Kapitel 34

-Umkehrungen-

Die kommenden Wochen verliefen in gleichgültiger Monotonie. Der Frühling verdrängte den Winter und verwandelte die Landschaft in eine duftende, blühende Pracht. Ich arbeitete und bekam gelegentlich mal einen Brief von Sirius, in welchen er mir berichtete, was in Hogwarts vor sich ging. Er schrieb nicht viel und ich wusste, dass er noch ebenso wütend auf mich war, wie ich auf ihn. Natürlich schrieb er aber von dem verrückten Auftritt des alten Mr. Crouch und auch davon, wie sehr er sich über Harry ärgerte, dass er nachts draußen herumlief- ich hielt das eher für einen Witz. Es stand Sirius nicht gut zu Gesicht, sich über andere Leute aufzuregen, die sich nicht an Regeln zu ihrer eigenen Sicherheit hielten. Vielleicht genoss er es aber auch einfach nur, den vernünftigen Erwachsenen zu spielen. Wer wusste das schon? Über unsere Beziehung hatten wir seit seinem Abgang nicht gesprochen, aber uns war wohl beiden klar, dass sie beendet war.


Es war Ende Juni und ich saß auf meiner Terrasse, um die friedlichen Wellen des Ozeans zu betrachten. Der Abend war mild und die Rosmarinsträucher in meinem Garten dufteten. Ich liebte diese Jahreszeit. Es war noch nicht zu heiß tagsüber, aber man konnte abends die ganze Zeit draußen sitzen. Bald würde auch Adhara wieder hier sein. Alles war zu einer ruhigen Routine zurückgekehrt, einer neue Routine, aber immerhin einer Routine.

Ich wusste aus der Zeitung, dass heute Nacht die dritte Aufgabe des Trimagischen Turniers stattfinden würde. Ich ging fest davon aus, dass Sirius dann auf die eine oder andere Weise hier auftauchen würde- schon wegen Adhara. Der Gedanke an sie versetzte mich in eine sanfte Stimmung. Wenn Sirius doch nur Peter finden könnte, dann würde sicher einiges ganz anders werden können. Aber die Ratte blieb verschwunden. Vielleicht würden wir es schaffen, einen vernünftigen Umgang miteinander hinzubekommen und für Adhara da zu sein. Ich musste grinsen bei dem Gedanken, dass er vor nicht einem halben Jahr noch ein zweites Kind hatte haben wollen. Naja, wir würden sehen, ob noch eine Basis zwischen uns zu schaffen war. Wir hatten ja jede Menge Zeit dafür. Hätte ich nur geahnt, wie falsch ich damit lag...

Ein knirschendes Geräusch weckte mich mitten in dieser Nacht auf.

„Schneller, schneller!", drängelte eine flüsternde Stimme und das Knirschen wiederholte sich, als träten mehrere Leute auf zerbrochenes Glas.

Einbrecher! Wo war mein Zauberstab? Meine zitternden Hände bekamen ihn auf dem Nachttisch zu fassen, während sich leise Schritte näherten.

„Er ist nicht hier." stellte eine tiefe Männerstimme flüsternd fest.

Ich hatte auch nichts anderes von ihm erwartet. Er war schon immer ein bisschen schlauer als das.", versetzt eine säuerliche weibliche Stimme leise.

„Er wird auf der Flucht sein." Die dritte Stimme klang, als gehöre sie zu einer kleinen, aber übergewichtigen Person, die so aus der Puste war, dass sie nicht imstande war, ebenso leise zu sprechen, wie ihre Kumpanen.

„Naja, dann wollen wir doch mal sehen, ob eine nette Geisel seine Meinung ändern kann.", antwortete die tiefe Stimme.

„Narcissa hat mir vor einiger Zeit gesagt, dass sie sich getrennt haben.", zischte die Frau.

„Das werden wir ja sehen!", lachte die dunkle Stimme, nicht länger bemüht, zu flüstern.

Meine Tür krachte mit einem gewaltigen Knall auf und Holzsplitter flogen überall hin. Ich sprang aus dem Bett, den Zauberstab einsatzbereit. Ein kleiner Schrei kam mir über die Lippen, als die Eindringlinge einfach das Licht einschalteten und mir so meinen winzigen Vorteil nahmen, schon wach gewesen und an die Dunkelheit gewöhnt zu sein.

