Patroni
Obgleich Perkins' Zelt von innen deutlich mehr Platz bot, als man von außen vermutet hätte, fühlten alle Bewohner sich schon innerhalb weniger Stunden fürchterlich eingeengt. Dicht aneinander gedrängt hockten sie im Schein einer tief hängenden Lampe über den Plänen, die Emmeline zusammen mit Sirius gezeichnet hatte. Seit Stunden drehte sich das Gespräch im Kreis. Alastor und Emmeline hängten sich immer wieder an Kleinigkeiten auf, über die sie dann ausgiebig diskutierten, wobei es vor allem darum zu gehen schien, wer seine Argumente mit unheilvollerer Stimme vortrug. Tonks hatte schon seit ein paar Minuten abgeschaltet und konnte nichts weiter tun, als das Wasserglas, in dem mal wieder Alastors magisches Auge trieb, gleichwohl fasziniert wie angewidert zu beobachten. Dass man über den tosenden Lärm der Wellen sein eigenes Wort kaum verstand, tat dem erhöhten Geräuschpegel im Zelt sowie Tonks' brummendem Schädel auch nicht viel Gutes.
„Wie kannst du sagen, die Reihenfolge, in der wir uns postieren sei egal?", fragte Emmeline aufgebracht.
Alastor verdrehte sein verbliebenes Auge. „Eben darum, weil wir in einer Ringformation vorgehen. In einem Kreis gibt es keine ersten und letzten!"
„Es gibt aber Schwachstellen! Denkst du, Askaban wäre von allen Seiten gleich beschaffen? Die sieben verschiedenen Bannkreise bewegen sich, sie drehen sich mal gegeneinander mal umeinander und gewähren so einen spherischen Schutz um die ganze Festung, sogar unter Wasser! Das Netz ist ständig in Bewegung! Selbst wenn wir die winzigen Lücken, die immer wieder auftreten, finden, so werden sie sich wieder schließen, bevor alle von uns hindurch gelangen. Und deshalb brauchen wir eine Reihenfolge." Sie legte bestimmt einen langen dünnen Finger auf die geometrische Abbildung, die Askaban inmitten von sieben wirbelnden Ringen zeigte, die sich so schnell um eine unsichtbare Achse drehten, dass der Eindruck einer magischen Kuppel oder Kugel entstand. „Nur amtierende Wächter des Ministeriums und natürlich Dementoren können diese Barriere problemlos durchbrechen. Häftlingen und Betrügern ist der Weg versperrt."
„Wie der Diebesfall in Gringotts?", warf Bill interessiert ein.
Emmeline nickte ernst. „Etwas Ähnliches ist es wohl. Aber ich hatte schon zu meiner Wächterzeit eine Vorstellung, wie das System zu umgehen wäre." Erneut berührte sie die Zeichnung und im Nu begannen die dünnen Tintenstriche sich zu bewegen, sodass die Kreise sich wie in Emmelines Erklärung um die Insel wanden und wirbelten. Dort, wo sie sich trafen und schnitten, leuchteten Punkte hellroter Farbe auf, die wie Tonks nun feststellte, ein nahezu flächendeckendes Net bildeten, das die Festung von allen Seiten umschloss. „Wir müssen versuchen, zwischen diesen Schnittstellen hindurchzufliegen. Apparieren ist zwecklos, wie ihr euch denken könnt."
Bill protestierte sofort: „Hast du dir die Suppe da draußen mal angekuckt? In dem Nebel sieht man die Hand vor Augen nicht, geschweige denn irgendwelche rotierenden Bannkreise! Merlin weiß, was geschieht, wenn dich einer davon trifft."
