Kapitel 34 – Ewig der Ozean

Draco Malfoy war vieles. Er würde schnell zugeben, dass er unhöflich, scharfzüngig, launenhaft, schwierig und fies war. Er konnte sich aufspielen, als wäre er allein das Zentrum des Universums, und aus so ziemlich jedem Grund auf jemanden hinabsehen.

Insgesamt war er selbstsicher, intelligent, von sich überzeugt. Er begab sich selten in Situationen, in denen er keine Kontrolle hatte, und in diesen wenigen Augenblicken hatte er immer noch genug Informationen, um vernünftig einschätzen zu können, wie sich die Leute verhalten würden, wie die Situation sich klären würde.

Er hatte zwei Jahre gehabt, um sich den Moment vorzustellen, da er Hermine verraten würde, was er getan hatte. Anfangs war er nicht allzu besorgt darum gewesen, was ihre Erwiderung sein könnte. Je mehr er sie beobachtete, desto mehr stach sein Gewissen wegen seiner Handlungen auf ihn ein, wenn auch kaum genug, um seinen Willen, zu überleben und seine Mission zu vollenden, zu übertrumpfen.

Nachdem sie in sein Haus gezogen war, hatte sich alles geändert. Ihre unglaubliche Stärke im Angesicht des Glaubens, dass ihre Eltern tot durch seine Hand waren, hatte ihn mehr bewegt, als er erwartet hätte. Je mehr Zeit sie miteinander verbrachten, desto mehr sorgte er sich um sie und letztendlich darum, was sie von ihm halten würde, wenn sie die Wahrheit erfuhr.

Als sich die Zeit näherte, Voldemort gegenüberzutreten, hatte Draco die Gedanken, Hermine die Wahrheit zu sagen, verdrängt. Er hatte dringendere Sorgen. Doch er hatte vorher sehr viel nachgedacht und war noch nie zu einer guten Hypothese gelangt.

Nach Voldemorts Tod war Hermines Reaktion alles, woran er dachte. Eine Sache, auf die er sich entschieden hatte, war, dass sie wütend sein würde. Darüber hinaus brachte er keine Vermutung zustande, die auf Belegen basierte.

Sie war so… unmöglich einzuschätzen. Sie passte nicht in nur eine Kategorie. Einen Augenblick lang glaubte er, sie durchschaut zu haben, und dann fiel ihm etwas ein, das sie gesagt oder getan hatte, das seiner Definition widersprach.

Kurz, er hatte Angst, sie anzuschauen, als er seine Geschichte beendet hatte. Egal was er tat, egal wie wütend sie war, er musste es über sich ergehen lassen. Es gab nichts, das er ihr antworten konnte – nichts, das er sagen würde. Sie hatte jedes Recht zu fühlen, was sie fühlen würde, und er hatte nicht die Absicht, irgendetwas abzustreiten.

Es stimmte, dass es noch mehr Details zu enthüllen gab – dass er ihren Tod vorgetäuscht hatte, wie er den Dunklen Lord davon überzeugt hatte, Hermine nicht zu töten, eine Erklärung des Bindungsfluchs. Doch der Großteil der Botschaft war ausgetragen worden.

Erst als er das bedrückende Gewicht der Stille im Raum spürte, realisierte er, dass er aufgehört hatte zu sprechen. Die ganze Geschichte hindurch hatte Draco seinen Blick auf eine Stelle an der Wand hinter Hermine und ihren Eltern gerichtet. Mit großer Beklommenheit wagte er einen Blick zu ihr. Sie starrte ihn mit offenem Mund an. Wäre die Situation nicht so ernst, hätte er gelacht.

Als ihre Blicke sich trafen, schien sie aus ihrer Trance zu erwachen. Sie klappte den Mund zu, fuhr aber fort, ihn anzustarren, als wäre ihm ein zweiter Kopf gewachsen.

Draco brach den Blickkontakt mit Hermine und schaute ihre Eltern an. Jane lächelte ihn aufmunternd an, während Steve seine Tochter beobachtete. Draco wollte im diesem Augenblick mehr als alles andere, Hermines Stimme zu hören. Er hatte fast eine halbe Stunde lang erzählt. Ihre Eltern hatten gelegentlich etwas eingeworfen, es jedoch zum größten Teil ihm überlassen.

Als die Stille erdrückend wurde, räusperte er sich. Hermines Blick flackerte wieder zu ihm und sie blinzelte.

Dann legte Jane ihre Hand auf Hermines Arm. „Alles in Ordnung, Liebling?"

Hermine schaute ihre Mutter an, Tränen in den Augen. Sie konnte nur nicken und lehnte dann ihren Kopf gegen ihre Mutter, die einen Arm um die Schultern ihrer Tochter legte und sie an sich zog.

„Hermine", sagte Draco. Er hoffte, dass er nicht allzu verzweifelt klang. Er musste wissen, was sie dachte, was sie fühlte, was ihr in typischer Lichtgeschwindigkeit durch den Kopf ging.

Sie schloss fest die Augen und holte mehrmals tief Luft. „War da noch was anderes?", fragte sie leise, die Augen immer noch geschlossen.

Ihre emotionslose Stimme bewirkte, dass sich etwas in ihm schmerzhaft zusammenzog. Alles wäre besser gewesen als das – schreien, weinen, ihn verhexen. Aber sie hielt nur ihre Augen verschlossen und wartete darauf, dass er weitersprach.

Er nickte. „Ich bin zu meinem Haus gegangen und habe den Trank von den Vorräten meines Vaters geholt. Dann bin ich zu eurem Haus zurückgekehrt. Deine Eltern positionierten sich, wie du sie gefunden hast, und nahmen den Trank. Ich wartete darauf, dass du nach Hause kamst, nachdem ich das Dunkle Mal über euer Haus gelegt hatte. Ich wusste, dass du den Orden holen würdest, sobald du es gesehen hast. Deshalb wusste ich auch, dass du nicht allein sein würdest, wenn du hereinkommst."

„Ich habe herausgefunden, welches Bestattungsinstitut du beauftragt hast, und mich dort einstellen lassen. Ich stellte sicher, dass ich im Dienst war, als die Beerdigung kam. Als sie vorbei war und alle bereit waren, zum Grab zu gehen, stahl ich mich aus dem Raum, verabreichte deinen Eltern den Wiederbelebungstrank und legte Beutel mit Erde in die Särge, bevor ich sie versiegelte. Dann brachte ich deine Eltern her.

