Knapp drei Stunden waren seit seiner Rückkehr zum Schloss vergangen. Frisch gebadet, entspannt und ausgeruht stand der Fürst mit seinem Empfangskomitee draussen auf der grossen Freitreppe und erwartete jeden Augenblick die hohen Gäste aus der Ferne. Valerius trug einen dunkelblauen Anzug und darüber seinen silbergrauen Samtumhang, der so schön zu seinen Augen passte. Auch sein Stellvertreter an seiner rechten Seite hatte sich herausgeputzt, so wie alle Vertreter des Schlosses mit Rang und Namen, die hinter den beiden hohen Herren Stellung bezogen hatten.
Plötzlich schwebten sie aus dem dunklen Nachthimmel hinab, auf den mit Fackeln beleuchteten Innenhof. Ihre orientalischen Kaftane aus Wolle und Seide umflossen sanft die Körper der Flieger und reichten ihnen bis zu den Waden.
Der Erste trug einen eleganten Kaftan in kräftigem Blau mit goldener Stickerei auf der Brust.
Das Gewand seines Begleiters dicht hinter ihm war eine sonnengelbeGalabija mit karmesinroter Bauchbinde und breiten Ziernähten in gleicher Farbe.
Ein weiterer Vampir hatte sich in ein violettes Gewand gehüllt, welches mit olivgrünen Stickereien kunstvoll verziert war.
Einer exotischer gewandet als der andere. Die Ägypter waren gelandet.
Ulysses und Valerius nickten sich kurz zu und gingen gemessenen Schrittes hinunter den Gästen entgegen. Genau am Fuss der Treppe trafen sie aufeinander und der Fürst verneigte sich höflich vor dem Würdenträger des ägyptischen Reiches. Mit wohl gewählten Worten wurde ein jeder willkommen geheissen.
Die Pagen standen bereit, um den Gästen die Reiseumhänge abzunehmen und die anderen Schlossvampire bildeten auf der Freitreppe ein Ehrenspalier hinauf bis zum Portal.
Es war alles bestens vorbereitet und doch geschah etwas, womit keiner der Anwesenden gerechnet hatte.
Beim vierten Gast stockte der Fürst mitten in seiner Begrüssung. Wie vom Donner gerührt, starrte er auf die Frau und vergass sogar zu atmen. Padraig, der etwas hinter seinem Herrn stand, sah ihn wanken und wollte vortreten, um ihn zu stützen.
Da holte Valerius Luft und raunte dann mit belegter Stimme: „Haare dunkelrot wie reife Kirschen, das Antlitz einer Elfe ... Jahre ist es her."
Die Frau ihm gegenüber hielt seine Hand und hob den Kopf. „Deine Stimme ist immer noch so sanft wie die eines Engels und die Erinnerung an deinen Tanz im Mondlicht ist nicht verblasst."
Wieder herrschte Stille, in der etliche das Paar bei der Freitreppe interessiert beobachteten.
„Làszlò, du bist nach all der Zeit noch immer hier und hast gewartet", murmelte die langhaarige Frau und strich mit einer Hand sanft über Làszlòs Wange.
Dieser zitterte vor Freude und erwiderte: „Wie könnte ich fortgehen, bevor du nicht wiederkehrst? Ohne zu wissen, was aus dir wurde? Maureen, du Königin meines Herzens." Zu weiteren Worten unfähig, beugte er sich vor und küsste die junge Frau auf die Stirn.
Die Abgesandten aus Ägypten standen zu weit weg, um zu hören, was der Fürst sprach. So blinzelte der Botschafter verdutzt, als der Fürst die Frau in seiner Reisegruppe vor allen Leuten einfach küsste.
Normalerweise wäre so etwas ein schwerer Verstoss gegen die Etikette, auch wenn es hier nur um einen Privatbesuch ging. Glücklicherweise hatte wenigstens der Graf von Corfe, William Banks, der auch zu den Begleitern des Botschafters gehörte, eine Ahnung, was gerade passiert war.
So trat er zu den mokierten Ägyptern und erklärte: „Es ist nicht so, dass sich die beiden gar nicht kennen. Ich hatte es durch meine lange Abwesenheit von meiner englischen Heimat völlig vergessen. Meine Schwester Maureen wohnte vor etwa zwanzig Jahren ganz in der Nähe des Schlosses Arundel und war oft hier zu Besuch."
Nach einem kurzen Blick auf die interessierten Zuhörer fuhr der Bruder von Maureen fort. „Es ist keine ungebührliche Annäherung, sondern sehen Sie es als ein unerwartetes Wiedersehen."
Die Ägypter nickten verstehend und der Botschafter meinte: „Dann werden wir sittsam darüber hinwegsehen, um das Private der beiden zu schützen."
Der Botschafter und seine Eskorte machten sich daran, dem Stellvertreter Mister Ulysses ins Schloss zu folgen, doch sie waren noch nicht alle durch das Schlossportal getreten, da beschloss Valerius, das Private nicht ganz so privat zu halten. Der Fürst versuchte sich tatsächlich in der hohen Kunst des Minnesangs und erzählte zugleich, wie er seine Angebetete damals kennengelernt hatte.
