Carpe Noctem
by CarpeDiem
"Hier stehe ich, hilflos und zurückgelassen,
um auf den Tod zu warten.
Schließe deine Augen,
so viele Tage sind vergangen.
Es ist leicht, das zu finden, was falsch ist.
aber schwerer, das zu finden, was richtig ist."
# 35 #
Es war nicht mehr als ein leises Plopp zu hören, als Harry auf der einsamen Sandstraße apparierte und der raue Wind schluckte dieses Geräusch mit Leichtigkeit. Dicke, dunkelgraue Wolken wurden in rascher Folge über den bedeckten Himmel getrieben, und auch mit dem Anbruch des Tages schwächte der Sturm, der die ganze Nacht über getobt hatte, nicht ab.
Harry war es jedoch gleichgültig, ob man ihn hätte hören können, und es war ihm ebenso gleichgültig, ob man sein Erscheinen bemerken könnte. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, legte er es sogar genau darauf an.
Er ging los, immer einen Schritt vor den anderen, und obwohl sich sein ganzer Körper merkwürdig taub anfühlte, waren seine Gedanken und sein Geist überraschend klar. Er hatte nicht erwartet, dass er so gefasst sein würde, wenn er dem Tod entgegen ging, doch in seinem Inneren hatte sich eine ungemeine Ruhe ausgebreitet.
Er hatte nicht lange gebraucht, bis er zu dem Schluss gekommen war, dass es für ihn nur einen möglichen Weg zu handeln gab, aber es hatte bedeutend länger gedauert, bis er die Entscheidung getroffen hatte, diesen Weg auch zu beschreiten. Genau genommen hatte er jedoch keine andere Wahl.
Harry folgte der Straße im schwachen Licht der Dämmerung, immer an der großen, sauber beschnittenen Hecke, die sich rechts von ihm dahin zog, entlang. Überhängende Äste großer Bäume bewegten sich wie lange Finger im stürmischen Wind, und das Rascheln überdeckte das Geräusch von Harrys Schritten. Nach ein paar weiteren Metern bog er nach rechts in eine breite Zufahrt ein, und fand sich vor einem großen, schmiedeeisernen Tor wieder. Die hohe Hecke machte ebenfalls einen Knick, doch sie zog sich weiter über das Tor, das Harry den Weg versperrte, hinaus.
Ein besonders kalter Windstoß blies über die Landschaft und Harry zog den Umhang fester um sich. Winzige Schneeflocken wirbelten durch die Luft, doch keine davon war groß genug, um liegen zu bleiben. In einer Woche war Weihnachten und noch immer war kein Schnee gefallen.
Harry schüttelte diesen Gedanken ab und trat an das hohe Tor heran. Wenn alles so ablaufen würde, wie er es sich dachte, dann würde er Weihnachten nicht mehr erleben. Ein bedeutend geringer Preis, wenn er es sich genau überlegte. Mit ein wenig Glück wäre dann auch bereits der Krieg vorbei, und alle seine Freunde, und vor allem Ginny, könnten dann das Fest des Friedens gebührend feiern. Um Ginny tat es Harry besonders leid, doch er schob auch diesen Gedanken bei Seite, denn er war der Einzige, der es geschafft hätte, ihn von seinem Vorhaben abzubringen, und das durfte er nicht zulassen.
Er hatte seine Entscheidung getroffen. Es gab keinen anderen Weg.
Harry streckte seine Hand aus und berührte mit den Spitzen seiner Finger das kalte Metall des Tores. Er spürte den Fluch, der auf dem Tor lag, und verhinderte, dass es sich öffnen ließ. Ein scharfer Schmerz schoss durch Harrys Kopf, und er presste die kalten Finger seiner anderen Hand auf seine Narbe. Mit jedem Meter, den er Voldemort näher kam, drängte der Seelensplitter in ihm stärker zu seinem Herrn, und Harrys Kopfschmerzen nahmen stetig zu. Doch während seine Finger das dunkle Metall des Tores berührten, waren die Schmerzen besonders schlimm. Voldemort hatte diesen Fluch ausgesprochen, und nur wer das dunkle Mal trug, dem war es erlaubt ungehindert zu passieren. Man würde ihn entdecken, wenn er das Tor durchquerte, das ließ sich nicht vermeiden, doch genau das war es, was Harry wollte.