„Nicht ganz, ich weiß es auch.", erwiderte Emmeline trocken. „Einer davon ist scharf wie eine Klinge und trennt dir ganze Gliedmaßen ab, wo er dich schneidet. Einer verursacht Verbrennungen, einer hält dich fest und reißt dich mit bis dir der Kopf platzt – vor dem sollte man sich wirklich in Acht nehmen –, einer …"
„Ich will es gar nicht wissen! Es muss einen anderen Weg geben." Bill blieb stur, so als würde ihm erst Stück für Stück bewusst, für welche Aktion er sich hier gemeldet hatte. Typisch Gryffindor und noch dazu Tonks' bester Freund war er als erster vorgeprescht, ohne lang nachzudenken. Nun schien ihm klar zu werden, dass verstaubte Pharaonengräber voll uralter Magie oder sein bequemer Brürojob bei Gringotts sich gänzlich von der Arbeit eines professionellen Aurors unterschieden.
„Hinein kommen ist nicht das Problem. Man kann sich Zeit lassen und einen günstigen Moment abpassen, um die Zauber zu durchbrechen. Kompliziert wird es, wenn man wieder hinauswill und die Dementoren einem auf die Pelle rücken …", knurrte Alastor.
Bill warf ungläubig die Arme in die Luft. „Großartig! Das klingt ja wirklich super einfach. Aber ich hänge nun mal sehr an meinen Gliedmaßen und, wo wir schon dabei sind, an meiner Seele eigentlich auch!"
„Bill, es gibt keinen anderen Weg.", unterbrach Tonks ihn etwas konsterniert. „Du hast dich freiwillig für diese Mission gemeldet."
Es schmerzte sie zwar zu sehen, wie ihr bester Freund offenbar geschlagen das Gesicht abwandte, doch sie konnte auf keinen Fall zulassen, dass er jetzt einen Rückzieher machte. Sie hatten keinen Reservemann mitgebracht und jemand anderen jetzt noch in den Plan einzuweisen, wäre viel zu aufwendig und riskant. „Ziehst du das mit uns durch oder nicht?" Tonks taxierte Bills Profil so lange, bis er ihr endlich in die Augen sah und antwortete: „Natürlich."
WUSCH
Tonks krallte sich mit aller Kraft an den Besenstiel, während die pfeilschnell rotierenden Flüche ihr das Haar aus dem Gesicht peitschten. Sie und Emmeline befanden sich, beide auf Besen reitend, etwa zehn Meter über der Wasseroberfläche, der unsichtbaren Festung ganz nah. Angestrengt versuchten sie die ratschlagenden Zurufe von Bill und Alastor, die unter ihnen in einem der Gefängnisboote auf den unruhigen Wellen trieben, auszublenden. Mit einem machtvollen Aufspürzauber war es ihnen bereits gelungen, fünf der sieben Ringe zu markieren, sodass sie sich wenigstens an dem schwachen Leuchten, dass diese nun ausstrahlten, orientieren konnten. Wenigstens würden sie so schon mal nicht in zwei Hälften zerhackt werden. Der Rest war reines Glück.
Tonks bezweifelte, dass ihr alter Komet260 in den Bruchteilen einer Sekunde, die sie hatten, auf die notwenige Geschwindigkeit würde beschleunigen können. Sie konnte unmöglich Anlauf nehmen, denn es war im Voraus kaum abzusehen, wo sich bald eine ausreichend große Lücke im Abwehrsystem bilden würde. Sie musste auf ihre Fähigkeiten als ausgezeichnete Quidditchspielerin und ihr sicheres Gespür für ihren Besen vertrauen.
Neugierig beobachtete sie die deutlich ältere und vermutlich weniger wendige Emmeline, die sich ihrerseits vollständig auf die wirbelnden Flüche konzentrierte. „Ich geh zuerst rein, du musst den richtigen Moment abpassen, bevor du nachkommst. Du musst selber nach dir sehn. Sobald du hindurch bist, halte deinen Patronus bereit!", rief sie Tonks über das Krachen der Wellen und den heulenden Lärm der Zauber zu. Kaum hatte sie den Satz beendet, schien sie eine günstige Gelegenheit zu entdecken und schoss vor. Tonks hörte nur ein saugendes Geräusch, ein kurzes Zischen und sah wie Emmeline in einem sich schnell schließenden Spalt verschwand und nicht mehr zu sehen war. Tonks hörte Bills triumphierendes Jubeln bis Alstor ihn streng zur Ordnung rief.
