Kapitel 36: Die letzte Ruhe
Nevilles Gedanken rasten, während sein Körper zum völligen Stillstand kam. Der Fall von überwältigender Euphorie zu niederschmetternder Enttäuschung war ein Schock, den man erstmal verdauen musste. Voldemort war tot gewesen! Er hatte es ganz deutlich gesehen. Im Taumeln waren diese dunkeln Augen von Tom Riddle gebrochen und der leblose Körper kurz vor dem Umfallen gewesen, aber dann war das Leben in diese Augen zurückgekehrt und der dunkle Lord hatte den drohenden Sturz abgefangen.
Der Zauberer, der es sich zur Lebensaufgabe gemacht hatte, den Tod schachmatt zu setzen, wirkte ein wenig desorientiert, aber ein selbstgefälliges Grinsen, das immer breiter wurde, erschien in seinem blassem Gesicht. Die Augen begannen vor Ekstase zu leuchten. Neville, der mit seinen Gedanken zu beschäftigt war, um die vorübergehende Schwäche seines auferstandenen Gegners zu nutzen, ging noch mal alles in Sekundenschnelle durch.
Hatte Blaise' Kunst versagt? Nein, Voldemort war tot gewesen und er hatte ihren Freudenschrei gehört, der abrupt in ein ungläubiges Keuchen übergegangen war. Hatte Ron einen Fehler gemacht? Nicht auszuschließen, aber sehr unwahrscheinlich. Wenn Ron meldete, dass Horkrux war zerstört, dann war es auch zerstört. Hatte Voldemort weitere Horkruxe, von denen sie nichts wussten? Hatte er neue gemacht? Nein, dann wäre er nicht hier und würde seine Anhänger verheizen.
Es musste noch etwas geben, das sie alle übersehen hatten. Ein Ereignis von fundamentaler Bedeutung, welche sie bisher nicht erkannt hatten. Doch er hatte mit Blaise ausführlich gesprochen. Sie hatten ihre Erfahrungen ausgetauscht, jede Vermutung auf Widersprüche überprüft. Konnten sie etwas vergessen haben? Hatten sie ein Puzzleteil an die falsche Stelle gesetzt? Auszuschließen war es nicht, immerhin hatten sie auch vieles an augenscheinlich Unbedeutendem ausgelassen.
Was hieß vieles? Fast alles! Immerhin hatten sie es mit fast hundert Jahren Lebenserfahrung zu tun gehabt, wenn man Harrys und Voldemorts Anteil zusammennahm. Aber sie hatten alle Horkruxe identifiziert, weil es sich um besonders intensive Situationen gehandelt hatte, die sich deutlich von alltäglichen Erlebnissen unterschieden hatten. Sie waren klarer, kräftiger gewesen, und sie waren sicher gewesen, alle wichtigen Erlebnisse in Voldemorts Leben rekonstruiert zu haben.
Irgendeine Idee oder Erinnerung schlummerte am Rande seines Bewusstseins, aber er konnte sie sich nicht ins Gedächtnis rufen. Es hatte etwas mit Harry zu tun und die Kammer des Schreckens spielte eine Rolle, aber Neville kam nicht darauf, was. Bevor er tiefer in sich gehen konnte, hatte sich Voldemort von seiner kurzzeitigen Verwirrung erholt und den Kampf wieder aufgenommen. Nevilles Reflexe setzten wieder ein und er drehte sich aus der Flugbahn des ankommenden Fluches.
„Weg hier!", brüllte er und floh mit den anderen Fünf durch die Gänge. „Longbottom, stell dich! Ich habe ewig Zeit dich zu jagen. Du kannst nicht entkommen", rief ihm der dunkle Lord hinterher, dann wurde es still hinter ihnen. „Was – tun – wir – jetzt?", wollte Ernie wissen, der kurz vor dem Anführer der DA lief. „Laufen", knurrte Neville und dirigierte die Gruppe an einer Kreuzung nach links, in Richtung Kammer des Schreckens. Sie nahmen die nächste Treppe mit trommelnden Schritten. „Wie lange?", schnappte John, ein sportlicher Siebtklässler aus Ravenclaw, der Blaise zusammen mit Katie trug, die anscheinend wieder ihr Duell mit Voldemort aufgenommen hatte und wie ein Flubberwurm zwischen den beiden Mitschülern hing.
„Bis du keine dummen Fragen mehr stellen kannst", erwiderte der Junge kurz angebunden, nachdem er mehrere Patroni losgeschickt hatte mit denen er die anderen Stellungen von ihrer Lage in Kenntnis setzte. Sie kamen an eine weitere Kreuzung und Neville orderte John und Katie gerade wieder links, als Ron aus einem anderen Gang zu ihnen stieß. Der Rotschopf hatte das Schwert Gryffindors in der linken Hand, was Neville merkwürdiger Weise zuerst auffiel. Erst dann sah er, dass der rechte Arm seines Freundes schwarz verbrannt war, ebenso die Schulter und die rechte Gesichtshälfte. Offensichtlich waren die Lehrer nicht damit fertig gewesen alle Schutzzauber auf dem Horkrux zu entfernen.
„Wo ist Voldemort?", fragte der Weasley sofort, in dessen Auge eine ungezügelte Wildheit glühte. Er schien keine Schmerzen zu haben, sondern einfach nur eine gewaltige Wut auf den Erschaffer des Gegenstandes, der ihn verstümmelt hatte. Es sah grotesk aus, als der Junge sprach, da sich nur die linke Gesichtshälfte bewegte. „Hinter uns", informierte ihn Neville, der mit zu viel Adrenalin beladen war, um sich große Gedanken um Äußerlichkeiten zu machen, und wollte weiterlaufen, aber Ron drückte ihm die flache Seite der Klinge gegen die Brust und sagte, „Warte. Warum laufen wir weg?"
„Irgendetwas ist schief gegangen. Voldemort stirbt immer noch nicht!", platzte es aus dem Anführer heraus, der die Waffe am Blatt packte und von sich fort schob, und Ron erwiderte ebenso aufgebracht, „Unmöglich! Ich habe das letzte dieser Hokuspokusdinger eben zerlegt!" „Wir müssen irgendwas übersehen haben", schmetterte ihm Neville ungeduldig entgegen und warf angespannte Blicke hinter sich. „Töten wir ihn noch mal, um sicher zu gehen", entgegnete der Schlacks heftig und sein verbleibendes Auge funkelte. „Also gut", räumte der Anführer der DA ein, weil er derzeit mit keiner besseren Alternative aufwarten konnte und blickte wieder hinter sich.
