Secrets Are Walls That Keep Us Alone

Kapitel sechsunddreißig

In der vorletzen Nacht der Osterferien, die Sirius zu Hause verbrachte, träumte er nichts. Ihm war bewusst, dass er sehr tief schlief, aber nicht in der Weise, dass er sich selbst hätte aufwecken können. Er war erschöpft, geistig und körperlich. Er hatte es am Abend zuvor kaum geschafft die Treppe hinauf in sein Zimmer zu wanken.

KNALL! „Sirius Orion Black!" Sirius zuckte zusammen und erwürgte sich fast mit den Laken in die er sich verheddert hatte. „Komm augenblicklich aus diesem Bett!", kreischte seine Mutter.

Sirius zerrte an den Laken und kletterte aus dem Bett, schaffte es grade so auf seinen Füßen zu landen.

„Was denkst du was du da tust, so lange im Bett zu bleiben?", wollte Walburga wissen. Sirius zuckte mit den Schultern. „Ich bin deine Unverschämtheit leid. Komm mit mir, jetzt, sofort!"

Sirius warf einen Blick auf seine Kleider und bemerkte, dass er sich gestern Abend gar nicht ausgezogen hatte.

„Komm! JETZT!" Er eilte hinter seiner Mutter her, während er sich noch den Schlaf aus den Augen rieb. Sie führte ihn in die Küche und drehte sich um, um ihm ins Gesicht zu sehen.

Walburga war groß, sogar größer als Sirius, wenn er nicht perfekt grade stand. Sie wurde noch größer wenn sie wütend war. Jetzt grade konnte er sie fast nicht sehen, so weit war ihr Gesicht von seinem entfernt. Sie ragte bedrohlich über ihm auf. Ihre bleiche Haut war starr, reglos, unmenschlich. Die einzige Farbe an ihr waren die blutroten Lippen, die sich jetzt auftaten um zu sprechen. „Schlafen bis eins? Du brauchst bestimmt etwas um dich aufzuwecken. Und dann wirst du arbeiten."

„Was soll ich tun?", fragte Sirius stumpf. Kein Kampf.

„Zuerst wirst du diesen Trank trinken," zischte sie und drückte ihm einen Kelch in die Hand.

Der Trank hatte eine ekelerregende violette Farbe, dickflüssig und zäh. Sirius hielt den Kelch, starrte auf das Gemisch und suchte fieberhaft nach einem Ausweg um ihn nicht schlucken zu müssen.

„Trink, Sirius. Ich warte." Er sah zu ihr hoch, flehte stumm mit seinen Augen sie möge ihm das nicht antun. „Jetzt Sirius!" Ihre langen, bleichen Finger strichen sanft über ihren Zauberstab, eine Regung die sowohl auffällig als auch subtil sein sollte. Eine Drohung, die sie wenn nötig verleugnen konnte.

Sirius schloss die Augen und schluckte den Trank rasch, zuckte zusammen, als er seinen Rachen verbrühte.

„Guter Junge!" Walburga lächelte süßlich. „Jetzt an die Arbeit."

Sie befahl ihm das Familiensilber zu polieren, die gesamte Möblierung abzustauben und den Küchenboden zu schrubben. Sie beschäftigte ihn den ganzen Nachmittag und Abend mit stumpfsinnigen Aufgaben, gab ihm nicht einmal eine Pause zum essen. Nicht dass er das gewollt hätte. Sein Bauch hatte, seit er den Trank geschluckt hatte den seine Mutter gebraut hatte, angefangen immer mehr und mehr weh zu tun. Um zehn war er völlig erschöpft, fühlte sich schwach und ausgelaugt.

„Mutter?", sagte er leise, als er in der Tür zum Wohnzimmer stand.

„Bist du fertig? Dann fang an oben die Teppiche auszuklopfen." Walburga wartete nur einen Augenblick bevor sie weitersprach. „Worauf wartest du noch?"

„Es ist nur..." murmelte Sirius. Seine Mutter richtete sich auf und lehnte sich vor, bedachte ihn mit einem vernichtenden Blick.

