Disclaimer:
Ist das Federvieh weg? Na endlich. Also, Harry Potter gehört ganz allein...
JKR! JKR! JKR!
Wo kommst du denn wieder her!
Ich bin unsterblich! Überrascht, was? Bähh!
Schatten der Wahl
36. Toujours pur
Tigris saß in der Bibliothek, hinter einem Stapel Büchern vergraben. Er hatte schließlich eine Schlangenart gefunden, als die er Sarin gut tarnen konnte. Die Kornnatter war eine harmlose Schlange etwa in Sarins Größe, die häufig als Haustier gehalten wurde. Sie fraß Mäuse und Ratten, wie Sarin, und lebte wie Tigerottern an trockenen, sonnigen Plätzen. Es war eine hübsche, rot-braun gefleckte Schlange mit runden Pupillen, was die Leute umso mehr verleiten würde, sie für harmlos zu halten. Es war optimal. Mit Tigris' Kenntnisstand in Verwandlungen sollte es kein Problem für ihn sein, Sarins Aussehen zu verändern. Sarin widerstrebte es zwar, ihr grün-silbernes Äußeres aufzugeben, aber sie akzeptierte, dass es notwendig war.
Das war jedoch nicht der Grund, warum Tigris sich in der Bibliothek vergraben hatte. Etwas anderes nagte in seinem Hinterkopf. Die Träume, die er während der Bindung mit Sarin gehabt hatte, waren zum großen Teil unklar und verworren, aber ihm war klar, dass es nicht nur Träume waren. Es waren Erinnerungen von Salazar Slytherin, die dieser – recht genial, wenn man darüber nachdachte – wie in einer Art lebendem Denkarium in seinen Schlangen hinterlassen hatte, um sie irgendwann an jemanden weiterzugeben, den er für würdig hielt. Der Magier hatte nur einen Fehler begangen.
Salazar mochte ein mächtiger Zauberer und genialer Züchter gewesen sein, aber ihm fehlte das Wissen, das Züchter der modernen Zeit besaßen. Tigris hatte wissen wollen, warum die Erinnerungen unvollständig waren, da er das sichere Gefühl hatte, dass Salazar das Wissen seines gesamten Lebens hatte weitergeben wollen. Zu seiner Überraschung hatte er die Antwort in einem Muggelbuch gefunden. Es gab nur wenige Bücher über Züchtung magischer Wesen, da experimentelles Züchten 1965 verboten worden war, aber Tigris war nicht umsonst in der Bibliothek eines dunklen Zauberers. Daher hatte es ihn überrascht, dass diese Bücher auf Bücher von Muggeln verwiesen. Die Ursache dafür war das Wissen der Muggel über Genetik, welches das Wissen der Zauberer offenkundig in nur wenigen Jahrzehnten um Längen überholt hatte. Es waren einige faszinierende Theorien, selbst wenn man nicht so viel von Züchtung verstand, wie Salazar.
Die entscheidende Theorie war die der Evolution. Salazar hatte angenommen, dass die Spezies die er schuf für immer unverändert bleiben würde, aber seine Schlangen waren den Gesetzen der Natur unterworfen wie alle anderen Lebewesen. Sie hatten sich über die Jahrhunderte in der Welt verteilt und vermehrt, wie er es befohlen hatte, und im Laufe der Generationen hatten sie sich unweigerlich von ihrer ursprünglichen Form fortentwickelt. Etliches – überraschend viel – war erhalten geblieben – aber die Masse von Salazars Erinnerungen war zu komplex, um vollständig zu bleiben. Was Sarin Tigris hatte weitergeben können war bestenfalls verwaschen, im schlimmsten Fall sinnlose Fragmente. Einiges mochte nützlich sein, aber vieles hatte den Zusammenhang verloren.
Dennoch – was erhalten geblieben war, war mehr als nützlich. Zum Beispiel die Tatsache, dass die alten Magier die Elemente beherrscht hatten – Slytherin hatte recht deutlich gesagt, dass er ein Erdelementarist war. Das war ein Wissen, was in der heutigen Zeit vollkommen verloren gegangen war. Oder Salazars Fähigkeit, Magie bildlich zu sehen – Tigris hatte nie zuvor von einer solchen Fähigkeit bei modernen Zauberern gehört. Es machte Tigris neugierig, was noch über die Jahrhunderte hinweg vergessen worden war. Was Tigris wirklich ärgerte war, dass er nicht vollständig wusste, welche Fähigkeiten Sarin besaß, oder was ihre Bindung bewirkte. Hätte Salazars Plan funktioniert, hätte Tigris nicht nur das gewusst, sondern auch, wie die Schlangenrasse erschaffen worden war, aber leider war das nicht der Fall. Ein großer Teil von Salazars späten Erinnerungen war wohl unwiderruflich verloren.
Tigris hatte die alten Bücher in der Bibliothek durchforstet, in der Hoffnung, dass sie ihm halfen, die Erinnerungen zu ergänzen, aber sie waren frustrierend nutzlos. Was ihn besonders interessiert hatte war die Sache mit der Erde – er hatte sich gefragt, ob ein Zusammenhang mit der seltsamen Präsenz bestand, die er an Yule gespürt hatte. Schließlich hatte sein Vater die Elemente manipuliert, also wenn Tigris eine Fähigkeit ähnlich Salazars hatte, wäre das möglicherweise eine Erklärung. Aber das schien nicht der Fall zu sein, jedenfalls wies keines der Bücher darauf hin. Außerdem erklärte es nicht, warum sein Vater so ärgerlich geworden war. Vielleicht musste er einfach abwarten, ob die Erinnerungen mit der Zeit noch klarer wurden.
Tigris seufzte ungehalten. Sarin schlang sich beruhigend um ihn und er streichelte sie abwesend. Die Schlange selbst wusste auch nicht mehr als Tigris. Sie hatte einiges instinktives Wissen, das Tigris fehlte, aber es tauchte nur dann auf, wenn es benötigt wurde – wie ihre Fähigkeit, Tigris zu heilen, als er verletzt war. Er hatte zumindest herausgefunden, dass die Bindung ihn gegen gewöhnliche Gifte immun gemacht hatte, aber das war bisher alles.
