Kapitel 36

Auf dem Weg hinunter zu seinen alten Räumen klammerte sich Harry an ihn und hatte sein Gesicht gegen seine Schulter gedrückt.

Severus spürte deutlich, wie die harten Augen eines der Stofftiere ihm allmählich schmerzende Stellen auf der Brust verursachten, da Harry seine beiden Stofftiere zwischen sie beide gepresst hatte.

Doch Severus ertrug es stumm, Harry war nach dem Besuch bei Poppy aufgewühlt genug, da musste er nicht noch über so etwas Banales schimpfen.

Das Porträt, dass den Eingang zu seinen Wohnräumen bildete, schwang sofort auf und nach einem kurzen Blick durch den Raum, stellte Severus erleichtert fest, dass niemand während seiner bisherigen Abwesenheit hier drin gewesen war.

Albus hatte ihm zwar versprochen, dass seine Wohnung während seiner Auszeit unangetastet bliebe, doch bei Albus konnte man nie so recht wissen.

Vorsichtig setzte er Harry auf der Couch ab und Harry sah sich mit großen grünen Augen um.

„Erkennst du wo wir sind, Harry?", fragte Severus in ruhigem Ton.

Harry nickte zaghaft und konnte ein Gähnen nicht verbergen.

Severus Gesicht nahm einen zärtlichen Ausdruck an und mit einem feuchten heraufbeschworenen weichen Tuch wischte er die deutlich erkennbaren Tränenspuren aus dem Gesicht seines Sohnes und deckte das Kind mit einer der Decken zu, die immer am Rand der Couch lagen.

Harry legte sich bereitwillig hin und kuschelte sich in die Decke, seine beiden Stofftiere noch fest in den Armen.

Severus beugte sich hinunter und gab dem kleinen Jungen sanft einen Kuss auf die Stirn.

In den vergangenen Tagen hatte er seinem Sohn immer die Spieluhr seiner Mutter angemacht, wenn das Kind tagsüber ein wenig schlafen sollte, doch, die hatte er in der Eile eben nicht mitgebracht.

Doch scheinbar reichte schon der leichte Schmerztrank aus, um das Kind dösig zu machen.

Denn schon nach wenigen Minuten ging der Atem des kleinen Jungen regelmäßig und der feste Griff um die beiden Stofftiere hatte sich deutlich gelockter, sodass eines der beiden schon fast aus den nun schlafen Armen des Kindes gerutscht wäre.

Severus betrachtete seinen Sohn einige Minuten schweigend beim Schlafen.

Schließlich ließ er den Jungen in Ruhe schlafen und zog eines der Bücher herbei, die er bestellt hatte, als er Harry aufgenommen hatte.

Es war ein Buch über Kinderpsychologie, mit besonderem Augenmerk auf den Umgang mit misshandelten Kindern.

Nach einigen Seiten fühlte sich Severus in seinem bisherigen Umgang mit seinem Sohn einigermaßen bestärkt.

Jedoch wies das Buch deutlich darauf hin, dass es enorm wichtig sei, ein misshandeltes Kind schnellst möglich mit gleichaltrigen zu sozialisieren.

Severus warf einen kurzen Blick auf das friedlich schlummernde Kind auf der Couch. Harry hatte in den letzten Tagen eindeutige Fortschritte gemacht.

Er war sich zwar nicht so sicher, ob ein Zusammenbringen mit Draco wirklich gut ablaufen würde. Doch er wusste definitiv auch, dass Harrys Umgang mit anderen Kindern auf seinen Cousin oder gelegentliche Spielkameraden des Cousins beschränkt war.

Severus ging leise zum Schreibtisch und schrieb einen weiteren kurzen Brief an Lucius.

Den morgigen Tag hatte er weitestgehend mit Besorgungen und der Untersuchung von seinem Sohn verplant.

Er wollte das erste Zusammentreffen der Kinder auf jeden Fall nicht in Malfoy Manor sondern in Harrys nun gewohnter Umgebung ablaufen lassen.

Und es wäre vermutlich nicht sonderlich förderlich, wenn er Harry nach einem stressigen Tag noch mit seinem Patenkind bekannt machen wollte. Es wäre sicherlich besser, wenn sein Sohn ausgeruht und halbwegs entspannt war.

