Kapitel 37

Elizabeths Tischnachbar, Mr. Peter Webber, verlor keine Zeit. Nachdem sie die notwendigen Höflichkeiten ausgetauscht hatten, versuchte er, Elizabeth mehr oder weniger subtil über ihre Herkunft und ihre Beziehung zur Familie Darcy auszuquetschen. Man konnte schließlich nie wissen, wie sie ihm noch nützlich sein konnte.

„Und was machen sie beruflich, Miss Bennet?" erkundigte er sich leutselig zwischen zwei Löffeln Suppe.

„Ich bin Buchhändlerin. Meiner Schwester und mir gehört ein Buchladen in Meryton, Hertfordshire." Mr. Webbers Lächeln verflachte etwas. Buchhändlerin. In der Provinz. Wie gewöhnlich! Was zum Teufel machte sie bei den Darcys auf Pemberley? War sie bloß Darcy juniors temporäre Bettgenossin? Nun ja, sie war hübsch, keine Frage, aber sie war bloß eine landpomeranzige Buchhänderin! Sie musste schon etwas zu bieten haben, wenn Darcy sie hierher einlud und mit ihr in die Kiste hüpfte. Nun ja, einige dieser Attribute waren sehr offensichtlich! Er fragte sich, wo um alles in der Welt er sie aufgegabelt hatte. Aber immerhin gehörte ihr der Schuppen, äh…Buchladen.

„Das ist sicher niemals langweilig!" heuchelte er Interesse.

„Nein, es macht mir viel Spaß. Es ist ein alteingesessenes Geschäft, klein, fast antik, aber sehr gemütlich. Wenn wir den Laden im Winter weihnachtlich geschmückt haben und draußen Schnee liegt, könnte man fast meinen, Jane Austen würde gleich hereinkommen." Mr. Webber nickte verstehend. Wer auch immer Jane Austen war...

„Das ist nett", meinte er lapidar und fragte sich, ob die Oberweite unter ihrem enganliegenden Kaschmirjäckchen echt oder aus Silikon war.

„Und womit verdienen sie so ihren Unterhalt?" fragte Elizabeth höflich, wenn auch eher weniger interessiert. Webber grinste. Das war schon eher ein Thema nach seinem Geschmack. Von sich zu erzählen, das konnte er gut.

„Ich bin Fernsehproduzent", erwiderte er selbstgefällig. „Vielleicht haben sie schon mal was von „Traust du dich?" gehört. Das ist sozusagen mein Baby." Elizabeth zog die Augenbrauen hoch. Wer hatte noch nicht von dieser neuen „Show" gehört, über die sich die ganze Insel momentan das Maul zerriss. Sie hatte mit Jane einmal neugierig hineingezappt, aber schon nach wenigen Minuten abgeschaltet. Ihr Geschmack war es nicht. Sie fand es abstoßend, was Leute für Geld alles taten.

„Oh. Gehört schon, aber noch nicht gesehen", murmelte sie. Webber war etwas verschnupft über ihren offenkundigen Mangel an Begeisterung.

„Wie schade. Sie wissen ja nicht, was sie verpassen. Das ganze Land spricht darüber." Elizabeth lächelte. Sie wollte ja auch nicht unhöflich sein.

„Ich werde es mir bei Gelegenheit ganz sicher einmal anschauen", versprach sie. Webber war wieder ein bißchen besänftigt. Unauffällig musterte er Elizabeth. Buchhändlerin hin oder her – ihm gefiel, was er sah. Es durfte nicht allzu schwer sein, sie in die Kiste zu locken. Wer konnte schon einem waschechten Fernsehproduzenten widerstehen? Welches Mädchen sehnte sich nicht danach, berühmt zu werden? Er konnte sie zum Star machen. Na ja, Star für eine Woche, denn heutzutage war man schneller wieder aus dem Interesse der Öffentlichkeit verschwunden als manch einem lieb war. Und er würde einen angenehmen Weg finden, wie sie ihre Dankbarkeit würde erweisen können. Das jedenfalls bildete er sich ein.

„Ich habe eine viel bessere Idee. Warum kommen sie nicht einmal ins Studio? Sind live dabei und werfen dabei einen Blick hinter die Kulissen? Ich garantiere ihnen, das ist super interessant und wird ihnen gefallen. Ich führe sie persönlich überall herum." Elizabeth lächelte etwas gequält.

„Nun ja, ich..."

