8. Januar 1918
London, England
Give me a hand o' thine
Anerkennend blickt Jem sich im Speisesaal des Hotels The Kingsley um.
„Und du darfst wirklich jedes Mal, wenn du in London bist, hier absteigen?", erkundigt er sich, während er die Tischdekoration einer eingehenden Begutachtung unterzieht.
„Hier oder im The Thackeray, das ist direkt um die Ecke. Dort habe ich auch schon übernachtet. Bisher war ich aber immer nur auf Durchreise", gebe ich Auskunft und nehme einen Bissen von meinem Nachtisch, der ein ausgesprochen gutes Mittagessen abrundet.
Beide Hotels liegen in Londons Bloomsbury, direkt neben dem British Museum, in das ich zu meiner Schande immer noch keinen Fuß gesetzt habe. Viel wichtiger ist aber, dass es von hier nur ein etwa halbstündiger Fußmarsch die Oxford Street hinunter zu Kens Krankenhaus ist. Mit der U-Bahn soll es zwar noch viel schneller gehen, aber da laufe ich doch lieber, allerherzlichsten Dank auch!
„Und die Armee bezahlt das?", fragt Jem weiter. Er klingt ungläubig.
Schulterzuckend erwidere ich: „Ja, die Armee zahlt das. Es wird sogar direkt abgerechnet, wir müssen nicht einmal in Vorleistung treten. Jede Krankenschwester des CAMC, die in London ist, kann jederzeit in einem der beiden Hotels absteigen. Mehr noch, wie sind dazu angehalten es zu tun."
Es ist komfortabel, dass unsere Londoner Hotelrechnungen direkt an die Armee weitergeleitet werden. Wir kriegen auch sonst, wenn wir reisen und keine Transport- und Schlafmöglichkeiten der Armee zur Verfügung stehen, die Fahrt- und Unterkunftskosten erstattet. Ein gewisser Standard wird auch dann stets eingehalten – als Offiziere reisen beispielsweise immer Erster Klasse – aber die Kosten müssen wir vorher auslegen und das ist unpraktisch. Die Sonderregelung, die nur diese beiden Hotels und nur uns Krankenschwestern betrifft und die Jem jetzt so verwundert, erleichtert daher einiges. Einen Hintergedanken gibt es aber auch dazu natürlich.
„Sieh mal", fahre ich dort und deute mit der Dessertgabel in seine Richtung, „am liebsten wäre es der Armee, wenn sie uns in den Krankenhäusern anbinden könnten. Wenn wir sie schon verlassen müssen, wollen sie wenigstens ganz genau wissen, wo wir sind. Wir kriegen ein hübsches Hotel mit dreigängigen Mahlzeiten direkt von der Armee finanziert, damit wir auch tunlichst dort bleiben. Ihr müsst zwar für eure Unterkünfte vorab selbst zahlen, aber dafür dürft ihr sie euch auch selbst aussuchen. Nur, weil ihr Männer seid. Man kann das so oder so sehen."
Für einen Moment mustert Jem mich prüfend, dann schüttelt er den Kopf und murmelt: „Du wirst wie Di."
„Dann danke ich für das Kompliment", feuere ich zurück und kann sehen, wie er darüber lächelt. Ich schiebe mir den letzten Bissen meiner Nachspeise in den Mund und dann den Stuhl zurück.
Jem, der zum einen schneller isst als irgendein anderer mir bekannter Mensch und zum anderen nie gerne lange still sitzt, steht ebenfalls rasch auf. Er winkt die Kellnerin heran, die sich sowieso schon seit geraumer Zeit in unserer Nähe herumdrückt und ihm schöne Augen macht, und es dauert nur Minuten, bis wir vor dem Eingang des Hotels stehen, dick eingemummelt gegen die Januarkälte.
„Wohin?", frage ich und wickele den Schal fester um meinen Hals. Ganz so kalt wie im letzten Winter ist es noch nicht, aber es ist wahrlich kalt genug.