Tigris rieb sich erschöpft die Stirn und schob die Bücher von sich. Es waren nun beinahe drei Tage vergangen, seit er aufgewacht war. Dass er sie ungehindert in der Bibliothek hatte verbringen können, war nur seiner Mutter zu verdanken. Sie hatte darauf bestanden, dass er sich noch erholen musste. Tigris wusste nur zu gut, dass sein Vater bald verlangen würde, dass er mit Draco an ihren Trainingsstunden teilnahm. Nicht das er es bedauerte, wirklich, er hatte begonnen, seine Kampfübungen mit Draco fast so sehr zu mögen wie Quidditch. Er wünschte nur, er hätte mehr Zeit, herauszufinden, was er wissen wollte. Nun ja, vielleicht würde ihm die Bibliothek in Hogwarts mehr weiterhelfen. Sie war zwar nicht sehr viel größer als die seines Vaters, aber sein Vater hatte etliche Bücher, die in Hogwarts nicht vorhanden waren. Mit etwas Glück war es umgekehrt genauso, und mit noch mehr Glück waren es genau die, die er suchte.
Er rieb sich die Schläfen und betrachtete Sarin lächelnd. Die Schlange bot auch ohne Lider ein Sinnbild der Langeweile. Amüsanter Weise war jedoch das einzige, worüber sie sich beschwert hatte, dass es in der Bibliothek keine Mäuse gab. Während Tigris über sie nachdachte fiel ihm sein Gespräch mit Draco im Ballsaal wieder ein, und er beschloss, dass nun ein guter Zeitpunkt war, Sarin nach Nagini zu fragen.
„Sarin?"
„Ja, Meister?", antwortete die Schlange aus dem Schlaf gerissen.
„Woher kennst du Nagini?"
Sarin versteifte sich etwas. „Warum wollt Ihr das wissen?"
„Ich habe sie einmal getroffen. Ich würde gerne wissen, warum du sie so hasst."
„Sie ist eine Schande für ihre Rasse.", knurrte Sarin.
„Warum?", fragte Tigris neugierig.
Sarin schwieg einen Moment. „Nagini ist eine ägyptische Naga.", sagte sie dann. „Sie gehört zu einer sehr alten Schlangenrasse. Ihre Art hat sich früher nur an die zauberkräftigen Pharaonen gebunden, an wahre, durch Rituale geprüfte Herrscher."
„Und du denkst, dass der Zauberer, an den sie sich gebunden hat unwürdig ist?", fragte Tigris fasziniert.
Sarin zischte ärgerlich. „Ihr seid nicht der erste Sprecher, den ich getroffen habe, Meister.", gestand sie dann zögernd. „Vor etlichen Jahren, ich war noch ein Nestling, traf ich auf einen Zauberer nur weniges älter als Ihr. Er war ein Sprecher wie Ihr und er behauptete, aus der Linie meines Lords zu stammen. Er verlangte von mir, mit ihm zu binden. Aber als ich ihn beißen wollte, weigerte er sich. Er hatte Angst vor dem Tod!", fauchte sie mit Abscheu. „Unser Lord hat uns allen beigebracht, dass ein wahrer Herrscher keine Angst vor dem Tod hat. Ein wahrer Herrscher ist bereit, seinen Wert zu beweisen, ohne Rücksicht auf die Konsequenzen für ihn selbst. Er weiß zu geben, ebenso wie zu nehmen. Dieser Zauberer war kein wahrer Herrscher. Er lehnte mich ab, aus Furcht. Statt mir wählte er Nagini, die sich an ihn band, nur wegen seiner Fähigkeit zu sprechen. Dumme, unwürdige Naga! Vor langer Zeit bewunderten wir die Naga und später wurden wir Gleichgestellte. Doch Nagini ist tief unter uns gesunken."
Tigris lehnte sich zurück und dachte darüber nach, was er erfahren hatte. Seine Lippen kräuselten sich unwillkürlich. Es war ein Glück für seinen Vater, dass er Sarin nicht zu dem Dunklen Lord gebracht hatte. Tigris konnte sich gut vorstellen, wie der eitle Magier auf die Schlange reagiert hätte, die ihn vor so langer Zeit als unwürdig befunden hatte.
„Würdest du noch immer mit diesem Zauberer binden, wenn er dir heute zustimmen würde?", fragte er.
„Selbst wenn ich ihn nicht verachten würde, ", antwortete Sarin, „ich könnte es nicht. Ich bin an Euch gebunden. Mein Gift würde ihn töten wie jeden anderen Mensch."
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„Hast du dich erholt?", fragte sein Vater nach dem Abendessen.
„Ja, es geht mir wieder gut."
„Gut, dann kannst du dich ab morgen Draco beim Training anschließen."
Tigris nickte nur, er hatte diese Antwort bereits erwartet.
„Heute Abend werden ein paar Gäste zu einer privaten Feier da sein. Ich erwarte ein tadelloses Benehmen von dir, verstanden?"
Tigris nickte, aber runzelte die Stirn. Es musste einen Grund dafür geben, dass Lucius es für notwendig hielt, ihn darauf hinzuweisen. „Wer wird da sein?", fragte er mit einem unguten Vorgefühl.
„Nur ein paar Freunde und Familienmitglieder. Unter Umständen kennst du einige von ihnen."
„Todesser.", stellte Tigris fest, bemüht seinen Ton so neutral wie möglich zu halten.
Sein Vater sah ihn nachdenklich an, dann lächelte er kühl. „Du wirst natürlich allen unseren Gästen die Höflichkeit erweisen, die ihnen zusteht, wie es von einem meiner Söhne erwartet wird."
Tigris hielt einen bissigen Kommentar zurück. „Wird Professor Snape auch da sein?"
„Nein, Severus ist üblicherweise nicht zu solchen Feiern eingeladen. Es wäre sehr unglücklich, wenn seine Abwesenheit dem einmischungsfreudigen alten Narr in Hogwarts Ideen geben würde, meinst du nicht?"
„Natürlich.", murmelte Tigris und lächelte bemüht zurück. „Du brauchst dir keine Sorgen über mein Verhalten zu machen, Vater. Du weißt, ich würde dich nicht enttäuschen."
„Ich hoffte, du würdest mit mir einer Meinung sein. Nun geh und zieh dich um – und tu etwas mit dieser Schlange von dir. Du hast noch zwei Stunden, bis die Feier anfängt."
„Ja, Vater." Tigris neigte den Kopf und ging, verärgert die Zähne zusammenbeißend, sobald er außer Sichtweite war. „Natürlich, Vater. Alles was du wünscht, Vater."
