Sechsundreißig

Das Telefon auf dem Tisch in der Ecke des Konferenzraumes klingelte und Cameron lief mit einigen Testergebnissen in der Hand eilig hinüber. Sie warf einen kurzen Blick auf die Nummer auf dem Display, doch sie kam ihr nicht bekannt vor. "Dr. Cameron, hallo", sprach sie in den Hörer und legte die Zettel inzwischen auf dem Tisch ab.

"Hey", sagte eine tiefe Stimme am anderen Ende.

"Foreman?"

"Ja, genau der." Foreman lachte sanft vor sich hin.

Cameron war überrascht, von ihm zu hören und ließ sich langsam auf dem Stuhl neben dem Tisch nieder. Sie sah kurz zu Pérez hinüber, die am großen Tisch weitere Testergebnisse durchging, jetzt aber, die Neugier geweckt von dem eigenartigen Ton in Camerons Stimme, für einen Moment lang auf sie starrte. Als sie Camerons Blick bemerkte, sah sie schnell wieder nach unten.

"Überrascht, von mir zu hören?", fragte Foreman, nachdem Cameron immer noch nichts gesagt hatte.

Sie räusperte sich kurz. "Ähm, ja. Irgendwie schon", antwortete sie ehrlich.

Foreman prustete einen Schwall Luft aus seiner Nase. "Ja, nicht gerade meine Art."

Cameron konnte das nicht bestreiten. "Wie ist Boston?", fragte sie ablenkend.

"Okay. Ein bisschen kälter als Princeton, mehr laufende Nasen, aber ansonsten nicht schlecht."

"Ich habe gehört, sie haben dir schon nach zwei Monaten eine Stelle als Abteilungsleiter angeboten. Also nichts mehr mit laufenden Nasen."

Foreman lachte. "Krankenhaus-Tratsch stirbt nie und reist auch gerne mal hunderte von Meilen. Der Job ist nicht schlecht", gab er zu.

"Gut", erwiderte Cameron und nickte. Sie warf einen weiteren Blick auf Pérez, die eifrig Zettel sortierte und mit allen Mitteln versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, dass sie genau zuhörte.

"Der Princeton-Tratsch ist aber auch nicht ohne. Wie läuft die Arbeit mit Cooper? Ich habe ein bisschen was über ihn gehört."

"Okay", antwortete Cameron emotionslos, "okay."

"Okay? Klingt alles andere als gut?"

Cameron knickte ein paar Eselsohren in die Zettel auf dem Tisch. "Wir mussten uns erst einmal an seine Arbeitsweise gewöhnen. Es gab ein paar—"

"Probleme?"

"Unstimmigkeiten", beendete Cameron den Satz.

"Das Problem ist, dass er nicht House ist", schlussfolgerte Foreman, ohne sich die Mühe zu machen, den Satz erst in eine Frage zu verpacken. Er kannte Camerons Gefühle für House, kannte die Anhänglichkeit von Chase, und hatte sich seit seinem Umzug nach Boston gefragt, warum sie beide nicht vom PPTH, von den Erinnerungen an House, loskamen. Aber es wunderte ihn nicht wirklich.

Cameron schwieg eine Weile. "Warum rufst du an, Foreman?"

Er spürte die Distanz in ihrer Stimme. "Ich wollte nur wissen, wie es dir geht, wie es Chase geht."

"Wie du schon selbst festgestellt hast, ist das nicht gerade deine Art. Also, was ist es wirklich?"

"Hey, wir haben drei Jahre lang zusammengearbeitet. Was auch immer du in dieser Zeit über mich gelernt hast, mag nicht ganz falsch sein, aber ich kann mich trotzdem für die Menschen interessieren, mit denen ich einen Großteil meiner Zeit in den letzten Jahren verbracht habe. Das war ehrlich gemeint."

Cameron atmete einmal tief durch. "Okay, Entschuldigung."

"Kein Grund für Entschuldigungen."

"Es ist nur so, dass dein schneller Weggang aus Princeton nicht gerade von viel Besorgnis und Interesse an deinen Kollegen sprach", gab sie ohne Umschweife zu.

"Cameron, ich bin immer ein Realist gewesen, was House angeht. Früher oder später musste es so kommen. Irgendeiner seiner Stunts war dazu verteufelt, nach hinten loszugehen. Übel nach hinten loszugehen. Selbst er kann sich nicht aus jeder Situation herauswinden. Er hatte es bei Tritter gerade noch so geschafft, aber am Ende hat es ihn eben wieder eingeholt. Doch unser Leben geht weiter."

