Call it bittersweet
Kapitel 36
Plötzlich Witwe
Die Aufregung im Grimmauldplatz war so gewaltig, dass Hermine erst einmal einen Moment brauchte, um sich einen Überblick über das Durcheinander zu verschaffen, das in der Küche herrschte. Harry, Ron und Ginny redeten wild durcheinander und gestikulierten aufgeregt mit den Armen, dass es so gut wie unmöglich schien, dabei etwas Sinnvolles zu erfahren. Trotz allem wurde sie das Gefühl nicht los, dass es an der Zeit war, endlich all die Dinge anzusprechen, die in den vergangenen Monaten ungesagt geblieben waren, während sie zu beschäftigt gewesen war, sich ihren Freunden zu widmen.
Angestrengt holte sie Luft und legte Harry die Hand auf den Arm. „Musstest du unbedingt einen Spruch aus diesem Buch benutzen, um Draco eins auszuwischen?"
Es wurde still, während er sie ansah, als hätte sie etwas vollkommen Dummes gesagt. „Er hat versucht, Ron zu vergiften, Hermine."
Verwundert blinzelte Ron. „Was? Draco war das?"
Harry nickte. „Ja."
„Ich hatte meine Gründe, zu vermuten, dass es so ist, Harry", bekräftigte Hermine. „Und dazu stehe ich. Aber deshalb hättest du nicht gleich einen unbekannten Zauberspruch an ihm ausprobieren müssen, um dich an ihm zu rächen."
Er starrte sie entgeistert an. „Sag mal, auf wessen Seite bist du eigentlich? Draco hat genauso Schuld daran wie ich."
„Das glaube ich dir sogar. Ihr habt beide nicht anders gekonnt, als ständig aufeinander loszugehen. Aber er ist nun mal tot."
„Dann wäre es dir wohl lieber gewesen, ich wäre bei unserem Streit draufgegangen?", fragte er außer sich vor Zorn.
„Nein, ganz und gar nicht, Harry. Ich bin nur genauso erschüttert wie alle anderen, dass das passiert ist. Irgendwie möchte ich begreifen, wie es dazu kommen konnte. Warum hast du das Buch überhaupt benutzt, anstatt es einem Lehrer zu geben?"
„Weil Dumbledore mir aufgetragen hat, an Slughorn heranzukommen. Es schien die perfekte Gelegenheit zu sein, ihn auf mich aufmerksam zu machen."
„Das ist dir gelungen", murmelte Ron trocken. „Ich glaube, du warst sein absoluter Lieblingsschüler. Obwohl du starke Konkurrenz in der Runde seiner Favoriten hattest."
Harry stöhnte auf und ließ sich auf den erstbesten Stuhl fallen, der neben ihm stand. „Ich weiß selbst, dass es falsch war, das zu tun, okay? Aber nachdem Dumbledore so verzweifelt war, habe ich keine andere Möglichkeit gesehen, als ihm diesen Gefallen zu tun. Wir brauchten die Wahrheit in Bezug auf Slughorns veränderte Erinnerung, damit wir vorwärtskommen konnten. Ich konnte ja nicht wissen, dass das Buch Snape gehörte und es so gefährlich sein würde. Dabei waren es die ganze Zeit über seine Anweisungen, die ich befolgt habe." Er schüttelte wie ein Irrer den Kopf, als würde ihm die Vorstellung gar nicht behagen. „Ist das nicht verrückt? Ausgerechnet er musste dahinterstecken!"
Hermine nickte und setzte sich zu ihm an den Tisch. Auch Ron und Ginny gesellten sich zu ihnen.
„Ich verstehe, dass dir das zu schaffen macht", sagte Hermine ruhig. „Ich wünschte nur, ich wäre in den letzten Monaten mehr für dich da gewesen, Harry, dann hätte ich vielleicht verhindern können, dass es soweit kommt. Aber ich hatte selbst so viel um die Ohren, dass ich nicht weiter auf das Buch geachtet habe."
Er sah sie wie erschlagen an. „Du kannst nichts dafür. Selbst wenn du versucht hättest, mich davon abzuhalten, hätte ich wahrscheinlich nicht auf dich gehört. Das, was Dumbledore mir aufgetragen hat, war zu wichtig. Es ist ja auch nicht so, dass ich keinen Erfolg damit gehabt hätte, Slughorn dadurch näherzukommen. Ohne das wüssten wir vielleicht immer noch nicht genau, was wir eigentlich suchen, um Voldemort endlich zu zerstören."