„Ihr klingt aufgebracht, Meister.", meinte Sarin. „Kann ich Euch helfen?"
Tigris seufzte. „Nein, du kannst nichts daran ändern. Es ist eine Menschenangelegenheit, weißt du?"
„Erzählt es mir. Ich höre zu."
Tigris seufzte erneut. „Da sind ein paar Leute, die ich nicht leiden kann. Sie kommen hierher und ich soll nett zu ihnen sein, obwohl ich es nicht will."
„Wenn Ihr es nicht wollt, dann tut es nicht."
„Das ist nicht so einfach."
„Warum nicht?"
„Wenn ich dir befehlen würde, nett zu Nagini zu sein, würdest du es tun?"
Sarin wand sich unbehaglich. „Ja, aber nicht gerne."
„Siehst du." Ein Gedanke kam ihm und er verzog das Gesicht. „Hör zu Sarin, dieser andere Sprecher, von dem du mir erzählt hast wird vielleicht da sein. Ich hoffe wirklich nicht, dass das der Fall ist, aber wenn, darfst du ihm nicht sagen wer du bist. Du musst tun als wärst du nur eine gewöhnliche Kornnatter, die ich als Haustier gekauft habe. Er darf auch nicht wissen, dass ich ein Sprecher bin."
„Ihr mögt ihn nicht.", stellte die Schlange fest.
„Nein.", gab Tigris zu. „Aber das ist nicht der Punkt."
„Ich werde tun, was Ihr sagt. Wenn Nagini da ist, soll ich so tun, als ob ich sie mag? Sie frisst andere Schlangen, wisst Ihr? Ich könnte tun, als ob das der Grund ist, dass ich sie nicht mag."
„Sehr schlau von dir.", meinte Tigris, leise lachend. „Wie du willst, du musst nicht so tun, als ob du sie magst."
„Gut.", sagte Sarin zufrieden.
Das Gespräch mit seiner Schlange hatte Tigris ein wenig gelassener gemacht. Nachdem er sich umgezogen hatte, suchte er ein magisches Foto einer Kornnatter hervor und konzentrierte sich darauf, Sarin zu verwandeln. Es funktionierte nicht gleich beim ersten Mal, aber nach dem dritten Versuch hatte er eine braun-rot gefleckte, wenn auch ein wenig verstimmte, Kornnatter vor sich. Sie wand sich um seinen Arm und schmollte, aber protestierte nicht gegen ihre Verwandlung. Tigris lächelte flüchtig und ging zu Draco hinüber, so dass er nicht alleine zu der Feier gehen musste.
„Sie sind nicht alle wie Tante Bella.", meinte Draco, als sie die Treppe hinuntergingen. Da es eine private Feier war, war sie offenbar im Salon und nicht im Ballsaal wie die andere. „Die meisten von ihnen sind wirklich ganz nett."
„So nett wie Vater?", erwiderte Tigris zynisch. Er hatte es bisher geschafft, den Gedanken an Bellatrix zu verdrängen. Vielleicht gab es eine Möglichkeit, sie umzubringen, ohne dass es jemand merkte. Ob Sarin sie beißen könnte, ohne dass es auffiel? Sein Vater würde es wahrscheinlich merken. Zu schade.
Draco warf ihm einen tadelnden Blick zu. „Das war wirklich überflüssig."
Tigris seufzte und verzog die Lippen zu einem gespielten Lächeln. „Keine Sorge, kleiner Bruder. Ich habe Vater schon versprochen, die Party nicht zu ruinieren."
Draco sah düster geradeaus, sagte aber nichts mehr.
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Als sie die Treppe hinunter kamen, sah Tigris, dass der Flur links neben der Treppe sich verbreitert hatte. Wenn man an der Treppe vorbei ging lief man nun gerade auf eine weit geöffnete Flügeltür zu, hinter welcher der Salon zu sehen war, in dem Draco und er ihre Eltern nach Halloween hatten tanzen sehen. Als sie den Raum betraten, fiel Tigris' Blick als erstes auf ein Paar, mit dem seine Mutter sich unterhielt. Tigris wusste sofort, dass es Gregorys Eltern waren. Auch wenn die kleine, zerbrechlich wirkende Hexe keinerlei Ähnlichkeit mit dem Jungen hatte, der Vater war eine größere Version seines Sohnes. Selbst das borstige braune Haar war dasselbe.
„Wie ich sehe, habt ihr wieder ein so wunderbares Büffet, Narcissa.", sagte Mrs. Goyle gerade. „Gilbert hat noch tagelang von dem letzten gesprochen. Unsere Hauselfen können sich einfach nicht mit euren messen."
Seine Mutter lächelte höflich, aber wenn man genau hinsah, merkte man, dass sie gelangweilt war. „Man tut was man kann, Dolly. Wollt ihr euch nicht setzen? Cetus und Wilma müssen jeden Moment hier sein."
„Danke, natürlich."
Die beiden nahmen auf einem Sofa Platz, das mit einigen anderen Sofas und Sesseln einen Kreis um einen langen, flachen Tisch bildete. In der Mitte standen mehrere Schalen mit Backwerk, an denen sich Mister Goyle sofort fröhlich bediente, während seine Frau an einer Tasse Tee nippte.
„Draco, Tigris, setzt euch schon mal. Es dauert noch etwas, bis die restlichen Gäste hier sind.", meinte ihre Mutter, als sie eingetreten waren. „Euer Vater kommt ein wenig später.", fügte sie leiser hinzu. „Er..."
„Narcissa, Darling!", wurde sie unterbrochen.
Eine korpulente rothaarige Frau in einer lächerlichen lila Robe kam auf sie zu und zog seine Mutter in eine herzliche Umarmung. Seine sonst so beherrschte Mutter schien einen Moment außer Fassung gebracht und brauchte offenbar einige Sekunden, um wieder Luft zu bekommen.
„Ich bin so froh, hier zu sein. Cetus kam wieder einmal nicht aus den Socken, wie üblich.", tönte die Frau währenddessen unbekümmert. „Ich dachte schon, wir wären furchtbar zu spät, aber wie ich sehe sind erst Dolly und Gilbert da."
Draco schob Tigris zu einem der Sofas hinüber und zog ihn neben sich hinein, etwas hastig ein Glas Wein in die Hand nehmend. Tigris erhaschte gerade noch einen Blick auf den Mann hinter der Rothaarigen, der niemand anders sein konnte, als Mister Crabbe.