War sich Voldemort zu fein zum Laufen oder wo blieb der dunkle Lord? Gefühlt hatte die Debatte dreimal ausgereicht, damit Voldemort den Vorsprung der Gruppe einholen konnte. Ernie, Padma, John und Katie hatten mittlerweile bemerkt, dass Neville stehen geblieben war und waren auf dem Weg zurück. Blaise schien sich zu regen und irgendetwas zu murmeln. Von der anderen Seite kamen McGonagall, Snape und Flitwick auf die Kreuzung zu. Irgendwo im Schloss rumorte es, Steine polterten. Vorsichtig schlich Neville in die Richtung aus der Voldemort kommen musste, Ron mit erhobenem Schwert neben sich.
Sie passierten gerade die Tür eines Klassenraumes, als das Holz aus dem Rahmen gerissen und den Jungen entgegengeschleudert wurde. Ron reagierte mit der Schnelligkeit, die ihn zu einem Ausnahmehüter machte und warf sich der Bedrohung entgegen. Splitternd krachte die Tür gegen den durchtrainierten Körper des Jungen und wäre er nicht verletzt gewesen, hätte er den Aufprall sicherlich unbeschadet überstanden. So stieß er ein schmerzerfülltes Heulen aus und wurde aus dem Gleichgewicht gebracht.
Dadurch hatte er keine Chance dem Todesfluch auszuweichen, welcher der Tür folgte und ihn mitten in die Brust traf.
Zur Untätigkeit verdammt musste Neville mit ansehen, wie der nächste Mensch leblos zur Seite kippte und den Blick durch den Türrahmen auf Voldemort freigab, der sich ein Loch in die Wand des Klassenzimmers geflucht hatte. Das überhebliche Grinsen des Zauberers, der so viele Leben auf dem Gewissen hatte, legte in Neville einen Schalter um. Mit gefletschten Zähnen sprang er nach vorne, duckte sich unter dem nächsten Fluch hinweg, legte die Handflächen an die Wände zu beiden Seiten des leeren Rahmens und schrie eine Zauberformel, die er in Harrys Erinnerungen aufgeschnappt hatte.
Innerhalb eines Lidschlages zerfiel die Mauerstücke und formten zwei zinnoberrote Bälle aus Backsteinen, die wie Kometen auf den Mörder von Ron zuhielt. Der schaffte es noch einen Schild vor sich zu errichten, wurde aber mitsamt dem magischen Schutz vom ersten Geschoss nach hinten geschleudert. Das zweite folgte wie eine Lenkrakete. Der Staub, der durch den Zauber aufgewirbelt worden war, beraubte Neville der Sicht auf das Ergebnis seines Versuches, aber das war ihm gleichgültig.
Der Wutausbruch hatte den Gedankenfetzen freigelegt, den er vorhin nicht zu packen bekommen hatte. Das musste es einfach sein!
Mittlerweile waren die übrigen DA-Mitglieder und die Lehrer bei ihm angekommen. „Haltet ihn auf!", brüllte der Junge und deutete in die Dunstwolke, wo sich die Silhouette Voldemorts dunkel abzeichnete. Dann rief er nach Dobby und bevor der kleine Elf eine Gelegenheit hatte, nach dem Anliegen zu fragen, wurde er von dem Schüler angebrüllt, um den aufkommenden Schlachtenlärm zu übertönen, „Bring mich zur Kammer des Schreckens! Sofort!"
Der Hauself machte sich noch kleiner unter dem verbalen Ansturm, tat aber wie ihm befohlen. Er berührte den aufgewühlten Jungen vorsichtig am Bein, als hätte er Sorge ihn durch eine Berührung zum Platzen zu bringen, und brachte ihn innerhalb eines Wimpernschlags zu der Tür, die in die Kammer führte. „Danke, Dobby", rang sich Neville die Höflichkeit ab und stieß die Türen mit Nachdruck auf. Über seine Schulter hinweg bat er den Hauselfen zurückzukehren und den Anderen gegen Voldemort zu helfen. Dann richtete er den Blick nach vorne und heftete ihn auf sein Ziel.
„REDUKTO!", donnerte der Junge mit erhobenem Zauberstab, doch nichts geschah. Wütend ließ der Junge seinen Zauberstab fallen und zog das Schwert, während er seine Schritte beschleunigte. Harrys Ebenbild erhob sich knirschend von seinem einfachen Sitz und legte die Hände um den langen Griff des riesigen Zweihänders. „Lass ab von deinem Vorhaben, Mutiger. Ich muss hier auf immer wachen", rollten die Worte des steinernen Wächters durch die große Halle. Doch sie stießen bei Neville auf taube Ohren.
„Tut mir leid, mein Freund, aber du bist der letzte Anker von Voldemort in dieser Welt. Ich muss dich zerstören", erwiderte Neville, auch wenn er sich bei dem Gedanken, einer Statue seine Motivation darzulegen ein wenig seltsam vorkam. „Nein, ich muss wachen", entgegnete der Wächter und befreite das Schwert aus dem Boden. Allein die Klinge war größer als Neville, wie dieser mit distanziertem Schrecken feststellte. „Lass den Mist, du machst alles kaputt wofür Harry gekämpft hat!", brüllte Neville, der fast in Schlagdistanz war.
„Ich wache", wiederholte die Schöpfung Harrys mit der Sturheit, die nur verzauberte Statuen haben konnten, und schlug nach dem Eindringling. Der Anführer der DA musste einsehen, dass das Wesen zwar äußerliche Ähnlichkeiten mit seinem Vorgänger hatte, aber nichts mehr von dessen Persönlichkeit. Neville versuchte die Klinge zu blocken. Ein törichtes Unterfangen. Es klirrte und Funken sprühten als die Klingen sich trafen, dann wurde Neville zurückgeschleudert wie eine Puppe. Schabend rutschte das Schwert über den Steinboden und wäre fast in eins der Denkarien gefallen. Leicht benommen kam Neville wieder auf die Beine und las seine Waffe vom Boden auf.
„Wo ist dein Problem?", blaffte der Anführer der DA das Konstrukt an, „Ich bin Harrys Freund und will nur seine Aufgabe zu Ende bringen!" „Harry Potter ist tot. Ich bin der Wächter, der über die Schrecken dieser Kammer wacht", intonierte die Statue mit aller Ruhe, „Du bist eine Gefahr." Sie hielt das Schwert gerade vor sich, die Spitze zur Decke zeigend und das Blatt zu gedreht, dass Neville die tödliche Klinge nur als hauchdünne Linie erahnen konnte.
