37. Die Jagd nach der Glänzenden Klinge

"Seht euch das mal an!" Ich bedeute den anderen, zu mir zu kommen, und deute auf das dichte Unterholz jenseits unseres Weges.

"Was denn? Ich sehe gar nichts", entgegnet Stephan mit angestrengtem Starren.

"Na, hier - niedergetrampelte Gräser, abgebrochene Zweige... und diese Schlingpflanze ist voller Erde, so als wäre sie in den Boden getreten worden, bevor sie sich wieder aufgerichtet hat. Sie werden unvorsichtig, verwischen ihre Spuren nicht mehr so gut. Los, weiter voran!"

Neue Energie treibt mich an, lässt mich ungeduldig zusehen, wie Stephan und Feanor das dichte Gesträuch, das uns den Weg versperrt, kurz und klein hacken, lässt mich vergessen, all die Schönheiten von Melandrus ungezähmter Natur, die uns umgeben, gebührend zu würdigen. Endlich unmissverständliche Spuren, endlich der Beweis dafür, dass wir auf der richtigen Fährte sind! Zwei Stunden sind vergangen, seit wir kurz nach Sonnenaufgang unser Lager an dem kleinen Flüsschen verlassen haben. Mit dem Steigen der Sonne nehmen Hitze und Luftfeuchtigkeit wieder zu, machen das Atmen mühsam und legen einen feuchten Film aus Schweiß und Kondenswasser auf meine Haut. Mehrfach mussten wir bereits unseren Weg verlassen und über gigantische, umgestürzte Baumstämme, schlüpfrig vom dicken, feuchten Moosbewuchs, balancieren, um uns einen anderen Pfad zu suchen, um Schluchten zu überqueren oder auf Felsvorsprünge auf der nächsthöheren Ebene des Geländes zu gelangen, weil es keine andere Möglichkeit gab.

Es zerrt an meinen Nerven, dass wir nur so langsam vorankommen, und ich frage mich, wie die Glänzende Klinge und ihre Gefangenen es geschafft haben, hier durchzukommen, ohne den halben Urwald abzuholzen. Unser langsames Tempo gibt mir viel zu viel Zeit zum Grübeln, immer wieder zwinge ich meine Gedanken weg von der letzten Nacht, weg von meinem Gespräch mit Feanor, weg von der Tatsache, dass er mich so im Arm gehalten hat, wie kein Mann es jemals wieder tun hätte tun dürfen. Ein Teil von mir hasst ihn dafür, dass er das getan hat, dass er mich so überrumpelt hat, aber vor allem hasse ich mich selbst, weil ich es zugelassen habe. Und so versuche ich, ihm unauffällig auszuweichen, ich will ihn nicht kränken, aber ich will auch seine Nähe nicht.

"Dahinten ist irgendwas", ruft Stephan unterdessen mit verhaltener Stimme, nachdem er und Feanor weitere zehn Meter des Pfades freigehackt haben. "Das Unterholz wird lichter, und irgendwas bewegt sich da!"

Wie der Blitz sprinte ich an ihm vorbei, schleiche mich in gebückter Haltung durch das Dickicht aus Büschen, Schachtelhalmen und Farnen jenseits des Pfades, teile das dichte Grün vorsichtig mit den Händen. Tatsächlich... mein scharfer Blick fällt auf eine ausgedehnte Lichtung, auf der Menschen zwischen kleinen und großen Zelten aus schmuddeligem Segeltuch hin und herlaufen - Menschen in den unverwechselbaren Roben und Rüstungen des Weißen Mantels. Verdammt!! Was tun die denn hier?! Haben sie die Rebellen schon gestellt?

Ich springe auf, haste zurück zu den anderen.

"Das ist ein Feldlager vom Mantel! Wir sollten herausfinden, was die hier treiben - und ob sie wissen, wo die Rebellen stecken könnten. Kommt!"

Energisch schlagen wir uns durch das Unterholz, bemühen uns gar nicht erst, leise zu sein. Als wir die Lichtung betreten, stehen wir einem Begrüßungskommando aus einem halben Dutzend Mantelrittern mit blankgezogenen Schwertern gegenüber, die ihre Waffen jedoch schnell einstecken, nachdem wir uns vorgestellt haben.

Zwischen den Mantelrittern hindurch drängelt sich nun eine junge Frau mit verdrießlichen Gesichtszügen und vogelartigen, gelblichen Augen. Sie trägt die blau-goldenen Roben der Magierklassen des Mantels und hält sich grimmig an einem schlichten, langen Zweihandstab fest, die dunkle Haut ihrer flachen Stirn ist in ärgerliche Falten gelegt.

"Ach, Ihr seid die Leute, die Beichtvater Dorian gerettet haben? Dafür gebührt Euch natürlich unser ewiger Dank, aber was bei den Unsichtbaren Göttern tut Ihr hier?!", schnarrt sie. "Ihr solltet der Glänzenden Klinge hinterherjagen und die Auserwählten befreien!"