Wie auf Kommando flammte der Kamin auf und Snapes Gestalt erschien vor ihnen. Ohne viel Gezeter bewegte er sich auf den Tisch zu und richtete sich kerzengerade vor seinen Schülern auf. „Ich nehme nicht an, dass ich Sie daran erinnern muss, dass Sie alle bis auf Weiteres hier bleiben müssen, wenn wir verhindern wollen, dass irgendjemand Ihren Aufenthaltsort ausfindig macht", sagte er kühl.
Alle sahen ihn an. Ganz besonders Hermine. Ihr Herz schlug so gewaltig, dass sie fürchtete, die anderen könnten es hören. Der Professor jedoch wirkte ziemlich unbehelligt von allem und fuhr mit abwesend in die Ferne gerichtetem Blick fort.
„Gut. Der Schulleiter hat mich angewiesen, Ihnen trotzdem noch einmal vor Augen zu führen, wie brisant Ihre Lage ist. Aus diesem Grund lässt er Ihnen ausrichten, keine unüberlegten Schritte zu tun. Ihnen ist untersagt, Eulen zu verschicken, da sie vom Ministerium abgefangen werden könnten. Den Kamin sollten Sie ebenfalls nur dann benutzen, wenn er zuvor von einem Mitglied des Ordens überprüft und freigegeben wurde. Wenn Sie einen Patronus verwenden, um mit jemandem zu kommunizieren, achten Sie darauf, dass der Zauber nur vom Orden gesicherte Räumlichkeiten erreicht. Leider hat der tragische Vorfall von Mr. Malfoys Tod ein unvorhergesehenes Chaos innerhalb der Organisation nach sich gezogen. Sobald sich die Struktur des Ordens jedoch auf die neuen Gegebenheiten eingestellt hat, werden wir abwechselnd ein Mitglied zur Verfügung stellen, das vorsichtshalber in diesem Versteck bei Ihnen bleibt, um nach dem Rechten zu sehen. Sollten Sie Fragen haben, wenden Sie sich ausschließlich an die betreffende Person."
Er senkte den Blick und ließ ihn durch die kleine Runde gleiten. Als er bei Hermine angelangte, biss sie sich auf die Lippe. Obwohl ihr bewusst war, dass er im Beisein der anderen kaum etwas Persönliches zu ihr sagen würde, brannte sie förmlich darauf, endlich mit ihm reden zu können. Es gab so viele Fragen, die sie an ihn hatte, so unendlich viele Dinge, die sie mit ihm besprechen wollte. Immerhin war sie jetzt wieder eine freie Frau, sofern man in Bezug auf die Aussichten, hier gefangen zu sein, davon reden konnte.
Erneut flammte der Kamin auf und Tonks trat daraus hervor.
Snape nahm ihre Anwesenheit mit einem kurzen Nicken zur Kenntnis. „Ah, wie ich sehe, ist die erste Wache da. Schön. Es wird Zeit für mich, zu gehen. Ich wünsche einen angenehmen Aufenthalt, meine Herrschaften."
Schwungvoll drehte er sich auf dem Absatz um, sodass sein Umhang nur so durch die Luft gewirbelt wurde. Im nächsten Moment schritt er auf den Kamin zu und war schon wieder verschwunden.
Verdutzt blickte Hermine ihm nach. Sie war sich nicht sicher, wie viele Ereignisse sie an diesem Tag noch verkraften würde. Doch das Gefühl ihn gehen zu lassen, war nicht gut. Mit großer Sicherheit wollte Voldemort eine Erklärung für den Vorfall. Da blieb nur zu hoffen, dass er eine finden würde.
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Gleich nachdem Tonks angereist war, um die erste Wache zu übernehmen, erschien Mrs. Weasley und brachte etwas zu essen vorbei, wobei sie es sich nicht nehmen ließ, alle einmal kräftig in die Arme zu nehmen. Dann kam Dobby mit dem Gepäck und jeder der Anwesenden zog sich erst einmal zurück, um den übereilten Aufbruch aus Hogwarts zu verdauen, in das sie so schnell nicht zurückkehren würden.
Harry verfiel daraufhin mehr oder weniger in einen Schockzustand und wollte niemanden sehen, immerhin war es nicht seine Absicht gewesen, Draco zu töten, während Ron und Ginny Zuflucht bei Tonks suchten, um etwas Neues über den Orden in Erfahrung zu bringen. Und so brach in der Beschaulichkeit des Grimmauldplatzes eine Welle der Schuldgefühle über Hermine herein. Draco und sie waren zwar nie befreundet gewesen, dennoch schien die Vorstellung, ihn nie wieder zu sehen, unwirklich. Wer weiß, vielleicht hätte unter anderen Umständen alles ganz anders werden können.
