Siebter Teil: Der Weg des Clavicustos
Kapitel 36:
Die allzeit verschlossene Kammer
Brian Skanne saß auf einer Bank und sah in die aufsteigenden und fallenden Wassersäulen des Springbrunnens. Seit mehr als einer halben Stunde saß er jetzt dort, reglos wie eine Statue, sozusagen Auge in Auge mit der Statue im Wasser. Ins Land der Verlorenen, stand auf dem Sockel.
Es war die Statue, die er in Caducus Fugits Gedanken gesehen hatte: Eine scheinbar tanzende Frauenfigur aus schwarzem Stein, der ein Mann mit einem von Narben entstellten Gesicht den letzten Schliff gab – umgeben von anderen Patienten, die fasziniert zusahen. Unter ihrem Applaus legte der Künstler das, was einmal seine größte Erfindung gewesen war, in die Hände dieses neuen Werkes. Eine schimmernde Frucht zwischen schwarzen Blütenblättern. Er hatte gekichert dabei. Das St. Mungo: Eine Welt der Wahnsinnigen –
Hier auf diesem Dachgarten – von dem Skanne bis vor einer Stunde nicht einmal etwas gewusst hatte – war Fugits Zeitenwandler all die Jahre verborgen gewesen, spöttisch getarnt als Teil einer hässlichen Brunnenfigur. Mehr als vierzig Jahre lang. Bis heute.
Als er vorhin den Brunnen endlich gefunden hatte, wusste er nach dem ersten Blick, dass er zu spät gekommen war. Zu spät – und höchstwahrscheinlich nur Minuten zu spät. Der Brunnenrand und der Kiespfad davor waren noch nass, sah er – da war jemand erst vor kurzer Zeit herübergeklettert und hatte ihm die Beute vor der Nase weggeschnappt. Ein schwarzer Steinsplitter zwischen den Kieseln erwies sich bei näherem Hinsehen als ein abgebrochenes Blütenblatt der Figur. Ein ganzes Stück des Blumenbeetes war zerwühlt, Blüten und Büsche waren umgeknickt und zertreten. Und in einem dieser Büsche hatte der abgerissene Ärmel einer braunen Cordjacke gehangen. All das wie zum Hohn für ihn – da konnte er sich jetzt ein Szenario ausdenken, das zu den Spuren passte.
Er tat es nicht. Es interessierte ihn nicht mehr. Diese Partie war zu Ende.
Der lächerliche Abendschein über dem Dachgarten wurde ausgeschaltet, von einer Sekunde zur nächsten war missmutig-düsterer Dezemberhimmel über ihm, und auf einmal musste er sich setzen. Er schaffte es noch bis zu einer Bank, und da saß er dann, den abgerissenen Jackenärmel in einer Hand, und starrte ins sprudelnde Wasser.
Es wurde rasch dunkler, auf dem Dachgarten gingen hier und da kleine Laternen an, und er wusste, dass er zurück ins Ministerium musste, um Scrimgeour seinen Lullumbitsik zu präsentieren – der konnte ihn zumindest vom Verdacht des Mordes reinwaschen, den die Skeeter ihm mit ihren Andeutungen anhängen wollte. Nur – was hatte er noch davon?
Als er endlich aufstand, schien der Boden unter seinen Füßen zu schwanken.
oooOooo
„Also, ein Tisch für zwei, heute Abend sieben Uhr. Geht klar. Hier oben oder unter Deck?"
„Hier oben. Hast du immer noch diesen Nordlicht-Zauber?"
„Aber sicher. Haben dich ja lang nicht mehr gesehen, Welldone! Wie geht's Jadwiga denn so?"
„Gut, soweit ich weiß. Wir – äh – sehn uns selten in letzter Zeit."
„Ach so. Dann – na ja. Warst du mal wieder drüben?"
„Ja, und zwar ausgerechnet mit der Quidditch-Mannschaft von Hogwarts, Anfang des Monats. Ich soll dich von Karkaroff grüßen."
„Na, besten Dank! Ich muss es unbedingt mal wieder zu einem Ehemaligentreffen schaffen!" Der bullige Mann mit dem spiegelnden Glatzkopf schlug sein Reservierungsbuch zu. „Dann sehn wir uns ja heute Abend! Hoffentlich kann die Dame was mit der Durmstrang-Küche anfangen!"
„Kann sie. Solang du ihr keinen Blutpudding servierst …" Dorian Welldone ließ seinen Blick über das düstere und im Augenblick vollkommen leere Schiffsdeck schweifen. Man wäre nie auf den Gedanken gekommen, dass man sich im dritten Stock eines modernen Hauses mitten im Herzen Londons befand. Das Ulof's war eine perfekte Nachbildung des Durmstrang-Schiffes, komplett mit der Aussicht auf schneebedeckte Berge ringsum, so echt, dass man zu frieren begann, wenn man sich lange genug umsah. Er war ziemlich sicher, dass es Hermione gefallen würde.
Zwanzig nach fünf. Dieser Nachmittag zog sich einfach endlos hin. Seine Einkäufe in der Winkelgasse hatte er erledigt, danach noch in mehreren Muggel-Läden herumgestöbert, wo er schon so manchen Fang für seine Werkzeugkästen gemacht hatte. Dann war er hierher getrödelt, und jetzt musste er noch – er versuchte zu entziffern, was er sich da neben das Uhrarmband auf den Unterarm gekritzelt hatte. Schraubzange? Genau – das Schraubzangen-Set musste er noch aus seiner Wohnung holen.
Als er wieder auf der Straße stand, war es ganz dunkel geworden, und die Straßenlaternen brannten bereits. Noch eine Stunde. Dann würde Hermione vor Cartwright & Maker auf ihn warten … Und danach würde er mit ihr im Ulof's essen … Klang eigentlich nach der Aussicht auf einen netten Abend – aber er konnte noch immer keine wirkliche Begeisterung aufbringen. Er wurde das Gefühl nicht los, dass Hermione nur deshalb eingewilligt hatte, heute mit ihm essen zu gehen, weil sie das für den Weg des geringsten Widerstands hielt. Weil ihr die Ausreden gerade mal ausgegangen waren. Schade. Nein, mehr als schade.
Während er blicklos die Straße entlangschlenderte, beschloss er, dass das heute sein letzter Versuch sein würde. Bisher hatte er sich erfolgreich an zwei Regeln gehalten: Erstens nie mit einer Frau auszugehen, die mehr als drei Jahre jünger war als er selbst (in seinem Alter noch keine wirkliche Einschränkung), und zweitens einen weiten Bogen um Frauen zu machen, die nicht wussten, was sie wollten. Hermione erfüllte beide Kriterien nicht. Allerdings musste man ihr zugute halten, dass sie eine böse Zeit hinter sich hatte. Und obwohl sie damals direkt mittendrin gewesen war bei den Ereignissen in Voldemorts Festung, sprach sie nie darüber. Das beeindruckte ihn.
Ja, klar! Ich bin einfach nur total beeindruckt, dachte er spöttisch. Sie ist klug. Sie wird Karriere machen. Und das, obwohl sie nicht lügen kann. Sie kann sich nicht mal verstellen. Sie ist unbedingt loyal … Gut, das reicht jetzt. Heute Abend ein gutes Durmstrang-Essen vor verschneiten Bergen. Und dann ist Schluss damit.
Die Spieluhr – die würden sie aber auf jeden Fall noch zusammen untersuchen. Wenn er ihr sagte, was er über seinen Großvater herausbekommen hatte, würde man sie davon sowieso nur mit Gewalt abhalten können. Es sei denn, sie glaubte es ihm nicht. Es war ja auch kaum zu glauben! Caducus Fugit! Zwei Gespräche in diesem Kaff hatten ausgereicht, es zu erfahren; die alten Leute wussten immer noch ganz genau, wer in dem Haus mit dem verrückten Turm gelebt hatte! Und Oona – die hatte es tatsächlich fertiggebracht, ihm das sechsundzwanzig Jahre lang zu verschweigen! Er vermutete, dass sein Vater es wohl nie erfahren hatte. Mit dieser Frau würde er noch ein Hühnchen zu rupfen haben, bevor die Weihnachtsferien zu Ende waren!
Aber kurz und gut, vor diesem Hintergrund war die Spieluhr natürlich ein mehr als faszinierendes Erbstück … kein Wunder, dass jemand dahinter her war! Und Hermione würde auf keinen Fall widerstehen können, sie sich noch einmal genauer anzusehen.
Ich hätte sie ja lieber dabei, weil sie mir nicht widerstehen kann … am allerbesten wär's, wenn sie gar nicht widerstehen will. Verdammt. Ob sie wirklich noch diesem Harry nachtrauert? Oder hat sie was mit einem anderen – vielleicht mit dem, mit dem sie sich da heute im Ministerium trifft?
Als er um die Ecke bog, stand er unvermittelt vor einem Menschenauflauf. Da musste irgendwas bei der U-Bahnstation passiert sein. Blinkende Rettungswagen oder Polizei oder beides. Vermutlich jemand umgekippt – oder irgendwelche randalierenden Spinner.
Aber da kamen ganze Massen herauf und drängten sich oben an der Straße. Auf einmal wurde ihm bewusst, dass er die ganze Zeit schon Polizeisirenen hörte, seit er aus dem Ulof's gekommen war. Während er sich durch die Menge drängte, konnte er den Gesprächsfetzen ringsum einiges entnehmen.
„… soll eingestürzt sein!"
„Quatsch, da ist nur wieder irgendwas mit der Elektrik –"
„Ist doch mindestens zweimal pro Woche so, immer pünktlich zum Feierabend!"
„Doch! Ich hab's eben gehört! Irgendein Riss im Tunnel –"
„Das hat mit dem Erdstoß vorhin zu tun! Garantiert!"
„Machen Sie Platz! Los, zur Seite! Da ist jemand kollabiert!"
„Hoffentlich kommen wenigstens die Busse bald!"
Dann musste er stehen bleiben, um zwei Sanitäter durchzulassen, die mit einer Bahre zur U-Bahnstation hinunterliefen. Eine Reporterin schnatterte direkt neben ihm aufgeregt in ein Mikrofon. Er fing das Wort „Erdbeben" auf und erinnerte sich überrascht, dass er vorhin, als er zum Ulof's hinaufgegangen war, auch so etwas wie einen Ruck gespürt hatte – aber er hatte das gar nicht weiter beachtet, war zu sehr mit seinen Gedanken beschäftigt gewesen. Jetzt war seine Neugier natürlich geweckt. Er beschloss, in seiner Wohnung das Muggelradio einzuschalten, das er sich vor Jahren zur Inspiration gekauft (und seitdem mindestens dreimal zerlegt und wieder zusammengebaut) hatte. Im selben Moment fiel ihm ein, dass es höchste Zeit war, mal wieder einen Blick auf seine gefräßigen Zöglinge in Hogwarts zu werfen. Noch hatten die Spektralzyklomorpher die kritische Phase nicht ganz hinter sich – wenn einer trotz aller Sicherheitsvorkehrungen wieder aus dem Aquarium ausgebüchst war, dann fraß der sich jetzt vermutlich durch die Wände –
Diese Vorstellung setzte seinem grüblerischen Fußmarsch ein Ende. Nach einem prüfenden Blick in die Runde apparierte er zu dem Haus, in dem er noch aus seiner Zeit bei Scrimgeours Expertenteam ein Zimmer hatte.
Das Haus, in dem Merlin Lockhart möblierte Zimmer an junge Ministeriumsangestellte vermietete, war kaum zehn Minuten Fußweg entfernt, und es lag sozusagen direkt gegenüber dem Ministerium. Durchs Treppenhaus mit den geblümten Tapeten waren Wutschreie aus dem Keller zu hören, aber das war nichts Außergewöhnliches – Mr Lockhart führte einen Dauerkrieg gegen seine Mieter und die Welt im Allgemeinen, und nach einer Weile hatte man sich entweder daran gewöhnt oder war ausgezogen. Im Moment interessierten Welldone nur seine Zyklomorpher und ein Platz, an dem er in Ruhe nach ihnen sehen konnte. In seinem Zimmer machte er Licht, setzte sich aufs Bett, tippte sein Ubiquit an und wartete ungeduldig, bis darin ein sich drehendes Glasprisma und seine Schreibtischplatte in Hogwarts sichtbar wurden. „Schlafzimmer!", sagte er, und das Prisma rückte näher und näher, bis man nur noch einen Ausschnitt seiner geschliffenen Flächen sah – und in denen wurde nun sein Schlafzimmer erkennbar, ganz in grünliches Aquariumlicht getaucht. Er suchte den Raum gründlich ab, entdeckte aber keine verdächtigen Spuren. Offenbar war kein Zyklo ausgerückt. Nur zur Sicherheit unterzog er dann auch noch sein Arbeitszimmer einer Untersuchung – auch hier keine auffälligen Fraßspuren –
Halt. Noch mal das Regal – tiefer –
Oh verflucht.
Er sah noch einmal ganz genau hin, so nahe, wie das Prisma es erlaubte. Da war die Dose mit der bescheuerten Holzblaskapelle drauf – und daneben sein alter Kupferkessel. Kein Zweifel. Da ragte keine silberne Tänzerin mehr heraus. Die Spieluhr war weg.
Vielleicht ist sie nur umgekippt …? Nein, das war nicht möglich. Dazu war gar kein Platz in dem Kessel.
Er ließ sich hintenüber auf sein Bett fallen. Jemand hatte die Spieluhr gestohlen. Jemand, der wusste, dass er sie hatte. Der Kreis der Verdächtigen war klein. Wenn man Oona strich, bestand er genau aus einer einzigen Person –
Im Treppenhaus hämmerte jetzt jemand wütend an eine Tür im Stockwerk unter ihm.
„Miss Broomcarver!", hörte er Mr Lockhart außer sich vor Empörung schreien. „Machen Sie sofort auf! Ich weiß, dass Sie da sind! Sie haben mein Weinregal umgeworfen!" Weiteres Hämmern. „Streiten Sie das bloß nicht ab! Sie waren heute Nachmittag als Einzige im Haus! Und vor einer Stunde war noch alles in Ordnung! Oh, wie konnten Sie nur! Ich habe nichts gesagt, wenn hin und wieder eine Flasche fehlte! Aber mussten Sie gleich das ganze Regal umwerfen? Wissen Sie, welche unwiederbringlichen Kostbarkeiten Sie da zerstört haben?! Warum nur? Warum? Warum mussten Sie mir so etwas antun?!"
Welldone hörte, wie die Tür unten geöffnet wurde und konnte sich genau vorstellen, wie Flavia Broomcarver jetzt da stand, mit verschlafenem Gesichtsausdruck und in irgendetwas Pyjama-Ähnlichem, vermutlich mit Ketchupflecken darauf –
Was sie sagte, war nicht zu hören, Lockharts Antwort dafür umso deutlicher. „Oh, jetzt tun Sie nicht noch so unschuldig!", schimpfte der alte Mann. „Mein Elfenwein! Vierundzwanzig Flaschen, zwei davon Eiswein Jahrgang 1897! Haben Sie eine Ahnung, was der wert war?! Und jetzt – alles kaputt! Der ganze Keller in Trümmern –"
Hermione, dachte Welldone. Die nicht lügen kann. Die unbedingt loyal ist! Verdammt! Sie hat sie aus meinem Zimmer genommen – vermutlich hat sie das mit Caducus Fugit schon gewusst, schlau wie sie ist! Vielleicht hat diese Verabredung im Ministerium sogar was damit zu tun!
„Ich war doch gar nicht im Keller!", war nun Flavias Stimme verwirrt, aber ein wenig lauter als zuvor zu hören. „Aber ich kann Ihnen den Keller im Handumdrehen wieder in Ordnung bringen – kostet mich keine zwei Minu-"
„Miss Broomcarver!", kreischte Merlin Lockhart. „Es geht nicht um Unordnung oder Scherben! Diesmal nicht! Es geht um meinen Wein! Den Sie zerstört haben!"
Was also jetzt? Abwarten, was sie tun würde? Ob sie heute Abend beim Essen damit herausrückte? Oder würde sie gar nicht erst kommen? Er stand auf, nahm die Werkzeugtasche, wegen der er eigentlich hergekommen war, aus dem Koffer unter dem Bett und verließ die Bude mit einem Türenknallen, das die beiden im nächsten Stockwerk aufsehen ließ.
„Hallo, Mr Lockhart! Flavia!"
