37. Tratsch aus Beauxbatons und Weihnachtspläne
Am Abend saßen sie ausnahmsweise mal wieder traut vereint vor dem Kamin. Ron und Jules spielten Schach. Hermine und Ginny ließen sich über Pansy aus, die beim Abendessen wieder ihre Hände nicht von Draco lassen konnte. Claire hatte sich an Jim gekuschelt und schlief mal wieder. Hermine sah das zwar nicht allzu gern, hatte sich damit aber mittlerweile abgefunden.
Harry erinnerte sich an das, was Claire zu Mittag erzählt hatte: „Sag mal Jim, Claire hat von einer Aufführung in Beauxbatons gesprochen. Was hat sie damit gemeint?"
„Oh, es ist in Beauxbatons so üblich, dass kurz nach Ostern, bevor die Prüfungen beginnen, einige Schüler etwas aufführen, und da sind dann auch die Eltern dazu eingeladen. Im vergangenen Jahr haben wir zum Beispiel das Musical „The Rocky Horror Picture Show" gespielt, im Jahr davor Lieder von den Comedian Harmonists gesungen und in unserem dritten Jahr, war es eine verbale Auseinandersetzung zwischen Hexen und Zauberern, so als Kampf der Geschlechter. Was hat Claire dir leicht erzählt?"
„Sie hat gesagt, dass der Vater von Marcel unangenehm berührt war, dass sie als nicht reinblütige Hexe seinen Sohn geküsst hat."
„Oh das! Das war eben in unserem dritten Jahr, Marcels Abschlussjahr. Er waren eben die beiden, die die Hauptrollen in dieser Debatte über hatten. Wir anderen waren bloß Statisten mit nur wenig Text. Das ganze haben sie übrigens auf Latein gemacht. Claire ist sowieso ein Naturtalent was Sprachen betrifft, und Marcel wurde wohl von seiner Familie dazu angehalten Latein zu lernen. Für beide ist es keine tote Sprache, sondern durchaus einen lebendige."
„In Latein?", Hermine hatte aufgehorcht, „Aber das haben wohl nicht allzu viele verstanden?"
„Oh da irrst du dich. In Frankreich ist es in Zaubererkreisen durchaus noch üblich diese Sprache zu erlernen. Und vor allem die Lehrer und die Gäste waren begeistert."
„Abgesehen davon, dass der Kuss sehr echt gewirkt hat und sie sich fast nicht voneinander trennen konnten." mischte Jules sich ein.
„Papperlapapp – sei still!" Claire schien doch nicht so fest zu schlafen, wie es den Anschein hatte.
„Ach ja? Gibt es da noch mehr zu erzählen?" fragte Ginny neugierig.
„Tja eigentlich schon einiges. Aber du hast ja gehört: Claire hat was dagegen, dass wir aus ihrem Intimleben erzählen."
„Klappe jetzt – sonst fang ich zu erzählen an. Könnte sein, dass das hier Anwesende interessieren könnte." Claire hatte sich jetzt aufgerichtet, war von Jim abgerückt und blinzelte die Jungs böse an.
„Ich bin ja schon still. Beruhig dich doch." gab Jim klein bei.
„Na ja, aber ich könnte mal schauen, ob ich Bilder von der Aufführung vom Vorjahr finde. Hat jemand das Bedürfnis die beiden Süßen in kessen Dessous zu sehen?"
Ron verdrehte die Augen: „Das willst du uns doch nicht wirklich antun? Sie blenden einen ja schon in ordentlich bekleidetem Zustand."
Ginny musste lachen: „Aber Brüderchen, willst du damit sagen, deine geschlechtliche Orientierung ist gleich wie die von unserem Bruder Charlie? Das hätte ich nicht von dir gedacht."
„He Schwesterchen – hüte deine Zunge. Nein, gewiss nicht."
„Also interessierst du dich doch mehr für Jungs als für Mädchen?" fragte Claire vorlaut.
„Nein, ich sagte doch ..."
