„Eine Galleone für Ihre Gedanken", sagte Harry und sah Snape zusammenzucken. Offensichtlich hatte dieser nicht einmal bemerkt, dass er den Raum betreten hatte, doch das wunderte Harry nicht unbedingt. Der Ältere war tief in seine eigenen Gedanken versunken gewesen, als Harry hereingekommen war, und in seinem abwesenden Blick hatte eine tiefe Traurigkeit gelegen. Nicht das erste Mal in diesen Ferien, natürlich.

Jedes Anzeichen dafür war nun allerdings so endgültig verschwunden, als hätte es nie existiert. Der Professor sah ihn an, und ein kaum wahrnehmbares Lächeln spielte um seine Mundwinkel. „Das wäre die reinste Geldverschwendung, Potter. Nur Erinnerungen, nichts weiter. Dafür würde ich an Ihrer Stelle keine Galleone verschwenden. Außer Sie wollen unbedingt am Hungertuch nagen."

„Oh, keine Sorge, mein Verlies in Gringotts ist gut gefüllt. Die eine Galleone könnte ich mir gerade noch leisten."

Harry folgte der einladenden Handbewegung des Anderen und setzte sich ihm gegenüber. Snape legte ein Lesezeichen – dem Aussehen nach eine Rabenfeder – in das Buch, das vollkommen unbeachtet in seinem Schoß gelegen hatte, und klappte es vorsichtig zu. Der alte Lederband fand seinen Platz auf dem Tisch, und der schwarzhaarige Mann griff stattdessen nach seiner Kaffeetasse. Er nahm einen Schluck des Getränks und behielt die Tasse in der Hand, während sein Blick sich auf den Kamin richtete.

Seine Miene war ausdruckslos wie so oft, doch die Anspannung in seinen Schultern sprach eine andere Sprache. Inzwischen konnte Harry durchaus erraten, in welcher Stimmung sein Lehrer war, und er kannte diesen leicht verhangenen Blick mittlerweile zur Genüge. Snape haderte wieder einmal mit seiner Vergangenheit.

Eine Weile ließ er ihn einfach in Ruhe und sah ebenfalls den Flammen dabei zu, wie sie langsam an den Holzscheiten nagten. Nur hin und wieder warf er dem älteren Zauberer einen flüchtigen Blick zu. Dieser schien erneut in seine eigene Welt abzutauchen, doch Harry gefiel die Melancholie nicht, die in den schwarzen Augen stand. Zu viel Trauer tat dem verschlossenen Mann nicht gut, auch wenn er ihn nur zu gut verstand.

Auch er kannte Momente wie diese zur Genüge. Doch er hatte nicht die Absicht, sich von diesen früheren Ereignissen auffressen zu lassen. Spontan kam ihm etwas in den Sinn, das Albus Dumbledore in seinem ersten Schuljahr in Hogwarts zu ihm gesagt hatte: Es ist nicht gut, wenn wir nur unseren Träumen nachhängen und vergessen zu leben.

Damals hatte er dem Spiegel Nerhegeb nachgetrauert… und dem, was der magische Gegenstand ihm gezeigt hatte. Dem Bild von sich selbst, zusammen mit einem Mann, der ihm außerordentlich ähnlich sah – und einer hübschen rothaarigen Frau mit grünen Augen, die den seinen glichen. James und Lily Potter.

„Meine Mum?" erkundigte er sich schließlich leise, das Bild der Frau noch immer deutlich vor Augen.

Zu seiner Überraschung schüttelte Snape den Kopf. „Nein, nicht Lily. Ich denke, mit diesem Thema habe ich inzwischen abgeschlossen." Er lächelte ein wenig reumütig und fügte hinzu: „Nicht dass ich sie je vergessen könnte, aber der Gedanke an sie macht mich nicht mehr traurig. Jedenfalls nicht ausschließlich. Immerhin sehe ich jeden Tag einen vielversprechenden jungen Zauberer, der mich an sie erinnert. Und ich muss sagen, Sie werden Ihrer Mutter immer ähnlicher, Harry."

