Ich hatte ja gesagt, dass ich etwas eingerostet im Fliegen war. "Eingerostet" war die Untertreibung des Jahrhunderts. Ich war die reinste Katastrophe.
Fliegen hatte nicht zu meiner Aurorenausbildung gehört, weil es ja Apparieren gab, was viel einfacher war und schneller ging. Und der Flugunterricht in der ersten Klasse war schon ziemlich lange her...
"Gerade halten! Du musst den Besen gerade halten!", rief Harry mir von unten zu. Ich klammerte mich am Stiel meines Komet 2-60 und konzentrierte mich gerade eher auf die erste Aufgabe: Nicht herunterfallen! Das war schwieriger, als ich gedacht hatte. Das Geradeaus-Fliegen war noch recht einfach, aber sobald es in die Kurven ging, rutschte ich wie ein nasser Sack vom Besen. Wir übten nun schon fast zwei Stunden, aber ich machte keine nennenswerten Fortschritte. Die Flughöhe von drei Metern hatten wir noch nicht überschritten, damit ich mir keine ernsthaften Verletzungen zuzog und Harry wurde zunehmend frustrierter. Ich verstand ihn, er sollte als Kapitän Schüler trainieren, die hervorragend fliegen konnten, aber jetzt sah er mir zu, wie ich auf drei Metern Höhe kreischend meine Runden zog und alle zwei Minuten auf dem Rasen landete.
"Das hat doch keinen Zweck!", sagte ich frustriert, als ich zum gefühlt fünfundzwanzigsten Mal auf dem Hintern gelandet war.
"Ich möchte dich nur daran erinnern, dass du das hier wolltest, um dich nicht zu blamieren. Steht das Ziel noch?", fragte Harry.
"Ja…", antwortete ich zerknirscht und stieg wieder auf den Besen.
"Keine Angst. Du schaffst das. Ich glaube, wenn du unsicher bist, spürt das der Besen." Ich nickte und versuchte, mich nicht mehr so stark am Stiel festzuklammern.
"Je weiter du dich nach vorne lehnst, desto schneller wirst du. Also lehn dich nicht so weit vor am Anfang." Ich befolgte seinen Rat und sofort wurde mein Komet 2-60 langsamer.
"Sehr gut. Und jetzt zieh den Besen vorne leicht hoch, dann steigt er… Ich sagte leicht!", rief er, als ich laut kreischend dem Himmel entgegen schoss. Der Rest meines Verstandes, der nicht panisch im Kreis rannte, sorgte dafür, dass ich den Besen wieder in eine waagerechte Position brachte, sodass ich auf der Höhe stehen blieb. Ich machte den Fehler und sah hinunter, wo Harry, ein Punkt von der Größe eines Stecknadelkopfs, wild mit den Armen wedelte. Ich schluckte den Anflug von Panik herunter und neigte den Besen leicht nach unten, sodass ich einen langsamen Sinkflug begann. Das funktionierte sogar ganz gut, sodass ich bald sicher auf dem Boden ankam. Harry lobte mich, schickte mich aber direkt wieder in die Lüfte. So musste Severus sich gefühlt haben, als ich ihm den Walzer beigebracht hatte.
Nach ein paar Sink- und Steigübungen versuchten wir es wieder mit der Kurve.
"Du muss dich nur leicht zur Seite lehnen, denn der Besen nimmt selbst leichte Bewegungen wahr." Ich landete noch ein paar Mal auf dem Rasen, aber nach einigen Versuchen gelangen mir leicht schlingernde Kurven. Ich flog ein paar Mal im Kreis, wechselte dann die Richtung. Je mehr ich schaffte, desto mutiger wurde ich. Bald flog ich Spiralen und Schlangenlinien, doch dann wurde es Zeit fürs Abendessen. Ich dankte Harry für seine Hilfe und ging schnell duschen, sodass ich noch etwas vom Abendessen mitbekam.

In der ersten Woche übten wir jeden Nachmittag das Fliegen, bis ich sicher auf dem Besen saß und nicht mehr herunterfiel. Eine gute Fliegerin würde ich in der näheren Zukunft zwar nicht werden, aber es reichte, um mich nicht völlig zu blamieren.
Nach dem Abendessen am Freitag freute ich mich auf mein weiches Bett. Fünf Tage ständiges Fallen hatten ihre Spuren auf meinem Körper hinterlassen: meine linke Seite war komplett blau, die recht etwas weniger und mein Steißbein schmerzte beim Sitzen. Doch bevor ich meine Privaträume erreichen konnte, sprach Horace Slughorn mich an.
"Ah, Professor Sinclair, schön, dass ich Sie treffe.", sagte er. Eigentlich war ein Gespräch mit ihm ja quasi Schulterschluss mit dem Feind, weil Severus ja wegen ihm seinen Posten hatte räumen müssen, aber ich konnte ja jetzt nicht einfach gehen.
