Mann durchaus ins Wanken bringen", sagte er verständnisvoll, "manchmal bedarf es nur eines winzigen Anstoßes. – Vielleicht habt ihr ihn gegen euch aufgebracht. Oder er dachte, dass er der Geeignetere für die Thronfolge gewesen wäre."

Taleron sah ihn traurig an. "Es fällt mir schwer, die Hand gegen mein eigen Blut zu erheben", sprach er mit kratziger Stimme, "aber ich muss mit aller Härte durchgreifen, um das Haus Quintirios zu retten. Asaron wird bereits wissen, dass Tamera genesen ist und sein Tun verriet. Seine einzige Chance die Burg zu nehmen ist ein Angriff in den frühen Morgenstunden. Er wird in dem Glauben sein auf kaum Widerstand zu treffen, da ich viele meiner Truppen ausgeschickt hatte, nach den Mördern zu suchen. Doch mittlerweile sind etliche zurückgekehrt."

"Ihr solltet nicht mit einem überstürzten Angriff rechnen", gab Anordil zu Bedenken, "euer Bruder wird sich auch auf diesen Fall vorbereitet haben. Schließlich ist es ihm gelungen, euch lange zu täuschen. Und beinahe wäre sein Plan auch aufgegangen." Taleron blickte nachdenklich. "Ihr sprecht wahr", stimmte er zu, "Asaron war nie der Krieger, der blindlings vorwärts stürmte. Er überließ nichts dem Zufall. Daher hatte ich ihn zum Abgesandten im Rat der Alten gemacht."

"Ein weiterer Punkt", warf ich ein, "was ist mit dem Rat der Alten? Steht er hinter euch? War euer Bruder der einzige Gesandte oder wurde er begleitet? Hatte er einen Stellvertreter?" "Der Rat der Alten ist ein Problem für sich", gestand Taleron, "es ist wahrscheinlich, dass er hinter Asaron steht. Sonst hätte er seine Intrigen nicht so weiträumig schmieden können. – Und nein, er war nicht der einzige, der das Haus im Rat vertrat. An seiner Seite standen drei meiner Ratgeber. Einer davon war der Weise Rumarak Darbesios, sein Stellvertreter."

Unruhig wanderte ich zum Fenster. Draußen im Hof herrschte reges Treiben. Etliche Berittene strebten dem Burgtor zu. Zwei von ihnen blickten sich unruhig um. Ihre Reisemäntel flatterten im leichten Wind. Ich erkannte sie. Erst vor wenigen Stunden waren sie im Audienzsaal gewesen. "Zwei eurer Ratgeber verlassen die Burg", bemerkte ich, "sie sind scheinbar nervös. Ihr Gefolge ist relativ groß. Sie tragen Reisekleidung." Anordil merkte auf.

"Da habt ihr euren allerletzten Beweis", sagte er, "sie versuchen zu fliehen. Folglich wird der Angriff tatsächlich in dieser Nacht erfolgen." Taleron stand einen Moment ungläubig und starrte hinaus. Mit einem leisen Fluch in der Sprache der Adena rannte er hinaus. Laut rief er Befehle. Anordil folgte ihm.

Ich beschloss, das Ganze von hier zu beobachten. Gelassen nahm ich meinen Bogen und prüfte die Sehne. Dadurch das die Burg in Alarm versetzt worden war, ging es am Tor nur äußerst langsam voran. Die Ratsherren wurden zusehends nervöser. Einer drängte sein Pferd nach vorne und bellte dem Wachposten am Tor etwas entgegen. Dieser schüttelte bestimmend den Kopf. Wütend kehrte der Ratsherr an seine Platz zurück. Minuten verstrichen. Die Langsamkeit der Wachen bei der Abfertigung gaben Taleron die Zeit zum Reagieren.

Von der Seite näherten sich zahlreiche Wachen. Mit einem Male sahen sich die Ratsherren mit ihrem Gefolge von ihnen umringt. Drohend zogen die Wachen den Kreis enger. Eines der Pferde stieg wütend hoch und keilte aus. In dem darauffolgenden Tumult versuchten einige der Männer zu fliehen. Schwerter wurden gezogen. Ein Pfeil von mir stoppte einen ihnen kurz vor dem Tor. Ein anderer versuchte sich den Weg freizukämpfen. Er wurde jedoch rasch niedergerungen.

Anordil sah ich hinter Taleron den Hof betreten. Die Stimme des Hausherrn hallte laut durch den Burghof. Dann sah ich, wie die Männer entwaffnet und abgeführt wurden. Ruhig konnte ich meinen zweiten Pfeil in den Köcher stecken. Die unmittelbare Gefahr war gebahnt. Ich wandte mich den Resten des Mahles zu und nippte ein wenig von dem Wein. Müde streckte ich mich anschließend auf dem Bett aus. Ich verzichtete darauf mich zu entkleiden oder gar die Decke zurückzuschlagen. Viel Schlaf würde ich wahrscheinlich eh nicht bekommen.

Wenig später hörte ich leise die Türe. Sekunden später spürte ich Anordils Wärme neben mir. Ein wenig unwillig knurrte ich und blinzelte. "Es tut mir leid, wenn ich dich geweckt habe", sagte er leise, "ich wollte deinen Schlaf nicht stören." "Ich habe nicht richtig geschlafen", entgegnete ich, "nur ein bisschen geruht. Wer weiß, wann wir Schlaf bekommen in dieser Nacht." Anordil nickte mir zustimmend zu.

"Du hast Recht", erwiderte er, "diese Nacht wird reichlich kurz sein. - Wir müssen vorsichtig sein. Die Herren aus dem Rat der Alten sind zwar nun gefangen – Taleron ließ vorhin noch den dritten von ihnen in Gewahrsam nehmen - doch der Schwertkämpfer, der sie begleitete, kann weder der Assassine noch der Dolchwerfer von heute gewesen sein. Dafür war er nicht gut genug." "Das heißt, es läuft ein Assassine frei in der Burg herum", kommentierte ich, "jeder könnte es sein."

"Jeder, der in der Lage ist ein Schwert zu führen oder einen Bogen zu spannen", bestätigte Anordil, "sei es Mann oder Frau." Ich hatte mich auf ein paar ruhige Stunden gefreut. Aufseufzend setzte ich mich hin. Anordil hauchte mir einen sanften Kuss auf die Lippen, bevor er aufstand und zu unseren Waffen ging. Vorhin hatte er nur ein Schwert mitgenommen. Nun begann er sich aufzurüsten. Ich streckte meine müden Glieder und folgte seinem Beispiel. Die Nacht würde lang werden.

Und sie wurde es in der Tat. Wachen patrouillierten verstärkt durch die Gänge der Burg. Nachdem wir uns bewaffnet hatten, verließen wir unser Quartier. Taleron hatte uns zu sich in den Großen Saal gebeten. Von hier aus kontrollierte er alle Aktivitäten.

als wir am Nachmittag dort gestanden hatten, war der Saal bis auf die Menschen und ein paar Sitzgelegenheiten leer gewesen. Doch jetzt stand vor dem Thron ein großer Tisch mit dem Modell der Burg. Taleron beriet sich mit drei Kriegern seiner Wache, alle in die Uniform des Hauses Quintirios gewandet. Als wir kamen, sprachen sie in Adena. Kaum wurde Taleron unser ansichtig, wechselte er in den Westron-Dialekt.

