Chapter Thirty-Seven
Seine Mutter betrachtete ihn leicht abwesend in Madame Malkins Laden, während er seine neuen Roben anprobierte. Der Saum der frisch bestellten Roben war ein Stück zu lang und war abgesteckt worden. Draco betrachtete seine Mutter im Spiegel und wünschte sich, sie wäre zuhause geblieben.
Goyles Vater hatte sich angeboten, die Jungen mitzunehmen, um die restlichen Sachen zu besorgen, aber Narzissa hatte darauf bestanden, Draco persönlich zu begleiten. Es war immerhin das letzte Mal, dass sie sich beide sehen würden, ehe das erste Jahr in Hogwarts begann.
Narzissa Malfoy war keine gute Begleitung in der Öffentlichkeit, erst recht nicht in der Winkelgasse. Goyles Vater war zwar nicht unbedingt nett anzusehen, aber er verstand den einen oder anderen Scherz, wenn es die Gelegenheit bot. Zum Beispiel explodierende Ameisen ahnungslosen Muggeln vor die Füße zu werfen. Es war leicht genug, sie zu erkennen. Es waren immer die Personen, die von absolut allem begeistert waren.
Narzissa jedoch sorgte sich um viel zu viele Dinge, wie, zu viel Sonne, Muggel, Menschenmassen, Leute, denen man begegnen würde, die man gar nicht sehen wollte, wie Mr und Mrs So-und-So vom letzten Sonntagstee. Dennoch hatte sie ihren Sohn begleiten wollen und lächelte ihm nun freundlich entgegen, während sie einen losen Faden von seinem Umhang zupfte.
Sie versteckte ihre Zuneigung durch einen scharfen Kommentar. „Du bist nicht so groß, wie es dein Vater in deinem Alter war, aber du hast noch genug Zeit zum Wachsen."
Draco hoffte das auch. Es wäre inakzeptabel zwei Köpfe kleiner als Goyle zu sein und kaum einen Kopf größer als Pansy Parkinson. Kleinwüchsigkeit war seit Ewigkeiten aus der Malfoylinie verbannt worden.
Das und Kichern.
„Was steht noch aus?", fragte seine Mutter jetzt. Draco erinnerte sich, dass er die Liste in seine Hosentasche gesteckt hatte. Er holte sie hervor und entfaltete sie.
Mutter und Sohn begutachteten die letzten beiden Punkte. „Ich brauche noch eine Eule und einen Zauberstab", las Draco vor.
Narzissa nickte. „Um eine Eule wurde sich bereits gekümmert. Dein Vater hat sich persönlich darum gekümmert. Es ist eine exquisite Wahl. Sein Name ist Pietro."
Natürlich wäre der Vogel exquisit. Lucius kannte das Wort mittelmäßig überhaupt nicht. Draco jedoch war kurz beleidigt, dass er sich seine Eule nicht selber aussuchen durfte. Kurz hatte er überlegt, lieber eine Katze zu nehmen, aber das stand natürlich außer Frage. Er brauchte eine sichere und zuverlässige Methode, um mit seinen Eltern zu kommunizieren, und ein Schulvogel wäre nicht ausreichend.
Dann mussten sie sich jetzt nur noch um eine Sache kümmern. Draco zog sich wieder um, während seine Mutter Madame Malkin bezahlte. Sie überquerten danach mit ihren Einkäufen die Straße, um zu Ollivanders zu gehen. Seine Mutter hielt vor dem Laden inne. Der Wind hatte einige ihrer langen blonden Strähnen aus ihrer makellosen Frisur gezerrt und sie steckte sie lose hinter ihr Ohr.
Seine Mutter war wahrscheinlich die schönste Hexe, die Draco jemals gesehen hatte. Nicht die offensichtliche Schönheit, die Blaises Mutter war, aber die Art von Schönheit, für die man einen Schritt zurücktreten musste, um sie vollkommen genießen zu können. Ihre Züge wirkten beinahe schlicht, einzeln betrachtete, aber insgesamt boten sie ein perfektes, makelloses Bild.