„Was, du undankbares Balg?", sagte sie mit gefährlich rauer Stimme.

„Es ist schon zehn," sagte er lahm.

„Ah, ich seh schon, und du denkst du solltest jetzt ins Bett gehen dürfen, nicht war?" Walburga zog ihre Augenbrauen so hoch, dass sie fast ihren dunklen Haaransatz berührten. „Du denkst du bist zu gut für diese Arbeit?" Ihr Tonfall ließ deutlich ihre gegensätzlich Meinung erkennen.

Wut, wie er sie noch nie zuvor gefühlt hatte entbrannte in seinem Bauch wie ein Feuer, Flammen, die hochzüngelten und in seinem Hals Worte flüsterten. „Ja, bin ich."

Sie erhob sich, durchquerte den Raum, wuchs mit ihrem Zorn. Er stand vor ihr, Auge in Auge.

„Unverschämter Bengel," zischte sie und schlug ihm mit der flachen Hand hart ins Gesicht. „Du wirst mir nicht widersprechen!" Noch ein Schlag. Er sah zu ihr hoch, durch einen fransigen Vorhang aus schwarzem Haar.

Er schnappte nach Luft, als sein Umhang um seinen Hals zugezogen und er nach hinten gerissen wurde. Er landete in einem zusammengekrümmten Haufen auf dem Boden. Er schlug die Augen auf und sah direkt in Orions wütendes Gesicht.

„Steh auf, Junge!", bellte Orion und trat Sirius kurz aber hart in die Rippen. Sirius stöhnte, zog sich jedoch wieder auf die Füße.

„Du bist wertlos." Orion schlug ihn, fest, mitten ins Gesicht. Sirius stolperte rückwärts, fing sich jedoch wieder.

„Du bist eine Schande." Noch ein Schlag, doch Sirius ließ sich nicht fallen. „Du bist ein Versager. Du bist ein schwarzer Fleck auf dem Ruf dieser Familie."

„Die Dinge werden sich ändern müssen," sagte Walburga leise, und zog ihren Zauberstab.

„Ich werde nicht – " begann Sirius.

Crucio!" unterbrach ihn seine Mutter. Ein roter Schleier legte sich über seinen Blick, schwarze Punkte erschienen vor seinen Augen, alles veränderte sich in Zeitlupe als er letztendlich fiel. Er ballte die Fäuste und presste seine Zähne zusammen um den Schmerz zu unterdrücken.

„Regel Nummer eins," sagte Walburga ganz ruhig. „Du wirst nur sprechen, wenn du die Erlaubnis hast."

Ihm war schwindelig, die Welt verschwamm an den Rändern und drohte um ihn her zu verschwinden, ihn für immer in diesem unerträglichen Schmerz schweben zu lassen.

„Regel Nummer zwei. Du wirst alles tun, was wir von dir verlangen, egal was es ist."

Er presste die Augen zu, versuchte alles auszublenden, doch das brachte seinen Bauch nur noch mehr zum schmerzen, Flüssigkeit zum kochen, schwappen, ein kompletter Wirbelsturm in seinem Inneren.

„Regel Nummer drei. Du wirst Jahrgangsbester in jedem einzelnen Fach."

Die Welt wurde schwarz, sein Familienname umhüllte ihn, nahm ihm die Luft. Er konnte nichts sehen, obwohl er wusste, dass seine Augen offen waren. Seine Brust tat weh, er atmete nicht mehr. Er wusste nicht wie er seinen Körper dazu bringen konnte Luft aufzunehmen. Er höhrte keine Regeln mehr. Seine Augen nahmen kein Licht mehr auf, seine Lungen keine Luft, seine Ohren keinen Ton.

Sein Bewusstsein kam nur langsam zurück, schlich sich ein mit sanftem Licht und viel Schatten, ganz vorsichtig, als ob er ein sehr zerbrechliches Kind wäre.

„Steh auf!" brüllte Orion. Die Worte strömten wie in Zeitlupe über ihn hinweg und er versuchte sich zu bewegen. Nichts passierte. Zwei identische Schraubstöcke schlossen sich langsam um seine Arme, zogen ihn hoch aus der Dunkelheit und stellten ihn auf die Beine. Ein Schraubstock ließ los und er begann wieder zu fallen.