„Das könnte ich auch sagen", knurrte der Gryffindor und sprang vor. Der Wächter erwartete seinen Angriff mit stoischer Gelassenheit und erst als Nevilles Absichten unmissverständlich waren, zuckte das Schwert nach vorne und verfehlte Nevilles Hals um Haaresbreite. Der Junge versuchte es mit Finten, waghalsigen Manövern und brachialer Gewalt, aber er kam gegen die schier unfassbare Reichweite seines Gegners, der die eigentlich unhandliche Waffe mit unvorstellbarer Eleganz führte, nicht an. Schon bald fing der Zauberer an zu schwitzen ohne seinem Kontrahenten auch nur einen Kratzer zugefügt zu haben. Er selber blutete schon aus mehreren kleinen Schnitten von Treffern, die selbst seine außergewöhnliche Beweglichkeit, die er sich im Training mit Harry angeeignet hatte, nicht hatte verhindern können.
Im Gegensatz zu seinem gerötetem Gesicht hatte sich die steinerne Miene des Wächters, die Harrys auf beunruhigende Weise glich, kein bisschen verändert. Er trug immer noch das herrische Gesicht mit dem strengen Blick, das ihn unnahbar machte. Von Ermüdung war bei Harrys Hinterlassenschaft keine Spur. Sie wartete geduldig darauf, dass Neville wieder angriff. Mit einem wütenden Schrei tat der Gryffindor eben dies, sprang todesmutig in die Abwehr herein, spürte wie ein Stück aus dem Anzug geschnitten wurde und gelangte endlich in Schlagdistanz.
Mit seiner ganzen Kraft schlug er von schräg oben und hätte der menschlichen Statue den Oberkörper von der rechten Schulter bis zu den Rippen knapp unter dem Herzen abgetrennt. Aber der Schlag ging fehl, weil sich der Wächter mit einer – für Menschen – unmöglichen Bewegung um die Klinge herum wand und dabei gleichzeitig mit seinem Schwert zum nächsten Schlag ausholte. Neville konnte nur sein Leben retten, indem er wieder seine Klinge in den Weg hielt. Die Wucht des Aufpralls schleuderte ihn wieder davon, er überschlug sich und kam rutschend in der Hocke zum Stillstand. Seine Ferse ragte er über den Rand des Denkariums heraus.
Geisterhaft tastete ein silberner Fühler nach seinem Fuß und ließ sich dann wieder zurücksinken. Neville blickte von dem Denkarium zu dem Wächter und wieder zurück. Harry hatte ihm in seiner Botschaft mitgeteilt, dass er einen kleinen Teil seiner Seele zurücklassen würde, um seine Erinnerungen zu bewachen und anscheinend war der Wächter mit einem sehr einfachen Befehl versehen. Alle Gefahren in der Kammer auszuschalten. Er reagierte nur auf direkte Bedrohungen gegen sich und…
Wie wild begann Neville auf den Rand des Bassins einzuschlagen. Das schwarze Schwert schnitt durch den Stein wie durch Luft und nach einigen Schlägen begannen Stücke in der silbernen Masse zu verschwinden. „Nein!", donnerte der Wächter und gab plötzlich seine passive Haltung auf, als er die Situation neu bewertete. Neville hörte die schweren Schritte unaufhaltsam näher stampfen und schlug wie von Sinnen auf den Beckenrand ein. Er schaffte es einen halben Meter der Begrenzung zu zerstören, und damit auch die kryptischen Inschriften darauf, bevor der heransausende Zweihänder ihn in die Flucht schlug.
Doch sein Ziel hatte er erreicht. Erst zögerlich, dann immer schneller, begannen die Erinnerungen aus dem Denkarium zu entweichen und sich aufzulösen. Neville hatte den ersten Teil des genialen Werkes seines Freundes vernichtet. Der Wächter wurde dadurch zum Berserker, die vollkommene Ruhe verkehrte sich ins Gegenteil. Er setzte Neville nach und schlug mit aberwitziger Geschwindigkeit nach ihm. Dabei grollte er unentwegt, „Ich wache!"
Neville versuchte irgendwie zum zweiten Denkarium zu kommen, aber die Schläger seines Gegners trieben ihn immer weiter Richtung Ausgang, ohne das er seinem Ziel näher kam. Der Junge versuchte sich hinter eine der Säulen zu retten, aber bezahlte sofort einen Blutspreis für die trügerische Sicherheit. Die lange Klinge des Zweihänders schnitt ohne Mühe durch den Stützpfeiler und drang in die Schulter des Zauberers ein. Mit einem Aufschrei ließ Neville seine Waffe fallen und beeilte sich fort zu kommen.
Doch der Wächter setzte ihm mit gewaltigen Sprüngen nach und holte schnell auf. In seiner aufkommenden Verzweiflung griff der Anführer der DA zur letzten Waffe, die ihm noch blieb. Schlitternd kam er zum Stehen, drehte sich um und streckte dem heranstürmenden Steinwesen beide offene Handflächen entgegen. Er entfesselte die gesamte Macht seiner Elementarmagie, legte jedes Quäntchen Energie hinein, dass er in seinem Körper fand. Seine Zähne schlugen bibbernd aufeinander, denn die Temperatur um ihn herum nährte sich dem absolutem Nullpunkt, das Atmen fiel ihm schwer, denn der Sauerstoff in der Luft gefror.
Aber er bekam sozusagen nur den Rückstoß dessen ab, was sich vor ihm abspielte. Die Luft selbst verwandelte sich direkt vor seinen Handflächen knackend und knirschend zu Eis, das sich rasend schnell ausbreitete. Es hatte eine leicht blaue Tönung, war aber sonst makellos durchsichtig und hatte eine Struktur wie fließendes Wasser. Schneller als das Augen folgen konnte, schnellten eisige Späher voraus, die in scheinbar chaotischen Mustern leicht erhöhte Wasserkonzentrationen in der Luft fanden und wie Pioniere der nachfolgenden Masse den Weg zeigten. Und die kannte nur ein Ziel. Als die übernatürliche Naturkraft auf den Wächter prallte, war es die Schöpfung von Harry Potter, die zurückgeworfen wurde. Noch in der Luft umschloss das Eis sie vollkommen und ließ es aussehen, als würde sie mit komisch anmutenden Verrenkungen über dem Boden schweben.