„Draco, komm her."
Er tat wie ihm geheißen. Sie glättete seine ohnehin glatten Haare und bemühte sich den gestärkten Kragen perfekt zu formen. Ihm ging auf, dass sie nicht viel als Mutter zu tun hatte. Jede Kleinigkeit über jede Mahlzeit, die er zu sich nahm, die gefalteten Pyjamas und die abendlichen Bäder wurde von den bediensteten organisiert.
„Mutter…", beschwerte er sich, als sie mit der Hand über seine Wange strich. Gott sei Dank waren die Goyles noch bei Flourish und Blotts. Er würde sich diese Szene sonst noch das ganze nächste Jahr über von Greg anhören können. Sein Gesicht war noch etwas pausbäckig. Er hasste es.
„Ein Zauberstab bedeutet viele Dinge", erklärte sie atemlos. „Es bedeutet, dass du erwachsen wirst, Draco. Du wurdest als Zauberer und Malfoy geboren, aber jetzt verdienst du diese Titel. Dein Vater und ich haben sehr hohe Erwartungen, und wir sind sehr stolz auf dich."
„Ich muss nur nach Slytherin kommen", betonte er heftig. Wenn er jedes Mal eine Galleone bekommen hätte, wenn sein Vater die Häusereinteilung angesprochen hatte, wären die Malfoys mittlerweile doppelt so reich.
Sie hob eine Augenbraue. „Man kommt nicht nur nach Slytherin, Liebling. Man wird hinein geboren."
Ihr Ton erlaubte es ihm nicht, noch weitere Ängste zu äußern. „Ja, Mutter."
„Also, nachdem wir deinen Zauberstab gekauft haben, haben wir noch eine Stunde Zeit. Was möchtest du gerne tun?"
Dracos Laune hob sich sofort, auch wenn er sehen konnte, dass seine Mutter traurig zu sein schien. „Wirklich? Wir können alles tun? Egal was?"
Sie lächelte. „Egal was."
„Sogar Eis essen?" Er wusste, sie hasste die Massen in Florean Fortescues Laden an Kindern mit ihren Eltern.
„Ja", erwiderte sie, „lass uns Eis essen gehen."
Es passiert, dass eine Person in den ersten frühen Sekunden, in denen sie aufwacht, nicht weiß, wo sie ist, wer sie ist oder was passiert, bis sie tatsächlich die Augen aufschlägt. Draco empfand genau dieses leere Gefühl. Er öffnete die Augen und merkte, dass er sicher und warm in einem Bett lag. Und das war alles, was ihm gerade wichtig war.
Und dann erinnerte er sich.
Es war nicht Trauer. Trauer wäre der Schuld vorzuziehen gewesen, die er gerade spürte. So war das mit der Schuld. Trauer wurde nach einer gewissen Zeit stumpf, aber Schuld war hartnäckig. Draco kniff hastig die Augen zu, aber sofort spürte er das mächtige Gewicht der Realität auf sich niedersinken. Er wollte die Decke über den Kopf ziehen und im Bett bleiben, bis der Albtraum verging. Er wollte sich einreden, dass er immer noch viele Jahre hatte, um erwachsen zu werden und dass seine blöden Probleme gefälligst warten konnten, bis er erwachsen war, um sich mit ihnen zu beschäftigen.
Draco seufzte. Er konnte sich nicht verstecken, von den Problemen und Ängsten, die sich wie folgt darstellten:
Er war vom Ministerium erpresst worden, eine gefährliche Aufgabe zu übernehmen.
Seine Mutter war umgebracht worden.
Die Aurorin, die seine Cousine war, und die er vorher noch nie gesehen hatte, war gekidnappt worden, nur zwei Tage, nachdem er sie kennengelernt hatte.
Todesser wollte anscheinend seinen Kopf auf einem Tablett.
Er war mit Hermine Granger verheiratet.