So lud er Lucius mit seiner Familie in zwei Tagen zu sich ein. Er wusste von den paar Worten, die er alleine mit Lucius gewechselt hatte, dass Draco die Aussicht auf einen neuen Spielkameraden absolut genial fand und seinem Vater gehörig auf die Nerven ging damit, wann er Harry endlich kennenlernen würde.

Severus war sich nicht allzu sicher, ob Narzissa ihren Mann direkt begleiten würde. Doch die Frau war von ruhiger und eher zurückhaltender Natur und er hoffte, dass Harry nicht sehr negativ auf sie reagieren würde.

Doch umso mehr Sorgen machte er sich um die Reaktion seines Patenkindes auf seinen Sohn. Draco konnte ziemlich unhöflich sein und Kinder dachten sich häufig nicht direkt bei ihren Aussagen etwas, beziehungsweise Draco würde sich vermutlich nicht unbedingt bewusst darüber sein, wie schnell er Harry verängstigen oder kränken könne.

So mahnte er seinen alten Freund noch einmal mit aller Deutlichkeit Draco am folgenden Tag auf das Zusammentreffen vernünftig vorzubereiten.

Das Problem bestand vor Allem darin, dass Severus zu Familien mit Kindern in dem Alter keinen Kontakt hatte. Sprich sollte das Kennenlernen der Kinder in einem totalen Fiasko enden, würde es ihm sehr schwer fallen eine Alternative für Harry zu finden.

Er konnte zwar darauf zählen, dass die Weasleys bereitwillig ihre Hilfe anbieten würden. Schließlich hatte das Paar regen Kontakt mit den Potters vor deren Ableben geführt. Doch Harry auf die überschwängliche Molly in der Winkelgasse äußerst negativ reagiert und die Weasleys hatten insgesamt sieben Kinder und Harry würde schon mit einem neuen Kind überfordert sein, geschweige denn mit sieben auf einmal.

Und zugegebener Maßen graute auch ihm selber davor, sich mit den Weasleys wirklich anfreunden zu müssen. Sicherlich waren es nette Leute. Doch Severus tat sich schwer mit Smalltalk und würde selber gerne die Erfahrung eines Tages im Fuchsbau dringend umgehen.

Ebengerade als er den Brief an die Malfoys verschickt hatte, begann sich Harry auf der Couch zu regen.

Der kleine Junge streckte sich leicht unter der Decke und öffnete grüne Augen, die sich verschlafen umsahen.

Severus stand vom Schreibtisch auf und setzte sich neben Harry auf die Couch. Schließlich wollte er vermeiden, dass Harry die Umgebung als fremd einstufte und Angst bekam.

Doch Harry hatte seinen Vater schon bemerkt und schenkte ihm ein sanftes Lächeln.

Zärtlich fuhr er dem Kind durch die zerzausten dunkeln Haare: „Hast du noch Schmerzen in dem Fuß?"

Harry wackelte experimentell mit dem verletzten Fuß unter der Decke und zog scharf die Luft ein.

Severus schüttelte leicht den Kopf: „Du solltest den Fuß noch nicht viel bewegen. Ich habe aber eine leichte Betäubungssalbe hier, die ich dir drauf tun kann."

Er stand vom Sofa auf und holte die betreffende Salbe aus dem kleinen Schrank im Badezimmer.

Severus hatte immer einige Tränke und Salben gelagert, um kleinere Verletzungen selber behandeln zu können. Eine Angewohnheit, die er durch die Zeit als Spion in den Reihen des dunklen Lords, erlernt hatte und ihm in seiner Unterrichtskarriere auch immer mal behilflich gewesen war.

Mit der Salbe in der Hand kam er zurück ins Wohnzimmer, wo Harry noch unter der Decke auf ihn wartete.

Severus schob die Decke beiseite und nahm den verletzten Fuß des Jungen sanft und platzierte ihn auf seinem Schoß.

Vorsichtig verteilte er eine dünne Schicht der Salbe auf dem noch ganz leicht angeschwollenen Fußgelenk, darauf bedacht, das Gelenk nicht unnötig noch weiter zu bewegen.

