Siebter Teil: Der Weg des Clavicustos

Kapitel 35:

Die Geschichte des Uhrmachers

Es gab keinen Aufprall. Das Fallen im knisternden Grau war ganz einfach zu Ende. Und gelandet war Hermione im Innern einer gewaltigen Glocke aus dunkler Bronze, jedenfalls kam es ihr so vor. Es war eiskalt, aber davon abgesehen konnte sie gar nichts fühlen, und bewegen konnte sie sich auch nicht. Panik überkam sie – saß sie also nicht länger am Tisch in diesem Verhörraum? Wo war die Spieluhr, die sie in den Händen gehalten hatte? Wo waren ihre Hände? Wo war Ron?

Ron! Ron!!, rief sie so laut sie konnte – aber entweder hatte sie keine Stimme mehr, oder sie konnte sie nicht mehr hören. Ruhig bleiben, ermahnte sie sich, es wird sich sicher gleich klären – das muss alles mit der Spieluhr zu tun haben –

Und in diesem Moment glitt ihr Blick dann auch ohne ihr Dazutun weiter und in die Runde – ganz so, als habe sie auf dem Rücken gelegen und setze sich nun auf. Die bedrohliche Bronzeglocke entpuppte sich dabei als ein düsterer, nicht weniger bedrohlicher Himmel.

Es brennt!, dachte sie entsetzt. Da muss eine ganze Stadt brennen!

Das ferne, aber unablässige Heulen von Autosirenen hätte dazu gepasst. Doch im metallischen Braunrot des Himmels waren keine Flammen, kein Funkenflug, keine Rauchwirbel zu erkennen, und es war auch viel zu kalt –

Weiter ging ihr Blick – wie im Kino, dachte sie überrascht. Als ob mir jemand mit einer Kamera die Blickrichtung vorgeben würde!

Kahle Bäume kamen jetzt in Sicht, dürre Strünke – eine winterliche Hecke – und direkt vor ihr eine schmiedeeiserne Parkbank. Grüne Glasscherben vor eleganten, aber altmodischen schwarzen Knopfstiefeln, darüber blassgraue Hosenbeine – eine granatrote Samtweste mit kleinen schwarzen Karos – Hände, die aus sehr weißen Hemdmanschetten hervorsahen und hastig zwei goldene Bruchstücke aufhoben, die, von der Farbe abgesehen, große Ähnlichkeit mit der Spieluhr hatten …

Ihre Hände und Beine etwa?! Nein, auch wenn sie sie aus demselben Blickwinkel sah, aus dem sie ihren eigenen Körper gesehen hätte. Aber die Hände, die da goldene Rädchen und Schrauben aus den Glasscherben auflasen, waren Männerhände – schlank und gepflegt, aber eindeutig männlich. In dem Moment, in dem die Rädchen mit den großen Metallbruchstücken in Berührung kamen, setzten sie sich zu einem Uhrwerk zusammen, und über diesem schlossen sich dann die Bruchstücke zu einem makellosen, goldenen Ei.

Als das, was ihr neuer Körper zu sein schien, vom Boden aufstand, ein paar Scherben von dem einen Hosenbein schüttelte und das Ei sorgfältig in der Innentasche eines wadenlangen, dunkelgrauen Umhangs unterbrachte – er war mit demselben granatroten Karostoff gefüttert, aus dem die Weste bestand – da begriff sie, dass sie durch die Augen des Arkturius in dessen Erinnerung hineinsah wie in einen Film.

Das muss eine Denkariumssache sein!, dachte sie. Er wollte uns etwas miterleben lassen, so direkt wie möglich!

Hatte er nicht zu seinem Geburtstag gewollt? Aber Mittsommer war das hier nicht! Selbst für einen besonders misslungenen englischen Junitag war es dafür viel zu kalt –

Sie rang nach Atem – glaubte zumindest, das zu tun, denn sie konnte von sich selbst nichts mehr fühlen. Stattdessen verschmolz sie mit jeder vergehenden Sekunde weiter mit diesem Körper, von dem sie nur sah, was sie auch von sich selbst gesehen hätte – und nie das Gesicht. Es war unheimlich, unangenehm auch, weil es ihrem eigenen Blick so gar keine Chance ließ, sie musste sehen, was er sah; und es war schwindelerregend, weil sie sich plötzlich ohne ihr Zutun zu bewegen schien. Leichter wurde es erst, als sie nicht mehr versuchte, sich selbst davon zu distanzieren. Als ihr das gelang, verlor sich allmählich der Eindruck, eine ferngesteuerte Puppe zu sein oder einem Film mit wackliger Kameraführung zu folgen. Da fing sie an, den Boden unter den Füßen zu spüren, die kalte Luft im Gesicht – den Geruch von Wein! Fast komisch, wie diese geliehenen Hände jetzt mit beeindruckender Routiniertheit ein granatrotes Halstuch unter dem ebenfalls geliehenen, bärtigen Kinn neu banden …

Könnte ich nie so locker!, dachte sie. Schon gar nicht ohne Spiegel!

Aber das war der letzte völlig selbständige Hermione-Gedanke, danach wurde Hermione zum stummen, beobachtenden Gast in einem Menschen, den sie nicht kannte, der sich ihr aber übergestreift hatte wie ein Kleidungsstück und dem sie dabei so nah kam, dass sie seine Eindrücke, seine Gefühle und schließlich einen Teil seiner Gedanken so intensiv miterlebte, dass sie hin und wieder vergaß, wer sie wirklich war –

ooOoo

Der kleine Park lag da in frostiger Stille. Arkturius ging mit zögernden Schritten über die kiesbestreuten Wege zum Tor. Jenseits des Tores betrat man unvermittelt eine Straße mit Läden und einigen mehrstöckigen Kaufhäusern, aber auch hier herrschte geradezu feiertägliche Stille – nur ein schwaches Grollen lag in der Luft, wie verklingender Donner. Arkturius verharrte vor dem Parktor und sah sich aufmerksam um. Nur wenige Passanten, eine Gruppe junger Leute, die vor einem Schaufenster standen, ein älteres Paar mit einem Koffer, das zwar ein hastiges Tempo vorlegte, aber immer wieder innehielt und zu den Häusern rechts und links hinsah –

Er zuckte vor einem vorbeifahrenden Bus zurück und sah ihm lange nach, bevor er weiterging. Dabei blieb auch sein Blick immer wieder an den Schaufenstern hängen. Das, vor dem die jungen Leute standen, gehörte zu einem Laden, der Brunninger's Electronics hieß, und es schwebte ein mit bunten Lichtern eingefasstes Schild darin: „Wir wünschen allen unseren Kunden ein gutes neues Jahr 2004!" Die drei jungen Männer sahen aber in die Bildschirme darunter, auf denen man in sechsfacher Ausfertigung einen schnauzbärtigen Mann vor umgeknickten Gerüsten und einem riesigen Schutthaufen stehen und aufgeregt in ein Mikrofon sprechen sah. Arkturius konnte seinen Blick nicht von den Fernsehern abwenden.

„Die haben die U-Bahn gesperrt!", rief einer der Jungen empört. „Das war's, Mann! Jetzt verpassen wir den Zug auf jeden Fall!"

„Was soll's. Gehn wir eben zu mir! Meine Alten sind heut auf Party – da haben wir die Bude ganz für uns! Ich hab Grabbed by the Ghoulies zu Weihnachten –"

„Und was ist mit Essen? Mann, heut ist Silvester, und ich hab jetzt schon Hunger –"

„Bestellen wir uns Pizza –"

Das leise Grollen war immer noch nicht ganz verklungen, da näherte sich auf einmal ein sehr viel lauteres Dröhnen –

Arkturius zog den Kopf ein und sah hinauf zu dem Hubschrauber, der niedrig über die Häuser hinwegzog – und dann stockte sein Blick –

„Der fliegt garantiert dahin, wo dieses Haus eingekracht ist!"

Da oben, über dem Hubschrauber, hoch über den Dächern von London, ragten wie eine Fata Morgana gigantische Mauern auf, fahl-golden schimmernd vor dem dunkleren Ton des Himmels – ein abweisender Mauerklotz ohne Fenster und Türen. Nur glatte, steile, leicht nach innen geneigte Mauern.

Die Jungen, die dem Hubschrauber nachsahen, schienen sich darüber nicht zu wundern.

„Mann, was ist das eigentlich für ein Wetter?", rief der eine. „Habt ihr schon mal so 'ne Farbe am Himmel gesehen!"

„Das ist ein Gewitter, sag ich doch! Weil's plötzlich so kalt geworden ist, davon kann's auch im Winter 'n Gewitter geben. Man hört's ja auch dauernd so leise donnern –"

Die Luftspiegelung (oder was immer es war) sahen sie ganz offensichtlich nicht. Arkturius starrte hin, zwinkerte, rieb sich schließlich die Augen – aber der Anblick blieb unverändert.

„Da, hast du den Hubschrauber gesehen, Edward?!", ertönte eine aufgeregte Frauenstimme hinter ihm. Das Paar mit dem Koffer war bei ihm stehen geblieben. Arkturius' Blick verhakte sich an dem stark geschminkten Gesicht der Frau, die sicher mindestens sechzig war.

„Da können sie noch so viel über harmlose Erdstöße reden! Wir hätten heute Morgen schon zu Chloe rausfahren sollen! Weg aus der Stadt, genau wie Edna und die Hamiltons!"

„Himmel, Louise, das ist doch völlig überzogen! Jetzt beruhige dich doch bitte endlich, wir sind ja nun schon auf dem Weg zu dieser Unterkunft! Junger Mann, entschuldigen Sie, kennen Sie sich hier vielleicht aus?" Ein skeptischer Blick wanderte über den langen Umhang, die granatrote Weste, die gesamte Erscheinung des Angesprochenen. „Es soll in dieser Straße ein – eine Art Hospital oder so etwas geben, wo –"

„Es muss hier ganz in der Nähe sein, ich bin früher oft dran vorbeigekommen! Ein sicherer Sammelplatz!", rief die Frau. „Ein erdbebensicherer Bunker, hat mein Neffe gesagt!"

„Oh bitte, Louise, es gibt keine erdbebensicheren Bunker!", sagte der Mann. „Aber die Regierung soll für Fälle wie diesen Sammelstellen haben, verstehen Sie – geheime Sammelstellen, von denen nur ausgewählte Leute wissen! Und wir haben gehört, dass hier in der Straße eine sein soll – ein Hospital in einem alten Kaufhaus –"

„Das hatte allerdings nie auf – da konnte man nie was kaufen. Die haben immer gerade Inventur – oder wegen Renovierung geschlossen oder sonst was!", fügte seine Frau hinzu. „Ich glaub, ich hab's nie geöffnet gesehen, in fünfzehn Jahren nicht!"

„Ja, und jetzt wissen wir auch, warum, nicht wahr?", sagte der Mann. „Es war nie ein Kaufhaus, sondern immer eine Regierungssache! Tarnung, mit anderen Worten. Also, wissen Sie, wo – wie hieß es doch gleich, Louise? Das Kaufhaus?"

„Reinlich und – und Tukunter, glaube ich."

Reinig & Tunkunter – aber das ist eine Wäscherei und kein –" Arkturius unterbrach sich hastig und wandte endlich den Blick ganz von der seltsamen Fata Morgana ab. Die beiden Muggel hier konnten sie auch nicht sehen.

„Genau! Ganz genau, so hieß es! Reinig & Tunkunter! Nein, ein Kaufhaus! Sie erinnern sich sicher – fürchterliche Dekorationen und so, nicht?"

„Äh – ja. Und ich bin mir fast sicher, es liegt dort auf der linken Seite! Ich habe denselben Weg –"

„Oh, heißt das, Sie haben auch davon gehört? Wollen Sie auch dahin, bis diese Sache hier ausgestanden ist? Colin hat uns heute extra angerufen – das macht er sonst nie – er hat gesagt, wir sollten da sagen, dass er uns schickt –"

„Also, weißt du, Louise, ich würde ja nicht so viel auf das geben, was Colin sagt – er ist ein bisschen seltsam, wie du zugeben musst! Sie sind aber wohl nicht zufällig von der Regierung, oder? Wissen Sie Genaueres? Weiß man denn endlich, was los ist?"

„Ich bedaure, aber ich bin gerade eben erst von einer Reise zurück – ich weiß gar nicht –"

„Oh, Sie Ärmster – da haben Sie aber Pech! Gleich mit einem Erdbeben empfangen zu werden!"

„Das ist kein Erdbeben!", schnaubte Edward entnervt. „Meine Güte! Es ist irgendein – ein ungewöhnliches Wetterphänomen, ganz wie sie es im Fernsehen gesagt haben! Guck dir mal den Himmel an – das hat doch mit Erdbeben nichts zu tun! Und Pech haben wir, denn wegen diesem Unsinn hier verfallen jetzt unsere Karten für die Oper!"

Während dieses Geplänkels waren sie alle drei die Straße hinuntergegangen, überholt von den drei jungen Männern, die schließlich in einem Geschäft verschwanden, aus dem laute Musik auf den Gehweg dröhnte.

„Meine Güte, die haben immer noch auf!", rief Louise und zeigte auf den Laden, in dessen düsterem Inneren bunte Lichter zuckten. „Vier Uhr am Silversternachmittag, und Erdbeben – man sollte meinen –"

„Jetzt hör doch endlich mit dieser Erdbebensache auf! Und diese Leute sind offenbar einfach –"

„Da drüben – Reinig & Tunkunter", sagte Arkturius und deutete auf die gegenüberliegende Straßenseite.

„Oje – da stehen ja schon jede Menge Leute! Da, um die Ecke!"

„Das sehe ich auch, Louise!", knurrte ihr Mann. „Also, dann gehen wir wohl rüber – und stellen uns einfach an, nicht wahr!"

Staubige Schaufenster, größtenteils mit Packpapier überklebt. Ein handgeschriebener Zettel verkündete: „Wegen Umbau vorübergehend geschlossen!" Einige Leute standen hier auf dem Gehweg und versuchten, zwischen den Packpapierbahnen hindurchzusehen. Um die Ecke, wo der zweite Eingang war, standen mindestens zehn, zwölf Leute.

„Also, wie Regierungsangehörige sehen die nicht gerade aus!", murrte Edward, als sie in die kleine Seitenstraße einbogen. Viele der Wartenden waren in Umhänge gekleidet, und sein Blick streifte wie zum Vergleich Arkturius.

Sie blieben neben einem alten Mann stehen, der zum langen, kognakfarbenen Umhang derbe Sandalen trug und einen zusammengerollten Teppich unter dem Arm. Er nickte ihnen freundlich zu. „Sicher lassen sie uns gleich rein", sagte er.

