Pünktlich zum Feiertag geht's mit dem nächsten Kapitel weiter. Wie immer ein großes Dankeschön an meine fleißigen Reviewer! °butterbier verteilt°
Und ein paar vorwurfsvolle Blicke an die Schwarzleser, weil mich die Klicks im Verhältnis zu den Reviews bei jedem Kapitel aufs Neue umhauen… Ich beiße nicht, versprochen! ;)
Viel Spaß beim nächsten Kapitel!


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My soul is crying.
All that I want is stillness of heart
so I can start to find my way
out of the dark.

(Lenny Kravitz – Stillness of heart)


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Kapitel 36 – Alter Ego

Nachdem Hermine geduscht und sich umgezogen hatte, stellte sie sich an ihr Fenster und ließ ihre Blicke über die in hochsommerliches Licht getauchten Ländereien von Hogwarts wandern. Es ging bereits auf neun Uhr zu, doch Ginny und Harry waren noch nicht ins Schloss zurückgekehrt. Hermine konnte die beiden nun am See sitzen sehen und ein schiefes, wenn auch nervöses Lächeln erschien auf ihrem Gesicht.

Sie band sich ihre noch leicht feuchten Haare halb zurück und machte sich dann auf den Weg nach unten. Das Gespräch würde zweifellos irgendwann auf sie zukommen und gerade jetzt war sie von Snape als Mann überzeugt genug, um ihn vor Harry zu verteidigen.

Ein leichtes Summen war auch nach dem Duschen in ihrem Körper verblieben und Hermine setzte alles daran, es zu bewahren. Es fühlte sich zu gut, zu willkommen an, um freiwillig darauf zu verzichten.

Die Fette Dame achtete inzwischen nicht mehr auf den Durchlauf, den der Gryffindorturm trotz der Ferienzeit hatte. Sie hatte es sich mit zwei weiteren Damen bequem gemacht und spielte eine Runde Skat. Hermine versuchte gar nicht erst, herauszufinden, ob sie um irgendwelche Einsätze spielten. Das waren Informationen, die sie nicht haben wollte. Außerdem hatte sie Angst letztendlich selbst als Einsatz zu enden – in welcher Form auch immer.

Dennoch war die Versuchung groß, einen Umweg hinunter zum See zu machen. Jede Minute, die sie sich von dem Gespräch mit Harry abhalten konnte, schien gewonnene Zeit zu sein. Nur ihr Verstand schaffte es, über diesen Drang zu siegen und sie davon zu überzeugen, dass es alles andere als gewonnene Zeit wäre. Es wäre Verschwendung einer Freundschaft und besonders momentan sollten sie nicht länger warten, um sich endlich wieder aufzuraffen.

Hermine atmete tief die frische Luft ein, als sie das Schlossportal verließ, und ihre Schritte wurden seltsam beschwingt. Der Rasen unter ihren Füßen fühlte sich gut an und die allmählich untergehende Sonne sandte warme Strahlen über ihre in diesem Jahr noch viel zu blasse Haut. Sie sollte mehr nach draußen gehen, so viel stand fest. Leider lagen ihre Interessen und Pflichten in diesem Sommer eher in den Kerkern als auf den Ländereien.

Hermine spürte ein wenig Wehmut aufsteigen, als sie Harry und Ginny erreichte. Die Rothaarige saß auf seinem Schoß, hatte die Arme um seinen Hals gelegt und küsste ihn verlangend und liebevoll. Die Ältere schluckte erst angestrengt, dann räusperte sie sich und hoffte, dass sie aus dieser Situation irgendwie wieder herauskommen würde.

Ginny blinzelte und sah zu ihr auf, allerdings ohne sich von Harry zu lösen und nicht mal im Mindesten verlegen. Erst als sie Hermine erkannte, riss sie sich von den Lippen des Jungen los und grinste sie mit glasigen Augen an. „Hey Hermine! Komm her und setz' dich zu uns", forderte sie sofort auf, doch Harry schien davon etwas überrumpelt zu sein.

