33. Kapitel: „Ungünstige Zeitpunkte"

Es war mitten in der Nacht und der Palast lag in tiefem Schlaf. Elrohir rannte durch die dunklen Flure. Seine Schritte hallten auf dem steinernen Boden wieder. Es konnte ihm gar nicht schnell genug gehen, bis er endlich vor der Tür zu dem Gemach seiner Schwester stand. Ungeachtet der nächtlichen Stunde hämmerte er mit der Faust gegen das schwere Holz.

Von drinnen hörte er das Stöhnen Boromirs, als er aus dem Schlaf erwachte, die leise Stimme seiner Schwester und das Zurückgeschlagenwerden der Bettdecke. Die Menschen ließen sich Zeit. Ungeduldig klopfte er noch einmal. „Ich will hoffen, die Stadt steht in Flammen", knurrte sein Schwager. Dann endlich öffnete der Mann die Tür und blickte ihm verschlafen entgegen. „Elrohir – ihr seid wieder zurück..."

Die elbische Familie seiner Frau hatte Aragorn auf die Jagd begleitet. Später am Tag war ihnen aufgefallen, dass auch Aiglos und seine kleine Freundin nicht auffindbar waren. Sie konnten eins und eins zusammenzählen. Aiglos hatte Aragorn also begleitet. Gerade Laietha war nicht begeistert gewesen, aber Boromir hatte sie schließlich doch davon überzeugen können, dass daran nichts auszusetzen sei. Und nun war es mitten in der Nacht und sein aufgeregter Schwager hätte fast die Tür zu seinem Schlafzimmer eingeschlagen. Gutes konnte das sicher nicht verheißen. Boromir versteifte.

Elrohir konnte sehen, wie in dem Gatten seiner Schwester die Ahnung keimte, dass etwas geschehen war. Hinter Boromirs Rücken tauchte der wirre Schopf seiner Schwester auf. Sie hatte sich ein dünnes Nachtgewand übergeworfen. Verwirrt und gleichzeitig besorgt sah sie ihn an. Elrohir packte sie am Arm. „Du musst kommen, schnell. Dein Sohn ist verletzt."

Ohne ihre Antwort abzuwarten, zog er sie mit sich über den Gang. Sie war offensichtlich zu verdattert von dem, was sie eben gehört hatte, um Fragen zu stellen.

Boromir griff fluchend nahm einem Hemd, seiner Hose und schlüpfte in seine Stiefel. Er hastete hinter seiner Frau und dem Elben her. Um Himmels Willen, lass ihm nichts lebensgefährliches geschehen sein, dachte er, während er versuchte, seine Frau einzuholen. Was konnte auf einer Jagd geschehen? Die Möglichkeiten, die sich ihm erschlossen veranlassten ihn, sein Tempo zu beschleunigen.

In einigem Abstand zu ihnen hörte Elrohir die schweren Stiefeltritte Boromirs durch die Gänge hallen. Während er Laietha zu den Häusern der Heilung zerrte, erzählte er ihr kurz, was geschehen war. Sie sprach nicht, bemühte sich nur, nicht zu stolpern, während ihr weißes Nachthemd ihre Beine umflatterte und sie beim Laufen behinderte.

Wie eine Faust aus Eis hielt die Furcht ihr Herz umklammert. Aiglos war verletzt! Wenn ihr Bruder sie mit solcher Eile aus dem Schlaf riss – was würde sie erwarten? Im Stillen verfluchte sie Aragorn bereits. Es war gewiss seine Idee gewesen, ihren Sohn mit auf die Jagd zu nehmen. Fast hatte Boromir die Kriegerin in ihr überzeugt, dass es eine gute Sache gewesen sei, den Jungen mitzunehmen, aber die Mutter in ihr hatte schließlich doch recht behalten.

Sie ließen die steinernen Böden des Gebäudes hinter sich und rannten über den Hof. Der Atem brannte in ihren Lungen und die Kieselsteine bohrten sich in ihre bloßen Füße.

Sie achtete nicht auf den Weg, riss sich schließlich von ihrem Bruder los und eilte in das Gebäude hinein, in dem ihr Sohn lag. Abrupt hielt sie inne, atmete einen Augenblick lang durch, um nicht allzu gehetzt zu erscheinen, wenn Aiglos sie sah. Dann betrat sie, mit bebendem Herzen, den Raum.

Neben dem Bett stand bereits ihr Vater, über den Jungen gebeugt. Er war bei Bewusstsein. Aragorn war nirgends zu sehen. Laietha eilte an die Seite ihres Vaters und schenkte ihrem Sohn ein Lächeln, auch wenn ihr eher nach Weinen zu Mute gewesen wäre, als sie ihn sah.

Auf seiner Wange hatte er eine tiefe Wunde – fast erinnerte es sie an eine Verbrennung. Sein Hemd war offen und der Oberkörper war mit Blutergüssen übersäht. Hautabschürfungen, Kratzer, kleine Schnitte, blaue Flecken – sie fragte sich, ob es einen Fleck am Körper ihres Sohnes gab, der nicht verletzt war.

Sanft legte sie Aiglos die Hand auf die Stirn. Der Junge blickte ihr ins Gesicht und sie hätte auch ohne medizinische Kenntnisse erkannt, dass er fieberte. „Ich bin hier, Aiglos," flüsterte sie und küsste eine unverwundete Stelle an seiner Stirn. In seinen Augen sah sie seinen Schmerz, den er entweder tapfer unterdrückte oder den sein Großvater mit einem Trank gelindert hatte.

