Kapitel 37:
Harry war ein wenig sauer auf Nellie, das musste er zugeben. Warum war sie aber auch immer so stur? Und in letzter Zeit war sie auch noch so unnahbar geworden. Er hätte ihr gerne beigestanden, bei was auch immer Moody von ihr wollte, und es hatte sich nicht so angehört, als wäre es etwas besonders angenehmes. Aber am meisten ärgerte Harry, dass er sich hatte wegschicken lassen.
Also lief er zurück zum Gemeinschaftsraum der Gryffindors. Das war ohnehin sein Ziel gewesen, nachdem er alleine im Raum der Wünsche an den Unverzeihlichen Flüchen trainiert hatte. Moody war in letzter Zeit zu beschäftigt gewesen, um ihm weitere Lektionen zu erteilen. Aber Harry war es so auch ganz recht, denn er hatte die strengen Bemerkungen des Ex-Aurors langsam satt. Er machte gute Fortschritte mit dem Cruciatus- und dem Imperius-Fluch, aber der Avada Kedavra wollte ihm einfach nicht gelingen. Und er wusste auch warum. Er brachte es nicht über sich, ein menschliches Wesen, auch wenn es eigentlich gar nicht existierte, zu töten. Das nagte sehr an Harry, doch sagte er sich immer wieder, dass es dann eben andere Wege geben musste.
Zu etwa diesem Zeitpunkt war ihm auch wieder das Notizbuch seines Vaters eingefallen, mit dem mysteriösen Annulare Magia-Spruch. Doch so sehr er auch nach dem kleinen Buch gesucht hatte, es war nicht wieder aufgetaucht. Auch Ron und Hermine hatten danach gesucht, doch ebenfalls ohne Erfolg. Sie hatten gemeinsam versucht, sich an die Notizen zu erinnern, die Nellie übersetzt hatte. Hier hatte sich mal wieder Hermines herausragendes Gedächtnis bewährt, was die beiden Jungs ziemlich blass aussehen ließ. Ron hatte sich gerade mal daran erinnern können, dass das Buch von James Potter gewesen war und der Zauberspruch darin was mit Magia oder so ähnlich zu tun hatte. Harry wusste immerhin noch, dass sein Vater diesen Spruch kreiert hatte, um Voldemort zu töten, dass es aber Nebenwirkungen gegeben hatte. Hermine war mit den dürftigen Erinnerungen ihrer beiden Freunde nicht sehr glücklich, was sich in einem Stirnrunzeln ausdrückte. Ron, der sich immer noch auf der Unterlippe herum biss, um sich an weitere Details zu erinnern, weil er sich nicht noch mehr blamieren wollte, bemerkte das nicht. Harry verdrehte bei ihrem genervten Gesichtsausdruck die Augen.
„Meine Güte, wie kann man sich nur so was merken und gleichzeitig noch sämtliche Zaubertrank-Rezepte der letzten hundert Jahre auswendig wissen?", meinte er und ließ sich in einen Sessel plumpsen, nachdem er eine Weile auf der Lehne gesessen hatte.
Hermine zuckte mit den Schultern, während sie weiter damit beschäftigt war, sich Notizen zu allem zu machen, was ihr von Nellies Übersetzungen noch in Erinnerung war.
„Ich geb es auf," meinte Ron in diesem Moment, „geißelt mich meinetwegen, aber ich hab keinen blassen Schimmer, was sonst noch da drin gestanden hat."
Hermine blickte kurz auf, schüttelte grinsend den Kopf und schrieb dann weiter. Ron hatte den Kopf in die Hände gestützt, als hätte ihn das Denken so sehr angestrengt, dass sein Kopf ihm von den Schultern kullern würde, wenn er ihn nicht festhielte.
„Ist doch seltsam, dass das Buch schon wieder verschwunden ist, oder?", fragte Harry.
„Wieso schon wieder?" Hermine legte die Feder beiseite und sah zu Harry auf.
„Im Hauptquartier hat Nellie doch mal danach gesucht, erinnerst du dich nicht?"
