September 1918, Chicago
Carlisle blickte von einem Hügel hinab in die Kleinstadt, die er gerade verlassen hatte. Es war Zeit gewesen, dass er ging, sonst wäre den Menschen aufgefallen, dass er nicht alterte.
Es war ihm schwer gefallen ausgerechnet jetzt zu gehen, wo die Grippe den kleinen Ort bedrohte, doch er hatte die Gerüchte über sich gehört. Er war schon viel zu lange hier geblieben – und seine Hilfe in diesen schweren Zeiten der Seuche würde auch anderswo gebraucht werden. Er würde diesmal eine Großstadt aufsuchen, vielleicht konnte er dort besonders viele Menschen retten.
Ihn würde jedoch niemand retten.
Er sah die Lichter der Häuser in der Nacht blinken, sie sahen aus wie Perlen aufgereiht auf einer Kette. Sie strahlten Wärme und Geborgenheit aus, doch er selbst stand im Dunkel, während der Regen auf ihn herab fiel.
Niemand dort unten wollte ihn. Und selbst die Natur schien ihn nicht zu wollen. Er hörte wie mit jeder Sekunde sich die Tiere des Waldes weiter von ihm entfernten. Selbst die Blätter an den Bäumen schienen sich zuzuflüstern, dass er nicht dazu gehörte.
Mit jedem Regentropfen, der auf seinen Körper fiel, sank auch seine Körpertemperatur. Er wurde kälter. Er gehörte nicht zu der wohligen Wärme die Mensch und Tier ausstrahlten. Er war wie Eis, tödlich und kalt. Es war, als würde alles um ihn herum auf immer im eiskalten Tod erstarren, wenn er sich zu lange an einem Ort aufhielt.
Die Einsamkeit war sein einziger Begleiter, sie nährte sich von ihm, fraß ihn langsam von innen heraus auf.
Carlisle schloss die Augen, stellte sich für einen winzigen Augenblick vor, dass es jemanden gäbe, der wie er wäre. Der hier mit ihm auf den Hügel stehen würde, mit ihm ein letztes mal auf die kleine Stadt in dem Tal blicken würde. Und der dann mit einem Lachen herumwirbeln würde, mit den Worten: „Los Carlisle, es ist Zeit für unseren nächsten Neuanfang!"
Wie würde dieser jemand aussehen? Carlisle wusste es nicht. Er wusste nur, dass das Wesen an seiner Seite honigfarbene Augen haben würde, dass seine blasse Haut im Mondschein einen leichten Schimmer haben würde.
Carlisle seufzte. Er wusste längst, dass es so jemanden nicht gab. Seine eigene erfolglose Suche und die Erfahrung von Jahrtausendealten Vampiren wie Aro und Amon, die nie zuvor jemandem wie Carlisle begegnet waren, waren Beweis genug.
Also musste er selbst ein solches Wesen schaffen.
Erschrocken über seine eigenen Gedanken riss Carlisle die Augen wieder auf.
Er würde niemals jemandem so das menschliche Leben stehlen, wie es ihm gestohlen worden war, nur um nicht mehr allein zu sein! Das war pure Selbstsucht.
Für den Bruchteil einer Sekunde flackerten in seinem Kopf viele hunderte menschliche Gesichter auf. Patienten, die trotz all seiner Mühen gestorben waren. Ihr Leben war ohnehin vorbei...
Doch nein! Das konnte er nicht tun!
Abrupt wandte er sich von der Stadt und den warm leuchtenden Fenstern ab, griff die Kiste mit seinen Habseligkeiten und eilte durch den nächtlichen Wald davon. Die Blätter raschelten vor Entsetzen unter seinen Füßen und jedes Tier, das schnell genug war, rannte panisch vor ihm davon, während die langsameren sich ängstlich versteckten. Ihre kleinen Herzen klopften rasch. Während Carlisles stumm blieb.
Elizabeth saß jeden Tag am Fenster, voller Unruhe. Sie hatte Angst, schreckliche Angst. Wer hätte gedacht, dass ihre größte Angst, die Angst vor dem Krieg, von einer noch viel größeren Angst übertroffen werden würde? Die Angst vor der Krankheit.
