Das Licht, das die zwei schlichten Metallbetten und die darin liegenden Männer als blasse, konturlose Flecken sichtbar machte, wirkte abgestanden und schal, als enthalte es keinerlei Energie mehr. Dennoch verspürte Sheppard nichts als Erleichterung, als er die Augen aufschlug und den dünnen Plastikschlauch des Tropfes wahrnahm, der zu seinem Handrücken führte. Einen Moment lang blieb er still liegen; halb auf dem Rücken, nur leicht zur Seite gedreht, als er hätte er sich nur ein einziges Mal im Traum herumgeworfen. Der künstliche Geruch von Desinfektionsmitteln drang an seine Nase. Er konnte McKay atmen hören, tief und gleichmäßig, doch er drehte nicht den Kopf, um den anderen Mann zu sehen.
Sie waren allein. Das überraschte ihn nicht. Das einzige, was ihm jetzt durch den Kopf ging, war, ob er sich wirklich vergewissern musste – er musste, entschied er. Das, was er vorhatte zu tun, würde einfacher sein, wenn er es noch einmal mit eigenen Augen sah.
Langsam setzte sich Sheppard auf. Seine Beine, seine Arme, sein ganzer Körper fühlte sich schlaff und kraftlos an, ausgelaugt bis auf die Knochen und vom Schlaf noch keinesfalls erholt. Es würde keine Erholung geben, bis die Sache nicht zu ende gebracht war.
Seine Beine trugen ihn, das immerhin. Schwer atmend stand er da, das Gefühl der Übelkeit, die in ihm aufsteigen wollte, mit aller Macht unterdrückend. Ruhig, ganz ruhig. McKay hatte sich nicht gerührt, sein Atem war immer noch das einzige, was Sheppard hören konnte. Dann piepste leise irgendein Gerät auf der Krankenstation der Dädalus, Sheppard sah das grüne Licht im Halbdunkel flackern, doch nichts rührte sich als Reaktion da drauf.
Die Lichter gingen nicht an, als er langsam sich im Halbdunkel auf den Weg zur Tür machte, eine Hand am Infusionsständer, den er neben sich herschob. Das hier war nicht Atlantis – es war kein Feindesland mehr, es war ein wichtiger, lebensrettender, mächtiger Schutz – doch etwas fehlte, und im Halbdunkel der Krankenstation fühlte Sheppard es mit einem Mal so deutlich, als habe ihm jemand etwas aus der Brust geschnitten.
Kurzatmig und mit zitternden Knien erreichte er die Tür, die vor ihm aufglitt. Leise Stimme waren von einem Ende des Ganges zu hören, doch Sheppard wandte sich nicht in ihre Richtung, sondern öffnete eine andere Tür zur Krankenstation.
Hier befand sich der Vorraum zum absoluten Quarantänenbereich. Kühles, weißes Licht ließ ihn blinzeln, und er hörte, wie jemand aufsprang und einen Laut des Erstaunens von sich gab: „Colonel Sheppard!"
Er trat an die Tür zur Station. Durch eine schmale Scheibe konnte er in den Saal dahinter sehen, und mit einem Mal pochte sein Herz zum Zerspringen, auch wenn nichts von dem, was er sah, ihn wirklich überraschte, damit hatte er schließlich gerechnet, oder etwa nicht?
Doch es war etwas anderes, es zu denken, zu wissen, als es schließlich zu sehen.
Hier war also die Bevölkerung von Atlantis: Hier war Weir, hier waren Zelenka, Miko und all die anderen, die Sheppard im Traum auf dem Strand des Todes gesehen hatte, hier lagen sie, in einem bleichen Todesschlaf verfallen, unter glänzenden durchsichtigen Plastikzelten, um sich herum Drähte und blinkende Lichter.
Sheppard starrte. Nur wenige Menschen bewegten sich durch die stille Ansammlung der Plastiksärge mit denen in einen unlösbaren Dornröschenschlaf verfallenen Gestalten darin, wahrscheinlich hatten sie schon alles getan, was ihnen eingefallen war.