„Ach, aber da hatte es doch Lupin," sie winkte ab und blickte ins Feuer. „Ich finde es viel seltsamer, dass wir uns über die Worte von James nie besonders viele Gedanken gemacht haben."
„Nun, könnte daran liegen, dass wir mit anderen Sachen beschäftigt gewesen waren," sagte Ron und fing an, an den Fingern abzuzählen: „Godric's Hollow, dieses Medaillon, der Angriff auf Hogsmeade, Ginny…"
„Ja, schon gut, aber das hier scheint mir sehr wichtig zu sein," unterbrach Hermine ihn. Sie starrte ihre Notizen an und daran wie sie die Lippen zusammen biss, konnte man erkennen, wie konzentriert sie war. Ron und Harry tauschten einen Blick aus, der deutlich sagte, dass es besser wäre, sie bei ihren Grübeleien nicht zu stören.
„Erinnert ihr euch noch, als Nellie uns ihre Übersetzungen gebracht hat?", fuhr sie nach einer Weile fort. „Sie hat uns damals gesagt, dass sie glaubt, dieser Spruch sei ein neuer Todes-Fluch." Hermine sah die Jungen an.
„Ja," sagte Harry nachdenklich, „und sie meinte auch, dass er vielleicht die einzige Chance wäre, die die Zaubererwelt noch hätte."
„Genau." Hermines Augen wurden immer größer. „Warum hab ich da nur nicht schon früher dran gedacht? Das hier müssen wir unbedingt dem Orden erzählen!"
„Bist du verrückt?", rief Ron. „Was ist mit den Nebenwirkungen?"
„Ach, hör mir auf von den Nebenwirkungen," winkte Hermine ab. „Du erinnerst dich ja nicht einmal daran, wie die aussahen."
„Aber er hat recht," unterstützte Harry seinen besten Freund. „Wir können nicht riskieren, dass wir aus den Ordensmitgliedern emotionslose Krüppel machen, nur weil dieser Fluch noch nicht ausgereift ist."
Hermine biss sich wieder auf ihren Lippen rum.
„Ihr habt ja recht, aber wenn das unsere einzige Chance ist, Voldemort zu besiegen?"
Ron schüttelte sich und merkte dabei, dass es inzwischen gar nicht mehr so schlimm war, diesen Namen zu hören.
„Wir sollten versuchen, den Fluch zu verbessern, bevor wir ihn öffentlich machen." Das kam von Harry. Sein Gesicht hatte sich verdüstert. Der Gedanke an seinen Vater, der kein Mitleid mehr empfinden konnte, machte ihn wütend und traurig zugleich. Wütend auf sich selber, dass er nicht in der Lage war, genauso selbstlos an dem Kampf gegen die Todesser teilzunehmen. Und traurig, weil er erkannte, dass es für alles Gute, was man tun wollte, oder auch musste, einen bitteren Preis zu zahlen galt.
Dass Hermine und Ron ihn mit offenen Mündern anstarrten, bemerkte Harry nicht. Erst als Hermine ihn an der Schulter packte und schüttelte, bemerkte er, dass sie ihn ungläubig ansahen.
„Das ist jetzt nicht dein Ernst, man," meinte Ron und er wirkte dabei ein wenig verängstigt.
„Natürlich ist das nicht sein Ernst," fuhr Hermine ihn an, doch man merkte, dass sie sich damit nur selber Mut machen wollte. „Das ist totaler Blödsinn. Harry, das ist viel zu gefährlich! Wir sollten das dem Orden übergeben, die kennen sich mit so etwas viel besser aus und können sicher eher einen Weg finden als wir!"
„Nein," war Harrys einziger Kommentar. Er musste an Nellie denken, die alleine der Nachricht über ihre Familie entgegen getreten war. Wahrscheinlich der Nachricht, dass ihre Familie angegriffen worden war, so vermutete er. „Das ist eine Angelegenheit, die mein Vater begonnen hat und er würde es sicher so wollen, dass sein Sohn es zu Ende bringt."