Marcus Flint, Kapitän der Slytherins, hatte immer gesagt, Draco würde zur Höchstform auflaufen, sobald ein Spiel nicht beschissener und aussichtsloser werden konnte.
Und jetzt sah es nicht anders aus.
Er setzte sich schließlich auf und verzog den Mund, nachdem die Kopfschmerzen ihn erreicht hatten. Sein Verstand jedoch war glasklar. Die Kopfschmerzen könnte er auch mit einem Stopp im Krankenflügel beheben. Es war wichtig, weiterzumachen. Wenn er nur eine Sekunde aufhörte und darüber nachdachte, was die letzten Momente im Leben seiner Mutter gewesen waren, würde er… dann würde er….
Draco schluckte den schweren Kloß in seiner Kehle runter. Nein. Er würde daran nicht denken. Er konnte nicht. Es würde gefährlich werden, wenn er es tun würde. Er fühlte sich ausgelaugt. Seine Schulter schmerzte auch, was bedeutete, er hatte zu lang auf ihre gelegen. Merlin, er fühlte sich wie ein alter Mann, der dringend Urlaub brauchte, in dem ihn niemand zu etwas zwingen würde, bedrohen würde, sich in ihn verlieben würde oder umbrachte, was noch von seiner Familie übrig war.
Was noch übrig war, waren nur noch Lucius und Toolip, die loyale Hauselfe.
Ironischerweise befand sich sein Vater gerade am sichersten Ort der Welt. Toolip hatte ihren eigenen Zauber, um sich zu schützen, und es grenzte an Wahnsinn, dass Voldemort und seine Leute erraten könnten, welche engen Gefühle Draco für die Elfe hegte.
Blieb nur noch Granger. Sie gehört auch zur Familie, oder nicht?
Und die Bösen wussten bestimmt davon. Draco war überzeugt, dass sie es wussten. Er musste mit Potter sprechen. Ohne Zweifel hatte der Junge, der keine Haarbürste besaß schon von Narzissas Tod gehört. Snape hatte gesagt, es sei in der Zeitung gewesen. Wahrscheinlich wusste jeder hier schon Bescheid. Aber Draco wusste, Harry wäre bestimmt niemand, der Schadenfreude bekunden würde.
Das würde er sogar eigentlich vorziehen. Eine Entschuldigung, Potter ins Gesicht zu schlagen würde ihm gut tun. Aber Draco wusste, die einzige Reaktion von Harry wäre Mitleid.
Und damit konnte er nicht umgehen.
Draco fühlte, dass nicht mehr viel übrig war, was die Welt nicht wusste. Selbstmitleid war nie etwas gewesen, dem er nähere Beachtung geschenkt hatte. Und es wäre zu verlockend, würde er jetzt damit beginnen.
Verdammt, er brauchte Hermine. Wo zum Teufel war sie? Warum war sie nicht bei ihm geblieben? War es nicht genau das, wozu sie in der Lage sein sollte? Sich sorgen, ihn festhalten – all diese kuschelig widerlichen Dinge, die Mädchen wie sie Tag ein Tag aus vollbrachten, um Leute von ihren Schmerzen abzulenken?
Er kannte die Antwort bereits, als er darüber nachdachte. Wären sie nicht in Hogwarts, hätte er die Freiheit sie in sein Bett zu holen und eine Woche dort zu behalten, um seine Sorgen zu lindern. Sie würde ihn berühren, küssen und ablenken. Er würde seinen Schmerz in ihren braunen Augen sehen können, denn er war nicht in der Lage, ihn in seinen Augen zu betrachten.
Draco mied den Spiegel neben seinem Schrank aus genau diesem Grund. Es war der letzte offizielle Tag ihrer schulischen Ausbildung und dennoch fühlte er nichts weiter als Verwirrung und die Falten seiner nicht gebügelten Schulhose, als er sie anzog. Als nächste band er sich seine Krawatte und spürte nichts von der Feierlichkeit, es das letzte Mal zu tun. Er hatte nicht mehr viele Gefühle, die er opfern konnte.