„Oh, da müssen sie Elizabeth fragen, sie ist eine absolute Expertin auf dem Gebiet!" Elizabeth hörte Williams Stimme an ihrer Seite und wandte sich ihm zu. „Liz, Mrs. Donahue hat mir gerade erzählt, dass sie auf der Suche nach einer bestimmten Charles Dickens Verfilmung ist..." Elizabeth nickte Mr. Webber mit einem ebenso entschuldigenden wie erleichtertem Lächeln zu und hörte sich dann die etwas umständliche Frage einer älteren Lady an, die auf der Suche nach einer ganz speziellen DVD war. Puh, dachte sie, hoffentlich würde Mr. Webber sie nicht noch einmal fragen, ob sie ihn besuchen wolle!

Fürs erste war sie gerettet. Mr. Webber hatte während des Essens keine Gelegenheit mehr, sie zu einem Besuch im Studio zu drängen, aber er gab sich noch lange nicht geschlagen. Nach dem Essen, als sich die Gesellschaft in einzelne Grüppchen auflöste, suchte er weiterhin ihre Nähe.

Elizabeth fühlte sich überaus unwohl. William versuchte zwar, sie soweit es ging in seiner Nähe zu behalten, doch das funktionierte nicht besonders gut. Er als „Co-Gastgeber" war mehr oder weniger dazu verpflichtet, die Runde durch den Salon zu machen und mit allen Gästen zu plaudern. Elizabeth war anfangs noch an seiner Seite, doch da sie erstens unbekannt, zweitens bloß eine Buchhändlerin war und noch nicht einmal einer illustren Familie entstammte und dementsprechend nicht sehr viel zum Gespräch beitragen konnte und drittens offenkundig in keiner engeren Verbindung zur Familie Darcy stand, fühlte sie sich schnell ausgeschlossen.

Die anderen Gäste waren zwar höflich zu ihr, aber konnten mit der Unbekannten auf Dauer nicht viel anfangen – schließlich verschaffte es keinem von ihnen einen Vorteil, eine kleine Buchhändlerin aus Meryton zu kennen, auch wenn sie dem Herrn des Hauses ab und an das Bett zu wärmen schien. Diese Einschätzung, dass Elizabeth nicht viel mehr war als Darcys eher unwichtige, temporäre Gespielin und somit Freiwild, rief einige der anwesenden Herren auf den Plan – allen voran Peter Webber. Er drängte sich wieder an ihre Seite.

„Sie kennen die Darcys sicher schon lange?" begann er ein Gespräch. Elizabeth schaute ihn nachdenklich an und nahm sich vor, sich vor ihm in acht zu nehmen.

„Nein, eigentlich nicht. Erst seit diesem Sommer. Mein Onkel arbeitet für DS&T." Webber grinste.

„Ah. Dann sind sie eine gute Freundin der Familie? Und ich dachte schon…" Er machte eine bedeutungsschwere Pause, dann schüttelte er lachend den Kopf.

„Nun ja, ich hatte wohl eine falsche Vorstellung. Sie wissen schon, da es allgemein bekannt ist, dass Darcy Junior mit Anne de Bourgh verlobt ist… Sehen sie, so schnell zieht man falsche Schlüsse." Er lachte affektiert und Elizabeth starrte ihn ungläubig an.

Webber verstand ihren Blick falsch.

„Oh, ich habe doch jetzt hoffentlich nichts falsches gesagt? Oder bin in einen Fettnapf getreten? Entschuldigen sie. Das Privatleben der Darcys geht mich natürlich nichts an. Und natürlich auch nicht, in welcher Verbindung sie zueinander stehen." Elizabeth traute ihren Ohren kaum.

„Aber sie wissen ja, wie das in diesen illustren Kreisen heutzutage immer noch gern gehandhabt wird. Man heiratet vordergründig sozusagen aus Standesgründen, damit das Geld in der Familie bleibt. Kaum hat man die Ringe getauscht, gehen die Ehepartner auch schon wieder ihrer eigenen Wege. Miss de Bourgh würde es sonst wohl kaum tolerieren, dass sie hier heute Abend anwesend sind, nicht wahr?"

Elizabeth wusste nicht, was sie sagen sollte. Hatte Mr. Webber ihr gerade mitteilen wollen, dass William Anne de Bourgh zwar heiraten, aber sie, Elizabeth Bennet, als Gespielin – Mätresse nannte man das wohl in diesen Kreisen – behalten wollte und Anne nichts dagegen einzuwenden hatte? Der Mann konnte nicht ganz dicht sein! Aber es kam noch besser.