„Hörst du dir eigentlich selber zu? Das klingt ja alles ganz ehrenvoll, aber James würde nie wollen, dass du dich selber gefährdest!" Hermine war jetzt kurz davor, in Tränen auszubrechen. Ron, der das bemerkte, legte ihr eine Hand beruhigend auf den Arm, doch sie schien das nicht zu bemerken. „Harry, versprich mir, dass du diesen Fluch nicht mehr benutzt."
Harry stutzte. Woher wusste sie, dass er ihn heimlich einige Male ausprobiert hatte? Wenn auch ohne nennenswerte Erfolge.
„Ach, tu nicht so, als hättest du damit nicht schon angefangen! Ich kenn dich doch, Harry Potter." Hermines Augen begannen zu schwimmen. „Auch wenn du ein verdammter Sturkopf bist, bitte, hör dieses eine Mal auf mich! Tu das nicht!"
„Ehrlich, sie hat recht," unterstützte Ron seine Freundin. „Das ist echt ne Nummer zu groß für uns."
Harry sah zwischen seinen Freunden hin und her. Sein Entschluss stand fest, aber er konnte es auch nicht ertragen, sie leiden zu sehen.
„Lasst uns lieber mal überlegen, was mit dieser Tasse ist," versuchte er vom Thema abzulenken. „Das ist jetzt viel wichtiger als irgendwelche Todesflüche, das kann warten."
Ron schien sich daraufhin zu entspannen, doch Hermine sah Harry immer noch flehend an. Sie kannte ihn gut genug, um mit dieser Antwort ganz und gar nicht zufrieden zu sein. Sie lenkte aber dennoch ein und so machten sie sich den restlichen Abend noch mehr Gedanken darüber, wo die Hufflepuff-Tasse stecken könnte.
Hermine war mit ihrer Suche nach Sammlern nicht weiter gekommen, es gab nicht den geringsten Anhaltspunkt, wo die Tasse stecken könnte.
Inzwischen war Ginny zu ihnen gekommen und hatte sich neben Harry in den Sessel gequetscht. Sie hatte sich an den Gedanken gewöhnt, dass dieser Junge einmal ihr Freund gewesen war und fand, dass sie eigentlich auch nichts dagegen hatte, diese Beziehung wieder aufzubauen. Doch sie war sich nicht ganz sicher, ob er das auch noch wollte. Die letzten Wochen war sie zu sehr damit beschäftigt gewesen, ihr Leben ohne Gedächtnis in den Griff zu bekommen, als dass sie sich sehr mit Harry hätte beschäftigen können. Sicher, er hatte sich rührend um sie gekümmert, hatte sie fast keinen Moment aus den Augen gelassen, aber trotzdem hatte sie inzwischen Zweifel darüber ergriffen, was er für sie empfinden könnte. Außerdem gab es noch so viele andere nette Jungen in diesem Schloss.
Harry freute sich, dass Ginny sich so an ihn kuschelte, doch musste er sich eingestehen, dass sie ihm in letzter Zeit ein wenig fremd geworden war. Es war immer noch die alte Ginny, sie hatte immer noch den gleichen Sinn für Humor und die gleiche freche Art, aber doch war sie anders. War es nur, weil ihr die Erinnerung an vergangene Geschichten fehlte? Doch solche Gedanken waren ihm jetzt einfach zu kompliziert, er musste sich auf anderes konzentrieren.
„Verdammt aber auch, wo kann man so eine blöde Tasse denn verstecken?", fluchte er vor sich hin.
„Na ja," grinste Ron, „so was kleines lässt sich in jedem Rattenloch verstecken."
„Ach, Ron," fuhr Hermine ihn an, „Voldemort würde nie zulassen, dass einer seiner Seelensplitter in einem Rattenloch vergammelt!" Ihre gereizte Stimmung hatte sich noch nicht beruhigt. „Außerdem wissen wir ja, dass sie in einer Sammlung anderer alter Tassen aufbewahrt wird. Doch da wird es haarig." Wie um diese Feststellung zu untermauern, fuhr sie sich mit den Fingern durch ihr wirres Haar.
