Kapitel 35
Nach dem Tequila hatte sich Jürgen gleich auf die Suche nach Francesca gemacht, denn nachdem ihm das Gespräch mit Simon so viel Klarheit gebracht hatte, spürte er einen unwiderstehlichen Drang in sich, keinen Augenblick mehr warten zu wollen. Die Vorstellung, dass sie ihn tatsächlich ebenfalls liebte, löste einen regelrechten Endorphinrausch bei ihm aus. Aufgeregt und hektisch suchten seine Augen den Raum ab, doch er konnte sie nirgends erspähen. Schließlich suchte er sie draußen, in der Hoffnung, dass sie vielleicht etwas frische Luft hatte schnappen wollen, aber auch hier schien sie nicht zu sein. Enttäuscht steckte Jürgen die Hände tief in seine Hosentaschen und schlenderte ein paar Meter auf und ab. Simons Worte gingen ihm wieder durch den Kopf. Ja, er hatte wirklich behauptet, dass sie ihn liebte! Einfach unglaublich! Aber auch, was er über seine Verliebtheit bezüglich Feli gesagt hatte, war einfach großartig. Simons Sichtweise ergab mehr als nur Sinn für ihn und je mehr er in der leicht kühlen Nachtluft darüber nachdachte, desto klarer lag alles was geschehen war vor ihm und nun begriff er es nicht nur mit dem Verstand, sondern auch emotional. Er spürte, wie sich über diesen Gedanken ein Kloß in seinem Hals breit machte und er vergaß dabei völlig, nach Francesca Ausschau zu halten. Er hatte Felicitas zur Traumfrau hoch stilisiert, obwohl er gar nicht gewusst hatte, wer sie wirklich war. Nur dass sie genauso atemberaubend schön wie Sabrina war, ohne dabei ihre Kälte und Oberflächlichkeit auszustrahlen. Das hatte ihn fasziniert und lenkte ihn davon ab, seine Erfahrungen mit Sabrina aufzuarbeiten. Er hatte sich in den Schmerz einer unerfüllten Liebe zu Feli gestürzt und damit doch eigentlich nur seine Trauer um sein verlorenes Kind und die Erkenntnis, dass Sabrina niemals eine wirklich Partnerin sein konnte, auf ein erträgliches Thema projiziert. Sabrina war mit dem Scheich über alle Berge und warum auch immer, er hatte den Schmerz darüber nicht mehr gespürt. Anfänglich hatte er noch häufig geweint, weil sein Kind lange vor dem ersten Schrei gestorben war, doch dann hatte er einfach nicht mehr daran denken wollen und schon gar nicht darüber gesprochen. Sicher, die grässlichen Albträume ließen sich nicht so leicht abstellen, aber im kalten Licht der Realität doch zumindest gut relativieren. Jürgen nahm wahr, wie seine Augen feucht wurden und sich der Kloß im Hals entladen wollte. Er verfluchte diese plötzliche Gefühlsschwankung. Warum jetzt, ausgerechnet jetzt, wo er doch eigentlich glücklich war und endlich alles gut werden würde? Konnte dieser Ausbruch seiner Trauer denn nicht warten sein hässliches Gesicht zu zeigen, bis er zu Francesca gefunden hatte und er genug Ruhe fand, um sich dieser Sache zu stellen? Warum nur musste einen so etwas eigentlich immer eiskalt von hinten überfallen? So sehr Jürgen sich auch bemühte, der Kloß im Hals war einfach stärker und bahnte sich seinen Weg mitten durch seine Tränenkanäle. Schnell ging er ein paar Schritte weiter von der unsicht-Bar weg, denn er wollte nicht ertappt werden.
„Hey Jürgen, bist du das? Bleib doch mal stehen!"
Jürgen glaubte nicht richtig zu hören. Wie aus dem Nichts war Francesca hinter ihm aufgetaucht. Er verfluchte sein Schicksal und hätte sich am liebsten vor Wut selbst zerrissen, ganz so wie das gute alte Rumpelstilzchen. Er konnte ihr doch jetzt unmöglich so verheult entgegentreten! Sie musste doch annehmen, er sei völlig durchgeknallt. Wie sollte er ihr denn so sagen, dass er sie liebte, wenn er gleichzeitig Rotz und Wasser heulte und dass auch noch im Zusammenhang mit einer Verflossenen? Wenn sie auch nur halbwegs normal war, würde sie spätestens jetzt ihre Beine in die Hand nehmen und für immer verschwinden. Seine Gedanken stockten, denn nun stand sie neben ihm.