"Auch Euch einen wunderschönen Tag", entgegne ich mit kaum verhohlenem Sarkasmus und sinke in eine übertrieben tiefe Verbeugung. Was für eine ausgesprochen reizende Person, denke ich und ziehe die Nase kraus. "Ich fürchte, ich habe Euren Namen nicht verstanden."

"Weil ich ihn noch gar nicht genannt habe. Ich bin die Zeugin Giselle", schnappt sie. "Ihr habt es doch sicher gehört – die Justiziare Taran und Rhynnon wurden heimtückisch ermordet, als sie Lehmhorst mit der Karawane verließen. Sie gaben tapfer ihr Leben für die Auserwählten!"

"Habt Ihr die...", setze ich an, aber sie lässt mich gar nicht zu Wort kommen.

"Es tut mir weh, daran zu denken, was die Überlebenden jetzt durchmachen müssen! Zuzusehen, wie ihre Beschützer des Weißen Mantels ermordet, und dann selbst gefangengenommen zu werden... diese armen Seelen! Was der großartigste Tag ihres Lebens hätte werden sollen, wurde in einen Albtraum verwandelt!"

"Habt Ihr..." Ein neuer Versuch, aber wieder unterbricht sie mich. Allmählich verliere ich die Geduld mit dieser Mantelfrau, mit Mühe unterdrücke ich ein ärgerliches Knurren.

"Die von der Glänzenden Klinge bezeichnen sich als Revolutionäre", sie macht ein Gesicht, als würde sie gleich ausspucken, "aber sie sind nichts weiter als eine gottlose Bande blutdürstiger Feiglinge! Tief im Maguuma-Dschungel verbergen sie sich vor dem Licht der Wahrheit, kommen nur heraus, um die ehrlichen, gesetzestreuen Bürger von Kryta zu quälen und zu schikanieren!"

"Also lebt die Glänzende Klinge tatsächlich im Maguuma-Dschungel?" Gepriesen sei Melandru, es ist mir gelungen, eine Frage zu formulieren.

"Darauf könnt Ihr wetten. Sie müssen einen Weg gefunden haben, sich sicher durch die gefährliche, überwuchernde Vegetation zu bewegen. Niemand hat es je gewagt, in die Tiefen des Dschungels vorzudringen. Die Pflanzen dort sind blutrünstig..."

"Hab ich's doch gesagt!", zischt Orion und wirft mir einen galligen Seitenblick zu.

"... und monströse Tiere schleichen in seinen Schatten umher. Man sagt, die Spinnen seien doppelt so groß wie ein erwachsener Mann! Ich weiß nicht, wie es Euch geht, meine Freunde, aber allein der Gedanke an eine Spinne dieser Größe lässt mich zittern!"

Das glaube ich dir aufs Wort, du weiche Nuss, denke ich abfällig und ringe mir ein verständnisvolles Lächeln ab.

"Ihr habt Euer Heldentum ja schon unter Beweis gestellt, als Ihr unseren guten Beichtvater gerettet habt. Also los, macht Euch auf in den Dschungel, rettet die Geiseln und rächt den Tod von Taran und Rhynnon! Aber ihr müsst Euch beeilen, die Glänzende Klinge hat schon einen großen Vorsprung. Wenn Ihr die Auserwählten nicht bald findet, kann niemand sagen, was mit ihnen geschehen wird! Wir zählen auf Euch. Macht uns stolz!"

Macht uns stolz, pah! Wen interessiert, ob der Mantel stolz auf uns ist?

"Wir werden uns bemühen", knirsche ich. "Können wir hier unsere Vorräte ergänzen?"

"Natürlich", entgegnet die Zeugin Giselle. "Meldet Euch beim Küchenmeister. Dort hinten, es ist das letzte Zelt." Sie deutet zum anderen Ende der Lichtung. "Er wird Euch mitgeben, was Ihr braucht."

"Hat er Bier?", fragt Stephan hoffnungsvoll, und tatsächlich bringt er die verkniffene Zeugin Giselle damit zum Lächeln. Ihre Augen glitzern wohlgefällig, als sie über seine baumstammdicken Arme gleiten.

"Ich denke schon. Richtige Männer fühlen sich nicht wohl ohne Bier, deshalb haben wir ein paar Fässer mitgenommen, als wir vor ein paar Tagen das Feldlager hier eingerichtet haben."

"Bei der hast du Schlag, Stephan!" Ich klopfe meinem Freund aufmunternd auf die Schultern, während wir zum Küchenzelt hinüber eilen. "Wäre die nichts für dich? Wir könnten noch einmal wiederkommen, wenn wir die Auserwählten erst gerettet haben." Ich bringe ein verschmitztes Lächeln zustande.

"Zu dünn", murmelt er und grinst. "Du weißt doch – keine blauen Flecken auf Stephans Prachtkörper!"

"Na schön – dann musst du dich mit Bier begnügen. Spätestens in einer halben Stunde müssen wir los, eine längere Pause wage ich nicht... Die Klinge hat ohnehin schon so viel Vorsprung. Also nutze die Zeit, aber übertreib's nicht!"

