33. A crucial Mistake
„We learn from failure, not from success!"
Bram Stoker
Es war schnell gegangen. Fast war es seltsam, wie schnell alles passierte. Er glaubte nicht, dass er jemals so viele Auroren in Hogwarts gesehen hatte. Und natürlich war keiner der Schüler in den Gemeinschaftsräumen geblieben. Egal, wie oft die Lehrer es befohlen hatten.
„Sind seine Sachen gepackt?", erkundigte sich ein Auror barsch, dessen Namen er nicht kannte. Snape nickte schroff, ohne ihn anzusehen. Es dauerte einen Moment, bis der Elf erschien. Dracos Schrankkoffer war verschlossen. Er hörte vor der Halle die Schüler. Hörte sie tuscheln, hörte sie Fragen stellen, die niemand beantwortete.
Er wusste nicht, wie spät es war. Aber es war spät. Lange war er in der Großen Halle gefangen gehalten worden, bis die Auroren eingetroffen waren. Bestimmt zwei Dutzend.
Der Elf war wieder verschwunden, und Draco konnte sich nicht rühren. Magische, orange Fesseln schimmerten um seine Handgelenke, während der Petrificus seinen Körper effektiv lähmte. Er spürte den Druck der Fesseln kaum noch. Der Todesfluch hatte ihm alles abverlangt, was er an Kräften gehabt hatte.
„Wir nehmen ihn mit ins Ministerium", teilte der Auror Snape mit.
„Nehmen Sie ihn mit", bestätigte Snape tonlos. Und Draco spürte den Brief in seiner Hemdtasche unter seinem Pullover. Er hatte ihn an sich. Und er dachte an Dumbledores Worte. Er durfte ihn nicht Snape geben. Ihm waren keine Fragen gestellt worden, und das schien wohl auch nicht erwünscht zu sein, denn beantworten konnte er sie sowieso nicht. Er spürte Snapes Blick auf sich. Er brauchte ihn nicht sehen, um zu wissen, dass Snapes Blick tödlich war.
Einige Meter weiter schwebte die magische Bare. Ein schwarzes Tuch aus magischem Samt hatte die Bare blickdicht und sicher verdeckt. Doch Draco erahnte seine Gestalt darunter. Mehrere Auroren hatten es bereits geprüft. Geprüft, ob es wirklich Harry Potter war.
Ob er wirklich tot war. Und Draco wusste nicht, was es war, aber er spürte, wie es etwas gab, was ihn davon abhielt, zusammenzubrechen. Spürte, wie irgendetwas seine Kontenance bestehen ließ. Als wäre Harry noch da. Als sorge Harry dafür, dass die Schuld und die Kälte niemals einsetzten.
Und gleichzeitig war es dennoch nicht genug. Denn er war allein. Harry wäre ihm kein Alibi. Dumbledore wäre ihm kein Alibi. Aber der Brief über seinem Herzen gab ihm die nötige Sicherheit. Vielleicht… würde es gut gehen.
„Wir brechen auf", informierte der Auror die anderen. Draco spürte einen Zauberstab im Rücken. Er musste nicht gehen, denn sie ließen ihn schweben. Und die Eingangshalle stand voller Schüler, während er und Potters Bare die Große Halle einen Fuß über dem Boden im Schwebeflug verließen.
Und er erkannte sie unter den Schülern. Ihr Gesicht war bleich und nicht wiederzuerkennen. Aber er konnte sie nicht lange genug fokussieren, konnte den Blick nicht wenden, und es war das letzte Mal, dass er sie sah. Die Schüler verstummten, wurden von Lehrern und Auroren erfolglos zurückgedrängt. Einige Mädchen keuchten auf, beim Anblick der Bare, und die Erkenntnis schien einigen zu kommen.
Und einer Schülerin besonders. Und sie stellte sich den Auroren in den Weg, bevor McGonagall sie maßregeln und zurückhalten konnte.
„Wer ist es?", fragte Ginny Weasley, als hätte sie jedes Recht dazu. Doch Draco konnte hören, dass sie es wusste. Und er spürte die Kälte. Trotz der Lähmung wurde ihm kalt. Allein die Art und Weise wie ihre Stimme vor Schmerzen brach, brachte die Kälte.