„Du hast gesagt deine „Orientierung" sei gewiss nicht die gleiche, wie die von Charlie. Und von ihm ist mir nur bekannt, dass er am weiblichen Geschlecht interessiert ist."
„Woher glaubst du das zu wissen?" fauchte Ron sie an.
„Ich weiß es eben – basta!" Claire ließ keine weiteren Diskussionen zu und wandte sich an Harry: „Hast du dir eigentlich schon überlegt, wo du die Weihnachtsferien verbringen willst? Mutters Angebot steht noch immer."
Ron sah überrascht zu Harry: „Aber Ma hat dich doch auch eingeladen. Willst du nicht in den Fuchsbau mitkommen?"
Harry sah etwas hilflos und unschlüssig drein: „Ich hab mir darüber eigentlich noch nicht den Kopf zerbrochen. Aber es würde mich schon reizen Weihnachten bei Miranda und Claire zu sein. Ich möchte Miranda einiges fragen, und nur brieflich ist das schwierig. Wenn es also ernst gemeint war ..."
„Na sicher war es das. Ron du kannst ja auch zu uns kommen. und ihr anderen natürlich auch. Ma ist es gewöhnt, dass unser Haus entweder sehr leer, oder übervölkert ist. Sie hat ja danach wieder einige Monate zum Erholen."
„Gute Idee," meinte Jim, „Ein paar Tage müssen wir zwar zu Mutter, aber dann könnten wir. Na Hermine – was hältst du davon?"
„Ach meine Eltern haben sich schon daran gewohnt, dass ich auch in den Ferien nicht ständig daheim bin. Also wäre es schon möglich."
„Ginny, was ist mit dir?" erkundigte sich Jules.
„Na ich weiß nicht. Mutter ist immer so froh, wenn wir heimkommen. Die wird das wohl kaum erlauben."
„Aber was. Wenn du willst, soll meine Mutter eben deiner Mutter Bescheid geben, dass sie sich über euer Kommen freuen würde. Sie kann sehr überzeugend sein, wenn sie will."
„Also wenn das ginge – ich fände es toll – Aber habt ihr so viel Platz?"
„Na im Normalfall nicht Aber es gibt ein Gästezimmer, das bekommen die Jungs, und ihr Mädchen schläft bei mir. Ich beherrsche den Zauber Räume magisch zu vergrößern schon sehr gut. Hab das schon öfter gemacht,"
„Wo wohnst du denn eigentlich?" erkundigte sich jetzt Ron.
„Etwas außerhalb eines kleinen Dorfes. Das Nachbarhaus bewohnen die Jordans, unsere Gärten sind nicht voneinander getrennt und enden am Seeufer. Baden werden wir zwar zu Weihnachten nicht können, aber Eislaufen. Und Schlitten fahren auf einem Hügel in der Nähe. Ich glaube nicht, dass uns langweilig wird."
Nein, das klang eigentlich ganz gut. Das war wenigstens was, worauf Harry sich freuen konnte. „Aber wird es mir Dumbledore gestatten? Du weißt schon – wegen der Aktivitäten Riddles?" „Oh darüber würde ich mir keine Sorgen machen. Unser Haus ist magisch geschützt. Also seid ihr dort in Sicherheit."
„Aber wo wir grad bei den Franzosen waren," fing Hermine an, „Dumbledore hat doch einige angesprochen, ob sie Wache in Hogwarts übernehmen würden. Soviel ich mich erinnere hat dieser Marcel ihm für nach Weihnachten fix zugesagt. Das müsste dich doch freuen, wenn du ihn so gut kennst."
Claires Reaktion war aber anders als erwartet: sie erstarrte, das Wasserglas, das sie gerade zum Mund führen wollte glitt ihr aus der Hand und zerbarst in winzige Scherben und ihre Augen waren vor Schreck geweitet. Hermine, die das keineswegs in böser Absicht gesagt hatte erschrak. Sie sah beunruhigt zu Jim, der die Augen rollte und den Kopf schüttelte. So in der Art: Das war jetzt kein guter Einfall.