Ich habe diese Insel in den paar Tagen zwischen ihrem „Tod" und der Beerdigung gefunden und gekauft. Wir verbrachten einen Monat damit, das Haus zu bauen, und seitdem haben wir hier gelebt."

Wieder sah Draco zu Hermine, doch sie starrte zur Tür.

„Du warst dort? Zur Beerdigung meiner Eltern?", fragte sie. Hermines Kopf, der während Dracos Geschichte ausgesetzt hatte, erwachte nun langsam wieder zum Leben. Doch alles andere war immer noch durcheinander und das war etwas, worauf sie sich konzentrieren konnte. Ohne etwas anderes zu betrachten, zwang sie sich dazu an den Tag zu denken, da sie ihre Eltern beerdigt hatte. Sie rief sich so viele Details wie möglich in Erinnerung. Der Raum, die Farben, die Menschen – besonders die Menschen. Es waren so viele Menschen – ehemalige Lehrer, Harry, Ron und alle Weasleys, der Großteils des Ordens, die Freunde ihrer Eltern…sicherlich würde sie sich daran erinnern, wenn Malfoy dort gewesen wäre. Natürlich musste er anders ausgesehen haben. Vielleicht hatte er seine übliche Tarnung mit schwarzem Schopf und blauen Augen angenommen? Sie durchsuchte ihre Erinnerung, doch sie war zu neblig. Sie konnte sich kaum daran entsinnen, wie sie aufgewacht war, sich angezogen hatte und in den Wagen gestiegen war, geschweige denn an jede Person, die teilgenommen hatte. Sie seufzte frustriert und sah Draco an. „Ich kann mich nicht an dich erinnern."

„Ich bin schließlich nicht zu dir gekommen und habe dich begrüßt."

Nun rasten Hermines Gedanken durch alles, das er ihr erzählt hatte. Er hatte den Tod ihrer Eltern vorgetäuscht. Er hat ihren Tod vorgetäuscht. Es machte keinen Sinn. Warum? Warum?

„Warum?", fragte sie ruhig. „Warum hast du das alles getan? Warum hast du ihren Tod vorgetäuscht?" Dann setzte sie sich auf und sah abwechselnd ihre Eltern an. „Und ich kann nicht fassen, dass ihr das mitgemacht habt! Ich kann nicht fassen, dass ihr mich dem ausgesetzt habt!" Hermine bemerkte überrascht, dass sie ihre Eltern anbrüllte.

„Oh, Liebling." Jane lächelte ihre Tochter schmerzlich an. „Wir wussten, dass es hart werden würde, aber wir hatten keine andere Wahl. Draco hat uns sehr wenige Optionen gelassen und sich geweigert, deinen Tod ebenfalls zu fälschen. Er sagte, du würdest nicht an Ort und Stelle bleiben."

Hermine funkelte ihre Mutter weiter an. „Du hattest verdammt Recht damit, dass ich nicht an Ort und Stelle bleiben würde. Ich kann nicht fassen, dass ihr es auch nur in Betracht gezogen habt. Ich hätte mich niemals gefällig dazu zwingen lassen, die Welt für zwei Jahre zu verlassen." Ihre Augen versprühten Funken, während sie sprach, doch das Feuer erlosch bald zu Traurigkeit und sie blickte ihren Vater an. „Aber… ich verstehe nicht, warum ihr es mir nicht erzählen konntet?"

Draco schaltete sich ein: „Wenn du es auch nur geahnt hättest, wäre es zwangsläufig ans Licht gekommen. Du hättest es irgendwem gegenüber erwähnt oder es irgendwie durch dein Verhalten angedeutet. Du standest unter Beobachtung, weißt du. Durch… uns." Er schluckte. „Wenn du zu deinen Eltern gegangen wärst, wenn du auch nur ein unachtsames Wort gesagt hättest, hätte einer der Todesser es dem Dunklen Lord gemeldet und sowohl du als auch ich hätten unser Leben verwirkt."

„Aber… nicht meine Eltern?"

„Nein, sie standen unter dem Fidelius- Zauber. Nur ich konnte den Ort enthüllen. Wenn ich aber tot bin, hätte der Schutz sich aufgelöst. Der Dunkle Lord hätte sich vielleicht die Mühe gemacht, sie zu suchen, oder auch nicht."

„Oh", machte Hermine, leicht ernüchtert. Da gab es noch so viel zu erfahren.

„Draco hat uns regelmäßig auf dem Laufenden gehalten, wie es dir ging", sagte Steve.

Hermine wandte sich zu Draco. Ihre Augen funkelten ihn wieder an. „Was? Du hattest Kontakt zu ihnen?" Fragmente von Unterhaltungen, die sie begonnen hatten, setzten sich in ihrem Kopf zusammen. Ihre Augen weiteten sich. „Warte. Dieser Vogel… Neuseeland… Weihnachten!" Sie legte den Kopf in die Hände und ließ ein paar Tränen der Frustration fallen.

Oh, wie Draco es hasste, sie weinen zu sehen.

„Rede endlich, Malfoy!", verlangte sie.

Er holte noch mal tief Luft und wappnete sich innerlich. „Ich stand die ganze Zeit über in Kontakt mit deinen Eltern. Sie ließen es mich wissen, wenn sie Vorräte brauchten, und ich schickte es ihnen oder brachte es ihnen persönlich. Letzen September haben deine Eltern gefragt, ob es eine Möglichkeit gebe, dich zu sehen, deshalb habe ich das Essen in Neuseeland arrangiert. Sie haben unserer Unterhaltung gelauscht."

Bei dieser Enthüllung keuchte Hermine auf und schlug eine Hand vor den Mund. „Oh! Das ist furchtbar! Ist das der Grund, warum du mich ständig über meine Arbeit und mein persönliches Leben ausgefragt hast?"

„Ja, damit sie aus deinem Mund von deinem Leben hören."

Hermine schloss fest die Augen und rief sich jenen Abend in Erinnerung. Sie wusste, dass sie und Malfoy sich gestritten hatten. Sie hatten es immer getan. Und natürlich hatte sie ihn um 1200 Pfund erleichtert. Sie schaute ihren Vater an. „Oh, Dad, es tut mir so leid, dass ich mich so daneben benommen habe! Du hast keine Ahnung, wie es zwischen Malfoy und mir stand. Ich meine, ich habe euch ja erzählt, wie gemein wir in der Schule zueinander gewesen waren, aber…"

„Ist schon gut, Liebling", beruhigte Jane. „Draco hat uns gewarnt, dass ihr beide euch immer noch nicht versteht. Natürlich hatten wir keine Ahnung, wie sehr ihr euch nicht verstanden habt, aber es ist okay. Du dachtest, er hätte uns umgebracht, und er hat dich dorthin geschleift und… wir haben es verstanden."