*************

Nach einer guten halben Stunde verlassen wir endlich das Feldlager in Richtung Nordwesten. Die Wege durch den Dschungel werden immer breiter, ein Zeichen dafür, dass sie häufig benutzt werden. Breiter wird leider auch das Angebot an Feinden, das der Urwald aufbietet, um uns am schnellen Vorankommen zu hindern. Den unvermeidlichen Maguuma-Spinnen gesellen sich nun auch größere Gruppen von Moos-Skarabäen hinzu, ekelhaft stinkende, schwarz-grün schillernde Riesenkäfer, die den Spinnen an Größe und Giftigkeit um nichts nachstehen, und Dschungeltrolle, zweimal mannshohe, braungrün bemooste Geschöpfe, die an wandelnde Bäume erinnern und deren mächtige Schritte die Erde erzittern lassen. Feanors und Stephans Klingen triefen bald von ihrem grünen Blut, außerdem brennen sie gut, was Orions Laune spürbar anhebt.

Bald stellen wir fest, dass ein wahres Labyrinth an Pfaden durch diesen Teil des Dschungels führt, manche breit und sonnendurchflutet, andere schmal und im dichten Unterholz kaum auszumachen. Es fällt dennoch nicht schwer, der Spur zu folgen, denn hier, in ihrem ureigensten Territorium, macht sich die Glänzende Klinge kaum noch die Mühe, ihre Fährten zu verwischen.

Nun, da wir so offensichtlich unserem Ziel näherkommen, gönnen wir uns keine längeren Pausen mehr, bleiben nur ab und zu stehen, um einen Schluck Wasser zu trinken und uns den Schweiß von der Stirn zu wischen. Wir eilen im Laufschritt voran, wo immer wir können, und die Anstrengung in dieser feuchten Hitze lässt meinen Kopf dröhnend schmerzen.

"Bist du in Ordnung, Tari?", fragt Feanor leise. Er ist lautlos neben mich getreten, als ich in einer kurzen Marschpause in die Knie sinke und die Hände auf meine pochenden Schläfen presse. "Du siehst aus, als könntest du eine Rast brauchen."

Beinahe ärgerlich schieße ich ihm einen funkelnden Blick zu. Seit der letzten Nacht fühle ich mich befangen in seiner Gegenwart, habe das Gefühl, als wüsste er nun viel zu viel über mich, als wäre er mir viel näher gekommen, als mir lieb ist.

"Ich brauche keine Rast. Ich brauche nur etwas gegen Kopfschmerzen!" Ich blicke zu Alesia hinüber, die sich um Stephans Schrammen kümmert, die er sich bei unserem letzten Scharmützel mit einer Gruppe Dschungeltrolle eingefangen hat. "Ich muss sie fragen, ob sie noch etwas von ihren Kräutern hat..."

"Das ist nicht nötig", meint Feanor und hält mich am Arm fest. "Ich kann dir auch helfen." Eigentlich möchte ich nur, dass er weggeht und mich in Ruhe lässt, aber sein Heilzauber lässt das Pochen in meinem Schädel tatsächlich verschwinden. Trotzdem würde ich am liebsten die Flucht ergreifen. Das ist alles seine Schuld, warum konnte er mich nicht einfach zufrieden lassen?!

"Der Zauber wird leider nicht ewig anhalten", meint Feanor. "Sag mir einfach Bescheid, wenn die Schmerzen zurückkommen."

"Danke", murmle ich und weiß schon genau, was ich nicht tun werde. "Wir müssen weiter, Feanor. Irgendwann müssen wir sie doch eingeholt haben, wir sind nur zu sechst und sie haben die Auserwählten am Hals, die ihnen hier im Dschungel bestimmt wie ein Klotz am Bein hängen und ihr Tempo empfindlich verlangsamen sollten. Wir haben noch etwa drei Stunden Tageslicht, wir sollten sehen, dass wir noch so weit wie möglich kommen."

Im letzten Licht des Tages folgen wir der unübersehbaren Spur, welche die Auserwählten mit ihren ungeschickten, ungeübten Füßen in der Vegetation an den Rändern des Pfades hinterlassen haben. Der Weg verbreitert sich nun auf eine Kurve zu, die zwei stetig ansteigende, dicht bewachsene Felswände durchschneidet, als ich nahe der Kehre zwei Späher wahrnehme - kaum zu erkennen im dämmrigen Licht, perfekt getarnt in grün-braunen Rüstungen - aufgeregt packe ich Stephan beim Arm.

"Da - seht ihr? Das sind keine Weißmäntel - die gehören zu den Rebellen! Los, hinterher!"

"Ich seh nichts", erwidert Stephan und kneift die Augen zusammen, blickt angestrengt nach vorn.

"Sie sind da, glaub es mir... das heißt, jetzt rennen sie weg, sie haben uns gesehen. Lauft einfach, na los schon!"

