Einer der Beisitzer stand auf, reinigte Draco magisch von dem Blut und sprach einen Enervate-Zauber, sodass Malfoy wieder bei Sinnen war.

„Draco Malfoy.", stellte der oberste Richter fest. Draco nickte und blickte zu Boden. Es folgte eine ellenlange Anklage wie schon bei Dracos Eltern. Wie bei ihnen und auch schon bei Hermine wurde sein linker Arm auf das Dunkle Mal überprüft. Draco zeigte sich geständig und gab vieles zu, wozu er angeklagt worden war. „Wir haben nun eine Zeugin zu vernehmen. Hermine Granger."

Malfoys Kopf ruckte nach oben und er sah, wie Hermine herunterschritt und sich vor ihn zur Zeugenbank stellte. Hermine mied seinen Blick, es sollte kein falscher oder vielmehr doch zu richtiger Eindruck erweckt werden, dass sie mehr als nur ehemalige Mitschüler waren oder sie zu viele Gefühle für ihn hegte.

„Euer Ehren, ich bin gekommen, um für Draco Malfoy auszusagen und ihn zu entlasten.", stellte sie mit nachdrücklicher Stimme klar. Ein Raunen lief durch die Reihen.

Hermine begann zu erzählen: „Dazu muss ich mit mir beginnen. Wie bereits bekannt wurde, hat mich Professor Dumbledore auf eine Mission geschickt, um die Todesser zu unterwandern, einen Spion zu finden und um auf meine ehemaligen Klassenkameraden ein Auge zu haben. Ich sollte sie retten, wenn ich das gefahrlos tun könnte. Daher musste ich mich in mein Alter Ego, Mercure Mortém, verwandeln.

Als ich mich in der Todesserausbildung befand… es hatte sich zu diesem Zeitpunkt schon eine kleine Widerstandsgruppe innerhalb der Todesser-Anwärter gebildet, zu der ich nach kurzer Zeit auch Zugang bekam. Wir nannten uns DAA – kurz für Dumbledores Andere Armee – in Anlehnung an die DA, die Harry Potter, Ron Weasley und ich damals in Hogwarts gegründet hatten.

Das Ziel der DAA war es, gezielt Angriffe und Aktionen der Todesser zu erschweren, zu sabotieren und zu verhindern. Um das Schweigen der Mitglieder sicherzustellen, musste auch ich einen Unbrechbaren Schwur ableisten. Wir wären gestorben, bevor jemand unser Geheimnis erfahren hätte. Unser Erkennungsmerkmal ist ein Tattoo, das die meisten auf dem rechten Unterarm haben. Es war so üblich, seinen Patronus zu wählen. Wenn man eben einen gestaltlichen erschaffen konnte. Ich habe zum Beispiel einen Otter. Über dieses Tattoo wurde kommuniziert.

Während der Schlacht um Hogwarts haben sich die DA und die DAA miteinander verbündet und gemeinsam gekämpft. Draco Malfoy war der Anführer der DAA. Er hatte zwar schon sein Mal entgegengenommen, aber seine Initiation, dieser Aufnahmeritus der Todesser, stand noch aus. Er sollte Muggelgeborene töten, doch wir konnten sie retten. Draco Malfoy hat mich mehr als einmal vor seiner Tante, Bellatrix Lestrange, und ihren grausamen Methoden bewahrt."

Nachdem sie geendet hatte, rollte Hermine ihre Ärmel hoch und ging näher an die Richter heran, um ihnen beide Tattoos zu zeigen. Beim Zurückgehen sah sie Malfoys Gesichtsausdruck. Es war eine Mischung aus Verzweiflung, Hoffnung, Überraschung.

Erneut begann ein Murmeln in der Menge, bis die Richter sich wieder Ruhe erbaten. „Zeigen Sie, wie haben Sie kommuniziert? Das kann irgendein magisches Tattoo sein.", meinte einer der Richter kritisch.

Hermine sagte: „Sehen Sie bei Draco Malfoy nach, was passieren wird." Als einer der Wärter auf ihn zutrat und seinen zweiten Ärmel auch nach oben zog, zückte Hermine ihren Zauberstab und berührte sachte ihren Unterarm. Laut und deutlich sagte sie: „An das Frettchen: ‚Wir sind die '" Einer der Beisitzer eilte neben den Wärter und sie holten überrascht Luft, als Malfoys Helles Mal den Satz ausspuckte.