„Hey du, warte doch! Weißt du denn schon was Neues von Lisa und Rokko? Ich bin doch so neugierig, weil ... Sag mal, du weinst ja! Was ist denn los?" Sie schaute ihn bestürzt an und legte instinktiv tröstend ihren Arm um seine Schultern.
„Ich ... Also weißt du, das kann ich jetzt gar nicht ... Ach verdammter Mist, das ist alles falsch! Das ich ausgerechnet jetzt flennen muss ist ein Katastrophe. Ich wollte dir doch eigentlich was erzählen und nun kommt dieser Mist dazwischen und macht alles kaputt", schluchzte er, „Ich könnte mich selbst in den Arsch beißen! Francesca, am Besten ist es, du lässt mich alleine und vergisst das hier. Aber morgen muss ich unbedingt mir dir über etwas ganz anderes reden, ja?"
„Jürgen Decker", schimpfte sie entsetzt. „Ich lass dich doch jetzt hier nicht so stehen und dieser Mist, wie du es nennst, muss wichtig sein, sonst wärst du nicht in diesem Zustand. Ich weiß ja nicht, ob du dich mir anvertrauen möchtest, aber es würde dir sicher gut tun auszusprechen, worum es geht. Ich höre auch einfach nur zu, ohne dumme Kommentare abzugeben und ich erzähl auch ganz sicher niemandem davon. Wenn du nicht reden willst ist das auch okay, aber alleine lasse ich dich jetzt nicht, hörst du? Ich sehe doch wie verzweifelt du bist." Sie schaute ihn so eindringlich und bestimmt an, dass auch der letzte Funke Widerstand in ihm zusammenbrach. Er schluchzte laut auf.
„Ach Francesca, es ist mein Kind und es ist tot!"
Sie schluckte. Er hatte ein Kind? Und nun hatte er eine Nachricht erhalten, dass es gestorben war? Diese Informationen schienen ihr den Boden unter den Füßen weg zu reißen und doch richtete sie sich ganz gerade auf und nahm ihn fest in den Arm. Ganz egal, was das alles zu bedeuten hatte, er brauchte sie und nur das zählte in diesem Moment für Francesca. Nachdem sich Jürgen ein wenig beruhigt hatte, zog sie ihn in Richtung Mediapark. Nachdem sie eine ganze Weile schweigend gegangen waren, setzten sie sich schließlich auf einen Mauervorsprung und Jürgen begann zu erzählen. Die Worte flossen wie von selbst aus ihm heraus und Francesca hielt Wort und hörte ihm einfach nur zu. Sie erfuhr von Sabrina und Richard, von seinen Gefühlen als er erfuhr, dass sie von ihm schwanger war, von dem Kind, das nicht hatte Leben dürfen, von ihrer Trennung und auch wie das Ganze mit Feli im Zusammenhang stand. Schließlich verstummte er und schaute sie ein wenig ängstlich an. Was sie wohl für sich aus seinem abgeladenen Seelenmüll ziehen würde? Er schaute ihr in die Augen, die ihn sanft anblickten.
„Wie fühlst du dich jetzt?", fragte sie so einfühlsam, dass es ihm einen Schauer über den Rücken jagte. In diesem Moment durchzuckte es ihn noch einmal wie ein Blitz. Er liebte diese Frau und nicht nur so ein bisschen oder teilweise. Nein, sie hatte zweifellos sein Herz in Beschlag genommen und noch nie hatte ihm etwas so unglaublich gut getan.
„Ich weiß nicht. Ich fühle mich erschöpft, aber auch glücklich. Du glaubst gar nicht, wie viel es mir bedeutet, dass du einfach nur hier bist. Ich hätte nicht geglaubt, dass ich diese Gedanken jemals jemanden so ungeschminkt erzählen könnte. Bist du jetzt sehr geschockt?"