Wir mobilisieren alle Kräfte und hasten den beiden Spähern hinterher, die bereits wieder hinter der Kurve verschwunden sind. Ich schicke Chili voraus, folge ihren langen, geschmeidigen Sätzen, der dunkelgraue, kieselige Sand spritzt unter den dünnen Sohlen meiner leichten Stiefel davon. Als ich schlitternd um die Kurve biege, ist von den Spähern nichts mehr zu sehen - sie sind wie vom Erdboden verschluckt. Der breite Weg endet nach etwa hundert Metern, rechts erhebt sich eine Felswand - zu glatt, als dass sie in Windeseile erklommen werden könnten - und links gähnt die Schwärze einer viele Klafter tiefen Schlucht, die so breit ist, dass ich das andere Ende im graublauen Licht der Dämmerung kaum noch erkennen kann.

Verdammt, wo stecken die? Frustriert balle ich die Fäuste und trabe ratlos ein Stück weiter, bis ich einen kleinen Seitenweg bemerke, der die Felswand zerteilt. Chili hat ihn auch gesehen, rennt voraus - und noch ehe ich die Einmündung erreiche, höre ich ihr lautes Fauchen und Kampfgebrüll. Sie hat sie gestellt! So schnell ich kann, eile ich hinter ihr her, ziehe im Laufen zwei Pfeile aus dem Köcher, greife nach meinem Recurvebogen und mache mich schussbereit, flitze um die Kurve - und lande mitten in einem guten Dutzend vor Zorn brüllender Zentauren-Krieger, die wutentbrannt versuchen, mit ihren rostigen Schwertern auf Chili einzudreschen, die einem von ihnen bereits auf dem Rücken hockt und ihre Krallen in sein Genick schlägt. Ich kann nicht mehr rechtzeitig bremsen, pralle mit einem spitzen Aufschrei gegen die Brust eines Zentauren und gehe zu Boden, versuche, den donnernden, gespaltenen Hufen der großen, schweren Hybridwesen auszuweichen. Ich rolle mich herum, verliere meinen Bogen aus der Hand - wenn sie ihn beschädigen mit ihren dreckigen, trampelnden Hufen, werde ich sie alle lebendig rösten! Ich ziehe meinen Dolch aus dem Stiefel, zerschneide Achillessehnen, hacke in ungeschützte Bäuche, werfe mich zur Seite, um nicht von den herausquellenden Eingeweiden besudelt zu werden, werde dabei mehrmals von den überall wirbelnden Hufen getroffen. Der überwältigende Gestank raubt mir beinahe die Sinne, so dass meine Bewegungen sich zu verlangsamen drohen. Endlich kommt auch der Rest meines Trupps heran. Ich rieche den scharfen Geruch sich entladender Blitzmagie und sehe, wie das Fell der Zentauren in den Flammen von Orions Feuerzaubern hell gegen den immer dunkler werdenden Abendhimmel auflodert. Der Zentaur direkt über mir bricht mit gellendem Kreischen zusammen, gleichzeitig greift jemand nach meinem Handgelenk, versucht, mich herauszuziehen, doch es ist zu spät - der schwere Körper des gefällten Zentauren landet krachend auf meinen Beinen. Ich höre mich noch laut aufbrüllen vor Schmerz, bevor mir schwarz vor Augen wird.

*************

Vorsichtig blinzle ich durch meine halb geöffneten Augenlider - und sehe erst einmal gar nichts. Das Kissen, auf dem mein Kopf ruht, ist warm, pelzig, bewegt sich und schnurrt - Chili! Ich rolle mich auf den Rücken, öffne die Augen etwas weiter, und blicke an drei riesigen, geisterhaften, wogenden Gestalten empor, die in transparentem Blaugrün gegen die Schwärze leuchten, die mich umgibt.

"Geister...! Oh Götter... was... wo...", stammele ich, meine Sinne verweigern noch die Mitarbeit. "Bin ich tot? Bin ich in den Nebeln?"

"Nein, aber es hat nicht viel gefehlt." Die Stimme, die zu mir spricht, ist dunkel, sanft und besorgt, ein seltsamer Akzent schwingt in ihr mit. "Wenn der Zentaur nicht auf deine Beine, sondern auf deinen Brustkorb gestürzt wäre, hätten wir dich nicht retten können."

"Meine Beine..." Allmählich fällt mir alles wieder ein. Diese verdammten Zentauren! Und die Glänzende Klinge... und die Auserwählten, die immer noch in deren Gewalt sind. Wir müssen weiter, müssen sie finden... Vorsichtig bewege ich meine Zehen - keine Schmerzen, aber ein leicht taubes Gefühl. Meine Sicht klärt sich mit jeder Sekunde etwas mehr, nun erkenne ich auch, dass die durchsichtigen, grünlichen Gestalten Feanors Ritualisten-Geister sind, Heilgeister wahrscheinlich, denn ich fühle, wie in kurzen Abständen kleine Kraftschübe durch meine Adern schießen.

"Götter... es tut mir leid", murmle ich. "Ich wollte euch nicht solche Scherereien machen."