Die erste Krankheitswelle im Frühjahr hatte bereits einige Opfer gefordert, doch es war nichts gewesen im Vergleich zu dem was ab Mitte August über die Stadt hinein brach. Die Krankheit tötete in rasender Geschwindigkeit, sie machte vor niemandem Rast. Es war ihr egal, ob es die Menschen in den ärmeren Vierteln waren oder die Menschen, die in den besseren Gegenden lebten.
Geld öffnete viele Türen. Elizabeths Sohn konnte auf die beste Privatschule gehen, er würde studieren können, er wurde von talentierten Pianisten unterrichtet. Edward Junior hatte die besten Voraussetzungen für ein erfolgreiches Leben. Wenn... wenn das Leben fairer wäre.
Doch dann kam der Krieg – und mit dem Krieg Edwards entsetzliche Idee zur Armee zu gehen sobald er achtzehn war. Elizabeth betete jeden Tag, dass der Krieg enden möge bevor Edward achtzehn werden würde.
Und dann kam die Grippe. Eine weitere Bedrohung vor der sie ihre Familie nicht schützen konnte, eine Bedrohung vor der alles Geld der Welt sie nicht retten konnte.
Und nun saß sie Tag für Tag voller Angst und Unruhe am Fenster, wartete sehnsüchtig auf die Heimkehr ihres Mannes. Sie wusste woher ihr Sohn seinen Starrsinn hatte, er hatte ihn von seinem Vater. Seinem Vater, der trotz der Pandemie keinesfalls aufhören wollte zu arbeiten. „Meine Mandanten brauchen mich. Gerade jetzt, in einer so schwierigen Zeit", hatte er gesagt. Und jeden Morgen bevor er das Haus verließ, gab er seiner Frau einen zärtlichen Kuss. Strich ihr liebevoll über die Wange und lächelte sie an. Er setzte seinen Hut auf den Kopf und sie musste innerlich ebenfalls etwas lächeln, wenn sie sah, wie seine Haare schon wieder taten was sie wollten, auch wenn er sich solche Mühe gab sie zu ordnen. Es war dasselbe wie bei ihrem Sohn, stets reichte der winzigste Lufthauch, dass die noch eben sorgsam geordneten Haare kreuz und quer abstanden.
Edward Junior hatte ihre Haar- und Augenfarbe geerbt, doch dies hatte er eindeutig vom Vater.
Jeden Morgen verabschiedete ihr Mann sie so voller Liebe, jeden Morgen versprach er ihr dasselbe. „Liebling, du weißt, dass du dir keine Sorgen machen musst. Ich weiß, worauf ich zu achten habe."
Ja, das wusste er und sie wusste, dass er sich daran hielt. Kehrte er Abends zurück, dann war sein direkter Weg immer sofort ins Bad, wo er sich lange und gründlich mit heißem Wasser die Hände wusch, bis die Haut ganz rot wurde. Sie wusste, dass er dasselbe auch regelmäßig auf Arbeit tat. Doch sie bezweifelte, dass das ausreichte. Wenn sorgfältige Hygiene reichte, warum starben dann so viele?
Also saß sie Tag für Tag am Fenster, wartete sehnsüchtig und voller Angst auf seine Heimkehr.
Oft hörte sie dann die Schritte ihres Sohnes hinter sich, wie er das Zimmer betrat, spürte seinen Blick auf ihrem Rücken, ehe sie hörte wie er den Hocker vor dem Flügel zurück schob, sich setzte und dann anfing zu spielen. Sie wusste, dass er nur für sie spielte. Er spielte Debussy, den sie so sehr mochte und dessen Tod vor wenigen Monaten sie noch immer bedauerte.
Ihr Sohn war schon immer besonders aufmerksam gewesen. Er hatte schon immer innerlich gewusst wie es anderen um ihn herum ging, was sie dachten und fühlten. Jetzt wusste er um ihre Angst und wie beruhigend es wenigstens für einen Augenblick für sie war, wenn er hinter ihr am Flügel saß und spielte. Besonders Claire de Lune, ihr Lieblingsstück, spielte er oft für sie. Manchmal stundenlang.