Er versuchte sich, so gut es ging, zu Hermine umzudrehen und Ginny half nicht gerade dabei, dass ihm das gelang. Ein leicht panischer Blick lag in seinen Augen und schließlich tat Hermine ihm den Gefallen und ging zu ihnen. Mit beinahe um Erlaubnis bittenden Blicke ließ sie sich vorsichtig in den Schneidersitz nieder und Harry lächelte, anscheinend unsicher, was er von dieser Situation jetzt halten sollte.

„Hallo Hermine", grüßte er schließlich und lief rot an.

„Hey." Sie spielte mit ein paar Grashalmen und zog sie aus dem Boden, was diese dazu veranlasste, empört aufzuheulen und sich lauthals zu beschweren. Nun noch sehr viel roter im Gesicht presste sie ihre Hand auf den Boden und nuschelte unverständliche Flüche. Sie hasste diesen Zauber, der auf dem Großteil des Rasens lag. Und vor allem hasste sie es, wenn sie ihn vergaß.

Ginny kicherte amüsiert. „Bei Merlin, ihr beiden seid ja so nervös... Ich glaube, ich lass' euch erstmal alleine und wenn ihr euch ausgesprochen habt, können wir zusammen was essen, hm?" Sie kletterte umständlich von Harrys Schoß und erstickte seine Antwort mit einem letzten Kuss. Dann wandte sie sich ab und verschwand in Richtung des Schlossportals.

Hermine sah ihr sehnsüchtig hinterher. Es gefiel ihr gar nicht, dass sie jetzt hier mit Harry alleine saß und keiner von beiden wusste, was er sagen sollte. Ihr Gegenüber setzte sich schlussendlich erstmal anders hin, zu Hermines Erleichterung mehr ihr zugewandt.

„Tja...", sagte sie schließlich – dieser Anfang kam ihr beinahe wie ein Déjà vu vor – und sah verstohlen zum See hinüber. Der Kraken kraulte munter durch die sanft plätschernde Oberfläche und schien ihr schadenfroh zuzuwinken. Sie hasste dieses Vieh, gerade jetzt noch sehr viel mehr als sonst.

„Ja", stimmte Harry zu und folgte ihrem Blick.

„Er verspottet uns", stellte Hermine mit schmalen Augen fest und Harry nickte zustimmend.

„Wahrscheinlich." Er griff die Ironie, die sie in ihre Bemerkung gelegt hatte, nicht wirklich auf und begann nun seinerseits mit dem Gras zu spielen, allerdings ohne es herauszuziehen.

„Danke für das Denkarium", sagte er schließlich und Hermine nickte.

„Gern geschehen." Sie schien mit ihrer Vermutung, dass seine Beziehung zu Ginny wirklich in Gefahr gewesen war, richtig zu liegen, denn er senkte betreten den Blick.

„Hast du etwas mit dem Ritual anfangen können?", verlagerte er sich dann erstmal auf ein weniger gefährliches Thema.

Hermine überlegte einen Moment, ob sie ebenfalls die gefährlichen Themen vermeiden sollte, entschied sich dann aber dagegen. Sie mussten es endlich hinter sich bringen, egal, welche Konsequenzen es haben würde. „Ja, habe ich. Professor Snape und ich arbeiten an einem Trank, der Voldemort wieder in seine Rauchgestalt zurück zwingt. Wir sind noch nicht sehr weit, aber wir haben auch erst heute angefangen. Es ist kompliziert..." Das war mehr, als sie eigentlich hatte sagen wollen. Ginny hatte Recht, sie war nervös.

Harry nickte mit hochgezogenen Augenbrauen. „Hermine, ich habe alle Erinnerungen gesehen."

Sie erstarrte für einen Moment, dann: „Gut. Oder nicht?" Sie wand sich hilflos unter seinen Blicken und hoffte, dass er endlich etwas sagen würde, das ihr einen Eindruck über seine Meinung gab. Sie hielt es nicht mehr lange aus.

„Ich weiß es nicht. Warum hast du mir das geschickt?"

Sie sackte in sich zusammen, dann zuckte sie langsam mit den Schultern. „Ich denke, ich wollte, dass du ihn ein bisschen durch meine Augen siehst. Damit du verstehst, warum ich ihm helfe..."

„Warum du ihn liebst?"

War es wirklich so vermessen gewesen zu glauben, er hätte es nicht bemerkt? Sie nickte resignierend.

