37.
Hallo Watson, mein Schöner. Ich komme gerade vom Einkaufen. Pascal ist bei Holmes. Ist bei dieser Kälte auch besser, er ist nämlich erkältet – Pascal, nicht Holmes. Nee, wir zwei sind bisher erkältungsresistent. Deinen Großeltern geht es übrigens gut. Wir waren über Weihnachten da und Pascal mag sie sehr. Naja, Pascal mag jeden – er lacht und quietscht. Miss Moneypenny findet das nicht so lustig. Sie stolziert immer am Laufgitter vorbei und beäugt Pascal, als wolle sie sagen: „Du sabberst und machst unangenehme Geräusche, aber wenn du groß bist, wirst du mein bester Freund." Ich kann jetzt verstehen, warum du so gerne traditionell Weihnachten feiern wolltest. Irgendwie war es seltsam, dass dein Opa einfach nur das Pizzataxi angerufen hat. Vom schrägen Baumschmuck ganz zu schweigen. Trotzdem oder gerade deshalb hat es mir gut gefallen. Es war anders, verstehst du? Anders als das, was ich bisher kannte. Es hilft mir, Holmes besser zu verstehen. Wir hatten direkt nach meinem Einzug Streit. Weißt du, noch ist Pascal so klein, da braucht er kein eigenes Zimmer, aber Holmes meinte, da deins schon so lange leer steht… es könnte Pascals werden. Ich dachte ja daran, nur den Wickeltisch und das Babybett hineinzustellen, aber Holmes wollte das nicht. Er meinte, dass er, auch wenn Pascal irgendwann mal groß genug für deine Möbel sein wird, lieber neue Möbel kaufen will. Ich fand, das wäre Verschwendung und da hat's auch schon gekracht. Die Erinnerung an dich, was in deinem Bett passiert ist und so weiter. Das war das erste Mal seit deinem Tod, dass ich wegen der Erinnerung an dich weinen musste. Holmes… er tat mir plötzlich so leid. Ich hatte ja keine Ahnung, dass ihm das immer noch so zu schaffen macht. Wir haben uns letztlich darauf geeinigt, dass wir die „Wandbemalung" so lassen, wie sie ist, aber dass die Möbel rauskommen. Holmes hat sie feinsäuberlich abmontiert und in dem Abstellraum verfrachtet. Ich hätte ja gedacht, dass er sie ganz loswerden will… Weißt du, wer mir geholfen hat, das zu verstehen? Hugo. Er ist bei Holmes ausgezogen und hat sich mit Oksana etwas Eignes gesucht. Er wollte nicht zurück in die Wohnung, in der er mit Britta gelebt hat. Ich schätze, ich brauche dir jetzt nicht alle Einzelheiten unseres Gesprächs erzählen, aber durch Hugo habe ich verstanden, was deine Möbel mit Holmes und Pascal zu tun haben. Dann bekommt Pascal eben eigene Möbel, wenn er groß ist – das ist eben etwas, dass ich nicht mit meiner normalen Logik betrachten kann. Pascal kann sich jetzt übrigens rumrollen. Sieht total süß aus. Er lacht dabei vergnügt. Holmes sagt, dass Pascal und du, dass ihr das gleiche Gemüt habt – du hättest als Baby auch so viel gelacht. Das mit den Steinpilzen auf deinem Grab hat übrigens nicht so funktioniert, wie du dir das vorgestellt hast. Ich musste wohl oder übel die Keramikpilze aufstellen. Ich hoffe, das ist dir recht. Ansonsten geht es uns allen gut. Hugo terrorisiert die ganze Firma mit seinen Wünschen für die Modenschau Ende des Monats – Bruno ist schon ganz verzweifelt. Oksanas Blumenladen läuft nur schleppend, aber der Deal, den sie mit Kerima hat, wird das ändern. Holmes hat sich schon genau überlegt, wie und vor allem wie oft er den Namen des Ladens erwähnt, damit Kerimas Kunden ihre Blumen nur noch bei Oksana kaufen wollen. Oksana ist übrigens nicht mehr das Lieblingsthema der Klatschpresse – die interessieren sich im Moment mehr für David und Madeleine. Offiziell ist da ja noch nichts, aber sie gehen öfter aus. Mal sehen, ob David vielleicht auf der Modenschau Stellung bezieht. Ich bin neulich mit Pascal extra in die Coffeebar gegangen, um mir mal ein Bild von ihr zu machen und ich muss sagen, ich war mehr als überrascht. Ich meine, diese Frau hat Piercings und Rastazöpfe und überhaupt passt sie so gar nicht in Davids Beuteschema. Allerdings bin ich mir ziemlich sicher, dass sie ihn erbeutet hat und nicht umgekehrt. Ja, mehr gibt es im Moment nicht zu erzählen. Ich komme bald wieder und erzähle dir, was so passiert. Dann ist Pascal bestimmt wieder gesund und ich kann ihn mitbringen.