Auch Boromir hatte den Raum betreten und positionierte sich wachsam auf der anderen Seite des Bettes. Schnell erstatte ihm Elrond Bericht, was vorgefallen war. Boromirs Miene verfinsterte sich, während seine Frau mit dem Auftragen von Tinkturen begann.

Aiglos gab sich Mühe, seine Schmerzen wie ein Mann zu tragen, aber die anstrengende Reise und die vielen Verletzungen brachen letztendlich seinen Willen und erstickte Schluchzer erkämpften sich den Weg zwischen den zusammengekniffenen Zähnen hindurch.

Boromir kam sich etwas hilflos vor. Er wusste, wie man einen Verband anlegte, um eine Wunde zu schließen, bis ein Heiler sie versorgte, aber Aiglos war bei seiner Frau und seinem Schwiegervater in weitaus besseren Händen. Hier konnte er nichts tun. Statt also den beiden im Weg zu stehen, ging er leise zu dem Mädchen hinüber, das zusammengerollt auf einem der Betten schlief. Vorsichtig nahm er das Kind in den Arm und trug es in sein Zimmer.

Besorgt betrachtete Elrond das geschwollene Knie des Jungen. Aiglos stöhnte auf, als der Elb es vorsichtig berührte, um einen kühlenden Umschlag darum zu wickeln. Noch ließ sich nicht genau sagen, ob das Gelenk beschädigt oder das Knie nur geprellt war. Angstvoll klammerte sich der Junge an die Hand seiner Mutter. „Ich werde doch gesund, Mama, ich werde doch bald schon wieder mit den anderen Knappen lernen dürfen?" Flehentlich blickte er ihr in die Augen.

Sie kniff die Lippen zusammen und schenkte ihm ein schmales Lächeln. „Natürlich, Aiglos. Natürlich wirst du gesund und du wirst deinen Freunden auch bald Gesellschaft leisten können." Diese Zusage schien dem Jungen mehr Linderung seiner Qual zu verschaffen, als alle kühlenden Umschläge und Tränke der Welt. Müde lächelte er. „Das ist gut," murmelte Aiglos und schloss die Augen.

Elrond prüfte noch einmal den Verband, der um den Oberkörper des Jungen gewickelt war und bereitete noch einen Becher schmerzstillenden Trank vor. Auch Boromir trat wieder zu ihnen. „Das Mädchen schläft tief und fest. Ich habe allerdings die Tür offen gelassen. Dann hören wir, wenn etwas nicht stimmt." Laietha nickte zustimmend.

Draußen dämmerte es bereits und Elrond verabschiedete sich von den Eltern des Jungen. Boromir schien sichtlich erleichtert, dass langsam Ruhe in dem Krankenzimmer einkehrte. „Es war sehr tapfer, wenn auch verdammt dumm von dir, die junge Dame zu retten. Das nächste Mal lässt du deinen Onkeln den Vortritt, abgemacht?" Boromir schüttelte den Kopf und Aiglos nickte nur schwach.

Er hatte die Augen geschlossen und bemühte sich, so flach wie möglich zu atmen, damit seine Rippen nicht so sehr schmerzten. „Erzähl mir etwas, Mama", bat er leise. Laietha erneuerte den kühlenden Lappen auf seiner Stirn und begann mit sanfter Stimme zu sprechen. Boromir musterte seine Frau und sein Kind mit prüfenden Blicken. Sie sahen beide so müde aus, wie er sich fühlte.

Auch er sorgte sich besonders um das verletzte Knie seines Sohnes. Erst wenn die Schwellung abgeklungen war, konnte man Genaueres sagen. Laiethas beruhigende Stimme ließ nicht nur seine Augenlider schwer werden. Aiglos Atemzüge wurden ruhiger. Der Junge hatte die Augen geschlossen und langsam glättete sich die Furche auf seiner Stirn.

Er schien zur Ruhe zu kommen. Laietha fühlte sich müde und erschöpft, aber tief in ihr begann Wut auf ihren Bruder aufzuwallen. Ihre Augen brannten und in ihrem Kopf tanzte eine Horde Trolle. Trotz alledem, sie würde ihrem Herzen Luft machen, sobald ihr Sohn eingeschlafen war. So einfach würde ihr Aragorn nicht davonkommen!

Die Türe des Gemaches flog mit so viel Schwung auf, dass sie krachend gegen die Wand schlug. Ruchon, der gleich daneben stand, zuckte zusammen und seine Hand fuhr zu seinem Schwertknauf. Dann erkannte er jedoch, wer da so früh am Morgen in das Zimmer stürmte und hielt mitten in der Bewegung inne. Seine Wachsamkeit und Anspannung ließ jedoch nicht nach.

Bergil und Legolas sahen ebenso erstaunt auf, wie Aragorn selbst. Noch bevor Laietha die Männer erricht hatte, begann sie auch schon, ihrem Ärger Luft zu machen.

„Wie konntest du Aiglos nur mit auf die Jagd nehmen, Aragorn? Ihn in so eine Gefahr bringen?"

Aragorn saß in Hemdsärmeln auf einem Stuhl, vor sich ein aufgeschlagenes Buch, das er nun zuklappte und Laietha durchdringend ansah.

Die Kriegerin trat näher zu den Männern heran und ihr Gesicht sprach Bände, welche Überwindung sie diese wenigen Schritte kostete.