Sie war gesegnet mit einem so guten Sohn, einem so liebevollen Ehemann. Umso mehr ängstigte sie sich um beide.
Es war erschreckend als die Todesrate stieg, doch wirklich begreiflich wurde es für sie erst dann, als sie die ersten Opfer in ihrem Bekanntenkreis bedauern musste. Zuerst war es die Tochter ihres Hausmädchens. Ein junges Ding von gerade mal zwölf Jahren, immer ein schelmisches Grinsen im Gesicht. Ein Grinsen, das Elizabeth niemals wieder sehen würde. Das Mädchen starb nur drei Tage nachdem bei ihr die Krankheit ausgebrochen war.
Weiter ging es mit Elizabeths bevorzugter Schneiderin. Aus dem weit entfernten Boston kam dann die Nachricht, dass ihr Onkel gestorben war. Der einzige weitere Verwandte den sie hatte.
Und dann gab es die ersten Toten in der Straße in der sie mit ihrer Familie wohnte. Zuerst war es der Mann von gegenüber. Sie sah wie auch aus anderen Häusern die Kranken ins Krankenhaus gebracht wurden und manchmal wurden auch bereits die Särge aus den Häusern getragen. Je mehr Zeit verging, desto schlichter wurden die Särge. Hastig zusammen gezimmert, denn längst war der Vorrat in der Stadt aufgebraucht.
Am schrecklichsten war der Tag, als das kleine fünfjährige Mädchen von nebenan starb. Es ging so schnell, dass ihre Eltern sie nicht einmal ins Krankenhaus bringen konnten. Am frühen Abend hatte das Kind ein wenig geweint, weil es sich nicht wohl fühlte und am nächsten Morgen war es bereits tot gewesen. Seine Eltern starben nur Tage später.
Kurzzeitig wünschte sich Elizabeth beinahe, dass ihr Sohn Edward bereits das Alter hätte, um in den Krieg zu ziehen, nur damit er fern war von der Pandemie. Doch dann musste sie in den Zeitungen lesen, dass längst mehr Soldaten an der Seuche starben als an den Kampfhandlungen. Es gab kein Entrinnen, es gab keinen Ausweg. Egal wohin sie sich wand, der Tod grinste ihr jedesmal hämisch ins Gesicht.
Elizabeth lief freudig zur Tür, als sie ihren Mann mit einem großen Blumenstrauß im Arm die Straße entlang kommen sah. Er brachte ihr jede Woche einen Strauß Blumen seitdem er sie das erste mal erblickt hatte. Doch seit der Geburt ihres Sohnes brachte er sie immer an einem Donnerstag. Edward war an einem Donnerstag geboren.
Edward hörte auf zu spielen, um seinen Vater ebenfalls zu begrüßen.
Voller Freude betrachtete Elizabeth ihren Mann, der mit rosigen Wangen und einem Strahlen im Gesicht herein kam. Seine Haare waren wild durcheinander, als er den Hut abnahm und an den Haken hing. Zu gern wäre sie mit ihrer Hand durch sie hindurch gefahren, doch sie wusste, dass er sich erst würde waschen und umziehen wollen.
„Liebste Gattin", sagte er und verbeugte sich leicht, als er ihr die Blumen hinhielt.
Doch ihre Freude währte nicht lang. In der Nacht erwachte sie durch seinen Husten. Mit Entsetzen blickte sie auf sein erhitztes Gesicht, hörte wie er keuchend nach Atem rang und erkannte mit Panik, dass seine roten Wangen keineswegs von der bereits kühlen abendlichen Septemberluft kamen, welche durch das offene Fenster herein strömte, sondern ein grausames Zeichen des tödlichen Fiebers waren, das in ihm zu wüten begonnen hatte.
Carlisle war ziemlich schlechter Laune. Sein Leben – oder was auch immer es genau war – lief alles andere als so wie er es sich wünschte. Er hatte sich halbwegs damit abgefunden, dass er war was er war. Er hatte das Beste aus seiner Situation gemacht, doch in letzter Zeit war es schwer. Um ihn herum starben seine Patienten und es gab nichts was er tun konnte, um den Tod aufzuhalten. Täglich wurden neue Patienten gebracht, die er nur einmal kurz anzusehen brauchte um zu wissen, dass sie bereits verloren waren. Längst gab es nicht mehr ausreichend Särge, es gab nicht einmal mehr genügend Laken, um die Toten zu bedecken. Er war Arzt geworden, weil er Leben retten wollte. Nicht um Totenscheine auszufüllen.
