Kapitel 34

Gelähmt von Gedanken, die ihre Ahnung zu bestätigen schienen, setzte sie sich erst in Bewegung als Minerva und Albus schon auf der Treppe waren.

„Warten Sie!" Dumbledore blieb stehen und drehte sich zu ihr um.

„Herminine, geh zurück in den Gryffindor-Turm. Du musst dir keine Sorgen machen." Doch zum ersten Mal schwang eine solche Unsicherheit in Albus' Stimme mit, die seine Worte Lügen strafte. Ohnehin wäre Hermine niemals auf die Idee gekommen, seelenruhig in ihr Zimmer zurückzukehren.

Der Schulleiter wusste, dass es keinen Sinn hatte, jetzt zu diskutieren und so wandte er sich wieder um und folgte Minerva, die ungeduldig am Ende der Treppe wartete.

„Wo ist er?" fragte er im Gehen.

„Auf der Krankenstation. Es sieht nicht gut aus."

Hermines Kopf war wie leergefegt. Alles, was jetzt zählte, war, ihn schnellstmöglich zu sehen.

Poppy erwartete sie bereits. Die Verzweiflung stand ihr ins Gesicht geschrieben. Bei diesem Anblick stieg Panik in Hermine auf.

„Du wartest!" befahl Dumbledore streng.

Sie wollte protestieren, doch da flogen schon die Türflügel zu. Sie riss und zerrte am Griff, doch nichts half. Albus musste die Tür magisch verschlossen haben.

Sie hämmerte mit den Fäusten dagegen, bis sie die Kraft verließ und sie in sich zusammen sackte. Mit den Armen um die Knie geschlungen wippte sie vor und zurück. Zu sehr stand sie unter Schock, als dass sie auch nur eine Träne vergießen konnte. Ihre Augen blickten ins Leere, während sie am Boden kauerte. Zeit und Raum verloren ihre Bedeutung. Sie hatte nur noch einen Gedanken: ‚Severus'


Ewigkeiten schienen zu vergehen, während sie wartete. Irgendwann waren Stimmen um sie herum aufgetaucht, die zu keinen Körpern gehörten. Stimmen, die Laute von sich gaben, die sich nie zu Worten formten, sondern sich gegenseitig erstickten. Die Laute wurden eindringlicher, als kämpften sie darum, gehört zu werden. Etwas rüttelte sie an der Schulter. Ganz langsam drehte sie ihren Kopf. Jemand, Etwas stand neben ihr, doch ihre Sicht blieb verschwommen, als versagten ihre Augen, sich auf den Gegenstand scharf einzustellen. Sie fühlte sich wie in Watte gepackt und von einem Nebel umgeben, den sie weder durchbrechen konnte, noch wollte. Ein beruhigendes Gefühl. Alles war in den Hintergrund gerückt und sie fühlte nichts, dachte nichts. Die Welt hatte aufgehört zu existieren, oder vielleicht war auch sie es, die einfach nicht mehr da war.

„Sie steht unter Schock. Geben Sie ihr etwas", sagte Albus zu Poppy, der Hermine mit besorgten Blicken maß.

„In Ordnung, Professor."

Inzwischen war auch Minerva wieder aus der Krankenstation getreten, in die die Krankenschwester gerade wieder verschwunden war. Ihr Blick fiel sofort auf Hermine.

„Sollte Sie nicht lieber hier bleiben?"

„Das wäre natürlich das Beste", antwortete er. „Aber sieh sie dir an. Wenn sie wieder zu sich gekommen ist, was meinst du, wie sie wohl reagieren würde, wenn sie Severus sähe?"

Minerva schwieg, was Albus als Zustimmung deutete.

„Poppy wird ihr etwas verabreichen und dann werden wir sie auf ihr Zimmer geleiten. Allein wird sie nicht mehr gehen können. Morgen früh hat sie es überstanden."

Professor McGonagall blickte auf die geschlossenen Türflügel.

„Was ist nur passiert?", flüsterte sie.

„Das weiß nur Severus."

Sie blickten sich an und in Minervas Augen formte sich die unausgesprochene Frage, wie es weitergehen würde. Albus ergriff ihre Hände.

„Ich weiß es nicht..."


Hermine erwachte am nächsten Tag mit beinahe unerträglichen Kopfschmerzen. Ihr Zeitgefühl war ihr abhanden gekommen, doch draußen war es schon hell. Erschrocken sprang sie aus dem Bett, was sofort mit einem besonders stechenden Schmerz in der Schläfenregion bestraft wurde. Wieso hatte sie so lange geschlafen und warum hatte sie niemand geweckt? Ihr Blick fiel auf einen Zettel, der auf ihrem Schreibtisch lag.

Liebe Hermine,

du bist heute vom Unterricht freigestellt.

A. Dumbledore

Freigestellt? Auf einen Schlag fiel ihr alles wieder ein. In Windeseile griff sie nach den ihr naheliegendsten Kleidern, zog sie sich über und stürmte aus dem Zimmer.


„Hermine, ich habe dich schon erwartet", begrüßte sie Dumbledore mit einem freundlichen Lächeln, das nichtsdestotrotz auch von großer Müdigkeit zeugte. Er hatte in der vergangenen Nacht nicht allzu viel geschlafen.

„Wie geht es Professor Snape? Ich muss zu ihm!"

„Nun komm erst mal mit. Lass uns eine Tasse Tee trinken", sprach er beschwichtigend auf sie ein. War er noch ganz bei Trost? Wie konnte er jetzt daran denken, Tee zu trinken? Er hatte scheinbar ihre Gedanken gelesen.

