Kapitel 35

Ich werde nicht da sein, um Sie zu beschützen

Snape sah aus, als hätte er Tränen in den Augen, doch sie konnte es nicht mit Gewissheit sagen, weil ein Teil seines Gesichts von schwarzen Haarsträhnen verdeckt war.

„Ich bin eine dieser verlorenen Seelen, denen niemand helfen kann, Miss Granger", sagte er mit gebrochener Stimme.

Erneut brach ihr das Herz und sie war unfähig, etwas zu tun. Noch vor wenigen Wochen hätte sie es nie für möglich gehalten, dass er so auf etwas reagieren würde, geschweige denn, dass sie so für ihn fühlen würde. Sie konnte seinen traurigen Anblick nicht ertragen. Was hatte sie nur getan? Was hatte sie ihm aufgebürdet?

„Verstehen Sie mich?", fragte er, als sie nicht antwortete.

Sie schüttelte den Kopf. Verzweifelt.

„Sogar Dumbledore beißt sich die Zähne daran aus und kann nichts für mich tun."

„Er versucht es nur nicht stark genug", gab sie zurück, während Tränen über ihre Wangen liefen. Sie erinnerte sich bitter daran, als sie versucht hatte, den Schulleiter davon zu überzeugen, dass Snape Hilfe bräuchte, um seinen übermäßigen Alkoholkonsum in den Griff zu bekommen. Dumbledores Resonanz war nicht gerade überwältigend gewesen. Im Gegenteil, er hatte sie damit allein gelassen. Warum nur? Was wollte er damit bezwecken? Hatte der alte Mann wirklich geglaubt, sie würde allein all die Probleme, die zwischen ihr und ihrem Professor lagen, in den Griff bekommen?

Ihre Beine zitterten. Sie hatte Angst um ihn. „Ich brauche Sie", sagte sie gedankenverloren. Ich brauche Sie so sehr ..." Ihre Stimme wurde immer leiser und sie fühlte sich unendlich hilflos und schwach. „Sie müssen stark sein. Für mich. Ohne Sie bin ich verloren." Sie sackte kraftlos auf die Bettkante und starrte zu ihm hinab.

Er hob den Blick und sah sie an. Tiefe Furchen und dunkle Augenschatten lagen auf seinem Gesicht, das ihr so vertraut war. „Ich kann das nicht tun, Miss Granger. Ich kann nicht. Jeder verlangt zu viel von mir. Voldemort, Dumbledore, Hogwarts ... Doch das waren Dinge, die ich kannte, mit denen ich umgehen konnte ... Aber ein Kind? … Mein Kind … Wissen Sie, wie absurd das klingt? Haben Sie vergessen, wer ich bin?" Sein Kiefer bebte und die tiefen Mimikfalten, die zwischen Nase und Mund lagen, vibrierten.

Sie beugte sich zu ihm und umfasste mit ihren Händen sein Gesicht, bis er sich ein wenig beruhigt hatte und sie hilflos ansah.

Sein Atem ging immer noch schnell, aber wenigstens das Zittern hatte sich gelegt. „Ich weiß, wer Sie sind. Sie sind stark", sagte sie eindringlich und strich mit dem Daumen über seine Wange. Obwohl in ihren Augen Tränen schimmerten und sie selbst nicht weiter wusste, musste sie etwas tun. „Sie sind mein Professor. Sie sind Severus Snape."

Er zuckte zusammen, als er seinen Namen aus ihrem Mund hörte, was eine Seltenheit war. „Ich kann das nicht!", rief er und raufte sich die Haare.

Er sah miserabel aus und Hermine bekam es langsam aber sicher mit der Angst zu tun. Wie sollte sie stark bleiben, wenn er es nicht war?

„Doch, Sie können, Professor", versicherte sie ihm. „Sie können alles schaffen, was Sie nur wollen. Sie müssen nur fest an sich glauben."

Hermine legte ihre ganze Zuversicht in ihre Worte. Das Vertrauen, das sie in ihn hatte, war unerschütterlich. Doch es half nichts, Snape ließ sich nicht davon beeindrucken.