„Sie haben uns interessante Neuigkeiten gebracht, Miss Granger. Für den Moment werden wir es dabei belassen, aber wir werden künftig auf sie zukommen, damit Sie uns Informationen weitergeben können.", beschied sie der oberste Richter.

„Euer Ehren. Es gibt eine ganze Liste an Namen, die bei der DAA waren, die wenigsten davon sind fertig ausgebildete Todesser. Jeder trägt ein Tattoo!", plädierte Hermine an ihn, dass sie es künftig bei allen nachschauen würden.

Hermine erhob noch einmal ihre Stimme. „Ich möchte noch etwas aussagen. Während der Schlacht um Hogwarts hat Draco Malfoy ein wichtiges schwarzmagisches Objekt von Lord Voldemort zerstört: das Diadem von Rowena Ravenclaw. Ohne seine Zerstörung wäre ein Sieg Harrys nicht möglich gewesen."

Abermals raunte die Menge und Hermine stieg sie wieder hoch auf ihren Platz. Lucius und Narcissa Malfoy warfen ihr dankbare Blicke zu, dass sie sich so für ihren Sohn einsetzte.

Nach einer Weile trug der Zaubergamot sein Urteil vor und Hermine lauschte mit zittrigen Knien. „Draco Malfoy. Sie haben Ordnungswidrigkeiten und mindere Straftaten wie die Ausübung der Dunklen Künste verübt. Wir können Ihnen keinen Mord nachweisen und die Aussage von Miss Granger entlastet Sie in unseren Augen. Daher sprechen wir sie vollumfänglich frei." Malfoy sank auf seinem Stuhl zusammen. Hermine holte tief Luft. Fast war sie noch erleichterter als bei ihrem eigenen Freispruch. Sie nahm nur noch am Rande wahr, dass das Gericht ein Ausreiseverbot für Draco zur weiteren Klärung des Sachverhalts verhängte. Dracos Eltern stürmten zu ihrem Sohn und umarmten ihn. Matt erwiderte er ihre Gesten, doch sein Blick suchte Hermine.

Hermine sah ihn kurz an, dann wandte sie sich ab und lief mit wehenden Roben die Treppen zum Aufzug hinauf. Warum flüchtete sie? Wovor hatte sie jetzt Angst? So schnell es ging, apparierte Hermine zum Grimmauldplatz. Fürchtete sie sich vor ihren eigenen Gefühlen? Oder davor, dass Malfoy sie nicht mehr mochte, jetzt wo alles vorbei war, sie ihre Pflicht und Aussage getan hatte? Dass er Astoria heiraten würde, dankbar, eine wunderschöne Frau zu haben, die mit ihrer Weiblichkeit bestach und damit umzugehen wusste… im Gegensatz zu Hermine?

Sie zog sich in ihr Zimmer zurück. Ihr Blick fiel dabei wieder einmal auf Malfoys Bücher, die auf ihrem Nachtkästchen lagen. Eine beständige Erinnerung an ihn. Kurzentschlossen schnürte Hermine eins nach dem anderen zusammen und beauftragte Harrys neue Eule Jadwiga damit, sie ins Malfoy Manor zu bringen. Kaum war die Eule weg, bereute Hermine ihre Kurzschlussaktion schon wieder. Ihre einzigen Erinnerungsstücke waren fort… und Hermines Wangen begannen vor Hitze zu brennen. Oh, sie schämte sich auf einmal furchtbar. Bei Salazar und Godric, war ihr ihre vorschnelle Handlung peinlich.

Das zerknitterte Zeitungsfoto von Draco und Astoria war noch in dem einen Buch gewesen. Hoffentlich sortierte ein Hauself die Bücher ein und Malfoy öffnete sie nie wieder in seinem Leben.

Die nächsten Tage vergingen für Hermine wie im Flug. Dauernd waren neue Gerichtsprozesse mit DAA-Mitgliedern, die sie entlasten konnte. Und sie hatte mittlerweile auch Kontakt zu ihren ausgewanderten Eltern aufgenommen und half ihnen, wieder nach England zurückzukehren.

Harry war selten da, meist war er bei den Weasleys. Genauer gesagt bei, wie Hermine vermutete, Ginny Weasley. Auch wenn sie jederzeit willkommen war, brauchte Hermine einfach ihre Ruhe. Und sie fühlte sich wie das fünfte Rad am Wagen, denn kaum war der Krieg vorbei, schon waren alle verpartnert: Harry und Ginny, Bill und Fleur, Neville und Luna, George und Angelina, selbst Ron, mit Lavender. Alle ihre Freunde hatten keine Zeit mehr. Und Hermine wusste aus einmaliger und künftig zu vermeidender Erfahrung, wie schmachvoll und langweilig es war, neben der verwitweten Molly Weasley zu sitzen, während die große Liebe zwischen all ihren Freunde hin und her schwebte.