"Ich bin froh, euch hier zu sehen", begrüßte er uns, "dies sind drei von sieben Führern meiner Wache – Fuminus Quaris, Radun Ermanios und Kechin Unduga. Die anderen sind bisher nicht wieder zurückgekehrt. – Und dies sind die Elben, die mir halfen, diese Intrige aufzudecken – Anordil Glordoronion und seine Gemahlin Arwen." Neugierig wurden wir gemustert. Ebenso neugierig betrachtete ich mir die drei.

Fuminus Quaris schien ein drahtiger kleiner Adena zu sein. Und mit klein meine ich das auch. Aber kräftig und wendig. Die Rüstung musste eine Sonderanfertigung sein, da er deutlich kürzer war, als der Durchschnitt der Rasse. Hatte er vielleicht einen Zwerg in der Ahnenreihe? Sein Haupthaar war dunkel und in den kohlrabenschwarzen Augen blitzte es draufgängerisch.

Neben ihm stand Radun Ermanios. Von der Gestalt her eher ein typischer Adena. Zwei tiefe Narben zogen sich über sein Gesicht. Sie gaben ihm das Aussehen eines verwegenen Piraten. Es fehlte eigentlich nur noch die Augenklappe und das Kopftuch. Unwillkürlich musste ich lächeln.

Der dritte war ein Sederi. Er stand auf der anderen Seite des Tisches. Seine kurzgeschorenen lockigen schwarzen Haare kringelten sich widerspenstig. Seine Wangen und die Stirn wurden von feinen narbigen Mustern gesäumt. Narbentätowierungen, die er vielleicht bei seiner Mannbarkeit bekam, fragte ich mich. An seinem Schwertgriff hing eine dicke Strähne Pferdehaar, welche kunstvoll zu einem Zopf geflochten war. Neben den Narbentätowierungen das einzige sichtbare Zeichen seiner Abstammung von den Sederi. Soweit ich wusste, waren die Sederi die Pferdeherren des Südens und damit vergleichbar mit den Rohirrim im Norden.

Stolz sah er uns entgegen. "Seid eingeladen an unserer Beratung teilzunehmen", sagte Kechin Unduga mit einer Stimme, die klang, als hätte er ein Reibeisen verschluckt und deutete auf die Miniatur, "augenblicklich legen wir die Schlachtordnung für den Fall des Angriffes fest, den wir in den Morgenstunden erwarten." Anordil trat hinzu und überblickte die Anordnung mit Sorgfalt. "Mir scheint, als hättet ihr dort oben noch eine Lücke", sagte er nach wenigen Sekunden, "wieviele Mann stehen zur Verfügung?" Anerkennend nickte Fuminus Quaris. "Leider ist nur ein Bruchteil der eigentlichen Streitmacht derzeit verfügbar", warf Radun Ermanios ein, "einige Kontingente sind noch nicht von der Suche zurückgekehrt."

Die drei verwickelten sich nun mit Anordil und Taleron in ein strategisches Gespräch. Aber Kampfstrategie war nie meine Stärke gewesen. Folglich ging ich zu den Fenstern des Saales. Im Hof herrschte trügerische Ruhe. Viele Fenster waren hell erleuchtet. Nur verhalten konnte man Geräusche hören. Von der Schmiede hallten laute Hammerschläge wider.

Meine Gedanken beschäftigten sich mit dem Attentäter. Wo mochte er sich hier aufhalten? "Arwen", Anordils fragende Stimme holte mich in die Gegenwart. Ich drehte mich zu ihm. "Man cenich – was siehst du", fragte er. "Nichts", entgegnete ich, "ich war in Gedanken. Der Assassine ist nicht gefasst. Was gedenkt Taleron zu tun?" "Die Burg wird abgesucht", warf Kechin Unduga ein, der näher getreten war, "meine besten Männer durchkämmen jeden Winkel."

Ich lächelte ihn an. "Nur nach wem", fragte ich ihn, "ihr wisst nicht, wer es war. Ob Mann oder Weib, keiner sah den Täter. – Taleron vermögt ihr vielleicht nun zu schützen, doch was ist mit seiner Tochter Tamera? Wer ist an ihrer Seite, dem ihr vertraut?" "Tamera ist in ihren Gemächern", warf Taleron ein, "ihre Zofen sind bei ihr und Krieger aus Undugas Kommando bewachen sie."

"Wenn dieser Assassine noch in der Burg ist", sprach Unduga mit seiner heiseren Stimme, "so werden wir ihn oder sie finden. – Aber vermutlich ist er bereits über alle Berge." Die Männer wandten sich ihrem Gespräch über die Verteidigungsstrategie wieder zu. Anordil bedachte mich mit einem fragenden Blick. Ich schüttelte verneinend mit dem Kopf. Wie hätte ich ihm mein Gefühl auch erklären können? Mit einem Kloß im Magen setzte ich mich auf die Bank vor dem Fenster.

Von hier aus konnte ich die drei übrigen Seiten der Burg gut beobachten. Hinter den meisten erhellten Fenstern sah man emsige Betriebsamkeit. Die Privatgemächer waren allerdings von meinem Aussichtspunkt aus nicht einsehbar. Einer Eingebung folgend stand ich abrupt auf. Mit raschem Schritt war ich an Anordils Seite.

"Wenn es mir gestattet ist, so werde ich nach Tamera sehen", unterbrach ich das angeregte Gespräch der Männer. Anordil zog zustimmend eine Augenbraue hoch. "Ich wüsste nichts, was dagegen spricht", sagte Taleron. "Ich werde sie begleiten", nickte Unduga, "meine Männer würden sie nicht durchlassen. – Außerdem sollten wir unsere Krieger bereitmachen und formieren. Danach ist immer noch Zeit für eine Kurzbesprechung." "Ihr habt durchaus Recht, Heermeister", stimmte Anordil zu, "bald wird der Morgen grauen. Dann müssen die Männer auf ihren Posten sein."

"So sei es", bekräftigte Taleron, "Radun, helft mir beim Anlegen der Rüstung. Wir wollen den Feind gebührend empfangen. Fuminus, gebt Befehl an die Krieger. In einer Stunde sollen alle aufgerüstet und bereit sein." Mit einem Kopfnicken entließ er uns.

Ich folgte Kechin Unduga. Anordil blieb im großen Saal. Nachdenklich beugte er sich über die Miniatur. Als ich mich zurückblickte, wanderte er langsam um diese herum. Er musterte sie von allen Seiten. Ich kannte seinen Gesichtsausdruck. Er suchte etwas. Eine Kleinigkeit, die wichtig sein mochte.

Meine Hand umschloss den Dolchgriff. Wohltuend spürte ich die Kälte, die davon ausging. Lautlos ging ich hinter Unduga her. Der Sederi verursachte trotz seiner Körpergröße kaum ein Geräusch. Nur seine Rüstung knarzte leise. Als wir uns dem Gemach Tameras näherten nahmen die beiden Wachen davor Haltung an.