„Wow. Danke." Erstaunt und ein klein wenig stolz lehnte Harry sich in seinem Sessel zurück. Snape hatte ihn tatsächlich mit seiner Mutter verglichen anstatt mit seinem Vater, wie er es früher getan hatte! Ob er sich diesen Tag rot im Kalender anstreichen sollte? Und nun kam ihm ganz unerwartet ein anderer Gedanke in den Sinn.

„Ist das vielleicht der Grund dafür, dass sich Ihr Patronus verändert hat?" hakte er interessiert nach. „Weil sich auch Ihre Einstellung zu meiner Mum geändert hat?"

„Das ist durchaus möglich", murmelte Snape nachdenklich, die Stirn leicht gerunzelt, „sogar ziemlich wahrscheinlich…" Dann warf er Harry einen scharfen Blick zu. „Woher wissen Sie…?"

Harry spürte, wie er rot wurde. „In dieser Nacht", stammelte er verlegen, „als… als das Dunkle Mal wieder aktiviert wurde. Ginny sagte, Sie hätten Ihren Patronus mit einer Nachricht an die Schulleiterin geschickt. Und sie hat gemeint, sie hätte zwar nicht erkannt, was es war, aber es sei sicher keine Hirschkuh gewesen. Sondern irgendwas mit Flügeln."

Ein paar Sekunden verstrichen in völliger Stille, unterbrochen nur vom Ticken der Standuhr in der Ecke und vom Knistern des Feuers. Dann jedoch hörte Harry seinen Gesprächspartner in eisigem Ton sagen: „Ich würde es sehr begrüßen, Mr Potter, wenn Sie meine Privatangelegenheiten nicht in aller Öffentlichkeit erörtern würden."

Autsch.

Harry hätte sich ohrfeigen wollen. Wie hatte er nur vergessen können, welch große Stücke der Tränkemeister auf seine Privatsphäre hielt? Egal wie nahe sie sich in der Zeit seit der Schlacht gekommen waren – es gab Grenzen. Und gerade eben hatte er wohl seine Nase ein Stückweit über eine solche Grenze hinausgestreckt.

Er fühlte, wie glühende Hitze in ihm hochstieg. Doch so sehr er sich auch nach wie vor davor fürchtete, eine Kostprobe des „alten" Snape abzubekommen, er musste etwas klarstellen. Sofort, bevor der Professor einen falschen Eindruck bekam. Dessen Vertrauen war ihm wichtig.

„Es tut mir leid, Severus", sagte er kleinlaut, aber mit fester Stimme. „Ich versichere Ihnen, dass das keine öffentliche Diskussion war. Ich habe mich nur mit Ginny unterhalten, außer uns war da niemand. Bitte, Sie sollten doch wissen, dass ich Getratsche nicht leiden kann. Ich war oft genug selber der Leidtragende, und ich weiß genau, wie unangenehm das sein kann. Es gibt Dinge, die niemanden etwas angehen, und darüber würden weder Ginny noch ich uns jemals öffentlich auslassen. Ehrlich nicht!"

Die schwarzen Augen musterten ihn eine Weile eindringlich, und Harry kam sich wieder einmal vor wie ein Erstklässler, der nach der Sperrstunde auf den Korridoren erwischt worden war. Snape schaffte es immer noch mühelos ihn glauben zu lassen, er könne tatsächlich Gedanken lesen. Nach wie vor ein furchteinflößendes Gefühl, selbst wenn man sich eigentlich keiner Schuld bewusst war.

„Schön", sagte der Ältere endlich, und Harry erlaubte sich ein erleichtertes Aufatmen. „Ich halte es für ratsam, dass das auch so bleibt. Haben wir uns verstanden, was das betrifft?"

„Ja, natürlich."

Eigentlich bestand ein kleiner Teil von Harrys Verstand hartnäckig darauf, die Sache einfach auf sich beruhen zu lassen und noch einmal mit einer Verwarnung durchzukommen. Doch der andere Teil, ein wenig leichtsinnig und unverhohlen neugierig, beharrte auf weiteren Recherchen. Und Harry war Gryffindor genug, diesem Teil Gehör zu schenken.