Hermine war nicht neidisch, sie gönnte ihren Freunden das Glück von Herzen. So viele Wunden über dutzende Verluste mussten heilen und das funktionierte wahrscheinlich mit Partner besser als ohne.

Eines Abends kam Harry zum Grimmauldplatz und suchte Hermine in ihrem Zimmer auf. Er hatte einen ernsten Gesichtsausdruck und Hermine verzieh im sofort, dass er sie aus ihrer spannenden Lektüre über Verwandlungskünste gerissen hatte.

„Hermine, ich möchte mit dir reden.", sagte Harry sichtlich nervös. „Ich weiß, du denkst es ist zu früh, aber ich würde Ginny gerne einen Heiratsantrag machen." Er zog eine Schatulle aus seiner Tasche und zeigte Hermine einen schlichten, aber sehr schönen goldenen Ring mit einem roten Stein. „Sehr… gryffindor, Harry.", sagte Hermine und beide lachten. „Wenn du nach meinem Segen fragen wolltest – Ginny liebt dich, also… warum warten?", sagte Hermine lächelnd. Harry grinste, wurde dann wieder ernster. „Ich habe lange darüber nachgedacht, und… wenn Ginny ‚Ja' sagt, würdest du unsere Trauzeugin werden?", fragte er schließlich. Hermine fühlte sich gerührt und geehrt. „Das würde ich sehr gerne für euch machen.", antwortete sie und freute sich ehrlich für Harry und Ginny.

Natürlich hatte Ginny sofort „Ja" gesagt. Ungeduldig wie sie war, musste die Hochzeitsfeier auch so bald wie möglich sein. Hermine verstand das nicht, sie selbst wollte erst in Ruhe ihre Ausbildung beenden und das Schuljahr vielleicht sogar nachholen, aber Ginny war hitzköpfig, entschlossen und spontan.

Die Vorbereitungen für das Fest liefen und Hermine als Trauzeugin wurde natürlich auch fest eingebunden. Auf Ginnys Seite würde George als Trauzeuge stehen. Nach dem Verlust seines Bruders brauchte er wieder eine Aufgabe.

Wenn sie alleine waren, sprachen Harry und Hermine oft und lange miteinander. Sie konnte ihm mittlerweile viel mehr von ihrer Todesserzeit erzählen als anfangs. Harry erzählte ihr im Gegenzug, was sie auf der Horkruxjagd alles erlebt hatten. Hermine erzählte Harry häufig von Malfoy, der immerhin der Anführer der DAA gewesen war. Wenn Harry genervt war von den Erzählungen über seinen ehemaligen Erzfeind, so zeigte er es jedenfalls nicht.

Wenn Hermine ihre Unterarme ansah, überkam sie bei dem Anblick des Otters ein seltsamer Stolz: sie hatte Lord Voldemort getrotzt und ihm so oft ins Angesicht geblickt, wohlwissend, dass sie auf der gegnerischen Seite war.

Gelegentlich hatte Hermine noch Kontakt zu Blaise Zabini und zu Pansy Parkinson. Nachdem sie die beiden vor Gericht entlastet hatte, war der Kontakt einfach nie ganz abgerissen. Beide hatten ihr die Metamorphose von Mercure zu Hermine nicht vorgehalten, sondern waren stolz auf ihre Freundschaft und dankbar für Hermines Einsatz. Beiden konnte sie über ihr Helles Mal schreiben und manchmal trafen sie sich auch auf ein Butterbier in Hogsmeade. Hermine erzählte niemandem von ihren Treffen, nur Harry wusste davon. Blaise und Pansy hatten auch keine Partner, sondern versuchten wie Hermine, ihr Leben erst einmal wieder aufzurichten.

Sie waren auch die einzigen, die Hermine etwas über Malfoy erzählen konnten. Entweder Hermine las den Tagespropheten oder sie nahm ihren Mut zusammen und fragte auf subtile Art und Weise nach Draco, indem sie seinen Namen beiläufig in Geschichten einstreute und so das Thema auf ihn brachte.