Er schüttelte den Kopf. „Nein. Diesmal nicht. Ich habe Sie geheiratet, um Sie zu beschützen. Aber es liegt nicht länger in meiner Hand. Es wird eine Zeit kommen, zu der es keinen Ausweg mehr gibt." Seine Brust hob und senkte sich schnell, er versuchte verzweifelt, Luft in seine Lungen zu pumpen, so sehr strengte es ihn an, ihr die Wahrheit zu sagen, die ihn quälte. „Ich kann Sie nicht beschützen, Miss Granger. Die Todesser werden Sie holen kommen und zu einer Sklavin machen, wenn ich Sie nicht von hier wegschaffe. Es ist unser einziger Ausweg. Und wissen Sie warum? Ich werde nicht mehr lange am Leben sein ..."

„Nein!" Seine Stimme ging in ihrem Aufschrei unter.

„Nein!" Wut flammte in ihr auf. Sie wusste, dass sie viele Fehler gemacht hatte, aber sie war auch stark gewesen und hatte viel durch gestanden und würde nun nicht zulassen, dass er aufgab. „Wie können Sie so etwas nur sagen?", fragte sie energisch. „Ich werde nicht ohne Sie irgendwo anders mein Leben weiterleben. Nicht nach allem, was ich durchgemacht habe. Ich liebe Sie, Professor. Und ich werde nicht zulassen, dass Sie einfach aufgeben. Ich brauche Sie. Wir alle brauchen Professor Snape. Ich kann mir Hogwarts ohne Sie nicht vorstellen." Sie schluckte hart. Allein die Vorstellung jagte ihr Angst ein. „Wer wird den Schülern Respekt lehren, wenn nicht Sie? Sie sind gefürchtet, das streite ich nicht ab, aber Sie werden auch gebraucht ..."

Er hob seine Hand und legte ihr seinen zittrigen, kalten Zeigefinger auf die Lippen, sodass sie verstummte. „Können Sie es denn nicht sehen, Granger? Wollen Sie sich immer wieder wie ein naives Kind verhalten? Öffnen Sie Ihre Augen! Jeden Tag verschwinden irgendwo Menschen. Muggel, Hexen, Zauberer … Familien werden gegeneinander aufgehetzt. Es wird einen Krieg geben. Wir stehen unmittelbar davor und haben keine Aussicht darauf, ihn zu gewinnen. Die Todesser werden vor nichts zurückschrecken. Sie werden niemanden verschonen. Erst recht nicht Muggelgeborene. Sie werden ein großes Interesse an Ihnen haben, weil Sie klug sind, Granger. Vielleicht könnten Sie ihnen von Nutzen sein, vielleicht wird Sie aber auch ein anderes Schicksal ereilen. Sie sind angreifbar, weil Sie begabt sind und weil Sie mit mir verheiratet sind. Sie sind ein Zielobjekt. Und ich - ich werde nicht da sein, um Sie zu beschützen. Vorldemort verlangt nach mir, an seiner Seite …"

„Aber wir haben Dumbledore …"

Er stöhnte auf. „Dumbledore ist ein alter Mann. Er ist machtlos, solange der Lord unsterblich ist. Mir bleibt nichts anderes übrig, als an Voldemorts Seite zu kämpfen. Gegen das Ministerium, gegen die Auroren und vor allem gegen Dumbledore. Und gegen Sie, Miss Granger." Er schluckte hart. „Und wenn es vorbei ist, wird der Dunkle Lord mich töten, weil ich zu viel weiß. Jeder Todesser wird sich auf Sie stürzen. Und ich werde nicht für Sie da sein können, Granger! Haben Sie das kapiert?" Er schüttelte den Kopf. „Ich kann Sie nicht beschützen! Unsere einzige Chance … Ihre einzige Chance, das zu überstehen, ist die, dass ich Sie weit von hier wegbringe, denn egal was auch geschieht, ich werde so oder so sterben."

„Nein!" Sie schrie laut auf und warf sich ihm an den Hals. „Glauben Sie nicht, das Ministerium würde skeptisch werden, wenn ich verschwunden bin?" Ihre Stimme brach und sie heulte ungehindert los. „Man wird Sie verdächtigen und nach Askaban bringen." Verstört hob sie den Blick. „Und was ist mit Voldemort? Wenn er dahinter kommt, dass ich verschwunden bin, wird er Sie töten, weil er glauben wird, Sie wollten mich retten ... Ich kann das nicht zulassen."

Ihre Fingernägel vergruben sich in dem schweren schwarzen Stoff seines Umhangs, als sie tief und innig seinen Körper an sich presste. Er ließ sie gewähren und legte die Arme um sie. Minutenlang lauschte er machtlos ihrem Schluchzen.

„Miss Granger", flüsterte er irgendwann. „Ich musste es Ihnen sagen."