„Es war Aiglos' Wunsch uns zu begleiten. Er wollte helfen und er ist ein ausgezeichneter Jäger. Ich wüsste nicht, warum ich ihm seinen Wunsch hätte abschlagen sollen."

Legolas fiel auf, dass sein Freund um einen ruhigen Tonfall bemüht war. Er wollte die Situation anscheinend in Ruhe klären. Doch Laiethas Gesichtsausdruck hellte sich nicht auf, sondern schien sich stattdessen noch zu verdüstern.

„Oh, mir fallen da gleich mehrere Gründe ein! Er ist noch jung, er kann noch nicht jede Situation richtig einschätzen. Aber du hättest es tun sollen. Du hättest ihn hier in der Feste lassen sollen – wo er sicher war!"

„Wäre er hier wirklich sicherer?", entgegnete Aragorn, doch er ließ Laietha keine Gelegenheit für eine Erwiderung. „Darüber zu spekulieren wäre müßig. Niemand kann darauf eine Antwort geben. Er ist mitgekommen und daran kann ich nun nichts mehr ändern. Ich kann ihn auch nicht vor allem Unheil in dieser Welt bewahren – wie sehr ich mir dies auch wünschen würde!" Die Kriegerin schnaubte verächtlich. Sie trat noch einen Schritt näher an ihn heran, die Arme in die Hüften stemmend.

„Du machst es dir ja sehr einfach! Aber so leicht kommst du mir nicht aus. Hättest du ihn hier gelassen, hätte er erst gar nicht vor Unheil bewahrt werden müssen!", beharrte Laietha. Sie stand nun vor ihm, blickte auf ihn hinab und sah, wie sein Gesichtsausdruck sich wandelte. Zum ersten Mal, seit sie sich in Minas Tirith aufhielt, war sie ihm so nah. Ihr Herz schlug wie eine Kriegstrommel. Sie erblickte die Veränderungen in seinen Zügen sofort.

Wie viele Wochen war es her, seit sie ihn zum letzten Mal vor den Erlebnissen ihres Geburtstages gesehen hatte? Lange genug jedenfalls, um sein Gesicht härter erscheinen zu lassen. Die Offenheit, die einst in seinen Zügen gelegen hatte, war verblasst. Unter ihren Zorn mischte sich der Wunsch, endlich mit Aragorn zu sprechen, aber der Zorn brannte die Sehnsucht fort, wie ein Stoß aus Drachenfeuer, als Aragorn wieder das Wort ergriff.

„Was willst du von mir, Laietha? Was wünschst du dir? Dass es mich getroffen hätte, anstatt Aiglos? Glaubst du nicht, dass ich mir das selbst schon tausend Mal gewünscht habe, seit es geschehen ist? Er ist mir teurer, als mein eigenes Leben!"

Laietha wich hastig einen Schritt zurück. Schnell blinzelte sie die ersten Tränen fort, die sich in ihre Augen geschlichen hatten. Nein, wenn er ihr solche Dinge unterstellen konnte, sollte er sie nicht weinen sehen! Sie wollte jetzt nicht schwach werden

„All deine schönen Worte! Du hast mir vor nicht allzu langer Zeit versichert, du würdest Aiglos niemals in Gefahr bringen. Und jetzt? Er könnte tot sein!"

Jedes Wort war wie ein Schlag in Aragorns Magengrube und fast hätte er sich tatsächlich vor Schmerz zusammengekrümmt. Es kostete ihn Mühe, die nächsten Worte auszusprechen.

„Das waren nicht nur schöne Worte, Laietha. Selbst wenn er nicht mein Neffe wäre, würde ich für jeden meiner Knappen…"

Mit unsicherer Stimme fiel sie ihm ins Wort. „Noch ist er nicht offiziell einer deiner Knappen! Noch ist es die Entscheidung seiner Familie, wann und wohin er geht!" Laietha biss sich auf die Unterlippe, aber die Worte waren heraus gewesen, bevor sie sich selbst davon abhalten konnte.

Und zu der gehöre ich wohl nicht mehr?', hätte Aragorn sie am Liebsten gefragt, aber dann hätte er zu viel von seinen inneren Ängsten preisgegeben. Er verwandelte sein Gesicht in eine steinerne Maske und sein Tonfall verschärfte sich.

„Er ist alt genug seine eigenen Entscheidungen zu treffen. Er ist kein kleines Kind mehr, dem du sagen kannst, was er tun soll. Und du kannst ihn auch nicht weiterhin einsperren und dir selbst vormachen, dass er noch dein kleiner Junge ist. Hast du dich einmal gefragt, warum er fortgelaufen ist?"

Es tat gut, ihr diese Dinge an den Kopf zu werfen, auch wenn sie vielleicht unberechtigt waren. Schlimmer werden konnte es ja nicht, verstoßen hatte sie ihn schon, dann musste er auch keine Rücksicht darauf nehmen, ob er ihr wehtat oder nicht. Warum sollte er der Einzige sein, der litt? Aragorn war aufgesprungen, als stände er einem kampfbereiten Gegner gegenüber. Seine Lautstärke hatte mit jedem Wort zugenommen und Laiethas Wangen ein intensiveres Rot angenommen. Die beiden schienen sich der drei anderen Personen im Raum nicht mehr gewahr zu sein.

„Willst du mir damit sagen, es sei meine Schuld? Er wäre vor mir davongelaufen? Aus diesem Traum kann ich dir helfen! Bevor du ihm diese Flausen in den Kopf gesetzt hast, bin ich hervorragend mit ihm zurechtgekommen! Außerdem bist du wohl kaum dazu berechtigt, mir zu sagen, was ich falsch mache. Zuerst solltest du eine eigene Familie gründen und es mit deinen Kindern besser machen!"