„Ich fürchte, das werde ich nie verstehen, Hermine. Er hat Dumbledore umgebracht und noch mehr. Und er wird weiter Menschen töten. Ich kann nicht verstehen, warum du ihm hilfst."

Das war nicht besonders ermutigend, aber sie sagte sich immer wieder, dass Harry sich zumindest Gedanken gemacht haben musste. Sonst hätte er sich nicht auf ein Gespräch mit ihr eingelassen. „Vielleicht reicht es ja auch, wenn du es akzeptierst. Glaube mir, wenn ich könnte, würde ich weiterhin diesen Trank nehmen, aber du hast ja gesehen, was passiert ist. Über längere Zeit eingenommen, ruft er eine Vergiftung hervor und ich möchte das ehrlich gesagt nicht noch einmal erleben."

Er nickte leicht. „Ja, das kann ich verstehen." Er sah sie nachdenklich an, schien Dinge in seinem Kopf zu wälzen, die er bisher immer rigoros beiseite gedrängt hatte. Und ihm schien nicht zu gefallen, was dabei herauskam. „Erwidert er deine Gefühle?", fragte er schließlich und schien sich damit auf die letzte Hoffnung, nämlich eine einseitige Liebe, zu stürzen.

Erneut wog Hermine ab, was sie ihm sagen sollte. Wahrheit oder Lüge? Schließlich nickte sie langsam. „Ich denke schon."

Harry runzelte die Stirn. „Was meinst du damit?"

Sie seufzte gequält. „Harry, er ist mein Lehrer. Er weiß sehr gut, dass er keine Beziehung mit mir führen kann, solange ich hier zur Schule gehe. Es sind... Dinge geschehen, die mich sicher sein lassen, dass ich... ihm etwas bedeute. Aber es geht nicht. Noch nicht..." Sie verknotete mit leicht rosa Wangen ihre Hände ineinander.

Hermine konnte an Harrys Gesichtsausdruck erkennen, dass er gerne noch mehr gefragt hätte, noch intimer. Aber offenbar hielten ihn Anstand und Ekel zurück. Sie war dankbar dafür. „Du wirst dich also nicht von ihm abbringen lassen?"

Sie schüttelte den Kopf. „Er steht auf unserer Seite, Harry. Irgendwann wirst du es auch sehen."

Er schnaubte abfällig. „Ich würde dafür nicht meine Hand ins Feuer legen."

„Ich schon." Ein sturer Ausdruck legte sich auf ihre Augen und insgeheim fragte Hermine sich, wo sie diesen heute noch auftrieb. Sie war so erschöpft und müde von der Arbeit im Labor. Und gleichzeitig so unglaublich zufrieden.

Er seufzte. „Ich hoffe, du wirst dir nicht die Finger verbrennen."

„Das werde ich nicht." Ihre Worte klangen so abschließend, dass Harry es nicht wagte, darauf noch etwas zu erwidern. Er wurde still und blickte auf den See hinaus. „Wie geht es Ron?", fragte Hermine schließlich und hoffte, dass sie bei diesem Waffenstillstand bleiben konnten. Dass es niemals wieder dieses vertraute Band der Freundschaft zwischen ihr und Harry geben würde, damit musste sie sich wohl abfinden. Aber sie wollte ihn nicht gänzlich verlieren.

„Gut. Er ist froh, dass er vorerst nicht zur Schule muss." Harry grinste und Hermine verdrehte die Augen.

„Ihr kommt also Ende der Woche beide nicht hierher zurück?"

„Nein. Es gibt Wichtigeres."

Hermine holte tief Luft. „Versprichst du mir, dass ihr das letzte Jahr nachholen werdet, wenn das alles vorbei ist?"

Er nickte prompt. „Sicher. Wenn ich dann noch lebe."

Hermine wurde blass. „Soweit darfst du nicht mal denken, Harry!" Ihre zitternde Hand wischte ein paar Haarsträhnen hinter ihr Ohr.

„Ich muss soweit denken, Mine." Dass er ihren Kosenamen benutzte, ließ sie sich gleich viel besser fühlen. „Ich habe den Tod ständig vor Augen und du kennst die Prophezeiung: ‚Denn keiner kann leben, während der Andere überlebt.' Entweder Voldemort oder ich. Damit muss ich mich abfinden."