"Professor Slughorn.", sagte ich deshalb freundlich und fühlte mich sofort in meine Zeit als seine Schülerin zurückversetzt.
"Ach, nennen Sie mich Horace! Sie sind schließlich keine Schülerin mehr, sondern eine Kollegin. Es freut mich, dass Sie die Lehrerlaufbahn aufgenommen haben, auch wenn Ihre Talente natürlich im Aurorenberuf genauso gut eingesetzt wurden. Sie hätten natürlich auch Zaubertränke studieren können, mit ihrem Ohnegleichen-UTZ."
"Es ehrt mich, dass sie das sagen.", erwiderte ich lächelnd. Slughorn war immer noch der gleiche. Immer auf der Suche nach besonderen Talenten für seine "Sammlung", mit der er angeben konnte.
"Wissen Sie, Lily Evans war ja auch immer so exzellent in Zaubertränke und ich habe diese Woche festgestellt, dass sie ihr Talent an ihren Sohn vererbt hat."
"Harry?", fragte ich perplex. Severus hatte den Jungen immer als hoffnungslosen Fall bezeichnet.
"Ja, ihm ist als einzigem aus seiner Klasse der Trank der lebenden Toten gelungen. Wirklich beeindruckend!"
"Harry hat es in ihre UTZ-Klasse geschafft? Ich dachte, dafür bräuchte er ein "Ohnegleichen" in seinen ZAGs und er hat nur ein "Erwartungen übertroffen" geschafft.", sagte ich verwundert.
"Ach, das war vermutlich bei Severus so, aber ich sehe das nicht so eng. Wenn ein Schüler seinen UTZ in Zaubertränke machen möchte, werde ich ihn sicher nicht daran hindern.", erklärte Slughorn gönnerhaft.
"Oh, das freut mich aber! Harry möchte nämlich gerne Auror werden und dafür braucht er den UTZ in Zaubertränke."
"Meiner Meinung nach steht dem nichts im Wege, er ist sehr talentiert."
Das musste ich Severus erzählen, der würde Augen machen!

"Er hat was gesagt?!", fragte Severus geschockt.
"Anscheinend ist Harry Klassenbester."
"Ich hatte ja so meine Befürchtungen bezüglich Slughorn, aber so etwas hatte ich nicht erwartet…"
Ich war ein wenig beleidigt. "Komm schon, sooo schlecht war er nun auch wieder nicht…"
"Nein, ich gebe zu, ein komplett hoffnungsloser Fall war er nicht. Immerhin hat er ein "Erwartungen übertroffen" geschafft, eine gute Note.", lenkte Severus ein, "Aber was mir zu denken gibt, ist, dass der Rest der Klasse so versagt hat. Immerhin Miss Granger hätte den Trank locker schaffen müssen."
"Naja, in dem Buch stand der Trank auf Schwierigkeitsstufe vier."
"Sie haben aus dem Buch gearbeitet?! Dann wundert mich garnichts mehr. Wenn man sich an die Rezepte darin hält, kann der Trank nur misslingen."
"Wie hast du das denn gemacht?"
"Ich habe die Rezepte modifiziert und an die Tafel geschrieben, sodass sie die auch schaffen konnten."
"Du hast nie mit den Büchern gearbeitet?"
"Nein, die eignen sich höchstens als Brennholz."
"Warum schreibst du dann keine eigenen?"
"Ich hatte nie die Zeit dazu. Wenn ich das Lehrbuch für einen Jahrgang schreibe, dann muss ich das auch für die anderen tun. Und sieben Lehrbücher sind einiges an Arbeit."
"Das stimmt. Vielleicht, wenn du dich mal zur Ruhe setzt.", sagte ich, aber Severus lächelte nur müde.
"Aber was ich mich frage… Wenn die Rezepte in dem Buch unbrauchbar sind, warum hat Harry es dann geschafft?", überlegte ich.
"Am besten fragst du ihn das mal."

Am Samstag drei Wochen nach Beginn des Schuljahres fand das Auswahltraining der Gryffindor-Quidditchmannschaft statt. Harry und ich standen also mitten auf dem Quidditchfeld und vor uns eine laute, schwatzende Meute Schüler. Er sah mich etwas unsicher an, aber ich bedeutete ihm nur, loszulegen. Ich würde nur einschreiten, wenn es nötig wurde.
Harry räusperte sich. Niemand beachtete ihn. Er räusperte sich noch einmal, diesmal lauter. Nichts geschah. "Hey, Leute!", rief er laut, doch wieder wurde er einfach ignoriert. Er ließ die Schultern sinken und ich beschloss, dass es jetzt nötig war.