Es waren nicht mehr die, die vorhin dort standen, sondern Sederikrieger. Auch sie trugen Narbentätowierungen ähnlich denen Undugas im Gesicht. An ihren Schwertgriffen befand sich ebenfalls Pferdehaar, nur war dieses nicht geflochten. Unduga sprach sie in ihrer Sprache an. Sie wechselten ein paar Worte miteinander. Ich verstand von alledem rein gar nichts. Für mich blieb es ein unverständliches Gemurmel. Von der Sprachmelodie her ähnelte es dem Kisuaheli oder Sudani oder ähnlichen afrikanischen Sprachen. Es machte keinen Unterschied.

"Alles ruhig", sagte Unduga zu mir im Westron-Dialekt, "niemand hat die Gemächer betreten und nur Sorelana hat sie vor einigen Minuten verlassen." Sie öffneten die Tür, damit wir eintreten konnten. Das erste Gemach sah noch genauso aus, wie ich es vorhin gesehen hatte. Nur eine einsame Kerze brannte in dem Leuchter am Fenster. Die Vorhänge waren weit offen. Von nebenan fiel nur wenig Licht in das Zimmer. Und kein Laut. Nicht einmal die leise vorlesende Stimme Marlanis. Zu ruhig war es. Unwillkürlich hielt ich den Atem an. Vorsichtig schlich ich vorwärts. Meine Hand fand blind den Schwertgriff. Unduga sah mich fragend an. "Ich weiß nicht", flüsterte ich sehr leise, "es stimmt etwas nicht."

Rasch zog er sein Schwert. Mit einem metallischen Zischen verließ es die Scheide. Lautlos hatte ich dagegen eines meiner Schwerter gezogen. Nach allen Seiten lauernd näherten wir uns der Türe des Schlafgemaches. Dämmeriges Licht fiel durch einen schmalen Spalt. Leise quietschend schwang die Türe nach innen auf. Auch hier brannte nur eine Kerze in dem Kerzenleuchter am Fenster und beleuchtete schwach Marlanis Rücken. Sie schien schlafend auf Tameras Bett gesunken zu sein. Jedenfalls ruhte ihr Oberkörper halb auf dem Laken. Das Buch war ihren Händen entglitten. Aufgeschlagen lag es auf dem Boden. Tamera war nicht zu sehen. Die Vorhänge waren zugezogen und man hatte nur eine kleine Lücke gelassen, dort, wo Marlanis Stuhl stand. Ein Bild des Friedens.

Unduga entspannte sich leicht. Er ging zum Fenster und blickte hinaus. Nachtwind wehte kühl herein. Es fröstelte mich ein wenig. Unruhig sah ich mich in dem Gemach um. Ich vermochte nicht zu sagen was, doch es störte mich etwas. In dem Geruch nach Kräutern und Krankheit hatte sich eine weitere Duftnote gemischt. Kaum wahrnehmbar zwar, aber doch vorhanden.

Und da war noch etwas anderes. Ein Geräusch. Ein leises Tropfen. Platsch – platsch - platsch. Auch Unduga hatte es gehört, denn er sah sich nun wieder angespannt um. Seine Hand packte den Schwertgriff stärker. Meine Augen wanderten umher. Ich versuchte die Quelle des Geräusches zu finden. Der Geruch ließ mich ebenfalls nicht mehr los.

Ich stand beinahe neben Marlani, als ich ein erneutes Platsch hörte. Nun lauter. Mein Herz krampfte sich zusammen. Ich ahnte, was dieses Geräusch verursachte. Langsam sah ich zu Boden. Zu Marlanis Füßen hatte sich eine dunkle Lache gebildet. Nun war mir klar, was für einen Geruch ich wahrnahm. Mit der Schwertspitze hob ich ihren Rock an. "Bei den Valar", rief Unduga heiser, "Blut!"

Sein Aufschrei ließ mich zusammenfahren. Ohne es zu wollen, stieß ich Marlani leicht an. Mit einem Aufseufzen fiel sie zu Boden und riss die Decke mit sich, die sie krampfhaft festhielt. Mit einem Mal entspannten sich ihre Muskeln. Der Gestank von Kot und Urin mischte sich augenblicklich mit den übrigen Gerüchen.

Mit einem gewaltigen Satz war Unduga neben das Bett gesprungen. Heftig riss er die Vorhänge zur Seite. In den blutgetränkten Kissen lag Tamera. Ihre gebrochenen Augen ungläubig aufgerissen. Auch sie war mit ihren Körperflüssigkeiten besudelt. Undugas Aufschrei glich dem Brüllen eines verletzten Tigers. Er stürmte an mir vorbei in das vorherige Zimmer. Ich hörte, wie er die Gemächer verließ und laut Befehle brüllte. Abwechselnd in der Sprache der Adena und der Sederi.

"Es tut mir leid", flüsterte ich, als ich an das Bett trat, "wir konnten dich nicht schützen." Sanft schloss ich Tameras Augen. Ich nahm die Decke vom Boden. Es kostete mich Kraft, sie aus Marlanis im Tode zusammen gekrampften Fingern zu lösen. Doch ich konnte Tameras Leib bedecken, bevor andere das Zimmer betraten. Anordil war der erste, den ich wahrnahm. Stumm trat er neben mich. Taleron brach an Tameras Bett zusammen und weinte hemmungslos.

"Die junge Zofe, die bei Tamera Wache hielt", flüsterte ich zu Anordil, "sie war die Assassinin. Sie müssen wir suchen." Eilige Schritte kamen näher. Ein schwer atmender Unduga betrat das Gemach. "Herr, es tut mir leid", brach es aus ihm heraus, während er vor Taleron das Knie beugte, "Sorelana hat die Burg verlassen. Die Wachen am Osttor sind tot." Doch Taleron nahm ihn nicht wahr. Seine Finger strichen über Tameras blutleeres Gesicht.

"Herr", sprach Unduga ihn ein weiteres Mal an, "die Burg – was soll nun geschehen?" Talerons Körper wurde geschüttelt von unendlicher Trauer. "Herr", versuchte es Unduga erneut, "der Morgen graut bald. Ihr müsst die Männer in die Schlacht führen. Sie vertrauen euch."

Sekundenlang ist es still. Nur unterbrochen von Talerons Schluchzen. "Wozu", fragte er mit tränenerstickter Stimme, "wozu kämpfen? – Ich bin der Letzte meines Hauses. Mit Tamera ist der letzte Sonnenstrahl erloschen. - Ich habe nichts mehr, wofür es sich zu kämpfen lohnt." Anordil trat näher. Mitfühlend legte er eine Hand auf Talerons Schulter. "Doch, Herr", erwiderte er leise, "euer Volk braucht euch. Wem soll es vertrauen, wenn nicht seinem Herrscher?"

Schweigen senkte sich erneut über das Gemach. Der Geruch nach Blut und Körperflüssigkeiten wurde beinahe unerträglich. Von draußen hörte ich laute Befehle und viele Füße, die diesen Befehlen Folge leisteten. Die Krieger bezogen ihre Posten. Unduga verharrte auf seinen Knien. In seinen Augen der bedingungslose Gehorsam zu Taleron. "Herr", ermahnte er ihn, "eure Männer warten auf euch."