„Aus dem Weg", schnappte ein Auror weiter vorne, wollte sie beiseiteschieben, aber Ginny Weasley zog ihren Zauberstab.
„Wer ist es?", wiederholte sie mit so unerschütterlicher Unnachgiebigkeit, dass der Auror McGonagall einen Blick zuwarf.
„Miss Weasley, gehen Sie aus dem Weg", flüsterte die ältere Lehrerin bestürzt und versuchte, das Mädchen aus dem Weg zu ziehen.
„Es ist Harry", flüsterte sie, ohne den Blick von der Bare zu wenden. „Nicht wahr?", fragte sie blass den Auroren ganz vorne, aber die Truppe an Auroren setzte sich in Bewegung. Draco hörte Ginnys Schrei, vernahm, wie sie wohl aufgehalten werden musste, und er hörte ihren Bruder, hörte, wie Weasley auf sie einsprach, wie er sie zurückhielt, und die Panik kehrte in seinen Körper zurück, als alle Schüler plötzlich Fragen stellten, als alle plötzlich in Tränen ausbrachen und anfingen zu rufen und schreien.
Und die Auroren brachten ihn und die Bare aus dem Schloss, gingen zügig über das Gelände. Der Schnee hatte sich gelegt. Weiß lagen die Gründe vor ihm. Die Hütte des Riesen kalt und unbewohnt.
Sie erreichten die Tore, erreichten die Grenzen und apparierten in die Nacht, er Seit-an-Seit zwischen den Auroren. Und wohl mit einer Spezialerlaubnis fand er sich im Atrium wieder.
Er wusste nicht, wann er das letzte Mal hier gewesen war. Mit seinem Vater, vor sieben Jahren vielleicht. Noch mehr Menschen kamen auf sie zu.
„Löst den Zauber", befahl ein Mann mit wilden kurzen Haaren. Wahrscheinlich war er direkt von Zuhause appariert, hatte wohl schon geschlafen, aber bevor Draco den Gedanken abschließen konnte, löste sich der Petrificus sowie die magischen Fesseln, und überrascht stürzte er nach vorne. Er schlug mit den Knien auf. „Aufstehen", befahl der Mann. Draco spürte, wie jemand in seinen Nacken griff und in die Senkrechte zerrte.
Und erst jetzt erkannte er den Mann. Er blinzelte, schüttelte den Rest der Lähmung ab. Coldwell! Der Minister war da. „Draco Malfoy", schien der Minister ihn zu erkennen. „In mein Büro", befahl er. „Bevor er in die Verwahrung kommt, will ich mit ihm reden!", sagte der Minister, als jemand widersprechen wollte. Und Draco empfand wilde Dankbarkeit.
Er wusste jetzt, warum er Snape den Brief nicht gegeben hatte. Denn vielleicht half ihm der Minister persönlich!
Seine Füße gehorchten kaum, aber zwischen zwei Auroren folgte er dem Minister durch die Weiten des Atriums. Vielleicht würde sich sein Albtraum nicht erfüllen. Sie betraten den Fahrstuhl, und keiner sprach, aber er spürte die zitternde Spitze eines Zauberstabs in seinem Rücken. Sie gingen den ausgestorbenen Flur entlang. Das Büro des Ministers lag am Ende eines Sekretärzimmers. Viele leere Schreibtische reihten sich im schwachen Schein der Petroleumlampen.
Der Minister bedeutete den beiden Auroren draußen zu warten. Er führte Draco in sein Büro.
Dann schloss er die Tür und entfachte sofort Feuer im Kamin. „Mr. Malfoy, setzen Sie sich", befahl er müde. Draco setzte sich erschöpft auf den Stuhl vor dem Schreibtisch. Er war noch nie hier gewesen, und fast hätte er gedacht, der Minister hätte ein größeres Büro. Das Schulleiterbüro war größer als dieses Zimmer. Auszeichnungen hingen hinter Glas an den Wänden, ohne dass Draco ihnen große Aufmerksamkeit schenkte.