Steve gluckste. „Dieser kleine Trick von dir… hat mich stolz gemacht."

Hermine zwang sich zu einem Lächeln und wandte sich dann wieder Draco zu.

Er nahm es als Aufforderung fortzufahren. „Und Weihnachten. Ich habe zwei Weihnachten hier verbracht und mir gewünscht, du wärst statt mir hier gewesen."

Sie schaute ihn traurig an. Sie dachte daran, was er gesagt hatte, als sie sich erkundigte, ob er für die Feiertage nach Hause gehen würde. Und ein kleiner Teil von ihr, der Teil, der sich krampfhaft daran zu erinnern versuchte, dass sie sich aufrichtig um Draco sorgte, ihn sogar liebte, war froh, dass er sie mit Menschen verbracht hatte, denen er am Herzen lag.

„Und jetzt, um deine Frage zu beantworten. Warum. Ich bin nicht sicher, ob das Sinn machen wird. Ich wusste, dass du das fragen würdest, und als ich viel Zeit hatte nachzudenken, während ich in Azkaban war, ist Folgendes das Beste, das mir eingefallen ist.

Deine Eltern haben mir in jener Nacht Hoffnung gegeben, einen winzigen Schimmer von Hoffnung. Sie gaben mir den Grund, weshalb ich mein Leben in eine neue Richtung lenken musste. Ich war am tiefsten Punkt, an dem ich jemals gewesen war, so tief, dass ich nicht hätte tiefer sinken können. Es hatte einen Augenblick gegeben, so kurz er auch gewesen sein mochte, da ich in Erwägung gezogen habe, einfach… aufzuhören. Aufzugeben."

„Oh", sagte Hermine leise und er warf ihr einen kurzen Blick zu. Der Ausdruck auf ihrem Gesicht zeigte geteiltes Leid.

„Doch das konnte ich auch nicht tun. Solche Art von Gedanken jagte mir Angst ein und ich floh so weit weg von ihnen, wie ich konnte. Ich war in einer furchtbaren Situation. Stell dir das so vor, als wäre ich in einem sehr tiefen Brunnen. Ich konnte nur ein Licht über mir ausmachen. Ich konnte am Grund dieses Brunnens bleiben, keine Erlösung oder Ende in Sicht, oder ich konnte mit allem, das ich übrig hatte, auf das Licht zukriechen. Deshalb klammerte ich mich an diesen Schimmer und als ich am nächsten Morgen aufgewacht bin, fühlte ich mich anders. Nicht verwandelt, nicht gebessert, aber anders. Es war nur eine kleine Veränderung: Ich stöhnte nicht mehr, wenn ich das Sonnenlicht durch meine Vorhänge strömen sah. Das war auch schon alles. Doch ich wusste, dass es anders war, und das war alles, das zählte. An jenem Morgen, noch bevor ich frühstückte, mich anzog oder sonst etwas tat, fasste ich meinen Entschluss, aus dem Gefängnis auszubrechen, das ich mir selbst erbaut hatte. Diese Hoffnung trieb mich voran. Sie gab mir Kraft.

Ich lernte Magie, härter als jemals zuvor. So viele Zweige, wie ich konnte, und vor allem die, die den Geist betreffen, einschließlich Legilimentik und Okklumentik, um mich vor meinem Meister und seinem durchbohrendem Geist zu schützen. Ich lernte, seine Schwächen zu finden und die Schwächen der anderen Schafe. Ich lernte so viel von ihnen, wie ich konnte. Ich arbeitete mich mit Intelligenz und Gerissenheit in den Rängen hoch und bewies meinem Meister gegenüber meinen Wert. Nur an der Spitze konnte ich solch niederen Aufgaben wie Töten oder Foltern entgehen. Und nur dort konnte ich wirklich den Dunklen Lord studieren und seine Gedankengänge lernen.

Allmählich wuchs dieser Hoffnungsschimmer, bis er zur Realität wurde. Anderthalb Jahre lang arbeitete ich daran, dem Dunklen Lord das Ende zu bringen, und schließlich war all meine Arbeit beendet. Ich überlegte aus jedem Blickwinkel über jede Möglichkeit. Ich schmiedete Pläne. Ich wählte dich und Harry, um mir zu helfen. Dich teilweise, weil ich den Auftrag hatte, auf dich Acht zu geben, und das leichter tun konnte, wenn du in der Nähe warst. Ich wusste auch, dass ich gejagt werden würde, sobald der Dunkle Lord von meiner Fahnenflucht erfuhr. Ich hatte geglaubt, dass ich ihn für immer verlassen hatte. Doch die vorschnellen Morde meines Vaters an dieser Familie von Auroren, um meine Rückkehr zu verlangen, zwangen mich, zu einem der Reservepläne zu greifen, die ich entwickelt hatte. Ich bin mir sicher, dass du dich daran erinnerst."

Er schaute auf und Hermine nickte mechanisch.

„Ich musste den Dunklen Lord davon überzeugen, dass ich aus einem anderen Grund als Fahnenflucht abwesend gewesen war. Harry war eine offensichtliche Wahl. Ich hatte von den Prophezeiungen erfahren, die ihn und den Dunklen Lord betreffen, und wusste, dass ich, egal wie viel ich gelernt hatte, den Todesstoß nicht überleben würde. Als alles vorbereitet war, ging ich ins Ministerium, um Harry zu überreden, sich mir anzuschließen."

Hermine hatte es abermals die Sprache verschlagen. Er sprach mit solcher Dichtkunst, Anmut und Inbrunst. Sie konnte nicht anders, als von seinen Worten gefesselt zu werden. Wieder hielt ihr Gehirn sich an einem Aspekt seiner Erklärung fest. Beschützen.

„Du redest davon, mich zu beschützen. Du hast es meinen Eltern versprochen. Trotzdem habe ich dich in jener Zeit nie gesehen, nicht ein Mal."

„Das war der Sinn der Sache." Draco hatte plötzlich den Drang, sich zu bewegen. Seine Beine waren eingeschlafen und sein Hals ausgetrocknet. „Hermine, möchtest du etwas zu trinken?"

Sie blinzelte. „Äh, ja, bitte", sagte sie.