„Severus?" fragte er vorsichtig. „Was für ein…"

„Potter!" schnitt Snape ihm verärgert das Wort ab. „Sie sollten wirklich lernen, wo Ihre Grenzen sind, wenn Sie Ihren Schulabschluss noch erleben möchten. Wissen Sie denn niemals, wann es genug ist?"

„Ähm… doch, normalerweise schon", meinte Harry und versuchte erfolglos ein Grinsen zu unterdrücken, was der Professor mit einem weiteren missmutigen Stirnrunzeln quittierte. „Aber manchmal komm ich einfach gegen meine Neugier nicht an. Vielleicht ist das ja genetisch…"

„Neugier ist der Katze Tod", grummelte sein Gegenüber, doch im Grunde war seine Miene nicht unbedingt unfreundlich – eher so, als müsste er sich wirklich Mühe geben, um nicht selber ebenfalls zu grinsen.

Das machte Harry Mut, und er redete weiter: „Naja, ich meine, Sie müssen es mir nicht sagen, wenn Sie nicht wollen, aber… ich würde wirklich gern wissen, wie Ihr neuer Patronus aussieht. – Nicht um das überall rumzuposaunen", setzte er rasch hinzu, und Snape hob in leichtem Spott eine Augenbraue.

„Also?" drängte Harry.

Die Antwort des Tränkemeisters überraschte ihn. „Ich weiß es nicht", erklärte der Mann ruhig, „ich habe es auch nicht genau gesehen."

Fassungslos glotzte Harry ihn an. „Wie? Sie haben nicht… ich meine, ich weiß ja nicht, aber… ich hätte zumindest mal nachgeschaut, wenn mein Patronus plötzlich eine andere Form hätte. Sind Sie gar nicht neugierig?"

„Nicht im Geringsten."

Kopfschüttelnd beäugte Harry die schlanke Gestalt seines Lehrers. Wusste er es tatsächlich nicht? Hatte er sich keine Gedanken darüber gemacht, als er anstelle der vertrauten Hirschkuh etwas Unbekanntes, Geflügeltes losgelassen hatte? Doch, er hatte sicher darüber nachgedacht; Ginny hatte immerhin erzählt, Snape habe ein wenig erschrocken ausgesehen beim Anblick des silbernen Geschöpfs…

„Sie haben es noch nicht ausprobiert? Ernsthaft?"

„Ernsthaft." Der dunkelhaarige Mann schürzte die Lippen und nahm einen Schluck von seinem Kaffee. „Meinen Sie nicht, ich hätte momentan größere Probleme als einen veränderten Patronus, Harry?"

„Oh." Natürlich gab es schwierigere Probleme zu lösen, da hatte er Recht. Und Snape war pragmatisch genug, das Rätsel um seinen Patronus vorläufig zur Seite zu schieben und sich auf dringendere Aufgaben zu konzentrieren. Solange der Patronus im Notfall funktionierte, war ihm vermutlich ziemlich egal, wie er aussah.

Und vielleicht – wenn er die Situation des Tränkemeisters bedachte – vielleicht hätte dieser es in letzter Zeit auch überhaupt nicht geschafft, einen ausreichend glücklichen Gedanken zu finden, um einen Patronus hervorzubringen? Er war die gesamten Ferien über ziemlich unglücklich und durcheinander gewesen und schien sich erst jetzt ganz langsam ein bisschen zu erholen. „Da könnten Sie Recht haben."

„Könnte ich", gab der Ältere trocken zurück. Doch seine Lippen kräuselten sich zu einem verhaltenen Schmunzeln, das in Harry den Verdacht weckte, dass der Mann ihn nur necken wollte. Das war ein gutes Zeichen, oder etwa nicht?