Gleichzeitig mit ihnen kamen aus der anderen Richtung ein Mann und eine Frau an, beide in lange schwarze Umhänge gekleidet. Der Mann sah sich unsicher um. „Kommt man nicht mehr rein?", fragte er leise und ohne jemanden anzusehen. Er führte die Frau wie eine Blinde, und sie sah auch ein bisschen so aus mit ihren weit geöffneten, blicklosen Augen.

„Drinnen sollen sie schon auf dem Fußboden sitzen!"

„Ich hab gehört, dass sie keinen mehr in die oberen Stockwerke lassen! Wegen der Einsturzgefahr!"

„Das sieht ja nicht gerade professionell geführt aus hier!", mokierte sich Edward. „Wo sind denn die –"

Die Frau, die wie blind aussah, stieß einen durchdringenden Klagelaut aus, der die Umstehenden zusammenfahren ließ. Ihr Mann flüsterte ihr etwas zu und tätschelte unbeholfen ihr Haar. „Unser Sohn ist – er war – in Hogwarts", sagte er dann leise als Erklärung in die Runde. „Ist zum ersten Mal in den Ferien da geblieben. Weil wir über Weihnachten im Ausland waren –"

Das löste ein mitleidiges Raunen aus.

„Hogwarts – was ist mit Hogwarts?", fragte Arkturius.

„Er hat es zerstört. Da steht kein Stein mehr auf dem anderen", sagte der alte Mann mit dem Teppich. „Gestern Morgen! Haben Sie denn nicht die Rede des Ministers gehört? Kam im Radio –"

„Aber –"

„Wann geht das denn hier endlich mal weiter?", rief jemand vorne und schlug mit der Faust gegen die Scheibe. „Sollen wir hier Wurzeln schlagen, oder was?"

„Wir hatten Karten für die Oper heute Abend", sagte Edward laut und anklagend. Das hatte zur Folge, dass sich ihm die meisten Gesichter zuwandten und ihn überrascht ansahen, und er setzte rechtfertigend hinzu: „Die Silvestervorstellung – haben Sie eine Ahnung, wie teuer solche Karten sind?!"

„Aber wussten Sie denn nicht – haben Sie denn nicht gehört –"

„Das ist doch ein Muggel, Alwine!"

„Und jetzt stehen wir hier, nur weil du hysterisch werden musstest, Louise! Nur weil dein verrückter Neffe – Erdbeben – das ist doch Unsinn! Siehst du irgendwo jemanden – na – vom Katastrophenschutz? Von – von der Regierung? Evakuieren sie etwa die Stadt?"

„Aber Edward – in unserer Straße ist ein zehnstöckiges Gebäude eingestürzt!", rief seine Frau. „Und du hast doch die Polizei gesehen! Und das Fernsehen war auch da –"

„Ach – ein schlampig hochgezogener Neubau, noch nicht mal fertig! Wie oft hab ich gesagt, dass das Ding noch zusammenklappt, bevor der erste Mieter drin ist?! Das waren ein paar kleine Erdstöße, weiter nichts! Nichts, weshalb man gleich den Kopf verlieren muss! Wir sind doch keine –"

„Lenny! Lenny, komm da weg!", kreischte eine Frauenstimme von der anderen Straßenseite. „Komm jetzt endlich her! Hast du denn noch nicht genug?"

Ein kleiner Junge schoss auf ein Schaufenster gegenüber zu, dicht gefolgt von einer Frau, die ihn schließlich einfing.

„Aber Mum! Ich will doch nur –"

„Du kommst jetzt sofort mit! Wir müssen ins St. Mungo! Du blutest!"

„Och Mann, es tut doch nicht mal weh!"

Keuchend erreichte die Frau mit dem Jungen die Versammlung vor dem St. Mungo. Der Junge hatte einen Schnitt auf einer Wange, der tatsächlich kräftig blutete.

„Er hat sich an einer Glasscherbe geschnitten! Bei unseren Nachbarn ist vorhin der Wintergarten eingestürzt!", schnaufte die Frau und fragte dann schüchtern: „Stimmt es, dass es hier – sicher ist? Mein Schwager hat gesagt, dass –"

„Die haben geschlossen!", rief der Mann vorne fassungslos. „Die lassen keinen rein! Das gibt's doch gar nicht, so was! Das ist ein Hospital, Leute! Macht endlich auf, verdammt noch mal! Hier sind Verletzte!"

„Oh nein! Hören Sie das? Es geht wieder los!", rief eine Frau mit Hornbrille. Sie raffte ihren Korb vom Boden – mehrere dicke Bücher sahen heraus und eine dampfende Kanne.

„Ich find das cool!", sagte Lenny.

„Sei doch still!", schimpfte seine Mutter mit Tränen in den Augen. „Die müssen uns doch reinlassen! Die müssen das doch auch hören! Oder meinen Sie, man hört das da drinnen nicht?"

Das leise Dröhnen, das die ganze Zeit im Hintergrund gewesen war, schwoll tatsächlich merklich an. Die kleine Versammlung rückte beklommen noch ein wenig dichter zusammen.

Aus dem Musikladen gegenüber stürzte jemand auf die Straße. „He! Kommt raus!", brüllte er. „Ich glaub, es fängt wieder an! Mann, macht mal den Fernseher lauter! Vielleicht sagen die da was!"

„Die hören's also auch", murmelte der Mann, dessen Sohn in Hogwarts gewesen war. „Aber das da oben sehen sie nicht!"

Der Mann vorne hämmerte jetzt wütend gegen das Schaufenster. „Aufmachen!", brüllte er.

„Hey, beruhig dich doch, Mann!" Das kam von einem Jungen, der vor dem Fenster auf dem Straßenpflaster saß. Er hatte den Arm um das Mädchen neben ihm gelegt. Beide trugen bronze-blau gestreifte Schals über schwarzen Umhängen. „Ob wir nun dadrin oder hier draufgehen, das ist doch letztlich auch –"

„Dadrin ist es sicher!", brüllte der andere. „Das hat Fudge selbst gesagt! Dadrin geht keiner drauf!"

Das hat er allerdings nicht gesagt", sagte das Mädchen mit dem Ravenclaw-Schal leise.

„Ach, Fudge –", winkte der Junge neben ihr mit einem blassen Grinsen ab. „Fudge ist doch ein Trottel!"

Das Dröhnen wurde jetzt unüberhörbar, und es schien direkt aus der Erde unter ihnen zu kommen.

„Voll cool!", rief Lenny. „Der Boden wackelt!"

Da wurde unvermittelt die mit Packpapier beklebte Glastür aufgerissen. Wie eine Welle schwappte das Gewirr vieler Stimmen zusammen mit einem Schwall verbrauchter Luft heraus.

„Na endlich! Seit wann kommt man hier denn nicht mehr rein?"

„Nur die Ruhe!", sagte die junge Frau mit dem violetten Haar, die in der Tür stand. Sie sah prüfend zum Himmel hinauf – dann über die Wartenden hin. Dem Mann, der sich mit einem Koffer an ihr vorbeidrängen wollte, vertrat sie den Weg. „Halt! Den Krempel müssen Sie draußen lassen!", sagte sie, und nach dem Klang ihrer Stimme zu urteilen, sagte sie es nicht zum ersten Mal.

„Aber –"

„Mehr als eine Tasche können Sie nicht mit reinnehmen. Wir haben fast keinen Platz mehr! Und ich hoffe für Sie, dass in der Tasche da was Essbares ist oder was zu trinken!"

„W-w-wir brauchen Hilfe!", schluchzte Lennys Mutter. „Mein Junge hat sich – hat sich geschnitten! Lassen Sie uns doch endlich rein! Er braucht einen Heiler!"

„Den brauchen wir auch", erwiderte die Frau kühl. „Dem Jungen geht's doch gut! Kommen Sie rein und suchen sich einen Platz –"

„Platz suchen – das ist das St. Mungo, was heißt hier Platz suchen –"

„Wir sind voll, klar? Oben ist zu! Und unten – na, das werden Sie gleich selbst sehen! Die Wunde da, die müssen Sie schon selbst versorgen. Irgendeinen kleinen Blutstopp-Zauber haben Sie doch sicher drauf!" Der letzte Satz kam zögernder, beinahe fragend heraus.

„Ich hab's schon versucht", gab Lennys Mutter halb empört, halb beschämt zurück. „Es – es klappt einfach nicht. Bin wohl nicht ganz in Form heute –"

„Nehmen Sie sich das nicht zu Herzen", sagte der alte Mann mit dem Teppich unter dem Arm. „So geht's uns allen heute. Und wir wissen doch, woran das liegt."

„Können wir jetzt endlich mal reingehen?!", rief die Frau mit der Hornbrille ungeduldig, als die Scheiben ringsum mit einem seltsamen Ton zu klirren begannen.

„Vielleicht – vielleicht sollte ich's dann doch lieber im Muggel-Krankenhaus versuchen", sagte Lennys Mutter unsicher. „Meine Cousine ist da auch mal –"

„Ach, verdammt noch mal – vergessen Sie das Muggel-Krankenhaus, okay?", blaffte die Frau mit dem violetten Haar. „Gehen Sie endlich rein! Irgendwer wird sich schon um den Jungen kümmern!"

„Ich sehe mir die Wunde drinnen mal an", sagte Arkturius. „Blutstopp-Zauber sind eine alte Spezialität von mir."

„Tonks! He, Tonks!" Ein dürrer, hustender Mann erschien hinter der Frau im Türeingang. „Dein Mann sagt, du sollst mal nach hinten kommen! Es geht um Longbottom, der dreht uns noch durch!"

„Neville? Der ist doch kaum verletzt –"

„Geh schon, ich mach hier weiter. Bill ist ziemlich fertig wegen Rose. Was weiß ich, vielleicht will er dich bloß nicht aus den Augen verlieren –"

„Ha ha", sagte Tonks humorlos. „Ich komm schon. Nicht, dass ich was machen könnte, wenn Neville ausflippt. Und um Hermione mach ich mir wesentlich mehr Sorgen!" Als wäre ihr etwas eingefallen, drehte sie sich noch einmal zu den Leuten um, die vor der Tür standen. „He, Sie, haben Sie nicht gerade gesagt, dass Sie Heiler sind oder so? Lassen Sie den Jungen da erst mal! Der hält's auch noch ein paar Minuten länger durch. Kommen Sie mit mir, ich hab ein paar richtige Patienten für Sie!"

„Lassen Sie uns jetzt endlich rein!", schrie die Frau mit der Brille und schüttelte ihren Korb. „Es wird immer lauter!"

Tonks hatte Arkturius einfach am Ärmel gepackt und zog ihn nun mit sich ins Innere des Gebäudes.

Vom Atrium des St. Mungo-Hospitals war nicht mehr viel zu sehen, weil auf jedem freien Fleckchen Menschen saßen, kauerten oder lagen. Ein riesiger, schön geschmückter Weihnachtsbaum schien um seinen Platz an der Stirnseite des Saales kämpfen zu müssen, er war von allen Seiten dicht belagert, die Menschen saßen noch auf den Stufen der Treppe dahinter. Das Licht der großen, leicht grünlichen Leuchtgloben, die unter der Decke schwebten, beschien dieses Durcheinander von Menschen in Winterumhängen, die vielen Gesichter, die ängstlichen, verständnislosen, empörten, stumpfen Mienen. Jedes Alter war vertreten, Jugendliche, die allesamt Hogwartsfarben trugen – Schals oder Krawatten, manche hatten sich auch entsprechende Tücher um die Handgelenke gebunden; Kinder wie Lenny, die auch hier spielten und lachten. Die Stimmen verbanden sich zu einer betäubenden Wolke aus Geräuschen. Und man hörte zwar das Dröhnen und das Scheibenklirren, aber nicht so laut wie draußen.

„Also – ein Heiler bin ich eigentlich nicht –", versuchte Arkturius die entschlossene Frau zu bremsen.

„Sie sagten, Sie könnten noch zaubern, oder?", erwiderte sie, ohne sich umzudrehen. „Das reicht mir im Moment." Und mit energischen Schritten lenkte sie ihren Fang zwischen den Leuten hindurch, trat hier auf einen ausgebreiteten Winterumhang, warf dort eine Tasche um, rempelte einen kleinen Jungen an, der seine Sammlung aus lebensechten kleinen Drachen mitgebracht hatte und gerade um sich herum aufbaute.

„Passen Sie doch auf!", schimpfte seine Mutter, als der Junge zwischen seine Drachen plumpste.

„Machen Sie doch Platz! Es kommen noch jede Menge Leute mehr! Und wir können nicht mehr erweitern!"

Sie kamen an dem Weihnachtsbaum vorbei, gingen unter der Schräge der Treppe hindurch und erreichten einen kleinen Gang. Bis hierhin war alles voll Menschen, aber dieser Gang lag still und leer vor ihnen. „Verwaltung" war auf einem Schild an der Wand zu lesen, und darunter stand ein rothaariger Mann, der offenbar darüber wachte, dass dieser Gang frei blieb. Als er Tonks sah, lächelte er.

„Da bist du ja", sagte er.

„Was ist denn mit Neville – und vor allem, was soll ich dagegen tun?", gab sie ruppig zurück, aber sie ließ sich von ihm in den Arm ziehen.

„Ich weiß es nicht", sagte der Mann. „Er nimmt es ziemlich schwer. Eigentlich wollte ich dich vor allem in der Nähe haben –"

„So was hat Elph schon angedeutet", erwiderte sie und wischte sich ein paar Tannennadeln von der Jacke. „Bill – es ist nicht deine Schuld, dass Rose weg ist! Ihr konntet sie doch nicht ewig einsperren! Sie ist ein freier Mensch, sie sollte selbst bestimmen können, was sie jetzt –"

„Hör auf", sagte er kurz. „Vielleicht hast du Recht, aber ich will nicht darüber reden. Bleib einfach hier, ja? Und wenn du kannst, stell Neville irgendwie ruhig. Du kannst noch am besten zaubern von uns allen –"

Sie schnaubte. „Quatsch. Das ist nur die Verwandlungssache, die geht noch, aber nicht mal mehr so, dass ich's kontrollieren könnte. Alles andere kannst du vergessen! Aber hier, er hier ist ein Heiler! Oder kann jedenfalls noch zaubern, hat er gesagt. Vielleicht kann er was für Hermione tun!"

Arkturius wollte etwas sagen, aber der Rothaarige ließ ihn gar nicht erst zu Wort kommen. „Sie können wirklich noch zaubern?", fragte er verblüfft. „Richtig? Kontrolliert? Oh Mann, dann müssen Sie unbedingt mitkommen! Wir haben eine Schwerverletzte hier – und niemand kann … kommen Sie!"