Nun war sie an der Reihe. Kalter Schweiß brach ihr aus, wenn sie daran dachte, diese lebensgefährliche Wand aus Beschwörungen zu durchbrechen, nur um sich umgeben von seelensaugenden Dementoren wiederzufinden. Mit zusammengekniffenen Augen versuchte sie ein Loch in dem dichten Netz auszumachen. Sie flog ein wenig hin und her und hielt dabei Ausschau. Einmal dachte sie, eine günstige Gelegenheit zu sehen und stürzte vor. Doch bevor sie die Stelle erreicht hatte, schloss sich die Lücke schon wieder und magisches Feuer versengte ihre Besenspitze. Erschrocken fuhr sie zurück, nunmehr wild entschlossen, diese vermaledeiten Zauber zu umgehen. Sie konnte förmlich spüren, wie Bill und Alastor immer ungeduldiger wurden und sich fragten, weshalb sie so lange brauchte. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, als sie wieder eine Lücke zu sehen glaubte, die sich vor ihren Augen auftat. Ohne ein zweites Mal zu überlegen, legte sie all ihre Kraft in das verzauberte Holz ihres Besenstiels und schoss vorwärts, so wie Emmeline es getan hatte.
Unbewusst musste sie für dieses Wagnis die Augen fest zusammengekniffen haben. Als Tonks sie wieder öffnete und sich umsah, stellte sie jedenfalls erleichtert fest, dass sie unbeschadet die andere Seite des Schutzschildes erreicht hatte. Das Heulen von Wind und Wellen war abrupt verklungen. Die See lag seltsam still und unbewegt vor ihr, schwappte nur sacht an das schroffe steinige Ufer, durch das sich schmale, in den Fels gehauene, Stufen wanden. An der Spitze des Aufgangs ragte zwischen eisüberzogenen Klippen der Gefängnisturm von Askaban empor.
Tonks konnte noch kaum fassen, dass sie es tatsächlich geschafft hatte, als Emmeline ein paar Meter von ihr entfernt aus dem Nebel auftauchte. „Ich hab die Insel schon einmal umflogen.", sagt sie mit gedämpfter Stimme. Mit einem misstrauischen Blick über die Schulter fügte sie hinzu: „Hier stimmt was nicht. Ich hab mich zwar immer verborgen gehalten aber das war überflüssig. Kein einziger menschlicher Wächter ist hier und nur die halbe Anzahl der erforderlichen Dementoren. Ich habe vielleicht zwei Dutzend gesehen. Normalerweise sind es weit mehr." Die steile Sorgenfalte zwischen ihren Augen beunruhigte Tonks fast mehr als der Inhalt Emmelines Worte. In stummer Übereinkunft lenkten die beiden Hexen ihre Besen in einen weiten Bogen um den Turm, blieben stehts dicht über der Wasseroberfläche, die Zauberstäbe im Anschlag.
Was für ein trostloser Ort, dachte Tonks. Kein Ton war zu hören, kein Lebewesen regte sich zwischen den Felsen, selbst die Fische schienen sich von der Insel zurückgezogen zu haben. Zurück blieb nur stilles pechschwarzes Wasser, auf dessen Oberfläche harte Eiskristalle trieben. An den Mauern des Turms wuchsen keine Algen, kein Moder, der Stein zeigte keine Zeichen von Veränderung oder Alter. Wie furchtbar es sein musste, hier Jahr um Jahr eingesperrt zu sein, ohne zu sehen wie die Zeit verstrich. Tonks spürte wie der Besenstiel vor ihr langsam zu vereisen begann und ihr unter den Fingern wegzurutschen drohte. Sofort ließ sie heiße Luft aus ihrem Zauberstab strömen, um das Holz von Eis zu befreien. Kaum hatte sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf ihre Umgebung gelenkt, sah sie eine schwarze Wolke vor sich über dem Wasser treiben.