„Wenn es dir nichts ausmacht, brauche ich neue Handschuhe", erwidert Jem. Zum Beweis hält er mit seine in abgewetzten Lederhandschuhen steckenden Hände hin.
Ich nicke geschäftsmäßig. „Dann zu Selfridges", verkünde ich. Zwar kenne ich mich ehrlich gesagt in London kaum besser aus als vor anderthalb Jahren, aber an Selfridges, dem großen Kaufhaus in der Oxford Street, bin ich in der letzten Woche täglich zweimal vorbeigegangen.
Jem grinst in sich hinein, protestiert aber nicht. Er bietet mir den Arm und so setzen wir uns einvernehmlich in Bewegung, Richtung Oxford Street. Kaum haben wir die Straße erreicht, winkt ein kleiner Zeitungsjunge uns mit den Druckerzeugnissen des Tages zu. Jem jedoch schüttelt leicht den Kopf und der Kleine wendet sich einem elegant gekleideten Herren einige Schritte hinter uns zu.
„Gab es heute eigentlich etwas Neues in der Zeitung?", erkundige ich mich, während wir die Straße entlang schlendern.
Jem hebt kurz die Schultern. „Die verfluchten Russen verhandeln immer noch um einen separaten Frieden", berichtet er nicht ohne Bitterkeit, „und die dreimal verfluchten Deutschen haben ein englisches Hospitalschiff im Ärmelkanal versenkt. Die Rewa. Glücklicherweise haben die meisten Passagiere überlebt."
„Dreimal verfluchte Deutsche", wiederhole ich murmelnd.
Die Rewa ist nicht das erste englische Hospitalschiff, das von deutschen U-Booten torpediert wurde, und noch einige mehr sind durch Seeminen versenkt worden. So hat auch die Britannic vorletztes Jahr im Mittelmeer ihr Ende gefunden, Schwesterschiff der unglücklichen Titanic. Natürlich ist es ein Kriegsverbrechen, bewusst ein Hospitalschiff zu versenken, aber wann hat das die Deutschen jemals gestört?
„Neues aus Halifax?", frage ich dann.
Gut einen Monat ist es jetzt her, dass in Halifax ein Munitionsschiff mit einem anderen Schiff zusammengestoßen ist und eine Explosion von, so sagen sie, vorher nicht gekannter Heftigkeit ausgelöst hat. Große Teile der Stadt sind zerstört worden und sie sprechen von über tausend Toten und einer Vielzahl von Verletzten. Zwar bringt dieser Krieg jeden Tag noch höhere Zahlen an Opfern hervor, aber irgendwie ist es anders. Halifax ist zu Hause. Es hätte sicher sein sollen.
„Noch nichts Neues", verneint Jem, „die Anhörungen zur Ursachenfindung laufen wohl noch."
Er erwidert den Salut einer Gruppe Soldaten, die stehen geblieben sind, um uns vorbeizulassen. Es sind Convalescent Blues, also Soldaten, sie verwundet waren und noch nicht wieder vollständig genesen sind. Ihren Namen haben sie von den Uniformen, die sie tragen müssen, im Krankenhaus und auch außerhalb davon. Es sind blaue, pyjamaartige Anzüge mit weißem Hemd und roter Krawatte, in Einheitsgrößen gefertigt und entsprechend schlecht sitzend. Die Soldaten verabscheuen diese Genesungsuniformen, sie haben aber den einen entschiedenen Vorteil, dass jeder von ihnen dadurch als Soldat identifizierbar ist – und für jemanden, der für König und Vaterland verwundet wurde, spendieren viele Menschen gerne mal einen Drink. Dagegen ist es für einen Mann in Zivilkleidung nach dreieinhalb Jahren Krieg kein ganz leichtes Unterfangen, sich unbehelligt in der Öffentlichkeit zu bewegen. Insofern machen die blauen Uniformen durchaus Sinn, so scheußlich sie aussehen.