Keuchend riss Neville schließlich die Hände von dem Eis los. Seine Finger waren taub vor Kälte, deshalb spürte er auch nicht den Schmerz, der daher rührte, dass seine Haut teilweise an der gefrorenen Luft kleben blieb. Andererseits hatte die Kälte das Blut an seiner Schulterverletzung zum frieren gebracht und damit die Blutung gestoppt. Entkräftet taumelte der Junge von dem unbeschreiblich schönen Gebilde fort, dass sich annährend kegelförmig in geschwungenen Formen durch die halbe Kammer zog. Deutlich konnte man die Statue in der Mitte des Blocks erkennen.
Um Neville herum tanzten Schneeflocken und ein starker Wind wehte verhältnismäßig warm über seinen durchgefrorenen Leib. Der Unterdruck, den der plötzliche lokale Temperaturabfall ausgelöst hatte, glich sich durch die wärmeren Luftmassen außerhalb des Wirkungsbereiches aus. Das superkalte Eis fügte sich auch den physikalischen Gesetzmäßigkeiten und begann, kurz nachdem Neville keine Energie mehr zuführte, zischend zu schmelzen und teilweise sogar zu verdampfen.
Neville hatte sich Zeit erkauft, aber noch nicht gewonnen. Müde schleppte er sich zu seinem fallen gelassenen Schwert und bückte sich um es aufzuheben, als der Eisblock unerwartet früh in seinem Rücken zerbarst. Ein besonders großes Stück traf den Anführer der DA im Kreuz und warf ihn kopfüber in das sich leerende Denkarium. Während die letzten silbernen Gespinste entwichen, blieb Neville atemlos auf dem Rücken liegen und war gerade mal dazu in der Lage, den Kopf zu heben. So sah er, wie der Wächter am Rand zu dem Bassin auftauchte.
Überall an der Oberfläche waren Steinsschichten abgeplatzt, wodurch die Statue hagerer wirkte als zuvor, aber keineswegs an Kraft eingebüßt hatte. Spielend zog sie das Schwert mit einer Hand hinter sich her und riss es dann hoch über den Kopf. Neville konnte nur auf die funkelnde Spitze starren. Es war vorbei, er hatte keine Kraft mehr um zu entkommen, er hatte versagt. Die gesamte Tragweite seines Scheiterns drückte auf ihn herab und hielt ihn an Ort und Stelle. Der Wächter nahm die zweite Hand an den Griff und ließ den Zweihänder niedersausen. Neville schloss die Augen und wartete auf das Ende.
Blaise spürte ihren Körper noch, wie er schwitzte, wie er sich bewegte, aber sie hatte keine Kontrolle mehr über ihn. Sie hatte sich gelöst, so vollkommen, wie noch nie zuvor, um sich ganz und gar auf die Kunst einzulassen. Nicht die kalte Kunst, in der Tradition ihrer Lehrmeister, sondern ihre eigene Kunst, die genauso grausam und doch ganz anders war. Bei ihrer Form der Kunst waren die Gefühle nicht außen vor, sondern wichtiger Bestandteil. Ihre Liebe für Neville, ihre Angst vor dem Tod, die Frustration über die Fehlschläge und die Freude über ihren Erfolg, all das hielt sie nicht mehr auf, sondern trieb sie an.
Aber sie war immer noch dabei, ein grausames Verbrechen zu begehen und eine Seele auszulöschen. Sie war, wie alle Zauberer, nicht sonderlich gläubig, aber ihr Herz sagte, dass sie etwas Unersetzliches zerstören würde. Während sie die alte Kunst praktiziert hatte, war ihr nicht mal der Gedanke gekommen, darüber nachzudenken, aber nun, wo sie die Kunst lebte, führte kein Weg daran vorbei – und sie wollte ihn nicht gehen.
Vermutlich hatten deshalb, viele Generationen vor ihr, die Meister die Art der Kunst erschaffen, die sie zuerst kennen gelernt hatte, kalt und steril. Die Form der Kunst, die die Gefühle in einem selbst tötete, damit man nicht an der Grausamkeit seiner eigenen Werke zerbrach. Denn konnte es etwas Grausameres geben, als alles ,was Mensch war, auf immer zu eliminieren?
Der Todesfluch, meist geächteter der Unverzeihlichen Flüche, trennte Leib und Seele unwiderruflich voneinander, aber wenigstens blieb die Seele intakt und wahrte so die Chance auf ein Leben nach dem Tod. Die Kunst kannte diese Gnade nicht. Ihr gesamtes Streben war auf die absolute Vernichtung ausgerichtet. Es gab kein Zurückhalten, keine Mäßigung.
Gerade deshalb musste sie Voldemort töten, auch wenn es ihr widerstrebte. Ihr Zögern durfte nicht die Grundlage für unzählige verlorene Seelen sein. Und sie hatte nicht gezögert, als sich die Chance aufgetan hatte. Ihr übermächtiger Gegner, den sie die ganze Zeit über nur durch ihre überlegene Technik in Schach gehalten hatte, machte den entscheidenden Fehler, der seine ganze Unbedarftheit belegte. Im unüberlegten Versuch, die tödliche Bedrohung, die unerwartet in seinem Rücken aufgetaucht war, zu neutralisieren und Blaise gleichzeitig in der Verteidigung zu halten, hatte Voldemort dem Mädchen genau die Waffe in die Hand gegeben, die sie gebraucht hatte.
Überfordert mit dem Versuch zwei Ziele simultan zu verfolgen, war seine Konzentration ins Wanken geraten. Sofort hatte Blaise in diese Kerbe geschlagen und mit den kompliziertesten Manövern, die sie ersinnen konnte, angegriffen. Innerhalb von Lidschlägen war die Konzentration des dunkeln Lords völlig verloren gegangen und in seiner Verwirrung war es Blaise gelungen, seine Kraft gegen ihn selbst zu richten und er hatte seine eigene Seele zertrümmert.
Doch leider hatte ihre Freude nur kurz gewährt. Sie hatte schon damit begonnen nach ihrem Körper zu tasten, als die Teile der Seele, die wie Staubpartikel auseinander gestoben waren, sich wieder zusammenzogen und ein heiles Ganze bildeten. Es war ihr unerklärlich, wie das passieren konnte, hatte sich aber nicht lange damit beschäftigen können, denn Voldemort hatte den Kampf ungerührt fortgeführt.