Es war eine Tortur, in Zeitlupe zu fallen, mit unendlich viel Zeit darüber nachzudenken ob er den Aufprall spüren würde oder nicht. Er spürte ihn, Orions Faust knallte in seinen Magen, ließ ihn zusammenbrechen, zu Boden fallen. Sirius atmete schwer, seine unregelmäßigen Atemzüge schnitten durch die ansonsten ohrenbetäubende Stille.

„Du bist schwach, Sirius," sagte Walburga boshaft. „Armselig."

Sirius kämpfte sich auf Händen und Knien hoch, versuchte aufzustehen. Orion versetzte ihm einen scharfen Tritt und er rollte wieder auf den Rücken, umklammerte seine Seite.

„Verdammt," keuchte er. Walburga schwang ihren Zauberstab und wieder überkamen ihn Schmerzen, doch von einer anderen Art, nicht so durchdringend. Es war ein dumpfer Schmerz, tief in seinen Knochen, der jedoch rasch an Intensität zunahm. Trotzdem zog er sich wieder auf die Beine, stand zittrig vor seinen Eltern, schwer atmend, wütend, dass seine Eltern nicht einmal leicht angestrengt aussahen.

„Hast du es jetzt verstanden?", fragte sie übertrieben freundlich. „Wirst du jetzt gehorchen, oder sollen wir weiter machen?"

Sirius öffnete den Mund zum sprechen, doch dann sah er Regulus am oberen Treppenabsatz stehen. Die Augen seines Bruders waren groß und ängstlich, seine Haut blass unter dem dunklen Haar. Regulus hasste es wenn sie ihn schlugen und Sirius hatte versprochen sie nicht zu provozieren. Doch andererseits, was schuldete Sirius seinem Bruder wirklich? Regulus hatte sich nie für ihn eingesetzt.

Doch war es das wirklich wert? Seine Eltern jetzt zu verärgern? Er war schon verletzt, der Zaubertrank seiner Mutter machte ihn krank, der Fluch wurde unerträglich schmerzhaft und ihm war fast zu schwindelig um noch aufrecht zu stehen.

„Also?" forderte Walburga ungeduldig.

„Wage es nicht deine Mutter zu ignorieren!" brüllte Orion und versetzte ihm einen Schlag, der ihn abermals zu Boden schickte.

Sirius zog sich wieder auf die Knie und starrte blinzelnd zu ihnen hoch.

„Hast du verstanden?" wiederhohlte Walburga.

Sirius schaute zu Boden. „Ja."

„Was hast du gesagt?" Sie würde es ihn wiederhohlen lassen. Sie sah, dass er zerbrochen war und sie würde es auskosten.

„Ja," sagte er ein bisschen lauter.

„Ja, was?" spottete Walburga.

„Ja, Ma'am." Er ließ den Kopf hängen.

„Sehr gut. Die Teppiche. Jetzt."

Sirius zog sich auf die Füße, obwohl sein Körper protestierte. Er bewegte sich auf die Treppe zu. Orion stieß ihn zur Seite, als er an ihm vorbei ging und er taumelte vorwärts, stieß mit der Brust gegen das Treppengeländer.

„Dämlicher Bengel," murmelte Orion.

Sirius sah Regulus nicht an, als er an ihm vorbeikam, sondern hielt seine Augen fest auf den Boden gerichtet.

„Sirius?", flüsterte Regulus. Sirius schwieg und ging einfach an ihm vorbei. „Sirius, bitte..."

Sirius fing mit den Teppichen im Obergeschoss an und arbeitete sich immer weiter runter. Es war eine lange, mühsehlige Arbeit, und er brauchte bis in die frühen Morgenstunden um sie zu beenden.

„Müde?", hatte seine Mutter ihn verspottet als er sich erschöpft gegen das Treppengeländer lehnte. „Zu schade. Ich hab noch mehr für dich zu tun."