Es war frustrierend jeden Morgen nach seiner Nachtschicht zurück in seine kleine Hütte außerhalb der Stadt gehen. Hier konnte er nichts tun als darauf zu warten, dass der Abend wieder kam und er ins Krankenhaus zurück kehren konnte. Er saß sinnlos da und wartete, wartete während das Wissen an ihm nagte, dass in seiner Abwesenheit Menschen starben. Menschen denen er vielleicht, ganz vielleicht, doch noch hätte helfen können, wäre er bei ihnen gewesen. Er wartete, während die Einsamkeit an ihm nagte.
Schon lange spürte er diese Grausamkeit, die seine Existenz mit sich brachte. Die Grausamkeit die einen so schlichten und fast harmlos klingenden Namen trug. Einsamkeit. Doch sie fraß mehr und mehr an ihm. War er im Krankenhaus, dann war es ein wenig erträglicher. Doch mehr als oberflächliche Beziehungen zu den anderen Ärzten und den Schwestern konnte er nicht pflegen. Niemand durfte je zu sehr hinter seine Maske blicken. Niemandem konnte er anvertrauen was er wirklich fühlte, wer er wirklich war.
Es war keineswegs so, dass er nicht andere seiner Art kennen würde, andere, vor denen er seine wahre Art nicht verstecken brauchte – doch er hatte nie einen anderen Vampir getroffen, der ihn wirklich verstand. Manche von ihnen waren sehr freundlich gewesen, doch sie alle sahen ihn als absonderlich an, nicht wirklich zu ihnen gehörig.
Er gehörte nirgends hin. Nicht in die Welt der Menschen, nicht in die Welt der Vampire. Er stand irgendwo dazwischen, allein, verloren.
Seit etlichen Jahrzehnten, oder gar eher mehreren Jahrhunderten, hatte er gesucht, nach nur einem einzigen der so war wie er. Doch es gab niemanden. Er war allein. Einsam. Und so saß er Tag für Tag in seiner kleinen Hütte seinem größten Feind gegenüber. Der Einsamkeit, die ihn langsam aber bedächtig wahnsinnig machte. Er wusste nicht wie lange er es noch würde ertragen können. Konnten Vampire verrückt werden? Konnten sie den Verstand verlieren? Inzwischen war er sich sicher, dass es möglich war. Und er stand nicht mehr weit von diesem Schicksal entfernt.
Ein paar grüne Augen holten ihn aus seinen düsteren Gedanken. Die Frau blickte ihn flehend an. Sie saß an dem Bett eines Mannes, vermutlich ihres Mannes. Verzweifelt, flehend blickte sie ihm fest in die Augen.
Das war ungewöhnlich.
Kein Mensch wagte es sich je Carlisle so intensiv in die Augen zu blicken. Sie alle waren auf den ersten Blick von ihm angezogen, doch sahen sie genauer hin, dann spürten sie instinktiv, dass es besser war auf Abstand zu gehen. Doch diese Frau schaute ihn fest an, schreckte nicht zurück. Mehr noch, sie griff nach seiner Hand, hielt sie fest. Sie musste spüren wie kalt und hart seine Haut war, spätestens jetzt wäre jeder zurück gezuckt, doch nicht sie. Vergleichbares hatte es nur selten gegeben. Erst ein einziges mal zuvor hatte ein Mensch, der nicht gerade an Fieber litt, ihn berührt und war dann nicht zurück gezogen. Es lag Ewigkeiten her. Elizabeth. Die Witwe seines Freundes Thomas. Sie hatte ihn damals in London berührt und war nicht zurück geschreckt.
Carlisle entzog der Frau mit dem kupferfarbene Haar seine Hand, blieb jedoch stehen.