Jane machte Anstalten aufzustehen, doch Draco bedeutete ihr, sitzen zu bleiben. „Ich muss mich ein wenig bewegen, Jane. Ich gehe Getränke holen. Möchtest du etwas?" Sie schüttelte den Kopf. „Steve?"

„Nein, danke, Draco."

Draco ging in die Küche und nahm zwei Tassen heraus. Er starrte einen Augenblick lang das Spülbecken an, füllte dann die Tassen mit Wasser und kehrte ins Wohnzimmer zurück. Er reichte Hermine ihr Glas und entschied sich stehen zu bleiben.

„Das war der Sinn der Sache", begann er dort, wo er aufgehört hatte. „Du wärst nicht allzu erfreut gewesen, wenn du herausgefunden hättest, dass ich in deiner Nähe war. Ich habe einfach sichergestellt, dass du sicher in und aus deiner Wohnung kommst, und auf den Wegen zu allen Zielen. Ich habe dich aus der Ferne beobachtet. Viele Todesser drängten den Dunklen Lord, dich oder Ron gefangen zu nehmen, um Harry herauszulocken.

Ich wusste, dass er dich nicht angreifen würde, solange er glaubte, dass du dich als nützlich erweisen würdest, doch letztendlich entschied er sich, Ron hinterher zu jagen."

Hermine keuchte auf.

Draco nickte, wissend, was sie dachte. „Ich war dort, als er verletzt wurde. Ich habe alles getan, um ihn am Leben zu halten. Ich bin sicher, du kannst verstehen, wie vorsichtig ich während dieses Kampfes sein musste. Als ich ihn mit Rabastan duellieren sah, schoss ich einen schlimmen Fluch auf meinen Onkel. Er sollte ihn nicht töten, doch keiner würde wissen, woher er kam."

Er hielt inne und holte tief Luft. Sie würde seine nächsten Worte nicht gut aufnehmen. „Er hat ihn verfehlt und stattdessen Ron getroffen. Und er stürzte zu Boden."

Hermine keuchte auf und legte eine Hand vor den Mund.

Draco fuhr hastig fort, da es schnell hinter sich bringen wollte. „Rabastan war gerade dabei, ihn zu töten, als ich ihn wegrief. So wie Ron aussah, war es schwer zu sagen, ob er noch am Leben war oder nicht. Ich musste annehmen, dass er noch lebte, so dass ich nicht versucht hatte, Rabastan zu töten. Ich schickte von Rons Stelle Funken in die Luft, als ich jemanden vom Orden in seiner Nähe sah."

„Oh, Draco", flüsterte Hermine. Sie hatte sich gefragt, ob er dort gewesen war, als Ron verletzt wurde, hatte sich jedoch niemals vorgestellt, dass er die Ursache gewesen sein könnte. Herauszufinden, dass es so gewesen war, wenn auch unabsichtlich, war hart. Doch Merlin, sie hatte ihn schon für viel Schlimmeres verziehen und würde das nicht zwischen ihnen stehen lassen.

„Der Dunkle Lord hatte viel größere Pläne als Potter. Er hat Harry nur als kleines Hindernis angesehen, niemals als eine ernsthafte Bedrohung, bis ich ihm von eurem angeblichen Projekt erzählte. Eine Weile lang machte er sich Sorgen um Harry, doch als nichts von eurem Projekt kam, tat er Harry als unmittelbare Bedrohung ab. Mit Dumbledore außer Gefecht glaubte er, dass nichts ihn von seinen ultimativen Zielen abhalten könnte. Er verwandte nicht allzu viele Gedanken auf Harry Potter, da er bei ihren Kämpfen Mängel bei ihm entdeckt hatte.

Wie ich es mit deinen Eltern besprochen hatte, musste ich den Dunklen Lord davon überzeugen, dass du lebendig von größerem Wert bist als tot, um meinen eigenen Tod vorzubeugen und somit auch deinen. Ich dachte mir eine Geschichte aus, dass ich in der Nacht, in der ich dich töten sollte, etwas in deinem Zimmer gefunden hatte. Eine Akte von deiner Arbeit, die ein Forschungsprojekt beschrieb, das von der Mysteriumsabteilung geleitet wurde."

„Ich habe nicht für die Mysteriumsabteilung gearbeitet", unterbrach Hermine.

„Das weiß ich. Ich erzählte meinem Meister, dass du in das Projekt eingeweiht warst und ihm kritisch gegenüberstandst. Die einzige nicht- unsägliche Person, die Zugang dazu hatte. Dieses Projekt war etwas – ein Hilfsmittel, ein Zauber, ein Tranks – das Harrys Stärke, Zielgenauigkeit und Macht steigert und in seinen Kämpfen mit dem Dunklen Lord unterstützt. Es würde Harry letztendlich helfen, ihn zu stürzen."

Hermine lachte trocken.

Draco runzelte die Stirn. „Was ist so lustig?"

Sie schaute ihn an. „Wenn man darüber nachdenkt, warst du das geheime Projekt."

Er blinzelte und ließ ihre Feststellung auf sich wirken. Dann nickte er: „Das… stimmt. So habe ich das noch nie gesehen.

Ich überzeugte ihn, dass ich durch dich mehr Details von dem Projekt erfahren und diese meinem Meister berichten könnte. Er hat mir geglaubt – ich kann dir nicht sagen, wie viel Angst ich hatte, ihn anzulügen, da das der Tag nach dem Tod deiner Eltern war."

„Hast du ihn zuvor jemals angelogen?", unterbrach Hermine.

„Nie."

„Und… er wusste es nicht?"

„Ich war schon damals sehr gut in Okklumentik, dank Lucius Beharrlichkeit. Er hat nichts gesagt, nachdem ich geendet hatte, aber hoffentlich hat er meine Angst meinem Scheitern in der Mission zugeschrieben statt der Tatsache, dass ich ihn anlog."

„Es klingt… furchteinflößend."

Draco nickte und sah Jane an. Sie und Steve schwiegen, doch Draco hatte es erwartet. Sie wussten, dass er eine Menge zu sagen hatte, und wollten es ihm überlassen, seine Geschichte auf seine eigene Art und Weise zu erzählen.

„Er hat mich damit beauftragt, dich zu überwachen, als Bestrafung dafür, dass ich dich nicht getötet hatte, was perfekt mit dem zusammenpasste, um das deine Eltern mich gebeten hatten. Ich musste ihm jegliche Aktivität in Verbindung mit diesem Projekt melden.