Harry ließ sich die Prozedur geduldig gefallen und betrachtete wachsam, was sein Daddy tat.

Mit einem kurzen Zauber verschwand die Salbe zurück in den Schrank und Severus deckte den kleinen Jungen wieder zu.

Ein Blick auf die Uhr verriet auch, dass es schon Zeit war, dass Harry Abendessen bekam. Nach der ganzen Aufregung des Tages würde es dem Kind auch nicht schaden, heute etwas früher ins Bett zu gehen. Schließlich wirkten Tränke, besonders Tränke, die Knochen wieder zusammenwachsen ließen, am besten mit genügend Erholung und Ruhe.

Severus rief einen der Hauselfen, die in der Küche von Hogwarts arbeiteten und bestellte für sich und seinen Sohn etwas zu Essen.

Wenige Augenblicke später erschien die Elfe beladen mit einem Tablett voll mit verschiedenen Sandwiches wieder und verabschiedete sich mit einer kurzen Verbeugung.

Severus gab Harry ein Sandwiche auf einem kleineren Teller: „Du kannst jetzt auf der Couch essen, du sollst den Fuß noch hochhalten, bis er wirklich gänzlich ausgeheilt ist."

Harry schenkte ihm ein schüchternes Lächeln und aß langsam sein Sandwiche.

Die Geschwindigkeit, in der Harry sein Essen aß, hatte sich in den vergangenen Tagen um einiges verbessert.

Sein Sohn glaubte ihm offenbar mittlerweile wirklich, dass ihm das Essen nicht weggenommen würde, wenn er nicht alles schnell hinunterschlang.

Schweigend verspeisten die beiden die einfache Mahlzeit.

„Möchtest du etwas malen, während ich den Abwasch erledige, Harry?", fragte Severus schließlich, als er den leeren Teller des Kindes entgegennahm.

Harry nickte leicht lächelnd: „Oh, ja!"

Severus lächelte seinen Sohn an und veränderte den Couchtisch magisch so, dass er eine passende Höhe hatte, um ihn von der Couch aus zu erreichen.

Aus dem Kinderzimmer holte er noch einen leeren Block und ein paar Stifte und ließ seinen Sohn allein im Wohnzimmer zurück.

Harry konnte sich ziemlich gut und lange ruhig mit sich alleine beschäftigen, nachdem er einmal raus hatte, wie er welche Spielzeuge benutzen musste und verstanden hatte, dass er sie überhaupt benutzen dürfte.

Der Abwasch dauerte nur ein paar Minuten und Severus saß schon bald wieder gemeinsam mit seinem Sohn im Wohnzimmer und betrachtete, was Harry begonnen hatte, zu malen.

Auf dem vorher weißen Papier waren die Umrisse eines Schlosses erkenntlich, vermutlich versuchte Harry Hogwarts zu zeichnen.

Bis jetzt war es noch nicht eindeutig feststellbar und Harry hatte schon zwei überflüssige Türme gemalt, die es gar nicht gab.

Doch, wenn er eins aus dem Desaster mit dem ersten Bild des kleinen Jungen gelernt hatte, dann, dass es absolut unwichtig war, wie realistisch das Ergebnis eines Bildes war. Hauptsache, Harry hatte Spaß am Malen des Bildes und war damit beschäftigt.

Der restliche Abend, bis an der Zeit war seinen Sohn ins Bett zu bringen, verlief enorm zügig und in friedlicher Ruhe.

Severus saß ein paar Minuten mit auf dem Bett des Kindes und las Harry ein neues Märchen vor. Doch der kleine Junge war schon längst eingeschlafen, eh Severus auch nur bis zur Mitte der Geschichte gelangt war.

Schmunzelnd legte er das Buch beiseite, strich seinem Sohn zärtlich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und gab ihm einen Gutenacht-Kuss.

Severus stellte eine Hauselfe dazu ab, für ihn auf den Jungen aufzupassen und ihn zu holen, falls das Kind aufwachte.

Denn, wenn Severus einmal in Hogwarts war, konnte er auch noch ein persönliches Gespräch mit Albus führen.