Er hatte eine Entscheidung getroffen, als er gestern Snapes Büro verlassen hatte.
Es war keine schwere Entscheidung gewesen, aber es würde eine schwere Aufgabe sein. Draco hatte wenig Hoffnung in das Ministerium gesetzt. Er brauchte echte Gerechtigkeit. Nicht die Gerechtigkeit von Bürokraten oder des Zauberergamots, berechnet und kalkuliert. Er wollte Rache. Es war das einzige, was Sinn machte. Er würde diese letzte Sache für seine Mutter tun.
Verdammt, es würde schwer werden. Er hatte kein anderes Kampftraining als den Duellier-Club bekommen, und das war einfach nur lächerlich gewesen. Er hatte seinen Verstand, seine Reflexe und eine Enzyklopädie an gesammelten Zaubern und Flüchen parat. Und er war ein Malfoy. Das allein bedeutete schon, dass er in der Lage war, Grausamkeiten zu tun. Reichte das aus?
Es war egal. Er würde diejenigen finden, die für den Tod seiner Mutter verantwortlich waren. Er würde es alleine schaffen, auch wenn es ihn Jahre kosten würde.
Sie haben es gewagt seine Mutter anzurühren, dachte er mit frischer Wut. Unglaube vermischt mit Zorn. Haftstrafe war eine Sache. Ein Attentat etwas ganz anderes.
Es war die Schuld seines Vaters. Dieser erbärmliche Bastard hatte seine Mutter nicht davon abhalten können, ihn zu verlassen und war dann nicht mal in der Lage gewesen für ordentlichen Schutz zu sorgen.
Es war auch seine Schuld. Er hatte sich nicht einmal darum bemüht, sie zu besuchen, nachdem sie ausgezogen war. Er war zu sehr damit beschäftigt gewesen, beleidigt zu sein, dass sie ihn verlassen hatte. Vielleicht hatte sie ihn gar nicht wirklich verstoßen und verlassen. Vielleicht hatte sie nur Angst um Sicherheit gehabt und hatte deshalb so viel Distanz wie nur möglich zwischen sich und ihn gebracht. Die Fehler in ihrer Beziehung waren egal. Draco hatte niemals angezweifelt, dass sie sich um ihn sorgte.
Um besten dachte er nicht zu viel über ihre Beweggründe nach. Er dachte keine Sekunde darüber nach, dass Narzissa vielleicht nicht wollte, dass er ihren Tod rächen würde. Diese Art von denken passte nicht zu ihnen, zu den Malfoys. Und sie war außerdem noch eine Black. Blutrache wurde praktisch erwartet. Er schuldete es der Frau, die ihn zur Welt gebracht hatte.
Sein Vater hatte getötet, und seine Mutter hatte an seiner Seite gestanden, zugesehen, wenn nicht immer mit Verständnis oder Befürwortung, aber seine Mutter würde es ihren Sohn nicht nachtragen, wenn er sie rächen würde.
„Mutter, wo auch immer du bist, ich hoffe, du bist jetzt verdammt noch mal glücklicher als du es mit uns gewesen bist."
Draco nahm an, Gott nahm es ihm nicht übel, dass er sein Gebet mit Blasphemie verband.
Gott hatte schließlich einen kranken Sinn für Humor. Er hatte ihm Hermine Granger geschickt.
„Also", begann Hermine, „wollt ihr irgendwas dazu sagen?"
Es war nach dem Frühstück, und Hermine, Harry und Ron saßen an ihrem Lieblingsplatz in der Bücherei, dort wo niemand war. Hermine hatte es als Ort ausgewählt, um es ihnen zu sagen, denn niemand würde hier vorbeikommen, am letzten Schultag.
Es war ein wunderschöner Sommertag draußen. Ein guter Tag für schlechte Nachrichten, nahm sie an.
Ginny war immer noch beim Frühstück in der Großen Halle und hatte noch keine Ahnung. Hermine hoffte, dass es so am besten war.
Sie würde mit den Jungen anfangen, die sich wohl auch am meisten aufregen würden.