Seitdem versuchte sie in einem ständigen Tanz auf der Klinge, Voldemorts Versuche auf ihr Leben und das ihrer Mitkämpfer zu vereiteln und gleichzeitig Voldemorts schwachen Punkt wiederzufinden. Es wurde aber immer schwieriger, denn ihr Gegner hatte die größeren Kraftreserven und lernte von Minute zu Minute mehr von ihr. Ihre einzige Hoffnung war Neville, dessen Stimme sie am entferntesten Rand ihrer Wahrnehmung gehört hatte. Unter Aufbietung all ihrer Konzentration, focht sie mit Voldemort und übernahm die Kontrolle über ihren Sprachapparat. „Zur Kammer", flüsterte sie und hoffte, dass irgendwer sie hörte, „Zur Kammer!"
Dann brauchte sie wieder ihre volle Aufmerksamkeit, um Voldemorts nächsten Angriff zu überstehen.
Neville blinzelte. Wenn sich so der Tod anfühlte, war es ziemlich lausig. Ihm war immer noch kalt und seine Muskeln brannten immer noch. Er blinzelte noch mal und musste dann erst schielen, um entlang der Klinge nach oben zu sehen, wo sich der Kopf von Harrys Wächter befand. Der beachtete ihn jedoch gar nicht mehr, sondern hatte die Augen in Richtung Eingang gewandt. Mit einem Ruck wurde die Waffe, die schon leicht Nevilles Haut geritzt hatte, fortgezogen und mehr aus Versehen als mit Absicht wurde dabei sein, sowieso schon lädiertes, Kinn von der anderen Seite aufgeschnitten.
Die Statue verschwand aus seinem Blickfeld und Nevilles Kopf fiel auf die kalten Steinfliesen. Er war noch am Leben! Warm floss das Blut an seinem Hals entlang, aber es war eine wohltuende Wärme, eine lebendige. Seine Haut mochte die eines Toten sein, aber sein Inneres glühte und der auslaufende Lebenssaft war der Beweis dafür. Eine Welle von unbändiger Erleichterung rollte über ihn hinweg und versetzte ihn in einen euphorischen Zustand, der ihm Kraft gab. Er hörte die knirschende Stimme von Harrys Statue, konnte aber nicht verstehen was sie sagte. Dafür pochte sein Puls zu laut in den Ohren.
Stöhnend drehte er sich auf den Bauch und robbte bis zum Rand des leeren Denkariums. Vorsichtig schob er seinen Kopf so hoch, dass er sehen konnte, was sich in dem Raum tat und staunte nicht schlecht. Es war Voldemort, der sich den heftigen Angriffen von Harrys Wächter ausgesetzt sah. Neville lachte in sich hinein. Voldemorts Eintritt in die Kammer hatte ihm das Leben gerettet. Welch köstliche Ironie.
Aber warum hatte der Wächter ihn nicht zuerst erledigt? Natürlich! Er war nicht Harry, sondern bloß eine magische Schöpfung, die seine Befehle befolgte und zwar in einer festgelegten Reihenfolge. Das Wesen war nicht in der Lage zu denken, es reagierte nur auf einen begrenzten Vorrat an Auslösern. Neville sah es vor seinem geistigen Augen: Die erste Aufgabe der Schöpfung war die Abschreckung von Leuten, die ihr, der Kammer oder den Erinnerungen Schaden wollten – wie auch immer sie dies feststellte, aber vermutlich waren Harrys Legilimentikkenntnisse von Bedeutung. Gegen Angriffe auf sich selbst reagierte das Konstrukt defensiv und wurde erst aggressiv wenn jemand gegen die Denkarien vorging.
Damit schienen Neville alle grundlegenden Fälle abgedeckt zu sein. Wahrscheinlich war Harry bei der Befehlsgebung raffinierter gewesen, aber es war eine solide Arbeitshypothese. Selbstverständlich gab es eine Person, die in Harrys Augen niemals Zugang zu seinen Erinnerungen haben durfte: Voldemort. Der letzte und wichtigste Befehl Harrys an die lebende Statue war gewesen, Voldemort von den Erinnerungen fernzuhalten, deshalb hatte sie ihn verschont, weil dieser eine Befehl kein Zögern zuließ.
Gebannt verfolgte Neville den Schlagabtausch, bis er sich schließlich losriss und sich nach seiner Waffe umsah. Das war seine Chance, von allen unbeobachtet auch das zweite Denkarium zu zerstören. Gerade als er sich über den Rand ziehen wollte, berührte ihn jemand am Rücken.
Für einen zeitlosen Moment war alles Schwarz. Er wusste nicht wie lange, weil es für diese Zeit kein „Er" gab. Er war Nichts. Und dann war er wieder, hatte einen Verstand und einen Körper, beides unversehrt. Es dauerte einen kurzen Augenblick, bis das Gefühl für Raum und Zeit einsetzte und er wieder die Kontrolle hatte, aber danach war alles wieder gut. Der Tod war unverrichteter Dinge davongezogen. Er hatte in dem ungleichen Kampf gegen die Sterblichkeit die Oberhand behalten.
Nun blieb nur noch nach der Macht zu greifen und die Zauberer an ihren Platz als Herrscher der Welt zu führen, befreit von ihrem unwürdigen Dasein im Verborgenen. Mit ihm an der Spitze würde die natürliche Ordnung triumphieren – für immer. Eine unaufhaltsame Welle der Freude durchfuhr ihn und er spürte wie sich ein Grinsen auf seinen Lippen ausbreitete, ohne das er es zurückhalten konnte oder wollte. Die Euphorie spülte den Schrecken fort, löschte die schreckliche Erinnerung an die Sekunden vor seinem vermeintlichen Tod.
Er hatte die Verschnaufpause, die ihm dieser kleine Junge, der glaubte in die Fußstapfen von Harry Potter treten zu können nur weil dieser ihm ein paar Spielereien zeigte, gewährt hatte, genutzt, um den Druck auf die nervige Fliege zu erhöhen, die ihn davon abhielt den Widerstand von Hogwarts mit der Kunst zu zerquetschen. Er bedauerte es zwar ein wenig, das einzige Wesen töten zu müssen, das vielleicht begreifen konnte, welche Macht in der Kunst schlummerte, doch es war unerlässlich.
Denn selbst wenn sie zur Vernunft kam und auf ihr Blut hörte, war ihr Verstand schon zu sehr von den Ideen Gryffindors vergiftet worden. Sie war eine Gefahr, die letzte, die ihn im ungünstigsten Fall aufhalten konnte, sollten seine Lebensretter einmal versagen. Und mindestens eins der Horkruxe musste noch unversehrt sein, diese Sicherheit hatte der dunkle Lord jetzt. Der Gedanke an die Horkruxe ließ sein Herz vor Stolz und Wut rasen.