„Da sehen Sie es, Mr Lockhart ich bin gar nicht die Einzige im Haus!", rief Flavia empört (sie trug tatsächlich einen karierten Schlafanzug). „Dorian war auch hier! Und überhaupt –" Auf einmal verlor ihr verschlafenes Gesicht jeden Ausdruck. „Mir fällt da gerade was ein – vor – na, vor einer halben Stunde oder so – kann auch eine Dreiviertelstunde gewesen sein – da bin ich – na ja, aufgewacht, weil jemand an mein Sofa geknallt ist, dachte ich jedenfalls – aber da war gar keiner – nur so ein komisches Rumpeln draußen – also ich dachte, es klingt wie Donner, aber im Dezember? Na ja. Und dann – ja, da hab ich so ein Krachen gehört! Vielleicht war das Ihr Weinregal? Ich meine, vielleicht war das ja – so was wie ein Erdstoß? Ein kleines Erdbeben?"
„Miss Broomcarver! Das ist ja wohl die Höhe! Wenn Sie sich schon herausreden müssen, dann behandeln Sie mich doch wenigstens nicht wie einen kompletten Idioten! Ein Erdbeben! Nur weil Sie nicht zugeben wollen, dass –"
„Mr Lockhart, ich glaube, sie hat Recht! Ich habe den Erdstoß auch bemerkt!", sagte Welldone. „Und die Muggel reden tatsächlich von einem Erdbeben! Es hat anscheinend die U-Bahn lahmgelegt!"
„U-Bahn – U-Bahn – was geht mich dieser Muggelkram an!"
„Auf jeden Fall –"
In diesem Moment wurde unten die Haustür geöffnet. „He, hallo – ist jemand im Haus? Flavia? Bist du wach? Mr Lockhart?"
„Fausto? Hier oben – komm doch mal –"
„Habt ihr schon gehört? Im Ministerium ist irgendwas los! Ich hab eben Berenice getroffen – von der Strafverfolgung, Mr Lockart – die hat gesagt, dass es mehrere Explosionen gegeben hat! Und die Decke im Atrium soll am Einstürzen sein! Dieser Erdstoß, habt ihr den auch gemerkt? Der soll daher kommen, dass –"
„Ooohh! Mr Giordano!", schrie Mr Lockhart. „Sie gehören also auch dazu! Das ist ein abgekartetes Spiel! Sie haben alle zusammen mein Weinregal umgeworfen, damit mir nicht auffällt, was alles fehlt, und jetzt binden Sie mir diesen Bären auf!"
Fausto Giordano (Praktikant in der Abteilung für Magische Spiele und Sportarten) schüttelte erstaunt den Kopf. „Nein! Es stimmt! Sie evakuieren gerade das Ministerium! Ehrlich, Mr Lockhart!"
„Entschuldigt mich, Leute!", rief Welldone und lief die Treppe hinunter. „Ich muss unbedingt rüber! Tut mir wirklich leid um Ihren Wein, Mr Lockhart!"
oooOooo
„Was heißt das? Was soll das denn heißen?", fuhr Ron wütend auf. „Können Sie nicht endlich mal vernünftig reden? Und diesen Seifenblasenscheiß lassen?!"
Der Seifenbläser lachte. „Vielleicht gefällt dir das hier besser: Schlägt's zur Hundswache acht Glasen, zerplatzt die Welt wie Seifenblasen!"
Hermione kämpfte immer noch gegen die Angst, die sie plötzlich überfallen hatte. Der Krach unten hatte jetzt aufgehört, aber der Fußboden, der Tisch, der Stuhl – alles schien in einer ganz leichten Schwingung zu beben. Es war so nahe, zu nahe an dem, was sie eben in der Erinnerung des Arkturius erlebt hatte! Auch ihre Finger zitterten. Sie nahm den kleinen Schlüssel, der jetzt so harmlos im Uhrwerk der Spieluhr steckte, und ließ ihn wieder in ihre Blusentasche gleiten. Aber an den winzigen Schrauben der Spieluhr mühte sie sich vergeblich ab. Vielleicht lag es auch daran, dass sie so angestrengt nachdachte.
Der Seifenbläser hatte die Spieluhr gefunden, in einem Ort in Finnland, wenn sie ihn richtig verstanden hatte – und damals war der Schlüssel wohl noch dabei gewesen, denn er kannte ja den Bericht des Arkturius. Dann hatte er sich auf die Suche nach der Zeitenuhr gemacht – und sie gefunden. In einem Krater – in den Händen einer Figur. Als er das eben gesagt hatte, war die Erinnerung an den Krater in jener Höhle in Durmstrang vor ihren Augen aufgeblitzt – an den vermeintlichen Goldschatz, der an dem abgestürzten McIntyre vorbei in die Dunkelheit gesogen worden war – eine Ballerina, hatte er hinterher gesagt, die was Goldenes in den Händen hatte – und seine Jagdkollegin Nyssa war wütend gewesen, weil ihnen der Schatz entgangen war …
Arkturius hatte seine Zeitenuhr an einem unzugänglichen Platz verstecken wollen. Unzugänglich – also das war dieser Krater ganz bestimmt. Trotzdem war es schwer zu glauben. Sie ließ die Finger über die kleine Wächterin der Unterwelt gleiten, deren einer Fuß eben noch den Rand der Spieluhrhälfte berührte. Mit dem anderen tanzte sie schon ins Nichts.
Aber Caducus Fugit hatte die Zeitenuhr dort gefunden. Und hatte sie nachgebaut, weil sich das Original nicht vom Fleck bewegen und auch nicht verwenden ließ … und jetzt saß er hier im Gauklerkostüm und machte sich über sie alle lustig! Zu gern hätte sie ihn jetzt angesehen, aber an die verankerten Stühle gefesselt, wie sie es nun einmal waren, konnte sie ihn nur gerade eben aus dem Augenwinkel sehen, wenn sie den Kopf so weit wie möglich verdrehte.
„Sie haben mit dem Theater hier zu tun!", platzte Ron in ihre Überlegungen. „Haben Sie dieses Ding vielleicht auch nachgebaut – diese Waffe, mit der Salazar alles hochgehen lassen wollte?"
„Das Stundenglas stand längst bereit – jetzt zählt es ab das End' der Zeit!", erwiderte der Seifenbläser spöttisch. „Mehr davon? Ich kann das stundenlang, wenn ihr wollt! Eure Sprache ist so außerordentlich –"
„Ihre Verse wackeln, Sie sollten die Finger davon lassen!", sagte Hermione böse. „Bleiben Sie lieber bei Ihren Seifenblasen! Oder Ihren Maschinen! Warum wollen Sie hier alles kaputtmachen? Wenn es Ihnen hier nicht passt, warum haben Sie sich dann nicht einfach irgendwohin verzogen, wo es Ihnen besser gefällt? Sie hatten doch eine Zeitenuhr!"
„Der große Witz war, dass die nie richtig funktioniert hat. Man konnte die Zeit wechseln, das ja, aber wenn man angekommen war, versackte man im Nebel – im Land der Verlorenen! Und dafür haben sie mich dann eingesperrt und mir das Hirn weich gekocht … Der Witz war sogar noch besser."
„Sie sind also wirklich Caducus Fugit", sagte Hermione. „War Skanne deshalb hinter Ihnen her?"
„Caducus Fugit?", fuhr Ron auf. „Aber dann –"
„So hab ich mich vor langer Zeit genannt, ja –", war die grüblerische Antwort. „Erst war das nur ein kindischer Scherz, aber dann – Caducus Fugit war frei – konnte Geräte bauen und nutzlose Dinge erfinden, ganz wie er wollte – musste keine Stütze der Gesellschaft sein."
„Moment – Moment mal! Wenn Sie wirklich Caducus Fugit sind – dann heißt das, Sie sind – oh Mann, ich glaub es nicht! Der Seifenbläser! Jetzt wird mir einiges klar – Sie sind das! Diese idiotische Körperwechsler-Geschichte – die stimmte also!"
„Was ist – was wird dir klar? Wovon redest du eigentlich?"
„Er ist nicht nur Caducus Fugit! Oh Mann – Sie haben irgendwas in der Mysteriumsabteilung versteckt, richtig? Sie hatten ja Gelegenheit genug dazu! Irgendein Gerät – eine Waffe –"
„Ron! Was –"
„Wir müssen unbedingt hier raus! Wir müssen sofort runter in die Mysteriumsabteilung –"
„Psst! Hör mal – da kommt jemand!", sagte Hermione und stopfte die Spieluhr hastig wieder in ihre Umhängetasche. „Endlich! Hallo! Wir sind im Verhörraum! Hören Sie uns?"
Sie hätte gar nicht rufen müssen. Die Tür zum Korridor draußen wurde geöffnet und fiel wieder ins Schloss – anders als vorhin ein mehr als erfreuliches Geräusch! – und dann war der Flur vor ihrem Gefängnis voller Stimmen.
oooOooo
Minister Scrimgeour stand vor der Lounge im Atrium und behielt das Chaos ringsum im Auge, während er mit aller Höflichkeit, die er noch aufbieten konnte, Narcissa Malfoy zuhörte.
„Ich sehe nicht, wie wir diese Halle jetzt noch angemessen gestalten sollen bis übermorgen! Der Leuchter ist vollkommen zerstört! Man kann ihn nicht mehr zusammenfügen – kein Reparo der Welt bringt das wieder in Ordnung! All diese kleinen geschliffenen Sterne –"
„Bitte beruhigen Sie sich doch, Narcissa! Ich bin sicher, dass ein geeigneter Fachzauberer da noch etwas retten kann."
„Dieser Leuchter ist unersetzlich! Und auch nahezu unbezahlbar!"
„Wir haben einen Riss in der Decke, Herr Minister", rief eine Frau herüber und bedachte Mrs Malfoy mit einem abfälligen Blick. „Und was mir noch mehr Sorgen macht – im Stein bebt es überall nach! Die Gefahr ist nicht vorüber!"
„Wir haben acht Verletzte – alle von Splittern dieses Leuchters getroffen", fügte ein Mann hinzu, dessen Umhang mehrere Blutflecke aufwies. „Nichts Schlimmes. Aber ich rate dringend zur Evakuierung!"
„Natürlich. Lassen Sie das Ministerium räumen, Frank. Eine entsprechende Durchsage – und dann gehen Sie die Abteilungen durch – zehn Mann sollten genügen, denke ich", unterbrach Scrimgeour. „Elsie – suchen Sie weiter nach der Ursache für dieses Beben! Ich lasse sofort Ihre Kollegen rufen, damit Sie Unterstützung haben!"
„Oh, sieh an, sieh an, wen haben wir denn da!", ertönte es schrill aus der Schar der aufgeregten Dekorateure. Rita Skeeter eilte, verfolgt von einem Pergamentbogen und einer wie wild kritzelnden Feder, durch das splitterübersäte Atrium zum Eingangsbereich, wo eben ein großer Mann im grauen Umhang erschienen war.
„Mr Skanne – Berater darf man Sie ja nun nicht mehr nennen – was treibt Sie denn noch ins Ministerium? Und das in dieser Stunde, in der sich eine Katastrophe anzubahnen scheint?"
„Entschuldigen Sie mich, Narcissa – selbstverständlich werden wir für alle Kosten und Verluste aufkommen, die Ihnen entstanden sind – informieren Sie mich so bald wie möglich über die Summe –" Damit ließ Scrimgeour Mrs Malfoy stehen und kam im Eilschritt auf seinen ehemaligen Berater zu.
Skanne ignorierte die Reporterin, die sich mit boshaftem Lächeln an seine Fersen geheftet hatte, und ging Scrimgeour entgegen. Über ihnen segelten immer noch Blütenblätter und Stücke von Grüngezweig durch die Luft.
„Mr Skanne – eine Frage! Trifft es zu, dass man Sie mit einem Fluch belegt hat? Und liegt darin vielleicht die Ursache für Ihre Fehlentscheidungen in letzter Zeit?"
„Brian! Eigentlich war ich nur gespannt auf Ihren Bericht – und jetzt sehen Sie sich das hier an!"
„Was ist passiert?" Skannes Stimme hatte nicht ganz ihre übliche kühle Schärfe.
„Ein Riss in der Decke – ein Erdstoß – ich habe keine Ahnung! Ich will gerade die Experten aus dem Urlaub herbeordern! Begleiten Sie mich in mein Büro. Haben Sie in der Sache etwas herausbekommen? Was den – wie nannte er es gleich – den Lullumbitsik angeht?"
„Minister Scrimgeour, darf ich demnach annehmen, dass Mr Skanne seinen Posten als inoffizieller Berater nach wie vor –"
„Miss Skeeter, Sie sind hier nicht mehr erwünscht", schnitt Scrimgeour ihr gereizt das Wort ab. „Sollten Sie mich noch einmal behelligen, bekommen Sie hier Hausverbot! Teilen Sie Ihren Lesern das mit und lassen Sie uns unsere Arbeit machen!"
Skanne und er hatten das Durcheinander des Atriums eben hinter sich gelassen, als ihnen ein kleiner Mann mit Hornbrille und geschecktem Umhang entgegenkam.
„Herr Minister, ich muss Sie sprechen! Direkt! Es ist überaus dringend!"
„Mr Barclay! Ich wähnte Sie im Weihnachtsurlaub! Begleiten Sie uns in mein Büro – möglicherweise hat Mr Skanne Neuigkeiten im Fall Jungbungle, die für Ihre Abteilung von Interesse sind. Erst muss ich mich allerdings um diesen Unglücksfall hier kümmern."
„Genau darum geht es!", rief der Stellvertretende Leiter der Mysteriumsabteilung. „Um dieses Unglück, meine ich! Ich fürchte – es sieht ganz so aus, als ob die Ursache – ich glaube, sie liegt in der Mysteriumsabteilung!"
Scrimgeour blieb stehen. „Wie meinen Sie das? Barclay, was ist passiert? Jetzt reden Sie schon – ich habe da jetzt ein ernstes und kostenintensives Problem am Hals – sagen Sie mir nicht, dass das schon wieder mit Ihrer Abteilung zu tun hat! Zumal die Arbeit dieser Abteilung doch ruhen sollte!"
„Eben weil im Moment niemand außer mir dort anwesend sein sollte, deshalb war ich ja so – also, vor einer dreiviertel Stunde, da hörte ich zum ersten Mal – seltsame Geräusche! Seltsame Geräusche aus der Unterabteilung Zeit, verstehen Sie?"
„Seltsame Geräusche? Gütiger Merlin, Barclay – jetzt reden Sie doch Klartext!"
„Ja, es war seltsam, weil die Zeitabteilung ja nun, wie Sie sagten – äh, ruht, seit all diesen unglückseligen Vorfällen, nicht wahr – aber dann hörte ich all diese –"
„In Ordnung, Barclay – wir gehen jetzt selbst runter und sehen uns an, was los ist!", schnaubte Scrimgeour.
„Ja, Sir, das wird das Beste sein, ich wollte das ohnehin gerade vorschlagen!"
Fünf Minuten später standen sie in dem Großraumbüro in der Mysteriumsabteilung, das üblicherweise vom Ticken zahlloser Uhren und dem strahlenden Licht der Zeitglocke erfüllt war, und sahen sich fassungslos um. Scherben und Splitter bedeckten den Boden und die Schreibtische; es sah aus, als sei keine einzige Uhr, kein einziges Gefäß im ganzen Raum heil geblieben. Und das Schlimmste war –
„Die Zeitglocke!", murmelte Skanne. Alle Farbe war aus seinem Gesicht gewichen.
„Was für eine Schande!", schimpfte Scrimgeour. „Das war ein Kunstwerk! Unersetzlich! Umso mehr, als der Künstler tot ist! Was ist hier passiert, Barclay?"
„Ich weiß es nicht, Sir", stammelte der Mann. „Als ich hereinkam, sah es schon so aus. Alle Uhren kaputt. Und die Zeitglocke – erloschen! Es ist kein Schaden daran erkennbar. Sie – sie ist einfach – wie gestorben, nicht wahr?"
„Nicht melodramatisch werden, Barclay! Es ist unglaublich – jetzt habe ich diese Abteilung schon geschlossen und trotzdem – Brian, was sagen Sie dazu?"
Er sagte gar nichts. Scrimgeour stellte überrascht fest, dass er seinen üblicherweise eiskalten Berater zum ersten Mal wirklich betroffen sah.