„Ach, und da ist ja auch Draco! Dein Sohn ist wieder etwas größer geworden, wenn ich mich nicht täusche. Er wird Lucius von Mal zu Mal ähnlicher. Und das ist der Adoptivsohn, von dem du mir erzählt hast? Tigris hieß er, nicht wahr? Du musst mir alles darüber erzählen."
„Wilma.", sagte seine Mutter, schließlich wieder zu Atem gekommen. „Warum setzt du dich nicht und unterhältst dich ein wenig mit Dolly, während ich die anderen Gäste begrüße? Ich verspreche, ich komme später zu dir."
„Natürlich.", sagte Mrs. Crabbe – jedenfalls nahm Tigris an, dass sie das war – mit einem breiten Lächeln. „Ich will dich nicht von deinen Pflichten abhalten. Komm, Cetus, lass uns Dolly und Gilbert begrüßen." Sie kam zu ihnen hinüber und setzte sich neben die blondhaarige kleine Frau, die ihr ein etwas unsicheres Lächeln zuwarf, noch immer an ihrem Tee nippend.
„Dolly, Darling! Wir haben uns auch so lange nicht mehr gesehen. Wie geht es dir?"
Mister Crabbe setzte sich neben Mister Goyle, etwas wie eine Begrüßung murmelnd, um ihn beim Plündern der Schalen behilflich zu sein. Die beiden erinnerten Tigris so sehr an ihre Söhne, dass er sich ein Grinsen verbeißen musste.
„Diese Frau ist wirklich furchtbar.", murmelte Draco, vorgebend einen Schluck Wein zu trinken. „Ich hoffe nur, sie bleibt noch eine Weile mit Dolly Goyle beschäftigt. Bedauerlicherweise hat die das Gehirn eines Spatzen." Glücklicherweise saßen sie fast die gesamte Länge des Tisches von den beiden Paaren entfernt. Tigris nahm sich ein Glas Weißwein von Tisch und murmelte einen Zauber, um ihn in Apfelsaft zu verwandeln.
Draco grinste ihm zu und hob sein Glas in seine Richtung. „Kirsche."
Tigris grinste zurück. Wenig später traf das nächste Paar ein. Die Frau war klein und mager, mit schwarzen Haaren. Der Mann hatte lange, dunkelblonde Haare und kam Tigris vage bekannt vor. Er wirkte ziemlich blass und übernächtigt.
„Cousin!", begrüßte seine Mutter ihn warm, ihn in eine Umarmung ziehend, die der Mann mit einem flüchtigen Lächeln erwiderte. „Geht es dir besser?"
„Ein wenig, Cousine." Die Stimme kam Tigris bekannt vor, aber er konnte sie nicht recht einordnen.
„Du achtest auf ihn, nicht wahr, Antilia?"
Die schwarzhaarige Frau lächelte ein wenig traurig. „So gut ich kann, Narcissa. Aber du weißt ja, wie es ist..."
Seine Mutter lächelte ihr wohlwollend zu. „Setzt euch doch."
„Wer sind die beiden?", flüsterte Tigris Draco zu.
„Das ist ein Cousin von Mutter, mütterlicherseits. Sein Name ist Lepus Avery und die Frau bei ihm ist seine Ehefrau, Antilia."
Tigris starrte den Mann an und versuchte seinen Schock zu verbergen. Das letzte Mal, als er diese Stimme gehört hatte, hatte Avery geschrieen, als der Dunkle Lord ihn mit dem Cruciatus belegte. Er war, erinnerte Tigris sich, einer der Todesser gewesen, die ihn und seine Freunde in der Mysteriumsabteilung gejagt hatten, aber er hatte ihn nie zuvor ohne Maske gesehen. Er sah verwundbar aus, und beklemmend menschlich. Das Paar kam zu ihnen hinüber und setzte sich auf Dracos Seite neben sie.
„Grüß dich, Lepus.", sagte Draco, Avery die Hand reichend. „Antilia. Das ist mein Cousin und Adoptivbruder, Tigris."
„Es freut mich, Sie kennen zu lernen.", sagte Tigris, die Hand ausstreckend.
Avery musterte ihn flüchtig und schüttelte sie. „Nenn mich Lepus. Wir sind schließlich alle Teil einer Familie."
Die Frau lächelte Tigris zu und nahm sich eine Karte vom Tisch, mit ihrem Stab darauf tippend. Eine Sekunde später stand eine dampfende Tasse Tee vor ihr.
„Wie läuft es in der Schule?", fragte Lepus Draco.
Draco zuckte mit den Schultern. „Wie gewöhnlich. Wir haben ein hervorragendes Quidditchteam dieses Jahr."
„Ich hörte davon. Severus unterrichtet noch immer Tränke, nicht wahr? Ich verstehe es nicht, jedes Mal wenn ich mit ihm rede, erzählt er mir, wie sehr er es hasst."
Draco lachte amüsiert. „Der Tag an dem Severus zugibt, dass er gerne unterrichtet, ist der Tag an dem man ein Mondkalb in Diagon Alley sichtet."
„Hallo, Ozzie!", lenkte Tigris die Stimme von Mrs. Crabbe ab.
„Wilma!", erwiderte ein dicklicher kleiner Zauberer mit Stupsnase und Sommersprossen in nicht geringerer Lautstärke. „So jung wie immer, wie ich sehe."
Die Erwiderung ließ die korpulente Hexe kichern. „Alter Schmeichler. Komm und setz dich. Was hast du getrieben?"
„Oswald Jugson.", sagte Draco auf Tigris' fragenden Blick hin, ihm eine weitere Überraschung bescherend.
Tigris' Blick wanderte zu der nächsten eintreffenden Gruppe. Er erkannte einen der Männer auf der Stelle. Sein pockennarbiges Gesicht war ihm aus seinen Visionen ebenso wie von dem Fahndungsfoto im Daily Prophet bekannt – Augustus Rookwood. Die Frau neben ihm war zu jung, um seine Ehefrau zu sein, vielleicht war es seine Tochter. Der andere Mann hatte schwarze Haare und erinnerte Tigris vom Aussehen her ein wenig an Sirius. Besser gesagt, er sah so aus, wie Sirius ausgesehen hätte, wenn er nicht in Askaban gewesen wäre. Seine Mutter sprach auch ihn als Cousin an, wenn auch deutlich kühler als Lepus.