"Ruhe!", brüllte ich und sofort erstarben die Gespräche und die Schüler sahen mich an. Da ich keine Quidditch-Uniform besaß und auch keine Spielerin war, trug ich mein Weihnachtsgeschenk von Molly, den rot-golden gestreiften Pullover mit dem goldenen E darauf. In der rechten Hand hielt ich meinen Komet 2-60.
"Äh… danke, Professor.", sagte Harry und wandte sich dann an die Schüler: "Ähm… Willkommen zum diesjährigen Auswahltraining. Da Oliver Wood und einige andere Stammspieler die Schule bereits verlassen haben, bin ich zum Kapitän ernannt worden. Um etwas frischen Wind in die Mannschaft zu bringen, werden alle Positionen, außer der des Suchers, neu vergeben. Das heißt, nur weil ihr letztes Schuljahr dabei wart, heißt das nicht, dass ihr euren Platz für dieses Jahr auch sicher habt. Ich nehme nur die Besten, damit wir den Pokal kriegen. Also los!"
Die Jäger und Hüter wurden gleichzeitig getestet, indem die Jäger versuchen sollten ein Tor zu machen während die Hüter sie abwechselnd daran zu hindern versuchten. Für den Hüter gab es nur zwei Bewerber: Ron Weasley und Cormac McLaggen, einen Siebtklässler. Wie der Großteil der wenigen Zuschauer drückte ich Ron die Daumen. McLaggen war ein ziemlich arroganter Typ, der Hermine Granger, die unter den Zuschauern war, immer wieder zuzwinkerte. Als er gerade an der Reihe war und um einen Punkt führte, schien sein Besen plötzlich ein Eigenleben zu führen. Er schwankte hin und her und gehorchte McLaggen nicht mehr. Ich sah zu Ron, aber der sah dem Schauspiel nur verwundert zu. Doch Hermine hatte ein ziemlich eindeutiges Grinsen im Gesicht. Am Ende hatte Ron die höhere Punktzahl und bekam den Platz in der Mannschaft. Bevor die Schüler in ihren Gemeinschaftsraum strömten, nahm ich Harry beiseite.
„Du hast das eben gut gemacht.", sagte ich.
Harry lächelte. „Danke. Du hast mir aber sehr geholfen. Ohne dich wär das nichts geworden, weil mir keiner zugehört hätte."
„Wenn du Auror werden möchtest, musst du an deiner Autorität arbeiten.", sagte ich, „Aber eigentlich wollte ich wegen etwas anderem mit dir sprechen. Ich habe gestern Professor Slughorn getroffen und er hat in höchsten Tönen von seinem neuen Naturtalent gesprochen. Nimm es mir nicht übel Harry, du bist ein intelligenter Junge, aber dass du einen Trank hinbekommen hast, den der Rest deiner Klasse, inklusive Hermine nicht geschafft haben, verwundert mich doch sehr."
„Jaah... Ähm.." Harry wirkte verlegen.
„Harry, wenn da etwas nicht mit rechten Dingen zugeht..."
„Nein!", sagte er schnell, „Professor McGonagall hat Ron und mich zu Zaubertränke geschickt, obwohl wir nicht damit gerechnet hatten, weil wir dachten, wir hätten zu schlechte Noten dafür. Deshalb hatten wir keine Bücher und sollten uns dann welche aus dem Schrank nehmen. Ich hab gegen Ron verloren und musste das alte nehmen." Harry kramte in seiner Schultasche, holte eine alte, zerfledderte Ausgabe von „Zaubertränke für Fortgeschrittene" von Libatius Borage hervor und händigte sie mir aus.
Ich blätterte durch und sah, dass beinahe alle Seiten vollgeschrieben waren mit Randnotizen und Verbesserungen. Die Schrift kam mir vage bekannt vor, aber auch nicht ganz. So weit ich das beurteilen konnte, verbesserten die Notizen die Rezepte derart, dass man die Tränke perfekt brauen konnte.
„Und du hast mit den Verbesserungen gearbeitet, als du den Trank der Lebenden Toten gebraut hast?", fragte ich und Harry nickte. Ich blätterte zur ersten Seite und fand eine Signatur: „Eigentum des Halbblutprinzen". Bei dem Namen klingelte bei mir etwas...

„Gibt das nicht Fettflecken in deinem geliebten Buch, wenn du deine Nase da immer reinsteckst, Schniefelus?", höhnte James und ging auf Severus, der unter einem Baum am See saß, zu, „Und die Haare erst!"
Severus sah ihn missmutig an und griff nach seinem Zauberstab.
„Expelliarmus!", rief James und entwaffnete ihn mühelos. Anscheinend hatte sein Opfer es inzwischen aufgegeben, sich zu wehren.