„Wisst ihr, woran ich gerade denken muss?", fragte plötzlich Ginny in die Runde.
Sofort waren alle Augen auf sie gerichtet.
„Ich musste die Woche mal bei der ollen Trelawney nachsitzen," fuhr Ginny fort. „Da ist mir aufgefallen, wie unglaublich viele Tee-Tassen die hat. Ich hab sie gefragt, ob sie oft Gäste zu Besuch habe, aber sie meinte nur, sie würde die Tassen sammeln und habe erst vor kurzem eine ganze Kiste zugeschickt bekommen, doch weil sie einfach keine Zeit dafür habe, hat sie die noch immer nicht auspacken können."
Ron und Harry schienen von der Information nicht sonderlich beeindruckt.
„Dass die Tasse in einer Sammlung anderer Tassen steckt, wissen wir bereits," meinte Harry nur, lächelte Ginny dann aber trotzdem an.
„Und dass die alte Schnepfe einen Tassen-Tick hat, wissen wir auch schon," ergänzte Ron, der seiner kleinen Schwester aber nur einen genervten Blick zuwarf.
Hermine dagegen straffte die Schultern.
„Nun, wenn wir schon sonst keinen Anhaltspunkt haben, können wir auch genauso gut, Trelawneys Sammlung durchsuchen. Zu verlieren haben wir schließlich nichts."
„Bei unserem bisherigen Glück mit diesen vermaledeiten Horkruxen allerhöchstens jede Menge kostbarer Zeit."
Der Gedanke, dass die Hufflepuff-Tasse vielleicht ganz in ihrer Nähe sein könnte, ließ Harry und die anderen ganz vergessen, dass Nellie noch nicht wieder im Gemeinschaftsraum aufgetaucht war.
Die Vier grübelten darüber nach, wie sie am besten in Trelawneys Büro kommen konnten, um nach der Tasse zu suchen.
„Ich könnte ja wieder mal riskieren, bei ihr nachzusitzen. Dann kann ich mich ein bisschen umschauen," schlug Ginny vor, die es äußerst amüsant fand, bei diesem Spiel mitzumachen. Klar wusste sie, dass es hier um die Vernichtung eines Schwarzmagiers ging und sozusagen um die Rettung der Welt, aber trotzdem kam ihr das alles sehr lustig vor. Den wahren Schrecken, den Voldemort nach wie vor verbreitete, hatte sie ja vergessen, die Glückliche.
„Dann ist Trelawney aber dabei, wie sollst du dann nach der Tasse suchen?", verwarf Hermine die Idee und Ginny schmollte etwas.
„Es wird wohl mal wieder Zeit für den Umhang meines Vaters," sagte Harry ernst und sah in die Gesichter der anderen.
Ron nickte, Ginny machte ein verwirrtes Gesicht und Hermine nickte nach einer Weile schließlich auch.
„Das wäre wohl das einfachste," meinte sie. „Ich glaube nicht, dass sie ihr Büro mit besonders schwierigen Zaubern schützt und wenn wir leise sind, wird sie uns gar nicht bemerken."
„Dann machen wir es am besten doch gleiche heute Nacht," schlug Harry vor und löste dabei bei Ron einen Hustenanfall aus.
„Heute Nacht schon?", fragte er, nach Luft schnappend. „Sollten wir das nicht noch ein bisschen besser planen?"
„Heute Nacht, je schneller desto besser," sagte Harry fest entschlossen und fügte noch hinzu. „Und ich werde alleine gehen."
Hermine machte eine wegwerfende Handbewegung.
„Dieses Allein-Thema hatten wir doch schon," stöhnte sie gequält, „ich dachte, wir wären uns darüber einig geworden, dass solche Alleingänge von dir meist nicht besonders glücklich verlaufen."
Harry sah sie böse an.