„Nein Jürgen, gar nicht. Ich kann dich verstehen, sehr gut sogar. Weißt du als mein Vater gestorben ist ... Also ich weiß dass kann man nicht miteinander vergleichen, denn wenn ein Kind stirbt ist es doch noch etwas ganz anderes. Aber die Sache mit der Trauer ist eigentlich schon ähnlich. Man wird von so vielen Gedanken gequält und die meisten davon erscheinen schrecklich unpassend. Sicher, es tut weh, dass der Mensch nicht wieder kommt, aber alles was eben noch unausgesprochen und nicht erledigt war, frisst sich wie ein Geschwür in die Seele. Wenn ich damals Feli und Luca nicht gehabt hätte, wäre ich an meinen Schuldgefühlen, an meiner Wut mir selbst und meinem Vater gegenüber und an meinen endlosen inneren Monologen zu Grunde gegangen. Es gibt viele Menschen die mich wirklich trösten wollten, aber die meisten sind mir, kaum dass ich einen Satz ausgesprochen habe, gleich entsetzt ins Wort gefallen. So nach dem Motto:'Francesca, aber du musst dich doch nicht schuldig fühlen, du hast doch alles Richtig gemacht' und so weiter halt. Das ist lieb gemeint, aber mein Verstand kann diese Dinge doch auch selbst analysieren und ins richtige Licht rücken. Trotzdem musste ich diese Gedanken erstmal unkommentiert aussprechen dürfen, um sie überhaupt Gestalt annehmen zu lassen, sonst hätte ich sie nie wirklich sortiert bekommen. Weißt du Jürgen, ich hab den Eindruck, dass du jetzt wirklich schon viel herausgelassen hast, aber es war irgendwie noch sehr sachlich. Wenn du später nochmal das Gefühl hast, du bist wütend und hast Gedanken die dir selbst ganz furchtbar erscheinen, dann kannst du sehr gerne mit mir darüber reden. Ich war damals so froh, dass Feli sich alles angehört hat, auch das, was man eigentlich nicht sagen kann, ohne sich wie ein Monster vor zu kommen. Sie hat es sich einfach angehört und mich nicht verurteilt, weil sie wusste, dass es nur die unterdrückte Seite war, die raus musste, damit ich sie wieder in mein ganzes Ich integrieren kann. Auch die Anteile für die wir uns schämen gehören doch zu uns und du kannst sie nicht verändern, wenn du sie nicht als zu dir dazugehörig erkennst. Feli hat mir damals den nötigen Halt geboten und deshalb würde ich ihn dir jetzt auch gerne anbieten, wenn du möchtest."
Jürgen blickte sie sprachlos an. Ihre Worte trafen ihn so tief ins Herz, dass er kaum in der Lage war ihr etwas zu antworten. Schließlich erhob er aber doch seine Stimme.
„Francesca, du bist ein ganz wunderbare Frau und wenn es dir wirklich nichts ausmacht, dann nehme ich dein Angebot sicher an, wenn ich soweit bin. Ich danke dir für all das hier!"
„Wie gesagt ich gebe nur weiter, was mir selbst geschenkt worden ist und du bist auch ein toller Mann und ein guter Freund, deshalb tue ich es wirklich gerne." Sie blickte leicht verlegen zu Boden, als sie dies zu ihm sagte. Ob sie sich mit dem tollen Mann wohl zu weit aus dem Fenster gelehnt hatte? Schnell versuchte sie abzulenken. „Und weil du so ein guter Freund bist, magst du mir vielleicht auch noch etwas über deine Freundin Lisa erzählen? Ich bin nun mal unanständig neugierig, weißt du?"
In Jürgens Gesicht kehrte das spitzbübische Lächeln bei diesen Worten zurück. „Natürlich weiß ich das", meinte er provozierend, „nur ich kann deine Neugierde leider nicht befriedigen, weil ich auch noch nichts Neues weiß. Aber ich hab ein sehr gutes Gefühl bei der Sache. Davon abgesehen, bin ich ebenfalls verdammt neugierig und ich würde gerne noch so viel mehr über dich erfahren."
„So, was denn?"
„Na ja, also nachdem du jetzt ja eindeutig im Vorteil bist, was meine Verrücktheiten angeht ... hm, lass mal überlegen ... Also, z.B. bei wie vielen Jungs hast du es schon genossen, sie mit deinen Automechanikerkenntnissen auflaufen zu lassen?" Er konnte sich das Grinsen
nicht verkneifen und hatte einfach das Bedürfnis nach dieser kräftezehrenden Unterhaltung ein wenig herumzualbern.