Nur zögernd löste sich Taleron von Tameras Leichnam. Sein Gesicht war tränennaß, als er sich zu uns umdrehte. "Nun denn", sagte er leise, "es war mir nicht vergönnt, meine Liebsten zu schützen. Doch die Rache ist nun mein. – Unduga, lasst uns die Verräter empfangen, wie es ihnen gebührt. Ihr Blut soll die Gräber meiner Familie tränken." In seinen Augen glühte es. Mich überlief ein Frösteln, als ich ihm hinterher sah, wie er das Gemach verließ, gefolgt von Unduga.

Anordil wandte sich mir zu. "Ich werde an seiner Seite sein", sprach er zu mir, "damit dies hier glimpflich ausgeht. – Bist du imstande Tamera ein wenig herzurichten?" Er deutete zu der Leiche, die nun annähernd blutleer da lag. "Ja", erwiderte ich, "ich werde mich um das arme Ding kümmern. Sie wird anständig aussehen, wenn sie aufgebahrt wird."

Zu allererst öffnete ich weit die Fenster, um die Nachtluft hineinzulassen. Sie sollte den Geruch vertreiben. Ich merkte nicht einmal, dass Anordil das Gemach verließ. Ich schaute nach draußen. Bald würde es dämmern. Der Hof war von Fackeln erhellt. Männer in Rüstung liefen hierhin und dorthin. Befehle wurden gerufen. Hinter mir hörte ich ein Geräusch. Als ich mich umdrehte, sah ich eine Magd in der obligatorischen blauen Tracht. Mit bleichem Gesicht trug sie eine Waschschüssel und Tücher herein.

Schweigend nahm ich ihr die Schüssel ab und stellte sie auf die hölzerne Kiste neben dem Bett. Mit einem Ruck zog ich die Vorhänge gänzlich auf. Ich schluckte als ich die riesige Blutlache sah, in der Tamera lag. "Breite ein Tuch auf dem Boden aus", wies ich sie an, "und dann hilf mir Tamera und Marlani darauf zu legen. Wir werden sie dann waschen und ankleiden. Danach beziehe das Bett mit frischen Tüchern, damit wir sie darauf aufbahren können." "Mit Verlaub, Herrin", erwiderte die Magd sehr leise, "Marlani hatte Familie. Sie möchten bestimmt den Leichnam selber die Ehre erweisen."

Daran hatte ich gar nicht gedacht. "Dann lasse zwei Knechte kommen, die sie zu ihrer Familie bringen", befahl ich, "doch vorher werden wir sie waschen. Ihre Familie sollte sie so nicht sehen." Wortlos verschwand die Magd kurz, um meine Anweisungen weiterzugeben. Als sie wiederkam, hoben wir Tameras Leichnam auf den Boden. Die Magd bezog das Bett frisch, während ich Marlani und Tamera aus den besudelten Gewändern schnitt und wusch. Mit einigen Stichen nähte ich die Wunden zu, so dass sie anständig aussahen. Wir hüllten sie in saubere Gewänder und richteten ihre Haare. So legten wir Tamera dann auf ihr Bett. Wir waren kaum fertig, als zwei Knechte kamen, die wortlos Marlani in ein Tuch hüllten und mit sich nahmen.

Draußen begann es zu dämmern. Es wurde Zeit auf meinen Posten zu gehen. "Richte noch rasch das Gemach ein wenig", wies ich die Magd an, "dann gehe zu den anderen und bleibe in Deckung. Schon bald wird der Angriff erfolgen." Bleich nickte sie mir zu. Dann verließ ich die Gemächer. In den Gängen war kaum jemand zu sehen. Ich ging zum Großen Saal, weil ich Anordil dort vermutete. Und ich lag richtig. Als ich den Saal betrat, sah ich ihn vor dem Modell stehen. In ein Gespräch mit Kechin Unduga und Taleron verstrickt. Er blickte nur kurz in meine Richtung.

Plötzlich erscholl vom Burgtor ein Horn. "Sie kommen", stieß Unduga hervor und eilte hinaus. Wie vermutet, erfolgte der Angriff in der Dämmerung. Laut scholl uns Kampflärm entgegen, als wir am Tor eintrafen. Vom Wehrgang aus konnten wir hinunter sehen.

Die gestern sehr belebte Stadt schien nun ausgestorben. An den Häusern waren die Türen und Fenster fest verriegelt. Die meisten Bewohner hatten sich während der Nacht in die Burg oder ins Gebirge geflüchtet. In den Gassen tummelten sich nun Krieger in dunkler Rüstung. Sie trugen ein fremdes Wappen in den Farben des Hauses Quintirios, die erbittert gegen die Mauern der Burg stürmten. In einiger Entfernung konnte ich eine Gruppe von Reitern ausmachen, welche das Geschehen beobachteten. Aus der Qualität der Rüstung schloss ich, dass es sich um den Bruder Talerons mit seinen Heermeistern handeln musste.

"Wie es mir scheint, ist euer Bruder nicht erfreut über die Verteidigungslinie", kommentierte Anordil und deutete zu dieser Gruppe hinüber, "er hat wohl damit gerechnet die Burg führerlos vorzufinden." Freudlos lachte Taleron auf. "In der Tat wäre es ihm um ein Haar gelungen", gab er zurück, "zumindest mein Haus konnte er auslöschen. – Vernichtet sie!" Sein Befehl schallte laut über das Gemäuer.

Seine drei Heermeister griffen es auf und man sah an allen Ecken, dass dieser Befehl in die Tat umgesetzt wurde. Auch wir verschossen einen Pfeil nach dem anderen. Schließlich würde der Gegner keinen Unterschied machen, ob wir uns verteidigten oder nicht. Pfeile hagelten auf uns nieder. Doch die gegnerischen Bogenschützen fanden kaum ein Ziel. Es mutete eher an, als ob sie die Krieger zu schützen suchten, die danach trachteten die Burgmauern zu erstürmen.

Allerdings fanden die meisten von ihnen den Tod, noch bevor sie den Wehrgang erreichten. Und die wenigen, denen es gelang, wurde ein blutiger Empfang bereitet. Mit einem Mal erscholl ein Horn und der Angriff erlahmte. Wie es schien, hatte Talerons Bruder die Sinnlosigkeit seines Unterfangens eingesehen und versuchte nun den Rückzug anzutreten.

"Sie fliehen, Herr", rief Unduga uns zu. Talerons Mund verzog sich zu einem kalten Lächeln. "Auf die Pferde und verfolgt sie", befahl er, "bringt mir meinen Bruder, seine Heerführer, seine Familie und die Verräterin Sorelana. – Lebend!" "Ja, Herr", verbeugte sich Unduga und eilte davon. "Wir sollten ihm folgen", flüsterte Anordil mir zu, "die Assassinin wird sich nicht ohne Widerstand gefangen nehmen lassen." Ich nickte zustimmend.

Im Burghof standen bereits die gesattelten Pferde. Undugas Kontingent saß auf und wir folgten seinen Sederikriegern hinaus. Vor uns flohen die Krieger Asarons wie die Hasen. Undugas Krieger erstickten jeden Widerstand im Keim. Auch Asarons Flucht dauerte nicht lange. Kurz hinter der Stadtmauer hatten wir ihn eingeholt. Das Häufchen Krieger, die ihn begleiteten, umringten ihn schützend.