Über die letzen zwei Jahre fütterte ich ihn mit falschen Informationen zu diesem Projekt. Nach einer Weile, als sich nichts entwickelte, schob er es in den Hinterkopf. Er hatte viel größere Dinge, um die er sich kümmern musste. Ich gab ihm immer noch alle zwei Monate einen Bericht voller Lügen. Auf diese Weise konnte ich den Dunklen Lord davon überzeugen, dich am Leben zu lassen.

Sobald ich wusste, dass er mir an diesem ersten, schrecklichsten Tag geglaubt hatte, traf ich Arrangements für deine Eltern. Wie ich schon sagte, holte ich sie vom Bestattungsinstitut. Wir gingen zum Grab und dann brachte ich sie sofort hierher, wo ich schon Zelte und genug Proviant für einen Monat vorbereitet hatte.

Nach ein paar Wochen kehrte ich zurück und wir begannen, an diesem Haus zu arbeiten. Ich glaube nicht, dass ich in diesem ersten Monat überhaupt geschlafen hatte – ich war beschäftigt damit, nach dir zu sehen, dieses Haus zu bauen, für den Dunklen Lord zu arbeiten und mir selbst zu versichern, dass er mich nicht entlarven und töten würde."

„Er ist tot, das weißt du", warf Steve ein.

Alle schauten ihn an.

„Draco, wir haben zwei Jahre lang gehört, wie du diesen Wahnsinnigen als Dunklen Lord und deinen Meister bezeichnest. Er ist nicht mehr dein Meister."

Hermine sah wieder zu Draco. „Er hat Recht, weißt du. Du kannst ihn beim Namen nennen."

Draco schaute sie an. „Das… wird mich einige Mühe kosten. Es ist schwer genug, dich beim Namen zu nennen."

Sie errötete und blickte auf ihre Hände hinunter.

Draco warf einen Blick zu Steve. „Aber danke, dass du mich daran erinnerst. Du hast Recht. Ich bin nicht länger an ihn gebunden."

„Hast du immer noch dein Mal?", fragte Jane.

Hermine schaute wieder hoch und wartete.

Langsam nickte Draco und krempelte sich den Ärmel hoch.

„Das macht keinen Sinn", sagte Hermine. „Davor ist das Mal doch verschwunden. Das ist auch der Grund, weshalb sie nicht sagen konnten, wer ein Todesser gewesen war und wer nicht."

Draco zuckte die Achseln. „Er ist letztes Mal auch nicht wirklich gestorben. Ich weiß sehr wenig über diesen Zauber. Wie auch immer, es ist immer noch ziemlich sichtbar."

„Hat es… wehgetan? Als er starb, hast du es gespürt?", erkundigte Hermine sich.

„Ja und es tat weh. Es fühlte sich an, an stände mein Arm in Flammen. Aber ich habe zu der Zeit nicht allzu viele Gedanken daran verschwendet, da ich Harry helfen musste. Der Schmerz ist schnell vergangen."

„Das ist gut", sagte Jane sachte.

Hermine schüttelte den Kopf. „Ich – ich kann nicht – Harry hat dir geglaubt? Ist das, was du Harry an jenem Tag in seinem Büro erzählt hast? Dass du meine Eltern nicht getötet hast?"

„Ja, zum größten Teil. Am Anfang hat er mich geradezu ausgelacht – was vielleicht zu erwarten war. Aber ich schaffte es, ihn zu überzeugen, und dann wurde er still und ließ mich einfach sprechen. Ich erzählte ihm alles, was in jener Nacht geschehen war und was ich in den letzten anderthalb Jahren getan hatte, bevor ich zu ihm gegangen bin, einschließlich allem, das ich für dich getan hatte. Er war… fassungslos. Hat mir immer noch nicht ganz glauben wollen und immer wieder gesagt, dass es eine Art Trick sei. Ich hatte ein Foto mit zum Ministerium genommen, von mir mit deinen Eltern. Noch dazu ein Muggle- Foto, das hier auf der Insel geschossen worden ist. Das war es, was ihn schließlich überzeugt hat, glaube ich."

Also hatte Harry es gewusst, die ganze Zeit, und er hatte keinen Ton gesagt. Hermine schloss fest die Augen.

„Denk daran, dass Harry einen Schwur geleistet hat", sagte Draco. „Er konnte es dir nicht sagen."

Sie nickte. „Das macht es nicht viel leichter."

„Gib mir die Schuld", sagte er. „Sei nicht wütend auf Harry."

Hermine schniefte. Leichter gesagt als getan. Sie empfand so viele Gefühle für Draco im Augenblick, dass sie nicht sicher war, was echt war. Und auf Harry wütend zu sein gestattete ihr, Gedanken an Draco zu verdrängen.

„Was ist – mit dem Zauber?", fragte sie.

„Der Bindungszauber", sagte Draco mit einem Nicken. „Ich habe ihn auf dich gelegt, um dich zu beschützen, da ich nicht immer in deiner Nähe sein konnte. Ich band dich an mich, damit ich innerhalb von Sekundenbruchteilen erfahren würde, wenn du in Gefahr bist. Der Zauber hat deine Angst gespürt. So konnten Harry und ich dir auch zu Hilfe kommen, als mein Vater dich angegriffen hatte." Er setzte sich und sah Hermine tief in die Augen. „Und wenn ich nicht geschlafen hätte, hätte ich schon lange vorher von seiner Anwesenheit gewusst und wir hätten verhindern können, dass er dich überhaupt verletzt. Es tut mir so leid."

Sie schüttelte verblüfft den Kopf. „Aber wie hast du den Zauber ausgeführt? Dazu müssen doch beide Parteien beteiligt sein."

Er lächelte leicht. „Ich… habe es geschafft", sagte er. „Ich habe getan, was ich tun musste, um den Zauber auszuführen."

„Aber trotzdem", protestierte sie. „Du hast mich dazu gebraucht. Wie hast du es gemacht?"

„Bitte lass es auf sich beruhen", flehte Draco beinahe. Obwohl er nicht die Absicht hatte, Hermine anzulügen, gab es ein paar Dinge, die er nicht völlig bereit war mit ihr zu teilen. „Es – es war ziemlich kompliziert. Ich weiß, dass du es verstehen willst und ich will es alles erklären, nur… nur nicht jetzt, okay?"

„Warum nicht? Du erzählst mir doch alles andere auch", sagte sie stur.