Harry starrte sie immer noch fassungslos an. Immerhin hatte sich sein offenstehender Mund wieder geschlossen. Ron tat etwas völlig anderes. Er war weggegangen, kam wieder und schritt nun vor den Tischen auf und ab, während missmutig zu Boden starrte.
„Ich versuche immer noch zu begreifen, dass du mit ihm an unsere Abschlussfeier abgehauen bist, aber jetzt erschlägst du mich mit der Information, dass ihr verheiratet seid", erwiderte Harry. Er sah erschüttert aus. Hermine bemerkte, dass er seine Brille abgenommen und sie vor sich auf den Tisch gelegt hatte. Er tat das nur, wenn er extrem beunruhigt war oder Kopfschmerzen hatte. Der Ausdruck in seinem Gesicht sagte ihr, dass es sich hierbei wohl um eine Mischung aus beiden Dingen handeln musste.
„Und jetzt, wo du es begriffen hast?", fuhr sie eindringlich fort. Sie konnte das Gefühl nicht abschütteln, als hätte sie gerade ihren Eltern erzählt, sie hätte sich nachts aus dem Haus geschlichen, um einen Jungen zu treffen, von dem beide nichts hielten. Es wäre wirklich großartig, wenn sie einfach weitermachen würden mit Oh-mein-Gott-wie-konntest-du-wir-reden-hier-von-Malfoy!
„Ich kann nicht fassen, dass du es zwei Wochen vor uns geheim gehalten hast!" Harry klang sogar beeindruckt.
„Ich auch nicht", gestand sie ihm ein. Rons fehlende Reaktion begann sie langsam zu sorgen. „Ich konnte nie etwas vor euch geheim halten." Sie richtete diesen Satz an Ron.
„Es wäre in diesem Fall vorzuziehen gewesen", murmelte Ron schließlich. Immerhin lief er nicht mehr hin und her. Er zog einen Stuhl heran und sank darauf zusammen.
Harry trommelte mit den Fingern auf dem Tisch. „Hast du es Ginny gesagt?
„Nein, noch nicht."
„Sag es ihr nicht", bemerkte Ron. „Sie würde sterben."
Harry schnaubte auf. „Würde sie nicht. Sie wird es besser auffassen als wir. Ich sollte dir sagen, dass wir bereits vermutetet hatten, dass du mit einem Slytherin ausgehst, aber wir haben angenommen es wäre Zabini", informierte er sie.
Hermines Augenbrauen verschwanden unter ihrem Pony. „Blaise? Was zur Hölle hat euch annehmen lassen, es sei Blaise?"
Harry klang ungläubig, als er antwortete. „Derselbe Grund weswegen wir niemals angenommen hätten, es sei Malfoy. Du magst Blaise, und du hasst Malfoy."
„Ich habe ihn nie gehasst, Harry."
„Ja, die Ohrfeige, die du ihm im dritten Jahr verpasst hast, hätte uns täuschen können", murmelte Harry.
„Es war anders damals."
„In wie fern? Ich könnte Malfoy jeden Woche mindesten einmal schlagen."
Hermine ignorierte diese Aussage. Sie wandte sich an Ron. „Raus mit der Sprache, Weasley."
Und Ron gehorchte. „Bist du verrückt geworden?" Seine Stimme war jetzt eine Oktave höher. „Wir reden hier von Draco Malfoy! Er ist Abschaum!"
Hermine seufzte. Damit hatte sie gerechnet. „Ich fasse zusammen, du bist also dagegen".
„Natürlich bin ich verflucht noch mal dagegen!", schrie er jetzt. „Hast du vergessen, dass sein Vater versucht hat uns umzubringen?"
„Sie ruhig!", zischte Harry.
„Draco ist nicht sein Vater. Ich wünschte, jeder würde aufhören, das anzunehmen."
„Oh, wir nennen ihn jetzt Draco, hm?"
„Na ja, sie sind verheiratet", bemerkte Harry und sah aus, als wünschte er, er hätte es nicht getan.