„Sie werden Ihre Neugier bezähmen müssen, junger Mann", erklärte der Professor sachlich, „bis es einen wirklichen Grund gibt, einen Patronus-Zauber auszuführen. Im Augenblick würde ich lieber darauf hin arbeiten, Sie und Ihre Kameraden so gut wie möglich auf Ihre Abschlussprüfungen vorzubereiten, wenn Sie nichts dagegen einzuwenden haben. Und auf diesen Einsatz, damit Sie besagte Prüfungen auch wirklich noch erleben und Ihre Noten gut genug sind, um Ihren Traumberuf zu ergreifen. Vielleicht können wir uns darauf einigen, was denken Sie?"

Harry legte den Kopf schief, hob die Augenbrauen und warf ihm einen schelmischen Blick zu: „Und Sie sind wirklich nicht neugierig? Nicht mal ein bisschen? – Wissen Sie, ich glaube, es könnte… eine Fledermaus sein!"

„Unverbesserlicher Bengel", kommentierte Snape, hob kurz die Hand, als wolle er ihm einen Schlag verpassen, und lachte leise. „Sie haben die unangenehme Gabe, meine Geduld auf eine harte Probe zu stellen, ist Ihnen das eigentlich klar? Seit ich Sie kenne, habe ich tatsächlich graue Haare bekommen. Sie sind eine echte Herausforderung."

„Ja, Sir", gab sich Harry zerknirscht und sah seinen Lehrer mit Unschuldsmiene an. „Tut mir auch wirklich leid. Aber wissen Sie, irgendwer muss das ja tun, oder? Und Sie müssen zugeben, es macht Spaß… wie in den guten alten Zeiten. Stimmt´s?"

Er spielte auf ihre Unterhaltung in London an, und er konnte an Snapes Gesichtsausdruck ablesen, dass auch dieser sich der Tatsache vollauf bewusst war. Ja, jemand sollte ihm ab und zu die Möglichkeit bieten, sich zumindest ein paar Minuten lang mit einem von ihnen zu kabbeln. Eine kurze Zeit auf vertrauten Wegen zu wandeln, wenn man es so ausdrücken wollte. Der Mann verdiente es, hin und wieder in alte Verhaltensweisen abtauchen zu können. Es musste ziemlich anstrengend für ihn sein, sich ständig zusammenzureißen. Ein kleines, durchaus kameradschaftlich gemeintes Wortgefecht konnte da sicher nur hilfreich sein.

„Sehr geehrter Mr Potter", bemerkte der Tränkemeister mit einem gespielt entnervten Blick in Harrys Richtung, „Sie sind der berühmte letzte Nagel zu meinem Sarg. Sollte ich jemals den Verstand verlieren, sind Sie vermutlich der Hauptverantwortliche dafür, knapp gefolgt von Minerva McGonagall und einer beeindruckenden Zahl von erschreckend untalentierten Schülern. Aber ich gebe Ihnen Recht, es gibt keinen Besseren für diese Aufgabe. Merken Sie sich nur eines: sollten Sie jemals vergessen, wo Ihre Grenzen liegen, dann hexe ich Sie so weit in die Zukunft, dass selbst Ihr Patronus nicht mehr in der Lage sein wird, Sie zu finden. Habe ich mich klar ausgedrückt?"

„Ja. Ich hab´s verstanden." Harry nickte gehorsam und stand auf, um sich drüben am Barschrank ein Glas Kürbissaft einzuschenken. Als er sich mit dem Glas in der Hand wieder setzte, besann er sich – ja, hier mochte eine der Grenzen sein, aber er wollte diesem Mann genau wie Ginny, Luna und Hermine helfen, sein Leben in den Griff zu bekommen, und ein Gespräch wie dieses war dabei sicher hilfreich – auf ernstere Themen. „Severus? Wenn Sie nicht an Mum gedacht haben… was war es dann? Ich meine… wenn Sie mit mir darüber reden wollen, ich hab nichts Wichtiges vor heute Abend."

Er wagte es nicht, seinem Lehrer gegenüber zu erwähnen, dass er traurig ausgesehen hatte – das wäre definitiv mehr als grenzwertig gewesen, und er wollte die Vertrauensbasis nicht unbedacht zerstören, die sie zwischen ihnen beiden aufgebaut hatten. Nicht einmal zu Ron hätte er so etwas sagen können, ohne ihre Freundschaft aufs Spiel zu setzen. Aber er konnte sich als Zuhörer anbieten. Es wäre nicht das erste Gespräch dieser Art.