"Schon gut, Tari - ich bin heilfroh, dass du lebend da rausgekommen bist", antwortet Feanor, der mit gekreuzten Beinen neben mir sitzt. Er murmelt einen leisen Heilzauber, und die Taubheit in meinen Zehen schwindet ein wenig mehr.

"Verfluchte Zentauren, als ob sie hinter der Kehre auf mich gelauert hätten... Habt ihr sie erledigt?"

"Natürlich. Was hast du denn gedacht?" Er lächelt mir zu, zieht eine Braue hoch. "Und ein paar weitere Gruppen gleich mit. Der Weg ist jetzt frei. Alesia kümmert sich noch um Orion und Claude, die beiden haben auch ein bisschen was abgekriegt."

"Was?!" Erschrocken versuche ich, mich umzusehen. "Schlimm?"

"Nein, mach dir keine Sorgen. Ein paar oberflächliche Klingenhiebe, mit denen Alesia problemlos allein fertigwird. Sobald du wieder laufen kannst und dich noch ein wenig ausgeruht hast, können wir weiter."

"Was war mit meinen Beinen? Gebrochen?" Ich setze mich auf, um einen Blick auf meine Schenkel zu werfen, ein wenig ängstlich vor dem, was ich eventuell zu sehen bekomme - aber sie machen einen völlig unversehrten Eindruck, ich erkenne noch nicht einmal eine Schramme.

"Nein", entgegnet Feanor. "Der tiefe Boden hier hat dich davor bewahrt. Beide Knie waren schwer verrenkt, und du hattest ein paar üble Prellungen, aber Alesia und ich haben das mit vereinten Kräften wieder in Ordnung gebracht."

"Wer hat mich rausgezogen - du?" Ich schaue ihn mit schiefgelegtem Kopf an, weiß eigentlich überhaupt nicht, warum das wichtig sein sollte... Mein Hirn fühlt sich immer noch ein wenig so an, als bestünde es aus Watte.

Feanor schüttelt den Kopf. "Nein - das war Stephan. Ich war zu weit hinten." Seine Stimme klingt, als ob er diesen Umstand bedauerte. Er deutet auf meine andere Seite, ich wende den Kopf und blicke in das gutmütige Gesicht von Stephan, der sich etwa einen Meter von meiner Seite entfernt im Gras niedergelassen hat, dessen hohe, vom Abendtau feuchte Halme hell im Licht der Sterne schimmern, die inzwischen hervorgekommen sind. Er schenkt mir ein schiefes Grinsen, hebt eine Hand und winkt mir mit den Fingerspitzen zu.

"Danke, alter Freund", lächle ich.

"Keine Ursache - das war wie in alten Zeiten, was, Tari?"

"Ja... wie in alten Zeiten." Ich beiße mir auf die Wangen, weil ich mich an die alten Zeiten gar nicht erinnern will, es tut einfach zu weh.

Ich blicke zu Feanor hinüber. "Ich hatte im Kampf meinen Bogen verloren... habt ihr ihn gefunden? Er bedeutet mir sehr viel."

Feanor greift neben sich und legt mir dann meinen Recurvebogen in die Hände. "Ich weiß, Tari", meint er leise. "Keine Sorge, er ist unversehrt, siehst du?"

"Den Göttern sei Dank", flüstere ich und streichle zärtlich über das edle Holz und die grünlich patinierten Metallbeschläge.

"Übrigens haben wir rausgekriegt, wie die Rebellen den Dschungel durchqueren und warum sie plötzlich spurlos verschwunden waren", wirft Stephan ein. "War mehr ein Zufall. Das musst du sehen, sonst glaubst du's nicht!"

"Wirklich? Wie denn?" Ich rappele mich ächzend hoch – mir ist schwindelig, und ich habe immer noch nicht wieder richtig Gefühl in den Füßen.

"Du solltest noch liegenbleiben, Tari. Wenigstens noch zwanzig Minuten", meint Feanor und stützt mich, als ich schwanke. "Du bist noch nicht völlig wieder hergestellt. Ein paar Heilzauber brauchst du noch."

"Wir müssen los, Feanor! Meine Dämlichkeit hat uns schon genug Zeit gekostet." Ich blicke zu ihm hoch und bemerke beinahe erschrocken, wie blass er im Mondlicht aussieht, seine mandelförmigen Augen liegen in tiefen, dunklen Schatten. "Ist mit dir alles in Ordnung? Du siehst erschöpft aus... ich glaube du brauchst eher Ruhe als ich!"

Er schüttelt den Kopf, streicht sich die lange Mähne zurück, die ihm dunkel vom Schweiß und von der Luftfeuchtigkeit in die Stirn hängt, bindet sich seinen Zopf neu. "Es geht schon, Tari. Du brauchst dir keine Sorgen zu machen."

"Ich mach' mir keine Sorgen", knurre ich, und frage mich mit schlechtem Gewissen, wie viel seiner Energie er in die Heilzauber gesteckt hat, die meine Beine wieder gerichtet haben.