‚…eine eigene Familie…' Deutlicher hätte Laietha nicht werden können. Sie zählte ihn wohl wirklich nicht mehr zu der ihren dazu. Sie brauchte ihn nicht mehr, jetzt, da sie ihren leiblichen Bruder gefunden hatte. Selbst das Luftholen wurde zur Qual, so, als hätten seine Lungen vergessen, was sie zu tun hatten. Er stand nur da – wie betäubt und unfähig darauf etwas zu erwidern.

Laiethas Brustkorb hob und senkte sich so heftig, als sei sie Meilen gerannt. Ihre Wangen glühten und sie war sich nicht sicher, wie lange ihre zitternden Knie sie noch tragen würden. Sie war müde, fühlte sich schwach und ausgebrannt. Der wenige Schlaf, die Anspannung und Sorge um Aiglos. Ihre mühsam beherrschte Ruhe gegenüber ihrem Sohn, während sie ihn versorgt hatte, damit er nicht merkte, wie groß ihre Sorge tatsächlich um ihn war, hatten sie viel Kraft gekostet.

Das alles zusammengenommen, hatte sie so sehr aufgewühlt, dass sie ihre Gefühle nicht mehr im Griff hatte. Das alles reichte eigentlich schon aus, um eine Mutter fast wahnsinnig werden zu lassen. Eigentlich galt ihre Wut nicht wirklich Aragorn, aber die letzten Wochen, ihr angespanntes Verhältnis zu einander und die Enttäuschung darüber, ließen sie nun Dinge sagen, die sie selbst erschreckten.

Es läuft alles falsch, so sollte es nicht sein...aber Laietha war es, als stünde sie neben sich und hätte keinen Einfluss auf die Worte, die ihren Mund verließen, aber das Bild ihres verletzten Sohnes hatte sich in ihren Geist gebrannt und egal ob sie die Augen öffnete oder schloss, es blieb im Vordergrund und ließ sie nicht vergessen, warum sie so unendlich wütend auf ihren Bruder war.

„Aiglos ist nicht wegen mir weggelaufen! Du hast ihn mit deinen Geschichten geködert, ihm eine Illusion geschaffen von Heldentum, Ruhm und Ehre und nicht mit einem Wort die Gefahren erwähnt, die damit einhergehen können! Wenn sein Knie steif bleibt, Aragorn, dann ist das deine Schuld! Dann hast du ihn zum Krüppel gemacht!"

„Laietha!" Bergils Stimme war von Entsetzen erfüllt. Er konnte nicht glauben, dass seine Freundin das gesagt hatte.

Aragorns Gesicht war mit jedem Wort bleicher geworden, seine Lippen fast blutleer. Seine Stimme klang gepresst. „Schon gut, Bergil. Wahrscheinlich hat sie sogar recht." Er wandte sich seiner Schwester zu. „War das alles, Laietha?"

Sie schien zu zögern. Bergil glaubte sogar, in ihren Augen Reue wegen ihrer Worte entdecken zu können, aber was immer sie jetzt sagen oder tun würde, ihre Worte konnte sie nicht mehr zurück nehmen.

„Ja. Das war alles." Sie drehte sich herum und verließ mit gemessenen Schritten den Raum. Aragorn sah ihr nicht nach, sondern drehte ihnen allen den Rücken zu. In die Verlegenheit hinein, räusperte Bergil sich.

„Wenn ihr erlaubt, Herr, dann würde ich ihr gerne nachgehen…"

„Tut das, Hauptmann Bergil. Wir waren ohnehin fertig", sagte Aragorn so leise, dass sogar Legolas Schwierigkeiten hatte, ihn zu verstehen.

Auch wenn Aragorn es nicht sehen konnte, verbeugte Bergil sich förmlich, bevor er das Zimmer verließ.

„Lass mich allein, Legolas."

„Aber…"

„Bitte. Auch Ihr, Ruchon!"

Aragorn spürte Legolas' Blick zwischen seinen Schulterblättern. Er wandte sich zu ihm um, aber nicht, ohne sich vorher verstohlen das Blut mit dem Handrücken von der Nase zu wischen.

„Legolas, bitte. Ich möchte jetzt alleine sein."

Der Elb nickte und verließ mit dem Leibwächter den Verhandlungsraum. Die Türe schloss sich unendlich langsam hinter den beiden Männern, doch Aragorn schaffte es, solange eine aufrechte Haltung zu wahren. Erst als sich die Schritte auf dem Flur entfernten, schwankte er und er musste sich am Rand des Tisches abstützen.

Der Streit zwischen Laietha und Aragorn beschäftigte Legolas' Gedanken für den Rest des Vormittages. Was auch immer er versuchte, um sich davon abzulenken, so kehrten die furchtbaren Worte, mit denen seine beiden Freunde einander verletzt hatten, doch wieder in seine Erinnerung zurück.

Bergil war immer noch bei Laietha, jedenfalls vermutete er das, denn er hatte weder ihn noch sie seither gesehen und Aragorn war noch immer in seinen Gemächern. Er ließ niemanden zu sich, so, als wolle er die Welt aussperren, doch noch einmal würde Legolas sich nicht von ihm fortschicken lassen!

