Geschafft. Es ist tatsächlich das letzte Kapitel vor dem Epilog, es ist einen Tag vor Weihnachten und ich hab' mein Versprechen gehalten, die Story fertig zu posten. Uff ... einmal tief durchatmen auf der Zielgeraden!
Teil 37
Sarah ließ sich in den hinteren Teil des Wagens gleiten und zog es vor, zu schweigen. Abby stand an der Haustür, die Arme um sich geschlungen und in den Fingern die gefaltete Besitzurkunde. Sie würde nur noch zum Notar gehen müssen, Deans Unterschrift vorzeigen … und ihre eigene anstelle der seinen eintragen.
Alles war gut.
Oder?
Die Verabschiedung war merkwürdig gewesen. Aufgewühlt und beruhigt zu gleichen Teilen. Eine ähnliche Stimmung herrschte im Wagen. Aufbruchsstimmung. Abbruchsstimmung.
Gedankenverloren lenkte Dean den Impala durch die Straßen und Sam hatte den Kopf gegen die Scheibe gelehnt.
Sarah unterdessen hatte keinen Schimmer, was die beiden einander erzählt hatten, bevor sie die Autotür geöffnet hatte. Sie kannte das Gefühl, wenn Gespräche abbrachen, sobald sie auftauchte. Seit dem Tod ihrer Mutter war ihr das dauernd passiert.
Um ehrlich zu sein, interessierte es sie auch wenig. Ihr Magen hatte schon genug damit zu tun, den Tumult zu verarbeiten, den ihr Kopf sandte. Alles nur wegen dem Wissen, dass dieses „Auf Wiedersehen" nicht das Letzte war. So gerne sie es sich eingeredet hätte.
Der Flughafen war genauso laut wie bei ihrem letzten Besuch. Die Menschen rannten sich gegenseitig über den Haufen, stolperten über Gepäckstücke und saßen auf den Stühlen, auf Bänken, lehnten an Säulen - völlig ausgelaugt von langen Fahrten, Flügen, dem frühen Aufstehen … wusste der Geier wovon noch.
Trotzdem waren sie … zufrieden.
Zum allerersten Mal nahm Sarah die Atmosphäre anders wahr. Sie sah das ältere Pärchen am Kiosk lachend die Köpfe über einer Postkarte zusammenstecken und die Hand, die er um schützend um ihren Ellenbogen gelegt hatte, um sie zu stützen. Zwei Teenager auf den Plastikbänken; der Kopf des braunhaarigen Mädchens lag auf dem Schoß ihres Freundes und er hielt den Reiseführer so, dass sie von ihrer Position aus mitlesen konnte. Wenige Meter weiter schob eine Mutter ihren Sohn auf die Schultern seines Vaters und wurde mit einem vergnügten Quietschkonzert belohnt. Zwillinge, keine fünfzehn Jahre alt, die lachend auf etwas in einem Magazin deuteten und dafür mit einem irritierten Blick ihres anscheinend großen Bruders bedacht wurden.
Nie war ihr die Vielfalt an Liebe und Familie größer vorgekommen als jetzt.
Sarah biss sich auf die Unterlippe.
Und da war auch noch das Paar, das sich eng umschlungen hielt und sich von all der Hektik um sich herum nicht stören ließ. Ab und zu nickte einer von beiden in stillem Einverständnis.
Langsam schob sie sich durch eine Reihe von anstehenden Leuten vor dem Check-In-Schalter, wo sie Sam und Dean sehen konnte. Eher Sam, denn er überragte die meisten großen Leute um einen guten halben Kopf.
Ihr blieb noch ein ganzer Flug und vielleicht ein oder zwei Tage – möglicherweise drei, bis Dean an der Universität ankam und Sam mit dem Auto einsammeln würde.
Jedenfalls dachte sie das so lange, bis sie Sams Gesicht deutlich erkennen konnte. Eine dumpfe Vorahnung spannte ihre Muskeln schmerzhaft an.
„Sam …?", fragte sie zögerlich, schloss die Lücke zwischen ihnen, damit nicht andauernd ein Reisender den Durchgang nutzte und hätte sich für ihren fast bettelnden Tonfall schlagen mögen. Sie bettelte nicht. Vieles, aber nicht betteln.