Sie gingen durch den Gang – Türen rechts und links, mit kleinen Schildern: Beschwerdestelle, Spendenannahmestelle, Muggelheiler-Vermittlungsstelle, St. Mungo-Förderverein. Eine Tür stand auf, und Arkturius sah statt des erwarteten Büros mehrere Betten und Liegen, auf denen offenbar Verletzte lagen, aber dieser Raum schien nicht ihr Ziel zu sein, es ging weiter. Am Kopfende des Ganges befand sich eine rundbogige Flügeltür, neben der ein weiteres Schild „Lesesaal" verkündete. Diese Tür öffnete der Rothaarige – Bill – und winkte Arkturius, ihm zu folgen.

Bücherregale versperrten den Blick in die Saalmitte, von der laute Stimmen zu hören waren – es klang nach einer hitzigen Debatte. In den Gängen, die die Regale rechts und links bildeten, sah es weniger nach Lesesaal als nach Zeltlager aus: Matratzen und Schlafsäcke lagen da verteilt, mit Rucksäcken und Kleidungsstücken dazwischen. Als er Tonks und Bill daran vorbei folgte, sah er auf einer Matratze einen Zauberstab liegen – vergessen neben einer Haarbürste. Sie gingen zwischen den Regalen hindurch in die Mitte des Saals, wo man sämtliche geschnitzten Lesepulte zusammengeschoben hatte. Darauf waren respektlos Teller mit Broten, Teekannen und Tassen, ein angeschnittener Kuchen, ein riesiger zugedeckter Kessel mit darüber gelegter Schöpfkelle verteilt. Ein Dutzend Männer und Frauen saßen an oder auf den Tischen oder standen darum herum und hatten für die drei keine Aufmerksamkeit übrig.

„Die Muggel üben sich im Beschwichtigen – bei denen übrigens ein sicheres Zeichen dafür, dass sie es verdammt ernst nehmen – sagen, es wäre nur ein seltenes Wetterphänomen mit ein paar kleineren Erdstößen –"

„Fudge muss den Muggel-Premier endlich einweihen und die Muggel warnen!"

„Wozu das denn, Mann? Damit die die letzten Stunden noch mit Massenhysterie und Plünderungen verbringen können?"

„Wir können sie doch nicht einfach so –"

„Was gehen uns die Muggel an? Außerdem, hast du noch nicht gehört, dass Fudge längst untergetaucht ist?"

„An einem sicheren Ort, was?", höhnte einer.

„Ihr seid zu laut", sagte Bill nur und bog dann in eine Lücke zwischen den Regalen ein.

Da waren sie wieder in dem Gang mit den Matratzenlagern, der offenbar rings um die Saalmitte verlief. Arkturius stieg hinter den beiden über Schlafsäcke und Wintermäntel, Jacken, Umhänge und Taschen, sah hier und da Wecker, Wasserflaschen, Fotos, die unten vor die Buchreihen gestellt worden waren, wie auf Nachttische –

„Okay", sagte Tonks und wandte sich zu Arkturius um, „hier wären wir –"

„Wir sollten lieber ein richtiges Bett für sie holen!", sagte Bill unbehaglich. „Das ist doch verrückt, das ganze Haus ist voll davon, und sie liegt hier auf –"

„Ich glaub, es ist ganz in Ordnung so", unterbrach ihn eine helle, ruhige Frauenstimme.

Arkturius war jetzt auch herangekommen und sah im düsteren Dämmerlicht drei junge Leute. Die Frau, die gesprochen hatte, saß neben einem zusammengesunkenen jungen Mann auf einer Lesesaal-Pultbank, die sie unter das Fenster geschoben hatten. Ein weiterer junger Mann kauerte reglos auf einer Matratze am Boden – und dann erst entdeckte Arkturius, dass auf der Matratze daneben eine vierte Person lag, bis zum Kinn unter einer leichten Decke verborgen. Ihr Kopf ruhte auf einem flachen Kissen und war mit behelfsmäßigen Verbänden bedeckt. Ein paar lockige Haarsträhnen sahen dazwischen hervor.

„Hier ist jemand, der noch zaubern kann", sagte Bill mit gedämpfter Stimme.

„Wirklich?", fragte die Frau und sah Arkturius verblüfft entgegen. Ihre Kleidung war zerrissen und über und über mit Ruß und Schmutz verschmiert, genau wie ihr Gesicht und ihr Haar. Es war langes blondes Haar, zu einem Zopf geflochten, die sich auflösenden Strähnen hingen ihr über Schulter und Rücken.

„Er sagt, er kann vielleicht helfen", fügte Tonks hinzu, die es vermied, auf das mit Verbänden bedeckte Gesicht hinunterzusehen. „Äh – wie heißen Sie eigentlich?"

„Adam. Adam Bird."

„Oh – genau wie der Erfinder der Planetenuhr?", rief die junge Frau überrascht und mit einer Begeisterung, die angesichts ihres Äußeren und der ganzen Situation unverständlich war.

„Verdammt, Claire, ich kapier nicht, wie dir immer so ein Blödsinn in den Kopf kommt!", fuhr Tonks sie denn auch an. „Wie kannst du jetzt an irgendwelche Uhren denken?"

„Entschuldige, es ist nur – mein Vater hatte auch eine Adam-Bird-Uhr und deshalb –"

„Schon gut, ich verzichte auf den Rest", wurde sie von Tonks grob unterbrochen. „Hat sie denn inzwischen irgendwas gesagt – ich meine, ist sie mal zu sich gekommen?"

Claire schüttelte den Kopf. Der junge Mann neben ihr stöhnte auf. „Es ist alles unsere Schuld!", murmelte er verzweifelt. „Wir haben versagt. Wir haben alle versagt – wir hätten ihn beschützen müssen – jetzt stirbt er – das ist unsere Schuld –"

„Shh, Neville", sagte Claire. „Wir konnten nichts mehr tun! Wir haben –"

„Verdammt, Neville, halt doch endlich die Klappe!", fauchte der Mann, der auf der Matratze hockte. Sein Gesicht war zwar rauchgeschwärzt und trug außerdem einen kurzen rotblonden Bart, aber dennoch war eine deutliche Ähnlichkeit mit Bill zu erkennen. „Was hätten wir tun sollen? Gegen Verrat bist du machtlos! Black muss gewusst haben, wer der Nächste ist! Wahrscheinlich hat er's Salazar damals schon gesagt, nachdem er ihm James und Lily ans Messer geliefert hatte! Und jetzt verschon uns endlich mit dieser Wir-haben-versagt-Arie, ja? Oder ändere wenigstens den Text – Wir-werden-alle-sterben, das wär 'ne Abwechslung, und 'ne passende dazu!"

„Ron! Nicht!", sagte Claire warnend.

Die Verletzte bewegte sich stöhnend unter der Bettdecke. Ron wollte sie wohl beruhigen, aber seine Hand zuckte im letzten Moment zurück und berührte ihr verbundenes Gesicht nicht.

„Na klar, wenn du das sagst, Clairvoyance! Ich persönlich finde den Gedanken ja eher tröstlich, aber wenn du meinst, dass man Hermione noch mit irgendwas schocken könnte –"

Ron!", sagte Claire noch einmal, beugte sich vor und berührte seine schmutzige Hand.

„Wir haben immer noch eine Hoffnung", warf Tonks ein. „Snape hat angeblich einen Spion in der Festung, jemanden, der die Maschine zerstören soll –"

„Quatsch", murmelte Ron. „Alles nur Gerüchte. Glaubst du wirklich, dass sich da jetzt noch ein Spion halten kann? Nee. Alles, was jetzt noch lebt in der Festung, gehorcht ihm entweder aufs Wort – oder steckt in irgendwelchen Kerkern. So einfach ist das."

„Was ist mit ihr geschehen?", fragte Arkturius. „Mit – Hermione, richtig?"

Ron sah auf und warf ihm einen abschätzigen Blick zu. „Wie sieht's denn aus, Mann? Ein Ignifer hat sie getroffen – Salazars Lieblingszauber. Macht kampfunfähig. Tötet schön langsam. Ich glaube, er war's persönlich."

„Sie sind vorhin erst zurückgekehrt. Haben versucht, den Clavicustos zu retten", erklärte Tonks leise. „Sie sind seine Leibgarde."

„Retten – guter Witz! Was von dem noch übrig ist, das klebt da an dieser Mauer, und wir konnten es nicht abkratzen, das war leider nicht –"

„Ron, bitte!", sagte Tonks. „Vielleicht lässt du die hier mal allein weitermachen und trinkst selbst mal 'nen Schluck – wir haben noch –"

„Gute Idee, Daphnedusa!", höhnte Ron. „Ich kipp 'nen Whisky, dann macht's mir vielleicht nicht mehr so viel aus, dass meine Frau hier krepiert und die Eingeweide unseres Clavicustos über die Goldene Festung verteilt sind – wirklich, gute Idee!"

„Nenn mich nicht –"

„Das reicht jetzt, Ron", sagte Bill. Er nahm sich die Teekanne, die auf der Fensterbank stand, und goss zwei Becher voll. „Hör auf damit und trink das hier. Du auch, Neville! Heißer Tee. Kein Whisky." Er hielt den beiden die Becher hin. Ron nahm den seinen wortlos und trank. Nevilles Becher musste Claire annehmen, die ihn neben sich auf die Bank stellte.

„Wenn's dir besser geht, komm rüber zu uns", fuhr Bill fort. „Remus will endlich genau wissen, was ihr gemacht habt. Er und Snape sind ziemlich sauer, dass ihr auf eigene Faust losgezogen seid."

„Was haben die erwartet – dass wir einfach hier rumsitzen würden?", fauchte Ron. „Was haben wir denn noch zu verlieren! Vielleicht – vielleicht hätten wir –" Der Teebecher kippte ihm aus der Hand, aber er schien es nicht einmal zu bemerken, sondern presste beide Fäuste auf die Augen.

„Habt ihr da draußen vielleicht – Rose gesehen, irgendwo?", fragte Bill zaghaft.

„Leider nicht. Gar nichts", erwiderte Claire, hob den Becher auf und schwenkte den Zauberstab über der Teelache auf dem Boden. Es geschah nichts. Sie ließ den Stab einfach fallen.

Bill schluckte.

„Rose ist tot", kam es tonlos hinter Rons Fäusten hervor. „Das ist doch klar. Und wenn sie noch lebt, dann ist sie spätestens in ein paar Stunden tot. Genau wie wir alle."

„Komm jetzt", sagte Bill, packte ihn an der Schulter und zog ihn auf die Füße. „Gib Snape keine Angriffsfläche mehr, Mann! Keiner von uns braucht heute noch mal so einen Auftritt wie vorgestern." Er betrachtete Neville mit einem prüfenden Blick und kam wohl zu dem Schluss, dass dieser Berichterstatter jedenfalls ausfiel. „Claire, würdest du bei den beiden hier bleiben? Bei Hermione und Neville? Ich glaube, du kannst das besser als irgendwer sonst."

„Es gibt sowieso nicht viel zu berichten", sagte Claire leise.

Arkturius hockte sich neben die Matratze und schlug vorsichtig die Decke zurück. Die verletzte Frau war in einen dünnen Stoff gehüllt und atmete flach und schnell.

„Wir haben sie in einen Heilanzug gelegt. Ist jetzt – eine knappe Stunde her. Sie hat überall Brandwunden", sagte Claire.

„Das sieht ganz gut gemacht aus", murmelte Arkturius.

„Aber wir müssten das bald erneuern – es gibt nur keinen Anzug mehr. Ist alles gestern nach Hogwarts und in die Winkelgasse geschickt worden, genau wie die Heiler –"

„Ach so."

„Wir haben ihr Lindwurz gegeben", sagte Claire. „Sonst gibt es kaum noch was, und sie hatte solche Schmerzen! Es hilft wahrscheinlich nicht mehr lange."

„Die Heilmittelkammern hier im Hospital –"

„Sind leer geräumt", sagte Tonks. „Hogwarts, wie gesagt. Und die Winkelgasse."

„Hört doch auf damit! Sie ist so gut wie tot – das wissen wir doch alle. Lindwurz – das hilft vielleicht gegen Kopfschmerzen, aber nicht, wenn man in Flammen gestanden hat!", rief Ron und schüttelte Bills Hand ab, die ihn immer noch an der Schulter fasste. Tränen liefen über sein Gesicht, aber er wischte sie nicht einmal weg. „Ja, ich halt schon die Klappe, Bill, und ich komme auch mit, um Remus die ganze Scheiße zu erzählen! Wo ist denn Snape? Der wird das doch wohl auch hören wollen – oder lässt er sich jetzt gar nicht mehr blicken?" Dann beugte er sich noch einmal zu Arkturius hinunter. „Tun Sie was, damit sie nicht leidet! Bitte!"

Damit drehte er sich abrupt um und ging zwischen den Bücherregalen hindurch zu den immer noch heftig diskutierenden Leuten in der Saalmitte. Bill folgte ihm, aber die Frau mit dem violetten Haar blieb noch und sah Arkturius erwartungsvoll an. „Sie wird sehr bald einen – einen Schmerzzauber brauchen oder so was. Können Sie das?"

Arkturius nahm seinen Zauberstab – er steckte in einer eigens dafür angebrachten Innentasche seines Umhangs – und sprach ein leises „Tranquillatio!" über die Verletzte.

„Und – hatten Sie das Gefühl, dass es – na ja, klappt? Das Zaubern?", fragte Tonks skeptisch.

„Ehrlich gesagt – ich bin mir nicht sicher", erwiderte Arkturius erstaunt und betrachtete seinen Zauberstab.

„Dacht' ich mir schon!"

„Es wird ja nicht mehr lange dauern", sagte Claire, und das klang, als wäre es als Trost gemeint. Ihre großen blauen Augen hatten einen seltsamen Ausdruck. „Vielleicht kommen wir bis dahin mit Lindwurz hin."

Tonks warf ihr einen ärgerlichen Blick zu und wandte sich dann wieder an Arkturius. „Sie sind nicht von hier, oder? Sie sehen so aus, als hätten Sie keine Ahnung, was hier los ist!"

„Nun ja – der Clavicustos ist ermordet worden – und – und Hogwarts ist zerstört", stotterte Arkturius. „Ich dachte – ich wusste nicht, dass der Clavicustos noch eine echte Rolle spielt – dass es wirklich noch eine Leibgarde gibt!"

Claire sah ihn nachdenklich an. „Bis Salazar in die Kammer reingekommen ist, war das ja auch immer ein Geheimnis der Mysteriumsabteilung. Nicht mal der Orden wusste, wer der neue Clavicustos ist. Nur die Leibgarde wusste davon –"

„Salazar? Salazar Slytherin etwa?"

„Ähm – nein", erwiderte Tonks, und jetzt war ihr deutlich anzusehen, dass sie am Verstand des Ankömmlings zweifelte. „Natürlich nicht, der ist seit tausend Jahren tot, oder? Sie müssen doch von Großmeister Salazar gehört haben – dem Irren, dem wir das hier alles verdanken!"