„War irgendjemand hier? Wieder mal ein Eindringling? Sabotage?"
„Nein, Sir! Außer mir ist in dieser Woche überhaupt niemand hier gewesen! Und dann – dann gab es vorhin diese Explosionen!"
„Rufus – vielleicht sollte ich – vielleicht kann ich – etwas zur Aufklärung beitragen", sagte Skanne, der die Fassung immer noch wieder gewonnen hatte. „Ich – ich habe Ihren Lullumbitsik gefunden – und hergebracht – habe ihn oben in der Aurorenzentrale im Verhörraum eingesperrt –"
„Ja aber – das ist ja wunderbar! Wenigstens ein Erfolg! Nur, was hat er –"
„Es könnte durchaus sein, dass er etwas hiermit zu tun hat. Was Jungbungle auf seiner Zeichnung wiedergeben wollte, war ein – ein Gaukler, ein Seifenbläser, der sich immer wieder mal in der Winkelgasse und auch in Hogsmeade und wer weiß wo sonst noch herumtreibt."
„Ein Gaukler? Gute Güte – doch nicht etwa dieser Kerl, der immer – jetzt verstehe ich! Seifenblasen! Das waren Seifenblasen auf Jungbungles – Barclay! Um Himmels Willen!"
Der kleine Mann war so heftig zusammengezuckt, dass ihm die Brille von der Nase gefallen und mit einem Krachen zwischen den Scherben auf den Boden gelandet war. Skanne warf ihm einen misstrauischen Blick zu.
„Genau. Der Seifenbläser ist eindeutig unser Mann. Und – er ist außerdem Caducus Fugit. Der Erfinder."
Barclay klaubte stöhnend seine Brille vom Boden.
„Moment mal, Brian – der Caducus Fugit? Der diese Zeitglocke dort gebaut hat? Der, den Sie selbst haben sterben sehen auf dieser Fähre?! Das müssen Sie mir jetzt aber genauer erklären!"
„Ich wusste bis heute selbst nicht, dass er noch lebt. Aber er ist es – ganz ohne Zweifel. Ich habe ihn auf seinem eigenen Grundstück oben in Hogsmeade gestellt – und er hat mir erzählt, wie er überlebt hat."
„Also gut. Dann gehen wir jetzt doch hinauf und hören, was er noch zu sagen hat! Und ob das hier –", er deutete auf das verwüstete Büro, „vielleicht tatsächlich auf sein Konto geht!"
„Es wäre möglicherweise hilfreich, wenn Mr Barclay uns begleitet", sagte Skanne, und jetzt klang seine Stimme wieder so scharf wie eh und je. „Ich habe nämlich den Eindruck, dass er mehr darüber weiß, als er bisher zugegeben hat!"
„Kommen Sie mit, Barclay!"
Die Uhr in der Aurorenzentrale zeigte genau siebzehn Uhr siebenundfünfzig, als die drei Männer hereinkamen.
„Keiner hier? Wo ist der Wachdienst?", fragte Scrimgeour.
„Den hatte Weasley. Ich habe ihn mit seiner Freundin im Verhörraum überrascht", sagte Skanne säuerlich. „Sie verhielten sich ziemlich verdächtig, aber vorhin war keine Zeit, der Sache nachzugehen. Ich habe sie vorübergehend ebenfalls gleich dort eingesperrt."
Scrimgeour sah ihn verblüfft an. „Aber – nun ja, klären wir das später! Jetzt lassen Sie uns erst –"
Hinter ihnen wurde die Flügeltür wieder geöffnet, und zwei Männer kamen herein, in eine Diskussion vertieft, die sich anscheinend um Dämonenattacken drehte.
„Dawlish, Williamson!", rief Scrimgeour. „Na, dann ist ja doch jemand hier! Kommen Sie gleich mit, kann sein, dass ich Sie beim Verhörraum brauche!"
„Was ist hier eigentlich los? Dieser Aufstand im Atrium – hat's einen Unfall gegeben? Und dieses seltsame Geräusch –"
„Seltsames Geräusch? Ich höre nichts! Ich fühle nur ein Beben im Boden – und darum kümmert sich die Limbeau-Smith, hoffe ich! Wie dem auch sei, wir haben hier einen Fall – kommen Sie einfach mit!"
oooOooo
„Wer konnte die Tür so verschließen, dass wir sie nicht mehr aufbekommen?", fragte Scrimgeour wütend. „Ich dachte, Sie hätten ihn entwaffnet! Weasley? Was ist los dadrin? Was ist mit der Tür?"
„Skannes Gefangener hat sie verschlossen – mit, äh, Seifenblasen!"
„Verflucht, das ist doch nicht zu fassen! Mann, wollen Sie sich unbedingt noch mehr Schwierigkeiten einhandeln? Heben Sie den Zauber wieder auf! Sofort!"
„Minister Scrimgeour – bitte, hören Sie doch! Sie – Sie müssen vorsichtig mit ihm sein – er ist gefährlich! Ich glaube, er hat – er hat Cloudfort Dunstable ermordet!", flüsterte Barclay, und dabei quollen ihm die Augen hinter den Brillengläsern aus den Höhlen.
„Was? Wie bitte? Den früheren Leiter der Mysteriumsabteilung?", bellte Scrimgeour. „Vielleicht auch gleich noch Cucudi, wie? Dann wäre nämlich ein weiteres Rätsel gelöst, das uns viel Zeit gekostet hat!"
„Aber – aber – das ist Mr Cucudi, Sir!", stieß Barclay ganz verzweifelt hervor.
„Barclay, der Mann, der sich dadrin verschanzt hat und der anscheinend irgendwas in Ihrer Abteilung angestellt hat, ist laut Skanne der angeblich längst tote Erfinder Caducus Fugit – und das reicht mir erst mal!"
„Und der ist Mr Cucudi, Sir! Mr Dunstables Nachfolger! Caducus Fugit ist Gustaf Cucudi!", entgegnete Barclay immer noch im selben drängenden Flüsterton und wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Betrachten Sie die Namen doch einmal in aller Ruhe, wenn ich das anregen darf –"
„Warum flüstern Sie bloß die ganze Zeit – Augenblick, was sagen Sie da – Caducus Fugit ist Gustaf Cucudi – unser entschwundener Abteilungsleiter?!" Scrimgeour stand da und starrte den schildkrötenhaften Unsäglichen sekundenlang an, während sein Hirn sichtlich auf Hochtouren arbeitete. „Beim Merlin, Sie haben Recht! Und keinem von uns ist das aufgefallen!"
„Aber Sie wussten es, Barclay", sagte Skanne kalt. „Sie wussten es die ganze Zeit! Sie wussten sogar, dass er sich als Gaukler herumtrieb, wenn er angeblich auf Dienstreise war, richtig? Ich habe eben Ihr Gesicht gesehen, als ich berichtete, dass ich diesen Gaukler hier oben eingesperrt habe! Das haben Sie gemeint, als Sie uns damals die Geschichte von den Körperwechslern aufgetischt haben!"
„Wieso haben Sie das denn bloß verschwiegen? Himmel, seit Wochen sucht ein ganzes Inquisitorium nach dem Mann! Er hatte eine Portion Draciola auf dem Schreibtisch, und wer weiß, was er noch bei sich hat!"
„Aber das ist es ja – ich – ich hatte Angst! Ich bin – ziemlich sicher, dass er Mr Dunstable ermordet hat – und auch den jungen Mr Frizzleburst – und ich hatte Angst, dass er mich auch ermorden würde, wenn er merkt, was ich weiß!"
„Das klingt aber ganz anders als das Loblied, das Sie damals auf ihn gesungen haben! Da wollten Sie aber gar nichts auf Ihren Mr Cucudi kommen lassen!"
„Er – er hat der Abteilung immer gut gedient, Sir, daran kann nichts etwas ändern", erklärte Barclay in seltsam anmutender Loyalität. „Aber er war in Azkaban, wie Sie sicher wissen, und dort hat Dunstable ihn gefoltert – weil er doch unbedingt wissen wollte, wo er diesen – diesen Zeitenwandler versteckt hat! Ich habe das gewusst –"
„Sie sind ja eine wahre Quelle des Wissens, Barclay", sagte Scrimgeour, der zwischen Wut und Fassungslosigkeit schwankte. „Da kommen eine Menge Befragungen auf Sie zu, wenn das hier vorbei ist, glauben Sie mir! Ich fasse zusammen: Wir haben dadrin also einen ehemaligen Abteilungsleiter, der zugleich ein genialer Erfinder und ein skrupelloser Mörder ist und – sagen wir das mal so: Grund zu Hassgefühlen gegenüber dem Ministerium im Allgemeinen und der Mysteriumsabteilung im Besonderen zu haben glaubt. Und auf der anderen Seite haben wir einen Riss in der Gebäudedecke, Explosionen in der Mysteriumsabteilung und Grund zu der Annahme, dass das noch nicht alles war –" Scrimgeour holte Luft. „Er muss da raus und die Sache aufklären!"
„Wenn ich'n Vorschlag machen dürfte, Chef – äh, Minister Scrimgeour –"
„Raus damit, Dawlish!"
„Als wir reinkamen, hab ich Welldone im Atrium rumhängen sehen! Der hat doch diese Multifunktionsschlüssel so gut drauf!"
„Holen Sie ihn her, Dawlish! Schnell!" Dann schlug er an die Tür zum Verhörraum. „Hören Sie mich da drinnen? Cucudi, können Sie mich verstehen? Ich verlange, dass Sie diese Tür sofort wieder öffnen!"
Aber von drinnen kam keine Antwort.
Ron und Hermione, die dem Gespräch vor der Tür gefolgt waren, sahen einander an, Ron mit einem gewissen Triumph in den Augen.
„Du wusstest das auch – dass Fugit und dieser Cucudi dieselbe Person sind? Euer verschwundener Abteilungsleiter?", fragte Hermione leise.
Er nickte.
„Ich glaub, wir haben ein ganz großes Problem –", murmelte sie.
„Was du nicht sagst! Du auf jeden Fall. Weil nämlich gleich Professor Dorian Welldone hier in der Tür steht. Interessant, dass er auch hier ist! Hattest du dich mit ihm verabredet oder was?"
„Nicht hier. Aber das ist jetzt auch egal. Was du eben gesagt hast – dass Fugit eine Waffe in der Mysteriumsabteilung versteckt hat – du hast Recht, ganz bestimmt! Und ich weiß auch, wo! Jetzt ist mir alles klar – er muss wirklich verrückt sein!"
„Sag ich ja! Scrimgeour muss in der Mysteriumsabteilung sofort alles durchsuchen lassen!"
„Wir müssen – ach was – das ist nur verschwendete Zeit … Minister Scrimgeour? Können Sie mich hören?"
„Laut und deutlich. Miss Granger, ja? Das ungelöste Rätsel Ihrer Anwesenheit wollen wir im Moment beiseite lassen – haben Sie etwas Hilfreiches zum aktuellen Problem beizutragen?"
„Kriegen Sie die Tür auf?"
„Das wäre das aktuelle Problem. Ich erwarte jeden Moment einen Experten, Miss Granger. Er hat unter anderem letztes Jahr auch Ihre Schultür wieder aufbekommen – Sie dürfen also ganz beruhigt –"
„Hören Sie, Minister Scrimgeour, Sie müssen – Sie müssen unbedingt Harry Potter herholen!"
„Hermione!", zischte Ron. „Bist du komplett verrückt? Willst du Harry das Ministerium auf den Hals hetzen?!"
„Es tut mir leid!", schluchzte sie auf einmal los. „Aber es geht nicht anders!"
„Miss Granger – sagten Sie Harry Potter? Was ist mit ihm?"
„Das ist doch Quatsch!", brüllte Ron.
„Du hast den Bericht doch gehört! Du hast es miterlebt!", schrie sie. „Was brauchst du noch? Ist dir nicht klar, was passieren wird?"
„Und was kann Harry dagegen tun?!"
„Miss Granger! Bitte wiederholen Sie, was Sie gesagt haben!"
„Sie müssen Harry Potter herholen, so schnell es geht! In der verschlossenen Kammer in der Mysteriumsabteilung – da ist ein – eine Waffe drin! Ein Gerät, das dieses – dieses Beben hier verursacht! Die Explosionen, von denen Sie gesprochen haben, die kommen daher!"
Totenstille. Dann rief Scrimgeour dicht vor der Tür: „Was meinen Sie damit? Und wieso sollte ausgerechnet er – das ist doch Unsinn!"
„Nein! Sie müssen mir glauben! Caducus Fugit hat ein Gerät gebaut, das – das alles zersprengen kann, alles, wenn man es nicht aus dieser Kammer holt! Und in die kann nur einer rein, nämlich der –"
„Der Glückliche, der den Schlüssel hat –", ergänzte Scrimgeour sarkastisch. „Und diesen Schlüssel, der, soweit ich weiß, seit Jahrhunderten verschollen ist, den hat also ganz zufällig Harry Potter?"
„Nein, den hat er nicht", antwortete Hermione. Sie schluckte immer noch an ihren Tränen. „Und der Schlüssel allein reicht auch nicht – es reicht nicht, hineinzukommen – man muss auch – seinen Verstand behalten dadrin. Und das kann nur der, der als Einziger rechtmäßig darein darf!"
„Der Clavicustos!", mischte sich Barclay aufgeregt ein, und seine dünne Stimme überschlug sich beinahe. „Nur der Clavicustos kann –"
„Ach, hören Sie doch auf!", schnauzte Scrimgeour. „Kommen Sie mir jetzt nicht mit diesem Mysterienquatsch und irgendwelchem alten Geschwätz! Wir haben hier eine echte Krise, wenn ich Sie daran erinnern darf!"
„Glaub ihnen lieber", kicherte der Seifenbläser auf einmal, und es klang ganz so, als mache ihm diese Szene Spaß. „Sie haben nämlich ganz Recht."
„Holen Sie Harry", sagte Hermione mit aller Fassung und Entschiedenheit, die sie noch aufbringen konnte – und das war eine erstaunliche Menge.
„Also gut – wo ist Potter?"
„In seinem Elternhaus –"
„Hermione!", sagte Ron noch einmal und sah sie eisig an.
„– in Godric's Hollow, vermute ich zumindest", fügte Hermione hinzu und sah an Ron vorbei.
„Jetzt hast du ihn ans Messer geliefert", sagte Ron noch eisiger. „Das war Verrat."
Hermione schüttelte den Kopf, und Tränen flogen über ihr Gesicht.
„Haben Sie nicht bei alldem eine Kleinigkeit vergessen?", mischte sich da Skanne voll harscher Ironie ein. „Nämlich den Schlüssel?"
„Ich weiß, wo er ist", sagte Hermione und würgte an ihren Tränen.
Wieder lachte der Seifenbläser. „Sie ist gut, Scrimgeour!", rief er. „Wenn's nicht zu spät wäre, würde ich sagen, du solltest dir sie als Beraterin sichern!"
„Cucudi, wenn Sie nichts zur Sache beitragen wollen, schweigen Sie lieber. Und – ah, da ist Mr Welldone endlich! Hat Dawlish Ihnen schon erklärt, worum es geht?"
„Ja. Eine mit Seifenblasen verschlossene Tür –"
Als sie Welldones Stimme hörte, kroch Hermione noch ein bisschen mehr in sich zusammen.
„Leider. Ein Fall für Ihre Multifunktionsschlüsselsprüche! Legen Sie los! Und Sie, Dawlish – Sie holen mir Draco Malfoy her. Seine Mutter ist unten im Atrium – sie soll ihn sofort herbringen! Verlieren Sie keine Zeit, Mann – so schnell wie möglich!"
„Malfoy?", fragte Skanne überrascht. „Denken Sie, er kann –"
„Er war gestern bei mir – redete von einem ganz besonderen Aufspürzauber, den er angeblich entwickelt hat – vermutlich nur Wichtigtuerei – aber es ist an der Zeit für den sprichwörtlichen Strohhalm", sagte Scrimgeour. „Sie, Williamson – Sie apparieren für alle Fälle sofort nach Godric's Hollow und suchen Potter – Sie kennen das Dorf?"
„Flüchtig."
„Suchen Sie zuerst in seinem Elternhaus – Lion's Lane Nummer sieben, wenn mich nicht alles täuscht. Wenn er da nicht ist, versuchen Sie es mit Accio!"