Der Elb durchschritt den langen Korridor, als sein feines Gehör einen dumpfen Schlag vernahm, dem ein weiterer folgte. Ohne, dass er hätte sagen können, welchen Ursprung diese Geräusche entstammten, wusste er doch, dass sie vom Ende der Treppe gekommen sein mussten, die hinter der nächsten Biegung in das obere Stockwerk führte. Ein weiterer Laut hallte von den Wänden wider, der ihm augenblicklich das Blut in den Adern gefrieren ließ. Er beschleunigte seinen Schritt und hastete an den Fuß der Treppe, als er seine schlimmsten Befürchtungen bestätigt fand.

„Aragorn!" Mit einem angstvollen Ausruf hastete er zu dem reglosen Menschen, fiel auf die Knie nieder und zögerte nur kurz, bevor er ihn dann doch langsam auf dessen Rücken rollte. Sein Freund stöhnte gedämpft auf, doch seine Augen blieben geschlossen. Dort, wo er mit dem Kopf auf die Stufen geschlagen war, lief ein schmales Rinnsal Blut seine Schläfe hinab.

„Aragorn!" Verzweiflung packte ihn, als er keine Reaktion auf sein Flehen erhielt und er bemühte sich, die aufsteigende Panik in seinem Inneren zu unterdrücken.

„Aragorn, mellon nin. Komm zu dir! Ich bin es, Legolas!"

Vorsichtig ließ er ihn auf den kalten Boden sinken und berührte die Stirn des Menschen.

„Komm zu dir! Aragorn!" Die Augenlider des Königs flatterten, öffneten sich schließlich in dem Versuch, den Elb über ihm zu erfassen, doch ermattet fielen sie wieder zu.

Legolas umfasste stützend seinen Nacken und fluchte dabei so lästerlich, dass er froh war, dass niemand ihm Gehör schenkte.

„Komm zu dir, du Dickschädel! Du hast erreicht was du wolltest. Keinen größeren Schrecken hättest du mir einjagen können!"

Wieder hoben sich die Augenlider des Königs und diesmal trafen sich ihre Blicke, auch wenn Legolas sich nicht sicher war, dass Aragorn ihn wirklich erkannte.

„Wie fühlst du dich? Ist alles in Ordnung?"

Vorsichtig half er Aragorn dabei, sich aufzusetzen und lehnte ihn stützend gegen den Pfeiler des Geländers.

Aragorn lehnte seinen Kopf an den kühlen Stein und schloss abermals die Augen. Er wusste nicht, was genau ihm widerfahren war, aber er fühlte sich so zittrig und schwach, wie noch nie in seinem Leben und um ihn herum drehte sich alles. Es war ihm unmöglich, seine Umgebung in einem klaren Blick zu erfassen und er war froh, die vertraute Stimme von Legolas zu vernehmen und dessen tröstliche Nähe.

„Was ist geschehen?", drang dessen Frage zu ihm, aber seine Stimme klang seltsam fern.

„Ich… ich bin mir nicht sicher…"

„Geht es dir gut?"

Fast hätte Aragorn gelacht, aber satt dessen verließ ein weiteres Stöhnen seine Lippen. Wenn es ihm gut gehen würde, läge er wohl kaum am Fuß dieser Treppe.

„Komm. Versuche aufzustehen. Keine Sorge, ich halte dich."

Aragorn nickte langsam und erfasste die Hand, die sich in seine schob. Wäre diese Stütze nicht gewesen, wäre er vermutlich nicht einmal auf die Füße gelangt, doch so schaffte er es, sich schwer auf den Freund zu stützen und einige unsichrere Schritte zu tun. Schließlich fühlte er sich sicher genug, wieder ohne dessen Hilfe stehen zu können und löste sich von ihm.

„Geht es wieder?" In Legolas Stimme klang ehrliche Sorge mit.

„Ja, ich denke schon!" Doch in Wahrheit tanzten grelle Lichter vor seinen Augen und er musste einige Male blinzeln, bis sich seine Sicht klärte.

Legolas musterte ihn immer noch, aber Aragorn straffte die Schultern und versuchte ein zuversichtliches Lächeln.

Doch Legolas nahm ihm die vorgetäuschte Stärke nicht ab. Etwas stimmte mit seinem Freund ganz und gar nicht. Die Chancen standen schlecht, ihn jetzt in die Häuser der Heilung zu schaffen, das wusste der Elb, aber zumindest eine Stunde Ruhe sollte sich sein Freund gönnen. Mit einem Blick, der an die Vernunft des Königs appellierte, nahm er ihn am Arm. „Komm, tu mir den Gefallen und ruhe dich wenigstens einen Moment aus."

Aragorn seufzte und nickte. Vorsichtig löste er den Griff seines Freundes und schenkte ihm ein müdes Lächeln. „Gut, aber unter einer Bedingung." Der Elb hob neugierig die Augenbraue, gespannt, was Elessar ihm nun vortragen würde. „Pedo, mellon.", forderte er ihn auf. Aragorn straffte sich.

„Ich will - kann auf eigenen Beinen stehen. Stütze mich nicht, als wäre ich ein Greis."

Der Elb lächelte. „Mae", erwiderte er und ließ den Freund los. Aragorn folgte ihm einige Schritte, blieb dann aber abrupt stehen. Er fixierte Legolas' Rücken, so, als könne dieser konstante Punkt die Welt um ihn herum zum Stillstand bringen. Der nächste Schritt den er tat, war unsicher und brachte ihn aus dem Gleichgewicht. Die Wände um ihn herum verschwammen und aus den Augenwinkeln sickerte Schwärze, wie verschüttete Tinte.