Seine Eltern standen unter Hausarrest, was sie aber nicht davon abhielt, eine schier monströse Hochzeit für Draco und Astoria zu planen. So viel Wahrheit konnte man der Boulevardpresse noch glauben. Hermine war enttäuscht von Draco. Sie hatte sich ein Danke erwartet für ihre Aussage vor dem Zaubergamot oder noch besser, einen Besuch, wo er sie wortlos wieder einmal in einen Besenschrank zog und…

Aber das waren Tagträumereien, dessen war sich Hermine bewusst. Der einzige Traum, der in ihrer Nähe gelebt wurde, war Ginnys und Harrys Hochzeit. Hermine würde allein hingehen. Sie sah keinen Nutzen darin, sich einen Tanzpartner auszusuchen, obwohl es sicherlich mehr als genug Männer gab, die sich dazu bereiterklären würden. Aber Cormac McLaggen war ihr noch in bester Erinnerung. Da konnte Ginny noch so betulich sein, so ein zweites Desaster würde sich Hermine nicht antun.

Hermine fuhr sich durch die Haare. Sie waren mittlerweile ein ganzes Stück gewachsen, bis zu ihren Schultern. Bei Muggeln war diese Wuchsgeschwindigkeit unmöglich, aber Harry hatte ihr versichert, dass es bei Hexen und Zauberern sehr wohl möglich war: nachdem ihm seine Tante den Kopf fast kahl geschoren hatte, waren die Haare in einer Nacht über fünf Zentimeter nachgewachsen.

Mit einem abgegriffenen Buch „Magische Mittel für alle Momente" auf dem Schoß saß Hermine da und las den Zauber für einfache Flechtfrisuren. Es zeigte sich ganz deutlich, dass darin, wie im Wahrsagen, wohl nicht ihre stärksten Talente lagen. Schließlich hatte Hermine sich eine passable Frisur gehext. Sie und Ginny waren extra Einkaufen gewesen und hatten ein lilafarbenes Kleid und hohe Schuhe für Hermine erstanden, was sie nun für die Hochzeit trug.

Etwas unsicher stakste sie die Treppe hinunter, wo Harry in seinen besten Roben bereits auf sie wartete. „Du siehst gut aus, Hermine.", sagte er lächelnd. „Komm, gehen wir zum Fuchsbau." Sie apparierten zu den Weasleys, die wie bei Fleur und Bills Hochzeit einen riesigen Pavillon aufgebaut hatten. Langsam füllten sich die Bänke. Sie würden nachher zur Seite gerückt werden, damit eine Tanzfläche entstehen würde.

Hermine fand es eher anstrengend, hunderte von Leuten zu begrüßen. Alle wollten mit ihr reden, doch fand sie, dass die Leute oft auf ihr Dunkles und Helles Mal starrten. Hermine dachte gar nicht daran, ihre Unterarme zu verbergen. Sie war, wer sie war und was sie getan hatte, gehörte nun mal zu ihr.

Als die Zeremonie begann, stand Hermine hinter Harry und ließ ihre Magie in den magischen Pakt miteinfließen. George hinter Ginny tat dasselbe. Harry und Ginny küssten sich, nachdem der Ministeriumsbeamte sie zu Mann und Frau erklärt hatte. Ein Blitzlichtgewitter brach über sie herein. Wer hatte die Presse eingeladen, fragte sich Hermine.

Sie umarmte Ginny und Harry und wünschte beiden von Herzen Glück und Zufriedenheit.

Harry und Ginny eröffneten den ersten Tanz. Hermine schnaubte, wahrscheinlich hatte Harry vorher fleißig geübt. Bald war die Tanzfläche voll mit glücklichen Paaren und Hermine fühlte sich an der langen Tafel des Brautpaares etwas einsam. Es wurde bereits Abend, glücklicherweise hatten Harry und Ginny nicht den ganzen Tag feiern wollen, sondern eine eher kurze Hochzeitsfeier organisiert. Lächelnd beobachtete Hermine die Paare auf der Tanzfläche. Endlich wieder glückliche Menschen.

Dann fiel ihr ein Mann in einer eleganten schwarzen Robe auf, der sich durch die tanzenden Paare schlängelte und auf sie zusteuerte. Weißblondes Haar, aristokratische Gesichtszüge, halblanges Haar, das er mit einer angeborenen Lässigkeit nach hinten wischte. Er trug ein lilafarbenes Einstecktuch. Draco Malfoy blieb vor Hermine stehen.