„Claire was ist mit dir?" Ginny fügte das Glas mit „Reparo" rasch zusammen und legte ihr dann beschwichtigend den Arm um die Schulter. „He Liebes, wieso bist du so erschrocken?"
Und sie fing ganz automatisch eine Melodie zu summen an. Claire erwachte aus ihrer Erstarrung und sah sie dankbar an: „Danke Ginny, es ist nichts. Ich hab nur nicht damit gerechnet, dass ich hier womöglich ehemaligen Mitschülern begegnen könnte. Ich glaub, ich geh jetzt besser mal schlafen." und sie stand auf und wandte sich den Stiegen zu.
Was für eine faule Ausrede war denn das nun wieder? Harry beschloss die Zwillinge später danach zu fragen. Hermine und Ginny erhoben sich ebenfalls. „Gute Idee, da schließen wir uns an." und beide verabschiedeten sich von ihren Freunden und folgten Claire. Aber Harry sah, dass auch Ginny ihnen in das Schlafzimmer der Sechstklässler folgte. Da schien wohl noch jemand neugierig zu sein.
8. Sichtwechsel
„He Kleines. Du hast dich in der Tür geirrt." sagte Hermine zu mir.
„Nö hab ich nicht. Ich will jetzt endlich mal wissen, was uns Claire da so alles verheimlicht." entgegnete ich.
„Ich verheimlich gar nichts. Wieso sollte ich auch? Aber ich muss euch doch nicht alles von meinen letzten Schuljahren erzählen. Aber wenn ihr wollt, schreib ich Ma, dass sie mir die Fotos von den Jungs von der letzten Aufführung schickt. Die könnten euch eventuell gefallen." und Claire ließ sich aufs Bett fallen.
„Jetzt lenk nicht schon wieder ab. Also, was hat es mit diesem Marcel auf sich? Da war doch noch mehr, als du uns weismachen willst?" hakte Hermine nach.
„Oh Mädels ihr seid anstrengend. Was soll schon gewesen sein? Wir waren ein halbes Jahr zusammen. Das ist alles."
Das wollte ich jetzt aber genauer wissen: „Du warst damals in der dritten Klasse? Und Marcel in der siebenten? Wow, und was bedeutet das bei dir: du warst mit ihm zusammen?"
„Neugierdsnase, na Händchen halten, küssen und so halt."
„Und was fällt unter : so halt?" auch Hermine hatte sich auf den Bettrand gesetzt und spitzte die Ohren.
„Na alles was halt so dazu gehört. Ja verdammt, ich hab auch mit ihm geschlafen, na und? Und mit Schulschluss haben wir uns getrennt. Also genauer gesagt, hab ich mich von ihm getrennt. Und jetzt will ich ihm eigentlich nicht hier begegnen."
„Aber wieso hast du dich von ihm getrennt? Ich hab ihn doch auf der Hochzeit gesehen. Er ist ein Bild von einem Mann: gutaussehend, kräftig, und wenn er Auror wird ist er wohl auch ein fähiger Zauberer."
„Ja sicher, ich hab ihn auch unheimlich gern gehabt. Aber ich war mir sicher, dass es außerhalb der Schule mit uns nicht weitergehen würde. Er ist nun mal beinahe 5 Jahre älter als ich. Glaubst du meine Mutter hätte es gut geheißen, wenn ich mich mit ihm in den Ferien getroffen hätte?"
„Also du erscheinst mir so, als hättest du sehr wohl Wege und Möglichkeiten gefunden ..."
„Ja vielleicht. Aber ich war mir sicher, dass er recht bald eine andere kennen lernen würde, und ich wollte mir wohl diesen Kummer ersparen. Außerdem wusste ich ja, was sein Vater von nicht reinblütigen Hexen hielt. Nein, ich hab lieber verzichtet. Ich hab auch versucht Marcel meine Beweggründe zu erklären, aber er war unheimlich sauer und wir haben uns furchtbar gestritten, als wir uns zum letzten Mal sahen."