Ein Dementor, groß und unheilvoll, in schwarze Roben gehüllt, die seinen skelettartigen Körper umwogten, obwohl kein Wind ging. Tonks wusste, er konnte sie spüren bevor er sie sah. Sofort beschwor sie eine ihrer glücklichsten Erinnerungen herauf: Der Neujahrsabend in ihrem letzten Jahr in Hogwarts: Sie und Bill schlenderten leicht angetrunken, Arm in Arm die schmalen Gassen Hogsmeades hinunter zusammen mit anderen Schulfreunden. Tonks hatte sich das erste Mal entschieden, über die Ferien nicht heim zu fahren, um die Feiertage in der gewohnt häuslichen und stillen Manier ihrer Familie zu verbringen. Stattdessen war sie vollkommen Teil der Zaubererwelt, umgeben von lachenden Gesichtern, Lichtern, Musik, die angenehme Wärme von Feuerwhisky in der Brust. Sie hob ihren Zauberstab, die Patronus-Formel schon auf den Lippen … als sich eine andere Empfindung über die Bilder in ihrem Kopf legte. Ein Geruch, ein Gefühl, der Duft nach Sommerregen und alten Büchern, ein von Narben gezeichnetes Gesicht.
„Tonks! Dein Patronus! Worauf wartest du?" Erschrocken stellte sie fest, dass sie ihren Zauberstab hatte sinken lassen. Emmeline, deren silbern leuchtende Wildkatze bereits gegen den Dementor preschte, sah fragend zu ihr herüber. Tonks nickte wie in Trance und besann sich wieder auf ihre glücklichen Erinnerungen. Das seltsame Gefühl von eben war verschwunden und dafür das Bild ihrer Freunde umso klarer zu erkennen. „Expecto Patronum!" Ein kraftvoller weißlicher Schimmer brach aus der Spitze des Weißdornstabs hervor und drang in Richtung des Dementors durch den Nebel. Tonks hatte zwar erwartet, dass sie mit dem geliehenen Stab vermutlich keinen gestaltlichen Patronus würde beschwören können und dennoch war sie ein wenig enttäuscht, nicht ihren vertrauten Beschützer in Kaninchenform zu sehen.
Gemeinsam hielten sie den Dementor so in Schach und arbeiteten sich langsam an ihm vorbei und näher an das Gemäuer heran. Tonks sah die dunklen Fensterhöhlen unzähliger Zellen und flog neugierig näher. Viele der kerkerähnlichen Räume schienen unbewohnt. Tonks passierte drei Fenster bis sie eine dürre Frau mit zerzaustem Haar entdeckte, die in eine Decke gehüllt in der Ecke ihrer Zelle saß und an die gegenüberliegende Wand starrte. Ihre Lippen bewegten sich tonlos, ihre Augen waren weit aufgerissen, blieben aber stumpf und ohne Glanz. Sie war Tonks gänzlich unbekannt, konnte also keine dringend gesuchte Verbrecherin sein. „Sie hat nicht mehr lange." Emmeline war hinter Tonks ebenfalls an das Fenster herangeflogen, achtete aber darauf, nicht in das Sichtfeld der Inhaftierten zu geraten. Tonks wusste, dass eine Haftstrafe in Askaban, lebenslänglich oder nicht, nach etwa zehn Jahren unweigerlich zum Tod führte. Ab einem gewissen Punkt hörten die Insassen einfach auf zu essen, zu sehr drückte die Last traumatischer Erinnerungen an ihre eigenen grausamen Taten auf sie nieder.