Einerseits waren sie ein Zeichen seines Mutes und seiner Meisterschaft der Magie, die es wert waren einmal heilige Relikte einer besseren Welt zu werden. Andererseits war er wütend auf sich selbst, dass er so sorglos mit seinen Seelensplittern umgegangen war, aber noch größer war sein Ärger über die Unfähigkeit seiner Todesser. Sollte Lucius Malfoy jemals wieder auftauchen, würde er ihm die verräterische Haut Stück für Stück vom Leib schälen.
In seiner kleinlichen Abneigung gegen die Muggelfreunde hatte er das große Ziel aus den Augen verloren und einen Gegenstand des dunklen Lords fort gegeben. Ein Frevel! Bellatrix war nicht besser, die in ihrer Unachtsamkeit sich den ihr anvertrauten Gegenstand hatte entwenden lassen. Aber damit hörte die Liste von Enttäuschungen nicht auf! Während er unerkannt unter seinen Feinden gewandelt war und ihnen Geheimnisse mit unnachahmlicher Schläue entlockt hatte, war die versammelte Garde seiner Anhänger nicht in der Lage gewesen seine treuste Dienerin zu beschützen. Oh, wie hatte es ihn gegrämt, Nagini in den Händen seiner Widersacher zu sehen!
Doch seine Trauer war nur von kurzer Dauer gewesen, immerhin hatte er ausgerechnet in dem Büro von Professor Flitwick den fehlenden Baustein gefunden, um seinen vorläufigen Höhepunkt magischer Schaffenskraft zu erreichen und seinen Körper zu perfektionieren. Mit seiner geistigen und körperlichen Überlegenheit war er unbesiegbar, wer brauchte da noch Diener, und seien sie noch so ergeben? Sobald sie seine Macht erkannten, würden ihm alle Lebewesen zu Füßen liegen.
Und jeder, der sich ihm widersetzte, würde so enden wie der Wurm, der versucht hatte, ihn feige von hinten zu meucheln. Es war ein Anfängerfehler gewesen, als er sich von seinen Instinkten hatte leiten lassen und die ehrlose Kreatur mit der Kunst zerdrückt hatte. Aber gleichzeitig hatte er dadurch die Gewissheit seiner Unsterblichkeit erhalten – natürlich hatte er vorher keine Zweifel, aber man konnte nie wissen, immerhin war noch niemand soweit gegangen wie er.
Jetzt liefen die anmaßenden Kleingeister, die die Tragweite seiner Vision nicht ertragen konnte, fort, als ob sie ihm entkommen könnten, ihm, dem dunkeln Lord, dem meist gefürchteten und deshalb mächtigsten Zauberer der Geschichte! Sein Geist setzte ihnen nach, doch diese unbedeutende, lästige, penetrante Nervensäge schaffte es immer noch irgendwie ihre Seelen vor seiner Macht zu verbergen. Mehr gereizt als frustriert, nahm er seine Kraft etwas zurück, gerade soweit, dass er wieder vollständige Wahrnehmungsfähigkeiten hatte.
Schnell orientierte er sich und betrat ein Klassenzimmer, das offensichtlich für Muggelkunde genutzt wurde. Angewidert und mit großer Genugtuung sprengte er die Tafel mitsamt dahinter liegender Wand fort und trat durch den Durchbruch. In dem neuen Korridor hielt er sich links und erklomm eine Treppe. Auf der letzten Stufe tappte er dreimal mit dem Fuß und die verzauberte Verbindung schob sich zur Seite. Klackend ordneten sich die Steine neu, bis ein neuer Durchgang entstand, der in den Hauptkorridor des dritten Stocks führte. Diesen Geheimgang hatte er durch Zufall bei seinen ersten Legilimentikexperimenten an seinen Mitschülern entdeckt, die ebenfalls durch Zufall über eben jenen gestolpert waren.
In einiger Entfernung hörte er Schritte und laute Stimmen, die sich angeregt unterhielten. Er nahm eine weitere Abkürzung durch die Wände zweier Zimmer und spürte seine ahnungslosen Opfer auf der anderen Seite der nächsten Wand. Die Plagen hatten aufgehört zu rennen und damit ihre kümmerliche Lebenserwartung weiter gesenkt. Nur sein lästiger Konkurrent in der Kunst sah es kommen und stürmte verzweifelt gegen seine Verteidigung an, doch davon ließ sich der dunkle Lord nicht beirren.
Er nahm sich ein wenig zurück, beschränkte sich darauf die erbärmlichen Angriffe abzuwehren und hob seinen Zauberstab. Ein kraftvoller Schlenker aufwärts und die Tür wurde aus den Angeln gerissen. Zielstrebig riss er den Zauberfokus wieder nach unten und schickte einen Todesfluch hinterher. Das Grinsen, das ihm bei den Gedanken an seine Untergebenen abhanden gekommen war, kam wieder, als er sein erstes Opfer fallen sah und es wurde noch breiter als er dahinter den erstarrten Körper des Emporkömmlings erkannte, der ihn nur anstarren konnte, wie das Kaninchen die Schlange.
Ein weiterer Fluch ging weich über seine Lippen und sein Zauberstab vollführte eine anmutige Kreisbewegung, da sauste der nächste Zauber durch den leeren Türrahmen. Doch mit Glück wich der anmaßende Junge aus und stemmte sich gegen die Wand als wollte er sie umwerfen. Der dunkle Lord hatte den nächsten Zauber bereits begonnen, als die Wände sich plötzlich in fliegende Steinkugel verwandelten die wie Klatscher auf ihn zuhielten.
Schnell errichtete er einen Schild vor sich, doch warf ihn die Wucht des Aufpralls nach hinten. Er landete unglücklich auf dem Rücken und konnte nur aufgrund seiner unpraktischen Kleidung den Arm nicht rechtzeitig wegziehen. Der zweite Ball aus Stein zermalmte seinen Arm und ein gewaltiger Schmerz durchraste seinen Körper, doch konnte ihm selbst diese Tortur keinen Schmerzlaut mehr entlocken. Mit seiner freien Hand schob er den schweren Brocken von seinem Körper und sah, von seiner eigenen Genialität verzaubert, zu wie sein geschundener Arm sich wieder regenerierte.