Wenige Minuten später rennen wir im Eiltempo den Weg zurück, den wir gekommen sind. Dichtbelaubte, dunkle Büsche und die Kadaver der Zentaurenkrieger säumen den Pfad, werfen verzerrte, schwarze Schatten auf das in Sternenlicht gebadete Grasland. Kühle Nachtluft weht den metallischen Blutgeruch in meine Nase, der von der Schlacht zurückgeblieben ist und sogar den schweren, betäubend süßen Duft der Urwaldblüten überdeckt. Die Taubheit in meinen Zehen schwindet zusehends, dennoch hält sich Feanor dicht hinter mir, vermutlich, um auf mich aufzupassen. Als wir den Rand der tief in den Dschungel eingekerbten Schlucht erreichen, wo vorhin die Rebellen verschwunden sind, bleibt Stephan, der vorausläuft, stehen und hebt die Hand.

"Aufpassen!", ruft er uns zu. "Hier ist die Welt zu Ende – erstmal jedenfalls."

Vorsichtig trete ich näher und blicke hinunter in die gähnende Schwärze. "Ja – und nun?" Verwirrt blicke ich Stephan an, der mich selbstzufrieden angrinst.

"Siehst du das da?" Er deutet auf den Boden ein Stückchen weiter nahe der Felswand, wo der sandige Weg zu Ende ist. Armdicke Wurzeln sprengen an dieser Stelle das harte Erdreich, dichtes, weiches Moos überzieht den Boden für ein paar wenige Quadratmeter. Handtellergroße, flache, leuchtend gelbgrün lumineszierende Pilze haben direkt am Rand des Abgrundes einen Hexenring mit einem Durchmesser von bestimmt zwei Armlängen gebildet. Neben dem Hexenring erhebt sich eine vielarmige Rankenpflanze, überdacht von einem riesigen, dickrippigen, goldgelben Blatt, das in der Dunkelheit matt leuchtet, als würde es eine ersterbende Glut von innen her erhellen.

"Ja – ein Hexenring." Ich runzle die Stirn. "Mach's nicht so spannend, Stephan – was hat das mit den Rebellen zu tun?"

Stephan tritt zu der Rankenpflanze, beugt sich hinunter und fördert einen kürbisgroßen, ovalen, feuchtschimmernden dunkelbraunen Keimling zutage.

"Hier, nimm das mal", grinst er und drückt mir das seltsame Ding in den Arm. Der Keimling ist erstaunlich schwer, so dass ich fast in die Knie gehe, fühlt sich warm und glitschig an. Er vibriert, als würde ihm eine seltsame, urtümliche Magie innewohnen. Ich verziehe leicht angewidert das Gesicht.

"Und nun", fährt Stephan fort, "lass ihn fallen – genau da." Er deutet auf den Hexenring.

Verständnislos mit dem Kopf schüttelnd, tue ich, wie mir geheißen – und stolpere erschrocken ein paar Schritte zurück, denn kaum berührt der Keimling das Innere des Hexenrings, sprießen Hunderte armdicker Ranken mit atemberaubender Geschwindigkeit aus ihm heraus, die sich umeinanderschlingen und auf die andere Seite des Abgrundes zuschießen, bis vor meinen ungläubig geweiteten Augen eine Brücke entstanden ist, welche doppelt so dick ist wie der Stamm der Tausendjährigen Eiche in meinem Heimatdorf.

"Was...", beginne ich, doch Stephan unterbricht mich.

"Und jetzt rüber – schnell! Die Brücke hält nicht ewig!"

Vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzend, eilen wir über die leise schwankende, federnde Rankenbrücke. Ich versuche, nicht daran zu denken, dass unter uns ein Abgrund gähnt, dessen Tiefe ich mir nicht einmal vorzustellen wage.

"Mir wird schlecht", keucht Orion neben mir. Bei einem Blick in sein kalkweißes Gesicht überkommt mich beinahe so etwas wie Mitleid.

"Nicht runterschauen!", rufe ich ihm zu, versuche, zuversichtlicher zu klingen, als ich mich selbst fühle – sogar mir wäre eine feste Brücke mit Geländer lieber... "Ich glaube, wir sind gleich drüben!"

Auf der anderen Seite erwartet uns ein breiter Weg, dem man ansieht, dass er häufig benutzt wird. Hohe Rankenpflanzen säumen ihn, ihre lumineszierenden Blütenknospen gießen weiches, gelbes Licht auf den Sand des Weges, das Grasland und die Felsen, die ihn umgeben, bis beides wieder in die dichte Dschungelvegetation übergeht, die das Auge nicht einmal bei Tag zu durchdringen vermag. Rasch, aber vorsichtig folgen wir dem breiten Pfad, während wir hören, wie sich die Rankenbrücke hinter uns mit einem leisen, feuchten Zischen wieder zurückzieht. Also so bewegen sich die Rebellen durch den Urwald – kein Wunder, dass sie so gut wie nicht aufzuspüren sind, obwohl es sicher hätte gelingen können, wenn der Mantel nur ein bisschen smarter wäre, denke ich abfällig schnaubend, während ich Stephan hinterher renne, mich dabei immer wieder aufmerksam umschauend. Feanor läuft neben mir, lässt mich kaum aus den Augen.