Sie konnte die Schuldgefühle hören, die ihn plagten, genauso wie damals, als er zum ersten Mal mit ihr geschlafen hatte. Sie heulte vor Schmerz auf und wollte überhaupt nicht mehr aufhören damit. Sie wollte nicht aufhören, ihn festzuhalten und verbarg ihr Gesicht in seinen unordentlichen Haaren.

„Miss Granger", sagte er sanft, nachdem eine schiere Ewigkeit vergangen war. „Tun Sie mir einen Gefallen." Es war mehr als eine bloße Bitte, soviel stand fest. Der Ton, den er gewählt hatte, war flehend und kummervoll.

„Alles", presste sie mühsam hervor.

„Hören Sie auf zu weinen."

Sie schluckte, als sie seine Stimme hörte.

Schweigen legte sich über den Raum, wie ein dunkler Schatten.

Sie hatte alles getan, was in ihrer Macht stand, um ihn davon zu überzeugen, dass er leben musste. Nun konnte sie nur noch abwarten und hoffen, dass er sie erhören würde.

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Während es in den Kerkern emotional herging, wurde im Büro des Schulleiters heftig weiter diskutiert.

„Er kann nicht … oder kann er doch?", fragte McGonagall verstört.

Dumbledore zuckte mit den Schultern. „Wir müssen die anderen informieren", sagte er nachdenklich.

„Den Orden? Und was sollen wir ihnen sagen, Albus? Es wird sie äußerst schockieren, das zu erfahren."

„Severus war sehr besorgt und das sieht ihm überhaupt nicht ähnlich. Er hat Angst und das kann nur bedeuten, dass Voldemort auf dem Vormarsch ist."

„Hat er das denn gesagt?"

Er schüttelte den Kopf. „Nicht direkt. Er spricht nicht viel über solche Dinge, aber er hat es angedeutet. Doch ich fürchte, er ist nicht er selbst. Die Situation mit Miss Granger überfordert ihn langsam."

Sie lachte lauthals auf. „Das war nicht zu übersehen, Albus!"

Dumbledore nickte. „In der Tat, Minerva."

„Was er gesagt hat, war vollkommen untypisch für ihn." Sie seufzte. „Irgendwie tut er mir leid."

„Das sollte er auch. Er hat so viel durchgemacht und so viel für uns riskiert. Ich habe ihm zu viel zugemutet und es ist eine Schande, dass niemand weiß, was er jeden Tag opfert."

„Wir sollten in die Kerker gehen und zusehen, dass alles in Ordnung ist", seufzte McGonagall. „Vielleicht braucht er unsere Hilfe."

Dumbledore nickte und erhob sich träge aus seinem Thron. Er breitete den Arm aus und deutete zum Kamin hinüber. „Nach dir, Minerva." Ein sanftes Lächeln lag über seinem Gesicht.

„Danke, Albus."

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Snape hockte immer noch wie ein Häufchen Elend mit Hermine in den Armen auf dem Boden. Seine langen schwarzen Haarsträhnen waren wild durcheinander geworfen und sein Gesicht bleicher als gewöhnlich, als zu allem Übel auch noch die beiden Professoren in seinem Zimmer auftauchten.

McGonagall stieg zuerst aus der Asche. „Severus, … Miss Granger", grüßte sie knapp.

Es schien sie nach seinem Auftritt in Dumbledors Büro nicht weiter zu beunruhigen, Snape in diesem desolaten Zustand zu entdecken, doch dann ließ sie ihren Blick durch den Raum schweifen und sah das Chaos, das der Professor in seiner Hektik angerichtet hatte.

Sie riss verwundert die Augen auf. „Was ist denn hier los?"

Dumbledore kam zum Vorschein und legte der Lehrerin beruhigend eine Hand auf die Schulter. „Wolltet ihr wegfahren?", fragte er milde, als er den kläglichen Koffer auf dem Bett erblickte.

Snape starrte ihn mit seinen dunklen Augen an. „Jetzt nicht mehr", sagte er mit rauer Stimme.

McGonagall reckte steif den Hals. „Severus, was hat das zu bedeuten?", wollte sie wissen.

Hermine räusperte sich, um Zeit zu schinden und nach einer Ausrede zu suchen. Sie tat ihr Bestes, um gefasst auszusehen.

„Wir wollten meine Eltern besuchen", log sie schnell. „Aber wir waren uns nicht darüber einig, ob es eine so gute Idee ist ..."