Unduga rief der Gruppe Befehle in der Sprache der Adena entgegen. Ein heftiger Wortwechsel entbrannte. Urplötzlich stieß Anordil eine Pfeilspitze in den Hintern meines Pferdes. Unwillkürlich machte es einen Satz nach vorne – und brachte mich aus der Schußlinie eines Pfeiles. Ich hörte noch das charakteristische Sirren, bevor dieser in einen Sederikrieger einschlug und ihn tötete. Anordil hatte gedankenschnell den Pfeil in den Bogen gespannt und schoss in die Richtung aus welcher der Pfeil gekommen war.

Ich parierte mein Pferd und nahm ebenfalls meinen Bogen. Von der Seite und von vorne wurden wir angegriffen. Ich konnte drei Pfeile abschießen, bevor ich zum Schwert greifen musste. Allerdings war ich nur in der Lage eines zu ziehen. Schließlich musste ich mich noch irgendwie auf dem Pferd halten. Um mich herum tobte ein erbitterter Kampf. Mit Mühe gelang es mir den Schlägen auszuweichen. Ich kämpfte mich bis zum Rand der Schlacht, um einen Überblick zu bekommen.

Asarons Krieger hatten uns umringt. Sie trachteten mit dem Mut der Verzweiflung danach, die Oberhand zu bekommen. Doch gegen die großen Sederikrieger hatten sie kaum eine Chance. Anordil sah ich auf der anderen Seite in einen Kampf mit fünf Kriegern verwickelt. Asaron und seine Heerführer konnte ich nicht ausmachen. Aber ich erblickte Undugas Helm keine zehn Schritte von mir entfernt. Auch er in einen Kampf verstrickt. Seine gewaltigen Hiebe fällten die Gegner so leicht, wie eine Sense Gras schnitt.

Plötzlich packte mich etwas am Bein und zog mich vom Pferd. Überrascht japste ich auf. Hart prallte ich auf den Boden und rang erst einmal nach Luft. Allerdings war mir das Vergnügen nicht gegönnt, denn schon raste eine Schwertklinge auf mich zu. Mir gelang es noch mich zur Seite zu drehen. Doch wieder sah ich das Schwert. Ich musste auf die Beine! Ich drehte mich in die Richtung, aus der die Hiebe kamen und sah zwei Beine in schwarzen Hosen. Mit Wucht trat ich diese aus dem Gleichgewicht. Dies gab mir ein paar Sekunden Zeit um aufzustehen und nach meinem zweiten Schwert zu greifen, da ich das andere fallen gelassen hatte. Ich sah es wenige Schritte von mir entfernt im Gras liegen.

Aber es folgte bereits die nächste Attacke, die ich jedoch mühelos abwehrte. Kohlschwarze Augen funkelten mich Hass erfüllt an. Ich erkannte die eine Zofe aus Tameras Gemach. Sorelana, wie sie genannt wurde. In der nachtschwarzen leichten Rüstung hätte ich sie beinahe nicht erkannt. Mit gezielten Schlägen brachte sie mich in arge Bedrängnis. Ich konnte nur froh sein eine elbische Schwertausbildung genossen zu haben. Sie führte ihr Schwert präzise und hinterhältig.

Nach einigen Schlägen hatte ich ihren Kampfrhythmus erkannt. Nun konnte ich sie in Bedrängnis bringen. "Gib auf", befahl ich in diesem schauderhaften Westeron-Dialekt, "du kannst nicht gewinnen." "Nein", zischte sie keuchend, "gewinnen nicht, aber sterben." Die Klingen fuhren aneinander entlang und verursachten ein äußerst unangenehmes kreischendes Geräusch. Dann fuhr ich zurück. Heißer Schmerz brannte in meinem Arm. Sie hatte mit dem Dolch zugestochen. Als Dank bekam sie mein Schwert zu spüren. Es hinterließ einen blutigen Striemen auf ihrer linken Wange.

Mit einigen gezielten Schlägen brachte ich sie erneut in die Defensive. "Du musst nicht sterben", versuchte ich es ein weiteres Mal. Sie stieß mich mit den Beinen von sich. "Du kennst unsere Gesetze nicht", lachte sie heiser, "der Tod ist mir gewiss. Daher ist er mir willkommener im Kampf." Mit drei harten Hieben drängte sie mich nach hinten. Dann sah ich eine Lücke. Ohne weiter zu überlegen, nutzte ich diesen kurzen Augenblick und konnte ihr das Schwert aus der Hand schlagen. In hohem Bogen flog es davon. Zitternd blieb es in einem Krieger Asarons stecken und tötete ihn.

Sorelanas Waffe war nun unerreichbar für sie. "Ergib dich", forderte ich sie auf. In ihren Augen flackerte es wild. "Niemals", kreischte sie und hob ihren Dolch. In diesem Moment schlug ein Pfeil in ihren Arm ein. Die Aufprallwucht war so groß, dass sie zu Boden ging. Ihr Schmerzensschrei gellte über die Ebene. Als ich mich umdrehte, war der Kampf vorbei. Anordil stand mit dem Bogen in der Hand und sah mich fragend an. Er war der Schütze gewesen. Ich signalisierte ihm, dass alles in Ordnung sei. Asarons Krieger waren besiegt. Viele von ihnen lagen tot zu unseren Füßen. Ihr Blut tränkte das Gras. Es hinterließ einen metallischen Geruch in der Luft. Das Stöhnen kam von den Überlebenden beider Seiten. Die unverletzten Krieger Undugas kümmerten sich um ihre Kampfgefährten. Die noch lebenden Krieger Asarons wurden gefangen genommen. Unduga selber fesselte Asaron und seine überlebenden Heermeister. Es war vorbei.

Ich sammelte mein zweites Schwert auf und wischte beide sauber, bevor ich sie wegsteckte. Erst dann registrierte ich wieder den Schmerz an meinem Arm. Noch immer floss Blut aus der Wunde. Ich wickelte notdürftig ein Stückchen Stoff darüber. "Du bist verletzt", Anordils Stimme klang besorgt. Ich hatte sein Kommen nicht bemerkt. "Nur ein Kratzer", entgegnete ich. Aber er entfernte bereits meinen provisorischen Verband. Sanft legte er seine Hand auf die Wunde. Es brannte und prickelte, als er die magischen Worte sprach. Sekunden später zeugte nur eine rote Narbe von der Stichwunde. "Du musst vorsichtiger sein", mahnte er mich, "wir sind wieder in Mittelerde."

Als ob ich das nicht wüsste! Es war schließlich eine Assassinin, die mich angegriffen hatte und nicht irgendein normaler Krieger. Doch ich schluckte meine Bemerkung hinunter, weil ich bemerkte, dass er mich herausfordern wollte. "Ich werde mich bemühen", entgegnete ich statt dessen.

Wir begaben uns in die Burg. Für uns gab es nichts mehr zu tun. Unduga und seine Männer würden noch eine Zeit brauchen, bis das Kampffeld geräumt war. Die Gassen der Stadt waren menschenleer. Ab und an sah man gefallene Krieger auf dem Pflaster liegen. Scharmützel gab es an keiner Stelle mehr. Der Kampf war nur von kurzer Dauer gewesen.