Offiziere werden selbstredend vom Tragen der Genesungsuniformen verschont. Im Krankenhaus bekommen sie Seidenpyjamas und danach einen gewissen Geldbetrag, um sich für die Zeit der Genesung mit Zivilkleidung – mufti im Soldatenjargon – auszustatten. Eine weiße Armbinde mit roter Krone identifiziert auch sie in der Öffentlichkeit zuverlässig als genesende Soldaten. Die meisten, die ich kenne, haben aber sowieso so schnell wie möglich wieder richtige Uniform angezogen.
„Weiß man mittlerweile, ob es jemanden getroffen hat, den wir kennen?", erkundige ich mich dann und bin selbst ein wenig überrascht davon, wie sachlich die Frage herauskommt.
Dankbarerweise schüttelt Jem den Kopf. „Nein, niemand. Ich hatte vorgestern einen Brief von Faith. Bloß zwei ihrer alten Studienkolleginnen waren zum Zeitpunkt der Explosion in Halifax, aber es geht ihnen gut", berichtet er.
„Gut", entgegne ich und meine es, „und was schreibt Faith sonst so?"
Von Jems Antwort höre ich jedoch kein einziges Wort mehr.
Denn kaum, dass die Worte meinen Mund verlassen haben, spüre ich, wie mein Körper plötzlich starr wird. Ich kann sehen, dass Jems Lippen sich bewegen, aber ich vernehme nichts von dem, was er sagt. Mein Atem setzt zuerst aus, geht dann schnell und flach. Blut rauscht in meinen Ohren, übertönt jedes andere Geräusch.
Jedes Geräusch, bis auf eines.
Ritschratsch.
Vage bin ich mir bewusst, dass Jems Lippen aufhören, sich zu bewegen. Der fragende Ausdruck auf seinem Gesicht macht Besorgnis Platz. Um uns herum bewegen die Menschen sich weiter. Bunte, konturlose Gestalten, die vorbeieilen. Da ist ein Gewicht auf meiner Brust, wie ein Ring, der sich zudrückt. Es fällt mir schwer, zu atmen.
Ritschratsch.
Ich kneife die Augen zusammen, presse die Hände über die Ohren, versuche, es auszusperren, das Geräusch. Aber es ist in meinem Kopf, es ist immer in meinem Kopf. Ich schüttele ihn, heftig, um es hinaus zu schütteln, aber es bleibt, gnadenlos.
Ritschratsch.
Jemand – Jem? – zieht an meinem Arm, zieht mich weg. Ich stolpere hinterher. Ich kann nicht sehen, kann nicht denken. In meinem Kopf ist nur dieses eine schreckliche, schneidende, schreiende Geräusch, das lauter wird und lauter bis ich glaube, der Kopf muss mir zerspringen, bis es nicht mehr auszuhalten ist, bis –
Bis es plötzlich verstummt.
Stille.
Himmlische, gnädige Stille.
„Rilla?", höre ich Jems Stimme, wie durch Watte, wie von Ferne. Er klingt besorgt, vielleicht auch ängstlich.
Jem und ängstlich?
Vorsichtig öffne ich ein Auge, dann zwei. Wir stehen in einer schmalen Seitenstraße, sind alleine. Es sieht sicher aus. Ganz langsam, zögernd, lasse ich die Hände sinken, lauschend, jederzeit bereit, sie wieder gegen die Ohren zu drücken.
Schritte, Stimmen, Motorengeräusche dringen von der Hauptstraße zu mir hinüber. Irgendwo weint ein Kind. Ein Hund bellt. Aus einem Haus ertönt Klavierspiel.
„Das Klavier muss mal wieder gestimmt werden", stelle ich fest. Es ist das erste, was mir einfällt.