Sie musste sich sehr anstrengen, den Kloß in ihrem Hals zu schlucken. „Ich werde alles dafür tun, dass es Voldemort ist, der diesen Krieg nicht überlebt." Einem plötzlichen Impuls folgend griff sie nach seiner Hand und führte sie an ihre Lippen, erinnerte ihn daran, dass sie diese Worte ebenso ernst meinte, wie die Vorwürfe, die sie ihm am Ende des letzten Schuljahres unfreiwillig gemacht hatte. „Ich will dich nicht verlieren, Harry!", flüsterte sie dann leise und nun liefen doch ein paar Tränen über ihre Wangen.

Der Dunkelhaarige sah diesen überraschenden Ausbruch von Gefühlen hilflos mit an und als Hermine den Blick zu ihm hob und ihm einen unverfälschten Blick in ihre Augen ermöglichte, sah er so viel Schmerz, Einsamkeit und Wut darin, dass er unterdrückt keuchte. „Hermine, was ist eigentlich los?", flüsterte er erstickt und legte eine Hand an ihre Wange.

„Nichts…" Harry verzog missmutig das Gesicht, weswegen Hermine fortfuhr: „Es ist dieser ganze Krieg und der Stress und die Arbeit für den Orden und seitdem ich gestern deine Erinnerung gesehen habe, frage ich mich, wie du das alles durchstehst und noch genug Kraft aufbringst, um weiter zu kämpfen." Sie musste nach Luft schnappen und lehnte sich weiter nach vorne, um den Kontakt zu Harrys Hand nicht zu verlieren.

Harry lachte bitter auf. „Ich frage mich gerade, wo ich die Kraft hergenommen habe, mich auf diesen Streit mit dir einzulassen."

Hermine fiel in sein Lachen mit ein und kämpfte sich auf die Knie, um ihn zu umarmen. „Ich weiß es nicht. Aber ich fänd's schön, wenn wir damit aufhören könnten", sagte sie bittend an seinem Ohr und er nickte.

„Das klingt unglaublich gut, ja..."

Nach ein paar Augenblicken löste sie sich von ihm und wischte eilig die trocknenden Tränen aus ihrem Gesicht. „Jetzt seh' ich bestimmt total verheult aus und Ginny denkt, du hast wer weiß was mit mir gemacht, wenn wir reingehen."

Daraufhin lachte Harry ehrlich amüsiert. „Wir können ja noch warten."

„Nein, sonst gibt sie nachher noch eine Vermisstenanzeige auf. Außerdem wird es bald dunkel und wir sollen uns nachts nicht mehr auf dem Gelände rumtreiben."

„Sagt wer? Snape?"

Hermine verdrehte die Augen. „Nein, Professor McGonagall! Und selbst wenn es Snape gewesen wäre, hätte er Recht damit gehabt."

„Ja, stimmt ja", gab Harry zerknirscht zu und Hermine nickte nachdrücklich. „Dann lass' uns gehen und was essen. Ich bekomm' allmählich echt Hunger."

Hermine und er standen auf und machten sich auf den Weg zurück ins Schloss.


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Die letzten Tage der Sommerferien gingen an Hermine vorbei, als hätte es sie niemals gegeben. Alles schien ein einziges Durcheinander von Labor, Ginny, Dumbledore, Harry, Training und Büchern zu sein. Und sie war froh darüber. Verglichen mit den Wochen davor, in denen sie meistens aus lauter Langeweile gelesen hatte, waren diese letzten Tage mit Abstand das ereignisreichste, das sie nach Scarborough in diesem Sommer erlebt hatte.

Nachdem das Eis zwischen Harry und ihr dabei war zu schmelzen, tauchte der Dunkelhaarige beinahe täglich in Hogwarts auf und verbrachte Zeit mit Ginny und manchmal auch mit Hermine – sofern die Professoren Snape, Lupin und Dumbledore es zuließen. Sie war den Großteil des Tages mit Snape im Labor beschäftigt, doch wenn sie mit Harry und Ginny unterwegs war, kamen sie nie auf dieses Thema zu sprechen.

Harry mied es ebenso, wie sie selbst es tat. Das alles war zu aufregend, um so früh bereits wieder darüber zu sprechen. Zweifellos würde ihnen früher oder später keine andere Wahl bleiben und Snape hatte ihr schon in Aussicht gestellt, dass eher vermutlich zutreffender war.