„Das sind Cygnus Nerva und seine Frau Cornelia.", unterbrach Draco sein Gespräch. „Der Mann neben ihr ist ihr Vater, Augustus Rookwood."
Tigris nickte nur.
„Er ist ein eingebildeter Pfau.", kommentierte Lepus, ein Grinsen unterdrückend, als die Gruppe in ihre Richtung kam. „Aber das Mädchen ist vernünftig. Sie arbeitet im Ministerium, ist besser als ihr Vater."
Tigris brauchte ein paar Sekunden, um zu begreifen, was das hieß. Draco wirkte ein wenig verwirrt, er hatte offensichtlich vergessen, dass Rookwood im letzten Krieg der Spion des Dunklen Lords unter den Unausprechlichen gewesen war. Sie begrüßten die Gruppe und die drei setzten sich auf seiner Seite, um sich untereinander zu unterhalten.
Das nächste Paar – ein großer, blonder Mann und eine Frau, die hübsch hätte sein können, wäre sie nicht so überschminkt gewesen – setzte sich zu den Crabbes und Goyles.
„Die Parkinsons.", meinte Draco mit schlecht verborgener Abneigung. „Mugnelda Wilkes.", kommentierte er weiter, als das nächste Paar ihnen folgte. „Sie ist Editorin beim Daily Prophet. Der Mann neben ihr ist ihr Schwager Russel, er ist Fotograf." Der Mann war recht gutaussehend und bedachte jeden am Tisch mit einem Grinsen, das Tigris an Lockhart erinnerte, bevor er sich setzte. Die Frau hingegen wirkte eher missmutig, und vertiefte sich schon bald in ein gedämpftes Gespräch mit Cornelia Nerva.
„Fehlt nur noch deine liebenswerte Tante und ihr Anhang.", meinte Lepus. „Oder hat deine Mutter auch Nott eingeladen?"
Draco schüttelte den Kopf. „Nicht dass ich wüsste. Es gab ein kleines Missverständnis mit Libentina das letzte Mal."
Antilia schnaubte verächtlich. „Missverständnis? Mich wundert es, dass Narcissa ihr nicht die Pocken auf den Hals gehext hat. Ich hätte es sicher getan."
„Mutter ist da lieber etwas subtiler.", meinte sein Bruder grinsend. „Aber ich hörte, ihr damaliger Liebhaber verließ sie recht abrupt."
Antilia lachte leise. „Das war Narcissa? Erinnere mich daran, sie später nach dieser Verwünschung zu fragen."
Lachen ertönte aus der Eingangshalle und die meisten Gespräche am Tisch verstummten schlagartig. Es waren mehrere Stimmen, aber Tigris erkannte sofort die seines Vaters und die von Bellatrix Lestrange. Dracos Gesicht verwandelte sich plötzlich in eine Maske kühler Indifferenz, obwohl er beim Gespräch mit Lepus zuvor entspannt gewesen war.
Tigris starrte auf die Tür und unterdrückte die Wut, die bei Bellatrix' Gelächter in ihm aufstieg.
Sein Vater trat ein und begrüßte seine Mutter mit einem Kuss auf die Wange. Sein Gesicht war ein wenig gerötet. Es hätte an der Kälte draußen liegen können, wäre da nicht auch ein eigenartiges Glänzen in seinen Augen gewesen. Die drei die nach ihm eintraten sahen ähnlich aus, und sie alle waren offenbar hervorragender Laune.
„Grüß dich, Liebling.", sagte sein Vater, ein wenig außer Atem. „Wie ich sehe, habt ihr schon angefangen. Lasst euch nicht stören!"
Er winkte den vor ihm sitzenden Leuten zu, die zögernd ihre Gespräche wieder aufnahmen. Die einzigen, die von dem ganzen völlig unberührt geblieben waren, waren Crabbe und Goyle, die entdeckt hatten, dass die Hauselfen die Schalen auffüllten, sobald sie leer waren.
Tigris ignorierte die Leute um sich herum und hörte seiner Mutter zu, wie sie die letzten Gäste begrüßte.
„Rabastan, es freut mich, dich zu sehen.", sagte sie gerade zu dem schlankeren der beiden Lestranges, nachdem sie Rodolphus etwas steif willkommengeheißen hatte.
Der Mann, der im Gegensatz zu seinem gedrungenen Bruder langes, lockiges Haar hatte, erwiderte ihr Lächeln. „Das geht mir genauso, Narcissa."
Seine Mutter wandte sich Bellatrix zu. „Das gilt natürlich auch für dich, Schwester." Ihre Stimme war kaum merklich höher als zuvor.
„Warm und herzlich wie immer, Liebes.", erwiderte Bellatrix mit einem Lächeln, dass sich nicht einmal die Mühe machte etwas anderes zu sein als künstlich. „Habt ihr euch bisher amüsiert? Ich versichere dir, wir haben es."
„Wie schön für dich, Liebes.", erwiderte seine Mutter recht gezwungen. „Setzt euch doch."
Zu Tigris' Erleichterung setzten sich sein Vater und die Lestranges ein gutes Stück entfernt von ihnen zu Mrs. Wilkes. Seine Mutter hingegen kam zu ihnen hinüber und setzte sich neben Mrs. Nerva.
„Schön, dass ihr alle da seid!", rief sein Vater, sich lässig zurücklehnend. „Vielleicht etwas Musik, um die Atmosphäre ein wenig aufzulockern?"
Er schwenkte seinen Stab, und das Klavier begann zu spielen. Keine klassische Musik, sondern eine Art, die Tigris unbekannt war. Dann beugte er sich zu Rodolphus hinüber und sagte etwas zu ihm, was diesen auflachen ließ. Bellatrix hingegen sah nicht sehr erfreut aus.
„Es erstaunt mich", sagte sie ziemlich laut, „wie es dir erneut gelungen ist, den Klauen des Ministeriums zu entwischen, Lucius. Ein beeindruckendes Talent, wirklich, sich aus allen Problemen herauszuwinden. Wir würden alle zu gerne wissen, wie du es machst."
Sein Vater grinste ihr boshaft zu. „Nun, Bella, das ist die Überlegenheit von Intelligenz gegenüber schierer Brutalität."
„Weil du der Brutalität so abgeneigt bist, verehrter Schwager?", erwiderte die Hexe bissig.
