35.

Gerade, als er vor sich selbst verleugnet, was er gesehen hat, flattert direkt vor ihm ein Brief zu Boden, der an ihn adressiert ist. Er erkennt die Handschrift des Absenders; widerwillig greift er nach dem Schreiben und beginnt zu lesen.


Mein lieber Freund Severus,

wie lang ist es her, dass ich zu Feder und Pergament greifen musste, um mit Dir in Kontakt zu treten. Nun, Lord Voldemort existiert nicht mehr, so dass Du nur allein wegen des Mals am Himmel wohl nicht herkommen würdest. Und, da Du augenblicklich nicht so ganz Herr all Deiner Sinne zu sein scheinst, würdest Du wohl allen Ernstes noch Deinen Zauberstab gegen mich erheben, nicht wahr?

Also musste ich Dich anderweitig auf mich aufmerksam machen, um Dich zur Vernunft zu bringen.

Ist es nicht wundervoll, dieses fantastische Bildnis nach einer solch langen Zeit endlich wieder am Himmel erstrahlen zu sehen? Allerdings, ich sollte wohl eine kleine Abwandlung vornehmen, denn wie gesagt, Voldemort gibt es nicht mehr.

MEIN Zeichen wird es sein, mein lieber Severus. Ja, Du liest richtig. Der gute alte Lucius Malfoy schickt sich an, der neue Dunkle Lord zu werden. Du ahnst gar nicht, wie viele Deiner ehemaligen Schüler bereits bei mir Zuflucht gefunden haben.

Du hast sie wirklich gut vorbereitet, das muss man Dir lassen. Obwohl es Dir und Deinem lächerlichen von Schlammblütern durchzogenen Kollegenpack sicherlich um ganz andere Dinge gegangen ist.

Aber ich schweife ab.

Mein lieber Severus, mit dieser Nachricht unterbreite ich Dir ein einmaliges, von seiner Güte und seinen Verheißungen nicht zu überbietendes Angebot.

Ich biete Dir die wundervolle Möglichkeit, an meiner Seite über alle Zauberer und Hexen zu herrschen, Severus! Nichts Geringeres als das ist mein Ziel, und Du sollst dabei den Platz an meiner Seite einnehmen.

Du fragst Dich jetzt sicher, was mein Sohn Draco davon halten würde; nun, es sei Dir versichert, dass er Dir nicht im Wege stehen würde.

Ich benötige einen mir ebenbürtigen Zauberer für dieses Unternehmen, und Du wärst so gut geeignet, Severus.

Dein ganzes Handeln in diesem unsäglichen Orden, Dein Benehmen unseren guten Todesser-Freunden gegenüber – das kannst Du doch nicht wirklich ernst meinen, Severus. Du spielst den meisten doch sicher nur diese faszinierende Show vor, um in Ruhe gelassen zu werden.

Also, Severus, bekenne Dich zu Deinen Stärken, all Deinen guten Qualitäten, die derzeit unter einer ach so freundlichen Fassade verkümmern. Lass sie wieder hervorbrechen, Severus! Schließe Dich mir und meinem Kampf gegen diese Bestien an, Severus!

Was könnte es schöneres geben als eine friedliche Welt voller reinblütiger Zauberer und Hexen, die von keinerlei Bestien wie Werwölfen oder von tollpatschigen Nichtsnutzen wie Squibs behelligt oder belästigt werden.

Nun, Severus, mein Angebot an Dich ist jedoch ein eine kleine Bedingung geknüpft. Du kannst Dir sicher denken, dass Deine Unterwürfigkeit und Dein grenzenloser Gehorsam mir gegenüber zunächst geprüft werden müssen, bevor ich Dir trauen kann. Zu viel ist in der letzten Zeit geschehen, nicht wahr? Und wo wir gerade davon sprechen, Severus? Was macht die Gesundheit? Ich hoffe, nach unserem kleinen Plausch neulich bist Du wohlbehalten in Deine Kerker zurückgekehrt?

Hier ist also die Bedingung:

Für das von meiner Firma geplante und unterstützte Bestiarium, das bereits so gut wie beschlossen ist, ist ein außerordentlicher Schutz vonnöten. Zum einen, um diese Biester vor sich selbst zu schützen (sie sollen sich ja nicht selbst zerfleischen, nicht wahr? Wie sollte man sie da noch studieren?); zum anderen und vor allem anderen muss jedoch der Schutz der zahlreichen Besucher gewährleistet sein.

Zu diesem Zwecke ist es mir gelungen, eine Ausgabe des sagenumwobenen Codex Lupus zu erlangen; aber das dürfte Dir ja bereits hinreichend bekannt sein, Severus.

Nun, in dem Teil des Buches, den ich bisher übersetzen konnte, ist von einem Trank die Rede, der angeblich sämtliche Eigenschaften und Eigentümlichkeiten eines Werwolfes aus einem Menschen herausholen und vernichten kann. Wie Du Dir sicher denken kannst, kann ein normaler, geheilter Mensch jedoch nicht mein Ziel sein – was nützt das schönste Bestiarium, wenn dort keine Anschauungsobjekte mehr vorhanden wären?

Deine Aufgabe soll es also sein, diesen Trank entsprechend zu modifizieren, damit diese interessanten Werwolf-Eigenschaften nicht mehr nur bei Vollmond auftreten. Nein, Severus, diese sollen ununterbrochen, rund um die Uhr, vorherrschen! Nur so kann es doch den Besuchern und Interessierten gelingen, wann immer sie es wünschen (und dafür selbstverständlich ihr Geld loswerden), einen Blick auf diese Bestien zu werfen.

Also, Severus, triff Deine Entscheidung.

Ach, ich hätte es beinahe vergessen; als kleine Entscheidungshilfe wartet die liebe kleine Miss Granger hier auf Dich, Severus. Ich muss gestehen, dass sie, selbstverständlich erst nach Dir, tatsächlich die fähigste Zaubertrankmeisterin des Landes ist, und ich dachte mir, zwei so wunderhübsche Turteltäubchen wie Ihr beide, findet die Lösung vielleicht schneller, wenn Ihr zusammen arbeitet. Denn die Zeit drängt; bis zum Neujahrstag muss Euer Gebräu einsatzbereit sein.

Nun, hier also Deine Wahlmöglichkeiten: Braue diesen Trank, und Du wirst zu unendlichem Ruhm und Ehre an der Seite des neuen Dunklen Lords Lucius Malfoy aufsteigen.

Lehnst Du mein gütiges Angebot jedoch ab, Severus, dann können Dich nicht einmal mehr die Götter schützen. Deine kleine Freundin hier wird sterben, nachdem ich mit ihr fertig bin, und mit Deinen beiden neuen Freunden hast Du ja bereits Bekanntschaft gemacht, nicht wahr?

Ich treffe Dich also morgen Abend um neun Uhr in Tintagel, Severus. Finde Dich in der Eingangshalle des Schlosses ein. Das Passwort lautet „Nachtschattengewächs".

Und – komm lieber allein, Severus. Oder wie viel Schaden möchtest Du noch anrichten?

Lucius


Kaum dass er die letzten Zeilen gelesen hat, zuckt er zusammen und lässt das Pergament fallen; dieses hat sich inzwischen selbst entzündet, um keine Spuren zu hinterlassen.