„Ich werde mal irgendwo einen Kaffee auftreiben –„ Ob Dean sich nun abseilte, um ihnen Privatsphäre zu geben oder um das Kommende nicht miterleben zu müssen blieb dahingestellt.
Sarah murmelte ein abwesendes Danke und war nicht abgeneigt, einfach einen Schritt zurück zu gehen, als Sam sie am Handgelenk griff. Es war seine verletzte Hand, sie konnte die Narbe an der Handinnenfläche fühlen und schauderte.
„Sarah, ich …"
Mit einem Mal wich die Anspannung aus ihr und ihren Schultern sackten herunter. Wie gerne hätte sie Unrecht gehabt. Stattdessen schüttelte sie den Kopf und hob die Hand, legte die Fingerspitzen auf Sams Lippen. „Schon gut."
Sie würde nicht in Tränen ausbrechen. Nicht solange er sie sehen konnte. Warum gingen alle Menschen, die sie mochte … liebte?
„Ich kann Dean nicht alleine lassen", versuchte er es trotzdem, doch Sarah wollte nicht hören, was sie bereits wusste. Dean war ein nervliches Wrack, so gut er sich auch unter Kontrolle und seine Emotionen unter einem Deckmantel versteckt hatte.
Sie biss sich auf die Unterlippe und nickte abgehackt. „Dann kommst du nicht mit?"
„Nein." Sam wand sich regelrecht um diese Aussage, aber Sarahs Mitgefühl hielt sich in Grenzen. Sie wusste, dass die Beziehung zu Dean in Sams Leben an erster Stelle kam. Sie hatten das schon einmal durch. Warum verliebte sie sich immer in die falschen? Seufzend strich sie sich die Strähnen aus dem Gesicht.
„Was ist mit deinen Sachen?", fragte sie, um den peinlichen Moment der Stille zu überbrücken, blinzelte heftig und schob die Hände zu Fäusten geballt in die Taschen.
„Ich hole sie, sobald ich Gelegenheit dazu habe."
„Wenn du willst, packe ich sie für dich", schlug Sarah wider besseres Wissen vor und fühlte sich, als würde man sie auseinanderreißen. Sie wollte nicht sauer sein und wie ein kleines, klettendes Weibchen wirken, aber sie war wie vor den Kopf geschlagen und klar denken fiel ihr schwer.
„Es ist nicht viel."
„Gib mir einfach den Schlüssel. Ich erledige das und wenn ich fertig bin werfe ich das Ding in den Briefkasten des Vermieters. Wenn du … Gelegenheit hast, hol die Sachen. Ich werfe sie schon nicht weg." Oh, toll. Nun klang sie auch noch tödlich beleidigt. Verdammt!
„Sarah … es tut mir Leid."
Mit einer abwehrenden Geste trat sie rückwärts. „Hör auf, okay? Ich hätte wissen müssen, dass es darauf hinaus läuft und ich weiß, dass es keinen Grund gibt, sauer zu sein. Dean braucht dich – das kann ein Blinder sehen. Es ist nur …" sie schüttelte den Kopf, nicht fähig, weiter zu sprechen.
„Nur was?"
Ja, was? Dass sie ihn auch brauchte? Als Freund, als Partner? Dass sie sich das erste Mal seit Monaten wieder normal fühlte und nicht, als hätte sie ein Zerbrechlich-Schild auf der Stirn?
„Ich werde dich vermissen", schloss sie und sagte damit alles, was ihr im Kopf herum schwirrte. „Und ich weiß, dass es dir Leid tut."
Sie wollte rennen. Weglaufen. Verzweifelt blinzelte sie in die Neonröhren an der Decke und schluckte hart gegen den Kloß in ihrem Hals an. Mist verdammter!
Dean blieb in einiger Entfernung stehen, die Hände tief in die Taschen geschoben, während er beobachtete, wie Sam die kleinere Gestalt zu sich zog.
Wenn er gekonnt hätte, dann hätte er Sam gesagt, er solle bleiben. Die Uni beenden, bei Sarah bleiben und erst dann entscheiden, was er tun wollte. Er wollte sich weismachen, damit kein Problem zu haben.