Links neben ihm hing ein breites Gemälde, in einem besonders schweren Goldrahmen. Auch das war nicht wirklich erwähnenswert, denn das Zimmer, das es in Öl zeigte, war leer, abgesehen von einem Tisch, einem Stuhl und einem breiten offenen Fenster, was den Schein der untergehenden Sonne zu fassen schien. Er erkannte ein aquarellartiges Dorf in unweiter Ferne, einen Kirchturm, spiegelbildartige Häuser, die sich zu einem abstrakten Stadttor verbanden. Kurz glaubte er, dass es eine vage Erinnerung in ihm wachrüttelte, aber so schnell wie dieser Gedanken gekommen war, war er wieder verschwunden.
Er wusste nicht, was es war, aber das Gemälde strahlte etwas sehr Unangenehmes aus. Nur unterbewusst spürte er es. Der Schein der Sonne, die Farbe des Holzes. Abwesend dachte er, dass es kein Zimmer war, in welchem er gerne sein würde. Sein Augenmerk fiel auf die schwere eisenbeschlagene Truhe, die in einer Ecke des Gemäldes stand. Eine dunkle Stille beherrschte den gemalten Raum, und je länger er die Truhe betrachtete, umso stärker wurde der unbewusste Drang, wegzusehen, das Bild nicht mehr zu beachten.
Und mit klopfendem Herzen riss er den Blick von dem seltsamen Gemälde los.
Dann setzte sich Coldwell ihm gegenüber, und er fasste den Mann näher ins Auge. Für gewöhnlich hatte der Minister glatte, ölige Haare. So kannte Draco ihn aus der Zeitung. Glatt, akkurat. Aber jetzt trug er einen Morgenmantel, hatte tiefe Ringe unter den Augen und wilde, unordentliche Haare. Hellbraun häuften sie sich auf seinem Kopf.
Draco erkannte eine feine Narbe unterhalb seiner rechten Wange. Die Augen waren klein und stechend braun. Nicht wie Grangers. Nicht warm, sondern kühl und von scharfer Dunkelheit.
„Sie haben Harry Potter getötet", sagte der Mann nachdenklich, ohne ihn aus dem Blick zu lassen. Und die Worte schwappten nach und nach in Dracos Bewusstsein. Harry Potter getötet. Sein Mund öffnete sich. Und langsam… langsam erwachte sein Geist wieder.
„Sir, ich…", begann er rau.
„Sie hatten einen guten Grund?", hakte der Minister mit gewisser Spannung in der Stimme nach. „Nicht wahr?", flüsterte er. Und Draco erfüllte eine stumme Dankbarkeit. Hastig griff er unter seinen Pullover, zerrte den gefalteten Brief aus der Brusttasche. Er war versiegelt, nicht geöffnet.
„Po-Potter gab mir diesen Brief! Er erklärt alles!", brach es endlich aus ihm hervor. „Vol-Voldemort war zurück! Sir, Sie müsse mir glauben, ich-!" Aber der Minister hob beruhigend die Hand.
„Ganz ruhig, Junge. Ich dachte mir so etwas schon", fuhr er beinahe gleichmütig fort. Draco wollte weinen vor Erleichterung. Mit dem Minister im Rücken würde alles gut werden! Sein Albtraum konnte nicht wahr werden! Coldwell öffnete das Siegel, entfaltete den Brief und hastig überflogen seine Augen die Zeilen. Mit dem Zauberstab prüfte er die Unterschrift. „Tatsächlich", murmelte er ein wenig fassungsloser, als Draco geglaubt hatte. „Mr. Potter hat es geschildert. Gütiger Merlin", fuhr der Minister kopfschüttelnd fort. „Ich verwahre das hier, damit es niemand gegen Sie verwenden kann, hören Sie?" Draco nickte nur.
„Ich… ich habe ihn nicht… ich musste! Er hat…-! Dumbledore-!", stotterte er, aber der Minister nickte.
„Ich weiß", bestätigte er beruhigend. „Es steht alles hier. Und wissen Sie, es ist das ideale Alibi. Dumbledores Porträt wird es bestätigen können, nicht wahr?", wollte der Minister fast scharf wissen. Darüber hatte sich Draco noch keinen Gedanken gemacht! Fast hysterisch nickte er.
„Ja! Ja, natürlich. Die Porträts! Dumbledores Porträt hängt in Snapes Büro!", entfuhr es ihm eilig. „Ja, er wird es bestätigen können!"
„Gut. Sehr gut." Coldwell nickte geschäftig. Draco entging das Zittern seiner Hände.