„Legolas..." Seine Stimme war nicht mehr als ein Flüstern, doch der Elb wandte sich trotzdem um, genau in dem Augenblick, als Aragons Knie nachgaben und die Dunkelheit alles verschluckte.

Legolas war mit einem Schritt bei ihm und fing seinen Freund auf, bevor dieser abermals fallen konnte, dann ließ er den Bewusstlosen vorsichtig zu Boden gleiten.

„Aragorn! Lasto beth nin, tolo dan. Aragorn!"

Legolas Stimme drang langsam in sein Bewusstsein und er zwang sich, die Augen aufzuschlagen. Zu seiner Überraschung beugte sich sein Freund erneut über ihn, seine Augen spiegelten Sorge und Furcht, was Aragorn mehr erschreckte, als die Tatsache, dass er sich nicht daran erinnern konnte, warum er wieder am Boden lag.

„Was…was ist geschehen?" In seinen Ohren rauschte das Blut und sein Kopf schmerzte.

„Du bist die Treppe heruntergestürzt und hast dir den Kopf angeschlagen. Es scheint ernster zu sein, als ich dachte! Bleib liegen, ich hole Hilfe und dann bringen wir dich in die Häuser der Heilung…und ich werde keinen Widerspruch zulassen!"

Aragorns Kopf sank auf die Steinfliesen zurück und er schluckte den Einwand hinunter, zu dem er bereits angesetzt hatte.

Er wusste nicht, wie lange er mit geschlossenen Augen dagelegen hatte, als er spürte, wie ihm auf die Füße geholfen wurde und seine Arme um kräftige Schultern gelegt wurden.

„Stützt ihn gut, Ruchon." Legolas Stimme. „Greift ihn hier, dann kann er nicht wegrutschen."

Aragorn versuchte mit der Kraft seines Willens seinen Gliedern Stärke zu verleihen und sich von Legolas Griff zu befreien, um sich selbst und ihm zu beweisen, dass es ihm besser ging, doch sofort spülte eine Welle der Übelkeit über ihn hinweg.

„Sei ein Mal vernünftig, mellon nin. Diesmal kommst du mir nicht mit einer Ausrede davon. Ich gebe mich nicht eher zufrieden, bis Herr Elrond nach dir gesehen hat!"

Sie erreichten Aragorns Gemächer und ließen ihn auf das breite Bett sinken. Ein Gefäß wurde ihm an die Lippen gehalten und er trank bereitwillig das klare Wasser, bevor er in die Kissen zurücksank.

Er musste eingeschlafen sein, denn als er das nächste Mal die Augen öffnete, sah er geradewegs in das Gesicht seines Vaters.

„Willkommen zurück, Estel. Wie fühlst du dich?" Dessen Lächeln sollte wohl zuversichtlich wirken, aber es missglückte völlig, denn seine Augen sprachen eine andere Sprache.

Aragorn wollte mit einer Hand seine Augen bedecken, doch diese zitterte so stark, dass er sie ermattet zurück auf das Laken sinken ließ.

„Wann hast du das letzte Mal etwas gegessen und mehr als drei Stunden geschlafen?" Elrond sah ihn tadelnd an – ein Blick, der Aragorn an seine Jugend erinnerte.

Ehrlich schüttelte er den Kopf. „Ich weiß nicht genau…Die Drachen… der Wassermangel…ich…"

„Du bist zutiefst erschöpft, Aragorn. Ein Wunder, dass du so lange durchgehalten hast und nicht schon viel früher zusammengebrochen bist. Du hast großes Glück gehabt, dass du dir beim Sturz von der Treppe nicht sämtliche Knochen gebrochen hast. Du wirst die nächsten Tage dieses Bett nicht verlassen, bis dein Kopf aufhört zu schmerzen, ausreichend schlafen und regelmäßig etwas essen! Hast du verstanden?"

Jetzt fühlte sich Aragorn tatsächlich wieder wie der siebzehnjährige Junge, der von seinem Vater eine Strafpredigt erhielt, doch seltsamerweise erfüllte ihn dieses Gefühl mit Wärme und ein Lächeln stahl sich auf sein Gesicht.

„Ja, Ada. Aber die Drachen… wer…?"

„Kein ‚Aber'! Deine Brüder und ich werden alles tun, was von Nöten ist. Außerdem ist Bergil ein fähiger Mann, der seine Truppen fest im Griff hat. Alles andere wird die Zeit bringen. Legolas und Ruchon werden sich damit abwechseln, bei dir zu bleiben und darauf achten, dass du dich an meine Anweisungen hältst. Und nun – trink."

Er befand sich wirklich in der Vergangenheit. Die Medizin schmeckte genauso bitter, wie vor langen Jahren und sein Vater gab sich nicht eher zufrieden, bis auch der letzte Tropfen geleert war. Und wie auch schon damals, setzte die Wirkung der Kräuter fast unmittelbar ein und seine Augenlider wurden schwer. Das Letzte, was er sah war Linnyd, die etwas abseits im Zimmer stand und ihn ansah.

Wann war sie gekommen? War sie die ganze Zeit hier im Raum gewesen? Und warum glänzten ihre Augen so seltsam?

All diese Fragen blieben unbeantwortet, die Kräuter gewannen den Kampf und er schlief ein.