„Elizabeth, sind sie nicht dumm. Darcy wird sie früher oder später abservieren, das wissen sie genauso gut wie ich. So sind nun mal die Spielregeln. Er ist seit langem bekannt für seine ständig wechselnden Affären und sie sind dafür viel zu schade, wie ich finde. Ich kann ihnen dabei helfen, beim Fernsehen Fuß zu fassen." Er sprach leise, aber eindringlich und drängte Elizabeth praktisch in eine Ecke des Raumes. William war weit und breit nicht zu sehen. Webber fuhr fort.

„Ich bin gerade dabei, eine neue Show zu entwickeln. Sie sind jung und hübsch, ich könnte sie mir gut als Assistentin vorstellen, so für den Anfang. Wissen sie, erstmal einen Fuß reinbekommen, dann weitersehen. Was halten sie davon? Sie wären von Anfang an dabei und..." Elizabeth unterbrach ihn, ihren Ärger nur mühsam unterdrückend.

„Vielen Dank, aber ich habe kein Interesse. Ich bin gerne Buchhändlerin." Und das würde sicherlich auch noch lange Zeit so bleiben, dachte sie betrübt. In diesem Moment fiel ihr Blick auf William, der, mit einem Glas Wein bewaffnet, lässig inmitten einer Gruppe von Gästen am anderen Ende des Salons stand und über irgendetwas lachte, was ihm Anne de Bourgh gerade ins Ohr flüsterte. Anne hing wie ein Klammeraffe an seinem Arm und William tat nicht das geringste dagegen. Im Gegenteil, er schien sich überaus prächtig zu amüsieren. Zu der illustren Gruppe gehörten unter anderem Sean Darcy, Lady Catherine – die ganze anwesende Familie – und auch Ms MacDonald stand dabei, als wäre es selbstverständlich.

Peter Webber betrachtete die kleine Szene mit sichtlichem Vergnügen, doch Elizabeth hatte genug. Am liebsten wäre sie nach oben in ihr Zimmer gerannt, doch sie wollte sich diese offensichtliche Blöße nicht geben. Schon gar nicht vor den Augen dieses schleimigen Fernsehfuzzies. Aber sie hatte sonst niemanden, zu dem sie gehen konnte. Als allerletztes würde sie sich wieder zu William stellen! Nein, sie würde noch ein paar Minuten hier ausharren und sich dann auf ihr Zimmer zurückziehen. William würde sie offensichtlich nicht vermissen, soviel war klar.

Und morgen früh würde sie nach London zurückkehren.

Aber Peter Webber gab sich so schnell nicht geschlagen. Er wollte diese Landpomeranze im Fernsehen groß rausbringen und die schien das einfach nicht zu kapieren, dieses undankbare Stück!

„Kommen sie, Elizabeth, ich hole ihnen etwas zu trinken und dann erläutere ich ihnen ganz konkret, wie ich ihnen helfen kann." Elizabeth seufzte innerlich.

„Hören sie, ich habe kein Interesse, zum Fernsehen zu gehen", wiederholte sie leicht genervt. „Wenn sie mich bitte entschuldigen wollen."

Mit diesen Worten drehte sie sich um und verließ den Salon, nun doch sehr viel früher als geplant und von niemandem sonst bemerkt. Peter Webber starrte ihr kopfschüttelnd nach. Dummes, undankbares Landei, dachte er höhnisch.

Elizabeth ärgerte sich über sich selbst, als sie ihr Zimmer betrat. Warum war sie so überstürzt davongerannt? Warum hatte sie sich nicht zu William gesellt und Anne de Bourgh souverän in ihre Schranken verwiesen? Würde es William überhaupt auffallen, dass sie nicht mehr da war? Er hatte sich kaum um sie gekümmert heute abend. Aber da hätte sie drüber stehen müssen, als zukünftige Mrs. Darcy. Sie konnte nicht den ganzen Abend lang an seinem Rockzipfel hängen, nicht wahr? Sie war kein bißchen SOUVERÄN. Sie hatte an der Seite dieses Mannes nichts verloren, sie wusste nun, das war nicht ihre Welt. Hier gehörte sie nicht hin und hier würde sie nicht akzeptiert werden. Niemals.