„Brummbrummbrumm, hier kommt der Pascal-Flieger", lachte Rokko, als Lisa die Wohnung betrat. Pascal gluckste – hatte er doch tatsächlich den Eindruck, zu fliegen, so wie Rokko ihn hielt. „Hallo mein erkälteter Spatz. Macht Papa schon wieder nur Blödsinn mit dir?", begrüßte Lisa ihren Sohn mit einem Küsschen. „Und was ist mit mir?", schmollte Rokko, als Lisa nicht sofort zu einem Kuss für ihn ansetzte. „Du natürlich auch, mein nicht-erkälteter Spatz", lachte sie. „Soll ich dir mit den Tüten helfen?", fragte Rokko. „Nee, lass mal. Das schaffe ich schon", lehnte Lisa ab. „Ich koche uns etwas Leckeres zum Abendessen, was meinst du?" – „Klingt gut. Wir Männer halten uns aus der Küche fern, dann geht auch nichts zu Bruch", grinste Rokko. „Komm, Pascal, wir spielen noch ein bisschen."
„Erwartest du Besuch?", fragte Rokko überrascht, als es an der Tür klingelte. „Nein", entgegnete Lisa aus der Küche. „Gehst du mal? Ich habe dreckige Hände." Rokko legte Pascal in das Laufgitter und ging zur Tür. „Julia!", erkannte er die Frau, die davor stand sofort. „Ja, ich bin's", erklärte sie kühl. „Schön, dass du dich erinnern kannst. Ich will nicht lange stören. Ich will Adrian", fuhr sie mit schneidendem Tonfall fort. „Bitte?", fragte Rokko verwirrt. „Adrian? Das Kind, mit dem ich damals von dir schwanger war. Du hast dich nicht an die Absprache gehalten und ihn nicht zur Adoption freigegeben. Ich will ihn wiederhaben. Du brauchst gar nicht erst anfangen von wegen einstweilige Verfügung, Prüfung durchs Jugendamt oder einen Anwalt. Ich habe bereits mit einem Anwalt gesprochen. Ich habe gute Chancen, das Sorgerecht zu kriegen. Du lässt ihn am besten gleich mit mir gehen." Sprachlos schnappte Rokko nach Luft – weder diese Information noch Julias Tonfall gefielen ihm. „Wenn das Interesse an deinem Sohn so groß wäre, wie du vorgibst, dann wüsstest du, dass Adrian schon seit über einem Jahr tot ist." Rokko dreht sich um und wollte die Tür schon wieder schließen, als er Lisa hinter ihm stehen sah. „Das kannst du nicht machen", flüsterte sie. „Lass sie wenigstens rein und erkläre es ihr. So kannst du sie nicht stehen lassen." Abfällig sah Rokko seine Ex-Freundin an. „Wenn's sein muss, komm rein." Leichenblass betrat Julia die Wohnung, schaffte es aber, Lisa ein dankbares Lächeln zu schenken. „Kannst du dich erinnern, als ich dich angerufen habe? Wegen der Knochenmarkspende? Da hat es dich nicht gejuckt, dass er so krank war. Mein Knochenmark hat letztlich gepasst – zumindest um ihm noch ein paar Monate zu verschaffen. Aber woher kommt dein plötzliches Interesse an Watson? Niemand hat ihn Adrian genannt – er war Watson für uns alle." – „Darf ich mich setzen?", frage Julia leise. „Bitte", ergriff Lisa das Wort. „Meine Ehe ist in die Brüche gegangen", fuhr Julia leise fort. „Sehr unschön, um das mal so zu formulieren. Lutz und ich, wir teilen uns das Sorgerecht für Lea und…" – „Du dachtest, wenn du mir Watson wegnimmst, dann geht es dir besser", fiel Rokko ihr verbittert ins Wort. „Da hat der Junge es ja gut, dass er das nicht mehr miterleben muss, denn ich hätte ihn bestimmt nicht rausgerückt." Julia sah sich verstört um, als ein Greinen aus dem Laufgitter kam. „Du hast noch andere Kinder?", fragte sie. „Das ist Pascal", erklärte Lisa freundlich und nahm das Baby hoch. „Guck mal, Pascal, wir haben Besuch." Kaum, dass das Baby sah, was los war, hörte er auf zu greinen und grinste die unbekannte Frau an. „Der ist aber süß. Ganz die Mama würde ich sagen." Julia hatte sofort gemerkt, dass Lisa sich ihr gegenüber nicht feindlich verhielt, so wie Rokko es tat. „Wie alt ist er denn?" – „Fünf Monate", antwortete Lisa. „Ein schönes Alter. Steckt er sich auch alles in den Mund?" – „Ja, ich bin nur am Aufpassen, nicht dass er noch etwas Gefährliches schluckt." Julia nickte. Rokko war die ganze Situation nicht recht. Da kommt sie einfach hierher, verlangt ihren toten Sohn und freundet sich dann auch noch mit meiner Lebensgefährtin und meinem Sohn an. Das kann es echt nicht sein! „Rokko?", wandte Julia sich an ihn. „Ich weiß, mein Überfall muss schlimm für dich sein. Bestimmt habe ich alte Wunden aufgerissen, aber… hast du vielleicht Fotos von Ad… von Watson? Irgendetwas, das mir einen Eindruck vermittelt, wie er gewesen ist?" Stur verschränkte Rokko die Arme vor der Brust. „Rokko?", fragte Lisa. „Das wäre vielleicht eine gute Idee, wir haben uns die Bilder lange nicht angesehen und… Pascal kennt sie auch noch nicht. Er kennt bloß Watsons Grab." Rokko schnaufte. „Wenn ich sie dir zeige, verschwindest du dann und kommst nicht wieder?" Julia nickte eifrig. „Es geht mir nicht darum, dein Leben zu stören, ich möchte nur etwas über mein Kind erfahren. Vielleicht hilft mir das dabei, meine Scheidung besser zu verarbeiten."