„Nichts wirklich Wichtiges", entgegnete Snape abwehrend und wandte den Blick zum Kamin. „Nur ein paar alte Erinnerungen, nichts weiter."

„Na gut", sagte Harry unsicher, stellte das halbvolle Glas auf dem Tisch ab und erhob sich aus seinem Sessel. Er hatte das dumpfe Gefühl, der Professor wollte lieber allein sein. „Dann geh ich jetzt wohl besser."

Er hatte die Tür schon fast erreicht, als die leise Stimme des Älteren ihn aufhielt: „Harry… warten Sie. Bitte. Es tut mir leid, das sollte keine Abfuhr sein. Ich wollte Sie nicht rauswerfen, okay?"

Als Harry sich überrascht zu ihm umwandte, sagte der schwarzhaarige Mann mit verlegener Miene: „Wenn Sie möchten, können Sie gern hierbleiben. Erwarten Sie nur keine langen Gespräche. Ich fürchte, ich bin heute keine besonders gute Gesellschaft…"

Da war es wieder, dieses kleine Lächeln, das die Trauer nicht ganz verbergen konnte. „Denken Sie niemals über die Vergangenheit nach?"

„Doch. Oft." Harrys Stimme war leise. Er ging zu Snape zurück und setzte sich wieder ihm gegenüber. „Viel zu oft, genau wie Sie. Und mir gefällt nicht immer, an was ich mich erinnere. Ich schätz mal, das haben wir auch gemeinsam. Vieles aus meiner Vergangenheit würde ich am liebsten vergessen. Vor allem die Zeit bei den Dursleys… obwohl ich mich manchmal frage, was aus Dudley geworden ist. Er war immerhin beim Abschied ziemlich nett zu mir. Ich glaub, er war eigentlich gar kein so übler Kerl. Unter anderen Voraussetzungen hätten wir vielleicht sogar Freunde werden können."

Noch während er das sagte, stellte er erstaunt fest, dass es stimmte: er hätte wirklich gern gewusst, wie es seinem Cousin ging. Und Tante Petunia. Sie war immerhin die Schwester seiner Mutter – wogegen es ihm völlig schnuppe war, was Onkel Vernon so trieb und ob er überhaupt noch lebte.

Snape nickte schweigend und trank den Rest seines Kaffees, während er wie zu Anfang ihres Gesprächs die Flammen im Kamin betrachtete. Harry sagte ebenfalls kein Wort. Manchmal war es besser, einen Abend in Stille zu verbringen, und das Schweigen zwischen ihnen war nicht unangenehm. Jeder von ihnen hing seinen eigenen Gedanken nach, während das Feuer langsam herunterbrannte.

„Dumbledore", sagte Snape irgendwann so leise, dass Harry es beinahe überhört hätte. „Manchmal… Ich würde gern wissen, ob er jemals völlig ehrlich zu mir war, wissen Sie. Und wie lange im Voraus er…"

Seine Stimme erstarb, doch Harry wusste genau, was er eigentlich hatte sagen wollen. Er fragte sich das Gleiche, und zwar was sie beide betraf. Waren Severus Snape und Harry Potter nur Schachfiguren für den alten Zauberer gewesen? Nur Werkzeuge oder Waffen im Krieg gegen Voldemort? Oder hatte ein kleiner Teil in ihm sie vielleicht wirklich gemocht? Sich um ihr Wohlergehen gesorgt? War irgendetwas von dem, was er gesagt und getan hatte, aus einem ehrlichen Gefühl heraus geschehen? Oder war er tatsächlich nur ein sehr guter Schauspieler gewesen, der durch sein Handeln sie beide ganz subtil in die für sie vorgesehene Richtung gelenkt hatte?