"Alles in Ordnung, Tari?"

Ich nicke und laufe etwas schneller, verkürze den Abstand zu Stephan, überhole ihn schließlich. Meile um Meile rennen wir, und ich fühle, wie meine Muskeln allmählich erschöpfen. Der Weg mündet in einen flachen Wasserlauf, dem wir mit laut platschenden Schritten folgen, dankbar für das kühle Nass, dass unsere erhitzte Haut erfrischt. Immer wieder attackieren uns Dschungeltrolle und Maguuma-Spinnen, verlangsamen unser Fortkommen, bis der Weg endlich wieder in den Dschungel hineinführt und sich schließlich in zwei schmale Pfade gabelt. Ohne die lumineszierenden Pflanzen, die in diesem Teil des Dschungels heimisch zu sein scheinen, könnte man hier die Hand nicht vor Augen sehen. Ruckartig bleibe ich stehen, wohin jetzt? Ich hebe die Arme, halte die anderen an.

"Wartet mal... ich höre etwas..." Angestrengt lauschend verharre ich, während die anderen sich um mich herum gruppieren.

"Was hörst du, Tari?", flüstert Feanor neben mir.

"Schsch!", mache ich und wedele mit der Hand, spitze die Ohren. "Da, von Westen!" Ich deute auf den rechten Pfad. "Schreie und Kampfgeräusche! Wir müssen uns beeilen!"

Stolpernd eilen wir den schmalen, wurzelüberwucherten Pfad entlang, die Lautstärke der Schreie nimmt stetig zu, je weiter wir in den Dschungel vordringen. Bald lassen sich verzweifelte Hilfeschreie, das Pfeifen abgefeuerter Pfeile und die unmissverständlichen, dumpf-feuchten Geräusche von Schwertklingen, die durch Fleisch schneiden, klar voneinander unterscheiden.

"Los, schneller!", feuere ich die anderen an, während ich dicht hinter Stephan den düsteren Pfad entlang renne. Endlich dünnt sich das Unterholz aus und gibt den Blick auf eine kleine, mondbeschienene Lichtung frei, auf der sich eine Szene abspielt, die uns den Atem stocken lässt: Eine Gruppe Menschen, bei denen es sich um die Rebellen der Glänzenden Klinge handeln muss, kämpft gegen Dutzende der riesigen Maguuma-Spinnen, welche das schreiende, verängstigte Grüppchen der Auserwählten umzingelt und einige von ihnen bereits in weißglänzende, schillernde Spinnenseide eingesponnen hat. Verzweifelte Angstschreie zerschneiden die Nachtluft, unterbrochen vom wütenden Zischen der gewaltigen Spinnen. Insektenbeine fliegen durch die Luft, abgeschlagen von den Kriegern der Rebellen, die Pfeile ihrer Waldläufer spicken die dicken, glänzenden Spinnenkörper, der Boden ist glitschig vom grünen, stinkenden Blut der Spinnen. Stephan und Feanor neben mir ziehen ihre Schwerter, Feanors blassgrüne Ritualistengeister erheben sich aus dem Boden, und ich greife nach dem Sturmbogen, lege blitzschnell zwei Pfeile an, bereite einen Doppelschuss vor.

Eine zierliche Rebellin rennt auf uns zu, kaum, dass wir die Lichtung betreten. Sie ist in eine knapp geschnittene weiße Robe mit hohem Kragen gekleidet, ihr dunkelblondes Haar klebt vor Schweiß. Ihr Gesicht ist verzerrt vor Wut, Anstrengung und Angst.

"He – Ihr da!", ruft sie und winkt uns heran, "Ihr könnt uns später durch den Dschungel hetzen! Aber wenn Ihr nur noch einen Funken Anstand in Euren Herzen habt, dann flehe ich Euch an, helft uns, die Auserwählten zu retten!"

"Was?!", brüllen Stephan und ich gleichzeitig, Stephans Schwert, das er bereits erhoben hat, verharrt in der Luft. Aber zum Nachdenken ist keine Zeit, die Spinnen drohen, die Oberhand zu gewinnen, einige der Rebellen liegen bereits verletzt am Boden, und den Auserwählten, die bereits eingesponnen wurden, rennt die Zeit davon.

"Also los", belle ich, "erledigt die Spinnen! Um die Rebellen kümmern wir uns später!"

Götter, es sind so unendlich viele, und die Auserwählten, die noch frei sind, rennen mir ständig in die Schusslinie. Alesia hilft den Verletzten, bringt die Rebellen-Krieger wieder auf die Beine und befreit die eingesponnenen Auserwählten mit Hilfe ihrer rasiermesserscharfen kleinen Klinge, die sie immer bei sich trägt. Die weißgekleidete Rebellin hilft ihr, sie scheint ebenfalls eine Heilerin zu sein.