„Bitte Doktor, helfen Sie meinem Mann", flehte sie. Carlisle blickte auf das blasse Gesicht ihres Ehemannes. Er keuchte und hustete, seine Lippen begannen bereits sich leicht bläulich zu verfärben. Noch zu schwach, als dass es für menschliche Augen sichtbar gewesen wäre, doch er erkannte den Vorboten des Todes augenblicklich. Carlisle gab ihm keine zwei Tage mehr.
„Ich werde tun was ich kann", antwortete er, wohl wissend, dass es gar nichts gab was er für diesen Mann tun konnte. Wieder musste er ohnmächtig zusehen, wie ein Mensch unter seinen Händen sterben würde.
Doch die Frau ließ nicht locker. „Versprechen Sie es?"
Er sollte nichts versprechen. Er konnte nichts versprechen. Er blickte auf das Namensschild am Bettende. Edward Masen.
„Ich verspreche, dass ich mein Bestes geben werde Mrs Masen."
Es stimmte. Und doch würde es nicht genügen.
Sie nickte. In ihren großen grünen Augen schwammen Tränen.
Die ganze Nacht saß sie an dem Bett ihres Mannes, tupfte seine erhitzte Stirn mit feuchten kühlen Tüchern ab, flüsterte ihm leise liebevolle Worte zu, streichelte seine Hand.
„Ich liebe dich, Elizabeth", hörte er den Mann sagen und Carlisle stockte für einen Moment der Ate.
Elizabeth. Sie hieß Elizabeth.
Als Carlisle am folgenden Tag in seiner Hütte saß, sah er sie vor sich. Wie sie bei ihrem Mann saß, ihn unermüdlich pflegte. Sie ließ ihn kaum eine Minute allein. Der Mann würde sterben, doch seine Frau würde an seiner Seite sein. Er würde die Einsamkeit nicht spüren müssen.
Könnte Carlisle krank werden, könnte er ebenfalls mit hohem Fieber im Krankenhaus liegen, dann würde niemand an seinem Bett sitzen. Niemand würde sich um ihn kümmern.
Elizabeth. Ein Name, der ihn verfolgte. Elizabeth, die vor Jahrhunderten in London ihren Thomas verlor. Elizabeth, die jetzt hier in Chicago ihren Edward verlor.
Als er am nächsten Abend wieder ins Krankenhaus kam, saß sie noch immer dort. Nun hatten sich seine Lippen und Fingerspitzen für jeden sichtbar blau verfärbt, sein Atem ging flach und keuchend und Carlisle hörte wie sein Herz nur noch schwach und unregelmäßig schlug. Es war nur noch eine Frage von wenigen Stunden, bis es endgültig aufhören würde zu schlagen.
Carlisle sah die Tränen in den Augen der Frau, grün wie Seewasser, die ihn verzweifelt anblickten, ihn anflehten etwas zu tun – doch inzwischen ebenso wissend, dass er ihrem Mann nicht mehr helfen konnte.
Und doch hielt sie Carlisle wieder auf, griff nach seiner Hand. Er versuchte sie zurück zu ziehen, doch sie ließ nicht los. Sie blickte ihm direkt in die Augen. Das Wassergrün, diesen Blick, er würde es niemals vergessen. Ein Fluch seiner Existenz, er vergaß nie etwas, doch manche Erinnerungen waren präsenter als andere und er wusste, dass dieser Blick einer war, der ihn vielleicht noch in etlichen Jahrhunderten verfolgen, ihn niemals mehr loslassen würde.
„Bitte", flüsterte sie.
„Ich habe versprochen, dass ich mein Bestes gebe, Mrs Masen."
Sie nickte. Es brauchte keine weiteren Worte. Sie wusste, dass er sein Versprechen einhalten würde – und wusste auch, dass es nicht ausreichen würde.
Als Carlisle am Morgen nach Hause zurück kehrte, schlug ihm die Einsamkeit mit einer Eisenfaust direkt ins Gesicht, als er die Tür zu seiner Hütte öffnete. So heftig, dass er gerade eben noch durch die Tür stolpern konnte, ehe er auf die Knie sank. Nie war es heftiger gewesen, nie grausamer. Die Stille quälte ihn, eine lange schmerzhafte Folter, die sich auf direktem Weg auf ihren entsetzlichen Höhepunkt zu bewegte.