Er konzentrierte sich einen Augenblick lang, und griff dann mit seinem Geist nach dem Riegel, den er vor sich sehen konnte. Das Tor öffnete sich vollkommen geräuschlos und schwang nach innen auf. Ohne zu zögern durchquerte Harry es, und ging die Kiesstraße entlang, die geradewegs zu einem stattlichen Herrenhaus führte.
Harry war noch nie hier gewesen, doch so viel er im Schein der erhellten Fenster sehen konnte, sah es genau so aus, wie er sich Malfoy Manor immer vorgestellt. Es war nicht schwer gewesen, herauszufinden wo sich das Anwesen befand, und es war ebenfalls nicht annähernd so kompliziert gewesen, Anastasia zu entwischen, wie er erwartet hatte. Da die Schutzzauber auch auf ihn reagierten, war es sogar ziemlich einfach gewesen, das Haus unbemerkt zu verlassen, doch es würde wohl nicht allzu lange dauern, bis Anastasia bemerkte, dass er verschwunden war.
Harry fragte sich, was sie dann tun würde. Vermutlich würde sie nach ihm suchen, und es würde nicht lange dauern, bis sie die Parallele zu Ginny gezogen hatte, und somit wusste wo er war. Doch dann würde es bereits zu spät sein.
Der einzige Weg einen Horkrux zu zerstören, war das Gefäß, in dem er sich befand, zu zerstören, und das war in diesem Fall sein Körper. Erst wenn Harry tot war, würde der Horkrux vernichtet werden, und nur wenn alle Horkruxe vernichtet waren, konnte man Voldemort umbringen. Das würde dann Anastasias Aufgabe sein, nachdem sie den letzten Horkrux ebenfalls zerstört hätte. Harry zweifelte nicht daran, dass sie Erfolg haben würde. Doch damit Voldemort vernichtet werden konnte, musste zunächst er selbst sterben, das war eine Tatsache. Harry hatte das verstanden, und er war in Gegensatz zu Anastasia bereit zu handeln. Sie würde nicht zulassen, dass er starb, noch würde sie ihm dabei helfen, denn sie sah in ihm immer noch ihren alten Schüler Corvin, und das würde sich auch niemals ändern.
Harry machte ihr deshalb keine Vorwürfe, aber er war dadurch gezwungen selbst etwas zu unternehmen, und er war sich sicher, dass er das Richtige tat. Für alle Hexen und Zauberer in diesem Land, für seine Freunde und für Ginny.
Harry ging weiter auf die Eingangstür des Hauses zu, und tatsächlich wusste er nicht, was er tun sollte, falls er sie erreichen würde, doch davon ging er eigentlich nicht aus. Und richtig, nachdem Harry keine zwei weiteren Schritte gemacht hatte, apparierten mehrere Todesser in schwarzen Umhängen in einem Kreis um ihn herum und versperrten ihm den Weg. Die meisten von ihnen trugen schwarze Masken, um ihre Gesichter zu verbergen, doch die beiden Todesser, die genau vor Harry appariert waren, hatten sich diese Mühe nicht gemacht. Harry hätte sie im Licht der Zauberstäbe ohnehin erkannt.
Der Dunkle Lord hatte Bellatrix Lestrange und Lucius Malfoy geschickt, um ihn in Empfang zu nehmen, und obwohl beide ihre Zauberstäbe in der Hand hatten, schienen sie erst einmal abzuwarten, mit welchen Absichten Harry hierher gekommen war, noch dazu, da er einfach durch die Vordertür spaziert kam.
Bellatrix hatte ihre übliche, überhebliche Miene aufgesetzt und musterte Harry misstrauisch, ganz so, als könne sie ihr Glück noch gar nicht fassen, doch auf Lucius Malfoys Anblick war Harry nicht vorbereitet gewesen. Er kannte das Oberhaupt der Familie Malfoy nur als stolzen Mann, der jeden mit kühler Arroganz von oben herab behandelte, doch die Zeit in Askaban hatte ihre Spuren hinterlassen. Sein Gesicht war fahl geworden, und seine Haltung hatte ihre aristokratische Überheblichkeit eingebüßt. Er war ein gebrochener Mann, und dass er bei Voldemort anscheinend immer noch in Ungnade gefallen war, machte es auch nicht besser.