Sie waren sicher schon so gewesen, als Caldwell sie heraufgeholt hatte, dachte Sheppard. Was für eine Enttäuschung das gewesen sein muss. Wir hätten es ohnehin nicht nach Atlantis geschafft. Atlantis ist leer.
Sheppard ließ sich zurück zum Bett führen, ohne einen Laut des Protestes von sich zu geben. Er war sich wohl der Tatsache bewusst, dass dies ein höchst ungewöhnlicher Vorgang war, doch er war in Gedanken schon ganz woanders, und nahm es nur noch im Hintergrund seines Bewusstseins war, als er endlich das Bett erreicht hatte und sich auf die Matratze sinken ließ.
Ob es noch funktionieren würde? Doch dann, als er die Augen schloss, wusste er es sofort: Es war nie ganz weg gewesen. Er war nie ganz entkommen.
Das spärliche Licht wurde von irgendjemandem ausgeschaltet (und vielleicht wurde es das nicht einmal, vielleicht war es nur Sheppard selber, der sich jetzt langsam vom Licht entfernte) und der Colonel versuchte zu lauschen, sich zu erinnern, nach diesem Ort zu greifen, dessen Existenz er eben noch so genau gespürt hatte.
Da war es wieder. Sand und der Geruch von Leblosigkeit und Salz, das Rauschen des Windes – er war zurück. Zurück am Strand, und als er sich umsah, erkannte er in den Nebelschwaden, die trotz der kühlen Brise heraufgezogen waren, vertraute, schlafende Gestalten. Einen Augenblick später hörte er auch ihr Atmen, ruhig und gleichmäßig, und unmerklich verlöschend.
„Hey…", murmelte Sheppard, mehr zu sich selbst als zu irgendeinem anderen, „da bin ich wieder"
Er hätte nie sagen können, was er hier zu tun vorhatte. Sein Bewusstsein schien hier auf einer ganz anderen Ebene zu operieren, sein Fühlen und Denken waren vollkommen gewandelt. Er wusste, er hatte eine Aufgabe, einen Plan sogar, doch was er genau tun wollte, das hätte er nie erklären können. Traumlogik, das war es vielleicht, dieser Vergleich konnte noch am ehesten stimmen.
Bring sie zurück – sie alle…
Ja, das war es. Er würde sie zurück bringen, sie würde das Wasser unter dieser Wüste finden, die Erinnerungen unter dem Vergessen. Sie würden zurückkehren, wenn sie erst einmal wieder ganz waren, vollständig und mit einer klaren Vorstellung von dem, was sie waren und was sie hier verlieren konnten, und dass einen Ort gab, an dem sie ankommen konnten.
Das Gehen allein war schwierig. Mit jedem Schritt sackte er ein Stück ein, der Sand saugte regelrecht an seinen Füßen. Er fühlte sich feucht und schwer an, und vage und ohne jede Verblüffung nahm Sheppard zur Kenntnis, dass die zusammen gekrümmten schlafenden Personen nicht einen Zentimeter in den Boden einsanken, und dass der Sand, der sie umgab, trocken und hart schien, ganz anders, als sich der Boden unter seinen Füßen verhielt.
Dabei war es gar nicht so schwer. Sie brauchten nur ein wenig Hilfe, das war alles. Langsam, denn jeder Schritt kostete Kraft und Mühe, ging Sheppard zu ihnen hin, legte ihnen die Hand auf die Schulter oder auf den Rücken.
Weir – wie sie in Atlantis angekommen waren, die Mischung aus Furcht, Erstaunen, Freude und Stolz auf ihrem gut aussehenden, doch beinahe mageren Gesicht. Das gab den Anstoß, mehr brauchte es gar nicht – der Sand, der eben noch so hart zu sein schien, begann zu rieseln, und langsam, ganz langsam sackte Elizabeth ein, verschwand dann, nicht ohne vorher Sheppard noch einen vagen und beunruhigenden Einblick in eine Folge von Erinnerungen zu geben, die an seinem Bewusstsein vorbeihuschten wie Schatten. Ohne rechte Vorstellung von dem, was sie erlebt hatte, doch mit dem unangenehmen Gefühl, ihre Privatsspähre verletzt zu haben, starrte Sheppard auf die Kuhle, in der vorher noch ihr Körper gelegen hatte, und die sich nun langsam rieselnd mit Sand füllte und ganz verschwand, nicht eine Spur von Elizabeth zurück lassend.