Als Boromir die schlechte Nachricht von Bergil erfuhr, machte er sich sofort auf die Suche nach seiner Frau. Im Stillen wünschte er sich, ihr nicht auch noch die Botschaft vom Schwächeanfall ihres Bruders überbringen zu müssen, aber bestimmt würde sie ihm nie verzeihen, wenn sie es nicht so schnell wie möglich erfuhr.

Die Suche nach Laietha war nicht schwer - zwar hatte er sie nicht in ihren Gemächern ausfindig machen können, aber am Krankenbett ihres Sohnes erkannte er schon von weitem ihre Gestalt. Sie benetzte einen Lappen mit kühlem Wasser und die Kräuter, die in dem Umschlag lagen, erfüllten den Raum mit einem erquickenden Duft. Aiglos blieb jedoch ungerührt von der Fürsorge seiner Mutter - sein Brustkorb hob und senkte sich regelmäßig und verriet, dass der Junge schlief.

Vorsichtig legte Boromir ihr eine Hand auf die Schulter und Laietha lehnte sich dankbar gegen ihn. Behutsam strich er ihr über die Stirn. Er war müde - sie alle waren müde, aber er musste ihr sagen, was mit Aragorn geschehen war. Er zog sie sanft vom Stuhl hoch und bedeutete Laietha, ihm zu folgen. Sie bewegte sich langsam aber begleitete Boromir hinaus vor die Tür und schließlich in den Garten.

Im Stillen erwartete sie, dass Boromir sie mahnen würde, ins Bett zu gehen und sich einen Augenblick lang auszuruhen. Auch wenn sie bei der Wache am Bett ihres Kindes nicht einen Gedanken daran verschwendet hatte, machte sich nun die Müdigkeit bemerkbar und ein dumpfer Schmerz breitete sich in ihrem Kopf aus. Das Gesicht ihres Mannes war ernst.

„Ich habe es eben von Bergil erfahren - Aragorn..." Die Trägheit, die eben noch ihren Körper durchflutet hatte, war wie weggeblasen, als Aragorns Name fiel. Mehr noch - sie war wütend auf Bergil, der Boromir augenscheinlich brühwarm von ihrem Zusammenstoß an diesem Morgen berichtet hatte, auch wenn sie ihren Freund nicht um dessen Stillschweigen gebeten hatte. „So ein verfluchtes Plappermaul! Kann er denn gar nichts für sich behalten?", entfuhr es ihr voller Wut. Boromir hob eine Augenbraue. Wovon sprach seine Frau?

„Was?" Die Verwunderung auf Boromirs Gesicht war nicht zu übersehen. Laietha schüttelte den Kopf.

„Ich will nichts davon hören, Boromir! Das ist eine Sache zwischen Aragorn und mir - ich lege keinen Wert darauf, dass du dich einmischst."

Wütend drehte sie sich um, aber eine starke Hand packte sie am Arm. ,Bist du toll?', sagte sein Blick und Boromir schüttelte verwirrt den Kopf. Seine Frau hatte mehr verraten, als ihr wahrscheinlich lieb war und er fragte sich, wann sie und Aragorn wohl endlich zu Verstand kommen würden, aber ihre lächerlichen Streitigkeiten waren jetzt nicht wichtig. Sie musste erfahren, dass es ihrem Bruder nicht gut ging. „Du scheinst nicht zu verstehen...", setzte er an, aber wieder unterbrach ihn seine Frau. „Ich verstehe sehr wohl, dass du mit ihm unter einer Decke steckst, Boromir, aber dieses Mal geht es nicht um eine Kleinigkeit - es geht um Aiglos' Gesundheit!"

Er hatte es ihr schonender beibringen wollen, aber anscheinend war sie dafür in ihrem Starrsinn nicht zugänglich. Boromir stieß einen verärgerten Fluch aus. „Würdest du mir wohl zuhören?", knurrte er. „Deinem Bruder geht es nicht gut!" Er zuckte zusammen, als sie ein verächtliches Schnauben ausstieß. „Meinst du, mir geht es besser? Es geht mir auch nicht gut, wenn ich sehe, wie unser Sohn zugerichtet wurde! Von mir aus kann Aragorn ruhig..."

„Hör mir zu, Frau!", donnerte er, aber Laietha drehte sich zum Gehen um. „Ich will absolut nichts von Aragorn hören, nicht jetzt, Boromir!"

Mit seiner gesunden Hand packte er sie am Oberarm und zwang sie, ihn anzusehen. In ihren Augen blitzte dunkle Wut, die Boromir mit Groll erfüllte. Er hatte keine Ahnung, was an diesem Morgen vorgefallen war, als er nach Rosalie gesehen hatte, die weinend in ihrem Bett saß, aber er würde dafür sorgen, dass Laietha ihn aussprechen ließ.

„Aragorn liegt in seinen Gemächern. Er ist zusammengebrochen. Du solltest endlich zu ihm gehen und nach ihm sehen. Aragorn braucht dich jetzt." Wie um seiner Rede Nachdruck zu verleihen, verstärkte er den Griff um ihren Arm, damit sie ihm nicht entkommen konnte.

Für einen winzigen Augenblick legte sich Stille über den Garten. Laietha schnappte nach Luft und Boromir dachte, sie würde endlich zur Vernunft kommen, aber dann kniff sie die Lippen fest zusammen und öffnete den Mund zu einer trotzigen Antwort.