Der Trank entwickelte sich zunehmend besser. Nach dem ersten Nachmittag blieb es vergleichsweise kühl und explosionslos im Labor und auch hier wurde ein Thema strikt gemieden – der Kontrollverlust vom ersten Abend.

Hermine hätte gerne darüber gesprochen und herausgefunden, was Snape darüber dachte, doch wie so oft bewies er auch dieses Mal ein ausgeprägtes Talent darin, ihr diese Dinge über sein Verhalten mitzuteilen. Er siezte sie konsequent, mied jeden allzu engen Kontakt zu ihr und hatte einem leicht herablassenden, wenn auch höflichen Blick auf sein Gesicht gemeißelt, den Hermine nicht auch nur ein einziges Mal verschwinden lassen konnte.

Das frustrierte sie zwar, aber es nahm zu ihrer Überraschung nicht ihr komplettes Denken ein. Sie musste sich auf den Trank und seine Fragen konzentrieren, auf die er keine andere als die richtige Antwort erwartete. Hermine hatte ihn mit ihrem Wissen zu Beginn der Testreihe so verwöhnt, dass es jedes Mal beinahe an einen kleinen Weltuntergang heranreichte, wenn sie falsch antwortete. Hin und wieder nutzte sie dies allerdings auch dazu aus, um ihn mal wieder aus seinem eintönigen Verhalten zu reißen und die Aufmerksamkeit auf ihre Person zu lenken.

Es gab nur eine einzige Gelegenheit, bei der Snape die angemessene Distanz zwischen Lehrer und Schüler durchbrach und bei dieser hatte Hermine es geschafft, eine Zutat etwas zu beschwingt in den Kessel zu geben, so dass es bedrohlich zu brodeln und zu schäumen begonnen hatte. Snape hatte sie entsetzt vom Kessel weggezogen und sie war direkt in seine Arme gestolpert. Nachdem er sich davon überzeugt hatte, dass es ihr gut ging, hatte er sie recht resolut zurechtgewiesen und ihr angedroht, sie nur noch theoretisch an diesem Projekt zu beteiligen, wenn sie nicht besser aufpasste.

Nicht dass es sie übermäßig gestört hätte, alleine in seinem Büro die Bücher zu studieren, während er seine Versuche durchführte; Hermine hatte sowieso die Theorie, dass ihr Lehrer nur so nervös und gereizt war, weil sie mit im Labor war. Doch sie hatte auch nichts dagegen, ihn allmählich an ihre Anwesenheit zu gewöhnen. Vielleicht würde er sie ja sogar vermissen, wenn sie einmal nicht mehr da wäre.

Und das waren die Momente, in denen sie es wirklich hasste, dass die letzten Tage so schnell an ihnen vorbeizogen. Bald würden die Schüler nach Hogwarts zurückkehren und es wäre unmöglich, dass sie mit dem festen Ziel der Kerker jeden Tag zu ihm ging und mit ihm arbeitete. Hermine vermutete, dass Snape deswegen immer nervöser wurde. Er wusste, dass sie diesen Trank so bald wie möglich beenden mussten, damit sie damit nicht in die Zeit des Schulbeginns gerieten.

Alles in allem waren es sehr aufregende und anstrengende Tage und das Beste, was Hermine aus dieser Tatsache zog, war noch die Tatsache, dass sie abends zu müde war, um lange nachzudenken. Sie schlief meistens schon ein, kaum dass sie sich hingelegt hatte, und wachte morgens erst wieder aus tiefem, traumlosem Schlaf auf.


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Am Freitagabend brauchte Harry besonders lange, um sich von Ginny trennen zu können. Gemeinsam mit Hermine saßen sie im Gemeinschaftsraum und genossen den letzten Abend, an dem sie die Ruhe und Entspannung hier erleben konnten.

„Ich glaube, man wird mich dieses Schuljahr fast nur auf meinem Zimmer antreffen", sagte Hermine nachdenklich, während ihre Blicke durch den weiten Raum schweiften.

„Warum das?"