In ihrer Hilflosigkeit packte sie ihre Sachen aus, um das Zimmer, das sie für gewöhnlich bewohnt hatte, wenn sie im Grimmauldplatz zu Besuch gewesen war, etwas wohnlicher zu gestalten. Es war schon eigenartig, wie sich einmal mehr binnen weniger Stunden ihr ganzes Leben verändert hatte. Der Umstand, dass sie so unerwartet zur Witwe geworden war, warf nur noch mehr Fragen auf, als sie ohnehin schon gehabt hatte. Die bedeutendste, wie es fortan mit ihr und Snape, weitergehen würde, rückte dabei deutlicher ins Licht denn je. Sie musste einen Weg finden, mit ihm zu reden. Je eher, desto besser, denn niemand konnte wissen, welches Unglück als Nächstes geschehen würde.
Noch spät am Abend wanderte Hermine auf der Suche nach Antworten rastlos durch den geheimen Zufluchtsort im Grimmauldplatz. Obwohl das Haus, das Sirius Harry hinterlassen hatte, nicht sonderlich groß war, beherbergte es doch ausreichend Zimmer, sodass sie immer mühelos eine Möglichkeit finden würde, für sich zu sein, wenn sie es wollte, was in Bezug auf ihren Gemütszustand ein großer Vorteil war. Nachdenklich zog sie sich in die Bibliothek zurück und verschwand hinter einem Stapel Bücher, wo sie zum ersten Mal seit längerem wieder die Gelegenheit nutzte, um über das eigentümliche Verhältnis nachzudenken, das sie zu ihrem Professor entwickelt hatte. Sie dachte an die anfängliche Abscheu, die sie vor ihm gehabt hatte, den Schmerz, den sie erduldet hatte, sowie daran, dass alles anders gekommen war, als sie für möglich gehalten hätte.
Snape hatte nicht erkennen lassen, was in ihm vorgegangen war, als er sie angesehen hatte. Die Frage, ob er überhaupt noch an ihr interessiert war, nachdem sie nicht weiter zu ihm gekommen war, wie sie es anfangs getan hatte, drückte Hermine fast die Luft ab. Sie hatte unglaubliche Sehnsucht nach ihm.
Irgendwann, es war weit nach Mitternacht, zog der Hunger sie in die Küche. Doch kaum dass sie durch die Tür getreten war, wäre sie am liebsten wieder rückwärts hinaus verschwunden. Vor ihr stand Snape. Groß und eindrucksvoll wie er war, sah er sie mit seinen schwarzen Augen an.
„Wo ist Tonks? Ich – ich hatte nicht damit gerechnet, dass Sie hier sein würden", stammelte sie unbeholfen.
Seinen unleserlichen Blick wortlos auf sie gerichtet, glitt er an ihr vorbei und drückte hinter ihr die Tür ins Schloss. Dann drehte er sich zu ihr um und sah sie an.
Hermine konnte den Blick nicht von ihm nehmen. Sie konnte nicht fassen, dass er wirklich hier war.
„Wir müssen reden, Granger", hörte sie ihn leise und dennoch eindringlich sagen.
Für etliche Sekunden starrte sie auf seine Gestalt und wusste nicht, was sie davon halten sollte. Tränen stiegen ihr in die Augen. Zugleich keimte in dem Bewusstsein, dass er, nachdem sie beschlossen hatte, nicht weiter zu ihm zu kommen, nicht einmal versucht hatte, Kontakt zu ihr aufzunehmen, eine ungeheure Wut in ihr auf. „Dachten Sie, es würde so einfach werden, Professor? Dachten Sie, Sie kommen hier her und warten, bis ich mich blicken lasse, damit wir schnell mal so miteinander plaudern können?"
Kaum merklich schüttelte er den Kopf. „Nein."
Hermine wartete ab, ob er noch mehr sagen würde. Doch es war vergeblich. Nichts an ihm deutete darauf hin, was in ihm vorging. Das einzige, was ihr auffiel, war, dass er müde wirkte.
Ihre Knie zitterten, die ersten Tränen liefen über ihr Gesicht. Snape aber stand einfach nur da und sah sie an, als würde er bis in ihr tiefstes Inneres sehen, um dort Antworten auf seine Fragen zu erhalten. Aber das war nicht das, was sie in dieser Situation wollte. So leicht wollte sie es ihm nicht machen.
Mühsam zwang sie sich, nicht weiter vor ihm zu heulen und wischte mit dem Ärmel ihrer Strickjacke über das Gesicht, um die Tränen zu trocknen.