„Aber –"
„Das ist ein Notfall. Ich autorisiere Sie hiermit vor Zeugen, Potter mit dem Accio zu suchen! Wenn er nicht da ist, kommen Sie hierher zurück! Sie haben eine Viertelstunde! Alles klar?"
„Ja, Sir."
„Gut. Welldone, wie kommen Sie voran mit der Tür?"
„Braucht noch ein bisschen Zeit", antwortete Welldone, ohne das Ohr vom Türrahmen zu nehmen.
„– die wir nicht haben! Machen Sie dalli!"
„He – Welldone!", rief Ron auf einmal von drinnen. „Können Sie mich hören?"
„Stören Sie ihn nicht, Weasley!"
„Ich hab da eine Idee – kennen Sie den Iftach-ya-Zauber?"
„Hab davon gehört."
„Versuchen Sie es – Iftach-ya, Tür – und dazu eine Bewegung mit dem Zauberstab, als wollten Sie jemanden auspeitschen – ich hab ihn von meinem Bruder, und bei mir hat es funktioniert."
„Danke für den Tipp! Ich probier's!"
„Wirklich, Brian – haben Sie da nicht ein wenig überreagiert, als Sie die beiden eingesperrt haben?", fragte Scrimgeour.
„Sie waren unbefugt in den Verhörraum eingedrungen – Mr Weasley hätte seine Wache nicht verlassen dürfen, und Miss Granger hat in der Aurorenzentrale überhaupt nichts zu suchen! Ich war in Eile – sonst hätte ich mich gleich um Aufklärung dieser Sache bemüht. So erschien es mir das Beste, sie erst einmal in Gewahrsam zu nehmen!"
„Iftach-ya, Tür!", rief Welldone zum dritten Mal und hieb den Zauberstab gegen die Tür. Ein Knirschen in den Angeln war zu hören, dann flog ein Schwarm blauer Seifenblasen aus den Ritzen, zerplatzte knallend zu bläulichem Rauch, und die Tür sprang auf.
„Sie warten hier, Welldone!", befahl Scrimgeour, verschwand mit Skanne im Verhörraum und schlug die Tür hinter sich zu. Drinnen ging er schnurstracks zu dem Mann im Gauklerkostüm, der im Verhörstuhl angekettet war – und ganz entspannt wirkte.
„Eigentlich wollte ich Sie nur im Fall des Angestellten Jungbungle befragen, dem Sie offenbar einen Plapperfluch angehängt haben – aber inzwischen geht es um weit ernstere Dinge", sagte er. „Sind Sie Caducus Fugit? Sind Sie Gustaf Cucudi? Ich bin Cucudi nur ein oder zweimal begegnet – und ich kann nicht behaupten, dass ich hier eine Ähnlichkeit sehe!"
Der Seifenbläser sah ihn an, dann wandte er den Blick ab, lächelte sein kleines, unergründliches Lächeln, mit dem er schon Skanne zur Weißglut getrieben hatte – und verzichtete auf Antwort. Daran änderte sich auch während der unschönen zehn Minuten nichts, die nun folgten. Erst als sich Hermione wieder aufgebracht einmischen wollte, schenkte man den beiden anderen Gefangenen überhaupt Beachtung. Skanne befreite sie von ihren Fesseln und warf sie aus dem Verhörraum – unter Androhung ernster Konsequenzen, wenn sie sich unerlaubt entfernen sollten.
Draußen im düsteren Gang vor dem Verhörraum sahen sie sich Dorian Welldone gegenüber.
„Die versuchen es mit einer Legilimentation und mit jeder Menge Einschüchterung", sagte Ron. „Verschwendete Zeit, wie's aussieht! Den kann man nicht mehr einschüchtern."
Hermione holte die lose zusammengesetzten Hälften der Spieluhr hervor und hielt sie Welldone hin. „Es tut mir leid. Vielleicht – vielleicht kann ich dir das noch irgendwann erklären –" Sie fühlte, wie ihr Gesicht unter seinem Blick zu glühen begann.
Er nahm die Uhr und steckte sie in die Tasche, deren breiter Gurt über seiner Schulter hing. „Und? Ist es ein Zeitenwandler?"
„Was? Nein. Es tut mir wirklich leid."
„Ja, mir auch. Du hättest einfach fragen können." Dann wandte er sich an Ron. „Guter Zauber, dieses Iftach-ya, danke! Werd ich mir merken. Klingt arabisch."
„Ägyptisch, glaub ich."
Und dann wurde die Tür des Verhörraums geöffnet, und sie kamen heraus: Der eingeschüchterte kleine Barclay, der wütende Scrimgeour und schließlich mit steinerner Miene Skanne, der den Seifenbläser führte. Dieser hatte seinen lächerlichen Kragen verloren und trug jetzt stattdessen eine Schwarzmagische Klammer um den Hals. Seine Hände waren gefesselt.
„Folgen Sie mir in die Abteilung hinüber! Sie alle!", befahl Scrimgeour.
Als sie das leere Großraumbüro betraten, ging plötzlich ein sanfter Ruck durch das Gebäude, der sie alle schwanken ließ. Mit einem Krachen fiel ein Blumentopf von irgendeinem Schreibtisch – Bücher von einem Bord – ein Kaffeebecher –
Hermione hielt sich an der Tür fest. Dieses seltsam sanfte Schwanken, so kurz es gedauert hatte, war unglaublich beängstigend, übelkeiterregend – alles löste sich auf. Sie hatte auf einmal das Gefühl, dass es da nichts Festes, keine Sicherheit mehr gab in ihrem Leben. Sie würde die Tür nicht mehr loslassen!
Die Flügeltür am anderen Ende des Büros wurde aufgestoßen, und herein stürmte Narcissa Malfoy – gefolgt von ihrem Sohn und dem Auror Dawlish.
„Haben Sie das gemerkt? Das war der dritte Erdstoß in einer Stunde! Rufus! Was geht denn hier bloß vor? Und was soll das heißen – was wollen Sie denn von Draco?"
„Narcissa – wunderbar, dass Sie so schnell hergekommen sind! Wie Sie bemerkt haben, gibt es Schwierigkeiten, und ich hoffe, dass Ihr Sohn uns helfen kann."
„Meine Güte, was soll Draco denn gegen ein Erdbeben ausrichten?! Ihre Leute evakuieren das Ministerium, Rufus! Die Wände zittern! Der Boden auch! Draco wird dieses Gebäude jetzt unverzüglich mit mir verlassen! Er hat sich verletzt, und es geht ihm gar nicht gut!" Sie betrachtete die Versammlung mit einem skeptischen Blick.
„Ich verspreche Ihnen, dass ich ihn nur so kurz wie möglich beanspruchen werde. Mr Malfoy, Sie haben mir gestern von einem besonderen Aufspürzauber berichtet, den Sie beherrschen!", wandte sich Scrimgeour an Draco Malfoy, der mit misstrauischem, bleichem Gesicht neben seiner Mutter stand. „Und ein unfehlbarer Aufspürzauber ist genau das, was wir in diesem Moment dringend brauchen! In erster Linie suchen wir ein Gerät, das irgendwo hier im Ministerium versteckt ist. Also – wie ist es, schaffen Sie das?"
„Es geht nur mit – mit lebenden – mit Personen", erwiderte Draco unwillig.
„Damit habe ich gerechnet. Wäre auch zu schön gewesen", sagte der Minister süffisant. „Also gut. Es wäre mir bereits sehr geholfen, wenn Sie uns Harry Potter herbeiholen könnten."
Draco starrte ihn an, als hätte er nicht richtig gehört. „Potter? Hierher?!"
„Nein! Oh nein, bitte, Minister Scrimgeour, ich weiß, was er vorhat!", platzte Hermione auf einmal heraus. Sie lehnte immer noch an der Tür, und jetzt richteten sich alle Blicke auf sie. „Erlauben Sie das nicht! Bitte! Bitte!"
„Miss Granger, es war Ihr Vorschlag, dass ich Mr Potter herhole – weil er nach Ihrer Ansicht der Einzige ist, der uns in dieser misslichen Lage helfen kann! Also, Mr Malfoy – legen Sie los!"
Draco sah unsicher und finster in die Runde und zögerte bestimmt zwei Minuten, bevor er sich sichtlich einen Ruck gab und seine Hand ausstreckte. Die Umstehenden sahen erschreckt, dass sich die Haut in großen Fetzen von dieser Hand schälte. Mit Mühe bog er die Finger zur Faust, wobei am Mittelfinger ein großer Ring aufblinkte. Dann schloss er die Augen, und seine Miene, seine ganze Haltung erstarrte in Konzentration.
Hermione stöhnte auf. Dieser Tag war ein Albtraum. Und diese spezielle Sache hier hatte sie auch noch selbst in Gang gebracht! Sie konnte die Augen nicht von dieser Hand wenden, und so sah sie Sekunden später, wie Schleier von grauem Staub aus dem Ring über Dracos verbrannte Finger rannen. Genau wie in der Höhle in Durmstrang ballte sich auch dieser Staub zu einer unförmigen, gesichtslosen grauen Gestalt zusammen. Die anderen wichen unwillkürlich einen Schritt zurück.
„Draco!", schrie seine Mutter auf. „Was ist das? Was tust du denn da?"
„Ich bin dein Herr", stieß Draco hervor – nicht annähernd so entschieden wie damals Zemgalen. „Bring Harry Potter zu mir! Sofort!"
Das graue Wesen verschwand so schnell, wie es erschienen war, und sekundenlang wusste niemand etwas zu sagen. Draco sah den Minister mit einer Mischung aus Trotz und Überheblichkeit an. „Es dauert nicht lange. Er findet ihn auf jeden Fall. Er hat ihn schon einmal gefunden."
Der Minister räusperte sich. Der Abscheu stand ihm ins Gesicht geschrieben. „Ich bin sicher, dass es sich hierbei um ein nicht gestattetes Wesen handelt, Mr Malfoy", sagte er. „Ein Dschinn, wenn ich mich nicht sehr irre! Dieses eine Mal sehe ich wohl oder übel darüber hinweg, aber danach werden Sie dieses Wesen unverzüglich bei der Aufsichtsbehörde für Magische Geschöpfe abgeben! Und jetzt begleiten Sie uns in die Mysteriumsabteilung hinunter. Ihr Dschinn wird Sie auch dort finden. Dawlish, sorgen Sie dafür, dass Mrs Malfoy sicher nach Hause kommt! Alle anderen folgen mir. Barclay – führen Sie uns zu dieser verflixten Kammer!"
Die Zeiger der Uhr am Kopfende des Büros standen auf fünf vor halb sechs.
oooOooo
Das Albtraumgefühl verließ Hermione während des ganzen langen Weges nicht – im Fahrstuhl nicht, den Scrimgeour ungeachtet der Erdstöße nahm, und erst recht nicht in dem kreisrunden schwarzen Raum mit der sich drehenden Wand, den sie schon einmal in einer ganz ähnlichen Verfassung betreten hatte. Durch eine der Türen dort führte Barclay sie in einen uralten, roh gemauerten Gang, der nach unten führte und kaum breit genug für zwei Personen nebeneinander war. Die Luft hier war abgestanden und kalt, und das Beben im Boden, in den Wänden war jetzt unablässig zu spüren. Während Welldone vorne irgendetwas von einem Resonator schwafelte, in den sich das Ministerium möglicherweise gerade verwandelte, hoffte Hermione die ganze Zeit nur eines: dass der Dschinn Harry nicht finden würde. Aber sie wusste, dass sie das vergeblich hoffte – und dass sie es eigentlich nicht einmal hoffen durfte.
Der Gang mündete endlich auf einen kleinen Platz, der zu Hermiones Überraschung mit kleinen Steinen gefliest war. Man konnte noch die verblassten Farben eines Mosaiks erkennen, das einen siebenstrahligen Stern zeigte. Wie ein halbkreisförmiger Teppich breitete sich dieser Mosaikboden vor der einzigen Tür aus.
Kaum hatten sie sich alle hier versammelt, als sich hinter ihnen die Luft verdichtete und die graue Gestalt des Dschinns ausspie. Er watschelte an Welldone, Skanne und dem Seifenbläser vorbei, blieb vor Draco stehen und ließ das, was er unter dem Arm hielt, einfach zu Boden fallen.
„Harry!" Hermione war bei ihm, kaum dass er krachend auf dem Sternmosaik aufgeschlagen war. Sie berührte sein Gesicht, und er drehte sich stöhnend zur Seite. Er hatte seine Brille verloren.
„Also gut, Malfoy! Schaffen Sie diese Kreatur weg und melden Sie sich morgen Vormittag in meinem Büro!", sagte Scrimgeour. „Barclay, ich nehme an, das dort ist die Tür zu dieser Kammer?"
„Ja, Sir."
„Können Sie uns noch irgendetwas Nützliches darüber sagen? Über den Inhalt, eventuelle Gefahren oder wie man hineinkommt?"
„N-nein, Sir. Hinein kommt man gar nicht. Wie Sie schon sagten, ist der Schlüssel seit Jahrhunderten verschwunden. Und es gibt nur – nur Gerüchte und Legenden über das, was sich darin befindet."
„Gut, dann bringen Sie jetzt Mr Malfoy hinauf und sehen zu, dass er umgehend das Gebäude verlässt! Sie gehen dann in die Aurorenzentrale und warten dort auf Williamson! Sagen Sie ihm, wo ich bin und was wir hier versuchen – er selbst soll sich den Leuten von der Brigade anschließen und sehen, wo er sich oben nützlich machen kann! Das war's. Auch Sie sehe ich morgen früh in meinem Büro!"
„Ja, Sir."
„Welldone, Sie will ich hier dabei haben! Ich brauche jemanden, der sich mit Schlössern und Geräten auskennt!"
„In Ordnung. Allerdings hab ich keine Ahnung, worum es hier überhaupt geht."
Hermione und Ron kauerten neben Harry, der jetzt endlich die Augen öffnete. Sie waren seltsam verschattet. „Harry! Sag was! Geht es dir gut?", fragte sie bang.
Er murmelte etwas, das sie nicht verstand. Hatte er Schnee gesagt? Er sah in die Gesichter hinauf, die sich jetzt über ihn beugten, aber sein Blick blieb abwesend.
„Es tut mir leid! Ich wusste nicht, dass sie einen Dschinn nach dir schicken würden! Aber wir brauchen dich hier, unbedingt!"
„… Mount Snowdon", murmelte Harry und setzte sich auf. Vielleicht lag es am Licht hier, aber seine Augen waren immer noch so dunkel, dass man das Grün darin kaum erkennen konnte. Und so hilflos, dass sie sich noch elender fühlte.
Da drängte sich auf einmal Skanne zu ihnen hindurch. „Machen Sie Platz, Weasley! Potter!", sagte er, und es klang wie eine Anklage. Er betrachtete Harry mit einem Blick, als wollte er Maß nehmen, und zog dann ein Stück braunen Cordstoff aus seiner Tasche. „Das ist ja dann wohl Ihr Ärmel, richtig?"
„Mann, lassen Sie ihn doch erst mal zu sich kommen!", rief Ron böse. „Was interessiert Sie denn seine Jacke!"
Aber Skanne hatte sich bereits gebückt und zog Harry nun unsanft auf die Füße. „Ich will den Zeitenwandler, Potter. Und versuchen Sie gar nicht erst, sich rauszureden. Ich weiß, dass Sie ihn haben!"
Hermione sprang auf. „Lassen Sie ihn sofort los! Ihnen geht's die ganze Zeit schon um dieses blöde Ding, oder? Das war auch der Grund für diese Legilimentation vorhin! Sie wussten, dass der Seifenbläser Caducus Fugit ist, und wollten es aus ihm rausquetschen! Und jetzt Harry – woher sollte er denn was darüber wissen?!"
„Wir sollten uns jetzt alle beruhigen und auf das Wesentliche konzentrieren!", sagte Scrimgeour und warf Skanne einen irritierten Blick zu. „Mr Potter, wir sind in einer sehr unangenehmen Lage – und Ihre Freunde sind überzeugt, dass Sie helfen können –"
Hermione legte den Arm um Harry. „Erinnerst du dich an deine Frage nach dem Clavicustos?", flüsterte sie. „Das war der, der den Schlüssel für die verschlossene Kammer in der Mysteriumsabteilung hatte."
Harry nickte und sah ihr ins Gesicht, aber es kam ihr vor, als sehe er sie aus weiter Ferne; fast so, als müsse er sich erst erinnern, wer sie war. Er war so schrecklich blass, dass sie noch mehr Angst bekam.