Hatte er von Anfang an geahnt, dass in dem kleinen Harry ein Horkrux steckte? Oder hatte er erst angefangen es zu vermuten, als er die schicksalhafte Prophezeiung gehört hatte? Wann war es für ihn zur Gewissheit geworden? Als er Riddles Tagebuch in den Händen gehalten hatte? Als Harry ihm von seinen Träumen über Voldemort erzählt hatte? Wann? Wann genau war der Junge mit der Blitznarbe von einem verwaisten Schüler, der Ärger wie magisch anzog, zu einem potentiellen Opferlamm im Kampf gegen die Dunkelheit geworden?

Und war Dumbledore bereits aufgefallen, welches Potential in dem elfjährigen Severus Snape stecken könnte, als dieser zum ersten Mal das Schloss betreten hatte? Oder sogar schon vorher? Wie lange vor dem elften Geburtstag eines Zauberers wusste die magische Welt über ihn und seine Gabe Bescheid? Sobald sich die Magie das erste Mal bemerkbar machte? Oder schon vom ersten Tag an?

Sein Name ist vorgemerkt, schon seit seiner Geburt, hatte Hagrid zu den Dursleys gesagt, als er Harry an dessen elftem Geburtstag die Wahrheit über seine Herkunft erzählt hatte. Und Dumbledore hatte der Leiterin des Waisenhauses dasselbe über Tom Riddle gesagt. Also wusste die Zauberergemeinschaft bereits von der Stunde an, als er zur Welt gekommen war, dass er elf Jahre später nach Hogwarts gehen würde? So schien es jedenfalls.

Allerdings waren Harrys Eltern ja auch Hexe und Zauberer gewesen, so dass man einigermaßen sicher davon ausgehen konnte, dass er ihre magischen Fähigkeiten geerbt hatte. Wie war das aber beispielsweise bei Muggelstämmigen wie Hermine? Und wann entschied sich endgültig, ob ein Kind magischer Eltern ein Squib war? Konnte ein solcher Squib nicht vielleicht irgendwann nach seinem elften Geburtstag noch anfangen, magische Begabung zu entwickeln?

Und wie erfuhr die Schule von den zukünftigen Schülern? Vom Zaubereiministerium?

Gab es vielleicht so eine Art Radargerät irgendwo in den Tiefen der Mysteriumsabteilung, das eine Warnung herausgab, wenn es eine magische Signatur oder eben das Fehlen einer solchen bei einem Neugeborenen in Großbritannien aufspürte? Und war das auch die Grundlage für die vieldiskutierte „Spur"? War diese vielleicht gar kein magisches Werkzeug des Ministeriums, sondern nur so etwas wie eine Aufzeichnung der persönlichen Schwingungen, die bis zum siebzehnten Lebensjahr überwacht wurde? Wenn ja, wie wurde sie gelöscht, sobald der Betreffende volljährig wurde? Entfernte man einfach die Datei der Signatur von einer Art magischer Festplatte oder Speicherbank? Passierte das automatisch, oder musste es ein Angestellter manuell erledigen?

Harry schwirrte der Kopf. Er stellte wieder einmal fest, dass er längst noch nicht alles über die Zaubererwelt wusste, egal wie lange er nun schon in ihr lebte. Er musste wohl bei Gelegenheit einmal Kingsley darüber ausfragen. Auch wenn die Antworten sicher wieder unendlich viele neue Fragen aufwerfen würden. Vielleicht war es manchmal besser, etwas nicht ganz so gründlich zu hinterfragen.

Das brachte ihn wieder zum aktuellen Thema zurück: zu Dumbledore und seinen Geheimnissen!

„Ich weiß genau, was Sie meinen, Severus", gab er mit einem Seufzen zurück, „ich würde ihm selber auch gern noch ein paar Fragen stellen. Ein paar ziemlich unangenehme Fragen, ehrlich gesagt. Aber ich denke, auf die Antworten können wir noch lange warten. Falls wir sie überhaupt jemals bekommen…"

„Ich habe ihn für einen Freund gehalten", gestand der Professor mit unbehaglicher Miene, „von dem Augenblick an, als ich begann für den Orden zu arbeiten, bis zu dem Tag, an dem er meine Zustimmung dazu gefordert hat, ihn zu töten… und Ihnen zum richtigen Zeitpunkt die ganze Wahrheit über den letzten Horkrux zu erzählen."