Lange Zeit war er unfähig sich zu bewegen. Er hatte nicht geahnt, dass Leere, dass Nichts so entsetzliche Schmerzen bereiten konnte. Hätte er gewusst, dass es in den nächsten Tagen nur noch schlimmer werden würde, wäre er sofort in den Wahnsinn verfallen.
Edward musste seiner Mutter gar nicht erst ins Gesicht sehen, um es zu wissen. Er sah es an ihrer Körperhaltung, als sie herein kam. Sie war gebrochen, wirkte mit einem mal mindestens zehn Jahre älter.
Schluchzend fiel sie ihrem Sohn in die Arme. Er wusste, dass er nun für sie da sein musste. Er war erst siebzehn, noch sehr jung um die Lücke die sein Vater hinterlassen hatte, zu schließen, doch nun war er der einzige Mann im Haus und es war seine Aufgabe sie zu stützen. Auch er spürte den Schmerz des Verlusts in seinem Herzen, doch er durfte es nicht zeigen. Für sie würde er stark sein.
Er atmete einmal tief durch, dann schluckte er die Verzweiflung und Trauer die in ihm aufkeimte herunter, und ging direkt zu dem Flügel. Er setzte sich und begann für sie zu spielen. Leise, zarte Weisen, immer wieder flocht er Claire de Lune ein.
Ihm war nicht nach spielen zumute, viel lieber hätte er sich in einer Ecke verkrochen und bitterlich geweint, doch er wusste wie dankbar sie ihm dafür war, dass er es tat und so blieb er für sie stark.
Elizabeth saß am Fenster, blickte hinaus, als erwartete sie, dass jeden Augenblick ihr Mann die Straße entlang kam. Er würde niemals mehr kommen. Niemals mehr würde sie über sein zerzaustes Haar lächeln, niemals mehr würde sie an einem Donnerstag den großen Blumenstrauß in Empfang nehmen, den er ihr brachte, niemals mehr würde sie seine Stimme hören.
Doch was ihr geblieben war, war ihr Sohn. Mit derselben Art von Haaren, die so schwer nur zu bändigen waren, mit demselben verschmitzten Lächeln im Gesicht – und mit ihren grünen Augen und ihrer Haarfarbe. Sie drehte sich, um zu ihm zu blicken. Voller Liebe und Stolz sah sie auf ihn, wie er dasaß am Flügel und spielte. Sie ahnte wie schwer es ihm fiel und umso wertvoller war es für sie, dass er es dennoch tat.
Carlisle funktionierte. Wie eine Maschine. Er ging Abend für Abend ins Krankenhaus und jeden Morgen kurz vor der Dämmerung wieder nach Hause, verbrachte den Tag versteckt in seiner kleinen Hütte. Er funktionierte, aber er fühlte sich wie... er dachte erst, er fühle sich wie tot, doch das stimmte nicht. Es wäre ein Segen sich so zu fühlen, denn dann würde er gar nichts mehr spüren. Doch in Wahrheit war es anders. Er spürte die Leere, wurde zerdrückt von ihr. In seinem Kopf sah er die Gesichter der Toten und er wünschte sich, er könnte mit einem von ihnen den Platz tauschen. Lieber wollte er qualvoll ersticken und an der Grippe sterben, als auch nur noch einen Tag länger die Leere zu ertragen. Doch nichts erlöste ihn. Verzweifelt versuchte er der Einsamkeit und Leere Herr zu werden, sie zu besiegen. Er kaufte sich ein Grammophon, gleich mehrere Platten und unzählige Nadeln, saß stundenlang da, um wieder und wieder mit der Kurbel das Grammophon aufzuziehen, doch auch die Musik konnte die Stille nicht wirklich vertreiben. Sie legte sich nur zart über sie, ließ sie jedoch ständig hindurch scheinen und sobald die Musik erstarb, schlug die Stille und Leere mit umso heftigerer Intensität wieder zu.
Und so funktionierte Carlisle einfach nur wie eine leere Maschine. Nacht für Nacht.