Jem starrt mich für einen Moment entgeistert an. Dann schließt er die Augen, für Sekunden. Schließlich ein tiefes Seufzen, dann sieht er mich wieder an. „Du hast mir einen irrsinnigen Schrecken eingejagt!", bemerkt er. Er klingt besorgt, aber auch ein wenig anklagend.
„Das tut mir Leid", entschuldige ich mich artig. Das sagt man doch oder?
Ich werde mir erst langsam wieder meines Körpers gewahr. Als hätte ich ihn kurzzeitig verlassen und müsste erst wieder zurückkehren. Es fühlt sich an, als wäre ich viele Kilometer gelaufen. Mein Atem geht kurz und hektisch. Mein Herz klopft in meiner Kehle. Mein Kopf rast.
„Was war das?", verlangt Jem heftig zu wissen. Er sieht aufgebracht aus, und für einen Moment glaube ich, er hätte mich gerne geschüttelt. Scheinbar habe ich ihm wirklich Sorge bereitet.
„Nichts, ich…", beginne ich, hole dann tief Luft, setze neu an, „da war diese – diese Säge. Ich bin nicht gut… ich kann das nicht gut hören. Sägen."
Jem sieht fragend zu mir hinab. „Welche…?", beginnt er.
„Jetzt sag mir bitte nicht, dass da keine Säge war!", falle ich ihm ins Wort. Meine Stimme klingt hysterisch.
Denn wenn da keine Säge war, dann heißt das, dass ich sie mir mittlerweile einbilde und das heißt…
Mein Herz schlägt augenblicklich wieder schneller.
„Da war eine Baustelle", erwidert Jem langsam, „auf der anderen Straßenseite. Ich habe keine Säge gehört, aber vielleicht hörst du einfach besser als ich?"
Mein Herz wird wieder ruhiger. Ich nehme einen tiefen Atemzug.
Eine Pause entsteht.
„Ich weiß immer noch nicht, was da gerade passiert ist", hebt Jem schließlich an. Er wirkt jetzt ruhiger, spricht vorsichtiger.
Ich drehe den Kopf weg, blicke die Seitenstraße entlang. Ein schwarzer Vogel landet auf einer Mülltonne. Einige Meter entfernt liegt eine struppige graue Katze. Als sie den Vogel sieht, beginnt ihr Schwanz, gereizt hin und her zu schlagen.
„Ich habe drei Einsätze im OP hinter mir", beginne ich dann stockend, „am Anfang war es interessant. Schrecklich, ja, und traurig, aber auch spannend. Ich habe viel gelernt. Irgendwann wurde daraus dann eine gewisse Routine. Auch das war noch in Ordnung. Es war alles in Ordnung, bis… bis Passchendaele. Es gab Tage, da waren die Hälfte unserer Operationen Amputationen. Hier ein Bein, dort zwei Arme. Und es war nicht schön. Von wegen, Operieren sei eine Kunst. Niemand hatte Zeit für Kunst. Es war nur ab, ab, ab, so schnell es ging. Ob es schön war, hat niemanden interessiert. Und ob die Patienten es wollten, hat niemand gefragt."
Zögernd wende ich den Kopf wieder, sehe Jem an. Er sieht bedrückt aus.
„Nach einer Weile habe ich das Geräusch der Knochensäge nicht mehr aus dem Kopf gekriegt. Tags, nachts, es hat nie aufgehört, zu sägen, in meinem Kopf", fahre ich leise fort, „und irgendwann, eines Tages, stand ich im OP und habe auf einen Stapel amputierter Beine geblickt und… in dem Moment war ich so nah dran –"
Ja, woran eigentlich?
Es einfach nicht mehr auszuhalten?
Ich bin mir Jems besorgten Blickes bewusst, versuche ein Lächeln für ihn, aber es misslingt.
