Kapitel vierunddreißig: Ewiger Schlaf

*Edwards Blickpunkt*

Ich war misstrauisch.

Winry hatte ein Privatgespräch mit den Tugenden verlangt und jetzt saßen sie schon seit über einer Stunde darin und redeten.

Was noch verdächtiger war, sie hatte die sieben aufgefordert, eine Schreibmaschine mitzubringen. Also kam aus dem Raum kaum mehr, als ihre flüsternde Stimme, Charitys Stimme, die zu leise sprach, als das ich was verstehen konnte und entweder Diligence oder Humility, die auf der Schreibmaschine tippten.

Nachdem ich drei Stunden lang ängstlich vor der Tür gestanden hatte, kamen die Tugenden endlich raus. „Worüber habt ihr geredet?", verlangte ich zu wissen, „Was wollte Winry von euch?"

Humilitys todernste Antwort traf mich bis ins Mark: „Ihr Testament machen."

*Envys Blickpunkt*

Heute Nacht war etwas anders. Wir waren stiller als sonst. Da lag etwas in der Luft, etwas, dass uns vom Sprechen abhielt. Irgendwie wollten wir beide nichts sagen. Aber es war nicht die übliche angenehme Stille und es gefiel mir nicht. Aber was sollte ich sagen? Wie konnte ich diese eisige Stille durchbrechen?

Sie löste endlich das Dilemma und sprach. „Hey, Envy."

„Hm?"

„Heute Nacht habe ich eine Frage für dich."

Mir gefiel nicht, wie sie das sagte. Ich hatte das Gefühl, die Frage würde mir nicht gefallen.

„Wie ist der Tod?"

Ich wusste es.

Ich seufzte: „Schwer zu sagen. Ich weiß nicht, wie es für dich sein wird. Für mich war es nicht schön. Aber ich bin ein Homunkulus, also habe ich keine Seele. Deshalb hab ich im Limbus festgesteckt. Aber du bist ein Mensch und hast eine Seele. Vielleicht wird es für dich wirklich ein ewiger Schlaf, wie die Leute sagen. Vielleicht wirst du schöne Träume haben."

Sie lächelte wehmütig. „Ich werde wohl nach morgen nicht mehr leben."

Mein Gesicht spiegelte ihres wieder. „Ich weiß", sagte ich traurig und nahm ihre Hand.

Der nächste Tag war schön. Der Himmel war blau, die Sonne schien. Es war genauso wie ein Spätsommertag sein sollte.

Alle waren draußen, nur ich saß an ihrem Bett.

In dem Wissen, dass dies unser letztes Gespräch war, nutzten wir jede Minute.

Wir hatten wieder unsere innere Ruhe, aber diesmal war sie anderer Art.

Schließlich sah sie zum Fenster. „Trag mich darüber", flüsterte sie, „Ed und die Kinder spielen da draußen, nicht wahr? Ich will sie ein letztes Mal sehen."

Ich hob sie hoch, trug sie rüber und setzte sie im Schaukelstuhl am Fenster ab.

In der Nähe spielte Edward mit ihrem Sohn und ihrer Tochter und sie lachten.

Sie lächelte zärtlich bei dem Anblick, doch zwei einsame Tränen liefen ihre Wangen hinunter.

„Ich liebe sie. Ich liebe sie so sehr."

Ich sagte nichts, als ich ihr die Tränen wegwischte. Ich gab nicht zu, dass ich ebenso fühlen wollte.

„Hey", sagte sie sanft.

„Ja?", fragte ich.

„Sag meiner Familie, dass ich sie liebe."

„Mhm."

„Vergiss das Versprechen nicht."

„...Werd ich nicht."

„Gut. Und Envy?"

Ich sah sie fragend an.

Sie lächelte ein letztes Mal.

„Ich danke dir."

Das waren ihre letzten Worte.

Sie verschied in ihrem Schaukelstuhl, lächelnd, mit dem Bild ihrer spielenden Familie vor Augen, bevor sie diese für immer schloss.

Ich biss mir auf die Lippen und befahl mir, nicht zu weinen.

„Gern geschehen. Und ich danke dir auch. Bye bye … Winry Elric."

*Edwards Blickpunkt*

Ich war gerade von meiner Tochter niedergestreckt worden und stand auf, als Envy rauskam.

„Was ist denn los?", fragte ich, als er auf mich zukam.

Doch dann sah ich seinen Gesichtsausdruck.

Es war keine Erklärung nötig.

*Envys Blickpunkt*

Mir gefiel nicht, wie ruhig der Blondschopf war.

Mir gefiel nicht, wie still er mir nachfolgte.

Und am allerwenigsten gefiel mir die Leere in seinen Augen.

Schweigend betrat Edward das Krankenzimmer und ging auf seine geliebte Frau zu.

Schweigend kniete er vor ihr und liebkoste diese toten Hände.

Schweigend, schweigend … warum sagte er nichts, verdammt?!

Nach einer Weile sprach er endlich: „Sie sieht wunderschön aus. So selig und gelassen. So hat sie ausgesehen, als wir geheiratet haben, weißt du. Und als sie nach den Geburten unserer Kinder mit ihnen in den Armen einschlief, sah sie auch so aus."

Wie konnte er das so sagen, so … seelenlos?!

Ich versuchte, meine Gedanken zu ignorieren und gesellte mich zu ihm.

„Sie ist den Tod gestorben, den sie wollte", sagte ich leise, um das Zittern in meiner Stimme zu verbergen. Ich würde nicht weinen. Ich würde nicht weinen.

„Sie war wach … es war ein netter Tag … und das letzte, was sie gesehen hat, war wie ihr drei Spaß hattet. Das … das ist doch der Tod, den ihr Menschen euch wünscht, oder? Einfach einzuschlafen … mit ihren Lieben vor Augen? Schau sie dir an! Sie sieht aus, als hätte sie einen netten Traum! Aber dieser Traum ist ewig … sie wird nie mehr aufwachen..."

Und sie wird nie mehr mit mir sprechen.

Winry stirbt, Envy kann das kaum begreifen und Ed ist geistig gelähmt. Hier gibt es Tragödie.