„Harry Potter", sagte Bellatrix spöttisch, während sie ihren Zauberstab zwischen den Fingern spielte und ein paar Schritte auf ihn zukam. „Was für eine Überraschung. Hast du so viel Todessehnsucht, dass du freiwillig zu uns kommst?"
Harry antwortete ihr nicht, und Bellatrix' Gesicht wurde ernst.
„Gib mir deinen Zauberstab", befahl sie kalt, und streckte ihre Hand aus.
Vermutlich hatte sie gedacht, dass er sich weigern würde, doch Harry griff ohne zu Zögern in seinen Umhang.
„Na, na, na, mit der linken Hand - langsam", wies Bellatrix ihn an, als er mit der rechten Hand nach seinem Zauberstab hatte greifen wollen.
Harry lächelte spöttisch und ließ seine rechte Hand wieder sinken, nachdem er ihr seine leere Handfläche gezeigt hatte. Dann holte er langsam mit der anderen Hand seinen Zauberstab hervor und übergab ihn an Bellatrix, die ihn misstrauisch beobachtete.
Harry hatte gewusst, dass sie ihn nicht mit seinem Zauberstab in der Hand zu Voldemort lassen würden, und im Grunde war es ihm egal. Er würde Voldemort nicht den Gefallen tun und gegen ihn kämpfen. Außerdem hatte er in der letzten Zeit aufgehört seinen Zauberstab als existentiell wichtig anzusehen, denn für die meisten Zauber brauchte er ihn sowieso nicht mehr.
Harry sah, wie sich die Todesser um ihn herum sichtlich entspannten, als Bellatrix seinen Zauberstab einsteckte, und er gestattete sich ein schmales Lächeln. Sie hatten Angst vor ihm, und doch unterschätzten sie ihn alle.
Ohne ein weiteres Wort drehte sich Bellatrix um, und ging auf das Haus zu. Harry folgte ihr, zu allen Seiten von den Todessern umringt.
Es war eigenartig, dass er keinerlei Angst empfand, obwohl er genau wusste, dass Voldemort ihn töten würde. Vermutlich hatte er einfach akzeptiert, dass dieses Opfer gebracht werden musste.
Der Kies auf der Zufahrt knirschte unter ihren Füßen, während sie auf das große Haus zugingen, und Bellatrix öffnete die Tür. Im Inneren des Hauses fand sich Harry in einer luxuriösen Eingangshalle wieder, deren steinerner Boden beinahe komplett von einem prächtigen Teppich bedeckt wurde. An den Wänden hingen fahlgesichtige Porträts, die Harry im Schein der Öllampen an den Wänden mit ihren Blicken folgten, während er von den Todessern durch die Halle und zu einer massiven Holztür eskortiert würde.
Lucius Malfoy ließ Bellatrix den Vortritt, und Harry fiel auf, dass er sich in seinem eigenen Haus bewegte wie ein Fremder. Bellatrix drückte die bronzene Türklinke hinunter und Harry folgte ihr in einen hohen Saal, der lediglich vom gedämpften Licht vereinzelter Öllampen an den Wänden erhellt wurde. Der Boden war aus prächtigem, dunklem Marmor, der in verschiedenen Schattierungen schwere Muster bildete. Bis auf einige Regale mit Büchern und einem marmornen Kamin mit einem Spiegel darüber, enthielt der Raum keine Einrichtung, doch Harry vermutete, dass es einmal ein Speisesaal gewesen war.
Voldemort stand in einem langen, schwarzen Umhang an der Stirnseite des Raumes, und gut ein Dutzend Todesser standen wie schwarze Säulen rechts und links an den Wänden, sodass Harry zwischen ihnen hindurch gehen musste. Als sein Blick auf Voldemort fiel und er in seine roten Augen blickte, durchfuhr ihn ein Schmerz, der so stark war, dass Harry sich vorne über krümmte und zu Boden fiel. Er presste die Hände an seinen Kopf, während ihm für einen Moment schwarz vor Augen wurde, doch zwei der Todesser packten seine Arme und zogen ihn wieder auf die Füße. Ein Stück weiter vorne ließen sie ihn wieder auf den Boden fallen, und Harry brauchte einem Augenblick, bis er sich wieder aufrichten konnte.