Meine Hände, stelle ich fest, zittern. Ich strecke sie vor mir aus, spreize die Finger, aber das Zittern bleibt. Auch meine Arme, bemerke ich überrascht, sind zittrig. Prüfend sehe ich hinab. Es sind nicht nur die Arme und die Hände – mein ganzer Körper hat zu zittern begonnen.
Im nächsten Moment hat Jem mich zu sich gezogen. Mein Gesicht ist gegen seine Schulter gedrückt, seine Arme halten mich ganz fest. Ich presse meine Nase tiefer in den rauen Stoff seiner Uniform, kneife die Augen fest zusammen. Er hält mich dort, minutenlang, bis das Zittern weniger wird. Bis ich, irgendwann, ruhiger bin.
„Ich bin kein Chirurg, das weißt du. Deine Erfahrungen im OP kann ich nur aus der Ferne nachvollziehen. Aber wir haben im Herbst Patienten aus Passchendaele geschickt bekommen", berichtet Jem irgendwann in die Stille hinein, „viel geredet haben sie nicht, aber in ihren Gesichtern war etwas, das ich vorher nur sehr selten gesehen habe. In dieser Häufigkeit überhaupt nur einmal zuvor."
Ich lehne mich etwas zurück, damit ich ihn ansehen kann. Seine Arme lockern sich, geben mich aber noch nicht frei. „Wenn du über den Himmel reden möchtest, musst du zu Walter gehen", erwidere ich dann, „aber die Koordinaten der Hölle kann ich dir sagen."
„So schlimm", erwidert Jem. Es ist mehr Feststellung als Frage.
„Schlimmer", entgegne ich sofort, werde dann jedoch nachdenklich, „wobei… vermutlich ist selbst Passchendaele nur eine von mehreren Höllen. L'enfer muss Verdun sein. Und die Somme der neue Styx."
Jem presst kurz die Lippen zusammen, bevor er hinzufügt: „Und Gallipoli liegt an seinen Ufern."
Natürlich. Gallipoli, so fern es uns anderen stets gewesen ist, war Jem schrecklich nah. Gallipoli, wo sie hunderttausende Soldaten gegen eine Felsenküste geworfen haben, deren Einnahme vielleicht nie möglich gewesen ist. Es heißt, die meisten hätten es nicht mal zum Strand geschafft, sind noch im Meer umgekommen. Wer überlebt hat, musste sich auf einen schmalen Streifen Strand im Schatten des Felsen drücken, unter der ständigen Bedrohung durch die oberhalb liegenden osmanischen Truppen. Und wer verwundet wurde, hatte zuerst noch die Evakuierung zu überleben, bevor er nach Limnos gebracht wurde. Limnos, diese unwirtliche, wasserlose griechische Insel, auf der Jem das halbe Jahr 1915 verbracht hat.
Stille fällt zwischen uns. Ich lehne meine Wange wieder gegen Jems Schulter, spüre, wie er sein Kinn auf meinem Kopf ablegt.
„Jetzt verstehe ich allerdings, warum du unbedingt verhindern musstest, dass sie Ken das Bein abnehmen", bemerkt Jem nach einer Weile, „das war dein Trauma, genauso sehr wie seins, oder?"
Ich sage nichts, lasse die Worte hinabsinken.
Sollte er Recht haben? Habe ich auch deswegen so verzweifelt zu verhindern versucht, dass sie amputieren, weil ich es nicht ertragen hätte? Weil ich, doch erst Tage entfernt von Passchendaele und dem Beinstapel, es nicht hätte aushalten können, wenn ausgerechnet Ken dieses Schicksal geteilt hätte?
Der Gedanke ist neu. Aber er klingt wahr.
„Du hast viel für ihn getan", stellt Jem fest. In seiner Stimme ist keine Wertung. Er sagt es einfach nur.