"Für dich war das vielleicht einfach."

"Irgendwann wird es das auch für dich sein. Wir waren seine Angestellten, keine engen Freunde. Wir müssen unser eigenes Leben leben, unsere Karriere weiterführen, vielleicht sogar vorantreiben", sagte Foreman aufrichtig. "Und außerdem glaube ich, dass er auf meine Besorgnis und mein Mitleid gut verzichten kann." Seine Stimme wurde zum Ende hin wieder etwas sanfter.

"Ja, wahrscheinlich", bestätigte Cameron nachdenklich.

"Hast du etwas von ihm gehört?"

"Wir hören nicht viel. Ich kann inzwischen an Wilsons Gesicht ablesen, dass es nicht besonders rosig aussieht. Man hört es munkeln, dass Cuddy ihm verschiedene Jobs im Krankenhaus angeboten hat, um die Zeit bis zu einer Wiederaufnahme des Verfahrens zu überbrücken, aber da er nicht hier ist, nehme ich mal an, dass es irgendwelche Probleme gibt."

"Wahrscheinlich mit seinem Ego", sagte Foreman zwischen Ironie und Ernst.

Cameron zögerte ein paar Sekunden. Sie entschied sich schließlich dagegen, Foreman etwas von dem zu erzählen, was Chase ihr über seinen Besuch in House's Apartment gestern Abend berichtet hatte. "Vielleicht", sagte sie simpel mit einem leichteren Tonfall in der Stimme.

"Okay, ich muss wieder zurück an die Arbeit."

"Ja."

"Du hast meine Handynummer. Falls etwas ist, kannst du mich immer anrufen", bot Foreman an.

"Das gleiche gilt für dich."

"Danke. Bis demnächst."

"Ja, bis dann, Herr Abteilungsleiter", scherzte Cameron und wartete das kleine Lachen von Foreman ab, bevor sie schließlich auflegte.

Sie sah wieder zu Pérez, die die Testergebnisse immer noch unnötigerweise auf verschiedene Stapel verteilte. Cameron grinste. "Du kannst damit jetzt wieder aufhören. Das Gespräch war kein Geheimnis."

Pérez blickte ertappt zu ihr auf und erwiderte schließlich Camerons Grinsen. "Ich konnte nicht weghören."

"Hätte mich an deiner Stelle auch interessiert."

"War das derjenige, der vorher in eurem Team war?"

Cameron nickte. "Ja, Foreman. Er hat eine Stelle am Boston Medical Center bekommen und ist inzwischen Abteilungsleiter."

"Wow, House macht sich anscheinend gut im Lebenslauf. Kein Wunder, ich habe wohl inzwischen mehr von Chase und dir gelernt, als von Cooper."

Beschwichtigend schüttelte Cameron mit dem Kopf. "Er hat eine andere Art zu denken und Fälle zu lösen. Ein bisschen was haben wir davon vielleicht übernommen, aber er ist und bleibt einzigartig auf seinem Gebiet."

"Verstehe. Glaubst du er wird irgendwann wieder hier arbeiten?"

"Ich möchte gerne daran glauben, aber ich weiß es nicht", antwortete Cameron ehrlich und sah durch die Glasfront auf den Gang hinaus, wo Chase immer näher kam und schließlich das Büro betrat. "War Cooper im Forschungslabor?", fragte sie ihn.

Chase nickte und ließ sich auf dem Sessel in der Ecke des Konferenzraums nieder. "Ich habe ihm die Ergebnisse der Leberbiopsie gezeigt und er hat die Behandlung des Q-Fiebers angeordnet. Endlich", fügte er hinzu.

"Gut, dann können wir uns gleich darum kümmern."

"Schon passiert."

"Wow, Dr. Chase! So viel Arbeitseifer", rief Cameron mit gespielter Überraschung und breitete die Arme aus.

Pérez lachte amüsiert und sah zwischen Cameron und Chase, der ein bisschen perplex aussah, hin und her.

Chase sah das amüsierte Gesicht seiner jungen Kollegin und schüttelte mit dem Kopf. "So viele Komplimente hier. Ich liebe es, mit zwei Frauen zusammenzuarbeiten."

"Oh, da sind wir gleich beim Thema: Foreman hat angerufen und gefragt, wie es uns geht."

Chase sah Cameron verwundert an. "Hat er das? Passt gar nicht zu ihm." Er zuckte kurz mit den Schultern und widmete sich wieder dem angefangenen Sudoku, das er zuvor auf der Armlehne des Sessels platziert hatte.

Cameron konnte sich ein kurzes Lachen nicht verkneifen.