Sein Vater lachte. „Du kennst mich doch, Bella. Ich mag ihr nicht abgeneigt sein, aber vergesse den Wert von Intelligenz deswegen nicht. Ich verstehe es jedoch, wenn du andere Ansichten vertrittst. Eine solche Einstellung hat mit Sicherheit ihren Charme... auch wenn er mir entgeht."
Bellatrix warf Lucius einen ärgerlichen Blick zu, aber entgegnete nichts weiter und vertiefte sich stattdessen in ein Gespräch mit Mrs. Wilkes, die von ihr sehr angetan schien.
„Für welche NEWT-Kurse interessierst du dich besonders, Tigris?", fragte Lepus, Tigris von Bellatrix ablenkend.
Tigris unterhielt sich eine Weile mit ihm und Draco über Hogwarts, bis die beiden begannen, über ein paar Tigris unbekannte Verwandte zu reden und er seine Aufmerksamkeit wieder dem Raum zuwendete.
Irgendwann hatte Wilma Crabbe mit einem der Männer die Plätze getauscht und saß nun mit seiner Mutter, Mrs. Parkinson und Mr. und Mrs. Nerva links neben Tigris.
„Edwina Tofty will bald heiraten, habt ihr davon gehört?", meinte sie gerade.
„Oh ja.", erwiderte seine Mutter. „Widerlich, nicht wahr? Allein bei dem Gedanken wird mir übel." Das erntete zustimmendes Nicken der anderen Frauen. „Ich kann es mir nicht einmal vorstellen.", fuhr sie fort, sich in einer angewiderten Geste die Hand vor den Mund haltend. „Es ist ein wenig als wenn man es mit einem Hund... ich meine, die körperlichen Attribute sind ja da – denke ich – aber trotzdem..."
Tigris dämmerte langsam, worüber sie redete und er starrte sie schockiert an. Sie konnte das nicht erst meinen, oder?
„Ungeziefer!", warf Bellatrix von der anderen Seite des Tisches ein. „Man sollte sie alle ausradieren."
„Nun, das ist nicht ganz das, was ich meinte.", entgegnete seine Mutter ironisch.
„Wenn Britannien erst einmal von den Muggeln und Schlammblütlern gereinigt ist, wird unser erleuchteter Lord die Zaubererwelt von Grund auf reformieren.", fuhr Bellatrix fort. „Wir haben uns erst neulich darüber unterhalten. Wenn unser Lord erst an der Macht ist wird man dem reinen Blut endlich die Achtung zollen, die es verdient. Diese ganzen Halbblütler und Mischlinge, die das Ministerium verpesten, werden verschwinden. Dann kommt endlich Aufschwung. Es wird höchste Zeit, dass etwas gegen die ganze Korruption und Misswirtschaft getan wird, die die Schlammblütler eingeführt haben."
„Sehr richtig.", sagte Mrs. Wilkes neben Bellatrix. „Darauf sollten wir anstoßen."
„Unser Lord wird die Zaubererwelt neu bevölkern, rein und unbefleckt.", fügte Bellatrix hinzu.
Die Gläser wurden darauf gehoben. Tigris stieß mit den anderen an, ein Gefühl der Übelkeit im Magen. Am liebsten würde er sie darauf ansprechen, dass ihr ‚erleuchteter' Lord dann wohl auch verschwinden müsste, da er selbst ein Halbblut war. Das wäre allerdings eine schlechte Idee.
„Nicht, dass meine geliebte Schwester eine Ahnung von dem ‚Bevölkern' hat.", meinte seine Mutter zu der Frau neben ihr.
Cornelia Nerva lachte boshaft. „Wohl kaum, nicht wahr?"
Tigris unterdrückte ein Lachen und fühlte sich gleich darauf schlecht.
„Was hältst du von Muggeln, Tigris?", fragte seine Mutter überraschend. Tigris sah sie überrascht und ein wenig verletzt an. Er hatte nicht erwartet, dass sie ihn in dieses Gespräch mit hineinziehen würde. Dennoch dachte er darüber nach und überlegte, was er sagen konnte.
„Sie sind dumm.", sagte er schließlich. „Sie sind dumm und fürchten alles, was sie nicht verstehen, was eine Menge ist. Ein Zauberer kann ihnen leicht Angst einjagen, aber sie werden ebenso leicht aggressiv, wenn sie glauben, in einer überlegenen Position zu sein. Deshalb ist es so gefährlich, dass es so viele von ihnen gibt. Wenn sie von uns Zauberern wüssten, würden sie uns höchstwahrscheinlich angreifen und verfolgen, wie es bereits im Mittelalter geschehen ist. Glücklicherweise hängen sie sehr an ihrer vorgefassten Meinung. Da sie Magie für ein Märchen halten, ist es sehr schwer, sie vom Gegenteil zu überzeugen. Jemanden, der es ihnen sagen würde, würden sie höchstwahrscheinlich für verrückt erklären."
Seine Mutter nickte nachdenklich. Tigris hatte bemerkt, dass Draco sein Gespräch unterbrochen hatte, und ihm ein wenig verblüfft zugehört hatte.
„Muggel sind einfältig.", meinte seine Mutter. „Sie sind von Natur aus nicht für komplexes Denken geschaffen, deswegen können sie auch Magie nicht verstehen. Sie sehen aus wie wir, aber ihnen fehlt etwas Entscheidendes. Weißt du, Tigris, jedes intelligente magische Wesen hat einen magischen Kern, die Seele, wenn man so will. Es ist das, was uns wirklich ausmacht, was von uns übrig bleibt, wenn wir einmal sterben. Muggel, ähnlich Tieren, haben das nicht. Das ist der Grund dafür, dass sie uns unterlegen sind."
Tigris starrte sie an. „Tatsächlich?", brachte er hervor.
Sie lächelte ihm zu. „Ich weiß, es ist schwierig zu verstehen, aber es ist wahr. Meine Mutter hat mir das schon als kleines Kind beigebracht."
„Draco!", unterbrach sie die Stimme seines Vaters.
Sein Bruder wandte sich zu ihm um. „Ja?"
„Warum spielst du nicht etwas für uns?"
„Gerne, Vater." Draco sah allerdings nicht so aus, als würde er es wirklich gern tun. Sein Vater lächelte ihm zu und hielt dann Bellatrix die Hand hin.
„Ich habe Lust, zu tanzen. Erweist du mir die Ehre, Bella?"