In der Burg hatte man bereits mit den Aufräumarbeiten begonnen. Die gegnerischen Krieger waren entweder tot oder gefangen genommen. Allmählich musste das Gefängnis überquellen. Anordil und ich zogen uns in unser Quartier zurück. Ich sehnte mich nach Schlaf. Ich schaffte es noch meine Schwerter abzulegen und den Bogen in die Ecke zu stellen, dann fiel ich auf das Bett.

Als ich erwachte, stand die Sonne tief. Anordil saß am Fenster und blickte in den Hof. Er hatte sich gereinigt. Sein Haar schimmerte seidig im Licht der Sonne. Lang fiel es den Rücken hinunter. Nur an den Seiten war es eingeflochten. Seine Reisegewänder hatte er mit einer dunkelroten Robe getauscht, über die lose eine Art ärmelloser Mantel mit Goldborte lag.

"Du bist wach", stellte er fest, ohne sich umzudrehen. "Ich fühle mich gerädert", entgegnete ich, "jeder Muskel schmerzt." Er lächelte, während er sich zu mir umdrehte. "Das wird sich geben", sagte er, "nach einem Bad und einer Massage." Ich bemerkte, dass er mich, bis auf Tunika und Hose, ausgezogen hatte. "Ein Bad klingt wirklich gut", erwiderte ich, "du hattest schon eines?" Er nickte und wies zu einem Vorhang, den ich gar nicht bemerkt hatte.

"Ich sage den Mägden Bescheid." Mit diesen Worten verschwand er zur Türe hinaus. Ich hoffte, dass er auch etwas zu Essen auftreiben würde. Mein Magen fing gehörig an zu knurren. Keine zehn Minuten später kam er wieder und keine halbe Stunde später lag ich in einem mit wunderbar heißem Wasser gefüllten Badezuber und schrubbte mir das mittlerweile getrocknete Blut von der Haut. Die Magd, die das Wasser gebracht hatte, nahm meine besudelten Gewänder mit. Dafür ließ sie mir ein dunkelgrünes Gewand mit einem altgoldfarbenen Mantel da, dessen Säume mit grüner Wolle bestickt waren.

Anordil ging mir zur Hand. Er entwirrte meine verklebten Haare und half mir dabei diese zu waschen. Nach einer Weile fühlte ich mich einigermaßen sauber. Ich stieg aus dem Zuber und rieb mich mit einem Tuch trocken. Dann streifte ich die Gewänder über. Ich war kaum fertig, als es an der Türe klopfte. Jarna, die Magd vom Vortag, trat mit einem schwer beladenen Tablett voller Speisen ein. Es türmten sich Brot, kalter Braten, eingelegtes Gemüse, Wein, der Fleischtopf, den ich bereits kannte und warme süße Pasteten, die nach Beeren dufteten, darauf.

"Ich bringe das Mahl, nach dem ihr verlangtet", sagte sie schüchtern und stellte es auf dem Tisch ab. "Danke, Jarna", sprach Anordil. Unschlüssig blieb Jarna stehen. Ich kämmte in der Zwischenzeit meine Haare mit einem grobzinkigen Kamm. Jarna sah meinem Bemühen zu. Dann fasste sie sich ein Herz. "Bitte erlaubt mir euch zu helfen", bat sie leise, "ich war viele Sonnenläufe Badesklavin, bevor Herr Taleron mich kaufte und freiließ." "Versucht euer Glück", forderte ich sie auf und reichte ihr den Kamm. Ich setzte mich auf einen Stuhl, nicht ohne vorher ein Stück Brot vom Tablett zu angeln. Der Rest musste warten.

"Ich habe schon bemerkt, dass an diesem Hof keine Sklaven zu finden sind", sagte Anordil und schlenderte erneut zum Fenster, wo er sich niedersetzte. "Das ist richtig", erwiderte Jarna mit ihrer leisen Stimme, "es gibt hier nur Freigelassene. Wir haben ein Abkommen mit Herrn Taleron. Wir bleiben in seinem Dienst, bis der Kaufpreis abgegolten ist. Danach können wir unserer Wege ziehen oder in seinem Dienste gegen Entlohnung verbleiben. Das ist weit besser als Sklave zu sein."

Mit geschickten Finger brachte sie meine Haare in eine annehmbare Form. Nach einer Weile waren meine Deckhaare gänzlich eingeflochten. Kleine Zöpfe schmiegten sich eng an meinen Kopf und fielen dann locker über meine übrigen Haare. Ich fühlte mich ein wenig wie Cleopatra, als ich in den Spiegel sah.

Erneut klopfte es an der Tür. Unduga trat ein. Auch er hatte sich gereinigt und frische Gewänder angezogen. Er verbeugte sich leicht. "Verzeiht die Störung", sagte er, "mein Herr Taleron bittet euch, heute in der Dämmerung in den großen Saal zu kommen." Anordil wies zum Tisch. "Wir werden kommen", entgegnete er, "aber ich denke, ihr hattet auch noch keine Zeit etwas zu euch zu nehmen. Setzt euch zu uns und esst." Dankbar nahm Unduga die Einladung an. Jarna hatte sich neben die Türe gestellt. "Du kannst nun gehen", befahl Unduga ihr. Sie schlüpfte zur Tür hinaus.

"Was ist der Anlaß heute abend", fragte ich zwischen zwei Bissen. Undugas Blick verdüsterte sich. "Leider keine Siegesfeier", erwiderte er, "Taleron wird heute abend über die Verräter zu Gericht sitzen. Da die Schuld in diesem Fall erwiesen ist, wird es nur eine Urteilssprechung geben." Ich schluckte das Stückchen Brot krampfhaft hinunter. Ich war nicht scharf darauf an einer Hinrichtung teilzunehmen. Düster blickte ich zu Anordil. Dieser hatte meinen Gedankengang erraten. "Und die Vollstreckung", fragte er.

Unduga winkte ab. "Nach dem Gesetz erst in drei Tagen", entgegnete er, "damit soll dem Verurteilten Gelegenheit gegeben werden seine Erbangelegenheiten zu regeln. Wie das in diesem Falle aussehen wird ... wir werden sehen." Schweigen senkte sich über den Tisch. Erst nach einigen Minuten durchbrach Anordil die Stille und begann Unduga über die politischen Verstrickungen hier im Süden auszufragen. Die beiden verließen auch nach dem Mahl den Raum. Unduga wollte Anordil eine ausgiebige Führung durch die Burg geben. Ich verzichtete darauf und legte mich lieber noch ein wenig schlafen.

In der Abenddämmerung weckte mich Anordil. "Was ...", fragte ich schlaftrunken. "Wir müssen gehen", sagte er, "man erwartet uns im großen Saal." Dann fiel es mir wieder ein. Der Urteilsspruch. Ich erhob mich rasch und strich die Gewänder glatt. Die Frisur, die mir Jarna gemacht hatte, hielt sehr gut. Keine einzige Strähne hatte sich gelöst. Unbewaffnet begaben wir uns zum großen Saal.

Dort hatten sich bereits etliche Burgbewohner eingefunden. Wir sahen an der einen Wand die Gefangenen knien. Asaron, seine überlebenden Heerführer, die drei ehemaligen Ratgeber Talerons, Sorelana und die Familie Asarons. Allesamt in Fesseln und allesamt schwer bewacht. Zwei Frauen waren dabei, die mir unbekannt waren. Eine jüngere und eine ältere. Es musste sich um Gemahlin und Tochter des Asaron handeln. Bleich wirkten sie unter der grauen Gesichtsfarbe. Voller Angst blickten ihre schwarzen Augen. Asaron dagegen wirkte hochmütig und kalt.