Innerhalb weniger Augenblicke konnte er das völlig zerstörte Glied wieder gebrauchen und der Schmerz war Vergangenheit. Ein solches Werk konnte nur er vollbringen! Mitten in seinem Freudentaumel hinein hörte er, wie jemand etwas über die Kammer des Schreckens schrie und das brachte ihn aus seinen Schwärmereien zurück nach Hogwarts. Der Schmerz war vielleicht vergessen, aber die Schmach der Verwundung saß wie ein bohrender Stachel in seinem Ego. Er wollte Rache! Umso größer war seine Enttäuschung als er sah, dass der Feigling das Schlachtfeld geräumt hatte und seinen schwächlichen Freunden es überlassen hatte zu sterben.
Der dunkle Lord erkannte den Verräter Snape unter ihnen und noch ein paar andere der tölpelhaften Lehrer, die die junge Elite der Zauberwelt mit ihren Ideen von Gleichheit und Brüderlichkeit aller Menschen verdarb. Voller Lust stürzte er sich in den Kampf, wurde aber von der schieren Flut aus Flüchen zurückgeworfen. Kein einziger darunter erreichte die Schönheit seiner eigenen, aber ihre Masse konnte er nicht durchdringen. So sehr es ihn in seinem Stolz weiter verletzte, aber er musste sich verteidigen, um nicht noch mehr Boden zu verlieren.
Schnell erlahmten jedoch ihre Kräfte und erst Schritt für Schritt, dann immer schneller konnte er vorwärts drängen. Bald waren sie auf der Flucht wie die Ratten vor dem Feuer. Voller Vorfreude folgte er ihnen, bis etwas anderes ihn in seinen Bann zog. So sehr, dass er gar nicht merkte, dass seine Feinde wie auf Kommando alle Angriffe auf ihn eingestellt hatten. Auch merkte er nicht wie eine Schar Todesser an ihm vorbeidrängte und den Verteidigern zusetzte.
Es war eine Tür, die sich äußerlich von keiner der tausend anderen unterschied, aber diese stieß ihn ab, stimulierte seine Ängste und reizte ihn gleichzeitig sie zu öffnen. Was aber seine eigentliche Neugier erregte, war der unverwechselbare Stil von Harry Potter, der nur ihm an der Meisterschaft der Magie nachstand. Sein Gegner, den er selbst auserwählt und im schicksalhaften Ringen im Zeichen der Prophezeiung besiegt hatte, hatte hinter diesem Durchgang etwas verborgen, das er beschützen wollte, aber gleichzeitig auch gefunden werden sollte.
Wie hypnotisiert schritt Voldemort näher an die Tür heran und streckte langsam die Hand nach der Tür aus. Seine widerstreitenden Gefühle erreichten einen glorreichen Crescendo in dem sein Mut und seine Neugier siegten. Mit einem großen Seufzer der Erleichterung drückte er die Klinge der Tür runter und öffnete sie überschwänglich. Mit großen Erwartungen erfüllt, wandelte er durch den kurzen Gang und geriet in Verzückung über den raffiniert verborgenen Übergang, den nur ein wahrer Meister der Magie wie er zu würdigen wusste. Die Fertigkeit seines Kontrahenten bewies im Endeffekt nur seine eigene Macht, weshalb er sich der Bewunderung für die Hinterlassenschaften Harry Potters nicht schämte.
Wut mischte sich jedoch in sein Hochgefühl als er gewahr wurde, wie sein langjähriger Gegner den herrlichen Eingang zur Kammer des Schreckens geschändet hatte. Anstatt der schönen Schlangen mit ihren intelligenten Augen, beleidigten nun zwei hässliche Tiere ihn mit ihren jämmerlichen Blicken. Er nahm sich vor, den Zustand, den sein Urahn Salazar einst erschaffen hatte, wieder herzustellen. Aber das war für die Zukunft, nachdem er die letzten Mysterien ergründet hatte und alle verblendeten Widersacher ausgelöscht hatte.
Energisch stieß er die entstellten Türen auf, die sich quietschend seiner Kraft beugten und eilte ihn die Kammer, nur um wie vom Blitz getroffen stehen zu bleiben. Er nahm die Szene in sich auf, wie ein Bezoar Gift, saugte sich voll damit, obwohl es reine Pein für seine Seele war. Der Eingang war nur der Anfang von Potters schändlicher Tat gewesen! Er hatte das Andenken von Slytherin nicht bloß verunglimpft, er hatte es vollkommen ausgelöscht! Voldemort war bestürzt.
Und gleichzeitig begeistert. Es war pervers, aber er empfand neben seiner Abscheu das erste Mal Respekt für einen anderen Zauberer. Auch wenn Potter das Falsche getan hatte, er hatte es wenigstens grandios gemacht. Doch anscheinend war einiges im Umbruch begriffen. Überall in der großen Halle lagen große Klumpen Eis herum, die mit großer Geschwindigkeit verdampften und in ein paar Metern Höhe zwischen den gewaltigen Säulen eine weiße Wolke entstehen ließen, die von den wehenden Winden tumultartig hin und her geworfen wurde.
Zu seiner Rechten befand sich das große Becken, das nicht mehr undurchdringlich schwarzes Wasser enthielt, sondern silbrige Erinnerungen, die gemächlich vor sich hin wallten. Ein gewaltiges Denkarium! Welch eine verwegene Idee, dachte der dunkle Lord und konnte sich nur schwer von dem faszinierenden Anblick losreißen. Zur seiner Linken präsentierte sich nur noch steinerne Leere, auch wenn die Symbole im Rand darauf hindeuten, dass auch dort Erinnerungen eingelagert worden waren.
Sein Blick wanderte zwischen den Säulen hindurch und er erblickte das wahrscheinlich Erstaunlichste, Unerwarteste, auf das er hätte treffen können: Harry Potter! Sein tot geglaubter Feind stand dort, lebendig und unversehrt, breitbeinig am Rand des vermeintlichen Denkariums und starrte ihm in die Augen. Als Voldemort genauer hinsah, erkannte er seinen Irrtum. Es war nicht sein selbsternannter Rivale, sondern eine Statue und sie war auch nicht unversehrt, doch anscheinend dennoch lebendig.
Während er noch überlegte, ob das Harry Potters Antwort auf den Tod war oder bloß ein Streich seiner Augen, donnerte eine grollende Stimme durch die Halle und die Statue bewegte sich zielstrebig auf ihn zu. Dabei schwang sie einen übergroßen Zweihänder als wäre es ein Kinderspielzeug. Überzeugt davon, allem was Harry Potter erschaffen hatte, gewachsen zu sein, hob er seinen Zauberstab und sprach einen Reduktor-Fluch, um das Steinwesen in Stücke zu sprengen. Doch nichts geschah!