„Er dort, der Gaukler, das ist Caducus Fugit – und er hat in der Kammer eine – eine Waffe oder so etwas versteckt. Ein Gerät, das diese Erdstöße verursacht. Und es wird noch viel schlimmer werden! Verstehst du? Wir müssen es irgendwie – ausschalten oder zerstören – wenigstens aus der Kammer müssen wir es rausbringen! Vielleicht kann er es dann wieder ausschalten!"
Er sah sie unbewegt an. Wartete auf mehr?
„Ich kann dir jetzt nicht alles erklären, Harry", sagte sie verzweifelt. „Aber du bist der Clavicustos! Ich weiß es!"
„Ja. Ich auch", sagte er. „Aber den Schlüssel hab ich nicht."
„Den hab ich!", flüsterte sie. „Zumindest bin ich ziemlich sicher, dass er es ist."
Jetzt sah er sich endlich um. „Also ist das hier die Mysteriumsabteilung, ja?"
„Ja. Du bist total durcheinander, oder? Ist es wegen dem Dschinn?"
„Dschinn?", fragte er ratlos und sah von einem Gesicht zum anderen.
Das ist ein Albtraum!, dachte sie wieder. Er ist gar nicht richtig bei sich! Und jetzt wollen wir ihn auch noch da hineinschicken! Jetzt soll er schon wieder für uns die Kastanien aus dem Feuer holen!
Und dann fiel ihr etwas ein. „Minister Scrimgeour – noch eine Sache, bevor er da reingeht!", rief sie energisch. „Sie müssen ihm zusagen, dass er danach in Ruhe leben kann, wo er will! Dass ihn keiner mehr jagt oder verhaftet oder sonst was! Versprechen Sie das jetzt, hier, vor Zeugen!"
„Miss Granger, denken Sie wirklich, dass Sie in der Position sind, mich zu irgendwelchen Zusagen zu nötigen?"
„Ja, verflucht, das denkt sie! Und ich denke das auch!", rief Ron wütend. „Sie hat völlig Recht! Wenn er jetzt schon wieder alles für Sie riskieren soll, dann können Sie ihm zumindest das zusichern!"
„Immerhin muss ich die Sicherheit dieser Gemeinschaft im Auge behalten, Weasley! Können Sie mir beschwören, dass er kein Sicherheitsrisiko ist? Dass er nicht – äh, Voldemort ist, in einem – äh – neuen Körper?" Scrimgeour sah auf einmal ziemlich dumm aus, und Skanne verzog das Gesicht.
„Was? Deshalb dieses ganze Theater?", platzte Ron da los – seine Nerven lagen offenbar auch blank. „Bloß wegen diesem Schwachsinn, den die Skeeter damals geschrieben hat?! Sie können doch nicht ernsthaft glauben, dass Harry – ehrlich, was muss er eigentlich noch alles machen? Er hat Ihnen damals den Hintern gerettet – Ihnen, und allen anderen auch! Und jetzt soll er das schon wieder tun, und Sie haben nichts Besseres zu tun –"
„Weasley, Sie vergessen sich! Aber um das hier abzukürzen – ich betrachte Sie beide also als Bürgen – solange Sie sich wie ein ordentliches Mitglied der Gemeinschaft aufführen, wird Ihnen niemand mehr zu nahe kommen, Mr Potter, Sie haben mein Wort! Und Sie können selbstverständlich leben, wo immer Sie wollen! Und jetzt – wenn Sie irgendetwas tun können, Potter – tun Sie es so schnell wie möglich! Der Schlüssel, Miss Granger! Sie sagten, Sie wüssten, wo er ist!"
Sie nickte nur. „Glaubst du, du kannst da reingehen, Harry? Jetzt? Wir kommen mit dir!", fügte sie flüsternd hinzu.
Harry fummelte schwerfällig an seiner Jackentasche herum und holte schließlich etwas heraus, das sie im ersten Moment für eine zweite Spieluhr hielt. Aber es war nur ein silbernes Ei, ohne Figur darauf. „Das lass ich hier", sagte er.
Mit einem Satz war Skanne bei ihnen. „Also doch!", keuchte er.
„Es ist Schrott. Funktioniert nicht richtig", erklärte Harry müde und sah zu ihm auf. „Man landet in einer anderen Zeit, aber die ist nur wie eine Kruste. Und dann – dann bricht man durch die Kruste und ist im Land der Verlorenen. Keine echte Zeit – nur eine Zeitfalle – Sie können's haben –" Seine Stimme klang heiser und angestrengt.
„Wir werden sehen!", sagte Skanne, riss ihm das silberne Ei aus der Hand und steckte es ein. Hermione hatte ihn noch nie so unbeherrscht gesehen. Sie zog Harry von ihm weg und hin zu der Tür.
„Jetzt bin ich echt gespannt, Hermione", sagte Ron leise. „Das mit dem Schlüssel – das war doch ein Bluff, oder?"
Es war eine bogenförmige Tür mit zwei Flügeln aus uraltem Holz, so verwittert, dass nur die schwarz angelaufenen Beschläge sie zusammenzuhalten schienen. Ein breiter Riegel sperrte beide Flügel.
„Kein Bluff", entgegnete sie, zog den kleinen Spieluhrschlüssel aus ihrer Blusentasche und gab ihn Harry.
Ron starrte sie ungläubig an. „Du spinnst doch!"
Hinter ihnen rückten die anderen neugierig näher. Als Hermione die Hand auf den Riegel legte, fühlte sie auch darin das Beben, das sie unablässig unter ihren Füßen spürte.
„Hier, Harry! Das Schloss ist hier! Auf dem Riegel!"
Als Harry das Schloss mit dem Schlüssel berührte, knirschte das rostige Metall, als der Riegel zurückglitt. Langsam schwangen die beiden Türflügel ein kleines Stückchen nach innen.
Für Überraschung war keine Zeit. „Schnell!", flüsterte Hermione, und als Harry hindurchging, drängten Ron und sie sich augenblicklich hinter ihm her, ganz so, als hätten sie sich verabredet.
ooOoo
„Hermione! Nicht! Wartet doch!", hörten sie Welldone noch rufen. Aber es war zu spät. Sie waren kaum hindurch, als die Türflügel auch schon wieder zuschlugen. Der Riegel schob sich vor – und der Schlüssel steckte in einem Schloss auf ihrer Seite der Tür!
„Ich geb mich geschlagen, Hermione", sagte Ron. „Jedenfalls, was diesen Schlüssel angeht. Also, jetzt sind wir hier drin – hast du nicht gesagt, nur der Clavicustos kann –"
„Dieser Salazar war drin – und Caducus Fugit auch!"
„Schöne Aussichten für uns", murmelte Ron.
Von der anderen Seite wurde jetzt laut an die Tür gehämmert und gerufen, aber sie kümmerten sich nicht darum, sondern sahen sich einigermaßen verwirrt in dem engen, düsteren Kasten um, in dem sie standen. Die Luft war noch abgestandener als auf dem Platz draußen, und Hermione fragte sich, woher überhaupt Licht hier hereinkam.
„Toll", sagte Ron und betrachtete die Wand aus groben Holzbohlen direkt vor ihnen. „Die mysteriöse Kammer ist in Wirklichkeit ein Wandschrank!"
Aber Hermione hatte schon die Ketten entdeckt, die an den schmalen Seitenwänden herunterhingen, und wollte gerade etwas sagen, als die vermeintliche Wand vor ihnen unter Ächzen und Rasseln langsam nach hinten zu kippen begann. Es war eine Zugbrücke, und während sie sich herabsenkte, fiel immer mehr von einer Helligkeit herein, die auch noch den hintersten Winkel des düsteren Eingangs ausleuchtete. Mit ihr kam ein seltsames Prickeln durch die tote Luft bis zu ihnen. Die Ketten strafften sich. Mit einem letzten Ruck rastete die Brücke ein.
Die starke Helligkeit blendete sie, und das Prickeln der Luft gewann sozusagen Farbe. Flüchtig nahm Hermione den strahlenden Duft von Orangen und die dunkel-holzige, scharfe Frische von Zypressen wahr, beides ins unbeschreibliche Aroma von Schneeluft gemischt. Fremd und zugleich erschütternd vertraut streifte er sie wie eine Berührung. Nicht!, dachte sie. Das ist vorbei!
„Jetzt komm schon!", rief Ron.
Die Brücke ragte quer über einen annähernd runden Schacht, dessen Wände nicht gemauert waren, sondern aus gewachsenem Fels bestanden. Tief unter ihnen füllte bläuliches, kristallhelles Licht den Schacht wie Brunnenwasser. Es war so strahlend hell, dass man kaum hineinsehen konnte; es erleuchtete den ganzen Schacht und warf funkelnde Reflexe bis hinauf zu ihnen und an die Felsdecke, die sich über ihnen wölbte. Oder waren das Tropfen? Hermione meinte zu spüren, wie solche Lichtfunken kühl ihr Gesicht berührten. Obwohl die Helligkeit ihre Augen schmerzen ließ, konnte sie kaum den Blick abwenden. Und ihre Nase suchte den Duft, der eben diesen Moment freudigen Wiedererkennens ausgelöst hatte – aber er war fort, aufgegangen in dieser schweren Luft hier, die ihre Sinne überrollte, zu voll, zu stark, als dass sie noch Einzelheiten hätte erkennen können.
„Es ist ein bisschen wie – wie Amortentia, oder?", fragte sie unsicher. Aber Amortentia verhielt sich zu dem, was diesen Schacht erfüllte, wie – wie Limonade zu einem schweren, lebendigen Wein.
„Viele Versteckmöglichkeiten gibt es hier oben nicht." Ron überging ihre Frage betont ruppig. „Und da vorne war nichts. Oder habt ihr was gesehen?"
Hermione schüttelte den Kopf. Harry schien nicht einmal zugehört zu haben. Er stand nur da und sah in die Tiefe.
„Dann müssen wir wohl die Treppe hinunter", entschied Ron.
Als Treppe konnte man die in den Fels gehauenen Stufen eigentlich nicht bezeichnen. Sie führten in einer langen Spirale an der Felswand entlang bis ganz hinunter und waren so schmal, dass kaum mehr als zwei Personen nebeneinander gehen konnten. Ein Geländer gab es nicht. Als sie noch zögerten, ging Harry an ihnen vorbei und trat von der Brücke auf die erste Stufe. Er sah immer noch so abwesend aus, fast so, als sei er gar nicht richtig wach. Wo hatte ihn dieser Dschinn nur hergeholt?
„Harry?"
„Warte auf uns!"
Hermione fühlte einen unbehaglichen Schwindel, als sie auf die Stufen hinüberwechselte, und sie sah, wie vor ihr auch Ron Halt an der Wand suchte. Die Stufen waren uneben und ungleich breit, und direkt neben ihnen öffnete sich der tiefe Schacht. Und Licht und Luft und ein Tosen wie von einem fernen Wasserfall machten sie seltsam benommen. Nur Harry ging mit traumwandlerischer Sicherheit und war ihnen bald weit voraus.
„Mach dir um Harry keine Sorgen!", sagte Ron, der Hermiones Blick gesehen hatte. „Der ist schwindelfrei und stolpert nicht, nicht mal im Schlaf. Beste Quidditch-Anlagen eben."
Die hatte sie leider nicht. Sie ging angespannt hinter Ron her, den Blick fest auf die Stufen gerichtet und entschlossen, nicht in den Schacht zu sehen.
„Sag mir, woher du das mit dem Schlüssel wusstest", sagte Ron, nachdem er selbst beinahe gestolpert wäre. „Wie bist du darauf gekommen, dass es dieser Schlüssel ist? Er – Arkturius hatte doch gesagt, er hätte ihn an einem unzugänglichen Ort versteckt!"
„Das hab ihm gleich nicht abgekauft! Er ist viel zu schnell über das Thema weggegangen, fand ich. Es gibt doch gar keinen Ort, der für Zauberer wirklich unzugänglich ist!" Hermione stieg vorsichtig über eine besonders hubbelige Stufe hinweg. „Überleg mal, er wollte einen Weltuntergang verhindern! Glaubst du wirklich, er hätte sich bei dem Schlüssel mit einem Versteck zufrieden gegeben? Ein Versteck kann doch immer durch irgendeinen Zufall gefunden werden. Denk nur an seine Zeitenuhr!"
„Also hast du dir was gedacht?"
„Dass der Schlüssel sicherer verwahrt wäre, wenn man ihn tarnt. Und wie kannst du einen Schlüssel besser tarnen als dadurch, dass du ihm einfach eine andere Aufgabe, ein anderes Schloss gibst?"
„Nicht schlecht", murmelte Ron. „Der arkturische Schlüssel aus Sirius' Familienchronik. Erst auf diesem widerlichen Kästchen. Dann für die Spieluhr. Und jetzt das hier. Gute Eingebungen, Hermione."
„Auf dem Mosaik vor der Tür eben war übrigens auch ein siebenstrahliger Stern. Genau wie auf dem Schlüssel! Aber du hast doch als Erster die richtigen Schlüsse gezogen!", erwiderte Hermione. Sie war dankbar, dass er sie von dem Abstieg und der seltsamen Atmosphäre dieses Ortes hier ablenkte. „Wenn du nicht von der Chronik und dem Schlüssel auf diesem Kästchen erzählt hättest, wäre ich nie drauf gekommen."
„Und ich hätte mir zwei Wochen St. Mungo erspart –"
„Außerdem – als Arkturius den Schlüssel mit der Spieluhr weitergab, konnte er sich sicher sein, dass er nur in ausgewählte Hände kommen würde."
„Aber damit hat er sich verrechnet."
„Ja", erwiderte Hermione nachdenklich. „Das möcht ich auch gern mal wissen, was dann passiert ist. Dass die Spieluhr irgendwann auf diesem Dachboden von Caducus Fugits Großeltern gelandet ist –" Sie musste stehen bleiben und Atem holen. Die Luft schien immer schwerer und dichter zu werden, je näher sie dem blauen Funkeln kamen. Sie drängte sich in die Lungen, in die Köpfe, prickelte auf der Haut. Für Sekunden schien ihr Kopf zu schwimmen.
Auf Ron blieb stehen. „Und Fugit – oder besser gesagt: Cucudi hat dann das Gleiche gemacht wie Arkturius", sagte er. „Hat den Schlüssel mit seinem Draciola-Kästchen getarnt. Ist doch total beknackt, wenn man sich das überlegt. Das Ding hat vermutlich zig Jahre auf seinem Schreibtisch in der Mysteriumsabteilung gestanden!"
„Harry ist schon fast unten!", sagte Hermione in diesem Moment erschreckt. „Los, beeilen wir uns! Sonst geht er noch allein da rein!"
So schnell sie konnten, eilten sie nun die Stufen hinunter und immer weiter hinunter. Längst waren sie in den starken Lichtschein eingetaucht und sahen Harry unten nur noch wie einen Schatten.
Wie schnell und sicher er geht!, dachte Hermione. Und das, obwohl er nicht mal richtig wach zu sein schien – was ist bloß mit ihm?
Sie erreichten Harry, als ihn nur noch wenige Stufen von der bewegten Oberfläche der Lichtquelle trennten. Obwohl es so hell war, fühlten sie sich seltsamerweise nicht geblendet. Sie konnten einander und die Umgebung ohne Mühe erkennen – entweder verwandelte das Licht ihre Sinne, oder es war nicht wirklich Licht. Hermione wusste es nicht. Es kam ihr so vor, als weitete es ihren Kopf, als machte es ihn leicht und unglaublich wach. Man musste aufpassen, dass man nicht leichtsinnig wurde und einfach weiterspazierte –
„Halt, Mann, bleib stehen! Wir sind da", sagte Ron ungewöhnlich sanft und hielt Harry an seinem einen verbliebenen Jackenärmel fest.
Da blieb auch Hermione neben Harry auf der letzten erkennbaren Stufe stehen. Sie sahen in die bläuliche Lichtflut, die nun unmittelbar vor ihnen wogte und hier und da wie eine Flüssigkeit an den Mauern heraufspülte – auf einmal konnten sie es ertragen, hineinzusehen. Das ferne Tosen war hier unten zu einem Dröhnen geworden, das sich im Felsgestein zu fangen und zu vibrieren schien.
„Und jetzt? Was soll das überhaupt sein hier?", fragte Ron schließlich. „Was zum Henker hat dieser Clavicustos denn hier eigentlich gemacht?!"