Ich hebe die Schultern an, lasse sie dann wieder hinab fallen. „Ich vermute, das habe ich", stimme ich zögernd zu, „ich habe für ihn gebettelt und gefleht, habe nächtelang auf dem Boden neben seinem Bett geschlafen. Aber wenn ich ehrlich bin… er hat mir genauso geholfen. Als ich in Arques ankam war ich – kaputt, irgendwie. Es war, als würde ich nur noch aus Teilen bestehen, die nicht mehr zueinander passen. Teilen, die ich nicht mehr dazu gekriegt habe, zu passen."
„Und er hat es hingekriegt?", fragt Jem leise.
Nachdenkliche wiege ich den Kopf, runzele die Stirn. „Ich weiß nicht, wie bewusst es ihm war. Aber es hat geholfen, dass er… einfach da war", versuche ich, zu erklären, „weißt du, ich habe in Flandern irgendwie beinahe den Glauben daran verloren, dass das, was wir tun, irgendeinen Sinn macht. Ken war – wie mein Projekt. Ich konnte mich auf ihn konzentrieren, konnte den ganzen Rest vergessen. Und als wir es geschafft haben, dass es ihm besser geht… da ist ein Stück weit der Glaube zurückgekommen."
„Hmh", macht Jem grüblerisch, „und was wäre passiert, wenn es ihm nicht besser gegangen wäre?"
„Tja. Ich habe meine – meine Ganzheit daran geknüpft, dass er… naja, ganz bleibt, wenn du so willst", ich verziehe den Mund über das unbeabsichtigte Wortspiel, „wenn er es also nicht geschafft hätte…"
Ich lasse den Satz in der Luft hängen. Wir wissen beide, was es mit mir gemacht hätte.
„Du liebst ihn, oder?", fragt Jem nach einigen Augenblicken, als ich nichts mehr sage. Er klingt ruhig. Trotzdem bin ich froh, ihn nicht ansehen zu müssen.
Dennoch, es gibt nur eine einzige Antwort darauf. „Ja, das tue ich", antworte ich leise.
Ein kurzes Zögern, dann –
„Komischer Gedanke", erwidert Jem, eher nachdenklich als unfreundlich, „ich meine, Walter hat mich ja gestern schon darauf vorbereitet, aber… vor fünf Jahren hätte ich jeden für verrückt erklärt, der mir sagt, dass ausgerechnet du und Ken Ford…" Er lässt den Satz ins Leere laufen.
„Er hat sich verändert", werfe ich ein. Meine Stimme hat einen scharfen Unterton bekommen.
Jem lacht leise, wiegt mich zwei, drei Mal hin und her, vermutlich um Friedlichkeit zu signalisieren. „Du aber auch", bemerkt er dann, „vor fünf Jahren hätte ich dich vermutlich vor dieser Beziehung gewarnt. Jetzt jedoch… ich glaube, du kannst ihm mittlerweile Paroli bieten."
„Und das ist deiner Meinung nach der Geheimnis einer guten Ehe, ja?", frage ich spitz.
Jem übergeht die Bemerkung. „Das heißt, er wird dich heiraten?", erkundigt er sich stattdessen. Er klingt jetzt wach, aufmerksam. Vermutlich hat er die Frage schon eine ganze Weile stellen wollen.
Ich dagegen verdrehe etwas genervt die Augen. „Wir werden einander heiraten. Wie klingt das für dich?", entgegne ich.
Ich kann fühlen, dass Jem lacht.
„Dann wirst du den Krankenschwester-Schleier also bald an den Nagel hängen?", will er dann wissen. Ich glaube, die Frage ist rhetorisch gemeint.
„Nein", antworte ich trotzdem, „ich arbeite weiter."
Jem lehnt sich zurück, umfasst mit den Händen meine Schultern und schiebt mich etwas von sich, so dass wir einander ansehen. Sein Blick drückt Überraschung aus, vielleicht Skepsis.
Unwillkürlich schiebe ich das Kinn ein wenig vor.
„Du weißt, dass es im CAMC keine verheirateten Krankenschwestern gibt, oder?", fragt Jem vorsichtig.