Und so war es bei jedem. Sheppard ging langsam – heftiger und heftiger liebkoste der Sand seine Füße, seine Knöchel, schien den Colonel mit aller Macht nach unten saugen zu wollen, und jeder Schritt schien unendlich schwer.
Doch langsam verringerte sich die Anzahl der Personen auf dem Strand. Manchmal musste Sheppard lange suchen, heftigst mit seiner Hand nach unten drücken, bis die schlafenden Körper seinen Wink verstanden und begannen, in die Tiefe zu sinken, manchmal genügte ein kurzer Druck.
Bei der kleinen Japanerin, die McKay anscheinend so anziehend fand, musste sich der Colonel eine halbe peinliche Ewigkeit jedes Detail von McKays Gesicht und Körper in Erinnerung rufen, den Schwung seines sarkastischen Mundes und das Blau seiner intelligent blickenden Augen, bis die Frau (Gott sei dank!) langsam in der Tiefe verschwand.
Schließlich war nur noch eine Figur übrig, die schlafend im immer dichter werdenden Nebel lag. Es war fürchterlich kalt geworden, bemerkte Sheppard mit einem Mal – eine Eiseskälte hüllte ihn ein, und jeder Schritt schien ihm so schwer, als wären Eisengewichte an seinen Füßen befestigt. Er zählte sie Schritte, die er zu Zelenka brauchte – eins, zwei, drei… vier…endlich, endlich fünf… er war da, er konnte die Hand ausstrecken – der Nebel hüllte ihn dick und weiß ein, und plötzlich kam Sheppard die Erkenntnis, dass, wenn Zelenka einer von den Personen war, die nur mit Mühe überredet werden konnten, ihren Erinnerungen hinterher zujagen, er es möglicherweise nicht schaffen würde. Dann würde er Wissenschaftler hier zurückblieben, und vielleicht auch Sheppard mit ihm.
Doch er hätte sich keine Sorgen machen müssen. In dem Moment, in dem er Zelenka die Hand auf die Schulter legte und ihn in den Sand drückte, begann der Mann auch schon zu versinken; beinahe zärtlich rieselte der feine weiße Sand um und auf seine regungslose Gestalt.
Die Kuhle schloss sich ebenso wie bei Weir und allen anderen. Sheppard blieb zurück, kniend im kalten Sand, und wie der Schlag von der Faust eines Riesen traf ihn die Erkenntnis, wie unendlich müde und erfroren er war – er wollte sich nicht mehr regen, nie mehr… wenn er könnte, würde er auf der Stelle hier in einen tiefen, tiefen Schlaf verfallen und sich nie mehr rühren.
Doch dann riss etwas an ihm, mächtig und unwiderstehlich, und der Boden öffnete sich unter seinen Füßen, schluckte ihn und riss ihn in die Tiefe und Dunkelheit.
Helles, künstliches Licht stach ihm in die Augen. Beckett beugte sich über ihn, lächelnd, doch mit Schweiß auf der Stirn. Sheppard bemerkte, das eine Schwester neben seinem Bett stand, die offensichtlich gerade etwas in die Kanüle in seiner Armbeuge injiziert hatte. Auf der anderen Seite des Bettes stand ebenfalls ein Pfleger – und, wow, warum kippte der Raum hier plötzlich so zur Seite? Einen kurzen, komischen Moment lang hatte Sheppard die lebhafte Vorstellung, die Dädalus lege sich in die Kurve, und er hörte nur noch undeutlich Beckett sagen:
„Erst verschwinden sie spurlos, dann hat man sie endlich wieder, und schon versucht der eine, sich wieder davon zu machen"
Er klang unglaublich erleichtert. Sheppard grinste, und verlor dann das Bewusstsein