Ron erhob sich. „Ich glaube, mir wir schlecht…"
Hermine funkelte ihn an. „Wo willst du hin? Meine Güte, setz dich einfach wieder. Da ist noch mehr." Kurz sah er so aus, als würde er auf der Stelle verschwinden, aber dann setzte er sich wieder und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Wieso ihn?", fragte Harry.
Sie wollte ihm antworten, hielt dann aber inne. Sie hatte genug Streit mit Ron, besonders wenn er sich weigerte, seinen Verstand zu benutzen. „Glaubt ihr beiden wirklich, ihr seid in der Lage euch meine Antwort darauf anzuhören? Ich bin nicht hergekommen, um von euch verurteilt zu werden. Ich bin hier, weil ich eure Hilfe brauche."
„Und du wirst sie immer bekommen", versicherte ihr Harry leiser. „Worum geht es? So wie du klingst hat es wohl nichts mit Malfoys Schlafzimmerqualitäten zu tun."
Sie wurde rot. „Nein, natürlich nicht."
„Bist du in Gefahr?", fragte Harry. Seine grünen Augen, das hypnotischste an ihm, schienen sich in ihren Kopf zu bohren. Sofort schien er seine Intensität zu bemerken und brach die Verbindung ab. Hermine wusste, dass seine Okklumentik-Fähigkeiten zu Tage kamen, wenn er von anderen Antworten wollte.
War sie in Gefahr? Die kurze Antwort darauf wäre, ja.
„Ja", flüsterte sie.
Ron nickte bereits zornig und war wieder aufgestanden. „Scheiß drauf, Harry! Wir müssen mit ihm reden, nicht wahr? Scheiß Dean und scheiß Seamus sind ja schon abgereist! Wen haben wir noch als Rückendeckung? Hagrid kann uns helfen! Sag Malfoy, er soll und draußen treffen, und-"
Harry hatte genug. Er zerrte Ron wieder auf den Stuhl. „Ron, du bereitest mir Kopfschmerzen. Setz dich einfach hin und halt die Klappe."
Hermine schenkte Ron einen angewiderten Blick. „Ich nehme an, euch beiden wäre es lieber, wenn es Blaise wäre, habe ich recht?"
„Zabini ist etwas anderes", unterbrach Harry. „Er ist nicht so wie der Rest von ihnen."
„Der Rest von ihnen? Könnt ihr euch reden hören? Genau das ist es, was den verdammten internen Häuserhass aufrecht erhält!"
Ron versteckte seine Ungläubigkeit hinter einem Husten. „Oh ja? Und Eltern zu haben, die Leute umbringen fördert nicht den Häuserinternen Häuser…"
„Interner Häuserhass", verbesserte ihn Hermine eiskalt. „Soll ich es dir buchstabieren, Weasley?"
Ron wurde knallrot. „Buchstabieren hat dir wohl auch nicht geholfen, als du mit dem Sohn des Teufels ins Bett gestiegen bist, oder?", knurrte Ron außer sich.
„Du musst nicht lauter werden, ich höre dich sehr gut", erwiderte Hermine nicht minder zornig.
„Er behandelt dich anscheinend nicht gut. Sieh dich an!" Ron deutete auf sie. „Du bist nur noch Haut und Knochen. Du rührst dein Essen nicht an und hast kein Wort mit uns in den letzten Tagen gesprochen!"
Hermine Ausdruck wurde finster. Sie sah, wie verletzt Ron war, und sie wusste, warum, aber sie waren alle alt genug, um wie erwachsene zu reden.
„Erzähl mir nicht, Schlammblut ist dein neuer, kleiner Kosename geworden", schnaubte Ron.
„Ron!", begann Harry warnend.
„Er hat es dieses Jahr nicht ein einziges Mal zu mir gesagt!"
Ron verdrehte die Augen. „Merlin, gebt dem Mann eine Medaille!"