„Wenn wir alle Vier bei ihr da oben rumstolpern, während sie nebenan schläft, riskieren wir zu sehr, Lärm zu machen. Denk nur an die vielen Tassen und Glaskugeln, die da rum stehen. Alleine kann ich leiser sein."
Hermine wollte das nicht einsehen und so diskutierten sie noch darüber, als es draußen schon stockdunkel geworden war und Ginny an Harrys Schulter eingenickt war.
„Ich gehe jetzt," sagte er schließlich und schob Ginnys Kopf vorsichtig zur Seite. Dann stand er auf, holte den Tarnumhang aus der Tasche und bevor Hermine oder Ron noch protestieren konnten, war er schon darunter verschwunden. „Nun macht nicht so lange Gesichter, mittlerweile passen wir sowieso nicht mehr alle gleichzeitig drunter."
Dann hörten die Beiden nur noch das Portraitloch leise knarzen und schon waren sie allein im Gemeinschaftsraum.
„Mach dir keine Sorgen," sagte Ron leise, „immerhin verlässt er diesmal nicht das Schloss, was soll da schon passieren?"
Hermine sah ihren Freund zweifelnd an.
„Du weißt so gut wie ich, was in diesem Schloss alles passieren kann."
Harry kannte sich inzwischen so gut auf Hogwarts aus, dass er schon nach 15 Minuten unter der Falltür von Trelawneys Gemächern stand. Mit einem leisen Zauberspruch schwang die Leiter geräuschlos herunter und er schlich sich nach oben. Die Räumlichkeiten der Seherin waren tatsächlich nicht sonderlich gut geschützt. Ein einfacher Alohomora hatte schon gereicht. Harry schüttelte nur den Kopf. In den Räumen unter dem Dach war es stickig wie eh und je und Harry musste sich sehr zusammenreißen, um den Umhang nicht abzunehmen, weil er schon nach kurzer Zeit zu schwitzen begann.
Vom Kamin her kam ein schwaches Leuchten, was aber ausreichte, um Harry den Weg zu der umfangreichen Tassen-Sammlung der Wahrsagelehrerin zu erhellen, sodass er kein zusätzliches Licht benötigte. Trelawney hatte die Tassen zu hohen Türmen aufgebaut, die sich an einer kompletten Zimmerwand erstreckten. Harry schlich sich vorsichtig an der filigranen Konstruktion entlang und versuchte, eine Tasse zu entdecken, die er nur ein einziges Mal in einer Erinnerung von Dumbledore gesehen hatte, aber irgendwie sahen die Tassen, die er hier betrachtete alles gleich aus. Und als er am Ende der Wand angekommen war, war er noch keinen Deut schlauer, dafür fand er in einer hinteren Ecke einige Kisten, in denen er, als er sie leise öffnete, nur noch mehr Tassen fand, die auch nicht unbedingt verdächtig nach einem Horkrux aussahen. Harry wurde in diesem Moment klar, was man mit dem Spruch meinte, eine Stecknadel im Heuhaufen zu suchen. Verzweiflung machte sich in seinem Bauch breit. Er musste an den letzten Brief von Dumbledore denken, den er zusammen mit dem Schlüssel für Godrics Hollow bekommen hatte. Darin hatte der alte Schulleiter geschrieben, dass sich die Horkruxe nicht durch besondere äußerliche Kennzeichen hervorheben, sondern meist sehr unscheinbar wirken. Das machte Harry nicht gerade Mut. Um sich selber etwas zu beruhigen, setzte Harry sich in einen der plüschigen Sessel, die hier überall rum standen und dachte nach. Hätte Trelawney es bemerkt, dass sie eine Tasse von einer der Hogwarts-Gründerinnen besitzt? Und wenn ja, was würde sie dann mit einer solchen Tasse machen? Würde sie sie behalten oder jemanden davon erzählen? Mit Sicherheit würde die alte Schwindlerin damit im ganzen Schloss prahlen. Also musste Harry davon ausgehen, dass sie von ihrem kostbaren Besitz nichts