Die Wahrheit aber war, dass er sich damit selbst belogen hätte. Er war dankbar für das Opfer, das sein Bruder brachte. Dankbar, obwohl er es nie ausgesprochen hätte. Die abgedroschene Formulierung in seinem Kopf, ließ ihn bitter lächeln: Er erinnerte sich an das letzte Mal, als er diese Dankbarkeit für jemanden verspürt hatte, als wäre es gestern gewesen.
-S-S-S-
Dienstag, 11. November 2003
Die Zahlen auf seiner Digitaluhr sprangen um. Aus einem 3:59 Uhr wurde ein rundes 4:00 Uhr.
Morgens.
Zitternd zog Dean den Ärmel zurück an seinen Platz, verdeckte damit die unmögliche Tageszeit, zu der sich niemand draußen aufhalten sollte. Schon gar nicht in Salol, Minnesota. Ein Ort, bei dem überhaupt fragwürdig war, wie die paar alten Baracken zu ihrem Namen gekommen waren.
Minnesota im November. Wie konnte ein normal denkender Mensch sich das zumuten? Die Temperatur lag ungefähr bei gefühlten 20 °C Minus – obwohl das Thermometer von ein paar mehr gesprochen hatte. Der Schneesturm ein paar Stunden zuvor war abgeebbt, nur noch vereinzelte Windböen krochen unter seine Lederjacke, zerrten an ihm und ließen ihn fröstelnd zurück. Ein paar Schneeflocken trieben ihm ins Gesicht. Sie schmolzen nicht.
Kälte spürte er schon lange nicht mehr. Seine Finger waren Eisklumpen, die Zehen taub, die Heizung des Impalas seit geraumer Zeit tot.
Wenn Dean ehrlich war – dann war ihm all das völlig gleich.
Müde hob er die Hand mit den fast blau angelaufenen Fingern und klopfte gegen das verwitterte Holz der Moteltür.
Noch so ein fragwürdiges Ding … was machte ein Motel im Nirgendwo? Konnte man von diesem Geld überhaupt überleben?
Jeder Gedanke war ihm recht. Jeder. Nur keiner, der sich mit ihm beschäftigte.
Völlig überstürzt war er abgereist, nachdem er erledigt hatte, wozu er gezwungen gewesen war. Er dachte an all die Sachen, die er hatte stehen lassen. Dinge, die er nicht mitnehmen wollte. Mit dem Impala war er auf und davon, 35 Stunden reine Fahrt, 3000 Kilometer quer durch die USA; Oregon, Idaho, Montana, North Dakota …
Der Schnee hatte ihn aufgehalten. Immer wieder musste er anhalten, neue Wege suchen, gegen Blitzeis ankämpfen.
Der Kaffee fehlte ihm, inzwischen war er soweit, selbst im Stehen einzuschlafen.
In drei Tagen hatte er die Strecke zurückgelegt, kein Motel genommen, nur zum Tanken und für ein paar Stunden Schlaf auf dem Rücksitz angehalten. Er hatte nichts gegessen – vorrangig aus dem Grund, kein Geld mehr zu haben. Zehn Kilometer mehr und sein Wagen wäre in der nächsten Schneewehe stecken geblieben und es wäre ihm so egal gewesen …
Dean lehnte die Stirn an das Holz, klopfte erneut und schloss die Augen.
War die ganze Fahrt umsonst gewesen?
Kleine Dreiecke tauchten hinter seinen Lidern auf, malten Muster, wurden größer und kleiner. Schwindel erfasste ihn und seine Kehle wurde enger. Sein Gleichgewichtssinn verabschiedete sich ins Nirwana und Dean griff nach dem Türknauf, um einen Halt zu finden.
Just in dem Moment, als sich genau der langsam drehte.
Dean stolperte und riss den Kopf hoch, um seinen verschwommenen Blick auf die Person zu fokussieren, deren Gesicht im Türspalt auftauchte.
Auf Bauchhöhe begrüßte ihn für den Sekundenbruchteil eine Waffe.
Fast blind stabilisierte Dean seinen Stand.
„Dean?"