„Ein Mysterium –", begann Hermione lahm. „Da macht man nichts – man – man sieht es sich an, glaube ich. Ich meine – ich hab keine Ahnung."
Ron zog die Augenbrauen hoch, aber anscheinend hatte auch er jetzt keine Lust zu blöden Kommentaren. „He, ich glaube, da ist was auf die Stufe geschrieben! Ihr steht genau drauf", sagte er plötzlich.
Hermione sah nach unten, und da waren tatsächlich Buchstaben in den Fels graviert. Sie trat zurück und zog Harry mit sich.
„Leg ab den Stab und alle Waffen! Hier schweige jeder Zauberspruch! Nimm, was dort hängt – als Rüstung sei's dir Schutz genug", las sie laut. „So ungefähr – ist ziemlich altertümliches Englisch –"
„Was dort hängt?! Da hängt gar nichts!", rief Ron entnervt und sah sich um. „Nur ein blöder Haken ist noch da! Und unsere Zauberstäbe hat Skanne! Was machen wir also jetzt? Ohne Rüstung? Dieser Irre hat das Ding dadrin versteckt, das ist ja jetzt wohl klar –" Ron betrachtete skeptisch das flutende Licht, das keinen Blick in die Tiefe erlaubte. „Andere Verstecke gibt es hier nicht – er hat's reingeworfen, und die Rüstung gleich hinterher! Wie sollen wir ohne diese Rüstung da rein und nach etwas suchen, von dem wir nicht mal wissen, wie es aussieht?!"
Hermione hatte die ganze Zeit Harry angesehen, der reglos neben ihr stand und den Blick nicht von dem Licht abwandte. Wieder spürte sie, dass mit ihm etwas ganz und gar nicht stimmte. Sie griff nach seiner Hand, aber es kam keine Reaktion auf die Berührung.
„Irgendwelche Vorschläge?", beharrte Ron. „Ich hab nämlich keine!"
„Es muss ein Behälter sein. Mit – Wildalraunen drin", sagte Hermione zögernd.
„Was?! Und wie kommst du dadrauf? Was soll das überhaupt sein?"
„Wir haben jetzt nicht viel Zeit zum Erklären. Aber der Seifenbläser ist Caducus Fugit – und der ist Dorians Großvater – und dem gehörte die Spieluhr –"
„So viel hab ich mir jetzt auch zusammengereimt, aber –"
„Als Dorian die Spieluhr bekommen hat, waren wir in seinem Haus – in dem Haus, in dem Caducus Fugit vor Jahrzehnten gewohnt hat. Und in seinem Garten hatte jemand ein Beet mit Wildalraunen angelegt – ganz neu angelegt, versteht ihr –"
„Verdammt, Hermione, wir reden von einer Waffe! Was hat das mit einem Blumenbeet zu tun?!"
„Wildalraunen schreien – noch viel schlimmer als die, mit denen wir in Hogwarts arbeiten mussten. Angeblich zertrümmern ihre Schreie sogar Fels! Und es gab einen Fall, da hat jemand aus Wildalraunen eine Art – eine Art Bombe gebaut und ein Attentat damit verübt!"
Ron starrte sie an. „Oh Mann – ich glaub, ich erinnere mich – meinst du etwa den Fall Rottenwhile und Gillespie?"
„Ja. Ich hab das nachgelesen. Nachdem wir die Alraunen entdeckt hatten. Dieses Beet – das war irgendwie unheimlich. Ich wollte einfach wissen, wozu –"
„Also gut. Also gut", unterbrach Ron sie. „Mal angenommen, du hast Recht – wonach müssen wir dann Ausschau halten?"
„Sag ich ja: Nach einem Gefäß, einem Behälter – vielleicht – ja, Mann, vielleicht so was wie dieser Raum, von dem du uns erzählt hast, Harry! Der, in den du in der Mysteriumsabteilung reingestolpert bist, wo sich immer wieder dieselbe Minute wiederholte! War das nicht so eine Art Glasglocke? Die sind wohl eine Spezialität von Fugit!" Hermione schien plötzlich ganz zu vergessen, wo sie waren. Die Begeisterung über ihre Idee trug sie geradezu davon. „Ich meine, er müsste ja auch eine Möglichkeit gefunden haben, die Alraunen am Schreien zu halten, versteht ihr! Nur der echte Schrei hat nämlich diese Wirkung – eine Aufnahme oder so was würde nicht funktionieren! Aber wenn er die Alraunen in eine Art Zeitglocke sperrt –"
„Und als Leiter der Mysteriumsabteilung hatte er ja genug Zeit dazu, so was auszutüfteln!", fiel Ron ein. „Mann, Hermione, du fängst an, mich zu überzeugen! Wer weiß, vielleicht hat der dieses ganze bescheuerte Projekt, wegen dem die Abteilung aufgeflogen ist, überhaupt nur angefangen, um für diese Waffe rumzuexperimentieren!"
„Und wir sollten jetzt unbedingt mit dem Suchen loslegen", sagte Hermione unbehaglich. „Merkt ihr auch, wie der Fels vibriert? Ich glaub nicht, dass das mit diesem Licht hier zu tun hat!" Leiser fügte sie hinzu: „Er hat sie wirklich da reingeschmissen. Genau wie dieser Großmeister Salazar."
„Also dann. Versuchen wir's eben ohne Rüstung", sagte Ron angespannt. „Die Stufen gehen auf jeden Fall noch ein Stück weiter, eben konnte man es kurz sehen! Vielleicht kann man – na ja, ganz runtersteigen, bis nach unten. Oder – oder meint ihr, man muss tauchen? Es sieht doch irgendwie fast wie Wasser aus, oder?" Er klang auf einmal sehr unsicher.
Jetzt endlich regte sich Harry. Er entzog Hermione seine Hand und kramte wieder in seiner Jackentasche herum. „Ihr nicht. Ich", sagte er.
„Harry, wir lassen dich das auf keinen Fall allein machen!"
„Man braucht die Rüstung."
„Du hast doch auch keine!"
„Doch. Hier." Er zog den Tarnumhang aus der Tasche und schüttelte ihn aus.
„Ist das etwa – woher hast du den denn jetzt?"
„Das ist doch keine Rüstung!"
„Doch. Glaub mir, ich weiß es. Ich erklär's euch später. Bitte, Hermione!" Zum ersten Mal kam etwas Leben in seine Stimme und auch in seine Haltung. Er legte den Arm um Hermione und zog sie an sich. „Vertrau mir."
„Wie soll ich – ich hab dir das eingebrockt – ich hätt das nie sagen dürfen mit dem Clavicustos – nicht zu Scrimgeour –"
„Du hattest aber Recht", sagte Harry.
„Hat sie nicht! Und du auch nicht! Das ist doch Quatsch – ein Tarnumhang ist keine Rüstung!" Ron verlor nun endlich doch noch die Nerven. „Du wirst – ertrinken – abstürzen, was weiß ich! Lass uns das jetzt erst mal zusammen testen!"
„Nein, Ron – nicht!", rief Hermione. „Wir haben's doch gesehen – was mit Leuten passiert, die – die unbefugt da reingehen! Sie – sie verlieren den Verstand! Merkst du nicht, was dieses Licht schon von hier aus mit dir macht? Niemand kann da ohne einen Schutz rein!"
Harry hatte inzwischen den Tarnumhang übergeworfen.
„Oh Mann! Das gibt's nicht! Harry, dein Umhang – der funktioniert nicht mehr! Ich kann dich noch sehen!", rief Ron. „Und den Umhang auch!"
Der feine Stoff schimmerte hell in diesem Licht, und obwohl es Harry ganz bedeckte, konnten sie seine Gestalt darunter deutlich erkennen. Er ging weiter, eine Stufe, zwei Stufen – das Licht spülte bis über seine Knie – er tauchte seine Hand in die bläuliche Flut –
„Harry! Deine Hand!", schrie Hermione auf.
Er hielt sie hoch, und dann sahen sie genau, was Hermione schon bemerkt hatte: Das Gewebe des Umhangs umschloss zuerst die Finger einzeln, wie ein silberner Handschuh, dann schien das Silber in seine Haut zu sinken. Harry ging tiefer hinein, und überall, wo das Licht ihn berührte, verwandelte sich der Tarnumhang in einen Überzug aus feinen Plättchen, die ihn wie eine zweite Haut bedeckten.
„Ein Panzer aus Fischhaut", sagte Harry, und es klang als lächelte er. „So war's auch in diesem Lied."
„Harry? Bist du wirklich sicher, dass du –"
„Was für ein Lied?"
„Die Ballade von Rose mit dem blutigen Herz." Jetzt hörten sie genau, dass er lächelte. „Kennt ihr die etwa nicht?"
Ron und Hermione starrten einander fassungslos an.
„Also. Ich geh jetzt weiter", sagte Harry. „Ihr – ihr seid die Besten! Danke, dass ihr mitgekommen seid!"
„Harry! Wir – wir warten hier auf dich! Und wenn du nicht bald zurück bist, kommen wir hinterher –"
„Komm, lass ihn wenigstens in Ruhe gehen", sagte Ron. „Er muss sich nicht noch wegen uns verrückt machen!"
„Jetzt bedeckt es ihn ganz!"
Sie konnten ihn gerade noch erkennen in der bläulichen Flut, verzerrt unter den unruhigen Wellen: eine silbrige Gestalt, die verschwamm und dann endgültig ihren Blicken entschwand.
„Fischhaut? Rose und das blutige Herz?", murmelte Ron.
„Oh Ron, wir hätten ihn nicht gehen lassen dürfen!", platzte Hermione los. „Er war – er war gar nicht er selbst – er war total durcheinander –"
„Wie würd's dir wohl gehen, wenn du wer weiß wo von so einem Dingsda aufgegriffen und mal eben mitten in so ein Chaos wie das da oben reingeworfen würdest?", erwiderte Ron. „Aber mit dem Tarnumhang hatte er jedenfalls Recht! Der hat sich verwandelt! Woher wusste er das bloß? Und was hat er mit diesem Lied gemeint – das war – das war total unheimlich!"
„Ich glaub, er wusste nicht mal, wo er war – und dann haben wir ihn auch noch mit dieser wahnsinnigen Geschichte überfallen –"
„Ich hab für heute genug von Wahnsinn, Hermione. Also bitte, hör jetzt auf damit!"
„Was sollen wir denn jetzt machen? Wir können doch nicht einfach hier rumhängen und darauf warten, dass er das schon irgendwie schafft! Wenn er nun –"
„Wieso regst du dich denn jetzt auf? Du hast ihn doch da reingeschickt! Das war doch deine Idee! Du hast Scrimgeour verraten, wer –"
„Was hätte ich denn tun sollen?", schrie sie. „Wer weiß, was ohne ihn passiert wäre? Wer weiß, was jetzt noch alles passiert? Hast du denn nicht gesehen, wie es bei Arkturius gelaufen ist?! Reicht das nicht, um verzweifelt zu sein?!"
„Ja, ja, schon gut, Hermione! Reg dich nicht auf! Wirklich, du hast ja Recht – ich weiß auch keine andere Lösung! Er ist dieser Clavicustos, ich hab's kapiert!" Ron setzte sich auf eine Treppenstufe außerhalb der Reichweite der Lichtwellen. Er rieb sich das Gesicht mit beiden Händen und ließ es dann darin. Dumpf und müde klang seine Stimme dahinter hervor. „Aber jetzt können wir nur auf ihn warten. Mir fällt jedenfalls sonst nichts ein."
Daraufhin schwiegen sie beide, und das dröhnende Tosen schob sich wieder in ihr Bewusstsein. Hermione hatte solche Angst um Harry, dass sie sicher war, dass sie es nicht mehr lange ertragen konnte. Dann würde ihr Herz explodieren oder so was. Ich hab ihn da reingeschickt, dachte sie bitter. Vielleicht in seinen Tod. Ich war das.
„Jetzt setz dich doch endlich hin! Wir können nichts machen!", blaffte Ron, als sie immer noch am Rand des Lichtgewoges stehen blieb. „Wir müssen das jetzt einfach aushalten! Also komm, schalt ein paar Gänge runter!"
Sie versuchte, gegen die Eiskruste aus Angst anzuatmen, die ihr Herz umschloss. Endlich setzte sie sich neben Ron auf die Stufe. Er sah an ihr vorbei ins blaue Gefunkel und schwieg. Es hatte etwas Unerbittliches, Endgültiges, wie er da an ihr vorbeisah. Das war auch nicht zu ertragen.
„Kannst du mir nicht – verzeihen, Ron? Gibt es denn gar nichts, was es zwischen uns wieder in Ordnung bringen kann? Was kann ich tun, damit du wieder –"
Seine Reglosigkeit ließ sie verstummen. Immer noch starrte er an ihr vorbei, als hätte er sie gar nicht gehört, und so schwiegen sie beide, bis Hermione das Gefühl hatte, dass das Tosen wie eine Wand zwischen ihnen stand.
„Ron –", krächzte sie.
„Jetzt lass das doch gut sein, Hermione! Was soll ich denn sagen? Da – da gibt's nichts zu verzeihen. Es ist eben einfach so, da kann keiner was für oder was dran ändern. Das ist mir schon klar. Ich kann da nicht so drüber reden. Aber das ist schon in Ordnung, wirklich." Jetzt sah er sich endlich zu ihr um – der Mann, der in einer anderen Wirklichkeit ihr Mann gewesen war. Sie wusste, dass er in diesem Moment auch daran dachte, genau wie sie selbst. „Also – alles okay jetzt, ja?"
Zögernd nickte sie. „Wenn du das ernst meinst –"
„Tu ich", sagte er.
Und dann schwiegen sie beide und sahen in das bläuliche Licht, in dem ihr Freund verschwunden war.
oooOooo
Er war gefallen, hatte den Aufschlag auf der Straße erwartet – aber stattdessen war er gegen etwas widerlich Weiches geprallt, unter dem sich harte Knochen verbargen. Der Geruch von Schlamm und Fäulnis hatte ihn eingehüllt, und vielleicht war das ja der Tod, und man merkte gar keinen Aufprall? Aber dann war er doch aufgeschlagen, aber nicht auf Asphalt, sondern auf glatten, kalten Steinen, und da waren auf einmal jede Menge Leute um ihn rum, die er kannte. Es roch nicht mehr nach Faulschlamm, sondern nach abgestandener Luft, sein Kopf und seine ganze rechte Seite taten weh, und er war einfach sauer, dass die ihn nicht wenigstens draußen und in Ruhe und unter freiem Himmel sterben lassen konnten. Stimmen quasselten auf ihn ein, und er wollte zurück in diesen stillen Moment da oben auf dem Dach, wo auf einmal Frieden gewesen war in seinem Kopf –
In seinem Kopf –
Da war er nicht mehr allein. Das durfte er nicht vergessen. Es war gefährlich. Er musste behutsam sein, behutsam denken, wenn so was möglich war. Damit er nicht wieder aufwachte und vielleicht doch noch mitkriegte, was los war –
Er stöhnte, vor Schmerzen, aber mehr noch, weil das alles immer noch nicht zu Ende war.
Hermione war da und redete. Er sah einfach nur sie an – klinkte den Minister aus, den er verschwommen hinter ihr erkannt hatte – und war das da etwa dieser Skanne?! Er konnte nicht richtig sehen. Seine Brille – wer weiß, wo die jetzt war. Die hatte es vielleicht geschafft bis auf die Straße runter –
Hermione sagte etwas über einen Dschinn – dann kam Skanne und – er hatte keine Ahnung, was der wollte – der riss ihn unsanft auf die Füße – er konnte tatsächlich noch stehen – blöderweise tummelten sich jetzt aber auch wieder massenhaft Gedanken in seinem Kopf – Snape! Diese Zeitmaschine! Die Vergangenheit, die sich dann in irgendwas anderes verwandelt hatte – aber sie waren entkommen – und dann hatte Snape –
Jetzt riss auch noch Hermione an ihm. Schnauzte Skanne an – und dann sagte sie etwas, das ganz klar bei ihm ankam, vielleicht, weil sie ein Wort aus seinen eigenen Gedanken verwendete: „Erinnerst du dich an deine Frage nach dem Clavicustos?"
Das war es also. Dafür hatten sie ihn zurückgeholt. Sie hatten es irgendwie rausgekriegt. Und jetzt –
Eine Waffe in der verschlossenen Kammer. Er sollte sie herausholen. Weil nur er hineinkonnte – obwohl Hermione den Schlüssel hatte – woher sie ihn plötzlich hatte, darüber konnte er jetzt nicht nachdenken.