Ein Prozess bei dem wiederum Sirius die rühmliche Ausnahme markierte. Irgendwie hatte er es geschafft, nicht nur zehn, sondern zwölf Jahre in dieser Hölle zu überleben. Diese unglaubliche Ungerechtigkeit blieb für Tonks immer noch ein ungelüftetes Rätsel, unvorstellbar, grausam. Sirius' Zeit hier war nicht nur nie endende Folter gewesen, sie hatte ihm auch ein Viertel seiner Lebenszeit geraubt. Selbst wenn er sich wieder als freier Mann würde bewegen können, diese Zeit konnte ihm niemand zurückgeben. Welchem Schicksal er entgangen war, konnte Tonks in den leer reflektierenden Augen der mageren Frau sehen. Und als sie ihre Besen um die nächste Ecke des Turms lenkten, musste sie fast würgen beim Anblick eines umfriedeten Stücks Fels, auf dem sich lange Reihen, lieblos markierter Gräber erstreckten. Bevor sie näher heranfliegen konnte, sauste ein silbriger Schatten an ihrer linken Schulter vorbei. Es war Alastor's Patronus, ein riesenhafter irischer Wolfshund, der mit gewaltigen Sprüngen auf den Friedhof zusetze, sodass die dort versammelten Dementoren jäh auseinanderstoben. Sein Meister folgte ihm auf den Fuß, den Zauberstab in der ausgestreckten Hand, wachsam und bedächtig sein Holzbein auf den unebenen Untergrund setzend.
„Billius ist noch am Boot, lasst uns schnell machen. Wir müssen die Biester markieren. Nymphadora, du fliegst nach Süden. Emmeline, du nach Osten … wenn es dir nichts ausmacht.", fügte er zerknirscht unter Emmlines strengem Blick hinzu. „Ich übernehme diese Seite. Wir treffen uns wieder hier. Eine halbe Stunde, mehr Zeit sollten wir nicht brauchen. Wer weiß, ob diese Idioten hier endlich mal einen ordentlichen Alarm installiert haben …" „Wo bleibt Bill?", wollte Tonks wissen. Alastor verzog den Mund. „Hat ein bisschen die Nerven verloren. Ich hab ihm gesagt, er soll lieber beim Boot bleiben." Grummelnd machte er sich an den Abstieg zwischen die schmucklosen Grabsteine. Tonks nickte Emmeline stumm zu und steuerte ihren Besen wie befohlen auf die Südseite des Turms zu.
Der Nebel war so dicht, dass sie kaum die eigene Hand vor Augen sehen konnte. Ihr schemenhafter Patronus leuchtete ihr mehr schlecht als recht den Weg. Wie aus dem Nichts tauchte ein riesiger Dementor direkt vor ihr auf, nahm ihr mit seinen schwarzen flatternden Roben die Sicht, hüllte sie in beklemmende Dunkelheit. Panisch zappelnd befreite sie sich von der schattenhaften Kreatur. Für einen Augenblick meinte sie, das verächtliche Lachen ihrer Mutter aus weiter Ferne zu vernehmen und beschleunigte ihren Komet260. Sie konzentrierte sich fieberhaft, um ihren Patronus erneut zu fokussieren und sah erleichtert, wie der Dementor daraufhin Reißaus nahm. Der Schreck saß ihr immer noch in den Gliedern, ihre Hände waren eiskalt und sie zitterte unkontrolliert. Immer noch klang Andromedas Stimme in ihren Ohren nach und sie glaubte, ihre abschätzig hochgezogenen Augenbrauen zu sehen. Tonks, es ist so einfach. Wieso kannst du nur nicht wie andere Töchter sein? „Was?", rief sie verwirrt und sah sich panisch um doch da war niemand. Wieder das Lachen, nun vermischt mit einem heiseren Raunen. Verwirrt warf sie den Kopf in alle Richtungen. Sie glaubte im Nebel die Orientierung zu verlieren und wäre schwindelnd fast gegen die Festungsmauer geflogen. Erschrocken hielt sie inne und atmete tief durch, um sich zu beruhigen.