ahnte, denn eine solche Neuigkeit hätte sich wie Moorwürmer ausgebreitet, was die Sache auch nicht gerade erleichterte. Dann musste Harry an die Schutzzauber denken, die über allen Horkruxen lagen. Er hatte bisher die Erfahrung gemacht, dass Voldemorts Horkruxe nicht von jedem berührt werden konnten, beziehungsweise, wenn man sie unerlaubt anfasste, konnte das schmerzhaft sein, oder einen sogar in den Wahnsinn treiben. Und da Harry sich nicht erinnern konnte, in letzter Zeit gehört zu haben, dass Trelawney einen Unfall gehabt hatte, musste er auch davon ausgehen, dass sie den Horkrux sehr wahrscheinlich bisher nicht einmal in den Fingern gehabt hatte. Auch das machte ihm die Suche nicht gerade leichter. Wobei es den Radius, indem sich die gesuchte Tasse befinden könnte, sehr einschränkte. Harrys Blick schweifte über die vier Kisten, die in der Ecke standen. Eigentlich konnte die Tasse, wenn sie denn überhaupt hier sein sollte, nur in einer dieser Kisten stecken. Harry stand wieder auf und kauerte sich vor die Kisten, öffnete alle Deckel und betrachtete die Tassen, die zum Schutz in Holzwolle eingebettet waren. Er konnte es nicht riskieren, sie herauszunehmen, die Erinnerung an die Märchenhexe war noch zu frisch. Plötzlich kam ihm eine Idee. Harry zückte seinen Zauberstab und flüsterte: „Accio Hufflepuff-Tasse." Und als er plötzlich aus einer der Kisten ein lautes Geklapper hörte, schickte er gleich noch ein „Muffliato" hinterher. Das Geklapper wurde lauter und nach einer Weile wurden aus der obersten Kiste ein paar Tee-Tassen herausgekickt, die Harry flink einfing, bevor sie zerschellen konnten. Er wollte schließlich keine Spuren hinterlassen. Dann kam auch schon eine kleine, zierliche Tasse zum Vorschein, die sich nicht sonderlich von den anderen unterschied, von der Harry aber ausging, dass es die gesuchte Tasse sein musste, wenn sie auf seinen Aufrufezauber reagierte. Vor Aufregung hätte er fast mit der bloßen Hand nach ihr gegriffen. Sein Herz machte einen freudigen Hüpfer. Schnell nahm er ein Seidentuch, das über einem der Sessel lag und wollte die Tasse damit auffangen, als die aber schon einen Bogen um seine Hand machte und sanft auf dem Boden landete.
Harry stutzte und blickte sich im Raum um. Da war niemand, der die Tasse irgendwie hätte manipulieren können. Er bückte sich und versuchte, die Tasse an ihrem Henkel zu fassen, damit er hier endlich wieder verschwinden konnte, aber sie glitt ihm einfach durch die Finger, als wäre sie aus Wasser. Nachdem Harry es noch ein paar Mal auf die unterschiedlichsten Arten versucht hatte, gab er es auf und glaubte zu verstehen. Der Schutz, den dieser Horkrux scheinbar genoss bestand darin, dass man ihn nicht berühren konnte. Vielleicht funktionierte er ähnlich wie der Türklopfer und nur ein Nichtmagier könnte ihn berühren. Harry dachte sofort an Nellie und auch daran, dass sie nicht im Gemeinschaftsraum aufgetaucht war. Sie war sicher direkt in ihre Wohnung gegangen, aber der Gedanke ließ Harry nichts Gutes vermuten. War doch was Schlimmeres mit ihrer Familie passiert?
Ein leises Knarren hinter sich ließ Harry herumwirbeln. Die Tasse stand immer noch unschuldig auf dem Boden und Harry kontrollierte hektisch, ob sein Tarnumhang ihn noch komplett verbarg, dann konzentrierte er sich auf die Treppe der Falltür. Es war eindeutig, dass jemand heraufgeschlichen kam. Jemand, der scheinbar genauso heimlich unterwegs war, wie er selber.