Sie grinste verschmitzt. „Weil ich es mir da genauso ruhig und entspannend gestalten kann, wie es hier jetzt ist. Fehlt eigentlich nur der Kamin..." Sie runzelte nachdenklich die Stirn und rutschte mit ihrem Sessel noch ein kleines bisschen dichter zur Feuerstelle.

Ginny verdrehte die Augen. „Du wirst noch vereinsamen, wenn du so weitermachst."

„Ach was!" Hermine winkte ab. „Das wirst du schon zu verhindern wissen."

Harry lachte leise auf. „Und das ist auch gut so." Näher traute er sich an das Thema Snape allerdings nicht heran und ehe Ginny dazu kam, diesen letzten Schritt für ihn zu tun, küsste er sie rasch und brachte sie auf andere Gedanken.

Hermine wandte schief lächeln den Blick ab. In Momenten wie diesen vermisste sie es, dass sie mit Snape nicht genauso offen zusammen sein konnte. Und selbst wenn sie offiziell zusammen wären, worauf sie ehrlich gesagt noch nicht mal zu hoffen wagte, so würde er dies niemals öffentlich zeigen. Sie hatte ihr Herz an einen sehr verschlossenen, zurückgezogen lebenden Mann verschenkt und manchmal begann sie daran zu zweifeln, ob das wirklich so richtig gewesen war.

„Ich muss jetzt gehen", murmelte Harry schließlich schwermütig und Ginny seufzte.

„Kannst du nicht noch bleiben?"

„Es ist bald Mitternacht, Ginny", schaltete sich Hermine wieder ein. „Nicht, dass ich dich loswerden will, Harry, aber wenn du nicht bald gehst, behält Professor McGonagall dich schlichtweg hier."

„Das will ich nicht riskieren." Auf sein Gesicht schlich sich ein Ausdruck von leichter Panik und Hermine schüttelte missbilligend den Kopf.

„Professor McGonagall weiß noch nicht mal, dass du da bist. Schlimm genug, dass du ab jetzt gar nicht mehr kommen willst, da musst du nicht noch so früh abhauen." Und mit diesen Worten zog Ginny ihn resolut zu sich herunter und küsste ihn erneut; dieses Auf-andere-Gedanken-bringen funktionierte bestens in beide Richtungen, wie Hermine amüsiert festgestellt hatte.

„Er wird wiederkommen, Ginny." Die Brünette lächelte wissend.

„Ach, werde ich das?" Harry runzelte die Stirn.

„Oh ja." Sie nickte bekräftigend.

„Und warum?"

„Weil du es inzwischen keine zwei Tage ohne Ginny aushältst und weil Professor Snape angekündigt hat, dass er dich zur Vollendung des Rituals braucht." Ihr Gesichtsausdruck war ernst geworden, als sie ihm die letzte Information gab.

Harry setzte sich auf. „Warum?", fragte er erneut, dieses Mal allerdings irgendwie besorgt und gereizt klingend.

Hermine zuckte mit den Schultern. „Ich weiß noch nichts Genaues, aber ich denke, es hat damit zu tun, dass dein Blut im Ursprungstrank war. Wir sollen ihn umkehren, also spielst du zwangsweise eine Rolle." Sie sah ihn entschuldigend an und nach ein paar Augenblicken nickte er resignierend.

„Ich freue mich drauf", sagte er dann sarkastisch und erhob sich. „Also, bringt ihr mich noch runter?", wechselte er erneut das Thema und nachdem Ginny und Hermine ein paar schnelle Blicke ausgetauscht hatten, waren sie sich einig, diesen Wechsel kommentarlos mitzumachen. Sie nickten einverstanden und wenige Minuten später machten sich die drei auf den Weg zum Apparationsplatz.

Hermine betrachtete interessiert die Maserung des Zaunes, als Harry sich wenig später von Ginny verabredete und tat so, als würde es sie nicht im Mindesten stören. In Wahrheit kam sie sich schrecklich fehl am Platz und benachteiligt vor, vor allem weil Snape sie seit diesem Kuss am Dienstag so konsequent auf Abstand hielt.

Schließlich verabschiedete sich Harry auch von ihr, beschränkte sich dabei allerdings auf eine Umarmung. „Du solltest später nach Snape sehen", flüsterte er zu Hermines Überraschung an ihrem Ohr, so dass Ginny nichts mitbekam.