„Nun – ehrlich gesagt, bin ich erst vor – vor wenigen Tagen aus – aus – äh, Amerika zurückgekehrt – und heute wollte ich in London –"

„Sie Ärmster", sagte Claire mitleidig, genau wie vorhin Louise. „Und da sind Sie einfach in diese schreckliche Situation hier hineingestolpert –"

„Dieser Salazar wollte schon seit Ewigkeiten den Schlüssel, verstehen Sie. Er hatte es ja vor sechs Jahren schon mal versucht und – äh – Pech gehabt. Danach hat man kaum noch was von ihm gehört, nur der Orden hat ihn im Auge behalten und überwacht. Arthur Weasley war immer überzeugt, dass er irgendwann wieder zuschlagen wird. Und das hat er dann ja auch –" Tonks sah zur Seite.

„Arthur und seine Frau waren die ersten Opfer", sagte Claire leise. „Wir hatten alle zusammen Weihnachten gefeiert – und – und – dann kam der Überfall. Sie haben Rons Eltern getötet – und die Nachbarin – und uns haben sie –"

„Und davon haben Sie gar nichts gehört?", fragte Tonks ungläubig. „Weihnachten – noch nicht mal eine Woche her! Das Godric's Hollow-Massaker ging noch fett durch die Presse! Mann, ich dachte, die ganze magische Welt redet von nichts anderem! Und am Montagmorgen, als er aus dieser verdammten Kammer wieder rauskam, hat er's doch in die Welt rausposaunt, jeder weiß es inzwischen – das Gelaber von wegen ewiger Nacht und so –" Sie rieb sich die Stirn. Ihr violettes Haar schien um einige Schattierungen blasser geworden zu sein. „Haben Sie das Ding draußen nicht gesehen? Das anscheinend in der Luft schwebt? Man kann es von überall her sehen, obwohl es in Wirklichkeit –"

„Wir waren drin – wir waren in der Festung", sagte Neville schleppend und ohne seinen starren Blick auf jemanden zu richten. „Wir haben zugesehen, was Salazar gemacht hat! Wie er's aus ihm rausgekriegt hat! Und dann hat er uns weggeschickt –", kreischte er plötzlich los. Die Diskussion jenseits der Bücherregale verstummte.

Claire nahm Neville in die Arme und streichelte sein Haar. „Shh, Neville! Es ist vorbei! Alles ist jetzt vorbei!" Und während sie ihn wie ein kleines Kind wiegte, sprach sie in ganz ruhigem, sachlichem Ton weiter. „Wir sollten es den anderen erzählen. Deshalb hat er uns gehen lassen. Damit wir ihnen sagen, dass er es ernst meint."

„Er hatte seine Mutter!", stöhnte Neville. „Sie war noch am Leben! Und alle haben doch immer gedacht, er hätte sie damals auch umgebracht!"

„Davon haben Sie aber sicher gehört?", fragte Claire. „Von James Potter und seiner Frau, die vor sechs Jahren entführt und ermordet wurden?"

„James Potter, der Sucher der Nationalmannschaft – holte 1993 den Sieg für England in der siebzehnten Minute!", warf Tonks erklärend ein. „Man fand seine Leiche auf der Straße vor seinem Elternhaus in Godric's Hollow. Ging damals auch riesengroß durch die Presse, obwohl nur die Mysteriumsabteilung wusste, was er wirklich war – und natürlich seine Leibgarde –"

„Nicht ermordet! Sie lebte ja noch!" Neville befreite sich aus Claires Armen. Seine Augen flackerten verstört, sie schienen nichts mehr richtig ansehen zu können. „Und James hat er auch nicht getötet – er hat sich selbst umgebracht! Salazar hat es uns gezeigt! Wir mussten alles mit ansehen!"

„Das stimmt", sagte Claire leise. „Und dann hat Snape hier unsere Erinnerungen mit einem Offenbarungszauber durchleuchtet, weil er es nicht glauben wollte. Aber es stimmt. James hat sich selbst getötet, als er merkte, dass er Salazars Folter nicht länger widerstehen konnte. James war der vorige Clavicustos", fügte sie erklärend hinzu.

„Ich wünschte, Snape hätte das mit dem Offenbarungszauber nicht gemacht", murmelte Tonks. „Ich wünschte, wir hätten das nicht alle sehen müssen. Ich hätte euch auch so geglaubt. Nevilles Zustand ist Beweis genug."

„Jedenfalls war Salazar diesmal auf alles vorbereitet. Keiner von uns hätte sich diesmal selbst töten können. Diesmal hat er den Schlüssel bekommen", sagte Claire ruhig. „Ich hab ihm gesagt, dass ihm das nichts nützt, weil nur der Clavicustos selbst unbeschadet zum Herz der Welt gelangen kann. Aber das hat ihn nicht interessiert."

„Woher wusste Salazar denn, wer den Schlüssel jetzt hat?", fragte Arkturius.

„Das wissen wir nicht. Genauso wenig, wie man weiß, wie er damals auf James gekommen ist."

„Klar wissen wir das", sagte Tonks harsch. „Es war Verrat! Sirius Black hat ihn verraten – er gehörte zu seiner Leibgarde!"

„Das weiß niemand wirklich, Tonks!", sagte Claire.

„Es liegt aber auf der Hand! Angeblich war er mal sein bester Freund, aber dann haben sie sich zerstritten, und seitdem ist Black irgendwo durch die Welt gegondelt, anstatt auf seinen Clavicustos aufzupassen."

„Deshalb muss er ihn nicht verraten haben", wandte Claire ein.

„Ach, du glaubst immer noch an die unantastbare Moral der Leibgarde", rief Tonks abfällig. „Aber ihr Garde-Leute seid auch nicht besser als der Rest von uns, ihr seid nicht unfehlbar! Und was Black angeht, da passt alles zusammen! Wenn irgendwer, dann könnte er gewusst haben, wer den Schlüssel von James bekommen hat! Und er wäre ja sowieso auch in der Leibgarde des Nachfolgers gewesen, weil er nun mal der –"

„Wir sollten damit aufhören", sagte Claire und drückte Neville den Teebecher in die Hand. „Bitte, Mr Bird, versuchen Sie es doch noch mal mit dem Zaubern!"

„Ich befürchte, es funktioniert nicht", sagte Arkturius. „Wieso können Sie denn alle nicht mehr zaubern? Wieso kann ich plötzlich nicht mehr zaubern?"

„Gute Frage, Adam", gab Tonks grob zurück. „Bloß haben wir auch keine Antwort! Wir wissen nur, dass es irgendwann gestern angefangen haben muss – da konnten einige schon gar nichts mehr. Während ihr ja heute sogar noch appariert seid!", fügte sie an Claire gewandt hinzu. „Echtes Wunder, nebenbei bemerkt. Ich glaub, hier im ganzen Haus kann keiner mehr apparieren!"

„Wir konnten es auch nicht mehr", erwiderte Claire. „Nur Ron. Ron hat uns alle drei mitgenommen. Sonst wären wir nicht mehr weggekommen. Jetzt trink doch was, Neville!"

„Sollen wir denn etwa hier herumsitzen und warten, bis uns die Insel um die Ohren fliegt?", drang in diesem Moment wieder eine wütende Stimme von jenseits der Bücherregale herüber. Tonks und Arkturius sahen auf.

„Der Orden", sagte Tonks mit einem säuerlichen Lächeln. „Besser gesagt: Das, was davon übrig ist. Die Stimmung ist bescheiden, und das liegt nicht nur daran, dass nach Arthurs Tod jetzt Snape allein der Chef ist. Ich sollte wohl auch mal rübergehen."

Arkturius schüttelte den Kopf, als wollte er die Verwirrung, die darin herrschte, herausschütteln.

„Sie sind wirklich total durcheinander, was? Hier, vielleicht hilft Ihnen das ein bisschen!" Sie nahm eine gefaltete Zeitung aus ihrer Jackentasche und hielt sie ihm hin. „Lesen Sie's durch. Genießen Sie's! Ist von gestern – die letzte Ausgabe des Tagespropheten, die je gedruckt werden wird!" Mit diesen Worten ließ sie ihn stehen und verschwand zwischen den Regalen.

Arkturius entfaltete die Zeitung. Sie war auf den dreißigsten Dezember 2003 datiert, und die Schlagzeile lautete: „Hat Salazar die ultimative Zerstörungswaffe?" Aber er las nicht. Stattdessen stand er auf und stellte sich zwischen die Bücherregale, so dass er die Versammlung um die Lesepulte herum sehen konnte.

„Was auch immer – ich hab keine Lust hier rumzusitzen und einfach abzuwarten, was er tut!", rief die wütende Stimme. Sie gehörte einem jungen Mann, der auf einer Pultkante saß.

„Was schlägst du denn vor, Bax?", fragte Bill. Er hatte den Arm um Tonks gelegt. „Willst du mit dem Besen gegen die Festung anfliegen und Steine runterwerfen?"

„Kannst du vergessen", brummte ein breiter Mann mit vernarbtem Gesicht und finsteren Augen, der an ein Bücherregal gelehnt dastand. „Man kann die Festung nicht mehr überfliegen. Und –"

„Ich gebe Carmino Recht", unterbrach ihn Tonks entschieden. „Ich will auch nicht hier sitzen und auf den Tod warten. Wir sollten einen letzten Ausfall wagen – vielleicht gibt es ja noch irgendeine Möglichkeit, von der wir jetzt nichts wissen –"

„Und wenn nicht, dann haben wir es wenigstens versucht!", rief Bax.

„Du gehst nirgends hin, Daphnedusa!", sagte Bill schneidend. „Nicht ohne mich, und ich lasse dich ganz bestimmt nicht –"

„Nenn mich nicht Daphnedusa", entgegnete sie, aber es klang wie ein Reflex, ausdruckslos – eine alte Gewohnheit, die alle Bedeutung verloren hatte.

„Habt ihr nicht gesehen, wie die Leibgarde zurückgekehrt ist? Die haben heute Nacht versucht, noch mal in die Festung zu kommen!", rief die junge Frau, die neben Tonks stand. „Seht euch Hermione doch an! Wollt ihr so sterben?"

„Ist es nicht egal, wie man –"

„Habt ihr denn noch nicht gemerkt, dass unsere magischen Fähigkeiten nachlassen?!"

„Lasst Ron jetzt erst mal berichten!"

„Wartet damit lieber, bis Snape zurück ist!"

„Ich bin zurück", sagte eine scharfe Stimme von der Tür her. Keiner hatte darauf geachtet, vielleicht stand er schon eine Weile dort hinten zwischen den Bücherregalen: Ein ausgemergelter, nur eben mittelgroßer Mann in grauer Kleidung, die seine fahle Haut noch blasser machte. Jetzt kam er mit raschen Schritten zu der Gruppe hinüber und blieb neben einem großen Mann mit welligem grauem Haar stehen, der bisher noch gar nichts gesagt hatte.

„Die Diskussion ist gegenstandslos", sagte er, ohne jemanden anzusehen. Strähniges schwarzes Haar fiel in sein Gesicht, dessen Züge so scharf und hager waren, dass sie beinahe wie eine Karikatur wirkten. „Die Maschine ist nicht in der Festung."

„Woher wissen Sie das?"

„Ich habe gerade mit einem Angestellten der Mysteriumsabteilung gesprochen –"

„Stimmt es, dass das Ministerium zerstört ist?"

„Ja, das stimmt, Bax – jetzt lass ihn doch ausreden! Ins Ministerium kommt niemand mehr runter."

„– und er konnte mir bestätigen, dass die Störungen von dort kommen", fuhr Snape fort, als habe ihn niemand unterbrochen. „Was inzwischen sogar die Muggel bemerkt haben. Sie fahren eine Menge ihrer Geräte da auf, aber es sah nicht so aus, als wären sie schon weit gekommen."

„Vielleicht kommen die doch rein!", rief eine Frau. „Manche Sachen von denen sind richtig gut! Meine Nichte ist mit einem Muggel verheiratet, und die haben solche – solche Computer heißen die Dinger, damit können sie –"

„Darf ich jetzt fortfahren?", unterbrach Snape sie in ätzendem Ton. „Danke. Wie ich schon sagte: Die Störungen kommen von dort. Von der Kammer, um genau zu sein. Ganz so, wie es unsere Informanten sagten."

„Informanten?", wiederholte jemand leise.

„Wir haben Spione, Pettigrew", erwiderte Snape barsch. „Hatten Spione, sollte ich wohl sagen. Er hat die Maschine in der Kammer selbst untergebracht. Das erlöst uns von der Qual der Entscheidungen, denn unglücklicherweise ist das der Ort, an den außer ihm selbst jetzt niemand mehr gelangen kann. Wir können also gar nichts mehr unternehmen."

„Wir haben deinen Führungsstil letzthin ein wenig satt, Severus", sagte Pettigrew in das folgende Schweigen hinein. „Es gibt hier auch andere, die etwas zu sagen hätten! Vielleicht kannst du die mal zu Wort kommen lassen – darüber, was möglich oder nötig ist! Arthur hätte nie –"

„Hältst du den Zeitpunkt für günstig, eine Diskussion darüber anzufangen?", fragte Snape, und sein Sarkasmus war so blutleer und müde wie sein Gesicht. „Andererseits ist jetzt natürlich ein Thema so gut wie jedes andere, um uns die Zeit zu vertreiben, also –"

„Severus, wir können nicht einfach aufgeben –", ließ sich der Mann mit dem grauen Haar erstmals vernehmen.

„Tun wir nicht. Nicht einfach, Lupin! Von fünfunddreißig Mitgliedern dieses Ordens leben noch fünfzehn, von denen die meisten jetzt hier herumstehen und streiten! Von diesen fünfzehn stirbt Weasleys Frau noch vor dem großen Knall heute Nacht. Seine Schwester ist seit heute Morgen verschwunden und wahrscheinlich ebenfalls tot. Von vier Spionen, die wir bei Salazar hatten, lebt vielleicht – vielleicht! – noch ein einziger. Alles in allem würde ich das nicht als einfach aufgeben bezeichnen." Sein Tonfall war immer schärfer geworden. „Vorgestern hat er uns – eingebrannt auf dem Rücken unseres jüngsten Mitgliedes – die Ankündigung zukommen lassen, dass er seinen Geburtstag damit zu feiern gedenkt, dass er die Welt zersprengt. Die Welt, Lupin. Nicht nur London, nicht nur diese Insel! Das entspräche auch gar nicht seinem Stil."

„Und warum sollten wir so einen größenwahnsinnigen Blödsinn glauben?", rief Pettigrew und sah sich nach Unterstützung um. „Meinst du nicht, dass dieser Brocken selbst für Salazar ein bisschen groß ist?"