An der anderen Wand drängten sich die Berater Talerons in einer dichten Traube. Im restlichen Saal standen Menschen dicht an dicht. Nur der Platz vor dem Thron war frei. Unruhiges Gemurmel erfüllte die Luft. Dann betrat Taleron endlich den Saal. Man sah ihm an, dass er noch nicht viel Zeit gehabt hatte, sich auszuruhen. Dunkle Ringe umschatteten die Augen. Hastig hatte er sich einen schweren dunkelroten Mantel mit Pelzverbrämung und goldenen Stickereien übergeworfen. Darunter schimmerte immer noch die Rüstung. Die vielen Gespräche erstarben, als er sich zu seinem Thron begab und niedersetzte.

Auf einen Wink von ihm trat ein Herold vor. Mit lauter Stimme rief dieser etwas in der Sprache der Adena. Sofort legte sich Schweigen über den Saal. Dann erhob sich Taleron. "Volk von Caras Gollorod", hob er an, "ich werde in Westron sprechen, damit alle meine Worte verstehen." Erstaunte Rufe brandeten auf. Taleron machte eine kurze Pause, bis sich die Menge beruhigt hatte.

"Meine Familie wurde von Verrat und Tod schwer getroffen", fuhr er fort, "den letzten Sproß meines Blutes nahm man mir in den Morgenstunden. – Und die Mörder stehen nun vor ihrem Urteil." Er winkte uns heran. "Durch Intrigen und politische Schachzüge versuchte man mein Haus in einen blutigen Krieg zu verwickeln. Die Elben sollten gestraft werden für den Mord an meinen Liebsten. Unschuldige sollten sterben, damit mein Haus endgültig dem Untergang geweiht würde. Doch das Schicksal wollte es anders. Die Valar schickten mir in ihrer unendlichen Güte diese beiden Elben hier - " Er deutete auf uns. Ich fragte mich, warum bei Cernunnos Hörnern, jeder mich für eine Elbin hielt. " – um diesen Irrtum zu klären", beendete er den Satz.

Wiederum hörte man leises Getuschel. "Wie dem auch sei", sprach Taleron lauter, "in den Morgenstunden wurde diese Burg von einem Angriff erschüttert. Doch man traf uns wider Erwarten nicht unvorbereitet. Wir konnten die Verräter festnehmen, deren Schuld eindeutig erwiesen ist. – Seht sie dort hinten!" Zornig erhob er die Stimme. Sein Finger zitterte, als er auf seinen Bruder deutete.

"Es schmerzt mich,", sagte er, "dass Blut meines Blutes zu diesem Verrat angestiftet hat. – Aber ich darf mich davon nicht beirren lassen. Das Gesetz verlangt einen klaren Richtspruch." Taleron machte eine Pause. Man hätte nun eine Stecknadel fallen hören können, so still war es in dem großen Saal. Nur aus der Richtung der Gefangenen vernahm man ein leises Schluchzen. Taleron atmete tief durch und schloss für einen Moment die Augen. Dann öffnete er sie wieder.

"Jeder kennt das Gesetz und jeder weiß, dass Mord mit Tod geahndet wird", sprach er mit fester Stimme, "aber du, Asaron, und diejenigen, die dir folgten, haben zudem noch Verrat begangen. Verrat der schlimmsten Sorte. – Der Tod durch das Schwert ist daher nicht Strafe genug. Lange habe ich in den Aufzeichnungen nach einem ähnlichen Urteil gesucht. Und ich fand eines, welches Asar der Weise aussprach. - Asaron Ramono Quintirios, höre das Urteil. Dein Tod wird vollstreckt werden durch die Stiere in der Arena. Danach wird dein Körper auf die Hörner eines wilden Stieres gebunden und der Wildnis übereignet. Kein Grab wird es geben für deine Überreste."

Ein Raunen ging durch die Menge. Taleron hob eine Hand und forderte damit Ruhe. "Des Weiteren", fuhr er fort, "werden deine vier Söhne dir in den Tod folgen. In der Arena werden sie dir Gesellschaft leisten. Deine Frau und deine Tochter verbanne ich aus meinem Land. – Sie werden gebranntmarkt als Verräter und auf dem Sklavenmarkt verkauft werden. Nie wieder soll ihnen gestattet sein einen Fuß auf diesen Boden zu setzen."

Asaron hatte das Urteil mit steinerner Mine entgegengenommen. Die beiden Frauen hinter ihm brachen in Tränen aus. Krampfhaft klammerten sie sich aneinander. Seine Söhne an der rechten Seite wurden bleich und Angst flackerte in ihren Augen. Es war offensichtlich, dass sie nicht mit dieser Härte gerechnet hatten.

Taleron bat erneut um Ruhe, da lautes Gemurmel einsetzte. "Für eure Heermeister ergeht folgendes Urteil", sprach er, "sie werden dir in den Tod folgen. Ich gewähre ihnen jedoch die Gnade eines schnellen Todes durch das Schwert. Die sterblichen Überreste sollen danach öffentlich verbrannt werden - " "Halte ein, Taleron", unterbrach ihn Asaron. Er hatte sich erhoben. Seine Rüstung und die Gewänder waren noch blutverschmiert. Sofort hoben die Wachen ihre Schwerter um zuzustechen. Asaron ignorierte dies und tat einen Schritt vor, bevor er sein Knie demütig beugte.

"Höre mich an, Bruder", bat er, "ich bitte nicht für mich oder meine Familie. – Wir nehmen dein Urteil an, denn es ist gerecht. – Aber ich bitte dich, verschone meine Männer! – Sie waren mir treu ergeben und ich weiß, dass sie mir auch in den Tod folgen würden. Doch ich entbinde sie von ihrem Schwur. Es sind gute Krieger. Bestrafe sie nicht dafür, dass sie ihre Pflicht taten."

Beifälliges Gemurmel ging durch die Menge. Erleichtert schloss Taleron die Augen. "Ich hatte gehofft, dass du darum bittest", sagte er, als er die Augen öffnete, "es sei gewährt. – Ich biete deinen Heermeistern und deinen Kriegern an, mir die Treue zu schwören. Diejenigen, die den Schwur nicht ablegen, lasse ich die Wahl zwischen einem schnellen Tod durch das Schwert oder der Sklaverei. Sie haben Zeit, bis zur Vollstreckung deines Urteiles darüber nachzudenken." Asaron senkte den Kopf. "Ich bin froh über deine Weisheit", entgegnete er, "sie werden sich gut entscheiden." Er erhob sich und setzte sich auf seinen Platz.

Nachdenklich musterte Taleron nun seine ehemaligen Ratsherren. "Lange habe ich überlegt, was ich mit euch anfangen soll", sagte er schließlich, "niemals wieder kann ich eurem Rate trauen. – Ich kam zu folgender Entscheidung. – Rumarak Darbesios, Lethian Ambarinior und Garbundo Murpana, ihr werdet gebranntmarkt und in die Sklaverei verkauft. Eure Besitztümer fallen in meine Hand. Eure Familien allerdings entbinde ich von der Sippenhaft. Gnädig gewähre ich ihnen die Wahl euch in euer Schicksal zu folgen oder mein Land unbehelligt zu verlassen. Niemals wieder dürfen sie einen Fuß auf diesen Boden setzen. Allerdings gestatte ich ihnen mitzunehmen, was sie fähig sind zu tragen." Die drei Ratsherren atmeten offensichtlich erleichtert auf.