„Was ich entdeckte im lauschigen Wald,
als ich auf der Lichtung machte mal Halt.
Dich, anmutig schwebend wie eine Fee,
im Traum deine schönen Augen ich seh'.
Maureen, Maureen.
Mädchen, das sich im Forsthaus versteckt.
Maureen, Maureen.
Sie hat mein Interesse geweckt.
Bist mir erschienen bei Vollmond wie ein Geist.
Damals wusste ich noch nicht, wie du heisst.
Du, welche zu den Sternen schwebst,
mein Herz hoch in den Himmel hebst."
Während des Singens schritt er um die schöne Frau herum und untermalte seine Worte mit Gesten.
„Seither ich so verzaubert bin
von dieser edlen Fliegerin.
Spürte, wie du mich an den Händen fasst,
sowie mir deine Gunst gegeben hast.
Maureen, Maureen.
Jetzt bist du endlich zurück.
Maureen, Maureen.
Meine Fee, ich bin so entzückt.
War es ein Jahr der Gemeinsamkeit nur,
nahe bei dir fand ich Seligkeit pur.
Weiss jederzeit, wie ich dich erkennen kann,
wenn ein Blick in deine Augen ich erlang.
Deine Anmut hat mich verführt.
Deine Rückkehr meine Seele berührt.
Maureen, Maureen.
Lass das Warten endlich zu Ende sein.
Maureen, Maureen.
Gib mir Hoffnung und sei sie noch so klein.
Meine Fee mit Augen so grün wie der Wald,
dein liebliches Singen im Forst widerhallt.
Maureen, Maureen.
So bitte ich dich.
Maureen, Maureen.
Erhöre doch mich."
Die jüngere Frau hatte gerührt ihrem Galan zugehört und ihn bei seiner Darbietung beobachtet, bis er sich bei der letzten Strophe vor ihr auf die Erde kniete. Da er aus dem Stegreif eine schöne, ritterlich-höfische Liebeslyrik vorgetragen hatte, so wurde von ihr wohl das Gleiche erwartet. Eine Antwort musste sie geben, auch wenn sie nicht sicher war, ob ihr das so gekonnt gelingen würde wie Làszlò. Maureen blickte kurz zu ihrem Bruder, der sichtlich stolz darauf war, dass ein so hoher Herr um seine Schwester freite. Dann holte sie tief Luft und begann ebenfalls zu singen.
„Meine Reisen waren brillant.
Weisheiten wurden mir bekannt.
Jetzt hör ich von meinem Juwel", hier berührte Maureen das Haupt des knienden Fürsten, „das ich ihm doch so schmerzlich fehl.
Dein liebreizend Lied erfreut mich sehr,
doch für die Zukunft bedarf es mehr."
Sie begegnete Làszlòs verunsichertem Blick und wandte sich dann ab.
Die Anwesenden, welche die Feinheiten der Hohen Minne nicht kannten, sahen mitleidig auf Valerius. Wollte sie ihn abweisen und dem Verliebten das Herz brechen? Denn das Valerius unsterblich in Maureen verliebt war, konnte man nicht übersehen.
„Du bist wunderschön ...", sang Maureen weiter und schritt eine Treppenstufe höher, bevor sie wieder auf den wartenden Freier zu ihren Füssen hinabblickte.
„Du bist wunderschön, das ist wahr.
Deine Augen so hell und klar.
Ein ehrliches Gesicht,
dein Herz belügt mich nicht.
Ich weiss nicht, was die Zukunft bringt;
die Hochzeitsglocke vielleicht nie klingt.
Ein Funke der Liebe in uns glimmt,
doch lass uns warten, bis alles stimmt."
Làszlò blieb am Fusse der Treppe knien, bis Maureen Banks und auch alle anderen mit Brendan Ulysses im Schloss verschwunden waren.
Aufgewühlt von der Freude seine Freundin wiederzusehen und zerrissen von dem Ergebnis seiner Umwerbung, brauchte er eine Weile, bis er sich wieder gefasst hatte. Der Minnesang von Maureen hatte, entgegen der Formalität der Hohen Minne, nicht mit einer klaren Zurückweisung geendet. Da sie beide adelig, also von gleichem Stand waren, hatte sie ihm eine ehrliche Antwort geben können. Wäre er von niederem Stand gewesen, hätte ein Minnesang von seiner Seite immer mit einer Absage der Dame enden müssen.
Aber so hatte sie ihm die Hoffnung auf eine Zukunft mit ihr offengelassen. Mehr noch, keiner der anderen Vampire durfte ihr Avancen machen, solange sie ihn nicht definitiv zurückgewiesen hatte.
Mit der Situation einigermassen zufrieden, und noch immer mit klopfendem Herzen, betrat nun auch Valerius das Schloss und eröffnete wenig später das Festbankett, mit dem er seine ägyptischen Gäste in England willkommen hiess.