Sein Kopf fühlte sich an, als würde er jeden Moment in hunderttausend kleine Teile zerspringen, doch er biss die Zähne zusammen, entschlossen vor Voldemort kein Zeichen von Schwäche zu zeigen.
Während Bellatrix und Malfoy vor ihrem Meister auf die Knie gefallen waren, schaffte Harry es sich wieder auf die Füße zu stellen. Er begegnete Voldemorts Blick, der unentwegt auf ihn gerichtet gewesen war, und es gelang ihm den roten Augen mit den schlitzförmigen Pupillen mit einem trotzigen und entschlossenen Ausdruck zu begegnen.
Hinter Voldemort in der Luft schwebte eine Art Käfig aus hellem Licht, und in seinem Inneren erkannte Harry Voldemorts Schlange, Nagini. Er hatte sich bereits gefragt, was Voldemort unternommen hatte, um seinen letzten Horkrux zu schützen, und anscheinend hatte er seine Antwort nun gefunden. Vermutlich würden alle seine Flüche an der Barriere aus Licht abprallen, und damit war ein Versuch Nagini hier und jetzt zu töten, vollkommen sinnlos. Er hatte gehofft, Anastasia die Aufgabe die Schlange zu vernichten abnehmen zu können, doch so wie es aussah, war ihm das nicht möglich.
„Mein Lord, ich habe Euch Harry Potter gebracht", sagte Bellatrix und Harry wurde beinahe schlecht, angesichts des verliebten Tons in ihrer Stimme.
Voldemort beachtete sie jedoch gar nicht, und bedeutete ihr und Malfoy sich zu den anderen zu stellen, während er Harry unentwegt mit seinen Blicken musterte.
„Ich muss sagen, es erstaunt mich, dass du hier her gekommen bist", sagte Voldemort, doch es war kein Erstaunen, das in seiner zischenden Stimme zu hören war. Die Worte waren lediglich kalt und berechnend.
„Hättest du eher erkannt, dass du dich mir nicht entziehen kannst, hättest du deiner kleinen Freundin und auch mir viele Unannehmlichkeiten erspart. Aber das spielt jetzt keine Rolle mehr. Du bist hier, und da ich noch kein Zeichen von Anastasia entdeckt habe, nehme ich an, dass sie dir endlich die Wahrheit gesagt hat, und du hier bist um dich zu opfern."
Harry biss die Zähne zusammen, um seine Wut darüber zu verbergen, dass Voldemort beinahe mühelos erraten hatte, wieso er sich ohne Gegenwehr den Todessern ausgeliefert hatte. Er war sich jedoch sicher, dass Voldemort noch keinen Versuch unternommen hatte in seinen Geist einzudringen, denn das hätte er zweifellos gespürt. Anscheinend war er bis vor kurzem der Einzige gewesen, der nicht gewusst hatte, dass er einen von Voldemorts Seelensplittern in sich trug, denn er hatte mittlerweile das bestimmte Gefühl, dass selbst Dumbledore es gewusst hatte.
Voldemort schien jedoch immer noch mehr Angst vor der Prophezeiung zu haben, als davor einen Horkrux zu verlieren, auch wenn nach Harrys Tod nur noch ein Horkrux übrig war. Schließlich hatte er seine Versuche, Harry umzubringen, trotz dieses Wissens nicht eingestellt.
Ein kaltes Lächeln verzog Voldemorts dünne Lippen. Er wusste, dass er Harrys Absichten durchschaut hatte, und er genoss es über Harry zu triumphieren, da er so lange im Ungewissen gehalten worden war.
„Dennoch, auch die edlen Absichten eines selbstlosen Helden werden dich nicht retten können. Nicht dieses Mal. Doch bevor ich dich töten werde, wirst du mir noch einige Fragen beantworten."
Harry schnaubte leise. „Niemals."
Ein kaltes Lächeln verzog Voldemorts schmale Lippen zu einer grotesken Fratze, und er sah Harry an wie eine Schlange, die das Kaninchen vor ihren Augen taxierte.