„Ein Freund?"

Harry schüttelte den Kopf und biss sich auf die Unterlippe, unsicher, ob er Snape von seinen Vermutungen erzählen sollte. Er war kein Psychologe und konnte nicht sicher wissen, was seine Äußerungen in dem Mann auslösen würden. Doch schließlich entschloss er sich trotz allem dazu, ihn nicht anzulügen. Das konnte er einfach nicht. Dafür respektierte er ihn zu sehr.

Und Snape war beileibe nicht dumm. Sicher war ihm auch schon klar geworden, dass Albus Dumbledore nicht der liebenswürdige, vertrauensselige, manchmal leicht vertrottelte Menschenfreund gewesen war, für den ihn alle gehalten hatten. Deshalb entschied Harry sich dafür, seine Ansichten mit dem ehemaligen Spion zu teilen.

Die Wahrheit würde weh tun, ja. Aber dieses Thema betraf sie beide gleichermaßen, also sollten sie wohl besser ehrlich zueinander sein. Und zu sich selbst.

„Nein. Ich glaube nicht, dass Dumbledore ein Freund war. Weder für mich, noch für Sie. Wie ein Freund hat er sich Ihnen gegenüber wirklich nicht verhalten, Severus. Ich an seiner Stelle hätte… naja, ich weiß nicht, vielleicht hätte ich während all dieser Jahre versucht, unauffällig noch ein oder zwei andere Leute als Spione da reinzubringen. Für Notfälle, falls Ihre Tarnung doch aufgeflogen wäre oder was Ähnliches. Oder zumindest, um Ihnen ein bisschen Rückendeckung zu verschaffen. Damit diese Last nicht ausschließlich auf Ihren Schultern liegt."

Harry beugte sich ein wenig vor und fasste sein Gegenüber ins Auge. „Ginny ist der gleichen Meinung wie ich. Es… es passt einfach alles nicht zusammen, das sieht doch ein Blinder. Alle behaupten dauernd, Dumbledore wäre so unglaublich klug gewesen, der größte Zauberer seiner Zeit, mächtiger als Lord Voldemort, und was weiß ich, was noch alles – und dann soll er in seiner allmächtigen Weisheit nicht mal so weit gedacht haben, ein paar Reservespieler auf die Bank zu setzen? Sorry, aber das kann ich fast nicht glauben. So blöd wird er doch wohl nicht gewesen sein, sonst hätte er Voldemort nicht so lange aufhalten können, oder? Er hat doch sonst immer alles Mögliche und Unmögliche mit berechnet, ehrlich mal."

Jetzt konnte Harry ein wütendes Schnauben nicht mehr unterdrücken. Es war ihm klar, dass er sich in Rage geredet hatte, doch er machte sich nicht die Mühe, seinen Zorn zu verbergen. Snape hätte er damit ohnehin nicht täuschen können.

„Jemanden mit so einer riesigen Aufgabe allein lassen, und das in einer dermaßen gefährlichen Position? Von ihm verlangen, einen der wenigen Menschen umzubringen, denen er vertraut?" schimpfte er aufgebracht. „Und ihm dann auch noch erklären, er müsse den Sohn seiner einzigen Freundin vorsätzlich in den sicheren Tod schicken… Ich sag Ihnen was, Severus: das ist absolut nicht das, was ich von einem echten Freund erwarten würde. Echte Freunde tun einander so etwas nicht an. Und glauben Sie mir, es ist garantiert nicht das, was ich getan hätte."

Der schwarzhaarige Mann antwortete nicht und sah ihn auch nicht an. Er hob nur eine Hand und fuhr sich müde über das schmale Gesicht. Die andere, deren Finger immer noch den inzwischen in Vergessenheit geratenen Kaffeebecher umklammerten, lag auf der Armlehne seines Sessels. Er schloss die Augen und lehnte sich zurück, den Kopf auf die Rückenlehne gelegt. In diesem Augenblick wirkte er so erschöpft und mutlos, dass Harry am liebsten aufgestanden wäre, um ihm den Arm um die schmalen Schultern zu legen und ihn zu trösten. Doch auch hier war eine unsichtbare Grenze.