Er wollte antworten, doch seine Stimme brach noch vor dem ersten Wort. Stattdessen fuhr er sich mit der Hand über den Mund und schüttelte den Kopf.
„Dean."
Die Pistole wurde gesichert und auf etwas Hölzernes gelegt. Obwohl Dean nicht einmal mehr die einfachste Rechenaufgabe lösen konnte funktionierten die ihm antrainierten Instinkte völlig normal.
Musste das Adrenalin sein.
„Junge, was ist los?"
Sie war tot.
Sie war tot.
Sie war …
Er brachte es nicht über die Lippen.
„Dad …?", fragte er stattdessen heiser. Die Verzweiflung in seinem Ton musste den Ausschlag gegeben haben, denn statt unglaublich vieler Fragen trat John näher und zog ihn einfach zu sich. „Ist schon gut."
Nichts war gut.
Würde es nie sein.
Aber Dean war bereit, sich den einlullenden Worten einfach hinzugeben. Loszulassen und sich in dem zu ertränken, was ihm seit Monaten die Kraft raubte.
Sie war tot. Rachel war tot und sie würde nie wieder zurück kommen. Sein verdammtes, altes, abgefucktes Leben hatte ihn wieder.
Dean biss sich so hart auf die Lippe, bis er den metallisch-süßlichen Geschmack von Blut im Mund hatte und verbarg sein Gesicht einfach in den Falten des Flanellhemdes seines Vaters. Er wollte die Welt nicht mehr sehen. Sie hatte nichts mehr für ihn.
Sie hatte ihm alles genommen.
Seine Augen brannten wie Feuer. Jede Träne, die es schaffte, seinen Augenwinkeln zu entkommen hinterließ eine heiße, schmerzende Spur auf seiner kalten, rissigen Haut.
Es war nichts im Vergleich zu dem Tumult, den sein Herz jetzt startete. Gespickt mit eisigen Nägeln, Stacheldraht und wummernd wie ein außer Kontrolle geratener Presslufthammer.
Ein letztes Mal schnappte Dean nach Luft, dann hatte die Trauer ihn in der Hand. Er keuchte, hustete, würgte – presste ein paar Worte hervor, die John alles erklären sollten und das Rauschen in seinen Ohren schwoll zu dem Sturm an, dem er entkommen zu sein glaubte.
Stunden später fand er sich auf einem der Motelbetten wieder, bis zur Nasenspitze eingerollt in zwei Decken. Er konnte kaum die Augen öffnen, so geschwollen waren sie, seine Atemwege waren ein Desaster. Die Stimmbänder kratzig und eingerostet. Hatte er geschrien? Er wusste es nicht.
Er wusste nur, dass die angenehme, innerliche Kälte aufgehört hatte und er sich fühlte wie mit Ameisen befüllt. Unwohl, unruhig. Sie fraßen an ihn, vergifteten ihn von innen heraus. Trotzdem schaffte er es nicht einmal, die Hand zu heben, um dem Wecker einen Schlag zu versetzen, damit er ihm mit einem Aufblinken der Licht die Uhrzeit anzeigte.
War es wichtig, wie spät es war?
Gedankenverloren starrte er an die hölzerne Decke, bis er die schwere Hand auf seiner Schulter fühlte und sich langsam umdrehte.
John war nie ein Mann der vielen Worte gewesen, aber seine Anwesenheit in dem heruntergekommenen Sessel tröstete Dean. Er war der einzige, der ihn in dieser Welt noch bei sich haben wollte.
Das letzte, an das er sich aus dieser Nacht noch erinnerte, war seine Bitte: „Sag es niemandem."
Einschließlich seiner Entscheidung, nie wieder jemanden so nahe an sich heran zu lassen. Seine Familie war nicht für Beziehungen gemacht. Sie waren Unglücksbringer für jeden, der sich zu lange in ihrer Nähe aufhielt.
Er wollte nie wieder so verletzt werden.
Sein Leben erwartete ihn mit all den Alpträumen und Klauen, aus denen er sich befreit hatte. Mit den Gefahren und den leeren Bierdosen, dem Schlafmangel. Die Geister, Dämonen, Ghouls und all die anderen Monster.