„Aha, Macho Jürgen hat seine Schmach also noch nicht weggesteckt. Das ist ja höchst interessant!" foppte sie nun zurück. „Also, ich würde sagen , außer dir gab es da noch zwei, die dumm aus der Wäsche geguckt haben, aber du warst mit Abstand der niedlichste!"
„Niedlich? Unverschämtheit! Na warte, meine nächste Frage wird dir die Boshaftigkeit schon austreiben!"
„Ohhh gefährlich! Aber du irrst dich. Es heißt nämlich quid pro quo . Mit anderen Worten: Jetzt bin ich wieder mit Fragen dran."
„Na gut, soll ja keiner sagen, ich halte mich nicht an die Regeln."
Zwischen den beiden entbrannte ein Frage und Antwort Spiel und sie hatten dabei unglaublich viel Spaß. Mittlerweile waren sie auch wieder aufgestanden und liefen einfach so durch die Gegend.
Francesca war nun wiedereinmal mit Fragen dran, doch so langsam fiel ihr nichts mehr ein.
„Wie, machst du schon schlapp?", fragte Jürgen sie belustigt, als er sah, dass sie verzweifelt zu suchen schien, was sie ihn nun wohl fragen könnte.
„Niemals! Also, was würdest du mitnehmen, wenn du auf eine einsame Insel müsstest. Also 3 Dinge, ist ja klar."
„Oh je der Klassiker!", stöhnte er.
„Ja, ich weiß, nicht sehr kreativ, aber du musst es trotzdem beantworten."
Jürgen sah sie an und ganz plötzlich schwappte eine neue Welle der Zuneigung zu dieser Frau durch sein Gemüt. Er wurde ernster und wollte plötzlich gar nicht mehr spielen. Dann erblickte er eine Verkehrsinsel auf der Mitte der Fahrbahn und unvermittelt wusste er, wie er ihr sagen konnte, was er schon den ganzen Abend mit sich trug.
Er lief auf die Insel zu und hüpfte erobernd auf sie.
„Komm her, dann sag ich dir was ich mitnehme", rief er zu ihr herüber und sie kam lächelnd auf ihn zu. Wie schön sie ist , dachte er, bevor er sich wieder zu konzentrieren versuchte.
„Also?", fragte sie.
„Nun, das kommt darauf an..."
„Auf was?"
„Darauf, ob mein erster Wunsch erfüllbar ist, denn dann brauche ich die anderen beiden nicht. Die gebe ich dann an den Trottel ab, der nebenan auf der nächsten Insel hockt. Aber wenn er nicht erfüllbar ist, dann meinem Kiosk, meine Kunden und meinen Computer, das Klassik-Programm sozusagen."
„Und was ist das, was du mitnehmen möchtest, wovon du nicht weißt, ob es möglich ist?", fragte sie kichernd.
Jürgen hingegen, wurde ganz ernst und versuchte ihren Blick einzufangen.
„Es ist das Wunderbarste, was mir je begegnet ist. Es ist die Frau von der ich weiß, dass ich sie liebe. Nicht nur weil, sie schön und klug und warmherzig ist. Nein vor allem, weil sie stark und schwach sein kann und weil sie bewiesen hat, dass sie in der Lage ist, in meine kleine durchgeknallte Seele zu blicken ohne schreiend weg zu laufen. Ich fühle mich bei ihr sicher und möchte sie beschützen und einfach nur mit ihr zusammen sein, weil sie ein Wunder für mich ist. Wenn sie mich begleitet, dann brauche ich nichts anderes, ganz egal ob ich nun auf einer Insel, in Köln, Berlin oder sonst wo auf der Welt bin."
Auch Francesca war nun vollkommen ernst geworden. Sie konnte kaum atmen. Konnte es wirklich sein, das er sie mit diesen Worten meinte? Ihr Magen zog sich zusammen und sie war unfähig sich auch nur zu bewegen. Jürgen streckte den Arm nach ihr aus und nahm ganz leicht und fragend ihre Hand.
„Kommst du mit auf meine Insel?", flüsterte er und schaute sie mit großen hoffnungsvollen Augen an.
Sie nickte nur leicht und lies sich überglücklich von ihm auf die Verkehrsinsel ziehen. Sie sah die Liebe in seinen Augen und versank im nächsten Augenblick in seinen Armen. Keiner von beiden konnte später je wieder eine Verkehrsinsel wahrnehmen, ohne an die Küsse zu denken, in denen sie sich nun verloren.