Hermines Augen weiteten sich und ihr Herz tat ein paar erschrockene Schläge.

Wie spät ist es? Kann ich Ginny noch nach oben bringen, oder muss ich gleich hierbleiben? Hat er die Münze benutzt? Will er mich überhaupt hier haben?

Severus...

Alles, was sie antwortete, war: „Okay."

Nickend löste Harry sich von ihr und kletterte dann über den brusthohen Zaun. Kurz darauf war er verschwunden.

Hermine sah hastig zur Uhr. Kurz nach Mitternacht. Es hatte nicht viel Sinn, jetzt noch einmal nach oben zu gehen. Sie könnte gleich wieder umdrehen.

„Kommst du?", fragte Ginny und klang leicht niedergeschlagen.

Hermine schüttelte den Kopf. „Ich kann nicht." Ihre Blicke sagten eindeutig ‚Frag nicht weiter nach!' und Ginny verstand.

„Soll ich oben auf dich warten?", bot sie an und erneut bekam sie ein Kopfschütteln zur Antwort.

„Ich komm schon klar. Außerdem weiß ich nicht, wie lange es dauern wird."

„Okay." Ginny hob kurz die Hand zum Abschied und verschränkte dann ihre Arme vor der Brust. Hermine folgte ihrer kleinen Gestalt mit den Augen, während sie zum Schloss hinaufging. Nachdem sie in der Eingangshalle verschwunden war, drehte Hermine sich wieder dem Zaun zu und begann nervös auf und ab zu laufen.

Es war dumm, einfach hierzubleiben. Snape hatte die Münze immer benutzt, wenn er sie hier haben wollte und sie war sich ziemlich sicher, dass sie heute stumm geblieben war. Sie sollte nicht hier sein. Sie sollte das, was es zwischen ihnen gab, nicht deswegen aufs Spiel setzen.

Und sie tat es trotzdem.


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Snape kehrte etwa zehn Minuten später zurück und Hermine war erleichtert, ihn aufrecht stehend zu sehen. Sie kam ein paar Schritte auf ihn zu, was seine Aufmerksamkeit auf sie lenkte. Überrascht wich er zurück.

„Miss Granger! Was tun Sie hier?" Seine Stimme klang ausgesprochen gereizt und ungehalten und als er nun die Hand hob, um seine Maske abzunehmen, konnte Hermine die schlanken Finger im schwachen Mondlicht glitzern sehen. Sie hinterließen dunkle Spuren auf dem Weiß der Maske.

„Was ist passiert?", fragte sie schockiert und mit geweiteten Augen, deutete dabei auf seine Hände. Beide hatte er leicht vom Körper entfernt gehalten und beide waren eindeutig mit Blut benetzt.

Snape folgte ihrem Blick und verbarg seine Arme rasch unter der Robe. „Das geht Sie nichts an! Und Sie haben meine Frage nicht beantwortet. Ich habe Sie nicht hergerufen, Miss Granger."

Immer noch erschrocken über den Anblick des Blutes, musste Hermine kurz den Kopf schütteln, um sich wieder zu besinnen. „Harry hat mich gewarnt. Sir, ist das Ihr Blut?" In ihrem Kopf pulsierte es und sie tat noch ein paar Schritte auf ihn zu. Kalte Angst durchflutete ihren Körper, sie musste wissen, was geschehen war.

„Würde ich dann noch aufrecht hier stehen?", erwiderte er scharf und tat die gleiche Anzahl Schritte von ihr weg.

Hermines Gedanken rasten. Wenn das nicht sein Blut war, war es das eines anderen Menschen. Entweder Snape hatte jemandem helfen müssen oder...

Auf seinem Gesicht stand ein Blick, den sie nicht wirklich zuordnen konnte. Seine Augen glänzten leicht, beinahe so wie an dem Abend, an dem er sie geküsst hatte; irgendwie leidenschaftlich und... erregt? „Sie haben gefoltert, nicht wahr?", stellte sie eher fest, als dass sie fragte und sah seine Maske aus Hass einen Moment wanken. Er schwieg. „Haben Sie jemanden gefoltert, Professor Snape?" Hermines Stimme war lauter geworden und zitterte unmerklich.