„Und jetzt hast du Angst vor seiner Reaktion, wenn du ihn wieder triffst?"
„Na klar doch. Das war auch einer der Gründe, weshalb ich von der Hochzeit so schnell verschwunden bin. Er hat mich dort auch ganz neugierig angesehen, aber ich glaube, er hat mich dann doch nicht erkannt."
„Und was war der zweite Grund?"
„Jetzt reicht es mir aber. Ich sag gar nichts mehr." Claire vergrub trotzig ihr Gesicht in ihrem Polster.
„Aber süß hat er ausgesehen. Mit seinen dunkelbraunen Haaren." geriet ich ins Schwärmen.
„He" Claire richtete sich nochmals auf, „du wirst doch Jules nicht untreu werden." ihr Gesicht sah fast entrüstet aus. Aber man sah das schelmische Blitzen in ihren Augen. „Aber glaubst du wirklich ich hätte meine Zeit damit verbracht mit hässlichen Jungs zu schmusen? Nö, die waren alle ganz ansehnlich. Und kein einziger Blondschopf dabei."
Hermine fing an zu lachen. „Oh du sprichst mir aus der Seele, diese Haarfarbe finde ich auch nicht ganz so attraktiv. Wenn ich mir nur den doofen Draco ansehe ..."
Claire sah jetzt wieder ganz ernst aus. „Pass nur auf. Draco ist nicht dumm. Er hat nur die Ansichten seiner Eltern übernommen. Und das ziemlich zur Gänze. Aber dumm ist er keineswegs, vor dem sollte man sich wohl besser in Acht nehmen."
„Hast recht. Er hat schon einiges von seinem Vater Lucius Malfoy abbekommen." das war von mir nur so dahingesagt, aber zum zweiten Mal diesen Abend zuckte Claire zusammen und ich spürte, wie sie sich in ihr Schneckenhaus zurückzog. Aber nicht nur sie, auch Hermine war bleich geworden.
„Was ist los? Hab ich was Falsches gesagt? Das wollte ich nicht. Was ist es, dass dich vor Dracos Vater so erschrecken lässt?" Hermine hatte den Arm um Claire gelegt. Sie, die zuerst doch rechte Ablehnung Claire gegenüber gezeigt hatte, sich nun aber neutral verhielt, sie nahm Claire in den Arm um sie zu trösten.
„Frag nicht." sagte Hermine bloß zu mir gerichtet.
Claire zitterte und sah mich dann aber direkt an: „Lucius Malfoy, ist derjenige, der mir meine Narben zugefügt hat. Aber frag heute bitte nicht weiter. Ich kann dir jetzt nicht mehr dazu sagen." und sie vergrub ihren Kopf an Hermines Schulter und begann lautlos zu weinen.
Ich war nun selbst ganz benommen. Lucius Malfoy hatte sie so gezeichnet? Und mir fiel ein Artikel im Tagespropheten von vor einigen Jahren wieder ein. Hatte dieser Artikel von Claire erzählt? Ich wollte nicht daran glauben. Hoffte es für sie, dass es nicht stimmte. Verwirrt ging ich auf mein Zimmer und versuchte zu schlafen. Aber es dauerte einige Zeit, bis mich der Schlaf von meinen wirren und traurigen Gedanken erlöste.