Das Lachen verstummte, nicht aber das Raunen. „Wer ist da?", verlangte sie mit mühsam kontrollierter Stimme zu wissen. Sie flog näher an das nächste Zellenfenster und spähte vorsichtig hinein. Sturgis Podmore, ausgemergelt und scheinbar um Jahre gealtert, stand mitten im Raum, leicht schwankend, den Blick in die leere Ecke neben dem Fenster gerichtet. Er rang die blaugefrorenen Hände, unablässig auf jemanden einredend, der nicht da war.
„Sturgis!" Keine Reaktion. Tonks streckte die Hand nach ihm aus, stieß aber auf eine glasklare, undurchdringliche Barriere. „Bombarda!" Der Fluch konnte dem Zauber nicht das Geringste anhaben, sondern prallte zurück und hätte beinahe Tonks gestreift bevor er krachend in das ruhige Wasser unter ihren Füßen schlug. Die Fontäne stieg bis zu Sturgis' Fenster hinauf, worauf dieser sich tatsächlich von seiner Ecke abwandte. „Strugis, ich bins!", rief Tonks, langsam besorgt, dass er sie durch den Bann nicht hören konnte, obwohl sie seine nächsten Worte deutlich verstand.
„Marlene", hauchte er schwach und sein Atem beschlug für einen Moment die glasartige Oberfläche des Zaubers. Tonks war verwirrt. „Nein, ich bin es, Tonks! Erkennst du mich nicht?" „Marlene! Du musst von hier verschwinden, schnell sonst finden sie dich! Marlene, geh! Das hier ist ein schrecklicher Ort!", rief Sturgis nun mit sich überschlagender Stimme. Seine Verzwieflung brach Tonks das Herz. Mit Tränen in den Augen sandte sie eine weitere Salve Flüche gegen das scheinbar leere Fenster. „Nein! Sturgis, komm zu dir! Ich lass dich nicht allein!" Sturgis schüttelte traurig den Kopf, die Augen immer noch neblig und dumpf. „Geh, Marlene, die finden …"
„Tonks!" Durch den Dunst drang eine weitere Stimme an Tonks' Ohren. Wie aus dem Nichts schoss Emmeline auf sie zu. Ihre weit aufgerissenen Augen versetzten Tonks sofort in Alarmbereitschaft. „Es ist Alastor! Du musst mir helfen, schnell, Tonks!" Hin und hergerissen flog Tonks' Blick zu Sturgis, der noch immer keinerlei Ahnung zu haben schien, wer sie war. Sie wusste nicht, wie sich die Barriere um seine Zelle aufheben ließ. Es gab nichts, was sie im Augenblick für Sturgis tun konnte.
„Ich komme wieder, halte durch, Sturgis!" Damit riss sie ihren Besen herum und folgte Emmeline zurück zum Friedhof, wo zu ihrer Bestürtzung die größte Zahl von Dementoren, die Tonks je gesehen hatte, wie ein zerstörerischer Wirbelsturm um eine unsichtbare Achse kreiste. Scheinbar hatten sich alle verbliebenen Wächter von ihren Posten entfernt, um sich auf ein neues Opfer zu konzentrieren. Am Boden unter ihnen lag Alastor, den Zauberstab noch in der Hand, doch kein silberner Wolfshund war in Sicht. Kalte Furcht kroch Tonks in die Knochen und ihr Besen verlangsamte sich, so als fühlte er ihr Widerstreben der tödlichen Masse auch nur einen Zoll näher zu kommen.
Emmeline, die wenige Meter vor ihr herflog, drehte sich fragend zu ihr um. „Tonks, dein Patronus! Alastor braucht dich!" Zitternd vor Kälte oder Angst hob Tonks ihren Zauberstab und konzentrierte sich mit aller Kraft. Da war es wieder! Das seltsame Gefühl von vorhin als sie den ersten Patronus beschworen hatte. Der Geruch nach Büchern und Sommerregen … Tonks wusste nicht, was es war oder was es zu bedeuten hatte, aber sie beschloss, dieser drängenden Regung nachzugeben. Mit aller Macht öffnete sie sich der Empfindung, die sich wie eine glückliche Erinnerung, vielleicht auch ein hoffnugsvoller Traum, anfühlte. Eine kühle Berührung, narbige Züge, der Geschmack von Schokolade, ein Paar ernster grauer Augen und eine Stimme, die unendlich sanft ihren Namen sprach.