Draco seufzte. „Ich versuche mich nicht davor zu drücken, ich – ich bin einfach kaputt, um ehrlich zu sein. Vielleicht… kann ich morgen in die Details gehen, bevor ich nach England zurückkehre, aber begnüge dich damit, dass ich den Zauber optimieren musste, damit ich ihn ausführen konnte, ohne dass du teilnimmst. Es bedurfte Magie in seiner grundlegendsten Form und fundierter Kenntnisse magischer Theorie. Das Aussprechen von Zaubern ist eine sehr tückische Angelegenheit. Ich hatte Glück, aber da gibt es immer noch diese Nebenwirkung."

„Die Warnung, so wie du es nennst." Hermine schauderte bei der Erinnerung an ihre letzte Berührung. Der Kuss allein war unglaublich gewesen, doch gepaart mit dem Energiestoß hatte sie das Gefühl gehabt, dass sie von den Empfindungen bersten würde.

„Das ist meine beste Vermutung bezüglich seines Zwecks. Ich werde den Zauber jetzt aufheben, wenn du möchtest."

Etwas ließ sie zögern. Sie fürchtete, es würde der erste Schritt zum Ende sein, dass er frei wäre, aus ihrem Leben zu verschwinden. „Nicht jetzt. Sag mir, woher du von Harry und Ginny wusstest."

„Oh richtig. Es ist ehrlich keine große Sache, verglichen mit allem anderen. Eines Nachts, nachdem ich gesehen hatte, wie du sicher zu Hause angekommen warst, sah ich, wie sie zu eurem Haus liefen. Ich blieb in Hörweite und lauschte mit einem Langziehohr. Sie haben es erwähnt. Ginny wollte es dir erzählen, aber Harry hat es absolut verboten."

„Das war's?", fragte sie, fast schon enttäuscht. Wieder einmal schienen sie ein Ende erreicht zu haben.

„Das war's. Nichts besonders Spektakuläres."

Hermine lehnte sich in ihrem Sitz zurück, während unausgesprochene Emotionen und Gedanken sie durchfuhren wie wirbelndes Wasser, das sich vom Strand zurückzog. Ihre Eltern waren am Leben. Draco hatte sie nicht getötet. Er hatte über sie gewacht, genauso wie über sie, und sie sorgten sich ehrlich und aufrichtig um ihn. Er hatte das getan – warum?

„Ich… versuche, alles völlig zu begreifen", sagte Hermine. „Du hast das getan – den Tod meiner Eltern vorgetäuscht, dich gegen Voldemort verschworen, auf mich aufgepasst – alles für dich selbst. Um aus dem Leben zu fliehen, das du gewählt hattest, weil du es nicht länger wolltest. Warum hast du dich für so einen komplizierten Weg entschieden?"

Er zuckte die Achseln. „Es ist einfach so geschehen, schätze ich. Du weißt, worin ich verwickelt war. Du kennst die Konsequenzen, wenn man versucht auszusteigen. In der Nacht, als ich zu eurem Haus gegangen bin, war ich bereit für eine Veränderung und ich war fast an dem Punkt, da es mir egal war, wie. Deine Eltern sorgten für einen Anfang der Wende und gaben mir einen Grund weiterzuleben: dich. Deine Mutter hatte Recht. Auf dich aufzupassen und mich dann um dich zu sorgen hat mich durch die schwersten Zeiten gebracht."

Sie starrte ihn an. Er hatte gerade zugegeben, dass er sich um sie sorgte. Es war wenigstens etwas, wo er doch niemals irgendwelche Andeutungen bezüglich seiner Gefühle zeigte. Sie hatten sich geküsst und sie hatte geglaubt, dass sie ihm am Herzen lag, doch es von ihm zu hören… trotz allem, das sie von seinen Tätigkeiten erfahren hatte, musste sie darum ringen, ein Lächeln zu unterdrücken. Es machte sie wagemutig. „Wann hast du damit angefangen, dich… äh… zu sorgen? Um mich…"

Draco errötete und stürzte den Rest seines Wassers hinunter. Er konnte Steve und Jane – geschweige denn Hermine – nicht in die Augen sehen und wieder entschied er sich für eine Stelle an der Wand, die er stattdessen anstarrte. „Ich – ich schätze, ich, ähm, habe angefangen, mich um dich zu… sorgen… – oder besser darum, was mit dir passiert – als ich dich beobachtet hatte. Natürlich nicht am Anfang, aber ich habe dich ein wenig kennen gelernt. Mir wurde wichtig, ob du glücklich oder traurig warst, und ich sorgte mich aufrichtig darum, was in deinem Leben vor sich ging. Aber ich konnte es nicht ertragen, in deiner Nähe zu sein, sobald du und Harry eingezogen wart. Du hast dich mir gegenüber so verhalten wie immer, obwohl ich nichts anderes hätte erwarten sollen. Ich fand mich damit ab, weil ich mich daran erinnern konnte, wie du warst, als keiner zugesehen hatte. Außer mir natürlich."

Hermines Augen weiteten sich. „Du warst wie… wie ein Stalker!"

„Nein, nein, nein!", rief er hastig und schüttelte bestürzt den Kopf. „So war das nicht! Ich habe dich nicht – die ganze Zeit in deiner Wohnung beobachtet. Überhaupt nicht." Draco wurde noch röter. „Ich habe nur sichergestellt, dass du sicher zu Hause ankommst. Aber manchmal hast du auf dem Weg nach Hause in Läden Halt gemacht. So habe ich mehr von dir erfahren." Es jagte ihm Angst ein, was sie wohl von ihm denken musste. „Nein, nein, es war nicht so, wie du denkst. Bitte glaub mir."

Sie nickte, immer noch etwas unsicher. „Okay, ich glaube dir", sagte sie matt.

„Hermine", sagte Steve. „Wir haben ihn mit deiner Sicherheit betraut. Ich vertraue ihm und deine Mutter ebenfalls."

„Das ist etwas, worüber wir uns immer Sorgen gemacht haben, dass du, wenn du es endlich herausgefunden hast, ihn anders ansehen würdest", fügte ihre Mutter hinzu.

„Aber – nein, Hermine. Niemals", beharrte Draco.

Sie nickte wieder, etwas versöhnlicher. „Ähm, das ist also alles?"

„Ich denke schon", sagte Draco mit einem schweren Seufzen. Erst jetzt bemerkte er, dass die Sonne untergegangen war. Das Essen, das Jane zubereitet hatte, war sicherlich kalt geworden und nur ein paar Kerzen erleuchteten den Raum. Hermine und ihre Eltern schienen es plötzlich ebenfalls zu bemerken. „Ich werde den Zauber jetzt aufheben", sagte er. „Draußen."