Draco stand auf und ging zum Klavier hinüber. Er stoppte die automatische Musik mit einer Bewegung seines Stabes und setzte sich, dann begann er zu spielen. Es war eine einfache Tanzmusik, nichts im Vergleich zu dem, was Tigris ihn zuvor spielen gehört hatte. Sein Vater zog Bellatrix hoch und mit sich zur Mitte des Raumes, wo Platz genug für einen Tanz war.
„Ein Tanz!", rief seine Mutter, etwas übertrieben fröhlich. „Kommst du mit, Tigris?"
„Natürlich." Tigris konnte es ihr kaum abschlagen, besonders, da sie bereits halb stand. Er stand auf und führte sie zur Tanzfläche, wo Mrs. Wilkes und ihr Schwager sich bereits seinem Vater und Bellatrix hinzugesellt hatten. Sein Bruder entschied sich gerade da, etwas Schnelleres zu spielen, und Tigris brauchte all seine Konzentration, um im Takt zu bleiben. Er war froh, als Bellatrix nach einigen Stücken aufgab, und er seine Mutter seinem Vater überlassen konnte. Er ging zum Büffet, um sich etwas zu Essen zu holen.
„Du bist also Lucius neuerworbener Sohn.", sagte plötzlich eine spöttische Stimme hinter ihm. Tigris fuhr herum und sah sich Bellatrix gegenüber. Eine Welle von Hass durchlief ihn, und er hatte Mühe, sich zu beherrschen.
„Das ist richtig.", brachte er hervor.
Ihr Blick wanderte recht provozierend über ihn und sie verzog hämisch den Mund. „Eine Menge Ähnlichkeit für einen ADOPTIVsohn. Man könnte glauben, dass ihr verwandt seid. Aber meine arme Schwester glaubt ja noch immer, ihr Mann sei treu. Wir wollen ihr nicht die Illusion rauben, nicht wahr?" Sie streckte die Hand aus. „Ich bin übrigens Bella."
„Tigris.", sagte er, die Hand ausstreckend, auch wenn er nicht vorhatte, sie anzufassen. „Um die Wahrheit zu sagen, wir sind verwandt. Ich bin der Sohn seiner Schwester. Hat er dir das nicht gesagt?"
Sie zog die Hand zurück, als hätte sie sich verbrannt. „Agrippinillas?", spie sie.
„Ja.", sagte Tigris, Ahnungslosigkeit vortäuschend. „Das ist ihr Name. Warum?"
Bellatrix wandte sich ruckartig ab und stolzierte zur Tanzfläche hinüber. Am Rand blieb sie stehen und warf seinem Vater finstere Blicke zu. Tigris grinste ihr hinterher und nahm seinen Teller, um sich wieder zu setzen.
Gerade als Tigris aufgegessen hatte, ertönte ein Tumult von der Tanzfläche her. Bellatrix hatte sich vor seinem Vater aufgebaut und redete ärgerlich auf ihn ein. Sein Vater erwiderte nichts, aber schien recht amüsiert. Es dauerte nicht lange, bis sie die Aufmerksamkeit aller anwesenden Gäste hatten. Es erheiterte Tigris, bis sein Vater ihn zu sich rief. Tigris stand zögernd auf und ging zu ihnen hinüber. Sein Vater lächelte ihm zu und deutete zu Bellatrix, die vor Wut bebte.
„Deine Tante Bella hier scheint die Idee gewonnen zu haben, dass du ein Schlammblut bist. Kannst du mir vielleicht erklären, wie sie zu diesem Fehlschluss gelangt sein mag?"
Bellatrix blinzelte, sichtlich überrumpelt.
Tigris zuckte mit den Schultern. „Ich habe keine Ahnung, Sir."
„Wirklich?" Sein Vater strich ihm in einer täuschend liebevollen Geste über den Rücken. Tigris biss die Zähne zusammen. Sein Rücken war noch immer nicht völlig geheilt und die Berührung war alles andere als angenehm.
„Ich sagte ihr lediglich, dass Agrippinilla meine Mutter war."
Sein Vater lächelte noch immer, und seine Hand rieb Kreise über Tigris' Rücken, als wollte er ihn beruhigen. „Du hast allerdings vergessen zu erwähnen, dass du das Produkt einer Affäre bist, und daher reinblütig."
„Es tut mir leid, Vater.", brachte Tigris hervor und bemühte sich, nicht zusammenzuzucken, als sein Vater ihm auf den Rücken klopfte.
„Wir alle vergessen manchmal etwas. Es ist nicht deine Schuld, wenn deine Tante lieber voreilige Schlüsse zieht, als nachzudenken. Wie ist es, Bella, ist dein Problem damit gelöst?"
„Ja.", knurrte sie. Sie machte keine Anstalten, ihm die Hand zu reichen, wofür Tigris dankbar war.
Sein Vater lächelte zufrieden. „Es war ein langer Abend. Wahrscheinlich ist es das Beste, wenn du dich zurückziehst, meinst du nicht auch, Tigris?"
„Ja, Vater."
Sein Vater nickte ihm zu. „Gute Nacht."
„Gute Nacht, Vater." Tigris ging und war mehr als froh, den furchtbaren Abend hinter sich zu lassen.
o
Tigris wusste nicht, warum er überhaupt begonnen hatte, das dicke Buch zu lesen. Er war erst auf Seite 30 angekommen, und es frustrierte ihn bereits ohne Ende. Es war nicht das Thema. Das Thema war interessant. Es war nur so, dass es ihm vorkam, als wäre es in kryptischen Runen geschrieben, obwohl es in modernstem Englisch verfasst war. Was Tigris daran am meisten ärgerte, war, dass es von Muggeln geschrieben wurde. Wie konnte es so komplex sein, dass er es nicht verstand? Er starrte widerwillig auf die Worte vor ihm.
Eine konstante Beschleunigung bedeutet, dass die Steigung der v-t-Kurve konstant ist, die Geschwindigkeit also linear mit der Zeit zunimmt. Wenn zur Zeit t 0 die Geschwindigkeit...
Tigris rieb sich ungehalten die Stirn. Es musste daran liegen, dass er keine Arithmantik beherrschte. Jeder dritte Satz in diesem Buch endete mit einer ihm unverständlichen Formel, aus welcher der Autor Schlüsse zog, die scheinbar offensichtlich sein sollten. Für Tigris waren sie allerdings alles andere als offensichtlich. Sein Blick wanderte zu Draco, der etwas von ihm entfernt an einem Tisch saß und sich Notizen aus einem alten Buch machte. Er klappte den Band zu und ging zu ihm hinüber.