Vor meinem inneren Auge taucht Polly auf. Polly, die ihre Arbeit aufgegeben hat, um im letzten Monat ihren Arzt zu heiraten, nur um ihn Tage später nach Frankreich zu verabschieden, wo er einer Field Ambulance zugeteilt worden ist. Und sie ist in England zurückgeblieben und hat nichts zu tun, außer zu warten, dass der Krieg irgendwann vorbei sein wird und ihn freigibt.
„Deswegen werden wir erst heiraten, wenn der Krieg vorbei ist", erkläre ich Jem jetzt. Meine Stimme ist nicht ganz so sicher, wie ich es gerne hätte.
Verdutzt blinzelt er mich an. „Weiß Ken das?", will er wissen.
Das ist tatsächlich ein wunder Punkt. Bisher haben wir das Thema ‚Hochzeit' nur sehr zaghaft besprochen, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass Ken lieber früher als später heiraten möchte. Verständlich vielleicht – er hat schon einmal eine Verlobte an die Zeit verloren. Dennoch –
„Es ist nicht allein seine Entscheidung", informiere ich Jem, schnippischer als beabsichtigt, „und es ist überhaupt nicht deineEntscheidung."
Beschwichtigend hebt Jem beide Hände. „He, ganz ruhig", wehrt er ab, „ich dachte nur… vielleicht möchtest du einen brüderlichen Rat hören?"
Dass ich widerwillig nicke, liegt überhaupt nur daran, dass er vorher gefragt hat.
Kurz sammelt Jem sich. Als er spricht, ist seine Stimme eindringlich: „Im Herbst ist Ken zurück an der Front. Eher früher, so wie ich ihn kenne. Das kann ich dir ziemlich sicher sagen. Vielleicht ist der Krieg bis dahin vorbei. Vielleicht dauert er auch noch mal dreieinhalb Jahre. Das kann dir niemand sicher sagen. Und, dein Pflichtgefühl in allen Ehren, Rilla, aber… du musst dir im Klaren sein, dass du möglicherweise eine sehr lange Zeit auf diese Hochzeit warten wirst. Was vielleicht in Ordnung wäre, wenn du dir wenigstens sicher sein könntest, dass sie stattfindet. Aber sobald er zurück in Frankreich ist, ist nichts mehr sicher. Wenn ihr heiratet und er stirbt, wirst du wenigstens das haben. Wenn du auf das Kriegsende wartest und er es nicht erlebt, dann hast du gar nichts. Und jetzt sieh mich an und sag mir, dass du das nicht bis an dein Lebensende bereuen würdest!"
Ich sehe ihn nicht an. Stattdessen wende ich mich ab, gehe einige Schritte die Straße hinunter. Die graue Katze beäugt mich misstrauisch. Der schwarze Vogel ist verschwunden.
„Rilla?", kommt Jems Stimme von hinten.
Langsam drehe ich mich wieder zu ihm um. „Seit wann bist du eigentlich so weise?", erkundige ich mich und ziehe die Augenbrauen hoch. Meine Stimme ist nicht ganz so unbekümmert, wie ich sie gerne gehabt hätte.
„Ich habe zu viel Zeit mit Walter verbracht – er ist ein schlechter Einfluss. Du allerdings lenkst ab", gibt Jem mit der üblichen Schlagfertigkeit zurück.
„Ich weiß, ich weiß", wehre ich frustriert ab, „es ist bloß… alles nicht so – nicht so einfach. Aber wie wäre es hiermit: du hast mich zum Nachdenken gebracht, ja?"
Und das hat er tatsächlich.
Der Titel dieses Kapitels ist dem Lied „Auld lang syne" aus dem Jahr 1788 entnommen (Text nach einem Gedicht von Robert Burns (inspiriert von einem früheren Lied von James Watson), Musik nach einer schottischen Volksmelodie (möglicherweise ‚The Miller's Wedding')).