Hermine nickte widerwillig und folgte ihm zögerlich aus der Tür. Sie fühlte sich so schwach. Sie war überrascht, dass ihre Beine sie noch trugen und sie sogar durch den Raum brachten.

Draußen begann der Himmel, sich mitternachtsblau zu färben, als die letzten Strahlen der Sonne außer Sicht verschwanden. Eine kühle Brise blies und sie drehte sich um, um den Wind durch ihr Haar fahren zu lassen. Die Luft roch wie die See am Edge und als sie die Augen schloss, konnte sie sich fast vorstellen, dort zu sein. Das Krachen der Wellen am Strand war nicht so heftig und endgültig wie die Wellen, die gegen die Klippe schlugen. Es war trotzdem tröstlich, nur anders. Hermine zog immer noch die zornigere, grauere See in Wales vor, doch dieser ruhigere, wärmere Ozean war ebenfalls wunderschön.

Draco verlagerte sein Gewicht und das Geräusch riss sie aus ihren Gedanken und sie öffnete die Augen. Er schaute sie merkwürdig an, skeptisch.

„Was ist?", fragte sie.

Draco schüttelte den Kopf. „Nichts." Er nahm einen kleinen Stein aus seiner Tasche. Er richtete seinen Zauberstab auf den Stein und murmelte. „De Adnexus." Der Stein löste sich in Luft auf und ließ nur Staub und ein paar Haare zurück. Er drehte seine Hand um, um die Schwerkraft ihre Arbeit tun zu lassen, und sie beobachteten, wie der Staub in den Sand fiel. Dann blickte Draco Hermine an und hielt seine Hand hoch, die Handfläche zu ihr gerichtet.

Sie sah sie verblüfft an, legte aber langsam ihre Hand an seine. Als sie sich berührten, gab es keinen Energiestoß, wie es immer geschehen war, sondern da war etwas anderes und sie spürten es beide. Es war nicht stechend, doch es war genauso intensiv, genauso überwältigend, wenn nicht noch mehr, als der Stoß. Hermine wich Dracos Blick aus und ließ ihre Hand wieder sinken.

„Ich schätze, du lagst richtig wegen der Nebenwirkungen", sagte sie und öffnete die Tür. Er nickte. Als sie wieder halb im Haus war, drehte sie sich um. „Äh, Draco?"

„Ja?", fragte er und fand es plötzlich schwer zu atmen.

„Ich werde etwas Zeit brauchen. Um alles zu verarbeiten."

„Das habe ich mir schon gedacht. Nimm dir so viel Zeit, wie du brauchst. Ich werde heute draußen schlafen. Du kannst das andere Zimmer haben."

„Was ist das nur mit dir und kleinen Häusern?", sagte sie und lächelte ein wenig. „Ich hätte ein pompöses, Zwölf- Zimmer- Anwesen mit einem perfekten englischen Garten und einem Springbrunnen erwartet."

Er warf einen Blick durch den Spalt in der Tür ins Haus und sah Hermines Eltern auf dem Sofa sitzen und sich leise unterhalten. „In einem kleinen Haus kann man sich nicht so einsam fühlen", sagte er.

Sie sah ihn an und fragte sich tausend Dinge gleichzeitig – wie sein Leben gewesen war, als er in einem riesigen, kalten, leeren Haus aufgewachsen war; was er sich von seinem jetzigen Leben erhoffte; ob er zum Edge zurückkehren oder irgendwo anders hinziehen würde, sobald sein Bewährungsjahr komplett war. Sie sagte jedoch nichts, immer noch zu überwältigt, um ihre Gefühle adäquat ausdrücken zu können. Sie schenkte ihm ein kleines Lächeln. „Ich denke, ich werde draußen schlafen. Du weißt, dass mir das gefällt."

„Bist du sicher? Es macht mir wirklich nichts aus."

„Ja. Nimm du das Zimmer."

„Okay", sagte er.

Sie öffnete die Tür, um ihn ins Haus zu lassen, doch er sagte, dass er einen Spaziergang machen wollte. Er wusste, dass sie Zeit mit ihren Eltern brauchte und dass es das Beste wäre, wenn sie wusste, dass er ihrer Unterhaltung nicht lauschen konnte.

Draco wartete ein paar Stunden, schlief sogar für ein paar Minuten ein, bevor er wieder hineinging. Hermine und ihre Eltern redeten leise im Wohnzimmer. Er nickte, sagte Gute Nacht und ging in sein Zimmer. Er setzte sich auf sein Bett und seine Gedanken wanderten zu der Unterhaltung mit Hermine. Es war nicht so schlecht gelaufen, wie es hätte sein können. Sie hatte ihn nicht angeschrien oder ihm einen Fluch aufgehalst oder auch nur richtig geweint. Es hätte sehr viel schlimmer sein können. Doch sie hatte gar nichts gesagt. Nur Fragen gestellt und die Antworten aufgenommen. Aber ehrlich, was hatte er anderes erwartet? Sie würde Zeit brauchen, es alles zu verarbeiten, und er würde ihr diese Zeit geben. Und Raum.

Er legte sich auf sein Bett und starrte zur Decke hoch. Er warf einen Blick zum Nachttisch, wo der hässliche, kleine Besen von Harry lag, deutete mit seinem Zauberstab darauf und ließ ihn durch den Raum fliegen. Er blitzte auf und gab Jubelgeräusche von sich, was ihm ein Lächeln entlockte. Draco beobachtete, wie der Besen im Zimmer herumflog, bis seine Augen verschwammen.

Ein Knurren seines Magens riss Draco aus seiner Trance. Er realisierte, dass er kein Abendessen zu sich genommen hatte, und überlegte gerade, was er dagegen unternehmen sollte, als es an seiner Tür klopfte. Er stand auf und öffnete sie einen Spalt. Hermine stand auf der anderen Seite, einen Teller in der Hand.

„Ich dachte, du hast vielleicht Hunger", sagte er.

Er lächelte und öffnete die Tür. „Ich habe gerade ans Essen gedacht. Ich danke dir." Draco nahm den Teller und setzte sich zum Essen aufs Bett.

Hermine sah sich im Zimmer um und dachte, wie klein es sein musste, verglichen mit dem, was er gewohnt war. Dann bemerkte sie den fliegenden Besen.

„Was ist das?", fragte sie.