Auf Dauer strengte es Edward an für seine Mutter am Flügel zu sitzen und zu spielen, doch niemals hätte er es zugegeben oder gar aufgehört. Er brauchte sie nur anzusehen, um zu wissen wie gut es ihr tat. Niemals würde er sie im Stich lassen. Es machte ihm nichts die Kopfschmerzen dafür in Kauf zu nehmen. Und irgendwie beruhigte es auch ihn selbst. Es war besser etwas zu tun, als nur still da zu sitzen und zu trauern.
Er schniefte, seine Mutter hätte ihn dafür gescholten, wenn sie es mitbekommen hätte. Aber sie hatte es nicht mitbekommen. Es war kalt. Er könnte ein Feuer in dem Kamin anmachen, doch dafür würde er den Flügel verlassen müssen. Also ignorierte er die aufkommende Kälte lieber.
Es dauerte lange bis Edward in dieser Nacht einschlafen konnte. In seinem Kopf spielte weiterhin die Musik und er hatte das Gefühl, als bewegten sich seine Hände noch immer über die Tasten. Doch das war es nicht, was ihn wach hielt. Viel störender war, dass egal wie sehr er sich unter seiner Decke verkroch, die Kälte wollte nicht weichen. Sie schien bis in seine Knochen vorgedrungen zu sein. Das war die Strafe dafür, dass er sie zuvor ignoriert hatte. Jetzt war er vollkommen durchgefroren und es würde sicherlich lange dauern, bis er wieder warm wurde. Er schniefte wieder. Gedankenverloren strich er mit dem Ärmel seines Pyjamas über die Nase.
Als er am nächsten Morgen erwachte war die Kälte fort. Doch sein Kopf schmerzte noch immer und sein Hals war trocken. Wann hatte er zuletzt etwas getrunken? Er setzte sich im Bett auf. Etwas irritiert blickte er auf einen rostbraunen Fleck am Ärmel seines Pyjamas. Getrocknetes Blut. Auf seinem Kopfkissen fand er noch mehr. Er hatte Nasenbluten gehabt und es nicht einmal gemerkt.
Mühsam streckte er die Beine aus dem Bett, am liebsten wäre er liegen geblieben. Er spürte den Schmerz des Verlustes noch stärker als am Tag zuvor. Er war inzwischen angewachsen zu einem reellen Schmerz, den er im gesamten Körper spürte. Doch er durfte sich davon nicht ablenken lassen. Seine Mutter brauchte ihn. Und so verzog er nur einmal kurz das Gesicht, bevor er schließlich endgültig aufstand.
Elizabeth war wirklich stolz auf ihren Sohn. Sie sah ihm an wie sehr er litt, und doch tat er alles, um für sie stark zu sein. Nicht viele junge Männer würden sich so um ihre Mutter bemühen. Die heutige Jugend war störrisch geworden, wollte unabhängig sein. Auch Edward zeigte durchaus Ansätze und widersetzte sich immer wieder, doch wenn es darauf ankam, dann war auf ihn immer Verlass.
Sie war müde. Die letzten Tage hatten an ihren Kräften gezehrt. Und so setzte sie sich matt auf das Sofa und lauschte Edwards Spiel. Er spielte wieder Claire de Lune.
Sie dachte an die liebste Musik ihres Mannes, er hatte einen so anderen Geschmack gehabt als sie. Er hatte Ragtime geliebt, eine Musikart die sie eher verabscheute. Und auch wenn sie sie nicht leiden konnte, so musste sie jetzt daran denken und hätte gerne etwas davon gehört.
Sie blickte auf, als Edward als nächstes Stück keineswegs mehr eines ihrer Lieblingsstücke spielte, sondern stattdessen genau eines der Ragtime-Lieder die ihr Mann so sehr gemocht hatte. Manchmal war es unheimlich wie sehr Edward zu wissen schien was die Menschen um ihn herum dachten. Sie erinnerte sich daran, wie sie ihn einmal gefragt hatte woher er es wusste, doch er konnte es ihr nicht sagen.