„Und das sind Lisa und Watson im Streichelzoo. Da dachten wir noch nicht, dass es so schnell zu Ende sein würde", kommentierte Rokko ein Foto. „Und was ist das? Ich dachte, Watson wäre im Herbst gestorben", fragte Julia und deutete auf ein Bild von ihrem Sohn unter dem Weihnachtsbaum. „Das war einer seiner letzten Wünsche. Du kennst doch meine Eltern, wir haben doch immer Weihnachten gefeiert als wären wir mit Ozzy Osbourne verwandt. Er wollte einfach nur traditionell Weihnachten feiern und weil es ihm schon so schlecht ging, haben wir es einfach vorverlegt. Naja, Lisa hat das alles organisiert…" – „Zusammen mit Hugo, das ist ein wirklich guter Freund von uns", vervollständigte Lisa. „Ein paar Stunden später war er tot", erklärte Rokko. „Er hat einfach aufgehört zu atmen. Es war alles ganz still und friedlich." Er spürte, wie Lisas Hand sich auf seine Schulter legte und sie sanft drückte. „Ist er hier in Berlin beerdigt?", fragte Julia ihre Gefühle hinter einem Pokerface versteckend. „Ja, auf dem Sophienfriedhof. Soll ich Ihnen die Adresse geben?", entgegnete Lisa. „Gerne. Dann bin ich auch schon wieder weg." Julia sprang auf und wartete ungeduldig darauf, dass Lisa ihr den Zettel mit der Adresse reichte. Als sie ihre Hand auf die Klinke legte, um die Tür zu öffnen, hielt Rokko sie zurück. „Warte kurz", bat er sie versöhnlich. Dann ging er in die Abstellkammer. Als er zurückkam, hatte er einen grünen Pullunder in der Hand. „Den hatte Watson seinem ersten Schultag hier in Berlin an. Nimm ihn mit, dann hast du eine Erinnerung." Dankbar nahm Julia das Kleidungsstück in die Hand. „Danke." – „Das mit deiner Scheidung überstehst du schon", versuchte Rokko seine Ex-Freundin aufzubauen. „Hoffentlich", erwiderte Julia leise.
Hallo Watson, hier ist… tja, ich schätze, ich bin deine Mama. Ich bin wohl ein schlechter Mensch, denn ich wollte dich deinem Vater entreißen… nach all den Jahren, dabei hatte ich mich nicht einmal informiert, wie deine Leukämie ausgegangen ist. Weißt du, als ich damals von meiner Schwangerschaft erfahren habe, da brach für mich eine Welt zusammen. Ich wollte doch Abi machen und studieren, aber mit einem Kind ging das ja nicht – dachte ich zumindest. Ich habe dich auf die Welt gebracht und dich nicht einmal angesehen. Es war leichter so, dich zur Adoption freizugeben. Ich konnte gut damit leben… nein, ich hatte es gut verdrängt. Bloß kein Kontakt zu dir oder deinem Papa, nicht mal, als du Knochenmark brauchtest. Ich hatte ja schließlich Lutz, meinen Mann, und Lea, meine Tochter. Tja, jetzt bin ich geschieden. Lea wollte lieber bei ihrem Vater leben – ich bin also eine geschiedene Sonntagsmutter. Dein Vater hat diese wahnsinnig nette Frau und dieses süße Baby – das ist wohl ausgleichende Gerechtigkeit. Ich bin ein schlechter Mensch und alleine – er ist ein guter Mensch und hat diese Glück gekriegt, um über den größten Verlust in seinem Leben hinweg zu kommen. „Hallo?", wandte sich der Friedhofgärtner an Julia. „Ist reichlich spät. Ich will abschließen. Dis muss einfach sein, wegen diese Gruftis, Sie wissen schon, die mit den dunklen Klamotten und so. Soll den Gräbern doch nichts geschehen." – „Oh. Ja, natürlich. Ich gehe ja schon." – „Ick bringe Sei noch zum Tor, damit och nüscht passiert." - „Danke, auch wenn es nicht nötig ist", erwiderte Julia, erkannte am Gesicht des Friedhofgärtner gleich, dass dieser nicht mit sich verhandeln lassen würde. „Kannten Sie den Watson och? Ist ja ne sehr nette Familie. Die Mutter kommt fast jeden Tach. Seit se den Kleenen hat nicht mehr ganz so oft, aber immer noch oft." – „Ich… ich bin nur eine entfernte Bekannte."