„Wir dürfen das glauben, Pettigrew", erwiderte Snape schneidend. „Nicht, dass es einen Unterschied macht, ob wir ihm glauben oder nicht. Tatsache bleibt so oder so, dass das Spiel aus ist. Jungbungle – der Angestellte aus der Mysteriumsabteilung – sagte, dass sie seit Montag in den alten Aufzeichnungen gesucht haben und bestätigen können, dass Salazar Recht hat: Wenn es stimmt, was wir über die Maschine wissen, und wenn sie dort in der Kammer platziert ist, kann sie sehr wohl ziemlich große Löcher in diesen Brocken reißen."

Daraufhin herrschte betretenes Schweigen.

„Haben wir eigentlich irgendeine Ahnung, was nun wirklich in dieser Kammer ist?", fragte Tonks schließlich ungewohnt zaghaft.

„Das Herz der Welt, Daphnedusa. Müssen wir mehr wissen?", erwiderte Snape trocken.

„Es muss stimmen", meldete sich eine große, schlanke Frau in den Sechzigern. „Dass sich dort die Quelle unserer Zauberkraft befindet, meine ich. Ihr habt doch sicher alle gemerkt, dass unsere Zauberkräfte schwinden, seit Salazar in –"

„Oh, das ist doch Quatsch!", schrie Bax. „Quatsch und sonst nichts! Er hat irgendeinen blöden – was weiß ich, Schirmzauber oder so was über die Stadt gelegt! Guckt euch doch bloß mal den Himmel an! Und dieses Bild von der Festung – das sind doch alles blöde Tricks! Ich wette, wenn man aus London raus ist, kann man wieder ganz normal zaubern!"

„Leider nicht, Carmino", sagte Lupin leise. „Ich war gestern noch in Hogwarts – habe mir angesehen, was übrig ist davon, sollte ich wohl besser sagen. Ich bin mit einem Muggelzug zurückgekommen, weil ich nicht mehr apparieren konnte."

„Wenn das also nun geklärt ist, können wir vielleicht endlich hören, was die Leibgarde zu berichten hat", sagte Snape eisig. „Weasley, fühlen Sie sich imstande, einen Bericht über Ihren eigenmächtigen kleinen Ausflug abzugeben?"

„Da ist nicht viel zu berichten", sagte Ron heiser. „Wir – wir wollten – wir mussten einfach noch einmal zur Festung und versuchen, ob wir ihn nicht doch irgendwie retten können – ihn wenigstens – wenigstens von dieser Mauer herunterholen –" Er hustete verkrampft. Als er weitersprach, waren seine Worte kaum noch zu verstehen. „Sind die ganze Nacht auf Azkaban herumgekrochen – alte Fluchtwege, vor allem die unterirdischen – aber alles umsonst. Wollten einen von denen in die Hände kriegen – niemand da – niemand – nur Schreie von drinnen – es stimmt alles, was darüber gesagt wird – ihr habt es ja – gesehen!"

„Weiter", forderte Snape, als Ron verstummte.

„Die Mauern sind undurchdringlich!", rief er, und es klang, als stürze er vor dem Weinen davon. „Schutzzauber über dem ganzen Gebäudekomplex! Als es hell wurde, wurden wir plötzlich von irgendwoher beschossen – Ignifer-Zauber! Wir haben alle etwas abgekriegt, aber Hermione ist – sie wird –" Er konnte nicht mehr weitersprechen.

„Dann gehen Sie jetzt zurück zu ihr, Weasley", sagte Snape mit ausdrucksloser Stimme und dann, leiser und mehr zu sich selbst: „Noch so ein sinnloses Unternehmen. Noch eine Leibgarde, die sich selbst bestätigen muss, dass sie alles getan hat – abgesehen von der einen und leider entscheidenden Sache, in der sie versagt hat …"

„Lass sie so was nicht hören, Severus", sagte Lupin scharf. „Das haben sie nicht verdient! Wenn du uns schikanieren willst, bitte – vermutlich hast du Recht damit. Aber sie nicht. Sie hatten keine Chance, ihren Clavicustos zu schützen."

„Und wir haben das auch nicht verdient!", entrüstete sich Pettigrew. „Wer konnte denn ahnen, dass Sirius ein Verräter ist? Er hat uns alle reingelegt! Er ist schuld, dass –"

„Schon gut, Peter", unterbrach ihn Lupin. „Lass es gut sein. Also, Severus – hast du eine Idee, was wir mit den Leuten da im Atrium anfangen sollen? Es kommen immer noch mehr, es sind auch immer mehr Muggel dabei. Manche sind verletzt. Wir haben keine Heilmittel mehr und nichts zu –"

„Verschließt den Eingang. Das ist doch wirklich einfach, Lupin, oder? Macht einfach die Türen zu. Sterben kann man heute überall." Er wandte sich um und ging wieder auf die Tür zu. Bevor er zwischen den Regalen verschwand, drehte er sich noch einmal um. „In diesem Sinne – suchen Sie sich dazu den Platz, der Ihnen am besten gefällt. Der Orden ist aufgelöst."

Die anderen sahen ihm ungläubig hinterher.

„Defätist!", sagte Bax nicht gerade leise.

Die Tür krachte ins Schloss, als Ron sich gerade an Arkturius vorbeigedrängt hatte.

„Sie konnten auch nichts für meine Frau tun, oder?", fragte er und versuchte mit dem Weinen aufzuhören.

„Nein, leider nicht. Es tut mir leid. Aber die Verbände – der Heilanzug – Lindwurz, das hilft ihr im Augenblick."

„Das ist doch nur, weil sie bewusstlos ist!", murmelte Ron und setzte sich wieder neben die Matratze mit der Verletzten. „Und ich kann nur hoffen, dass sie gar nicht mehr aufwacht –"

Snapes Auftritt hatte die Diskussion des Ordens erfolgreich beendet; die Versammlung löste sich in mehrere kleine Grüppchen auf, die leise miteinander redeten. Bill und Tonks kamen wieder herüber, sahen fragend in die Gesichter, konnten sich aber dann nicht einmal zu einer Frage aufraffen.

„Salazar hat es also wirklich bekommen, das Herz der Welt?", brach Arkturius nach einer Weile das beklommene Schweigen

„Wer weiß. Wir wissen ja nicht mal, was es eigentlich ist", sagte Tonks, als niemand sonst antwortete. „Vielleicht wusste er es. Auf jeden Fall hat er den Einzigen, der Zugang zur Kammer hat, gezwungen, ihm den Schlüssel zu geben. Aber als er aus der Kammer wieder rauskam – das war am Montagmorgen – da war er total durchgedreht."

„Da hat er verkündet, dass er die Welt zerstören würde", erläuterte Claire leise.

„Er hat ihm den Schlüssel nicht gegeben", sagte Ron, der immer noch weinte. „Niemals hätte er das getan!"

„Ron, Salazar hat seine Mutter vor seinen Augen gefoltert", sagte Claire sanft. „Jeder von uns hätte ihm den Schlüssel gegeben."

„Salazar hat einige der besten Zauberer auf seiner Seite", sagte Bill. „Einer von denen hat diese Maschine für ihn gebaut – war wohl ursprünglich für seinen – seinen Krieg gedacht oder was er da geplant hatte. Es heißt, dass sie alles Mögliche zersprengen kann und dass sie sich von Angst und Todesqual – na ja, ernährt."

„Das heißt, sie wird immer stärker, je mehr sie zerstört. Zumindest haben Snapes Spione das behauptet", fügte Tonks hinzu. „Übrigens auch, dass der Erfinder, der sie gebaut hat, sich umgebracht hat. Leider ein bisschen spät, würde ich sagen –"

„Wir haben ihn gesehen", sagte Neville stumpf. „Heute Morgen. Sie haben ihn da liegen lassen, auf den Steinen. In Azkaban gibt's nur Steine. Schwarze Steine. Keinen Strand. Nur schwarze –"

Neville!", schnauzte Ron. „Reiß dich endlich zusammen! Den Scheißkerl haben sie wenigstens sterben lassen! Der durfte wenigstens –"

In diesem Moment schlug wieder die Tür zum Lesesaal, und Sekunden später sah Arkturius den hustenden, dürren Mann, der Tonks vorhin an der Tür abgelöst hatte. Er kam mit hastigen Schritten zu Lupin, der immer noch an einem der Lesepulte stand und nachdenklich aus dem Fenster gesehen hatte.

„Elphias – habt ihr die Türen schon geschlossen?", fragte Lupin müde. „Hat Severus euch schon –"

„Nein, ich hab gerade mal kurz zugemacht – war niemand mehr draußen. Hör mal, Remus – du solltest mal rauskommen! Bei den Leuten, die ich eben reingelassen hab, war einer, der sah aus wie – also ich glaub, das ist – na ja, ich glaub, das ist Black!"

Was? Sirius? Das kann doch – das ist doch nicht möglich –"

„Eigentlich bin ich mir sogar sicher. Was soll ich jetzt machen? Ich meine – sollen wir ihn – festnehmen oder was? Jetzt?!"

Aber Lupin war schon auf dem Weg zur Tür, und alle, die zugehört hatten, folgten ihm.

Tonks sah sich zu den anderen um. „Habt ihr das gehört? Elph sagt, Sirius soll da sein!"

„Das glaub ich nicht!", sagte Bill entschieden und setzte sich bereits in Bewegung. Tonks und dann auch Arkturius schlossen sich ihm an.

Die Menschen quollen allmählich auch in den Verwaltungsgang herein, und sie mussten sich zwischen mehreren Familien mit zahllosen Kindern hindurchquetschen, um ins Atrium zu gelangen. Die Empfangshalle war noch voller als vorhin, und der Stimmenlärm beträchtlich. Trotz der vielen Menschen war es kalt hier und zugleich so stickig, dass man kaum atmen konnte. Arkturius hielt sich bei Bill und Tonks neben der Treppe. Die beiden betrachteten fassungslos den Mann, vor dem Lupin stehen geblieben war, nur wenige Schritte entfernt.

„Verdammt!", flüsterte Bill. „Er ist es wirklich!"

Es war ein großer Mann in Muggelkleidung, mit einer schulterlangen schwarzen Haarmähne und blassem Gesicht, aus dem fahle Augen über das Durcheinander ringsum hinweg und in Lupins Gesicht blickten.

„Das ist Sirius Black!", schrie plötzlich eine Frau aus einer Gruppe in der Nähe und sprang auf. „Wir haben Sie seit sechs Jahren auf der internen Fahndungsliste! Ich glaub es nicht! Leute, da habt ihr den Verräter! Der hat uns das alles eingebrockt!" Da stand sie schon zornbebend bei den beiden Männern, eine kleine, wütende Frau, die die Fäuste hob. „Und jetzt kommen Sie hierher – jetzt, wo keiner mehr etwas tun kann!"

Ihre Rede war nicht ungehört geblieben. Die Nachricht verbreitete sich in Sekundenschnelle durch die Menge, und auf einmal rückten von überall her Leute heran.

„Sie werden ihn in Stücke reißen", sagte Tonks kühl. „Nicht, dass es was nützt. Aber vielleicht geht's ihnen dann ja besser."

„Tonks –", sagte Bill in einem seltsamen Ton.

„Leute! Leute, geht wieder auf eure Plätze!", rief Lupin laut. „Was soll das denn! Setzt euch bitte!"

„Er hat alles verraten! Er ist schuld!"

„Schmeißt ihn raus!"

„Er steht auf der Fahndungsliste! Verhaftet ihn!"

„Nach Azkaban! Soll er zu seinem Herrn gehen!"

„Raus mit ihm!"

„Erledigen wir das doch selbst!"

„Ruhe!", schrie Lupin und zerrte den Mann mit sich, der keinen Versuch machte, vor den bedrohlich heranrückenden Leuten in Deckung zu gehen. „Aufhören! Beruhigt euch! Wir werden das in Ruhe klären! Wer hier einen Aufstand anfängt, wird rausgeworfen!"

Das wirkte für einen Moment. Das Geschrei verstummte, und in der plötzlichen Stille wurde das Dröhnen wieder hörbar. Jemand schluchzte auf. Ein Kind fing an zu schreien, es klang wie das schrille Quieken eines Schweinchens. Ganz leise begannen die Glasscheiben zu klirren.

Expelliarmus!", sagte eine schneidende Stimme. Snape war unbemerkt aus dem Verwaltungsgang gekommen und stand nun direkt neben Bill, Tonks und Arkturius, so nah, dass Arkturius das Zittern seiner ausgestreckten Hand sah.

„Severus –", begann Lupin, aber der Mann, dem der Zauber galt, unterbrach ihn.

„Ich hab keinen Zauberstab mehr, Snape", sagte er, und ein schwaches ironisches Lächeln erschien um seinen Mund. „Ich bin völlig unbewaffnet. Kannst du denn noch zaubern?"

„Schickt er dich?"

„So könnte man es ausdrücken. Ich komme von der Festung. Er hat vorhin deine Spionin über die Mauer geworfen. Sie lebte noch –"

Snape wurde noch blasser, wenn das überhaupt möglich war. Endlich ließ er die Hand sinken. „Was heißt das? Woher weißt du –"

„Ich soll dir was ausrichten –"

„Was? Was, du verräterisches Schwein?", zischte Snape. „Und wieso sollte ich dir glauben – du bist sein Spion –"

„Das bin ich nicht und war es auch nie. Was sollte ich denn noch spionieren, Severus?", fragte Black beinahe mitleidig. „Es ist doch schon nicht mehr aufzuhalten –"

„Wieso hast du dich dann sonst bei der Festung herumgetrieben?"

„Ich hab dem Clavicustos beim Sterben zugesehen!" Zum ersten Mal kam ein Hauch von Zorn in seine Stimme. „Ich hab ihm fünf Tage lang dabei zugesehen, wie er an dieser Mauer zu sterben versuchte, verstehst du? Ich konnte nichts für ihn tun! Nur dastehen und zusehen! Letzte Nacht dachte ich, Salazar hätte ihm den Rest gegeben – er hat seine verdammte Maschine mit den Qualen seiner Opfer gefüttert, wusstest du das, Snape? All diese Todesschreie – die haben ihr erst den letzten Schliff gegeben!"

Snape wandte sich ab. Arkturius sah, wie er schluckte. Immer noch redete niemand in der Halle, die Umstehenden versuchten, jedes Wort mitzubekommen, und die Übrigen warteten gespannt, was geschehen würde.

„Ist er jetzt tot, Sirius?", fragte Lupin leise.

„Ich weiß es nicht."

Snapes Stimme fuhr wie ein Peitschenschlag dazwischen. „Was hat sie gesagt? Die Spionin?"

Black wandte sich wieder ihm zu. „Sie sagte, Sand im Getriebe war nicht genug", antwortete er. „Das waren ihre Worte. Ich weiß nicht, was sie damit sagen wollte. Dann ist sie gestorben. Ihr Genick war gebrochen, und er hatte ihr die Augen ausgestochen. Wenn du es ganz genau wissen willst."