Er versuchte es noch einmal, doch wieder versagten ihm in dem Moment, wo die letzte Silbe seinen Mund verließ, die magischen Kräfte. Er versuchte die Kunst einzusetzen, doch es geschah dasselbe. In dem Moment, wo er nach seinen Kräften griff, entzogen sie sich ihm. Gerade rechtzeitig begriff er, dass Harry Potter und seine Nachfolger ihn in eine Falle gelockt hatten. Er ließ seinen Zauberstab fallen und zog seinen letzten Trumpf aus dem Ärmel.
Neville zuckte zusammen, sein Herz setzte aus. Von der heftigen Bewegung erschreckt, zuckte auch die Person hinter ihm zusammen. „Dobby", entfuhr es Neville gedämpft als er sich schreckensbleich umdrehte, „Willst du mich zu Tode ängstigen?" „Nein, Meister Neville, das wollte Dobby nicht", versicherte der Hauself schnell und wedelte abwehrend mit den Händen, „Dobby wollte nur das hier bringen. Vielleicht hilft es." Er hielt dem Anführer der DA eine kleine Phiole mit türkiser Flüssigkeit hin, die verdächtig wie der Stärkungstrank von Harry aussah. Hastig griff Neville danach und stürzte den Trank herunter, als hätte er unter Entzug gelitten.
„Dobby, du bist genial. Wo hast du das her?", fragte Neville erfrischt. Verschämt sah der Hauself zu Boden und murmelte etwas, das Neville beim besten Willen nicht verstehen konnte. „Wie bitte?", hakte er nach. „Ich habe es Harry Potter geklaut, Sir", schluchzte der kleine Kerl und blickte dann herzerweichend mit tränennassen Augen in Nevilles. „Dobby weiß, dass es falsch war, aber Zeug machte Meister Harry krank ohne dass er es merkte. Es tut Dobby Leid." Neville lachte und klopfte dem geknickten Elf sanft auf die Schulter. „Mach dir keine Sorgen. Harry weiß, dass du es nur gut gemeint hast", versicherte er und das Gesicht des Hauselfen erhellte sich ein wenig.
Ein scharfes Klirren veranlasste Neville sich wieder dem Kampf zuzuwenden, der immer noch im vollen Gange war. Voldemort hatte sich einer Waffe bemächtigt, die Neville wahnsinnig bekannt vorkam, denn es war eins seiner Kurzschwerter. Fahrig blickte er sich um, entdeckte aber zu seiner Erleichterung das Schwert, das er fallen gelassen hatte, weiter die Halle runter. Also musste Voldemort die Klinge an sich genommen haben, die er in der Höhle hatte fallen lassen.
Die Ablenkung ausnutzend huschte Neville zu seiner Waffe und rannte dann so schnell er konnte zu dem intakten Denkarium. Methodisch machte er sich daran es zu zerstören, während die Erinnerungen wie freigelassene Vögel an ihm vorbeistreiften und dann verblassten. Als sein Werk vollbracht war, versteckte er sich hinter einer Säule und wartete, bis die letzte Erinnerung entwichen war. Der letzte Silberfaden verschwand und der Wächter zögerte einen Wimpernschlag. „Nein!", grollte er und brauchte eine kostbare Sekunde, um die Situation neu zu bewerten.
Eine Sekunde, die ihm Voldemort nicht gab. Dem langen Fechten überdrüssig und voller Ungeduld sprang der dunkle Lord heran und rammte sein Schwert bis zum Heft von oben in die Schulter der Statue. Dann riss er das Schwert zur Seite und das schwarze Metall durchschnitt den Stein. Risse durchzogen den Körper und wurden immer größer, bis das Konstrukt zerfiel. Ein kleiner leuchtender Ball löste sich aus den Überresten und verband sich mit einem größeren, der von der Decke geschwebt war. Kurz darauf hatte Harry Potters Seele ihre Ruhe gefunden.
Neville stieß sich von der Säule ab und zeigte sich Voldemort, der ihn mit einem höhnischen Lächeln begrüßte. „Da bist du ja, Feigling. Dachtest du eine Statue mit Harry Potters Gesicht würde ausreichen, um mich besiegen?", erkundigte sich der dunkle Lord schadenfroh und sehr mit sich zufrieden. Neville ließ das kalt. „Kämpf", forderte der Anführer der DA schlicht und hob seine Waffe. „Also gut, wenn du sterben willst", sagte der ältere Zauberer leichthin und machte eine einladende Geste.
Beide Kontrahenten gingen aufeinander zu und Neville begann mit einem kraftvollen Hieb, den Voldemort aber blocken konnte. Es entbrannte ein verbissener Kampf, in dem keiner die Überhand gewinnen konnte. Beide ließen sich von Finten nicht täuschen und waren in der Verteidigung zu stark. Schließlich begannen sie Elementarmagie mit in ihre Angriffe einzubauen, doch der Andere konnte jedes Mal dagegen halten. Es kam zu Erfrierungen und Verbrennungen auf beiden Seiten, doch keine Wunde führte zu einem entscheidenden Vorteil.
Den Unterschied machte schließlich Dobby. Aus dem Nichts tauchte der Hauself aus und traf den dunklen Lord mit einem blauen Strahl am Fuß, der fortgezogen wurde. So aus dem Gleichgewicht gebracht, war Voldemort nicht in der Lage Nevilles nächsten Schlag sauber zu parieren. Das Schwert wurde dem Mann aus der Hand geschlagen und er kam zu Fall. Sofort war Neville über ihm und setzte die Klinge auf sein Herz.
„Du kannst mich nicht besiegen", erklärte Voldemort mit einem Anflug von Realitätsverlust, „Ich kann nur von Harry Potters Hand getötet werden, so lautet die Prophezeiung!" Der dunkle Lord versuchte sich aufzubäumen und die Elementarmagie gegen Neville einzusetzen, aber Neville war darauf vorbereitet und bohrte ihm das Schwert durch das Herz. Sofort verließen den dunklen Lord die Kräfte und er sackte in sich zusammen. „Wie es das möglich?", hauchte er ungläubig mit letzter Kraft. Neville beugte sich zu ihm herunter und sagte, „Ich bin Harrys rechte Hand und sein lebendes Vermächtnis. Er hat die Prophezeiung verstanden, du wirst sie nie verstehen. Ich verfluche deine Seele für alle Ewigkeit."
Mit diesen abschließenden Worten drehte Neville die Klinge in Voldemorts Leib herum und die Augen des meist gefürchteten Zauberers der Geschichte brachen – für immer.