Hermine hob abwehrend die Hände. „Ich wusste, du wärst so! Ich wusste, Harry wäre schockiert, aber du! Du würdest jede Entschuldigung nutzen, um auszurasten! Es war das gleiche, als Ginny gesagt hatte, sie würde Seamus mögen – und er ist sogar Gryffindor!"
„Es ist nicht dasselbe, und das weißt du! Wir wissen alles, dass Ginny mit Harry zusammen sein will, aber Harry ist nobel und will sie nicht gefährden, was mehr ist, als ich von dir und Malfoy behaupten kann, wenn ihr zusammen verschwindet zu so… unsicheren Zeiten!"
„Oh, ich bitte euch…", begann Harry wieder, diesmal peinlich berührt, dass auch seine schmutzige Wäsche ans Tageslicht gebracht wurde.
Hermine schüttelte bloß den Kopf. „Gut gemacht Ron. Ich glaube aber, DASS ES IN HOGSMEADE BESTIMMT NOCH LEUTE GIBT, DIE DICH NICHT GEHÖRT HABEN!"
„Wie hast du erwartet, dass wir reagieren?", entgegnete Ron, und er und Hermine standen nur noch eine Haaresbreite voneinander entfernt, während sie sich anschrien. „Es war schlimm genug, als wir gedacht haben, du würdest heimlich mit dem kalten Fisch Zabini Händchen halten! Ich meine, das hätte vielleicht noch Sinn gemacht. Ihr hättet über Eine Geschichte von Hogwarts sprechen können bis ihr schwarz geworden werdet. Aber das! ES GEHT HIER UM MALFOY, HERMINE! SEIN VATER HAT MENSCHEN UMGEBRACHT!"
„SCHREI MICH NICHT AN, RONALD!"
Harry bedeutete ihnen still zu sein. Er konnte Schritte hören, die näher kamen, und nahm an, dass Madame Pince vom Lärm angelockt worden war. Er sah auch, dass Hermine den Tränen nahe war. „Ron, beruhige dich wieder!"
Ron wandte sich hastig zu Harry um. „Nein, ich werde mich nicht beruhigen, und du, Harry, bist offensichtlich wahnsinnig, wenn du hier sitzt und dich einfach damit abfindest. Sag ihr, dass sie wieder normal sein soll!"
Harry erhob sich jetzt ebenfalls. „KANNST DU AUFHÖREN EIFERSÜCHTIGES ARSCHLOCH ZU SEIN UND IHR ENDLICH ZUHÖREN?"
„Ich kann nicht fassen, dass du das sagst…" Ron wich vor Harry zurück als wäre er gefährlich. „Ihr seid beide verrückt. Meine beste Freundin im Bett mit einem Malfoy! Mum wird ausrasten, wenn sie davon erfährt. Wie passend, dass du mit Harry Potter und dem Sohn des Ministers zusammen bist. Das ist es, oder? Natürlich! Woher weißt du, dass er dich nicht bloß-"
Es war Hermines Ausdruck, der Ron verstummen ließ. Sie starrte über seine Schulter und wirkte versteinert. Tränen rannen ihre Wangen hinab. Ron wusste, er sollte sich schlecht fühlen, aber das hier ging einfach zu weit.
„Weasley", sagte Draco mit einer Wärme eines arktischen Sturms im Dezember, „solltest du es wagen, diesen Satz zu beenden, bedenke bitte, dass ich mein Bestes tun werde, dich zu einem blutigen Haufen zusammen zu schlagen."
Ron wirbelte herum. Er schien völlig sprachlos, jetzt wo der Grund ihres Streits direkt vor ihm stand. Dann aber trat ein hartes Funkeln in seine Augen. „Malfoy, ich würde dir mein Beileid für deine tote Mutter wünschen, aber das wäre nur aufrichtig, wenn du mir tatsächlich leidtun würdest."
Harry murmelte eine Beleidigung, und Hermine schnappte nach Luft.
Draco lächelte.
„Ich danke dir vielmals", eröffnete er. Und dann rammte er Ron die Faust ins Gesicht.