Draco war wach. Adrenalin peitschte durch seinen Körper. „Vielleicht sollte ich den Brief behalten, Sir?" Aber der Minister schüttelte den Kopf, erhob sich bereits und öffnete einen magischen Tresor in der Wand mit dem Zauberstab.
„Nein, das wäre töricht. Sie werden die Nacht in der Verwahrung bleiben – zu Ihrer eigenen Sicherheit, Mr. Malfoy. Und der Brief – Ihr einziger Beweis – ist wesentlich sicherer hier, denken Sie nicht?" Draco sah ihn an.
„In der Verwahrung?", wiederholte er unsicher.
„Ja. Ich meine, ich kann nicht in einer Nacht den Leuten erklären, dass sich eine heikle Theorie, die ich hegte, bewahrheitet hat. Dass ich an Ihre Unschuld glaube, wird den meisten übel aufstoßen, Mr. Malfoy. Zumindest jetzt noch", fuhr er bedauernd fort. „Und am sichersten sind Sie sie tatsächlich ironischerweise in unserer Verwahrung." Draco nickte langsam. Ja, es machte Sinn.
Glaubte er.
„Werden Sie Snape informieren?", wollte Draco sofort wissen.
„Aber natürlich", versprach der Minister ruhig.
„Und… meine Eltern!", fiel ihm eilig ein.
„Sicher", bestätigte der Minister kühler. „Ihren Vater als erstes", versprach er, aber der bittere Unterton entging Draco hierbei.
„Ich… ich danke Ihnen", flüsterte Draco erschöpft. „Danke", wiederholte er. Er stützte den Kopf in seine Hände. Er würde Granger wiedersehen. Er würde Hermine alles erklären. Er würde sich entschuldigen! Er würde…-
„Gute Nacht, Mr. Malfoy", vernahm er die kalte Stimme des Ministers, und sein Kopf hob sich verwirrt. Er erkannte die Spitze des Zauberstabs, die auf ihn gerichtet war, und sein Mund öffnete sich entgeistert, bevor der Stupor ihn direkt in die Brust traf.
~ Vier Tage später ~
Ihr Körper war taub. Sie hatte nicht schätzen können, wie viele anteilgenommen hatten, aber es waren bestimmt zweihundert Leute gewesen, wenn nicht mehr. Schüler, Lehrer, Bürger aus der Stadt. So unzählig viele waren hier.
Harry war in Godric's Hollow bestattet worden. Sein Grab lag neben dem seiner Eltern. Nicht weit entfernt. Blumen häuften sich in alle Farben. Magische Trauerbanner wehten über dem Grab, und der Himmel war grau über ihnen. Sanft hatte es wieder zu schneien begonnen.
Dracos Verhandlung war heute. Draco…. Sie schniefte, ihre Augen füllten sich mit Tränen. Und sie weinte nicht um Harry. Und das machte sie nur noch trauriger.
Ginny war nicht hier. Molly sagte, sie hatte ihr Zimmer im Fuchsbau heute nicht verlassen wollen. Und ein wenig hilflos stand sie nun neben Ron. Denn wo sollte sie stehen? Sie stand bei den Weasleys, denn dort würde sie heute wohl oder übel übernachten. Ihre Eltern waren schließlich fort. In Australien. Irgendwo. Keine Familie könnte sie hier begleiten, und sie glaubte, sie wollte es auch nicht.
Sie konnte nichts damit anfangen. Harry war tot. Draco hatte ihn getötet. Es war so unwirklich. Es klang so falsch. Und es machte sie so unfassbar traurig, dass sie nicht glaubte, jemals wieder froh zu sein. Was war nur geschehen?
Sie hatten den Tag frei bekommen, den nächsten auch. Und Molly hatte Hermine angeboten, dass sie bei ihnen bleiben könnte. Sie schien nicht wirklich zu wissen, dass sie und Ron keinen Kontakt mehr hatten.
Und Hermine hatte es auch nicht über sich gebracht, es zu erwähnen. Es war so egal, oder nicht?
Ron neben ihr starrte seit einer Ewigkeit auf das Grab. Keine Regung zeigte sich in seinem Gesicht. Er war blass. Ab und an rann eine Träne über seine Wange. Er hatte noch nicht gesprochen heute. Zumindest nicht mit ihr.