Ich huschte hinter meinem Bett in Deckung, als die drei maskierten Figuren anfingen, Flüche in meine Richtung zu schießen. Ich konnte eine der Figuren mit einem Schockzauber außer Gefecht setzen, aber als ich dann auf den kleinen Dicken zielen wollte, musste ich herausfinden, dass ich ihn und seine Kräfte offensichtlich unterschätzt hatte. Er wehrte meinen Fluch lässig ab und ließ stattdessen ein Seil aus der Spitze seines Zauberstabes auf mich zurollen, das mich blitzschnell an den Füßen einfing und fesselte. Mit einer winzigen Bewegung seines Zauberstabes brachte er mich aus dem Gleichgewicht, holte mich so von den Beinen und zerrte mich über den Boden zu ihm, wo er mich sorgfältig mit dem jetzt vom Stab gelösten Seil an Händen und Füßen fesselte.

„Wer seid ihr? Was wollt ihr?", keuchte ich.

„Mrs. Snape. So ein Vergnügen. Unsere Partys waren langweilig ohne sie." Der Mann mit der dunklen Stimme beugte sich über mich und sah begierig meinen Busen an, der sich unter meinem dünnen Seidennachthemd durch mein ängstliches Atmen rasch hob und senkte. Für eine Sekunde hatte ich Angst, dass er mich anfassen würde, aber richtete sich wieder auf und wandte sich von mir ab. Waren sie Todesser?

„Wo ist ihr Mann?" Der Mann mit der dunklen Stimme wandte sich mir wieder zu.

Was taten Todesser in meinem Haus? Warum suchten sie nach Severus? Was hatte er getan?

„Ich habe keine Ahnung.", wimmerte ich, während das Seil einen scharfen stechenden Schmerz durch meinen Körper jagte.

„Wann haben sie ihn das letzte Mal gesehen?"

„Ahh, fast vor einem Jahr!", stöhnte ich auf- die Schmerzen wurden immer stärker, es musste irgendetwas in diesen Seilen sein.

„Schreibt er ihnen?"

„Nein, nein…bitte, ich…wir sind…wir lassen uns scheiden!"

„Sagte ich doch.", blaffte die Frau, die ich mit dem Schockzauber belegt hatte.

„Und warum weiß dann niemand im Ministerium von ihrer angeblichen Scheidung? Dort zählen sie und Severus Snape als Ehepaar und zwar ohne jede Einschränkung!", fuhr er mich an.

„Wir…wir…haben sie noch nicht offiziell eingereicht!"

„Siehst du.", die Frau klang gelangweilt.

„Sie könnte lügen." Der dicke Mann klang nachdenklich.

„Och, kommt schon. Er arbeitet immer allein. Wozu sollte er sie auch brauchen?", schlug die Frau genervt zurück.

„Vielleicht schützt er sie.", mutmaßte der Mann mit der dunklen Stimme.

„Als ob es ihn interes….Der Dunkle Lord!", Aufregung ersetzte die Langeweile in ihrer Stimme.

„Was machen wir denn mit ihr?", fragte mein kleiner Fänger dümmlich.

„Wir nehmen sie mit. Wir wissen schließlich nicht, welche Neuigkeiten der Dunkle Lord für uns haben wird. Wenn wir sie hier ließen, könnte sie ihn warnen."


Sie Seit-an-Seit-apparierten mit mir zu einem unbekannten Ziel, während ich mir den Kopf zerbrach. Was war denn bloß passiert? Wie konnte der Dunkle Lord sie denn gerufen haben? War er nicht tot? Nein, Severus hatte mir gesagt, dass er nicht erledigt sei. Aber wie? Und warum? Wann hatten sich die Todesser denn überhaupt wiedervereinigt? Heute Nacht? Vielleicht hing es an der dritten Aufgabe des Turniers? Lebte Harry noch oder hatten sie ihn bereits getötet? Ich begann zu zittern. Was war bloß geschehen?

Ich musste kurzzeitig bewusstlos gewesen, weil ich mich nicht darin erinnern konnte, wie ich in diesen völlig unbekannten Raum gekommen war. Er war riesig groß und zahllose Feuer brannten in einer Unmenge von Kaminen. Sie alle sahen aus wie normale Feuer und doch erzeugten sie weder Wärme, noch Licht, noch Geräusche. Alles war seltsam kalt und hallend wie in einer Gruft.