Fortsetzung 8. SichtwechselAm nächsten Morgen war Claire sehr blass, und ich wollte sie nicht weiter befragen. Aber am Nachmittag ließ es mir keine Ruhe mehr und ich suchte die Bibliothek auf. Hier gab es ja alle Ausgaben des Tagespropheten zu finden. Ich wusste nicht so genau, bei welchem Datum ich zu suchen hatte, aber sicher im Sommer vor meinem Schuleintritt. und schließlich wurde ich fündig:
Tagesprophet vom: 3. 8. 1992
In der vergangenen Nacht ereignete sich Unfassbares. Einen Tag nach ihrem 12. Geburtstag, wurde eine junge Hexe bei ihrem Heimweg durch den Park von mehreren Männern angegriffen und niedergestochen. Sie fiel (glücklicherweise) aufgrund der schweren Verletzungen ins Koma, doch erstaunlicherweise erschien in dem Moment ein Patronus in Gestalt eines ausgewachsenen Pumas. Er verbiss sich in die Anwesenden und sie flüchteten teils mit schweren Verletzungen. Durch den Patronuszauber in einer Muggelgegend alarmiert erschienen zwei Abgesandte des Ministeriums noch gerade rechtzeitig, um die junge Hexe lebend anzutreffen. Da sie der einen Ministeriumshexe als Tochter einer Heeling-Hands bekannt war, apparierten sie mit der Schwerverletzten sofort zu ihrer Mutter. Diese bemühte sich sofort um das Leben ihrer Tochter. Doch noch ist ungewiss, ob sie diesen Kampf gegen den Tod gewinnen wird. Das Mädchen weist unzählige Schnittwunden auf, und auch einige Wunden, die von einem Fluch stammen dürften. In dem Zusammenhang fiel der Name Lucius Malfoy, doch ist dieser Verdacht bis jetzt nicht bestätigt worden.
Wir hoffen für Mutter und Tochter auf eine (baldige) Genesung, und werden bei neuen Erkenntnissen wieder berichten.
Ja, jetzt schien meine Vermutung bestätigt, Claire hatte am 1. August Geburtstag, das kam hin.
Tagesprophet vom 5.8.1992
Das in der Nacht vom 2. August verletzte Mädchen ist noch am Leben. Aber sie hat so viel Blut verloren, dass es nach wie vor ungewiss ist, ob sie überleben wird. Ihre Mutter hat Hilfe von anderen Heeling-Hands bekommen, die sie in der Betreuung ihrer Tochter ablösen.
Das Ministerium hat eine Untersuchung des Vorfalls angesetzt, es ist zu beweisen, wer an diesem hinterhältigen Überfall beteiligt war, vor allem ob wirklich ein Zauberer anwesend war.
Der Verdacht, dass es Lucius Malfoy gewesen wäre hat sich aber mittlerweile entkräftet. Er konnte glaubhaft nachweisen, dass er zu der Zeit mit einigen befreundeten Zauberern zusammen war, die das auch bestätigen können.
Zusätzlich ist noch die Frage zu klären, wieso ein 12jähriges Mädchen, es als Bewusstlose schaffen konnte, einen gestaltlichen Patronus zu erschaffen. Das Ministerium wird auch dem nachgehen, aber es ist anzunehmen, dass die junge Hexe, falls sie überleben sollte, einen Prozess wegen Erschaffung eines Patronus in Anwesenheit von Muggeln über sich ergehen müssen lassen wird.
Pah! Lucius Malfoy hatte es schon des Öfteren bewiesen, dass er um Ausreden nicht verlegen war. Ich glaubte eher Claires Worten, dass er es doch gewesen war.
Tagesprophet vom 3.9.1992
Jetzt ist es bereits ein Monat her, dass die junge Hexe überfallen wurde. (der Tagesprophet berichtete) Sie ist am Leben, aber nicht ansprechbar und bisher nicht aus dem Koma erwacht.
Unser Reporter Jack Green erkundigte sich in St. Mungos bei einem Heiler nach den Heilungschancen der jungen Hexe:
„Leider ist uns der genaue Hergang des Überfalls nicht bekannt. Wie wohl allseits bekannt ist, arbeiten Heeling-Hands im Normalfall nicht mit unserem Krankenhaus zusammen, und so ist es nicht verwunderlich, dass Mrs. A. keinen Kontakt mit uns aufgenommen hat. Würden ihre Wunden allerdings nur Schnittwunden, welche ihr von Muggeln zugefügt worden sind, sein, dann hätte sie ihre Tochter sicherlich schon retten können. Demnach ist es naheliegend, dass wirklich ein Zauberer mit anwesend war, und zusätzlich mit den physischen Verletzungen, scheint sie auch seelische abbekommen zu haben, was den Grund, des langen Komas erklären würde. Ob sie wieder erwachen wird, hängt nun davon ab, ob sie genug Willenskraft hat, das Geschehene zu verarbeiten, und genug Lebenswillen, um „zurück" zu kommen. Es werden ihr wohl Narben bleiben, sowohl an ihrem Körper, als auch auf ihrer Seele, aber wir wollen hoffen, dass sie es schafft."