Draco sah auf. „Weihnachtsgeschenk von Harry. Ist manchmal ziemlich nervig."

„Das kann ich mir denken."

Hermine blieb stehen, während Draco aß. Er merkte, dass sie scheinbar nicht gehen wollte. „Äh… mach es dir bequem. Setz dich, wenn du möchtest." Er machte Anstalten aufzustehen, damit sie sich auf sein Bett setzen konnte, doch sie schüttelte den Kopf und ließ sich am Fenster nieder, ohne etwas zu sagen.

Nach einem Augenblick räusperte er sich. „Gibt es etwas, worüber du sprechen möchtest?"

„Was?", sagte sie und schaute ihn an. „Oh, naja, ich weiß nicht. Eigentlich sollte es da etwas geben, nicht wahr?"

„Ich weiß nicht. Was meinst du?"

„Ich meine, nach allem, das gerade passiert ist, allem, das du mir erzählt hast… scheint es, als sollten wir diese enorme Unterhaltung darüber hinter uns bringen."

„Ich bin mehr als gewillt, alles zu besprechen, das du willst. Gibt es etwas Spezielles?", fragte er.

„Ich – ich habe keine Ahnung, wo ich anfangen soll", sagte Hermine mit einem leichten Glucksen.

„Ich denke, du brauchst mehr Zeit", bot Draco an.

„Hör mal, ich bin mir nicht sicher! Ich weiß es einfach nicht. Einen Augenblick lang denke ich, ich brauche mehr Zeit, dann im nächsten Moment habe ich das Gefühl, ich kann nicht mehr weiter warten."

„Worauf?"

Sie schüttelte den Kopf. „Was auch immer als Nächstes kommt. Und ich habe keine Ahnung, was das sein könnte. Du hast alle meine Fragen schon beantwortet. Ich habe einfach das Gefühl, als wäre ich bereit, mich vorwärtszubewegen, aber ich bin mir nicht sicher, wohin. Und ich habe keine Ahnung, wie ich das anstellen soll."

„Was denn zum Beispiel?"

„Ich weiß nicht, einfach… irgendetwas", sagte sie, leicht frustriert. Sie drehte sich um und schaute aus dem Fenster. Das beständige Schlagen der Wellen beruhigte sie und sie schaute wieder zu ihm zurück. „Fühlst du es nicht?"

„Naja, ich warte immer noch darauf, dass du mich verfluchst oder anschreist. Also fühle ich es im Prinzip auch."

Hermine lächelte. „Ich werde dich nicht verfluchen. Auch nicht anschreien. Denke ich. Ich weiß nicht. Gibt es noch irgendetwas, das wir sagen könnten?"

Draco blickte sie ungläubig an. Er konnte es verstehen, wenn sie nicht darüber sprechen wollte. Über alles, das soweit zwischen ihnen ungesagt geblieben war, doch sicherlich musste sie es wenigstens wissen. Er hatte eigene Fragen, auf die er Antworten haben wollte. Konnte sie ihm verzeihen? Hasste sie ihn? Würde sie ihn in ihrem Leben haben wollen? Wollte sie ihn jemals wieder küssen? Würde sie auch nur noch mit ihm befreundet sein wollen?

Er schüttelte den Kopf. Es würde jedenfalls nichts helfen, daran zu denken, sie zu küssen. In diesem Augenblick jedoch saß sie an seinem Fenster, gebadet im Mondlicht, ihre großen Locken in der Seebrise aufgebauscht, einen ruhigen, doch entfernten Ausdruck im Gesicht – der perfekte Augenblick, um ihr – abermals – zu sagen, wie leid es ihm tat, wie viel sie ihm bedeutete und wie sehr er ihr etwas bedeuten wollte.

Er wusste nicht, was er sagen sollte. Wirklich nicht. Also sagte er ihr das.

Hermine seufzte. „Ich schätze, dann gibt es wohl nichts groß zu besprechen."

„Ich schätze nicht", wiederholte er. Ein merkwürdiges Gefühl der Enttäuschung erfüllte ihn. Er hatte gedacht – vielleicht. „Wenn ich darf, habe ich eine Frage", sagte er nach einem Augenblick.

„Okay", sagte sie.

„Was hast du deinen Eltern über mich erzählt?"

Sie runzelte die Stirn und legte den Kopf schief. „Was meinst du?"

„Als ich in jener Nacht zu eurem Haus gegangen war, sagten sie, dass du ihnen alles über mich erzählt hättest. Was hast du gesagt?"

Ihre Augen weiteten sich. „Oh. Das. Naja… manchmal habe ich über die Arbeit gesprochen", sagte sie, seinem Blick ausweichend.

„Und?", drängte er.

Sie seufzte. „Und… du warst Teil der Arbeit. Obwohl ich über dich mehr erzählt habe als über jeden anderen meiner Fälle, war es immer noch nicht sehr viel. Eines Nachts, kurz nachdem das sechste Schuljahr geendet hatte, waren Harry und Ron bei uns und wir fingen an, über jene Nacht auf dem Turm zu sprechen. Und meine Eltern fragten, was aus dir geworden ist."

„Warum?", fragte er.

Sie zuckte die Achseln. „Ich bin mir nicht sicher, aber wenn ich raten müsste, würde ich sagen, weil sie generell sehr fürsorgliche Menschen sind. Und… wir diskutierten in ihrer Anwesenheit unsere Theorien über dich. Dass wir nicht glauben, dass du völlig bösartig bist, dass du Dumbledore nicht getötet hast, dass du dazu gezwungen worden bist."

Er schluckte schwer. „Oh."

„Sobald dein Name wieder im Propheten erschienen war und mit den üblichen Todesseraktivitäten in Verbindung stand – Mord, Folter und alles – hörten wir natürlich auf, überhaupt noch etwas Nettes über dich zu sagen. Aber… sie haben immer noch nachgefragt."

Oh.

Er wandte seinen Blick ab und ihm war leicht übel. Er hatte so furchtbare Sachen getan… Er legte die Gabel nieder. „Danke."

Sie stand auf. „Hab nur gedacht, dass du Hunger haben könntest."

„Ich bin… froh, dass du mich wenigstens nicht hasst. Schließlich hast du sichergestellt, dass ich nicht verhungere."

Hermine lachte kurz. „Ich hasse dich nicht." Sie stand auf und trat auf ihn zu. „Ich nehme den Teller."

„Oh, in Ordnung." Er reichte ihn ihr und sie verließ das Zimmer ohne ein weiteres Wort.


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