„Wer war sie? Was bedeutet das, Severus?", fragte Lupin.

„Das heißt, dass alles vorbei ist. Sie konnte das Gerät nicht sabotieren. Sie war unsere letzte Hoffnung." Er wandte sich wieder Black zu. „Was willst du noch hier? Ein Geständnis ablegen? Dich rausreden, wie immer?"

„Vielleicht nur – dabei sein."

„Aber wir werden alle sterben, Black. Und sterben – das ist doch nichts für dich!"

„Ach, Snape – denkst du wirklich, du weißt alles?", gab Black zurück. „Ich will ja nur hier irgendwo sitzen. Lasst mich bleiben."

„Aber hier will dich niemand! Wo bist du gewesen, als du dabei sein solltest?", schrie Snape plötzlich los. „Du gehörtest zu James Potters Leibgarde! Du hast geschworen, den Clavicustos mit deinem eigenen Leben zu beschützen! Wo warst du, als Salazar ihn entführte?! Wo warst du, als er seinen Nachfolger an die Mauer hängte und folterte?! Da hättest du sterben können! Für deine Pflicht hättest du sterben können, Black!"

„Als wenn dich die beiden je interessiert hätten, Severus", sagte Sirius leise. „Dir ging es doch immer nur um Lily."

„Wie kannst du es wagen, ausgerechnet du!", zischte Snape. „Du bist doch davongelaufen, weil du es nicht ertragen konntest, dass Potter sie geliebt hat – und nicht dich! Und deshalb hast du ihn auch verraten – deshalb hast du die ganze Sache verraten! Deshalb sind sie tot, und deshalb werden wir jetzt alle sterben!"

„Ja", sagte Sirius müde. „Irgendwie ist das richtig. Trotzdem –"

„Da hört ihr's doch, er gibt es selbst zu, er ist der Verräter!", kreischte die Frau, die eben von der Fahndungsliste gesprochen hatte. „Schmeißt ihn wenigstens hier raus!"

„Schmeißt ihn raus!", schlossen sich andere an. „Soll er draußen krepieren!"

„Schmeißt ihn raus!" wurde rasch zu einer Parole, die sogar das dumpfe Grollen übertönte. Arkturius bemerkte, dass der Weihnachtsbaum neben der Treppe zitterte.

„Hört auf!", rief Lupin. „Hört doch bloß mit dem Geschrei auf! Wir wissen doch gar nicht, was vorgefallen ist! Sirius ist kein Verräter! Dafür bürge ich!"

Es wurde zurückgebrüllt – aber Arkturius hörte nur noch Fetzen der Antworten, der Rest ging in dem anschwellenden Grollen unter. Ein Vibrieren erfasste die Luft und legte sich beklemmend auf die Kehlen. Viele begannen zu husten. Ein Kristallstern fiel vom Weihnachtsbaum und zerbarst noch in der Luft mit einem hellen Klingen – dann erwischte es die glitzernden Kugeln, sie platzten eine nach der anderen. Arkturius hatte das seltsame und erschreckende Gefühl, dass sich der Boden unter seinen Füßen wellte. Er sah die Leuchtgloben unter der Decke in Schwingung geraten und duckte sich –

Und immer noch steigerte sich der grollende Ton, und nach und nach schien er wie ein tiefer Schrei zu klingen, ein Schrei unter Wasser vielleicht, der Schrei eines Ertrinkenden –

Jemand duckte sich gegen seine Schulter – lange blonde Haarsträhnen, die sich aus einem Zopf lösten – Claire – er hatte sie bisher nicht bemerkt –

Er sah Snape gegen die Treppe schwanken, und Tonks und Bill, die sich umklammert hielten –

Dann war es vorbei. Das Grollen zog weiter. Hysterisches Schreien drang in seine halb betäubten Ohren. Claire ließ ihn los und sagte etwas, das er nur allmählich verstand.

„… furchtbar … Schreie … seiner Opfer, er hat sie in seine Maschine gesperrt und jetzt –"

„Das war ein Erdbeben", stammelte Arkturius.

Claire schüttelte nur den Kopf. „So nah – bisher war es noch nie so nah –"

„He! Er soll für uns spielen!", brüllte jemand über den Lärm hinweg. „Er soll spielen, dann kann er bleiben!"

„Ja! Dann müssen wir das hier nicht mehr hören! Spielen! Lasst ihn spielen!"

„Black soll spielen!"

Arkturius sah verwirrt in die glitzernden Scherben, die überall verstreut waren – Claire hatte welche in den Haaren – er selbst sicher auch –

„Genau, lasst ihn bleiben, wenn er spielt!

Da war Snape, weißgesichtig und angespannt, er sah sich um, sagte aber nichts. Lupin und Black standen immer noch zusammen – auch auf Blacks schwarzer Lederjacke hatten sich Kristallsplitter gefangen –

„Ich spiele nicht mehr", sagte er.

Da leuchtete es auf in Snapes Augen. Arkturius sah geradezu, wie die Wut ihn wieder zum Leben erweckte. „Du wirst spielen, Black, wenn du hier bleiben willst!", rief er giftig. „Erspar uns die Ziererei. Die Welt dreht sich nicht länger um dich und deine Gefühlchen!"

Black sah ihn an, und nacheinander gingen Verachtung, Müdigkeit und schließlich Resignation über sein Gesicht.

„Tu es, Sirius!", sagte Lupin leise. „Spiel für uns! Der Schutz um das St. Mungo fängt an nachzugeben – lenk sie davon ab! Du kannst ihnen helfen – uns helfen!"

Sie sahen über die Leute hin, die sich ins St. Mungo geflüchtet hatten, und Arkturius folgte ihren Blicken – sah all die angsterfüllten Gesichter, Magische wie Muggel, die sich hierher geflüchtet hatten, weil das der einzige Ort war, dem das Chaos draußen noch nichts anzuhaben schien – all die Menschen, nichts als belanglose Statisten in dem Drama, das dieser Großmeister Salazar inszeniert hatte –

Nach einer langen Weile griff Sirius Black endlich nach dem Lederband, das um seinen Hals hing, und zog es aus dem Hemdausschnitt. Er löste etwas Kleines, Schwarz-Silbernes, das daran hing.

Als Snape einen drohenden Schritt auf ihn zu machte, hob er in einer spöttischen Geste die Hände. „Keine Waffe, Severus! Glaub's mir." Dann strich er sanft über das, was auf seiner Hand lag, und es reckte und streckte sich, bis er auf einmal eine Harfe in der Hand hielt.

„Was – was wird das denn?", fragte Arkturius verblüfft.

„Er wird für uns spielen", rief Claire. „Ich hole die anderen! Wir sollten auch Hermione herbringen!"

„Aber was –"

„Er ist der Meisterharfner, Mr Bird! Wenn er spielt, werden wir – das andere vergessen." Damit lief sie zurück in den Lesesaal, und Arkturius sah verblüfft zu, wie der Mann, den sie eben noch hatten lynchen oder zumindest hinauswerfen wollen, unbehelligt mit seiner Harfe zur Treppe ging. Sie machten ihm sogar Platz, um ihn hindurchzulassen, und rückten schließlich zusammen, damit er sich auf eine Stufe setzen konnte.

Als dann der Klang der Harfe hinter Arkturius aufbrandete, verstummten alle anderen Geräusche in der Halle. Nach dem amorphen Lärm war sie wie eine ruhige, tröstende Stimme und füllte den Raum bis in die letzten Winkel, kam wie kühlendes Wasser über die Menschen darin.

Arkturius lauschte wie alle anderen – es war zu wohltuend nach den vergangenen Schrecken. Irgendwann aber zuckte seine Hand zu der Innentasche seines Umhangs – berührte die glatte Metalloberfläche dort –

Er stand auf, wobei ihm erst bewusst wurde, dass auch er sich gesetzt hatte – stieg halbwegs über Tonks und Bill hinüber, die dicht bei ihm saßen – suchte sich einen Weg durch die Halle. Selbst die Kinder waren ruhig geworden. Er war der Einzige, der umherging, und niemand beachtete ihn. Aber auch nach ihm griff die Musik immer wieder, als wollte sie ihn halten.

Als er die Tür erreichte, durch die er hereingekommen war, löste sich eine Gestalt von der Wand, an der sie reglos gelehnt hatte. Sie trug einen dunkelgrünen Umhang und hatte die Kapuze tief ins Gesicht gezogen

„Wollen Sie raus?", fragte sie – eine tiefe, junge Frauenstimme.

„Ja – ja – ich muss gehen –" Diese Musik – wie sollte man sie nur verlassen!

„Ich auch. Warten Sie – ich weiß, wie die Tür aufgeht –"

Unter den energischen Handgriffen der Frau öffnete sich die Tür.

Arkturius ging hinaus, bevor ihn die Musik doch noch halten konnte.

„Rose!", rief auf einmal jemand hinter ihnen. „Rose! Bist du das? Warte doch!"

ooOoo

Als sich die Tür wieder schloss, war die Harfe endlich nicht mehr zu hören. Stattdessen fiel unvermittelt chaotischer Lärm über ihn her – schrille Sirenen, Schreie, ein ächzendes Dröhnen, das aus dem Boden unter seinen Füßen kam – zersplitterte Dachziegel, Backsteine, ein herabgestürzter Balkon auf der Straße, Glasscherben – so weit er sehen konnte, waren überall die Schaufenster zersprungen – quer über die Straße ein Riss im Asphalt, mehrere Zentimeter breit. Der Himmel dunkler, aber immer noch von diesem erschreckenden, wie von Feuer und Rauch erfüllten schwärzlichen Rot. Davor die Silhouetten der Häuser ringsum wie abgebrochene Zähne –

Und da oben, schräg über diesen Häusern, hing wie ein Mond, der sich aus seiner Umlaufbahn gelöst hat und nun auf die Erde zutreibt, Großmeister Salazars Festung mit ihren fahl-goldenen Mauern und schien näher und immer näher heranzurücken. So nah jetzt, dass er in dem dunklen Fleck im oberen Mauerdrittel eine menschliche Gestalt zu erkennen glaubte, einen Menschen, der dort kopfüber an den Stein gekettet war –

Er sprang zurück, als ein wild heulender, blinkender Rettungswagen auf ihn zu- und an ihm vorbeiraste, ohne Trümmer und Scherben zu beachten. Dann riss er das goldene Ei aus seiner Umhangtasche und öffnete es –

„Sogar die Steine kann man sehen", sagte jemand neben ihm voll kalter Bitterkeit.

Er fuhr herum. Die Frau, die ihm die Tür geöffnet hatte, war ihm gefolgt. Die Kapuze lag jetzt in ihrem Nacken und gab einen tiefroten Haarschopf frei. Sie hatte keinen Blick für das goldene Räderwerk, das in seiner Hand schwebte. Sie sah nur hinauf.

„Sehen Sie sie auch? Schwarze Steine, wie zerbrochenes, verbranntes Glas."

„Was machen Sie hier?", rief er gegen das Dröhnen an. „Warum bleiben Sie nicht drinnen bei den anderen?"

„Ich lass mich nicht einlullen", erwiderte sie harsch. „Ich sterb lieber mit offenen Augen. Für meinen Mann hat auch niemand die Harfe gespielt, um ihm den Tod zu erleichtern!"

„Ihr Mann?"

„Da oben. Da hängt er. Sie können ihn sehen. Wenn Sie genau hinsehen, können Sie sogar sein Blut sehen, das über die Mauer fließt. Ich kann es sehen. Vielleicht lebt er noch." Ihre braunen Augen waren wie gestorben. „Der letzte Clavicustos war mein Mann. Harry Potter."

oooOooo

Stille. Hermione war über dem Tisch zusammengesunken und schmiegte sich in diese Stille hinein. Vor ihren Augen schien noch das Bild der Goldenen Festung zu flimmern, die sie so niemals gesehen hatte. Das musste sie loswerden, sonst würde der Schrei, der in ihrem Hals steckte, vielleicht doch noch herausplatzen – und vielleicht konnte sie dann nie mehr damit aufhören –

„Warum hieß sie Rose?", murmelte eine vertraute Stimme neben ihr. „Hermione, verstehst du das? Ich versteh nicht, warum sie Rose hieß –"

„Ich weiß nicht – ich weiß auch nicht – ich glaub, ich hör immer noch diesen – diesen furchtbaren Ton!" Sie umklammerte ihre schmerzende Kehle. Der Schrei wollte hinaus, und sie konnte nicht schlucken. Harry!, dachte sie. Oh, Harry! Und Ron und Neville und Luna und ihr alle! Ginny!

„Ich hör ihn auch", sagte Ron und fasste nach ihrer Hand.

Wenn sie die Augen öffnete, musste da der Verhörraum um sie herum sein, weißes Licht, Stühle, an die sie gefesselt waren, eine unangenehme Lage, weil sie von Skanne überrascht und festgenommen worden waren – aber letztlich doch Alltag. Ein normaler, ein glücklich-normaler Dienstag am Ende des Jahres. Der neunundzwanzigste Dezember 1998. Oh, sie hatte nichts dagegen, in diesen Verhörraum zurückzukehren!

Aber als sie den Kopf hob und die Augen öffnete, empfing sie flackerndes Kaminfeuer. Die Schatten tanzten über rohe Steinwände ringsum, und in den schmalen, hohen Fenstern sah sie die Nacht.

„Ron! Bist du hier? Ja, jetzt seh ich dich – Ron, das ist immer noch nicht vorbei!", flüsterte sie. „Aber – es ist so still – es ist ganz still hier – wo ist er? Wo ist Arkturius? Wo – wo ist die Spieluhr?"

„Ich hab sie in der Hand – ich hatte Angst, du wirfst sie runter – du hast so geschrien –"

„Hab ich nicht – ich hab nicht – oh Ron! Er darf das nie erfahren! Wir dürfen Harry nie was davon erzählen!"

„Er hat dich doch selbst nach dem Clavicustos gefragt!", erwiderte Ron mit dumpfer Stimme. „Also muss er es sowieso irgendwoher wissen! Und außerdem – das kann doch nur eine Geschichte sein – eine total bescheuerte Geschichte, in der nichts –"

„Und ihr werdet das Ende verpassen, wenn ihr jetzt nicht still seid und zuhört", mischte sich unerwartet eine heisere Stimme hinter ihnen ein. Den Seifenbläser hatten sie ganz vergessen gehabt.

„Woher wollen Sie das denn –"

„Shh – hör doch –"

„… sehe sie noch jetzt da hängen, diese Festung", erklang da nämlich wieder Arkturius' Stimme, leise und nachdenklich. „Ich kann das Zittern des Straßenpflasters spüren, und ich höre manchmal in meinen Träumen noch den Klang der Harfe – es war die machtvollste Musik, die ich je gehört habe. Aber ich möchte sie nie wieder hören –"

Er schwieg, und für ein, zwei Minuten waren das Feuer im Kamin, das Knarren eines Holzstuhls und der helle Schlag einer unsichtbaren Uhr die einzigen Geräusche im Raum.