„Er ist gekommen!"

„Er ist da!"

„Er ist ein paar Minuten nach uns hier angekommen!"

„Was wird jetzt passieren?"

Aufgeregtes Geflüster schwirrte durch den Raum, aber ich konnte die Wortfetzen nicht zu einem sinnhaften Gebilde zusammenfügen. Mir war schwindelig und ich konnte nicht vernünftig denken. Wie spät war es? Mir fehlt jegliches Zeitgefühl- ich hätte dort seit Minuten, Stunden oder Tagen sein können. Was, wenn Adhara schon aus der Schule gekommen sein sollte? Keiner würde ihr öffnen. Ich fror. Ich trug nur einen hauchdünnen Bademantel aus feinster weißer Seite und darunter ein weißes Nachthemdchen, das mehr enthüllte, als er verbarg. Ich fühlte meinen Kopf herumrollen, als könnte ich ihn nicht selbst kontrollieren, mir war übel. Was war es für eine Tageszeit? Der Mann neben mir sah mich nicht an.

Plötzlich öffnete sich eine Tür zwischen zwei der Kamine und der ganze Raum schien den Atem anzuhalten. Zwei Schatten traten aus dem Raum; mein Blick war zu vernebelt, um sie erkennen zu können, ich sah nur ihre Umrisse auf den Platz zutreten, an dem ich lag.

Er war nur noch wenige Schritte von mir entfernt, als ich ihn erkannte- Severus. Merlin sei Dank! Er warf den beiläufigsten und kürzesten aller Blicke auf mich, sein Gesichtsausdruck war nicht zu deuten.

„Was macht sie denn hier?", hörte ich ihn seinen Begleiter genervt fragen.

„Nun, ich habe Anweisung gegeben, dass sie für eine kleine Befragung zu uns geholt werden soll, für den Fall, dass du nicht aufgetaucht wärest." Diese Stimme! Jetzt zitterte ich wirklich am ganzen Körper- er war es! Voldemort hatte wieder einen Körper!

„Ich habe Euch bereits erklärt, mein Lord, warum ich erst mit der kürzestmöglichen Verspätung zu Euch geeilt bin. Und Ihr habt mir zugestimmt, dass dieses Vorgehen sehr zu unserem Vorteil gereicht."

„In der Tat, das tut es. Du hast weise gehandelt. Und nun ist es auch an der Zeit, dass du zurückkehrst nach Hogwarts oder unser lieber Dumbledore wird noch misstrauisch werden. Du kannst deine Frau mitnehmen, ich brauche sie ja nun nicht mehr."

„Wir leben nicht mehr zusammen. Ich hatte eigentlich den Eindruck, dass die Anwesenden hier das wissen sollten.", er klang unfassbar kalt.

Voldemort trat in mein genaues Blickfeld und sah zu mir hinab. Sein grässliches weißes Gesicht mit den schlitzartigen Nasenlöchern sah noch viel verzerrter aus, als ich es in Erinnerung hatte, aber diese Augen…plötzlich wirbelten Erinnerungen an Dorcas unmenschliches Leid durch meinen Kopf.

„Severus, ich muss mir diese Frage gestatten- aber wie kann man denn nicht mehr mit einer so wunderschönen Hexe zusammenleben? Und von purstem Blut ist sie, nicht wahr, Miss Burke? Oh ja, ich erinnere mich an Sie." Seine Stimme klang so zärtlich, dass sich meine Eingeweide zusammenkrampften. Was würde denn jetzt mit mir geschehen? Ich bitte still darum, dass Severus mich hier irgendwie rausholen würde. Aber wollte er das überhaupt? Oder würde er jetzt Rache nehmen?

„Das, mein Lord, ist eine Sache zwischen ihr und mir.", seine Stimme klang unbeeindruckt und fest.