„Wenn Aragorn besser auf Aiglos acht gegeben hätte, so wie er es geschworen hat, dann könnte ich jetzt zu ihm gehen, aber ich habe jetzt keine Zeit, mich um Aragorn zu kümmern. Unser Sohn ist schwer verletzt, vielleicht wird er nie wieder richtig gehen können. Er ist zu seinem Onkel gekommen, um seinen Traum wahr zu machen - ein großer Soldat zu werden! Wenn sein Knie steif bleibt, platzt dieser Traum und Aragorn ist schuld daran! Unser Sohn braucht mich jetzt, Boromir!" Laietha riss sich von ihm los und funkelte ihn wütend an. „Du als sein Vater solltest ähnlich denken, aber es ist an dir zu entscheiden, was dir richtig scheint."

Er war noch nie so kurz davor gewesen, sie zu schlagen wie jetzt. Was ging nur in ihr vor? Natürlich machte er sich Sorgen um Aiglos, aber Aragorn war sein Freund und er konnte nicht verstehen, was in Laietha gefahren war. Er wollte auf der Stelle wissen, was zwischen ihr und Aragorn geschehen war, aber sie machte keine Anstalten, ihn einzuweihen. Boromir spielte seinen letzten Trumpf aus, um ihre Maske zu durchbrechen. „Dein Vater macht sich große Sorgen um Aragorns Zustand!", schnappte er aufgebracht und trat dicht an sie heran. Sie erwiderte seinen Blick mit einer Kühle, die nicht zu der Frau passte, die er zu kennen glaubte.

„Ich werde jetzt gehen und nach Aiglos sehen. Der Verband an seinem Knie muss erneuert werden. Du kannst mir ja gerne berichten, wie es Aragorn geht, wenn du ihn siehst." Boromirs Augen verengten sich zu Schlitzen. Sie spielte ein Spiel, aber er war nicht gewillt, mitzuspielen. Er zwang sich, seine Stimme ruhig und fest klingen zu lassen.

„Ich bin nicht dein Botenjunge, Laietha. Du selbst solltest nach ihm sehen." Er schnitt ihr das Wort ab, noch bevor sie ihm etwas entgegnen konnte. „Vielleicht solltest du dir jedoch überlegen, deinen dummen Stursinn abzulegen. Es gibt nichts Schlimmeres, als wichtige Dinge so lange ungesagt zu lassen, bis es zu spät ist. Wir leben in gefährlichen Zeiten." Damit drehte er sich um und ließ seine Frau im Garten stehen. Er warf keinen Blick zurück und in ihm brodelte es vor Zorn.

Er wusste, dass sie starrsinniger als Gimli sein konnte - deswegen liebte er sie, aber für gewöhnlich kam sie irgendwann zur Vernunft - wobei er sich diesmal nicht sicher war. Wenn es geholfen hätte, hätte er sie wie ein ungezogenes Kind übers Knie gelegt und ihr den Hintern verbläut. Sicher hatte es Streit an diesem Morgen gegeben. Boromir schlug den direkten Weg zu Aragorns Quartieren ein. Er würde erst Ruhe finden, wenn er wusste, wie es um seinen Freund stand, aber er nahm sich fest vor, seiner Frau kein Sterbenswort darüber zu berichten. Es wurde Zeit, dass sie vernünftig wurde, denn er konnte nicht garantieren, dass er sein Temperament noch länger zügeln - oder ihr dauerhaft die Auskunft über Aragorns Befinden verweigern konnte.

Poch, poch, poch, poch. Er ist zusammengebrochen. Poch, poch, poch, poch. Aragorn braucht dich jetzt! Poch, poch, poch, poch. Der Schmerz in ihrem Kopf wütete stärker, pulsierte im schnellen Schlag ihres Herzens. Poch, poch, poch, poch.

Laietha konnte jetzt nicht zu ihm gehen. Sie wollte nichts weiter als wissen, dass es ihm gut ging, aber im Moment war sie zu aufgebracht. Wenn sie ihn jetzt sah, würde sie ihn anschreien, all ihre Frustration an ihm auslassen, obwohl sie wusste, dass er nichts dafür konnte, dass Aiglos verletzt war. Doch wen wenn nicht ihn sollte sie zur Verantwortung ziehen? Aragorn hatte versprochen, ihren Jungen zu beschützen, niemand sonst. Wenn man sagen konnte, dass Aiglos wieder ganz gesund werden würde, dann würde sie zu ihm gehen, wenn sie ihm nichts mehr vorwerfen konnte.

Im Moment wollte sie nur noch schlafen, aber ihre rastlosen Beine trieben sie zurück an das Bett ihres Kindes. Aiglos lag noch immer in tiefen Schlaf. Poch, poch, poch, poch. Laietha wechselte vorsichtig den Verband um sein Knie und legte einen kühlenden Umschlag auf seine Stirn. Poch, poch, poch, poch. Sie schlang sich ein Tuch um die Schultern und zog einen Sessel dicht an das Bett ihres Sohnes heran. Ihre Augen begannen zu brennen und Laietha begann zu reiben, unauffällig die Tränen mit fortwischend. Poch, poch, poch, poch. Es gibt nichts Schlimmeres, als wichtige Dinge so lange ungesagt zu lassen, bis es zu spät ist. Poch, poch, poch, poch. Sie würde nach ihm sehen und mit ihm sprechen - sobald es Aiglos besser ging. Ihr Sohn brauchte sie jetzt dringender. Laietha lehnte sich in den bequemen Sessel und schloss nur einen Augenblick die Augen. Poch, poch, poch, poch. Wir leben in gefährlichen Zeiten.