Sie musste auf jeden Fall verhindern, dass irgendjemand von den geheimen Plänen ihres Mannes erfuhr, sie leise, still und heimlich in Sicherheit bringen zu wollen. Sie würde alles tun, um dafür zu sorgen, dass seine Loyalität zu Dumbledore und der Schule außer Frage stand. Das war sie ihm schuldig, für alles, was er auf sich genommen und geopfert hatte. Vor allem aber durfte das Ministerium nichts von seinem Vorhaben erfahren und wenn möglich auch sonst niemand.

Snape ließ den Blick in ihre Augen gleiten und hob eine seiner Brauen an, sodass nur sie es unter seinem wüsten schwarzen Haarvorhang sehen konnte.

„Ah, verstehe", sagte Dumbledore zustimmend und sie atmete erleichtert auf.

Er wirkte so, als hätte er keinen Verdacht geschöpft, sicher sein konnte man sich bei ihm jedoch nie.

„Es wurde ja auch langsam Zeit, das Ehepaar Granger einzuweihen", setzte er nach.

McGonagall traute ihren Ohren kaum. „Was?", fragte sie verwundert. „Ausgerechnet jetzt?" Sie blickte zu Snape, der nur mit den Schultern zuckte. Er sah so aus, als wäre ihm alles gleichgültig. „Denkst du wirklich, dass das eine gute Idee ist, Severus? Du siehst furchtbar aus."

Er knurrte. „Danke, Minerva. Das ist wieder einmal sehr reizend von dir."

„So habe ich das nicht gemeint." Sie räusperte sich verlegen. „Ich mache mir Sorgen um dich, Severus. Du bist überarbeitet und gestresst. Deine Nerven liegen blank, ich konnte mich selbst davon überzeugen ... Vielleicht solltest du dich zuerst etwas erholen, ehe du diesen Schritt wagst. Ich könnte mir vorstellen, dass das Ehepaar Granger nicht davon angetan ist, wenn du in deinem jetzigen Zustand bei ihnen vor der Tür stehst …"

„Lass das ruhig meine Sorge sein, Minerva", knurrte er gereizt. „Wir können schließlich nicht ewig damit warten. Außerdem tut es uns vielleicht ganz gut, mal aus dem Schloss raus zu kommen."

Die Lehrerin sah verblüfft aus. „Ich hätte nie gedacht, dass ich so etwas einmal von dir hören würde. Du willst tatsächlich Muggel besuchen? Dass ich das noch erleben darf! Wie lang ist es her, dass …"

„Minerva", bellte er. Seine Brauen zogen sich tief zusammen. „Lass meine Vergangenheit da raus."

Hermines Augäpfel bewegten sich rasant zwischen ihnen hin und her. Dennoch blieb sie stumm.

„Es ist eine Frage des Anstands", fuhr er ruhig fort und streckte stolz seine Brust raus. „Es gehört sich, dass die Eltern der Braut den Bräutigam kennen lernen."

„Den Ehemann", betonte sie scharfsinnig.

„Richtig."

Ihre Mundwinkel rutschten kaum merklich nach oben. Für einen winzig kleinen Moment sah es so aus, als würde sie sich über den Gedanken amüsieren, ihn vor seinen Schwiegereltern sitzen zu sehen.

Snape entging wie immer nichts. „Stellst du vielleicht meine Ehre in Frage, Minerva", fragte er deutlich.

„Nein, Severus. Ich bin nur gespannt von dem Ergebnis dieses Zusammentreffens, das ist alles."

„Hexe!", zischte er durch die Zähne hindurch.

Sie hob beschwichtigend die Hände. „Ist schon gut. Wenn du meinst, dass es der richtige Weg ist, solltest du ihn gehen … Vielleicht stimmt es ja und du kommst endlich auf andere Gedanken."

Er legte den Kopf schief und nickte ihr zu. „Danke für dein Verständnis."

Hermine setzte eilig ein gekünsteltes Lächeln auf. „Dann nichts wie los! Das Wochenende ist perfekt dazu, um den Kerkern den Rücken zuzukehren und frische Luft zu schnappen."

Snape schluckte. „In. Der. Tat."

Wenig später - Hermine hatte nicht viel in seinen seltsamen Koffer dazu gepackt, sie war sich überhaupt nicht sicher, wie lange sie es mit ihrem ungewöhnlichen Professor zusammen bei ihren Eltern aushalten würde - waren sie startklar, um Hogwarts zu verlassen, und sich auf unbekanntes Territorium zu begeben.