Einen Augenblick darauf spürte Harry einen feinen Druck an der Mauer, die seinen Geist umgab, und der beinahe in dem Nebel aus Schmerz untergegangen wäre. Er hatte nicht mehr als einem winzigen Moment, um sich auf Voldemorts Attacke vorzubereiten, und die Kraft, mit der er seine Mauer angriff, überstieg alles, was Harry jemals von Anastasia erfahren hatte. Verzweifelt versuchte Harry dem Stand zu halten, während tausend kleine und glühendheiße Nadeln in sein Bewusstsein gestochen wurden, und ohne, dass es ihm bewusst gewesen wäre, sank er auf die Knie, während er seine Hände an seine Schläfen presste.
Er wehrte sich verbissen gegen Voldemorts Eindringen, schon aus dem Grund, weil er dieses kalte und abartige Bewusstsein nicht in seinem Geist haben wollte. Außerdem durfte er unter gar keinen Umständen zulassen, dass Voldemort erfuhr, dass Snape ein Spion war. So sehr er diesen schleimigen Bastard auch hasste, er war die einzige Chance, Nagini zu töten.
Mit jedem Augenblick der verging, schlug Harry das fremde Bewusstsein ein Stück weiter zurück, bis er schließlich selbst mit allen Kräften, die ihm noch zur Verfügung standen, zurückschlug. Voldemort seinerseits schien ebenfalls unter allen Umständen verhindern zu wollen, dass ein fremder Geist in sein Bewusstsein eindrang, denn er zog sich augenblicklich zurück, als hätte er sich verbrannt. Harry dachte jedoch gar nicht daran, auch nur zu versuchen in Voldemorts Geist einzudringen, und als der Druck auf seine Mauer nachließ, konzentrierte er sich lediglich darauf, sich vor einem erneuten Angriff abzuschirmen.
Harry öffnete die Augen und atmete schwer, und erst jetzt fand er sich kniend auf dem Boden wieder. Er hob seinen Blick und sah noch für einen Moment, wie Voldemort ihn entsetzt und wütend anfunkelte, doch dann verhärteten sich seine Züge wieder zu Stein, bis nur noch seine schlitzartigen Nüstern bebten.
Ein triumphierendes Lächeln verzog Harrys Lippen, während er wieder aufstand. Er hatte es geschafft Voldemort stand zu halten und ihn sogar zurück zu drängen. Zweifellos hatte auch er ihm zugesetzt, denn Voldemorts Geist war nur noch ein Schatten seiner selbst, und wenn Harry sich nicht irrte, würde er nicht noch einmal versuchen, in seinen Geist einzudringen.
„Gebt ihm seinen Zauberstab zurück!", befahl Voldemort, und seine Stimme hallte an den Wänden des Saales wider.
Bellatrix trat augenblicklich noch vorne und hielt Harry seinen Zauberstab entgegen, doch Harry zögerte einen Moment lang. Dass Voldemort ihm seinen Zauberstab zurückgab, konnte nichts anderes bedeuten, als dass er gegen ihn kämpfen wollte. Harry nahm den Stab entgegen, doch er hatte nicht vor Voldemort den Gefallen zu tun, und sich in einem Kampf von ihm umbringen zu lassen.
Voldemort hatte seinen Zauberstab gezogen und die Ärmel seiner langen, schwarzen Robe zurückgeworfen, sodass seine bleichen, knochigen Unterarme zum Vorschein kamen. Harrys Blick blieb einen Augenblick lang auf Voldemorts Zauberstab hängen. Das dünne Stück Holz war makellos schwarz und vollkommen ebenmäßig. Harry hatte so einen Zauberstab bis jetzt nur ein Mal gesehen, und zwar bei Anastasia, doch er verfolgte diesen Gedanken nicht weiter. Voldemort hatte einen neuen Zauberstab, nur das zählte jetzt, und das bedeutete, dass es keinen erneuten Priori Incantatem geben würde.
„Ich bin sicher, du weißt noch wie man sich duelliert. Ich werde es dir leicht machen und dir einen kleinen Vorteil zugestehen. Greif an!", verlangte Voldemort und seinen Lippen kräuselten sich zu einem hämischen Lächeln.