Aber diese falsche Zeitmaschine, die wollte er nicht länger mit sich herumschleppen. Sollte Skanne sie haben, wenn er so scharf drauf war. Wer weiß, die konnten sie vermutlich sogar noch reparieren.
Dann stand er vor einem bogenförmigen Tor aus verwittertem Holz mit Metallbeschlägen – hatte den Schlüssel in der Hand – hinter ihm waren Hermione und Ron – gut, die bei sich zu haben – gut, dass sie zwischen ihm und diesen ganzen anderen Typen standen –
Von dem Moment an, in dem er den Schlüssel in das Schloss steckte, hörte er ganz auf zu denken. Er hatte kapiert, was die von ihm wollten, und er würde es machen, aber es war besser, wenn er dabei so wenig wie möglich dachte.
So ließ er alles hinter sich. All die Überlegungen, die Hoffnungen, die er sich in den vergangenen Wochen wegen dieser Clavicustos-Sache gemacht hatte – seine Neugier auf diese Kammer, die gar keine Kammer war, sondern ein riesiger Schacht voll Licht – er ließ das einfach los. Seine Schritte jetzt waren wie der eine Schritt, den er vorhin vom Dach gemacht hatte. Und wenn er merkte, dass das Denken zurückkehren wollte – weil alles an diesem seltsamen Ort genau ihn anzusprechen schien, ihn mit einem beinahe vernehmlichen Du! bedrängte – dann zählte er. Er zählte Stufen, zählte Schritte, er weigerte sich zu antworten, weigerte sich zu denken, bis er auf einmal direkt vor diesem überwältigenden Licht stand und ihn jemand festhielt. Ron. Ron und Hermione waren mit ihm hier.
Die Rüstung – natürlich! Erklären konnte er jetzt nichts. Aber es war ja auch ganz einfach. Er musste nur den Tarnumhang überwerfen und dann weitergehen. Noch einmal atmete er den Duft ein – Rosen und frisches Gras und vielleicht so etwas wie Wein, nur frischer – dann ging er los.
Das Zeug fühlte sich im ersten Moment wie sehr kaltes Wasser an und bot auch denselben Widerstand. Die Verwandlung seines Tarnumhangs überraschte ihn nicht. Er sah zu, wie seine Hand sich mit dieser glitzernden Schuppenhaut überzog – seltsam fühlte sich das an, und da war ein erstes Zurückweichen in seinem Kopf – also schnell weiter, solange er noch einigermaßen Herr seiner selbst war.
Nur die Stufen ansehen. Die waren genau wie die anderen vorher. Der Umhang umschloss jetzt seine Brust – kroch seinen Hals hinauf – erreichte Kinn – Mund! Nase! Er taumelte gegen die Felswand, Panik benebelte seinen Kopf – wie sollte er denn so atmen?! Dann spülte bläuliches Licht über seine Augen! Während er noch panisch nach Luft rang, fühlte er, wie auch seine Augen sich überzogen – auf einmal sah alles anders aus – wie Wasser in einem See – und er konnte wieder atmen, oder vielleicht brauchte er auch keinen Atem mehr, er wusste es nicht.
Weitergehen, dicht an der Felswand entlang. Da waren mehr Stufen vor ihm, zogen sich endlos um den Fels herum in die Tiefe. Dumbledores verschlossene Mysterien-Kammer war nichts als ein Brunnen voller Licht-Wasser, der mitten in die Erde hineinführte! Wo war nun das Mysterium? Wo war die geheimnisvolle Macht des Clavicustos?!
Nicht denken. Konzentrieren. Er musste ein magisches Gerät finden. Eine Waffe.
Erschütterungen brandeten gegen seine veränderte Haut und wurden immer heftiger, je weiter er ging. Und Strömungen zogen an ihm, wollten ihn in den Abgrund ziehen. Nur nicht von der Wand wegtreiben lassen!
Diese Erschütterungen – das waren Geräusche! Er konnte nichts hören, gar nichts, aber er fühlte das, was oben noch ein Tosen oder Dröhnen gewesen war, und er ging darauf zu.
Das Ding ist hier – ich komme ihm näher – gut so – lang kann ich nicht mehr –
Und dann umschlang ihn die Strömung, und er verlor den Boden unter den Füßen.
Er fiel in einem ungeheuren Lichtblitz, der seine Augen, seinen Körper überflutete. Als die Blendung nachließ, war die Helligkeit in einen Wirbel von Bildern zerfallen, durch die er trudelte – Gesichter, Räume, Orte, die er einmal gekannt hatte – eine Straße war da, Menschen, Autos – eine ganz normale Straße, eine von vielen, auf denen er in diesem Jahr gegangen war – aber so hatte er sie nie gesehen. Jedes Steinchen auf dem nassen, im flüchtigen Sonnenschein aufglänzenden Asphalt, jeden Tropfen, den ein Auto aufwirbelte, Menschenhaut und Menschenhaar, Stimmen und Lachen – all das sah-fühlte er, er war es, er floss hinüber in diese eine kleine belanglose Straße, und sie war ein ganzes Universum an Leben. Da war ein Muster in der Tiefe, das diesem Straßenausschnitt ebenso wie der Anordnung der Galaxien zugrunde lag, und er sah es. Und floss weiter, hinein in die schlagenden Herzen, hinein in das Dunkel, die ewige Einsamkeit, die jeder Körper umschließt – hob sie auf, indem er sich in sie verströmte.
Ein tobender Angstschrei in seinem Kopf riss ihn zurück in diesen fallenden Körper, der sich selbst bekämpfte, der gegen die Rüstung kämpfte, dessen Hände das Silberzeug von seinem Gesicht herunterzukratzen versuchten – das Licht war auf einmal Gift, das ihn auflösen, ihn hilflos zerfließen lassen würde – er hatte Angst – Angst – Angst! Unter seiner Silbermaske schrie er – schrie es … Und zugleich wollte er doch in diesem Licht aufgehen, wenn es das war, was es mit ihm machen würde.
Aber jetzt war er wieder bei sich. Die Waffe! Mit einem letzten Rest an Selbstkontrolle zwang er sich zur Ruhe und konzentrierte sich auf die Erschütterungen, die er immer noch auf seiner Haut spüren konnte. Felswand und Stufen – da waren sie auf einmal wieder vor ihm, aber er sank an ihnen vorbei. Und dann sah er es, als hätten seine Gedanken es herbeigezwungen. Es hing schief über einem kleinen Felsvorsprung. Wie eine große Sanduhr aus Kristall sah es aus, die von einer Art Metallgehäuse mit vier schmalen Bügeln eingefasst war. Einer davon war an der Felsnase hängen geblieben. Von diesem Kristall gingen die Erschütterungen aus, die er jetzt wie Wellen gegen seinen Körper anrennen fühlte. Er packte einen der Metallbügel und hielt sich daran fest. Hermione hatte Recht gehabt: Etwas Schwarzes wogte darin, das wie ein Schwarm Tintenfische aussah, die sich durch die Enge in der Mitte von der oberen in die untere Hälfte drängten – oder wurden sie hineingesogen? Auf einmal blickte er direkt in zwei schmale Augen voller Elend und wahnsinniger Wut – dann öffnete sich darunter ein Mund –
Er hörte den Schrei nicht, aber er fühlte ihn. Im letzten Moment konnte er sich an den Felsvorsprung krallen, sonst wäre er von der Wucht fortgeschleudert worden. Sein Bewusstsein schlingerte. Noch mehr Augen, noch mehr Münder – und alle schrien – so musste das Wesen in seinem Kopf aussehen –
Er schloss die Augen, umklammerte zwei der Metallbügel und zerrte so lange, bis sich die Sanduhr von der Felsnase löste. Der Kristall war noch schwerer, als er erwartet hatte.
Das geht nicht! Damit komm ich nicht mehr nach oben!
Aber seine Hände ließen nicht mehr los. Auge in Auge mit den schreienden Wesen verlor er das Gleichgewicht und taumelte von den Stufen ins Bodenlose.
oooOooo
Man verlor das Zeitgefühl hier unten in diesem Tosen, so nah an dem wogenden Licht. Hermione behielt ihre Armbanduhr im Blick. Harry war jetzt seit mehr als einer Viertelstunde verschwunden, und sie konnte ihre Unruhe und Angst kaum noch bezwingen.
„Müssten wir nicht irgendwas hören, wenn dieses Ding tatsächlich dadrin wäre?", fragte Ron.
„Ich weiß nicht – aber der Stein bebt jedenfalls die ganze Zeit – überall –" Sie konnte einfach nicht länger sitzen bleiben und stieg die drei Stufen hinunter bis zu der, auf der die Inschrift eingraviert war. „Er muss doch jetzt endlich wiederkommen – was ist, wenn er das Ding nicht findet? Wenn er es gar nicht tragen kann? Wir wissen nicht mal, was dieses Licht mit ihm macht! Ron, wenn er in fünf Minuten nicht zurück ist, dann gehen wir ihn suchen! Vielleicht schafft er es nicht mehr rauf!"
Ron sagte nichts – was hätte er auch sagen sollen.
Als Rüstung sei's dir Schutz genug, las Hermione wieder und wieder, wie eine Beschwörung. Und dann sah sie auf einmal jenseits der beschriebenen Stufe eine Bewegung. „Da! Da ist er!", schrie sie. „Was ist mit ihm? Er bewegt sich gar nicht!"
Sie starrten auf den zusammengerollten Körper, der eben die Oberfläche der Lichtflut erreichte und nun langsam zum Rand driftete.
„Er ist tot", murmelte Hermione. „Ich wusste es. Und ich hab ihn da reingeschickt – er ist tot –"
„Jetzt hör schon auf!", fuhr Ron sie an. „Er ist gleich hier – hilf mir, ihn rauszuziehen!"
Das war schwerer als erwartet. Eisige Tropfen trafen ihre Hände und Gesichter, als sie ihn zu fassen bekamen; die Silberschicht, die ihn immer noch überzog, war glatt, und dann sahen sie, dass er etwas umklammert hielt.
„Er hat es!"
„Was ist das – eine Sanduhr?!"
„Ein Stundenglas – das hat Fugit also gemeint!"
Sie schleiften ihn wenig sanft die Stufen hinauf. Da lag er dann wie ertrunken, aber seine Hände gaben die Metallstege des Gerätes nicht frei.
„Du hattest Recht – sieh mal da rein!", sagte Ron angewidert und deutete auf die Kristallkolben. „Irgendwelche Wesen – schwarze Gesichter mit Augen –"
„Dieses Silberzeugs ist auch über seinem Gesicht! Es erstickt ihn!"
„Er lässt nicht los! Lass doch los, Harry! Wach auf, Mann!"
„Harry! Harry! Sag doch was, Harry!" Hermione rieb verzweifelt an den schimmernden Schuppen, die sein Gesicht bedeckten. „Es geht nicht ab! Ron! Ich krieg das nicht ab!"
„Er atmet nicht", murmelte Ron und machte einen letzten Versuch, das Stundenglas aus Harrys Armen zu befreien. „Vielleicht muss er ja nicht atmen unter dem Zeug – vielleicht ist das so gedacht, als Schutz – ich meine, was hätte eine Rüstung für einen Sinn, wenn sie ihn erstickt?"
„Vielleicht ist es doch gar nicht die richtige Rüstung! Oh Harry! Wach doch auf, bitte, bitte, wach doch auf!"
„Hermione – komm, beruhig dich – wir bringen ihn aus diesem Schacht raus! Die anderen oben haben Zauberstäbe – die können sicher was tun!"
„Wie denn? Wie sollen wir ihn hier raus kriegen?!"
„Wir tragen ihn! Ich krieg das schon hin! Er ist ja nicht gerade der Größte!" Er versuchte, den schlaffen Körper aufzuheben. „Wenn er nur dieses blöde Teil da loslassen würde – Hermione, hör auf! Hör auf zu heulen! Wenn du – du bringst mich total aus der Fassung! Bitte! Reiß dich zusammen!"
Hermione biss die Zähne zusammen und versuchte noch einmal, Harrys silberüberzogene Hände von der Sanduhr zu lösen, aber sie hielten sie wie ein Schraubstock.
„Okay – lass jetzt – wir versuchen es so – das Ding muss ja sowieso nach oben –"
Ron hob Harry auf und warf ihn sich über die Schulter. Er ächzte, als Fugits Waffe gegen seinen Rücken knallte. Machte ein, zwei unsichere Schritte, dann war Hermione hinter ihm und packte die Metallstege des Stundenglases und trug so wenigstens einen Teil des Gewichtes. „Danke – so geht's besser", keuchte Ron, und dann machten sie sich schweigend und verbissen an den Aufstieg.
Hermione wandte den Blick nicht von Harrys Kopf und Rücken, während sie ging. Ihre Arme begannen bald zu schmerzen unter dem Gewicht der Sanduhr. Sie vermied jeden Blick hinein. Aus dem Augenwinkel hatte sie verzerrte Gesichter gesehen – kleine Augen, die sich öffneten – da erwachte etwas, und sie wollte es nicht sehen.
Hin und wieder musste Ron anhalten und verschnaufen. „Gäb sonst was für meinen Zauberstab und 'nen Mobilcorpus!", keuchte er, als er weiterging. „Werd Skanne umbringen, wenn wir oben sind!"
Hermione berührte mit einer Hand die Silberschuppen, die einmal der Tarnumhang gewesen waren, und darunter konnte sie Harrys Haar fühlen. Er lebte noch. Er würde leben. Sie würden ihn hier rausbringen. Sie waren seine Leibgarde.
Weiter ging es. Irgendwann riskierte sie einen Blick hinauf – die Brücke war schon deutlich näher gerückt. „Wir schaffen es!", sagte sie, und genau in diesem Moment durchschnitt ein fürchterlicher, heulender Aufschrei das Tosen. Hermione erschrak so, dass sie die Metallstege losließ und zurückwich. Sie stolperte zwei Stufen hinunter und wäre beinahe gefallen. Ron taumelte vor ihr, und sie war sicher, dass er abstürzen würde – Harry fallen lassen und mit ihm zusammen in den Schacht stürzen würde –
Sie konnte sich nicht regen, während der Schrei anstieg und anstieg und in ihren Zähnen, in ihren Augen zu vibrieren begann. Ron stützte sich gegen die Felswand, krallte sich mit einer Hand in den Stein, aber er ließ Harry nicht los. In dem Kristall in Harrys Armen wurden die Alraunenköpfe von einer unsichtbaren Kraft durch die Enge zwischen den Kolben gepresst oder gezogen. Sie sah aufgerissene Münder – Augen voll unbeschreiblichem Entsetzen – noch mehr Münder –
In ihrer Jeanstasche – da musste ein Taschentuch drin sein –
Ihre zitternden Finger fanden es schließlich, sie zerriss es und stopfte sich die Stücke in die Ohren, dann zerrte sie den Schal aus ihrer Umhängetasche, zog sich an der Wand bis zu Ron hinauf und band ihm den Schal wie einen Turban um den Kopf. Zog ihre Jacke aus und wickelte sie sich selbst um den Kopf. Harry – unter seiner Silberhaut schien er von dem Lärm nichts mitzubekommen. Ron drehte sich zu ihr um und sah sie fragend an, sie nickte. Da setzte er sich schwankend in Bewegung, während die Münder weiter schrien und schrien.
Sie musste sich zwingen, die Sanduhr wieder zu tragen. Auch durch die Jacke hindurch war der Lärm kaum auszuhalten, er prallte wie ein zusätzliches Gewicht gegen ihren Körper. Ob Harry wirklich nichts davon hörte? Oder er war doch –
Nein. Nein. Halt den Mund. Denk nicht. Geh weiter. Weiter! Schneller! Raus hier! Irgendwohin, wo wir dieses Ding loswerden können! Da – noch eine Kurve, dann sind wir bei der Brücke!
Der Lärm ebbte auf einmal ab. Sie sah in den Kristall, den ihre schlotternden Hände immer noch hielten – da war nur noch schwarzes Gewoge in einem der Kolben, der andere war leer. Die entsetzlichen Alraunenmünder hatten sich wieder geschlossen.