„Was hätte ich tun sollen? Ich frage mich das auch heute noch. Ich handelte aus einem Impuls heraus, wie so oft –

Die Zeitenuhr war bereit – meine Sorge, sie könnte bei dem Beben beschädigt worden sein, schien unbegründet: Da war das Uhrwerk vor mir, und um mich herum dehnte sich das kleine Universum aus, ganz wie es sein sollte. Aber bis dort hinein waren die Erschütterungen zu spüren, ich hörte das Grollen, das schon wieder anschwoll – sah durch Dunkelheit und Sterne hindurch, wie sich das große Gebäude auf der anderen Straßenseite mit einem Mal herüberzuneigen schien – und da zog ich das Mädchen, das immer noch reglos dastand und zum Himmel hinaufstarrte wie eine Schlafwandlerin, im letzten Moment in das sich wandelnde Universum meiner Zeitenuhr hinein.

Als ich wieder zu mir kam, hing ich über der Lehne einer Parkbank wie ein Trinker, und ich konnte sogar verschütteten Wein riechen. Auf der Bank saß reglos das Mädchen, das Rose hieß und die Frau des letzten Clavicustos gewesen war. Ein dünner Regen hatte eingesetzt, und das Sommerkonzert lag in seinen letzten Zügen …

„Eine Zeitreise, ja?", fragte sie mich mit harter Stimme. Ihren raschen Verstand sollte ich noch bewundern lernen. „Können wir das auch wiederholen?" Ich antwortete ihr, dass wir nicht zurückkönnten, weil die Welt dort – aber sie schnitt mir das Wort ab. „Das weiß ich", sagte sie. „Ich will nicht in die Zukunft. Ich will in die Vergangenheit!"

Noch bevor die Mozart-Serenade in dem kleinen Pavillon ihr Ende fand, hatte Rose mir in einigen kurzen Sätzen mitgeteilt, was sie vorhatte – und auch, dass ich sie auf keinen Fall davon abhalten könnte. Und während wir da im Regen auf dieser Parkbank saßen und sie mir auf meine Fragen antwortete, wurde mir nach und nach klar, dass ich mir durch meine anmaßende Erfindung diesmal eine Aufgabe aufgeladen hatte, vor der es kein Ausweichen gab. Ich ahnte da schon, dass dies auch der Wendepunkt in meinem eigenen Leben sein würde.

Ja, mein Freund – jetzt, fünfzehn Jahre nach dieser Nacht und zugleich doch fast siebenhundert Jahre davor, jetzt sitze ich hier in meiner Kammer am Ende der Welt und rede und rede … Es ist drei Uhr nachts, und sogar der alte Ulof schläft oben in seinem Fledermaustürmchen. Tief unten kann ich die Eisschollen gegen die Mauern schlagen hören, und der Wind trägt die erste Ahnung von Frühling durchs Fenster. Ich werde ihn hier nicht mehr erleben, denn ich mache mich auf den Weg, sobald ich diesen Bericht beendet und in der Spieluhr geborgen habe.

Du siehst, ich habe deine faszinierende Gedankenschale nicht nur genutzt, um die Musik wieder zu hören, die ich hier so sehr vermisse. In den letzten Monaten habe ich da ein paar Zusatzzauber entwickelt, so dass du mich hier einfach nur reden hören kannst, als säßen wir beide im selben Zimmer. Bemerkst du, dass du währenddessen auch noch den Raum wahrnehmen kannst, in dem du dich tatsächlich befindest? So nützlich die Wucht sein kann, mit der einen der ursprüngliche Zauber gewissermaßen in die Haut eines anderen schleudert und ihn dessen Erinnerungen sozusagen am eigenen Leib erfahren lässt – es scheint mir doch Vorteile zu haben, wenn man gelegentlich nur als Zuschauer, als Zuhörer daran teilhaben kann. Übrigens habe ich auch eine Möglichkeit gefunden, diese Erinnerungen in der Gedankenschale nur zu teilen und nicht ganz abzulegen und damit aus dem Gedächtnis zu verlieren – denn damit wäre mir in diesem Fall wenig gedient gewesen. Es gäbe noch so viel zu erforschen und auszuprobieren! Die Pläne für diese und die Entwürfe für andere Neuerungen wirst du in deiner Gedankenschale finden.

Aber genug davon. Jetzt will ich dir den Rest der Geschichte erzählen und versuchen, mich dabei kurz zu fassen –

Nach Salazars mörderischem Übergriff auf den vorigen Clavicustos James Potter und seine Frau hatte Roses Vater den Orden gegründet, der seine Aufgabe darin sah, Salazars Tun und Lassen zu überwachen und jederzeit bekämpfen zu können. Rose, ihre Brüder und all ihre Freunde gehörten zu den Mitgliedern, und so standen die paar Jahre, die Rose mit Harry gehabt hatte, ganz unter der Bedrohung durch den selbsternannten Großmeister. Seit sie wusste, dass Harry der neue Clavicustos war, hatte sie nur noch in Angst gelebt und diesen Schlüssel, die Kammer selbst und alles, was damit zu tun hatte, aus tiefstem Herzen hassen gelernt.

Dann kam jener letzte Weihnachtsmorgen in dem kleinen Dorf Godric's Hollow, wo sie lebten. Sie hatte den Heiler aufgesucht, weil sie sich wegen ihrer Schwangerschaft nicht wohl fühlte – und als sie zurückkehrte, lagen die Leichen ihrer Eltern und der Nachbarin im Vorgarten, und ihr Mann, ihr Bruder Ron, ihre Schwägerin Hermione und ihre Freunde Neville und Claire waren verschwunden. Was das bedeutete, wusste sie sofort.

Ihr Bruder Bill sperrte sie schließlich in ihrem Elternhaus in London ein und stellte sie mit Tränken ruhig, damit sie nichts Unüberlegtes unternahm … nach Eltern, Bruder und Freunden wollte er nicht auch noch seine Schwester verlieren.

Zwei Tage später schickte Salazar dann die Leibgarde ihres Mannes zurück, damit sie berichten konnte – und niemand erfuhr, dass in Wirklichkeit nicht Claire, sondern Rose das vierte Mitglied seiner Leibgarde war. Die Verwechslung, der Besuch beim Heiler, das rettete zunächst beiden das Leben, Claire und Rose. Und möglicherweise rettete diese Verwechslung sogar die Zukunft.

Denn nur der Clavicustos selbst und seine Leibgarde verfügten über das Wissen aus dem Kodex der Schlüsselhüter. Ich hatte von der Kammer, in der angeblich das Herz der Welt bewahrt wurde, so viel und so wenig gehört wie alle anderen – es war eine Legende; der Clavicustos und seine Leibgarde ein Ritual. Über das Geheimnis der Kammer waren verschiedene Gerüchte im Umlauf – das Herz der Welt sei die Quelle unserer magischen Fähigkeiten, meinten die einen; die anderen glaubten, es sei ein Ort der vollkommenen Erkenntnis, wieder andere vermuteten darin ein Mysterium jenseits der Magie. Aber im normalen Alltag spielte die Kammer keine Rolle, sie war nur eine weitere Absonderlichkeit der Mysteriumsabteilung. Jetzt erfuhr ich, dass das Ritual seinen lebendigen Hintergrund niemals verloren hatte. Rose kannte den Kodex gründlich, sie wusste die lange Liste aller Hüter auswendig, und eine Menge Geschichten und Geschichtchen dazu.

Und dieses Wissen nutzte sie, nur Minuten nach ihrer unfreiwilligen Ankunft in meiner Zeit, um daraus den perfekten Plan zu schmieden: Das Wissen aus dem Kodex der Schlüsselhüter – und meine Zeitenuhr.

Mit dieser, so hatte sie beschlossen, würde sie nun den Schlüssel stehlen und vernichten – sie würde ihn aus der Geschichte tilgen, bevor die Gier danach der Geschichte selbst ein Ende setzen konnte. Die Kammer, das Mysterium, das sie enthielt, das Herz der Welt – das war ihr gleichgültig geworden, wenn nicht schon in den Jahren vorher, so doch spätestens, als sie ihren Mann dort an der Mauer hatte hängen sehen. Und während ich noch damit beschäftigt war, das Uhrwerk zu untersuchen, das mir während der Flucht aus der zusammenstürzenden Welt der Zukunft Schaden erlitten zu haben schien, hatte sie das Ziel der nächsten Reise schon festgelegt.

Mit gutem Grund wählte sie das Jahr, in dem Deorwine berühmt wurde, als er die Elfenkönigin Moragh in einem einwöchigen Duell besiegte und damit die jahrelangen blutigen Schlachten mit den Elfen beendete – eine Tat, über die der Meisterharfner Aelfric später das Heldenlied „Deorwine Elfenschläger" verfasste. Deorwine und Aelfric hatten jedoch noch eine Aufgabe gehabt, von der die Welt nichts wusste: Sie gehörten der Leibgarde Herewealds an. Und der Clavicustos Hereweald hatte durch seine persönlichen Schwächen ebenso wie durch die Zerrüttung seiner Leibgarde eine traurige Berühmtheit im Kodex erlangt.

Rose war es, die nun dafür sorgte, dass ihm auch noch der Beiname Weibsknecht gegeben wurde, unter dem du bereits von ihm gehört hast. Sie brauchte nur drei Tage, um ihm den Schlüssel zu stehlen und damit einer jahrhundertealten Tradition ein schändliches Ende zu bereiten – drei Junitage im Jahr 1130.

Wir wollten mit der Zeitenuhr fliehen, aber da zeigte es sich, dass meine Befürchtungen berechtigt gewesen waren: Das Uhrwerk war beschädigt, an Flucht durch die Zeit war nicht zu denken. Und Deorwine hatte bereits öffentlich geschworen, dass er das tückische Weib, das Hereweald das Herz herausgeschnitten habe, bis zu seinem letzten Atemzug verfolgen und bestrafen, den Schlüssel zurückbringen und die Ehre der Leibgarde wiederherstellen würde …

Ich muss dir kaum beschreiben, was für eine Jagd damit einsetzte! Wir flohen schließlich aus England und bis ans Ende der Welt, wie man es damals nannte, oder in ein Land „östlich der Sonne und westlich vom Mond", wie es die Lieder poetischer ausdrückten. Unser einziges Glück bei diesem Unternehmen war die Jahreszeit – und dass Deorwine zu aller Überraschung seinen letzten Atemzug noch im selben Monat und in England tat.

Anders als Deorwine, Aelfric und alle ihre Landsleute wussten wir bereits, dass fünfzig Jahre zuvor hier am Ende der Welt eine neue Zaubererschule gegründet worden war – wo man sich um die Bräuche im fernen England wenig scherte, sofern man überhaupt davon gehört hatte. Nach fast zwei Monaten auf der Flucht wurden wir dort aufgenommen, wobei ich mich als Erfinder magischer Geräte auf Wanderschaft ausgab und Rose als meine Frau.

Nun blieb uns noch die Aufgabe, den Schlüssel zu vernichten und die Zeitenuhr zu reparieren – dann hätten wir wieder in eine Zeit zurückkehren können, die unserer eigenen Wirklichkeit näher war als die karge und ziemlich finstere Welt, die wir hier in Durmstrang vorfanden. Das war vor allem deshalb wichtig, weil Rose kränkelte. Es gab keinen Heiler in Durmstrang, und die Menschen im Umland lebten in tiefstem Aberglauben und fürchteten ohnehin nichts mehr als die Leute vom Geisterturm. Mit meinen wahrhaftig bescheidenen Kenntnissen auf dem Gebiet der Heilkunst erschien ich hier bereits wie ein Wunderheiler.

Es wollte uns nicht gelingen, den Schlüssel zu zerstören, was immer wir auch versuchten. Und mit der Zeitenuhr ging es mir ähnlich – ich konnte nicht einmal den Fehler finden. So kam es, dass Rose ihr Baby in Durmstrang zur Welt bringen musste. Es war eine schwere Geburt, von der sie sich nicht mehr richtig erholte.

Seit sie den Schlüssel gestohlen hatte, schwand ihr Lebensmut mit jedem Tag ein wenig mehr, die Erinnerungen quälten sie, und zugleich litt sie daran, in dieser fernen Vergangenheit gestrandet zu sein. Um ihren kleinen Sohn durch das Gröbste zu bringen, hielt sie noch ein Jahr durch – ein Jahr, in dem ich weiterhin versuchte, die Zeitenuhr zu reparieren, obwohl ich für mich selbst bereits beschlossen hatte, nicht mehr zu reisen. Aber als ich nach zwei kleinen, harmlosen Zeitsprüngen endlich das Gefühl hatte, dass die Uhr wieder für das Reisen taugte, war es zu spät. Rose war schon zu schwach. Sie bat mich, auf ihren Sohn aufzupassen und ihn irgendwann in eine bessere Zeit zu schicken. Den zweiten Winter in Durmstrang überlebte sie nicht mehr.

Ich selbst hatte bis dahin anderthalb unerwartet zufriedene Jahre hier verbracht. Schien ich doch nur in einem weiteren meiner alten Abenteuer gelandet zu sein, das wesentlich interessanter war, als in London bei Borgias Pye magische Uhren zu bauen. Die baute ich zwar immer noch, und eine ganze Reihe anderer Geräte und Maschinchen dazu, womit ich mir bald den Ruf eines großen Erfinders erwarb. Vor allem aber entdeckte ich in diesen Jahren, was mich wirklich erfüllte: Wissen zu sammeln, meinen Geist auf Reisen zu schicken, anstatt Zeitreisen zu unternehmen – und mein Wissen – in bekömmlichem Ausmaß – an andere weiterzugeben. Schon damals fanden nicht wenige große Zauberer ihren Weg nach Durmstrang, lehrten und lernten eine Weile hier und zogen dann weiter, mancher blieb auch für länger, und so herrschte ein ständiger Zufluss und Austausch an Wissen. Und mit Rose und dem Kleinen hatte ich sogar eine Familie, um die ich mich kümmern konnte. Das Einzige, was mir hier wirklich fehlte, war die Musik.

Um die Wahrheit zu sagen: Die Zeit, aus der ich gekommen war, lockte mich gar nicht mehr. Nach Roses Tod unternahm ich hin und wieder ganz gewöhnliche Reisen, erkundete das Umland, lernte die Menschen dort kennen – aber ich kehrte immer wieder zurück nach Durmstrang, wo Roses Sohn währenddessen sozusagen von der ganzen Schule aufgezogen wurde. Er war eine echte Herausforderung, ein kluges Kind von großer magischer Begabung, die er nur zu gern für Streiche und Unfug aller Art nutzte. Er hätte seiner Mutter ganz bestimmt die Lebensfreude zurückgegeben, wenn er nur eine Chance dazu bekommen hätte.