„Was machst du? Hausaufgaben?"
Sein Bruder sah auf. „Nein. Vater hat mir aufgetragen, etwas nachzulesen." Dracos Blick wanderte zu dem Buch in Tigris' Arm. „Worum geht es?"
„Es ist nicht wirklich wichtig. Wenn ich dich störe..."
„Nein, ich habe noch jede Menge Zeit. Also?"
Tigris legte das Buch vor ihm auf den Tisch und klappte es auf. „Ich habe begonnen, dieses Buch zu lesen und es enthält diese komischen Formeln, die ich nicht verstehe. Ich dachte, da du Arithmantik hast..."
Draco zog die Brauen hoch. „Von mir aus. Aber ich sage dir gleich, die meisten arithmantischen Sachen sind nicht so einfach zu verstehen, wenn einem die Grundlagen fehlen."
„Kannst du versuchen, es mir zu erklären?"
Draco zuckte mit den Schultern und beugte sich über das Buch. „Mal sehen." Er las sich stirnrunzelnd den Text durch, blätterte erst eine Seite zurück, dann eine Seite vor. „Das ist nicht wirklich Arithmantik, aber es wird auch in der Arithmantik verwendet. Es ist Analysis. Das sind Variablen. X zum Beispiel steht hier für die Strecke. Sie verändert sich in Abhängigkeit von der Zeit. Wenn man das graphisch aufträgt, erhält man diese Kurve hier. Das Integral, von dem sie sprechen, ist die Geschwindigkeit." Draco hielt inne, als er Tigris' offensichtlich verständnislosen Blick bemerkte. „Ich sagte dir, es ist nicht einfach. Was ist das überhaupt?" Er klappte das Buch zu, um den Titel zu lesen. „ ‚Paul A. Tipler, Physik' – warum liest du so einen Unsinn? Als wenn Muggel eine Ahnung hätten, wie die Welt wirklich funktioniert."
Tigris biss sich ein wenig verlegen auf die Lippen. „Es sind ein paar interessante Sachen darin. Außerdem kann es nicht schaden, ein bisschen mehr über Muggel zu wissen – woran sie glauben, warum sie so sind, wie sie sind..."
Draco schnaubte verächtlich. „Du kannst dich mit Richard zusammentun. Muggel sind dumm, du hast es gestern selbst gesagt. Was immer sie sich zu Recht gesponnen haben, es kann nicht wirklich wichtig sein." Er schob Tigris das Buch zu. „Stell es zurück und such dir ein richtiges Buch, über Verwandlungen oder Zauberkunst. Das da ist doch nur Zeitvergeudung."
Tigris seufzte. „Vielleicht hast du Recht. Ich verstehe ohnehin den größten Teil nicht. Trotzdem..."
Draco grinste. „Es ärgert dich, dass du es nicht verstehst? Dort hinten ist die Abteilung für Arithmantik. Es sind ein paar ganz gute Anfängerbücher dabei."
Tigris schüttelte widerstrebend den Kopf. „Nein danke. Was ich von dir und Theodore gehört habe, hat mir gereicht."
Sein Bruder lachte leise. „Dann wirst du dich wohl damit abfinden müssen. Warum liest du nicht ein Buch über Muggel, anstelle eines Buchs von Muggeln? Davon hast du sicher mehr."
Tigris betrachtete das dicke Buch widerstrebend und nickte schließlich. „Das ist wahrscheinlich das Beste. Danke, Draco."
„Keine Ursache." Sein Bruder betrachtete ihn nachdenklich. „Hast du übrigens gemeint, was du gestern sagtest?"
„Das über die Muggel?", fragte Tigris ein wenig überrascht. „Ja, warum?"
Draco zuckte mit den Schultern. „Es hat mich nur überrascht, das ist alles."
„Ich habe jahrelang mit Muggeln gelebt. Ich weiß, dass sie nicht besonders intelligent sind."
Draco nickte. „Ja, ich bin der letzte, der das abstreitet. Es hat mich nur überrascht, es von dir zu hören, das ist alles."
„Oh." Tigris nahm das Buch auf. „Ich hätte es wahrscheinlich nicht gegenüber Ron und Hermione gesagt. Aber das liegt daran, dass in Gryffindor so gut wie niemand schlecht über Muggel redet, und Hermione gegenüber wäre es unhöflich gewesen. Die Zwillinge haben immer gewusst, was ich denke, sie stimmen mit mir überein. Sie haben sie schließlich auch getroffen."
„Redest du von den Muggeln, mit denen du gelebt hast, oder von Muggeln allgemein?", fragte Draco skeptisch.
„Die Muggel, denen ich begegnet bin waren sich alle ziemlich ähnlich. Die Dursleys waren vielleicht ein wenig extrem, aber ich war immer der Meinung, das lag daran, dass sie wussten, dass ich ein Zauberer bin. Die anderen Muggel hätten vielleicht genauso reagiert, wenn sie es gewusst hätten."
Sein Bruder nickte nachdenklich. „Ich kann das nicht beurteilen, ich habe noch nie wirklich Muggel getroffen. Ich weiß nur, was man über sie erzählt. Einige der Geschichten sind ja lustig, aber ich habe es nie wirklich geschafft, sie zu mögen."
Tigris grinste ihm flüchtig zu. „Ich habe keine Ahnung, warum man sie mögen sollte. Ich habe Arthur Weasley nie verstanden, aber was soll's? Ich denke, nicht mal seine eigenen Kinder verstehen ihn."
Draco lachte. „Was soll ich dazu sagen? Du kennst meine Meinung."
Achtung, nutzlose A/N: Der Satz aus dem Tipler ist aus dem Tipler. Okay, nutzlose A/N zuende.
Vielen Dank für eure Reviews an: Fairylein, Detlef, YanisTamiem, Angie, LaraAnime, Kissymouse, Morgenstern, Igonia, Kylyen, Avallyn Black
Ich finde es interessant, wieviele unterschiedliche Meinungen es zu den letzten Kapiteln gibt. An alle, die das vorletzte Kapitel besonders mochten: Vielen Dank. An die, die es gar nicht mochten: Es hatte einen Sinn, auch wenn man ihn noch nicht erkennt. (Oder vielleicht erkennt ihn doch schon jemand?)
Igonia: Das 4te ist Yi.