„Ich bin nicht ganz sicher, ob du mich richtig verstanden hast, Severus. Sie ist eine Tochter aus dem Hause der Burkes. Ihr Blut ist so kostbar, dass vielleicht nur eine Hexe dieses Geblütes es würdig wäre, von mir zur Frau genommen zu werden. Diese hier natürlich nicht mehr, wo doch schon mindestens zwei andere Männer Sorge dafür getragen haben, dass sie keine Jungfrau mehr ist." Er lachte. „ Und doch hat sie dich geheiratet, Severus. Eine Hochzeit, der ich hier und jetzt meinen Segen geben will, da du einer meiner wertvollsten Diener bist. Kein anderer Todesser darf jemals eine so reinblütige Frau heiraten, es sei denn, er selbst ist von eben solch reinem Blut." Die letzten zwei Worte hallten in dem Raum nach und ich wusste, dass der Dunkle Lord auf Severus Herkunft anspielte.

„Mein Lord.", Severus Worte klangen eigenartig gepresst.

„Wir können den Zauberern und Hexen nicht mehr freie Hand lassen bei der Wahl ihrer Partner. Zu viele von ihnen haben schlechte Entscheidungen getroffen und sich mit Muggeln oder sonst was eingelassen. Ich aber brauche reinblütige Kinder, viele reinblütige Kinder. Kinder voll von purem und magischem Blut! Und was nützt mir all das reine Blut hier um mich herum, wenn ich ihr alle keine Kinder bekommt?" Er streckte den Arm in theatralischer Geste aus und sah sich in dem Raum um.

„Lucius, ist Draco immer noch dein einziges Kind?"

„Ja, mein Lord." Lucius klang, als habe er seine Stimmbänder eingeölt.

„Wir werden das ändern müssen, meine treuen Todesser. Aber bevor wir das tun, werden wir zunächst unsere Feinde aufspüren und die vernichten, die uns betrogen haben und jene befreien, die für Verbrechen in Askaban sitzen, die keine sind!"

Er drehte sich wieder zu mir um und sah dann Severus an.

„Du hast eine gute Wahl getroffen. Nun bring sie nach Hause, erstatte Dumbledore deinen Bericht und komme wieder, um mir zu berichten, was der alte Mann sagt."

Zum ersten Mal sah Severus mir direkt ins Gesicht. Wie immer konnte ich auch jetzt keine Gefühle daraus ablesen.

„Kannst du aufstehen?", seine wütende Stimme verriet seine oberflächliche Coolness.

„Sicher."Ich wollte ihm zeigen, dass ich eben so stark sein konnte wie er. Vorsichtig tastete ich mich rückwärts an der Wand hoch und kam so schließlich zum Stehen.

Er musterte mich mit strengem Gesichtausdruck. Mein Nachthemd schien bei einigen Männern Gefallen zu finden, wie ich ihrem verhaltenen Grinsen ansehen konnte, aber ihn schien das völlig kalt zu lassen.

„Komm mit." Er bot mir seinen Arm an und wir verschwanden wortlos aus einer anderen Tür, von wo aus er mich schweigend in einen Garten führte, dort durch einen Tunnel, bis wir ein Feld erreicht hatten, auf dem wir apparieren konnten.

Als ich wieder daheim war, zitterte ich so sehr, dass ich mich hinsetzen musste. Ich war vollkommen durchgefroren. Severus stand mir gegenüber, die Arme vor der Brust verschränkt und starrte mich zornig an.

„Großartig. Einfach großartig. Wenn man mich gestern gebeten hätte, eine Liste meiner größten Probleme zu fertigen, wäre ich mir doch tatsächlich noch sicher gewesen, dass du nicht darauf stehen wirst."

Ich sah ihn an. „Was meinst du?"

„Hast du ihn denn nicht gehört?", fauchte er gereizt.

„Severus, was ist denn hier überhaupt los? Warum ist der Dunkle Lord zurück? Wo kommt er her?" Tränen formten sich in meinen Augen. Ich war gerade von ein paar verrückten Todessern gekidnappt worden, keiner erklärte mir, was passiert war und mein Mann behandelte mich wie lästigen Dreck.

„Wo ist Black?"

„Woher soll ich das wissen?"

„Er wird es dir erklären. Das ist jetzt seine Aufgabe und nicht mehr meine."

„Severus!" Die Tränen schossen mir aus den Augen und ich streckte eine Hand nach ihm aus.

„Nein!" Severus trat einen Schritt zu zurück und sagt mehr zu sich selbst: „ Das ist zu viel verlangt."

Damit disapparierte er.