„Erinnern Sie sich an unsere Unterhaltung, die wir an Rons Bett im Krankenflügel geführt haben? Es hat eine Weile gedauert, bis ich alle Teile des Rätsels zusammenhatte. Aber dann ging mir plötzlich ein Licht auf. Sie sind der Experte für Gifte, Professor, nicht wahr? Sie haben Draco das Gift gegeben, damit er etwas tun konnte. Die Frage ist nur, was er tun sollte. Was wollte Voldemort von ihm?"
Sie sah ihn fest an und Snape ließ seine Arme sinken. Langsam kam er auf sie zu und nahm sie bei den Schultern. Noch immer hielt er den Blick auf ihre Augen gerichtet, noch immer wirkte er so, als würde er überlegen, ob er es riskieren konnte, sich vor ihr zu offenbaren.
Hermine blinzelte. „Sagen Sie mir die Wahrheit, Professor. Wer weiß, wann wir wieder die Gelegenheit bekommen werden, uns so gegenüberzustehen. Wer weiß, ob wir uns überhaupt wiedersehen werden ..."
Snape schluckte. Der verlorene Unterton in ihrer Stimme war ihm nicht entgangen. Seine Brauen zogen sich zusammen und er öffnete den Mund.
„Das Gift war für Professor Dumbledore bestimmt. Draco hatte den Auftrag, ihn zu töten."
Ungläubig riss Hermine sich von ihm los. „Was?"
Er versteifte seine Haltung. „Sie wissen mit Sicherheit, dass Albus sehr krank ist, Miss Granger. Er hat nicht mehr lange zu leben. Aus diesem Grund war es sein eigener Wunsch, Draco entgegenzukommen, damit ich den Schwur, den ich seinetwegen abgelegt hatte, erfüllen konnte."
In Hermine drehte sich alles. Auf einmal schien ihr diese ganze Heimlichtuerei zwischen ihm und Dumbledore klar zu werden. „Aber jetzt ist Draco tot", sagte sie in Gedanken. „Das heißt, der Schwur ist hinfällig geworden."
Snape nickte knapp. „So ist es."
„Und weiter? Was hätte dann passieren sollen?"
„Es war vorgesehen, dass ich Albus' Platz einnehme, um das Vertrauen des Dunklen Lords zu gewinnen."
„Was? Sie sollten der neue Schulleiter von Hogwarts werden?"
Wortlos senkte er den Blick, sodass ihm etliche seiner schwarzen Strähnen vors Gesicht fielen. „So war es vorgesehen, ja."
Hermine besah sich die eigentümliche Gestalt ihres Professors, nach dem sie sich so sehr gesehnt hatte. Auch dann, wenn er immer schon unnahbar gewesen war, wusste sie, dass es beizeiten seine Unsicherheit war, die ihn zu dem gemacht hatte, was er war. Ebenso wie jetzt, wo er wie verloren vor ihr stand und nicht wusste, was er tun sollte. Sie spürte einen Stich in ihrem Herzen. Es wirkte paradox, ihm nach all der Zeit, in der sie ihm aus dem Weg gegangen war, wieder so nahe zu sein. Dennoch fühlte sie ungebrochen das Verlangen in sich lodern, sich ihm hinzugeben.
Behutsam streckte sie die Hand nach ihm aus und nahm sein Kinn zwischen ihre Finger, wie auch er es schon oftmals bei ihr getan hatte. „Sehen Sie mich an, Professor."
Snape gehorchte und blinzelte sie zwischen seinen Strähnen hindurch an.
„Sie und Dumbledore müssen ganz schön verzweifelt gewesen sein, wenn Sie so einen dämlichen Plan ins Leben gerufen haben."
Er schnaubte ruhig. Seine Hand kam hervor und griff nach ihrer. Unglaublich sanft verschlang er seine Finger mit ihren, ohne den Blick von ihr zu nehmen.
„Es war auch nie gedacht, dass jemand anders davon erfährt", murmelte er leise.
Hermine musste unweigerlich lächeln. Die Tatsache, bei ihm zu sein und seine warme Berührung zu spüren, war so wundersam, dass sie zum ersten Mal seit geraumer Zeit von all den verlorengegangenen Glücksgefühlen heimgesucht wurde, die sie empfunden hatte, wenn sie mit ihm in den Kerkern gewesen war.
Noch immer darin schwelgend spürte sie, dass er seinen freien Arm um ihre Taille legte und sie mit einem Ruck zu sich heranzog. Wohlig schaudernd fand sie sich in der Geborgenheit seines vertrauten Körpers wieder, sah die schwarzen Knöpfe vor sich aufragen, die seine Brust säumten und roch seinen unverwechselbaren Duft. Im nächsten Moment senkte er den Kopf und drückte seine Lippen auf ihre.