„James...", sagte Remus. Er hasste es, wenn seine Freunde Snape terrorisierten.
„Was denn, Moony? Wir wollen nur ein wenig Spaß haben.", erwiderte James.
„Muss man dafür wirklich andere ärgern?", fragte ich, aber Sirius hielt mich zurück: „Ennie, das ist doch nur Schniefelus. Du willst doch keine Spielverderberin sein, oder?" Zerknirscht schüttelte ich den Kopf. „Gutes Mädchen.", sagte er und küsste mich.
James nahm Severus mit einer schnellen Bewegung das Buch ab und schlug die erste Seite auf. „Eigentum des Halbblutprinzen", las er vor, „Halbblutprinz?! Hört mal, wir haben hier einen Prinzen vor uns!"
„Oho!", höhnte Sirius.
„Gib mir das wieder, Potter!", rief Snape und sprang auf.
„Und warum sollte ich das tun? Wäre doch viel lustiger, wenn ich es im Schloss verstecken würde, oder Sirius?"
Der Angesprochene lachte und belegte Snape mit einem Ganzkörperklammerfluch. Dann liefen beide zurück zum Schloss, Peter schnaufte sofort hinterher und Remus und ich folgten ihnen mit schlechtem Gewissen, aber nicht, ohne noch einen Blick zurück auf Snape zu werfen.

„Enya?", fragte Harry vorsichtig und riss mich aus meinen Gedanken, „Sagt dir der Name was?"
„Er hat mich an etwas erinnert, aber das hat nichts miteinander zu tun.", log ich gezwungenermaßen und gab ihm das Buch zurück. „Du musst das Buch Professor Slughorn geben, Harry. Es verschafft dir einen Vorteil gegenüber deinen Mitschülern und das ist unfair. Ich werde es nicht konfiszieren, aber ich hoffe, du wirst das Richtige tun."
Harry nickte leicht geknickt. „Gerade hatte ich mich gefreut, in diesem Schuljahr mal Bestnoten zu haben. Nicht wie bei Snape..."
„Harry, ob du es glaubst oder nicht, Severus ist ein besserer Lehrer. Die Rezepte in dem Buch können so nicht oder nicht so gut gelingen. Severus hat euch die Rezepte an die Tafel geschrieben, nachdem er sie verbessert hat."
Mit großen Augen sah mein Patensohn mich an. „So hab ich das noch garnicht gesehen. Ich habe Snape nie neutral als Lehrer gesehen, sondern immer nur als jemanden, der gemein zu mir und meinen Freunden ist."
Ich lächelte zufrieden. Dann kam Ron freudestrahlend auf Harry zu, mit Lavender Brown im Schlepptau, die ihn offensichtlich anhimmelte wie einen Popstar.
„Haben Sie das gesehen, Professor? Ich habe den Quaffel mit dem Kopf gehalten!", sagte er stolz.
„Natürlich habe ich das gesehen. Eine sehr gute Leistung. Herzlichen Glückwunsch. Jetzt können wir ja gar nicht mehr verlieren.", sagte ich und klopfte Ron auf die Schulter.

„Severus?", rief ich und lief in seinen Privaträumen umher. Das konnte nicht bis zu unserem gemeinsamen Wochenende warten. Da kam der gesuchte auch schon aus dem Bad, nur mit einem Handtuch um die Hüfte bekleidet.
„Was gibt's denn so dringendes?", fragte er erstaunt.
„Weißt du, wo dein altes Zaubertränkebuch aus der sechsten Klasse ist?"
Er sah mich nur verwirrt an.
„Das Buch, das James dir damals abgenommen hat? Das du mit Halbblutprinz signiert hast?"
„Wie du gerade so schön herausgestellt hast, hat Potter Senior es mir damals abgenommen. Seitdem habe ich es nicht mehr gesehen, obwohl ich wochenlang danach suchte. Ich musste mir für teures Geld ein neues kaufen und habe dafür Prügel von meinem Vater bezogen. Aber warum willst du das wissen?"
„Es ist wieder aufgetaucht.", sagte ich und ließ mich auf das Sofa fallen.
„Was? Wo?"
„Im Bücherschrank im Klassenzimmer für Zaubertränke. Harry hat es gefunden, weil er wider Erwarten in den UTZ-Kurs von Slughorn gekommen ist und kein Buch gekauft hatte."
„Weiß er, dass es meins ist?"
„Nein, er hat mir davon erzählt, als ich ihn fragte, wie er an sein plötzliches Talent fürs Brauen kommt. Er hat mit deinem modifizierten Rezept gebraut."
„Das erklärt natürlich einiges.", sagte er mit einem selbstgefälligen Grinsen und ich gab ihm einen Klaps auf den Arm.