Auch nachdem Harry es geschafft hatte, ihn daran zu hindern in seinen Geist einzudringen, unterschätzte Voldemort ihn noch. Es reizte Harry ungemein, Voldemort seine Stärke zu demonstrieren, doch er wollte diesem Monster auf keinen Fall die Genugtuung geben, dem Mord an ihm einen legitimen Anschein zu verleihen, und so hielt er seinen Zauberstab lediglich reglos in der Hand.
„Worauf wartest du? Greif an!", befahl Voldemort wütend, als Harry keine Anstalten machte zu tun, was er von ihm verlangte.
Harry biss die Zähne zusammen, um dem Drang, genau das zu tun, nicht nachzugeben.
„Nein", sagte er entschieden, und warf seinen Zauberstab auf den Boden zu Voldemorts Füßen.
Bis auf ein kurzes Klappern, war es vollkommen still im Raum, und schließlich blieb der dünne Stab auf dem Steinboden liegen.
Voldemorts schlitzartige Nasenlöcher bebten wütend, doch der Zauberstab in seiner Hand zitterte nicht im Mindesten, als er ihn anhob und in einer flüssigen Bewegung auf Harry richtete.
„Crucio!"
Ohne, dass Harry darüber nachgedacht hätte, hob er seine Hände mit den Handflächen nach oben vor seinen Körper und riss einen Schutzschild aus weißem Licht nach oben. Nur Sekundenbruchteile später traf der Fluch darauf, und als Harry verbissen versuchte, der unheimlichen Kraft des Fluches stand zu halten, wurde er durch die Wucht des Aufpralls einige Meter rückwärts über den steinernen Boden geschoben. Er hatte noch nie zuvor versucht einen Fluch dieses Ausmaßes abzuhalten, und er brauchte seine ganze Kraft, um den Schild aufrecht zu erhalten. Wütende, weiße Blitze zuckten über die Oberfläche und nahmen ihm die Sicht, doch schließlich war der Schild stark genug, um den Crutiatus-Fluch zu absorbieren, und als Harry den Schild sinken ließ, hätten beinahe seine Knie vor Erschöpfung nachgegeben.
Als er den Blick wieder hob und in Voldemorts Gesicht sah, begegnete er lediglich einer wutverzerrten Maske. Voldemort hatte nicht damit gerechnet, dass Harry in der Lage sein würde, einen seiner Flüche abzuwehren, und das noch dazu ohne seinen Zauberstab, und nun musste er erkennen, dass Harry ihm in einem Kampf durchaus gefährlich werden konnte.
Voldemort gab Harry nicht mehr als ein paar Sekunden, um wieder ein wenig zu Atem zu kommen, bevor er seinen Zauberstab erneut hob und ihm den nächsten Fluch, diesmal ohne eine Formel auszusprechen, entgegen schleuderte.
Harry riss seinen Schild wieder nach oben und blockte den gelben Lichtstrahl ab, auch wenn er dafür kaum noch Kraft hatte, die er erübrigen konnte. Doch Voldemort löste den Fluch bereits einen Moment darauf wieder, als er sah, dass auch dieser lediglich unter zuckenden, weißen Blitzen von Harry Schild absorbiert wurde, und schleuderte Harry einen anderen Fluch entgegen.
Während Voldemort immer neue Flüche auf Harrys Schild prasseln ließ, ging er mit schnellen Schritten auf ihn zu, und Harry wich gezwungenermaßen vor Voldemort zurück. Er wusste nicht, wie lange er das noch durchhalten würde, bevor er vor Erschöpfung zusammenbrach, doch der nächste blaue Lichtstrahl, der auf ihn zuschoss, wurde nicht von dem Schild aufgehalten, sondern durchdrang ihn, als wäre er überhaupt nicht da. Als der Fluch Harry mitten auf die Brust traf, wurde er über zehn Meter durch die Halle geschleudert und schlug anschließend hart auf dem steinernen Boden auf. Sein Kopf knallte auf den Marmor und sämtliche Luft wurde bei dem Aufprall aus seinen Lungen gepresst.