Sie fühlte, wie ihr der Schweiß über den Rücken lief, wie ihre Arme heruntersackten, ohne dass sie etwas dagegen tun konnte, wie ihre Beine jeden weiteren Schritt verweigern wollten. Etwas wie ein Nachhall wogte immer noch durch den Schacht, prallte gegen die Mauern, schüttelte den Staub von Jahrhunderten aus den Mauerritzen, ließ Treppen, Mauern, die Luft zittern – Hermione fühlte das Beben in den Zähnen, in den Eingeweiden, im Gehirn, sie konnte nicht mehr weiter!
Dann waren auf einmal die Holzbohlen der Brücke unter ihren Füßen. Benommen blieb sie stehen, starrte hinunter in das kristallene Licht in der Tiefe – Orangen und Zypressen und Schnee – wie ein Streicheln auf ihrem Gesicht, und sie wollte das nie verlassen, nie mehr verlieren –
„Mach die Tür auf!", brüllte Ron.
Sie schleppte ihre widerspenstigen Beine zu der Tür am Ende der Brücke. Ihre Hände stießen gegen das Holz bei dem Versuch, den Schlüssel zu fassen. Der steckte dort ordentlich im Schloss auf dem Riegel, als wäre nichts gewesen.
„Seid ihr noch dadrin? Hermione? Hermione, bist du da?"
Sie tastete immer noch nach dem Schlüssel, einem winzigen Ding, das sich von ihren klobigen, unwilligen Fingern einfach nicht fassen lassen wollte.
„Mach doch!", sagte Ron. „Bevor das wieder losgeht!"
„Seid ihr das?", rief es von der anderen Seite.
Sie kämpfte immer noch mit dem Schlüssel. Los, ruf weiter!, dachte sie. Bitte, ruf weiter!
„Jetzt mach endlich!", brüllte Ron.
Der Schlüssel schmolz aus ihren Fingern in das Schloss, der Riegel gab nach, und die Türflügel schwangen auf. Erst nach und nach konnten sie im grauen Dämmerlicht vor der Tür die Gesichter erkennen, die ihnen angespannt entgegensahen – Welldone, Scrimgeour, an der Wand gegenüber Skanne neben dem Seifenbläser. Bis auf diesen hatten sie sich alle etwas um die Ohren gebunden oder trugen Ohrenschützer wie Welldone.
Hermione konnte nicht mehr weitergehen. Ron schwankte mit seiner Last an ihr vorbei und wurde von Welldone in Empfang genommen, der ihm half, Harry auf den Boden zu legen. Die Türflügel hinter ihr schwangen wieder zu und stupsten sie nach vorne.
„Haben Sie das Gerät?" Das war Scrimgeour, natürlich.
„Was ist das für eine Silberschicht?" Welldones Frage.
„Er ist ohnmächtig oder so", keuchte Ron. „Macht irgendwas, schnell! Er ist – er war –"
„Was hat er da in den Armen? Was ist das? Weasley?"
Erst als Harry auf dem Boden lag, sahen sie, dass sich die silbernen Schuppen von seinem Gesicht zu lösen begannen und sich in das Gewebe des Tarnumhangs zurückverwandelten. Es sah aus wie vorher – nur machte es nicht mehr unsichtbar. Welldone legte vorsichtig die Hand auf Harrys Gesicht.
„Er atmet nicht", sagte er, und das war der Moment, in dem Hermiones Beine endgültig nachgaben. Dann kniete sie auf dem Boden und griff nach Harrys Hand, die das Metallgehäuse der Sanduhr noch immer nicht losließ.
„Ennervate!", rief Welldone.
Sekundenlang geschah überhaupt nichts, und Hermione fühlte, wie alles Lebendige aus ihr heraussacken wollte. Dann bewegte Harry sich. Er drehte sich auf die Seite – und gab das Stundenglas frei. Es holperte über die Mosaikfliesen und blieb schließlich ausgerechnet vor den Füßen des Seifenbläsers liegen.
„Ist es das? Ist das das Gerät?", schrie Scrimgeour und packte den Mann am Arm. „Cucudi! Antworten Sie! Ist es das?" Aber er bekam wieder keine Antwort und machte sich schließlich daran, den seltsamen Gegenstand selbst zu untersuchen.
Hermione kniete immer noch da. Brandgeruch drang durch den Gang auf diesen kleinen Platz, und durch ihre rauschenden Ohren hörte sie Krachen und Lärm von oben. Ihre Augen wollten zufallen, und sie sah auf einmal nur noch den Boden um sich – Schuhe – Hosenbeine – der Tarnumhang lag da, war wie eine alte Haut von Harry heruntergeglitten – Harry selbst – daneben Ron und Dorian, die prüften, ob er atmete – ob sein Herz schlug –
Sie konnte selbst nicht mehr atmen. Ganz langsam kamen die verblassten Fliesen näher –
Dann zog sie jemand auf die Füße. Auf einmal war da weicher Stoff an ihrem Gesicht, und jemand nahm ihr die Jacke vom Kopf, hielt sie fest, strich über ihr Haar.
„… lebt … ist in Ordnung …", kam durch das Rauschen, er sagte es direkt an ihrem Ohr.
Und dann hob sich wieder der Boden unter ihren Füßen. Unter grässlichem Knirschen lief ein langer Riss quer über die Fliesen, unter Harry hindurch und bis zur Wand gegenüber, wo er sich wie eine Bissspur entlang der Tür hinauffraß.
Ron war aufgesprungen. „Wieso – woher kommt das? Das Ding ist doch still jetzt – es schreit doch gar nicht!", stammelte er.
„Die Schwingung – die setzt sich fort –", erwiderte Welldone. „Die ist das wirklich Gefährliche –"
„Welldone?"
Hermione drehte den Kopf, ohne die Geborgenheit dieses weichen Pullovers an ihrem Gesicht zu verlassen, und da stand der Seifenbläser vor ihnen – Cucudi, Fugit, wie auch immer. Langsam, mit einem spöttischen Lächeln, schüttelte er den Kopf.
„Welldone?", wiederholte er. „Nein. Ganz und gar ein Cucudi."
Zusammen mit seinem lächerlichen Kragen hatte er alles Gauklerhafte verloren. Auf einmal sah er nur alt aus, sehr alt, und auf seiner gebräunten Haut wurden seltsame, blässliche Flecken sichtbar – es war, als schäle sich ein anderes Gesicht aus dem heraus, das Hermione oberflächlich als das des Seifenbläsers gekannt hatte. Das Schlimmste an dieser Verwandlung war, dass sie in der Tiefe dieses Gesichts Dorian entdecken konnte.
„Hab es damals gleich gesehen", fuhr er fort, im Plauderton sozusagen. „Konnte es nicht glauben. Der hatte mir gesagt, sie wären beide tot … Und jetzt sehn wir uns hier also wieder. Kleiner Scherz am Ende."
„Wieso Ende?", sagte Welldone und räusperte sich. „Das ist kein Ende – wir schalten das ab – dann war's das."
Skanne sah sich zu ihnen um. Er hielt das silberne Ei in der Hand, das Harry ihm gegeben hatte – Caducus Fugits Nachbau von Arkturius' Zeitenuhr – und wollte etwas sagen, aber Scrimgeour kam ihm zuvor. Er stand zornrot vor dem Alraunenkristall. „Schluss mit den Scherzen, Cucudi – sagen Sie uns, wie man dieses Ding hier ausschaltet!"
Aber der Seifenbläser beachtete ihn gar nicht. „Es ist viel zu spät", sagte er zu seinem Enkel.
„Es ist nie zu spät", sagte Welldone. „Schalten Sie – schalte es einfach ab!"
„Oder zerstören Sie es, bevor hier noch alles zusammenbricht! Machen Sie schon, Mann, Sie haben über zwanzig Jahre hier gearbeitet – und gute Arbeit geleistet!" Offenbar versuchte sich Scrimgeour auf seine diplomatischen Fähigkeiten zu besinnen. „Sie können das doch nicht alles zerstören wollen! Wenn man Ihnen Unrecht getan hat – darüber lässt sich doch reden! Dafür muss man nicht das Ministerium in die Luft sprengen!"
Hermione sah, wie Skanne bei seinen Worten ironisch den Mund verzog. Der Seifenbläser selbst lächelte nur. Er sah sich um, betrachtete mit einer gewissen Neugier das Gesicht des Ministers, sah dann Skanne an und wandte sich schließlich wieder an Welldone – in einer Sprache, die Hermione in Durmstrang oft gehört hatte.
„Verflucht!", schrie Scrimgeour. „Reden Sie Englisch!"
„Er sagt, es ist unmöglich", sagte Welldone. „Man kann es nicht mehr abschalten. Und auch nicht zerstören."
„Und was soll das nun heißen? Was sollen wir tun?!"
Der Seifenbläser sagte noch etwas.
„Er sagt, es gibt nur einen einzigen Weg –", übersetzte Welldone und folgte dem Blick seines Großvaters zu dem silbernen Ei in Skannes Händen.
„Dann rücken Sie raus damit!", verlangte Scrimgeour. „Und zwar schnell!"
Auch Skanne hatte Fugits Blick gesehen. „Ich glaube, ich weiß, was er meint", sagte er, und ein winziges, kaltes Lächeln erschien auf einmal um seine Mundwinkel. „Also, sagen Sie mir, wie das hier funktioniert, Fugit! Wie kommt man ins Land der Verlorenen?"
„Er soll die Waffe ausschalten, Brian!", zischte Scrimgeour. „Sonst nichts! Fragen Sie ihn das! Holen Sie es aus ihm –"
Und dann schnitt ihm der Laut das Wort ab, vor dem Hermione sich schon die ganze Zeit gefürchtet hatte: Der heulende Aufschrei wiederholte sich, schwoll an, steigerte sich in der toten Luft dieses kleinen Platzes zu unerträglichen Höhen. Sie schrie auf, presste die Hände auf die Ohren und verkroch sich in die Arme, die sie immer noch hielten. Um sie herum kam alles in Bewegung – die Männer taumelten auseinander, duckten sich instinktiv unter dem Lärm, suchten nach ihren Ohrenschützern. Skanne packte den Seifenbläser und zog ihn mit sich zu dem Stundenglas; Scrimgeour folgte ihnen. Nur Ron – Ron mit ihrem Schal um den Kopf verlor das Wesentliche nicht aus den Augen. Er wickelte Harry den Tarnumhang um die Ohren und schleifte ihn dann auf den Gang zu –
Auch ihr wurde etwas über die Ohren gestülpt, und das dämpfte die Szene kurzfristig zu einem beinahe stummen Durcheinander, aber am Beben des Bodens und der Wände, das mit jeder Sekunde stärker auf sie übergriff, konnte das nichts ändern. Welldone zog sie an den drei Männern vorbei, die um den brüllenden Alraunenkristall herumstanden, holte Ron ein und hob den Zauberstab, vielleicht, um ihm endlich mit einem Mobilcorpus zu helfen –
Hermione fühlte, wie eine fürchterliche, bedrohliche Schwingung sie erfasste, die ihre Lungen zerquetschen, ihre Knochen sprengen wollte und alles Denken unmöglich machte. Sie rang nach Atem und versuchte mit weit aufgerissenen Augen zu erkennen, was sich um sie herum abspielte.
Was da plötzlich vor Skanne in der zitternden Luft schwebte, sah verblüffend so aus wie das Uhrwerk der Spieluhr!
„Erklären Sie … muss ich tun?", schrie Skanne. „Wie …?!"
Seine Stimme ging in dem heulenden Inferno unter, das aus den Kristallkolben über sie alle hinwegschwemmte. Der Lärmpegel erreichte eine Ebene, dem die Ohrenschützer nicht mehr gewachsen waren; es war schlimmer, viel schlimmer als zuvor im Schacht. Sie sah, wie Scrimgeour noch zu zaubern versuchte, wie er dann aber mit verzerrtem Gesicht den Zauberstab fallen ließ und die Hände auf seine Ohrenschützer presste. Nur Skanne starrte immer noch konzentriert auf das seltsame Uhrwerk, das durch den aufwehenden Steinstaub funkelte. Dann schien sich mit einem Mal die Atmosphäre um ihn und den Seifenbläser herum zu verdichten. Der Staub dort schlingerte wie in einer großen, transparenten Blase.
Hermione sah Scrimgeours entsetzte, verständnislose Miene, sah ihn etwas schreien. Skanne hatte das Stundenglas jetzt mit einer Hand gepackt, die andere Hand hob er wie zum Gruß zu Scrimgeour hin. Ein wilder Strudel erfasste den Steinstaub um die beiden Männer. Dann waren Skanne und Fugit verschwunden.
Im selben Moment riss der alles erschütternde Lärm ab. Hermione wischte sich die Ohrenschützer vom Kopf – tatsächlich Stille! Herrliche, wunderbare Stille! Mochte der geflieste Boden auch noch beben und ächzen, mochte es oben noch krachen und rumpeln, mochte auch ein seltsamer Ton in den Wänden singen – hier jedenfalls legte sich die Stille wie Honig über ihre gequälten Ohren. Oder war sie jetzt taub? Nein, da war Scrimgeours Stimme. Wenigstens ein paar Worte drangen durch den singenden Laut hindurch zu ihr. „Was – das? Wohin – Wahnsinnigen?"
Dann eine andere, fast erstickte Stimme. „Es ist nicht erblich", verstand Hermione und sah auf. Welldone versenkte sein Gesicht in ihrem Haar. „Bestimmt nicht erblich –"
Sie legte eine Hand auf seinen Kopf, an seine Wange. „Bitte –", fing sie an, aber sie wusste nicht, worum sie bat, und dann war es auch nicht mehr wichtig. Alles, was wichtig war, war bei ihr. Für einen kurzen Moment schien alles klar und einfach zu sein.
Steinstaub rieselte von der Decke auf sie herab. Scrimgeour taumelte hustend zu der Stelle hin, an der Skanne und der Seifenbläser eben noch gestanden hatten. „Das Gerät ist auf jeden Fall weg", vermerkte er das Offensichtliche, während er die Ohrenschützer aus seiner Haarmähne zerrte. „Wo immer er es hingebracht hat. Und ich hoffe doch sehr, wir erfahren das noch. Aber das Beben lässt nicht nach, spüren Sie das auch?"
„Resonanz – das ist Resonanz", sagte Welldone. „Die lässt alles schwingen, auch wenn das Ding weg ist – wir müssen hier raus – alle müssen raus aus dem Ministerium –"
„Dann schnell!"
Hermiones Blick fiel auf Ron, der mit Harry gestürzt war und jetzt neben ihm am Boden kauerte. Harry lag da wie eine zerbrochene Puppe. Harry, der dieses verdammte Gerät erst geborgen hatte, der dafür sein Leben riskiert hatte, wieder einmal! Jetzt lag er da, kaputt und vergessen, hatte ausgedient – für Scrimgeour nichts als ein ärgerlicher, unberechenbarer Faktor in seiner Rechnung – wieder einmal …
Ron zog ihn auf die Füße, und einen Moment lang sah es so aus, als könnte er zumindest stehen, aber dann schwankte er wieder und wäre gefallen, wenn Ron ihn nicht festgehalten hätte. Ächzend hievte er ihn sich wieder über die Schulter, versuchte einen Schritt, taumelte, seine Knie wollten nachgeben, und er stützte sich an der Wand ab.
„Jemand muss mir mit Harry helfen!", krächzte er. „Ich kann ihn nicht mehr allein tragen!"
In diesem Moment liebte Hermione ihn. Dafür, dass er bei Harry war, dass er ihn nicht verlassen hatte, während sie –
„Weasley, alles in Ordnung mit Ihnen?" Scrimgeour tippte Harry mit dem Zauberstab an und brachte ihn zum Schweben. „So geht es leichter. Er lebt doch noch, ja?"
Ron nickte. Er ließ Harrys Arm nicht los und zog ihn mit sich, was den Anblick etwas erträglicher machte. Dennoch konnte Hermione es nicht mit ansehen. Sie drehte ihren Kopf aus Dorians Händen und trat einen Schritt zurück.
„Welldone, los, raus hier!", rief Scrimgeour ungeduldig. „Jetzt kommen Sie schon!"
„Hermione –"
Aber sie lief schon hinter Ron und Harry her. „Wartet! Ron, warte auf mich! Harry – Harry!"
„Hör auf zu heulen", sagte Ron grob.
Sie umklammerte eine von Harrys schlaff herabhängenden Händen. „Ich muss mit Dumbledore reden!", sagte sie. „Ich muss sofort mit Dumbledore reden!"