Sollte sich am Zustand der verletzten Hexe etwas ändern, werden wir sofort berichten.
Ich war so in den Artikel vertieft, dass ich nicht bemerkte, dass jemand den Raum betreten hatte. Als ich aufsah, waren es Draco und Pansy. Er feixte und meinte: „Oh, die kleine Wieselin. Kannst wohl auch schon lesen? Was steht denn so interessantes in den alten Zeitungen?" Und er nahm sich den Tagespropheten vom 3.8., den ich noch immer aufgeschlagen hatte, las und verstummte.
Dann verzog er verächtlich das Gesicht und sagte: „Was soll denn das sein? Wieso suchst du diese alten Verleumdungen gegen meinen Vater heraus? Es hat sich doch herausgestellt, dass er nicht daran beteiligt war. Seit wann suchst du nach so ollen alten Lamellen? Reicht es nicht, dass Vater zur Zeit unschuldig eingesperrt ist?" Er hatte automatisch seinen Zauberstab gezückt und funkelte mich zornig an.
„Was ist denn hier los? Draco, es ist wohl verboten, Mitschüler mit dem Zauberstab zu bedrohen!" Es war Claire, die Arm in Arm mit Michel hereingekommen war. Auch sie warf einen Blick in die Zeitung und erbleichte.
„Und du Verräter treibst dich mit diesem Gryffindor Gesindel herum. Ich hätte mir das vor diesem Schuljahr nicht träumen lassen. Du warst früher doch sehr vernünftig." Draco ließ seinen Wut nun an Michel ab, „Und Claire du? Hast du Ginny gesagt, sie solle nach alten Zeitungen suchen? Widerliche Fehlinformationen. Wahrscheinlich hat es diesen Vorfall mit der verletzten Hexe gar nie gegeben, alles nur Publicity."
Claire zuckte wie von tausend Nadeln getroffen zusammen. Sie versteifte sich, ihre Augen glänzten verdächtig, und dann geschah etwas unerwartetes: Draco schrie plötzlich auf, hielt sich die Hand vor die Augen und wimmerte: „Bitte nicht, ich will das nicht sehen, das soll aufhören." und er drehte sich um und lief aus der Bibliothek hinaus, als ob ihn eine Armee von Feinden verfolgte.
Und Claire taumelte, und ohne, dass Michel noch reagieren konnte, glitt sie zu Boden. Er kniete sich sofort zu ihr, und ich sprang auch auf und tat es ihm gleich. Sie reagierte auf unser Zureden nicht. Pansy, die starr vor Schreck da gestanden war, wollte Draco nacheilen, lief aber Prof. Snape in die Hände, der sie zurückhielt und als er Claire bewusstlos am Boden liegen sah, nachfragte: „Was ist hier geschehen?"
„Sie ist plötzlich in Ohnmacht gefallen," erklärte Michel. „ich weiß nicht wieso."
„Niemand fällt so einfach um. Also was ist zuvor passiert?" Snapes Stimme klang noch schärfer als normal. Auch er kniete sich hin und versuchte Claires Puls zu ertasten.
Ich erzählte nur kurz, von Dracos Auftritt, und dass er dann schreiend hinausgelaufen sei, und Claire zusammengebrochen.
„Lion, bringen sie Claire auf die Krankenstation. Und sie Miss Weasley sagen mir, was diese Unordnung auf dem Tisch zu bedeuten hat."