Schließlich nickte er mechanisch und schrie sie beinahe an: „Ja, das habe ich! Sind Sie jetzt zufrieden?" Die Ader an seinem Hals pulsierte.

Hermine schluckte und schüttelte den Kopf, während sie vor ihm zurückwich. „Hat es Ihnen Spaß gebracht?", schleuderte sie ihm im Affekt entgegen und konnte es in diesem Moment nicht bereuen. Sie wusste, dass es ihm natürlich keinen Spaß gebracht hatte! Sie fühlte es, sie kannte ihn. Er war kein wahrer Todesser.

Oder?

Snapes Augen verengten sich und er lächelte das dreckige Lächeln eines Todessers, eines Mannes, der keine Gnade kannte und der daran gewöhnt war, Gewalt anzuwenden. Hermine begann zu verstehen, warum er sie nicht hatte hier haben wollen. Er hatte nicht gewollt, dass sie ihn so erlebte, dass sie sah, wie viel Todesser noch in ihm steckte. War dieser kalte, grausame Mensch, dieser Anhänger Voldemorts, stärker als der Mann, den sie in den letzten Monaten kennen gelernt hatte?

„Und wenn es so wäre?", fragte Snape in diesem Moment und kam ein paar bedrohliche Schritte auf sie zu. Nun war es an Hermine zurückzuweichen und sie kam sich vor wie in einem obskuren Tanz. „Würde das Ihr Weltbild zerstören, Miss Granger?"

Hermine spürte, wie ein paar Tränen in ihre Augen stiegen. Sie erkannte den Mann vor sich nicht wieder. Sie wusste nicht einmal, ob sie ihn überhaupt wiedererkennen wollte. „Sie sind ein Bastard, Professor Snape!", flüsterte sie abfällig und verzog angewidert das Gesicht. Für einen Moment fixierte sie sein Gesicht noch, sah das Flackern in diesen dunklen Augen und bekam dennoch keine Reaktion. „Warum tun Sie das?"

Er schnaubte. „Was tue ich denn?"

„Sie verstecken sich hinter einer Maske aus Gewalt und Hass und zeigen keinem, wie Sie wirklich sind. Oder ist es umgekehrt? Verstecken Sie Ihren Hass und die Gewalt nur vor mir mit diesem Ausdruck verzweifelter Verletzung? Bringt es Ihnen Spaß, mich zu quälen?" Ihr Atem ging schnell. „Zu foltern?", fügte sie dann leise hinzu.

Das Flackern verstärkte sich und Snape schien leicht zu wanken. „Was soll das, Miss Granger? Beschweren Sie sich bei mir, weil ich so wenig vertrauenswürdig bin?" Er sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an. „Ich dachte, das hätten wir hinter uns..."

Sie schüttelte den Kopf. „Das haben wir nicht, Severus." Er erschrak sichtlich, als sie seinen Vornamen benutzte. „Ich will dir vertrauen! Ich will glauben, dass du auf der richtigen Seite stehst und mein Gefühl sagt mir, dass es so ist." Sie machte eine Pause. „Aber dann kommst du eines Nachts wieder, siehst so aus..." Sie deutete auf seine Hände. „... und mein Verstand sagt mir, dass es nicht so ist. Dass ich die ganze Zeit doch das dummes Mädchen gewesen bin, das auf die Illusion eines Mannes hereingefallen ist, den sie zu kennen glaubte."

„Was willst du von mir, Hermine?" Er klang verletzt, aber nichtsdestotrotz durchaus gereizt und diese Mischung machte ihn noch um einiges gefährlicher, als er bis eben gewesen war.

Sie beugte sich gefährlich weit zu ihm herüber; nur noch wenige Zentimeter trennten ihre Lippen von seinen, doch sie würde ihn heute nicht küssen. „Gib' meinem Verstand einen Beweis dafür, dass ich dir vertrauen kann."

Snape starrte sie mit mühsam beherrschter Wut an, schwieg allerdings erneut.

Schließlich wandte sie sich von ihm ab und lief zum Schloss zurück. Nicht ein einziges Mal drehte sie sich zu ihm um. Der Anblick dieses Todessers hatte sich tief in ihr Gedächtnis gebrannt.


TBC…


Ein Schritt vor und drei zurück... °träller°