Den Schlüssel des Clavicustos vergaß ich manchmal für Monate. Dann wieder experimentierte ich ein Weilchen herum und versuchte herauszufinden, woraus er denn eigentlich bestand, dass er so hartnäckig allen Versuchen, ihn zu zerstören, widerstand. Als ich wieder einmal alle Möglichkeiten ausgeschöpft hatte, beschloss ich, ihn an einem Ort unterzubringen, an dem ihn niemand finden würde – und das tat ich und drängte ihn dann aus meinen Gedanken.

Ihn zu vergessen, das schien mir eigentlich kein schlechter Weg zu sein, die Welt vor dem Unheil zu bewahren, das er ausgelöst hatte. Es brauchte erst eine Pest, um mich endlich an meine Verantwortung zu erinnern.

Vor drei Jahren brach im Umland wieder einmal eine der Seuchen aus, die die Gegend hier alle paar Jahrzehnte heimsuchen. Die Menschen in den Dörfern starben, und im Turm sah man beklommen, wie das Übel näher und näher rückte, denn auch kein Zauberer wusste ein Mittel dagegen. Die Zeit war gekommen, mein Versprechen Rose gegenüber einzulösen und ihren Sohn fortzubringen. Er war zwölf Jahre alt, fast noch ein Kind, aber er war, wie ich schon sagte, ein kluger Junge. Ich erzählte ihm die Geschichte seiner Herkunft und der Zukunft, der seine Mutter entronnen war und die sie verändert hatte. Die Zeitenuhr war zwar einigermaßen wiederhergestellt, wie ich hoffte, dennoch bot ich ihm diese Möglichkeit nur ungern an. Rose und ich waren nach unserer Ankunft im zwölften Jahrhundert fast einen Tag lang orientierungslos und nahezu ohne Gedächtnis gewesen, und wie konnte ich wissen, ob der Fehler, der das ausgelöst hatte, wirklich behoben war, wenn ich doch nicht einmal genau wusste, wo er lag? Auf keinen Fall wollte ich, dass noch einmal zwei Personen zugleich reisten. Und natürlich durfte ich die Uhr nicht aus der Hand geben, schon gar nicht einem halben Kind mit dem Kopf voller wilder Ideen … Aber der Junge stürzte sich begeistert auf dieses neue Abenteuer und ließ sich auch nicht davon abbringen, als ich ihm erklärte, dass er allein reisen und die Zeitenuhr hier zurücklassen müsste – dass es, mit anderen Worten, eine Reise ohne Wiederkehr sein würde. So schickte ich ihn also in die Zukunft, ausgestattet mit all dem Wissen, das ich ihm darüber vermitteln konnte. Er brannte darauf, die Welt zu erleben, in der seine Mutter gelebt hatte, und meinte, wenn es ihr vielleicht doch nicht gelungen wäre, das Unheil abzuwenden, dann würde er nun alles daransetzen, das Schlimmste zu verhüten.

War es richtig, ihn gehen zu lassen? Werde ich je erfahren, ob er angekommen ist?

Drei Tage später erreichte die Pest Durmstrang – und mit ihr kam ein großer Heiler, nämlich du. Du hast eine Menge Menschen vor dem Tod bewahrt und in den folgenden Jahren viele Schüler zu Heilern ausgebildet.

In dieser Pestzeit vor drei Jahren begann ich endlich nachzudenken über die seltsame und erschreckende Aufgabe, vor die mich damals mein gedankenloser Übermut gestellt hat. Eine Zukunft zu verhindern, um die Zukunft zu retten – kann das wirklich die Aufgabe eines Menschen sein? Oder ist der Versuch nur eine weitere Facette meines Übermuts gewesen? Kann so etwas überhaupt gelingen – sind solche Entwicklungen nicht viel mehr Schicksal, das sich auf irgendeine Weise immer seinen Weg bahnt …?

Ich wusste es nicht, und bis heute bin ich zu keiner Antwort gekommen. Ich bin kein Denker, eigentlich bin ich nur ein Uhrmacher mit zu viel Fantasie und zu viel Neugier, der unbedingt mehr als sein eigenes langweiliges Leben leben wollte. Zu spät ist mir klar geworden, welche Verantwortung ich mir damit aufgeladen habe. Ich habe mir das Wissen um die Zukunft mit meiner Zeitenuhr erschlichen, und jetzt erdrückt mich die Wucht dieses Wissens und meiner kläglichen Hilflosigkeit.

Erst nachdem ich Roses Sohn die ganze Geschichte erzählt hatte, nachdem ich zum ersten Mal überhaupt mit jemandem darüber gesprochen hatte, stellte ich mir die Frage, ob wir es eigentlich geschafft hatten, ob wir genug getan hatten, um die Katastrophe abzuwenden. Eine Frage, die mich seither nicht mehr losgelassen hat.

Und deshalb muss ich in die Zukunft zurück. Ich muss sehen, was wir erreicht haben, indem wir den Schlüssel aus der Welt genommen haben. Und wenn ich sehe, dass sich etwas Ähnliches wieder anbahnt, dann werde ich eingreifen, um es zu verhindern – aber diesmal auf die ehrliche, direkte Weise, indem ich mich den Dingen in der Gegenwart stelle.

Natürlich könnte eine solche Entwicklung zu jeder Zeit beginnen – aber meine Reise wird mich in jene Jahre bringen, in der der Keim des Unheils für Roses Zeit aufgegangen war. Auch, um nach ihrem Jungen zu sehen, ob er angekommen ist, ob es ihm gut geht. Aber das ist nicht der einzige Grund. Ich habe da eine vage Theorie entwickelt, nach der trotz aller Unberechenbarkeit, trotz aller Zufälle das Schicksal – oder wie immer du es nennen willst – sich nicht ablenken lassen will, sondern danach drängt, einen bestimmten Weg zu nehmen. Wir könnten viel darüber diskutieren, wenn ich hier bliebe … und ich würde gern bleiben.

Aber ich mache mir große Sorgen, mein Freund. Ich bin nicht einmal sicher, ob es mir gelingen wird, die Zukunft zu erreichen. Deshalb habe ich meine Erinnerung an die Katastrophe, die ein Zauberer über die Welt gebracht hat, in diese Spieluhr eingebaut und vertraue sie nun dir an. Gib sie als Warnung weiter an andere, denen du vertraust, so dass immer jemand in unserer Welt darüber wacht, dass eine solche Entwicklung gar nicht erst in Gang kommt!

Und jetzt verpacke ich diese Spieluhr und stelle sie in dein Laboratorium; hoffentlich findest du trotz allem weiterhin Gefallen an ihrer Musik.

Ich nehme nicht viel mit mir, und die Zeitenuhr werde ich an einem unzugänglichen Ort unterbringen. Ein Bann wird sie dort für immer festhalten und auch verhindern, dass jemand außer mir sie benutzt. Ich selbst werde sie hoffentlich nur noch dieses eine Mal verwenden müssen.

Wünsche mir Glück – wünsche mir, dass diese Reise sich als überflüssig erweisen wird!"

ooOoo

Eine Seifenblase schwebte da, direkt vor ihren Augen … blau-grün … ein winziger, zitternder Erdball … Hermione sah sie verständnislos an. Unvermittelt war es wieder hell um sie herum, da war der Verhörraum, weiße Wände, der Tisch – ein fernes Dröhnen schien immer noch in ihren Ohren nachzuklingen, aber wen interessierte das jetzt!

„Ron! Ron, hast du es auch gemerkt? Ist dir auch aufgefallen, dass –"

„Psst – da, hörst du den Lärm? Das kommt doch hier aus dem Ministerium!"

„Ron! Hör mir doch mal zu – der Lärm – das bildest du dir ein, ich hab das auch noch in den Ohren, von eben vermutlich, aber –"

„Quatsch, das ist hier! Als ob – ja, genau wie vorhin! Oh Mann, war das jetzt etwa doch eine Zeitreise? Meinst du, wir sind irgendwie in diesem verrückten Tag gelandet – Silvester 2003? Ist dieses Ding da doch ein Zeitenwandler?"

„Nein, bestimmt nicht! Hast du das nicht gesehen, die Zeitenuhr war golden! Und die Spieluhr hier –"

„Verdammt, wo bleibt dann Skanne? Ich meine, wie lang will der uns denn hier eingesperrt lassen? Wir sitzen doch schon ewig hier!"

„Es ist zwanzig vor sechs! Skanne ist kurz nach vier weggegangen –"

„Mir kam das viel länger vor", sagte Ron und hörte auf, an den Fesseln zu zerren, mit denen seine Beine an den Stuhl gebunden waren. „Nur anderthalb Stunden?"

„Weil es dir viel länger vorkommt, da im St. Mungo –", warf der Seifenbläser hinter ihnen überraschend ein. „Ist irgendein Trick dieser –"

„Sie kannten das schon, versteh ich das richtig?", rief Ron verblüfft. „Sie haben vorhin auch schon so komische Bemerkungen gemacht – woher kennen Sie diese – diesen Bericht?"

Sie verdrehten die Hälse, um sich zu dem Mann umzusehen

Als Hermione sein leises Lachen hörte, verwandelte sich ihre ganze Bedrückung mit einem Mal in unvernünftige, unkontrollierbare Wut. Sie schlug gegen die Seifenblase, die immer noch über dem Verhörtisch schwebte, und schrie: „Finden Sie das vielleicht komisch? Haben Sie denn nicht begriffen, was da passiert ist? Ist Ihnen denn nicht klar, dass –"

„Ruhig, Hermione, reg dich doch nicht –"

Ich will, dass dieser Scheißkerl aufhört, sich über uns lustig zu machen!", kreischte sie, so laut, dass ihr Hals brannte, und wusste dabei doch ganz genau, dass sie gar nicht wegen der Seifenblasen oder der Gleichgültigkeit des Mannes schrie. „Das waren wir, das waren unsere Freunde, unsere Welt!"

„Mein liebes Kind", sagte der Seifenbläser, „mein liebes Kind, ich kenne diese Geschichte schon länger, viel länger, als deine unschuldigen Füße durch das grüne Gras dieser Welt tappen!"

Hermione fauchte und versuchte die Fassung wiederzuerlangen. „Wenn Sie sie kannten – warum – warum haben Sie dann –"

„Und ich darf sagen, ich habe mich davon inspirieren lassen", fügte der Seifenbläser hinzu, als hätte sie gar nichts gesagt.

„Woher kennen Sie die Geschichte?", beharrte Ron.

„Als ich noch jung war und die Welt groß und bunt wie eine von diesen hier –", wieder schnippte er mit den Fingern der gefesselten Linken zwei Seifenblasen in die Luft, „lange vor meinen Erfolgen als Unterhalter aufdringlicher kleiner Gören und gelangweilter, dummer Erwachsener, damals also – da war ich ein begnadeter Aufspürer von Schätzen … ich hatte mir sogar ein Gerät dafür gebaut – worin im Übrigen mein anderes großes Talent besteht – aber ich hätt's gar nicht gebraucht, versteht ihr, ich fand das Zeug auch so, ich stolperte geradezu darüber – wenn meine Familie nicht sowieso Geld wie Heu gehabt hätte, dann hätte ich sie reich machen können – kurz gesagt: Ich fand diese hübsche kleine Spieluhr auf dem Dachboden meiner Großeltern – weit weg von hier, im tief verschneiten Ivalo –"

Sie?", platzte Hermione heraus.

„Danach war es nicht so schwer – nicht für mich –"

„Was – wollen Sie damit sagen, dass Sie die Zeitenuhr gefunden haben?"

Der Seifenbläser lachte wieder, aber diesmal klang bei aller Ironie eine Menge Bitterkeit mit. „In diesem Krater – wette, da steht sie heut noch – man konnte sie nicht rausnehmen, es war, wie er gesagt hatte. Er hat sie so einer dämlichen Figur in die Hände gelegt – hab ewig gebraucht, bis ich sie wenigstens öffnen konnte – hab sie genau untersucht, gezeichnet – was blieb mir übrig –"

„Krater – Figur – das ist doch – das kann doch nicht wahr sein!", rief Hermione. „Wovon reden Sie? Sagen Sie nur, Sie waren – auch in Durmstrang … Und dann haben Sie sie … nachgebaut!"

„Was für ein Künstlerpech, wenn die unglaublichste Erfindung nichts ist als ein Nachbau! Immer habe ich gedacht, ohne das, ohne sein Gerät, wäre es mir selbst gelungen – auf bessere Weise vielleicht sogar – aber so konnte ich nie –"

Hermione zuckte zusammen, als irgendwo unter ihnen im Gebäude ein durchdringendes Krachen ertönte, dem ein lang anhaltendes Rumpeln folgte. „Was ist das? Es klingt wie – wie –"

„Ich sag's doch! Hier stimmt was nicht! Irgendwas geht da unten vor!"

„Es hört gar nicht mehr auf –", sagte Hermione verunsichert.

„Das ist – das klingt wie ein Erdbeben!", rief Ron. „Merkst du das? Der Boden vibriert! Das war doch eine Zeitreise, Mann, jetzt sagen Sie uns endlich, was passiert ist! Was jetzt hier passiert!"

„Haben Sie nicht vorhin etwas über ein Gerät gesagt, das Sie hier im Ministerium in Gang gesetzt haben?", fragte Hermione auf einmal. „Zu Skanne?"

Die Antwort war eine weitere, sehr große Seifenblase, die schillernd und schlingernd zu ihnen herüberschwebte. Diese war nun ganz eindeutig eine Erdkugel, sie konnten auf der schlierigen Oberfläche flüchtig die Kontinente erkennen –

„Sieh sie dir genau an, Mädchen", sagte der Seifenbläser. „Ist doch schön, nicht?"

Sie konnte den Blick nicht von der Kugel nehmen – die schillernde Hülle zitterte in der Luft, im Griff derselben Erschütterung, die Hermione durch den Boden spürte. Eine plötzliche, eisige Angst erfasste sie.

„Und das ist es, was damit passieren wird", sagte Caducus Fugit.

Ping!, machte die Seifenblase direkt vor ihren Augen, und sie zerplatzte nicht einfach, sondern schien in Splittern in alle Richtungen auseinander zu fliegen. Ron legte seine Hand auf die ihre, sah sie an und schüttelte langsam den Kopf. Reg dich nicht über den auf, hieß das. Was geht uns der Spinner an?

„Warum?", fragte sie, und ihre Stimme krächzte.

„Hermione! Hör auf jetzt! Wir müssen irgendeine Möglichkeit finden, hier rauszukommen!", rief Ron ungeduldig. „Die Vergangenheit kannst du später noch aufrollen!"

„Da bist du im Irrtum, mein Junge", sagte Fugit mit einem heiseren Lachen. „Das Später liegt schon im Sterben!"