Was für eine Scheiße …
Wenn schon nicht sein eigenes Glück … vielleicht konnte er das eines anderen retten.
Dean wollte sich einreden, dass ihm das Hoffnung gab.
Aber das tat es nicht.
Für John war es, als würde seine eigene Welt noch einmal zusammenbrechen. Natürlich war die Jagd alleine hart, aber Dean glücklich zu sehen war ihm so viel wichtiger. Jetzt stand er hier, hatte den jungen Mann vor sich, den er vor gar nicht allzu langer Zeit in die Hände von Rachel übergeben hatte, in dem Wissen, dass sie ihn am Boden halten würde.
Ihm war bewusst, dass es nichts gab, um den Schmerz zu lindern. Er konnte Dean nur von den Fehlern abhalten, die er begangen hatte, weil niemand da war, mit dem er reden konnte. Obwohl John bezweifelte, dass Dean reden würde. Erst würde die Verdrängungstaktik kommen, dann die Phase des Leugnens. So tickte Dean.
Und es machte keinen Sinn, ihn zu zwingen.
‚Lass ihn nicht alleine, egal, was passiert' – die Worte, die er Rachel mitgegeben hatte, ließen ihn jetzt leise seufzen. Sie würde Dean nie alleine lassen, obwohl sie tot war. Auf die ein oder andere Weise würden die Erinnerungen immer bei Dean bleiben.
Und bei Gott, er betete, dass es nur die Erinnerungen sein würden.
Hoffte inständig, dass seine Worte keinen Schaden angerichtet hatten.
-S-S-S-
Der Kuss war lang und innig. Genau, wie bei ihrem letzten Abschied. Nur dass dieser hier vermutlich für immer war.
„Karen holt dich vom Flughafen ab", flüsterte er, als er sich von ihr löste. „Mach dir keine Sorgen."
Es waren nur leere Floskeln. Sam strich eine von den dunklen Strähnen hinter Sarahs Ohr und fühlte sich wie ein Verräter. Lange hatte er mit sich gerungen, ob er mit ihr fliegen sollte, aber sobald er an Dean dachte, wusste er, dass er das Richtige tat. Sarah war stark, sie würde klarkommen. Sie hatte ein normales Leben verdient und mit ihm war das nicht möglich.
Ganz nebenbei stellte er mit jedem Tag mehr fest, wie wenig er in irgendeine Universität passte. Angenehm und beschaulich war es allemal – nur nicht sein Zuhause.
„Pass auf dich auf", murmelte Sarah und machte einen Schritt zur Seite. Aus einem Impuls heraus hielt Sam sie auf. „Halt still."
Vorsichtig zupfte er die Wimper von ihrer Wange und balancierte sie auf seiner Fingerkuppe.
Ja. Genauso wie beim letzten Mal. Nur schlimmer.
„Wünsch dir was." Damit hielt er ihr den Finger vor die Lippen. Ihr warmer Atem streifte darüber und im nächsten Moment war die feine schwarze Linie verschwunden.
Mit einem zucken der Mundwinkel trat Sarah zurück und Sam ließ die Hände sinken. Sie sagte kein Wort mehr, als sie nach ihrer Tasche griff und in der Menschenmenge verschwand.
Man wollte kaum glauben, wie verloren ein Riese wie Sam Winchester aussehen konnte, der einsam zurückblieb, die Hand um den angewinkelten Ellenbogen geschlungen, als wolle er sich zusammenhalten.
„Lass uns gehen", sagte Dean leise und stieß seinen jüngeren Bruder mit der Schulter an, nachdem er neben ihn getreten war.
„Wohin?"
„Menschen retten … das Böse jagen", kam es lapidar zurück, obwohl Dean die Schultern dabei zuckte und in einem unbemerkten Moment melancholisch ins Nichts lächelte.
Sam drehte den Kopf etwas weiter, musterte seinen Bruder und stellte fest, dass es genau das war, was sie tun mussten.
Denn dann waren sie zu Hause – in einer Welt, die sie kannten.
Eine Welt, in der sie wussten, auf wen sie sich gefahrlos verlassen konnten.
„Lass uns gehen", stimmte er zu und kehrte dem Gate den Rücken.