Sie konnte Beatrice nirgendwo entdecken. Aber sie suchte auch nicht wirklich nach ihr. Sie suchte nach niemandem.
Zeit kam ihr vor wie ein verschwommenes Konzept aus Farben und Formen, aus Schnee und Übergange in Regen. Irgendwann verließen sie den Friedhof. Der Pfarrer war längst verschwunden. Wahrscheinlich war es kein Pfarrer, nahm sie dumpf an, denn Zauberer hatten keine vergleichbare Religion. Sie bestatteten lediglich ihre Toten. Dort, wo auch ihre Vorfahren lagen. Der Mann hatte einige Worte gesagt, anrührend und passend, aber Hermine erinnerte sich an nichts davon.
Reporter warteten vor den Toren des Friedhofs, bestürmten sie, nachdem sie gingen, vor allem sie und Ron und Snape. Aber niemand sprach mit ihnen. Niemand konnte ihnen sagen, warum Draco Malfoy Harry Potter umgebracht hatte. Und Hermine weinte wieder.
Sie wusste, Snape verließ den Friedhof eilig, denn er musste an Dracos Verhandlung teilnehmen. Draco….
Sie waren im Fuchsbau. Hermine war an Arthurs Seite appariert, und sie saß seit einer ganzen Weile still im Wohnzimmer, ein Glas Tee in den Händen, während das Feuer im Kamin prasselte. Und es war George, der irgendwann das magische Radio andrehte. Seine Mutter maßregelte ihn mit verweinter Stimme sofort, aber er erklärte, er wollte hören, was mit ihm, Draco, geschehen würde, denn irgendwer würde darüber sprechen.
Irgendwann stieß George auf die aktuellen Nachrichten, auf das Zeitgeschehen im magischen London, und Hermines Ohren horchten auf, als sein Name fiel.
„-Verhandlungen haben heute gegen vier Uhr nachmittags ein Ende gefunden. Mr. Malfoy wurde vom Minister persönlich verurteilt, und er erhält die Todeshaft, die so viele gefordert hatten. Es gab keine Entlastungsbeweise, und ich nehme an, die sollten auch schwer zu erbringen sein, nicht wahr Teddy?", wollte die aufgeregte Reporterin anscheinend von ihrem Kollegen wissen, der irgendetwas zu Bestätigung brummte. „Wir berichten aus dem Ministerium, aber leider ist Reportern der Zutritt zu den Verhandlungsräumen verweigert worden! Da!", rief sie plötzlich. „Mr. Snape, Mr. Snape! Der Schulleiter von Hogwarts, dort wo das grauenhafte Verbrechen geschehen ist, verlässt soeben den Saal, gefolgt von Draco Malfoy dem Mörder von Harry Pot-!"
Ron war aufgestanden und hatte das Radio abrupt ausgeschaltet. Hermines tränenschwerer Blick hatte sich gehoben. Molly weinte ebenfalls, und Arthur verließ das Wohnzimmer. Er wirkte aufgelöst, schien nicht zu wissen, was er tun sollte, und Hermine konnte all das kaum begreifen.
„Ich… sehe nach Ginny", hörte sie George irgendwann murmeln, und sie verblieb mit Ron und Molly, die den Kopf in die Hände gestützt hatte. Niemand sprach. Und irgendwann bemerkte Hermine Rons Blick. Er ruckte mit dem Kopf, bedeutete ihr, ihm zu folgen, und dankbar, irgendetwas anderes zu tun, als zu weinen und in das untröstliche Feuer zu starren, folgte sie ihm.
Wie hatte Draco ihr das antun können? Sie wusste, diese Gedanken waren so selbstsüchtig. Es war so falsch, aber… sie konnte nur an Draco denken. Sie hatte schon geglaubt, er wäre besessen gewesen. Dass er es vielleicht nicht gewesen war. Aber… allem Anschein nach, war die Erklärung so simpel, wie sie furchtbar war. Draco hatte Harry getötet.
Steif war sie Ron in die Küche gefolgt. Er war groß genug, einige Flaschen im Regal hoch oben beiseite zu schieben. Er griff nach einiger staubigen Flasche Odgen's. Noch beinahe randvoll. Er verbarg sie unter dem Arm, um dann mit ihr die Küche zu verlassen, nach oben zu gehen, die steilen Stiegen empor. Sie trafen auf George, der vergeblich mit Ginnys verschlossener Tür zu verhandeln schien.