Stattdessen leerte er sein Glas und sagte mit einem Achselzucken: „Ich glaube, wir waren beide für Dumbledore nur Bauern in einem unglaublich komplexen Schachspiel. Aber ich denke, das ist nicht mehr wichtig. Was geschehen ist, ist geschehen, und nichts wird daran noch etwas ändern. Egal was er von uns gehalten hat oder auch nicht, wir haben es geschafft. Voldemort ist besiegt. Er ist tot, und wir beide haben überlebt, auch wenn das sicher niemand erwartet hätte. Unsere Pflicht – oder was Professor Dumbledore für unsere Pflicht gehalten hat – haben wir erfüllt, und jetzt haben wir, verdammt nochmal, das Recht auf unser eigenes Leben. So wie wir es uns wünschen. Und das sollten wir uns von niemandem wegnehmen oder versauen lassen. Schon gar nicht von einem Geist aus der Vergangenheit. Wir sind nicht Scrooge, oder?"

„Poetisch, Potter." Severus Snapes Bemerkung, sehr wahrscheinlich sarkastisch oder doch zumindest spöttisch gemeint, verlor kolossal an Wirkung durch den unglücklichen Unterton in seiner Stimme. „Ich hätte nicht gedacht, dass Sie Dickens gelesen haben… allerdings ist die Ausgangssituation ja doch ein wenig anders, würde ich meinen. Verzeihen Sie mir deshalb, wenn ich mir trotzdem hin und wieder den Luxus des Grübelns gönne."

„Natürlich, klar. Tu ich ja auch manchmal. Obwohl das im Endeffekt nichts bringt außer ein paar miesen Stunden. Und zu Ihrer Information: ich liebe Dickens. Wir haben die Weihnachtsgeschichte in der Grundschule gelesen. Das Buch hab ich immer noch."

Eine Szene aus seiner eigenen Vergangenheit blitzte plötzlich in seiner Erinnerung auf, allerdings nichts aus der Grundschule: Severus Snape, der nach dem tragischen Ende des Trimagischen Turniers zusammen mit McGonagall und Dumbledore in das Büro des angeblichen Alastor Moody gestürmt war, um Harry vor dem mit Vielsaft-Trank getarnten Todesser zu retten. Er erinnerte sich daran, dass Snape in das große Feindglas gesehen hatte. Und dass diesem aus dem magischen Gegenstand sein eigenes finsteres Gesicht entgegengestarrt hatte.

„Wissen Sie", sagte er nachdenklich, mit genau diesem Bild vor seinem geistigen Auge, „ich denke, Ihr schlimmster Feind sind Sie selber, Severus. Sie können sich gründlicher zerstören als jeder andere, wenn Sie sich aufgeben und sich immer nur über Ihre Fehler definieren. Lassen Sie die Vergangenheit ruhen. Okay? Sie sind echt ein toller Kerl, also haken Sie den alten Mist endlich ab und fangen Sie an zu leben. Sie haben es verdient."

„Ich weiß." Die Antwort kam so leise, dass Harry sie beinahe überhört hätte. Er sah seinen Lehrer an und zuckte innerlich zusammen, als dieser die Zähne hart in die Unterlippe grub, bis dort ein winziger Tropfen Blut hervorquoll. „Ist nur nicht immer so einfach. Aber ich versuche es."

„Mehr verlange ich auch gar nicht." Harry nickte grimmig, stand auf und wandte sich zur Tür. Im Vorbeigehen legte er kurz seine Hand auf Snapes Schulter. „Dann sehen wir uns morgen früh beim Frühstück. Grübeln Sie nicht mehr zu lang, es ist schon nach Zwölf. Gute Nacht, Severus."

„Gute Nacht, Harry."