„EXPECTO PATRONUM!" Der geliehene Stab in ihrer Hand vibrierte so stark, dass sie ihn kaum halten konnte, als die machtvolle Energie ihres Zaubers hindurchschoss. Und zu Tonks' Überraschung nahm der silbrige Dunst tatsächlich eine Gestalt an. Doch eine Tonks gänzlich unbekannte, die sie noch nie zuvor gesehen hatte, von der sie nicht einmal wusste, wie sie sie benennen sollte. Bevor sie das große Wesen näher in Augenschein nehmen konnte, preschte es schon gegen die Dementoren vor und ließ seinen gewaltigen Kiefer drohend in alle Richtungen schnappen. Vor Überraschung und Schreck ließ Tonks ihren Zauberstab fallen. Das leuchtende Ungetüm, das sie heraufbeschworen hatte, löste sich augenblicklich in Luft auf. Der geliehene Weißdornstab verschwand klappernd zwischen den Felsen unter Tonks Füßen. „Nein!" Sofort fiel sie in einen steilen Sturzflug.
Einige der Dementoren, die hinter Klippen und Grabsteinen Schutz gesucht hatten, wagten sich bereits wieder hervor und rückten drohend auf Emmeline zu, die sich mit erhobenem Zauberstab schützend vor Alastor aufgebaut hatte. Ihr Patronus umkreiste die beiden mit eleganten Sprüngen, um sie vor den Demetoren abzuschirmen, schien aber nicht in der Lage, die schwarzen Schatten zu vertreiben. Kaum berührten Tonks' Füße den Boden, warf sie ihren Besen von sich und ließ ihre fahrigen Hände über den glitschigen Fels gleiten.
„Tonks!" „Ich komme, Emmeline, ich komme! Ich muss nur …" In diesem Moment schoss ein weiterer Patronus an Tonks vorbei, ein schimmerndes Wiesel. Vor Erleichterung aufseufzend drehte sie sich um und sah Bill am Himmel, bevor auch er sich in einen halsbrecherischen Sturzflug lehnte. Sekunden später stand er neben ihr. „Accio!" Tonks' Zauberstab huschte aus einer Felsspalte und flog geradewegs in seine ausgestreckte Hand. Tonks griff danach und wirbelte herum.
Der Friedhof hatte sich fast vollständig geleert. Nur noch vereinzelte Dementoren lungerten am Rande des Platzes herum, vertrieben von den zwei machtvollen Patroni. „Mad-Eye!" Tonks hielt sich nicht erst mit einem neuen Patronuszauber auf, sondern fiel neben ihrem Mentor auf die Knie, wärhend Emmeline und Bill die Dementoren in Schach hielten. Alastor regte sich nicht. Panisch packte Tonks ihn an den Schultern, schüttelte ihn und zwang ihn, sie anzusehen. Seine Augen waren weit aufgerissen und so verdreht, dass nur der weiße Teil zu sehen war. „Mad-Eye, sieh mich an!" Verzweifelt versetzte sie ihm ein paar Ohrfeigen. Was wenn sie zu spät waren? Was wenn so jemand aussah, dem gerade die Seele ausgesaugt worden war?
„Wir verschwinden. Tonks, du nimmst Alastor!" Mühsam ihre Tränen unterdrückend, kämpfte Tonks sich auf die Füße. „Locomotor.", keuchte sie, worauf Alastors unbeweglicher Körper sich vom Boden erhob und auf Höhe der Grabsteine in der Luft schwebte. Als Tonks ihn mithilfe ihres Zauberstabs bewegte, sah sie die Inschrift auf dem Grab, vor dem Alastor zusammengebrochen war.
Bartemius Crouch Jr.
1962-1981