Er wandte den Blick und erkannte den Feuerwhiskey unter Rons Arm. Die Brüder tauschten einen Blick, und George gab es auf, mit Ginny zu reden. Er folgte ihnen stumm. Und dann saßen sie in Rons Zimmer auf dem schmalen Bett. George saß auf dem Boden davor.
Die Falsche wanderte zunächst stumm zwischen ihnen, bis George irgendwann ausatmete.
„Ist es wirklich wahr?", flüsterte er leer, ohne irgendwen anzusehen.
„Ja", murmelte Ron. „Und es ist alles meine Schuld", entfuhr es ihm tonlos. Hermine hob den Blick.
„Es ist nicht deine Schuld", sagte sie sofort.
„Nein, es ist Malfoys Schuld!", knurrte George und griff sich die Flasche. Er trank einen tiefen Schluck. Hermine schluckte schwer. Es war Dracos Schuld. Draco kam nach Askaban. Todeshaft. Er jetzt begriff sie, was sie gehört hatte! Sie weinte schockartig, presste sich die Hand vor den Mund, und es war Ron, der sie plötzlich in seine Arme zog.
Und fast war es, als wäre das Schuljahr nicht geschehen. Er umarmte sie, wie er sie immer umarmt hatte. Sie registrierte es nur kaum, weinte bittere Tränen. Weinte um Draco, weinte um Harry, und sie verstand es nicht. Fest hielt er sie, bis sie sich von ihm löste. Sein Geruch war so vertraut. Der Fuchsbau war ihr so vertraut.
„Ich vermisse ihn", sagte Ron plötzlich, die Augen hell und voller Schmerz. „Ich…- du hattest Recht", erkannte er heiser. „Ich hätte bei ihm bleiben sollen! Ich hätte-"
„-du wusstest es nicht. Ich wusste es nicht", unterbrach sie ihn und wusste nicht einmal, was sie sagte. George trank noch einen Schluck. Die Flasche wanderte wieder, und die Wärme des Alkohols brannte in ihrem Körper, nahm etwas von der eisigen Kälte, die sie empfand. Alles war falsch. Und Harry war tot.
Es waren Stunden vergangen, als Molly sie fragte, ob sie etwas Essen wollten, aber niemand von ihnen hatte Hunger. George hatte sich längst auf dem Boden zusammengerollt und schlief fest, während Ron und Hermine sich den letzten Rest Whiskey teilten. Mollys Blick war ablehnend auf die Flasche gefallen, aber sie sagte nichts, als sie eine Wolldecke aus dem Kleiderschrank nahm und George wortlos zudeckte.
„Ginny ist aus ihrem Zimmer gekommen", informierte sie die beiden leise. „Und sie isst. Wenn ihr noch Hunger habt, der Auflauf steht im Ofen", schloss sie erschöpft, ehe sie ging.
„Keinen Ärger von Mum", bemerkte Ron einigermaßen angetrunken mit Blick auf die warme Flasche in seiner Hand.
„Nein", bestätigte Hermine betrunken. Sie hatte immerhin aufgehört zu weinen.
„Ich war ein schlechter Freund", räumte Ron schließlich ein, ohne sie anzusehen. „Für Harry und für dich", sagte er nach einer Weile.
„Nein", widersprach sie, aber so hatte sie es vor einigen Tagen auch gesehen.
„Doch", beharrte er schließlich. „Verzeih mir", ergänzte er, so hilflos, dass sie die Tränen wieder spürte. „Verzeih mir, Hermine, ich-"
„-es gibt nichts zu verzeihen", flüsterte sie. Alles war zerstört, und es gab nichts zu verzeihen. Und erst als Ron näher kam, merkte sie, was er tat. Er würde sie küs-
-… und sie weinte unter seinen Lippen nur noch mehr, weil sie wusste, dass es ein Fehler war. Weil sie wusste, dass Draco nicht mehr wiederkommen würde. Dass Harry nicht mehr wiederkommen würde. Sie küsste Ron, weil sie sich nicht anders zu helfen wusste.
Immerhin war es Ron. Er war wieder Ron.
Und sie wäre nie mehr sie selbst.