Ich wollte die Zeitungen eigentlich rasch zuschlagen, aber er verhinderte das und sein Blick fiel auch sofort auf die Artikel, die ich gesucht hatte. Er las – stutzte – und sah mich dann eindringlich an. „Wieso haben sie das nachgelesen?" seine Stimmte war schneidend.
Ich bin keine gute Lügnerin, also konnte ich gar nicht anders: „Es ist wegen Claire ..."
Er sah von mir zu der Zeitung, und schloss dann kurz die Augen. „Meinen sie, dass diese Hexe, von der hier erzählt wird Claire ist?"
Ich konnte nur nicken.
„Und Draco hat wohl gemeint, es ginge ihnen darum, seinen Vater bloßzustellen?"
„Ja er wurde furchtbar wütend. Und dann sind Michel und Claire aufgetaucht, er hat gesagt, dass der Artikel wohl sowieso nur zusammengelogen sei und gleich darauf hat er aufgeschrien, sich die Augen bedeckt, als ob er etwas gesehen hätte, was unheimlich grauenvoll gewesen war."
„Räumen sie das hier weg, und begeben sich dann auf die Krankenstation. Ich werde mit Malfoy sprechen und dann nachkommen." Und er rauschte mit raschen Schritten davon.
Einen Moment blieb ich reglos stehen, tat dann aber, wie er mir geheißen.
Auf der Krankenstation herrschte große Aufregung. Claire war noch immer nicht aus dem Koma erwacht und Mme. Pomfrey war mit ihren Nerven am Ende. Obwohl sie ständig wiederholte: „Bitte verlassen sie das Krankenzimmer!" hatten sich einige Mitschüler eingetroffen und dachten gar nicht daran zu gehen. Michel war auf dem Weg nach oben Jim, Jules und Hermine begegnet, und zuletzt auch noch Ron und Harry über den Weg gelaufen, und sie alle hatten sich ihm angeschlossen. Jules war kurzerhand zu seiner Mutter gelaufen, und sie traf gleichzeitig mit Severus Snape im Krankenflügel ein.
„Was ist passiert? Wie geht es Claire?" rief sie schon von der Tür aufgebracht.
Mme Pomfrey zuckte mit den Schultern: „Ich kann keinen Grund für ihre Ohnmacht finden. Ihr Puls ist tastbar, aber nur ganz schwach. Wenn sie auch keinen Rat wissen, würde ich gern ihre Mutter herbeirufen. Ich habe schon einiges versucht, aber ohne Erfolg."
Philomenea Nero setzte sich zu Claire auf den Bettrand und streichelte ihr übers Haar: „He Kleines, was ist los?" dann wandte sie sich an Snape: „Das ist keine normale Ohnmacht: sie scheint sich dagegen zu wehren wieder aufzuwachen. Wie ist das passiert?"
Und Snape rekonstruierte den Hergang kurz.
„Und was hat Draco gesagt?" fragte Philomena atemlos.
„Dass er plötzlich etwas gesehen hätte. Etwas, was dem Bericht im Tagespropheten entspräche, nur viel schlimmer. Er ist ganz zerstört, und ich hatte Mühe ihn zum Sprechen zu bewegen."
Snape wandte sich an Jim und Jules: „Ihr beide scheint sie ja recht gut zu kennen. Sagt: wäre sie fähig, Draco in ihre Erinnerung hineinzuziehen?"
Die Zwillinge rissen die Augen auf, dann meinte Jim: „Ja fähig vielleicht schon, aber ich kann es mir nicht vorstellen, dass sie das täte. Aber wenn es wichtig sein sollte, müsste man Lee und ihre Mutter befragen."
„Aber mittels Eule dauert es mir zu lange." jammerte Mme Pomfrey. „Ich hab das Gefühl, dass es ihr von Minute zu Minute schlechter geht."
Phil wandte sich an ihre Söhne: „Ihr könnt sie holen. Und beeilt euch bitte."
Sie nickten bloß, ergriffen zwei Besen, die an der Wand lehnten und flogen zum Fenster hinaus.