Nun blieb nur noch Sorelana über. Ausdruckslos blickte sie in den Raum. Ihr Gesicht blutverschmiert. "Für Sorelana Aruma ergeht folgendes Urteil", sprach Taleron hart, "für den Mord an meiner Familie und der Zofe Marlani wirst du tausend Tode erleiden. Öffentlich wirst du ausgepeitscht, bis deine Haut blutig ist. Deine Wunden bestreiche man mit Honig und anschließend bringe man dich zu dem Hinrichtungsplatz am Rande des Gebirges. Dort wirst du bis zur Hüfte eingegraben. Die Ameisen und die Spinnen werden dich bei lebendigem Leibe auffressen, bis der Tod eintritt. Zur Mahnung wird man deine Überreste in einem Käfig zur Schau stellen, bis sie endgültig vermodert sind. Die Knochen werden dann zu Staub zermahlen und in alle Winde zerstreut, auf das dein Name für alle Zeiten gelöscht sei."

Sorelana erbleichte sichtlich. Regungslos hatte sie dem Urteilsspruch zugehört. Kein Laut kam über ihre Lippen. Doch ich sah, wie sie erzitterte. Ein letztes Mal ergriff Taleron das Wort. "Die Urteilsverkündung ist beendet", sagte er, "die Urteile werden am Morgen des dritten Tages von heute an vollstreckt." Mit einem Wink wies er die Wachen an, die Gefangenen fortzuführen.

Langsam verstreute sich die Menge. Seine Berater zogen sich bleich zurück. Einige von ihnen verließen beinahe fluchtartig den Saal. Sicherlich steckten diese mit den Verurteilten unter einer Decke. Aber dies würde Taleron in den nächsten Monaten wohl in Erfahrung bringen. Ich war mir sicher, dass noch etliche Köpfe rollen würden. Aber das berührte mich nicht mehr.

Taleron winkte uns ihm zu folgen. In seinem Arbeitszimmer atmete er erleichtert auf. "Es fiel mir nicht leicht, diese Urteile zu fällen", sagte er zu Anordil, "aber für mein Volk muss ich hart durchgreifen. Der Rat der Alten darf nicht den Eindruck gewinnen, ich wäre zu schwach um mein Haus zu führen." Traurig blickte er zu dem Bildnis seiner Familie. "Und ich werde mich erneut vermählen müssen", seufzte er, "der Rat der Alten wird darauf drängen. – Oder ich muss jemanden zum Nachfolger bestimmen, der aus meiner Blutlinie ist." "Trefft eine kluge Wahl", erwiderte Anordil, "ihr solltet an euer Volk denken, dass wird von einem Herrscher erwartet, aber denkt auch an euch."

"Meine Gefühle sind nicht von Belang", erwiderte Taleron, "ich muss mich den Gesetzen beugen. – Egal, wie ich fühle." Für einige Sekunden herrschte Schweigen. "Doch lasst uns nun von erfreulicheren Dingen sprechen", unterbrach Taleron die Stille, "ich bitte euch, bleibt, solange ihr mögt und genießt die Gastfreundschaft meiner Burg. - Verlangt, wonach euer Herz begehrt."

Ich sah Taleron an. Es war nicht nur Höflichkeit, die ihn diese Worte sagen ließ. Doch wenn ich ehrlich war, so verlangte es mich nicht danach hier zu bleiben. Schon alleine der Gedanke an die bevorstehenden Hinrichtungen verleidete mir den Aufenthalt. Ein Blick zu Anordil bestätigte mir, dass auch er nicht die Absicht hegte, länger als unbedingt nötig hier zu verweilen. "Wir danken euch", erwiderte Anordil, "doch es zieht uns nach Hause. Viel zu lange waren wir fern der Heimat. Mit eurer Erlaubnis würden wir morgen in der Dämmerung aufbrechen."

"Ich kann euch nicht daran hindern", entgegnete Taleron, "ihr werdet hier immer willkommen sein." Anordil und ich verbeugten uns höflich. Dann zogen wir uns zurück. In unserem Gemach verbrachten wir die Nacht. Draußen im Hof wurde gefeiert. Der Lärm durchzog jeden Winkel. Trotzdem konnten wir angenehm ruhen. Am nächsten Morgen waren wir auf den Beinen, als es anfing zu dämmern. Sorgfältig rüsteten wir uns auf, bevor wir uns in den Hof begaben. Zu unserer Überraschung erwartete uns Taleron.

"Ich kann euch nicht zum Bleiben bewegen. Doch habt Dank für eure Taten", sprach er, "zum Abschied möchte ich euch diese beiden Pferde anvertrauen." Knechte führten die beiden Tiere herbei. Es waren wunderschöne Pferde. Hochbeinig und drahtig mit kurzen Mähnen und langen Schweifen. Es mussten Geschwister sein, denn sie wiesen die gleiche helle Zeichnung am Kopf auf. Das Fell glänzte bei beiden in einem verhaltenden Dunkelbraun mit leicht rötlichen Nuancen.

"Sie sind aus der Zucht der Sederi", sagte Taleron stolz, "es sind ausgebildete Kriegspferde. Sie werden euch bedingungslos gehorchen. Reitet sie, solange und soweit ihr es wünscht. Falls ihr die Dienste der Pferde nicht mehr benötigt, lasst sie einfach frei. Sie werden ihren Weg nach Hause finden." "Seid weiterhin auf der Hut, edler Taleron", erwiderte Anordil, "wo ein Aufstand war, finden sich meist noch mehr."

Mit diesen Worten schwang sich Anordil auf den Rücken des einen Pferdes. "Ich werde vorsichtig sein", entgegnete Taleron.

Währenddessen schwang ich mich ebenfalls auf den Pferderücken. Es war einige Zeit her, dass ich geritten war, doch ich hatte beinahe augenblicklich wieder das Gefühl dafür. Wir sahen kurz zu den Gemächern Tameras hinauf. Die dunklen Vorhänge bewegten sich an dem offenen Fenster leicht im Wind. Im Laufe des Tages würde man sie in der Gruft beisetzen. Ich schickte ein stummes Gebet zu den Valar. Dann wendeten wir die Pferde dem Tor zu. Taleron winkte zum Abschied.

Die Gassen der Stadt waren nahezu menschenleer und die wenigen, die uns begegneten, nahmen kaum Notiz von uns. Wir hatten die Kapuzen unserer Mäntel weit ins Gesicht gezogen. Erst weit draußen vor der Stadt atmete ich erleichtert auf. Taleron würde Monate brauchen, um die Aufstände niederzuschlagen. Ich war froh, nicht mehr darin verwickelt zu sein. Wir lenkten die Pferde Richtung Südwesten. Unser Ziel war weiterhin Ostelor und nun würde unsere Reise schneller vonstatten gehen. Die Zeit die wir durch unseren unfreiwilligen Aufenthalt verloren hatten, konnten wir jetzt rasch aufholen.

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