„Du musst dir keine Sorgen mehr machen. Komm, lass uns reden." Er geleitete sie die Gänge entlang zu seinem Büro. „Nimm doch bitte Platz."

„Professor, was heißt, ich muss mir keine Sorgen MEHR machen?" fragte sie.

„Nun gut... Es war nicht einfach. Aber er hat es überstanden."

Hermines Augen weiteten sich, doch sie sagte nichts.

„Die letzte Nacht war sehr aufreibend für uns alle. Ich will ehrlich sein: Wir hatten die Hoffnung schon fast aufgegeben."

„Was ist passiert?" fragte sie mit heiserer Stimme. Sie fühlte einen dicken Kloß in ihrem Hals.

„Das wissen wir nicht. Er ist noch nicht bei Bewusstsein. Aber er ist außer Lebensgefahr."

Hermine wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte.

„Kann... kann ich zu ihm?" Dumbledore schien ernsthaft abzuwägen.

„Hermine", begann er schließlich, „was Severus jetzt braucht, ist äußerste Ruhe. Ich verstehe deine Sorge, aber du bist immer noch aufgewühlt. Der gestrige Tag war auch für dich nicht leicht."

„Aber ich...", begann sie, doch etwas schnürte ihr mitten im Satz die Kehle zu.

Dumbledore legte seine Hand auf ihre. „Warte noch ein Bisschen. Ich werde dir Bescheid sagen, sobald du zu ihm kannst. Jetzt solltest du dich noch etwas ausruhen und erholen."

Wie konnte er an Erholung denken, wenn Severus dem Tode näher gewesen war als dem Leben? Wie konnte er annehmen, sie könne sich ausruhen, wenn sie immer noch Angst hatte, dass doch noch etwas schief gehen konnte?

„Ruh dich aus", sagte Dumbledore noch einmal und brachte sie zur Tür.

Wieder allein haderte sie mit sich selbst, was sie tun sollte. Etwas in ihr hieß ihr, augenblicklich zur Krankenstation zu gehen und sich selbst davon zu überzeugen, dass es Severus den Umständen entsprechend gut ging. Sie wollte allerdings auch nichts tun, was ihm in irgendeiner Weise schaden könnte. Wenn er Ruhe brauchte, sollte er sie auch bekommen.

Schweren Herzens machte sie sich auf den Rückweg zu ihrem Zimmer.


Am frühen Abend hielt Hermine es nicht mehr allein mit ihren Gedanken aus. Harry und Ron hatten sie inzwischen belagert, um zu erfahren, warum sie schon wieder nicht zum Unterricht erschienen war. Kurz und knapp fasste sie zusammen, was geschehen war und war selbst erstaunt darüber, wie ruhig sie dabei blieb. Es schien ihr, als hörte sie sich selbst von Außerhalb beim Reden zu. Doch schon kurz nachdem ihre beiden Freunde wieder verschwunden waren, sank sie in sich selbst und zu ihren Gedanken an Severus zurück. Sie musste ihn sehen, sich selbst davon überzeugen, dass es ihm gut ging. Ehe sie das nicht getan hatte, würde sie nicht zur Ruhe kommen.

Auf dem Weg zur Krankenstation malte sie sich die unterschiedlichsten Bilder aus und, endlich angekommen, schenkte sie Madame Pomfrey, die sie um Ruhe bat, nicht allzu viel Aufmerksamkeit, als sie an ihr vorbeistürmte. Als sie die Bettreihen entlangging, verlangsamte sie ihren Schritt. Nur ein Bett im Saal war belegt und von Blicken abgeschirmt. Was würde sie erwarten? Was würde sie sehen? Poppy hatte ihr mitgeteilt, dass Severus immer noch nicht bei Bewusstsein, sein Zustand aber nicht mehr gefährlich war.

Sie atmete einmal tief durch, bevor sie die zittrige Hand ausstreckte und langsam die Vorhänge beiseite zog.

Seine Brust hob und senkte sich von tiefen Atemzügen. Sein Gesicht wirkte entspannt, trotz der Prellungen und Wunden, die darüber verteilt waren. Wie tief mussten sie gewesen sein, dass sie trotz Poppys Bemühungen noch nicht verheilt waren?

Der Kontrast der Zeichen eines Kampfes und des doch so friedlichen Anblicks, rührte Hermine augenblicklich zu Tränen, die sie mit aller Kraft zurückhielt. Sie hatte das Gefühl, sobald sie ihnen ihren Lauf ließ, würden sie nicht mehr aufhören. Sie zog sich einen Stuhl neben das Bett und setzte sich.

Es hätte nicht so weit kommen dürfen. Das alles hätte nicht passieren dürfen. Und es wäre auch nicht geschehen, wäre sie nicht gewesen. Hätte sie nicht mit ihm gearbeitet, wären die Gerüchte, die letztendlich zu dem geführt hatten, was sie vor sich sah, nicht aufgetaucht. Malfoy wäre nicht hellhörig geworden. Und hätte sie sich in ihrem verdammten Egoismus, Severus zu sehen, nicht an dem Ort aufgehalten, an dem Malfoy sie bedroht hatte, wäre es erst recht nicht dazu gekommen. Sie war Schuld. Nur sie allein.

Überwältigt von ihren Schuldgefühlen schlug sie die Hände vors Gesicht und weinte lautlos. Sie wusste nicht, wie lange sie so dagesessen hatte. Irgendwann war Madame Pomfrey erschienen und hatte ihr gesagt, dass es Zeit war zu gehen. Sie war dem widerspruchslos gefolgt. Beim Verlassen der Station drehte sie sich nicht mehr um. Sie ertrug den Anblick einfach nicht mehr, der so schwer auf ihr lastete und für den sie sich ganz allein verantwortlich fühlte.