Snape hatte seine Lippen wieder gekräuselt: „Mit dem Besen werden sie aber auch nicht schnell sein."
„Das vielleicht nicht. Aber es gereicht, wenn sie außer die Mauern Hogwarts fliegen, von dort apparieren sie."
„Sie haben bereits ihre Apparierprüfung?"
„Nein, aber sie tun das schon seit langem. Aber das ist jetzt wohl nicht so wichtig." Sie wandte sich wieder an Claire und summte leise vor sich hin. Ich konnte nicht anders, ich stellte mich neben sie und summte mit. Sie sah mich an, nickte mir zu und ergriff dankbar meine Hand.
Es dauerte wirklich nicht lange, und die Zwillinge kamen mit Lee und Miranda zurück. Claires Mutter war aschfahl und stürzte auf ihre Tochter. Sie hatte Tränen in den Augen: „Wie konnte das geschehen? Wisst ihr den Grund für ihre Bewusstlosigkeit? Ich spür es nicht."
Snape räusperte sich: „Ich hab nach den Schilderungen den Verdacht, dass sie Draco Malfoy an ihren Erinnerungen teilhaben ließ. Daraus könnte ihre Ohnmacht entstanden sein. Also Lee, angeblich kennst du sie am besten: kann sie das und würde sie das tun?"
Lee brauchte nicht nachzudenken: „Ja sie könnte das und nein sie würde es nie tun. Sie verbirgt ihre Erinnerungen sehr sorgfältig, und gerade Draco würde sie diese nicht zeigen. Sie würde nie den Sohn in ihren Hass auf den Vater einbeziehen."
Snape versteifte sich, fragte aber: „Bist du dir sicher? Aber es ist die einzige Erklärung."
„Dann müsste es unbeabsichtigt geschehen sein. ich meine: das ist schon ein paar Mal vorgekommen, sie hat es nicht immer im Griff, wenn ihre Wut überhandnimmt, dann geschehen oft Dinge, die sie nicht bewusst so gesteuert hat."
„Kannst du ihr helfen?" Mirandas Augen sahen Snape verzweifelt bettelnd an.
„Ich hoffe es. Ich muss einen Trank brauen, aufbauend auf dem Trank des Friedens, nur ein wenig modifiziert. Aber das wird wohl drei Stunden dauern. Schafft sie das so lange?"
„Ich kann ihren Zustand etwas stabilisieren. Das müsste gehen." Sie wandte ihr tränennasses Gesicht wieder ihrer Tochter zu.
„Können wir helfen? Wir arbeiten auch ganz sorgfältig. Aber ich kann nicht so einfach zusehen." ersuchte Jim.
„Kommt halt mit. ihr könnt mir beim Zerkleinern der Zutaten behilflich sein." und die drei verließen das Zimmer.
Es war jetzt ganz still, nur Mirandas Schluchzen war noch zu hören. Philomenea legte ihren Arm um deren Schulter. „Weine nicht. Severus schafft das. Er ist doch einer der besten im Brauen von Tränken. Vertrau ihm."
Wir konnten wohl hier nichts mehr tun. So verließen wir leise das Krankenzimmer und machten uns auf den Weg in unsere Gemeinschaftsräume.
Dabei trafen wir auf Draco. Er war blass und seine Augen wiesen dunkle Ringe auf. Was hatte er wohl sehen müssen?
„Wie – wie geht es ihr? Snape hat gesagt sie sei ohnmächtig."
„Ja das ist sie noch immer. Wieso interessiert dich das eigentlich? Du bist doch der Anlass gewesen." fauchte Hermine ihn an.
„Ich – das – ich wollte das doch nicht." und er machte kehrt und rannte davon.
Was wollte er wohl nicht? Ihre schmerzliche Erinnerung sehen, oder die Wahrheit über seinen Vater?
Wir verbrachten die nächsten Stunden in bangem Warten und unsere Hausaufgaben konnten uns nicht ablenken.