Harry wurde schwarz vor Augen und er blieb bewegungslos auf dem Boden liegen, während ihm jeder Knochen in seinem Körper weh tat, und sich sein Kopf anfühlte, als würde er jeden Moment explodieren. Ihm fehlte einfach die Kraft wieder aufzustehen, und er wollte auch gar nicht wieder aufstehen, denn wenn er aufstand, würde Voldemort ihn so lange quälen, bis er tot war. Er war nahe dran einfach aufzugeben, doch Voldemorts schneidende Stimme hinderte ihn daran, weiter in diesen Dämmerzustand zu fallen.
„Steh auf!", donnerte Voldemort. „Ich sagte, steh auf!"
Harry öffnete die Augen und wurde sich seines schmerzenden Körpers nun noch deutlicher bewusst, doch er kämpfte dagegen an, und mit letzten Kräften schaffte er es, sich aufzurappeln, und obwohl seine Beine vor Erschöpfung zitterten, stand er schließlich wieder auf den Füßen. Erst jetzt bemerkte er das warme Rinnsal über seinem Mund, und als er die Hand hob, stellte er fest, dass es dickflüssiges Blut war, das aus seiner Nase geronnen kam.
Voldemort stand noch am anderen Ende des Saals und sein Blick ruhte mit einem triumphierenden Lächeln auf den schmalen Lippen, auf Harry.
„Wie lange habe ich auf diesen Augenblick gewartet", sagte Voldemort voller Genugtuung, und in seinen Augen lag ein geradezu manisches Funkeln. „Verabschiede dich von der Welt, Harry Potter. Dieses Mal ist niemand da, um dich zu retten."
Dann hob Voldemort seinen Zauberstab und richtete ihn auf Harry.
„Avada Kedavra!"
Der grüne Lichtstrahl schoss aus der Spitze von Voldemorts Zauberstab, und Harry hatte das Gefühl, als würde die Zeit für einen Moment anhalten, und dann langsamer als zuvor wieder weiter laufen, als er mit ansah wie der Fluch, scheinbar in Zeitlupe, und doch unaufhaltsam, immer näher auf ihn zu kam.
Voldemort hatte Recht, dieses Mal war niemand da, um ihn zu retten, diese Tatsache wurde ihm mit einem Schlag zur Gewissheit, während er seinem Tod ins Auge blickte. Er hatte gedacht, er wäre darauf vorbereitet gewesen, doch das war er nicht, und das wurde ihm mit einem Mal schmerzlich bewusst. Er hatte keine Gelegenheit gehabt sich von Anastasia zu verabschieden, noch sich bei ihr für alles, was sie für ihn getan hatte, zu bedanken. Ohne sie wäre er niemals soweit gekommen, und er wäre zweifellos an der Aufgabe, die Dumbledore ihn hinterlassen hatte, gescheitert, da machte er sich nichts vor. Außerdem würde er keine Gelegenheit mehr bekommen, sich bei ihr zu entschuldigen.
Doch das Schrecklichste daran war, dass er Ginny einfach im Stich gelassen hatte. Er liebte sie so sehr, wie er noch nie zuvor einen anderen Menschen geliebt hatte, und er hoffte verzweifelt, dass sie verstehen würde, warum er das hatte tun müssen. Und er wünschte ihr, dass sie es auch ohne ihn schaffen würde glücklich zu werden.
Der grüne Lichtstrahl traf Harry mitten auf die Brust, und ein Ruck ging durch seinen ganzen Körper. Seine Augen weiteten sich, als jede Faser seines Körpers mit einem Mal erstarrte, und einen Moment darauf explodierte ein unglaublicher Schmerz, genau hinter seiner Narbe. Ihm wurde schwarz vor Augen, und er fühlte nichts anderes mehr, als diesen unerträglichen Schmerz, der seinen Kopf vollkommen ausfüllte. Er wollte schreien und die Hände an seinen Kopf pressen, doch er konnte sich nicht bewegen, und gerade, als er glaubte den Verstand zu verlieren, wenn der Schmerz nur noch einen weiteren Augenblick anhalten würde, hörte er auf, und der Saal um ihn herum nahm wieder Gestalt an.
Harrys Beine gaben nach, und er sank auf die Knie. Das letzte, was er sah, waren Voldemorts rote Augen und sein höhnisches Grinsen, bevor er nach vorne kippte und auf dem Boden aufschlug.
tbc.