„Ich weiß nicht", hatte er gesagt, als er ihr vor einigen Jahren genau den Hut vom Schrank holte, den sie wollte, obwohl sie ihm nicht gesagt hatte an welchen sie gedacht hatte und sie ihn fragte woher er es gewusst hatte. „Ich hab einfach angenommen, dass du diesen hier möchtest." Und so war es immer. Er vermutete und lag überraschend oft richtig. Selten irrte er sich. Er hatte eine erstaunliche Intuition was die Gedanken anderer anging.
Er spielte auch noch am nächsten Tag, als die Tasten anfingen vor seinen Augen zu verschwimmen, als ihm abwechselnd heiß und kalt wurde, als er spürte wie sein Atem anfing zu rasseln und schwerer wurde. Er versuchte das Husten zu unterdrücken, wollte nicht, dass sie sich sorgte.
Doch es wurde immer schwerer sich zu konzentrieren.
Er hörte wie seine Mutter im Nachbarzimmer leise mit ihrem Hausmädchen sprach – und dann verspielte er sich. Das leise Gespräch brach ab. Er verspielte sich erneut.
„Edward?", hörte er die beunruhigte Stimme meiner Mutter.
Er bemühte sich. Versuchte sich besser zu konzentrieren, für sie. Doch die Tasten verschwammen immer mehr vor seinen Augen. Die Tasten wurden grau, waren nur wie durch einen Nebel zu erkennen und dann hörte er einen grässlichen Misston, der klang als wäre jemand mit dem Kopf auf die Tastatur aufgeschlagen.
Erst als er das entsetzte Gesicht seiner Mutter über sich sah, erst als er verwirrt an die Decke starrte, erkannte er, dass es sein eigener Kopf gewesen sein musste, der diesen Misston verursacht hatte, als er vom Fieber geschüttelt zusammen gebrochen war. Elizabeth war entsetzt als sie ihn so sah. Wie hatte sie es nicht bemerken können wie krank er war? Wie hatte ihr das entgehen können?
Erneut holte ihn die Schwärze ein, schluckte ihn, zog ihn hinab. Als er die Augen wieder öffnete, blickte er an eine andere Decke als zuvor.
Jemand beugte sich über ihn. Sein Haar war blond, das Gesicht blass und ebenmäßig, perfekt. Der Mann legte seine Finger auf meinen Puls am Handgelenk. Sie waren eisig kalt. Unter den Augen hatte er dunkle Ringe, als hätte er in letzter Zeit nur wenig Schlaf gehabt. Doch am beeindruckendsten waren seine Augen selbst. Nie zuvor hatte Edward solche Augen gesehen. Sie hatten die Farbe von hellem Bernstein, golden, wirkten beinahe flüssig. Er war ganz in weiß gekleidet, sah aus wie ein Engel. War er einer? War Edward gestorben?
Doch dann sah er, wie er sich zu jemandem drehte, der hinter ihm stand.
Er sprach mit jemandem, doch er konnte den Worten nicht folgen. Dann beugte sich auch seine Mutter über ihn. Nein, das war kein Engel. Er war Arzt.
„Edward, kannst du mich hören?", fragte Elizabeth. Ihre Stimme klang panisch. Er sah die Angst in ihren Augen. Abrupt drehte sie ihren Kopf zur Seite und hustete. Ihre Brust bebte heftig. Er sah wie sie nach Luft rang, keuchend atmete sie ein und aus.
„Bitte Mrs Masen, legen Sie sich hin. Wir kümmern uns um Ihren Sohn", hörte Edward den Engel-Arzt sagen.
Edward schloss die Augen. Er hörte das Husten, Stöhnen und Keuchen um ihn herum. Es reichte, es zu hören um zu wissen wo er war, er brauchte sich dafür nicht umsehen. Er hörte die Rollen eines Bettes, das aus dem Raum geschoben wurde.
Das hier war das Krankenhaus. Doch es war kein Zimmer um zu genesen, das hier war nichts mehr als eine Erweiterung der Leichenhalle, es war der Vorraum, der Wartesaal zu diesem Ort und sie alle warteten nur darauf, dass sie dorthin gebracht wurden. Er spürte die Gedanken der Menschen um ihn herum. Manche hatten mit ihrem Schicksal Frieden geschlossen, andere erlitten Höllenqualen der Angst.
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