Elizabeth ging langsam in ihr privates, sehr luxuriöses Badezimmer und ließ sich ein schönes, heißes Schaumbad ein. Pemberley war in dieser Beziehung besser ausgerüstet als ein Fünf-Sterne-Hotel, fand sie. Wohlig tauchte sie in das heiße, duftende Wasser ein und schloss müde die Augen. Sie hatte heute abend keine gute Figur gemacht, dachte sie verdrossen, sie hatte die erste wichtige Prüfung nicht bestanden. Andererseits – sie war auch niemandem als Mrs. Darcy vorgestellt worden. Ihr kam in den Sinn, wie sehr die Leute auf Namen aus waren. Als Miss Bennet galt sie nichts, war das uninteressante Landei, mit dem man kein unnötiges Wort wechseln musste, als Mrs. Darcy wären sie ihr alle höchstwahrscheinlich in den Hintern gekrochen! Falsches, verlogenes Pack.

Elizabeth versank im Schaum und bemühte sich, nicht mehr an den unergiebigen Abend zu denken. Sie würde gleich morgen nach London zurückkehren. Sie hatte keinen Zorn auf William, er hatte nur das gemacht, was er in jedem Fall getan hätte, was von ihm erwartet wurde: Smalltalk mit den Gästen. Es war ihre eigene Schuld, warum war sie nicht an seiner Seite geblieben. Schließlich war sie alt genug, nicht wahr! Wie eine beleidigte Leberwurst hatte sie sich abgesondert. Nein, sie konnte William keinen Vorwurf machen. Aber trotzdem. Er hatte sehr genau gewusst, dass sie niemanden kannte und sie am Ende sich selbst überlassen.

Elizabeth seufzte und lehnte sich müde zurück. Sie hatte keine Ahnung, was sie überhaupt noch denken sollte.

Fast eine Stunde lag sie faul im Wasser, vollkommen lustlos, jemals wieder herauszukommen. Als es dann merklich kühler wurde, kletterte sie dann doch aus der Wanne, bevor sie endgültig wie eine verschrumpelte Pflaume aussah. Genüsslich wickelte sie sich in eines der dicken, flauschigen Handtücher ein und holte tief Luft. Pemberley war Luxus pur. Auf der Ablage fand sich sogar eine kleine Auswahl an edlen Körperpflegeprodukten. Elizabeth entschied sich für eine frische, angenehm duftende Bodylotion und cremte sich ausgiebig ein. Dabei beäugte sie kritisch ihren nackten Körper in den bodentiefen Spiegeln. Nun ja, wer auf zierliche, kurvige Frauen stand, war mit ihr sicher gut bedient, dachte sie sarkastisch. Sie war irgendwie froh, dass William so ritterlich war und ihr ein eigenes Zimmer hatte herrichten lassen. Ob er insgeheim hoffte, dass sie die Nacht trotzdem gemeinsam verbrachten? Wenn ja, dann hatte sie seinen Plänen einen ziemlichen Strich durch die Rechnung gemacht.

Müde ging Elizabeth in ihr Zimmer zurück und stellte fest, dass sie ganz vergessen hatte, einen Schlafanzug einzupacken. Sie warf einen Blick auf die Uhr, liebe Güte, es war schon nach Mitternacht – sie musste ewig lange im Bad gewesen sein! Aber auf alle Fälle war es zu spät, Mrs. Reynolds zu fragen, ob sie aushelfen konnte. Glücklicherweise hatte sie noch ein Ersatz-T-Shirt in ihrer Tasche – andererseits, sie war ja alleine hier, im Notfall hätte sie auch nackt schlafen können. Aber da sie nicht wusste, wie die Gepflogenheiten hier waren, wählte sie sicherheitshalber das T-Shirt. Vielleicht würde sie hier morgens von einem der zahlreichen Zimmermädchen geweckt werden oder so! Oder William kam vorbei, um nach ihr zu sehen. Da wollte sie doch lieber halbwegs anständig bekleidet sein!

Elizabeth zog sämtliche Nadeln aus ihren hochgesteckten Haaren und schüttelte erleichtert die langen Locken aus. Welch Wohltat! Noch ein bißchen durchbürsten, dann ab ins Bett und schlafen! Aber als sie zehn Minuten später die Bettdecke zurückschlug und sich mit einem behaglichen Seufzer in die weichen Kissen sinken lassen wollte, hörte sie ein Geräusch, dass sie vor Schreck erstarren ließ.