Seite an Seite mit drei Bogenschützen der Rebellen jage ich Doppelschuss um Doppelschuss in die dicken Spinnenleiber, neben mir höre ich Orion frustriert aufbrüllen, weil seine Feuerzauber gegen diese widerlichen Untiere so gut wie wirkungslos sind. Feanors Blitzmagie hat ebenso wenig Effekt, so dass er sich ausschließlich auf sein Schwert verlässt. Die lange, schimmernde Smaragdklinge gleitet durch die Chitinpanzer der Ungeheuer wie ein heißes Messer durch Butter.

"Feanor – hinter dir!", brülle ich, als eine besonders monströse Spinne sich blitzschnell an einem stabilen Seil aus schimmernder weißer Spinnenseide hinter ihm von den Bäumen herablässt und den Hinterleib wölbt, um zuzustechen. Grünliches, stinkendes Gift tropft von der Spitze des armlangen Stachels. Ich wechsele den Standort, um bessere Schussposition zu erreichen, jage meine Pfeile in die facettenartigen Augen des Monsters, während Feanor sich hastig fallenlässt, dabei den weichen Bauch der Spinne aufschlitzt und mit einer raschen Drehung seines Schwertes den Giftstachel abhackt, der mit einem weichen Plumpsen harmlos in den weichen Untergrund fällt. Feanor rollt sich geschickt zur Seite, bevor der riesige Spinnenkörper rappelnd auf den Boden kracht.

Endlich sind alle Spinnen erledigt und alle Auserwählten befreit – sie sind zwar erschöpft und halb verrückt vor Angst, aber immerhin leben sie, und es scheint auch keiner zu fehlen. Ich stapfe in die Mitte der Lichtung, auf die Rebellen-Heilerin zu, Stephan, Feanor und die anderen halten sich dicht an meiner Seite. Ich blicke mich auf der Lichtung um und bemerke erst jetzt die grünbraunen Zelte am Übergang zum Dschungel, die so gut getarnt sind, dass sie beinahe aus dem Urwald herauszuwachsen scheinen.

"So", schnarre ich und lege einen Pfeil auf die weißgekleidete Heilerin an, die offenbar so etwas wie die Wortführerin der Rebellen zu sein scheint. "Ich bin Tari Calenardhon, und Ihr habt genau zehn Sekunden, um das hier" – meine vage Kopfbewegung umschließt die gesamte Lichtung inklusiver aller Spinnenkadaver und der geretteten Auserwählten – "zu erklären, bevor wir Euch aufspießen!"

"Und ich", schnappt die Heilerin, "bin Evennia. Und vielleicht seid Ihr es, die etwas erklären sollte!" Sie stemmt die Fäuste in die Seiten, blickt kampfeslustig von einem zum anderen.

Um unseren Trupp herum schließt sich langsam der Kreis der Rebellen – Bogenschützen, die Bögen schussbereit gespannt, Krieger mit blankgezogener Klinge, insgesamt sicherlich zwei Dutzend Mann. Es würde kein einfacher Kampf, aber wir sind schon aus ganz anderen Situation herausgekommen, überlege ich und recke selbstbewusst den Hals, schüttle meine Mähne nach hinten. Die Klinge-Kämpfer rücken immer enger an uns heran, und ich spüre, wie Feanor sich schützend dicht hinter mich stellt. Ich kann seine Smaragdklinge schimmern sehen, wenn an meine rechte Seite blicke.

"Also", blaffe ich, an die Rebellin namens Evennia gewandt, "was habt Ihr mit uns vor? Wollt Ihr uns umbringen? So wie Ihr es mit den Auserwählten versucht habt?"

"Umbringen?" Die Dunkelblondine lacht kurz auf. "Ich weiß nicht, was ich von Euch halten soll. Ihr seid keine typischen Weißmäntel, Eure Tapferkeit und Eure Bereitwilligkeit, bei der Rettung der Auserwählten zu helfen, beweisen das. Wenn Ihr nicht aufgekreuzt wärt, hätten wir sie vielleicht alle verloren."

"Sie verloren? Also wolltet Ihr sie gar nicht töten?"

"Wie? Was denkt Ihr?!" Evennia lacht wieder, schüttelt ungläubig den Kopf. "Glaubt Ihr, wir haben die Auserwählten von dem mörderischen Mantel befreit, nur um sie an die Spinnen zu verfüttern? Nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein!"

"Also", schnappe ich und deute erneut auf die spinnenkadaverübersäte Lichtung, "was sollte das alles? Was habt Ihr hier getan?"

"Wir haben sie vor dem Mantel gerettet, das haben wir getan! Die Spinnen waren eine... äh... Fehlkalkulation."

"Eine was?!" Ich blicke mich zu Feanor und Stephan um, beide runzeln die Stirn. Alesia erwidert schulterzuckend meinen Blick, die reine Verwirrung in den Augen, im Moment kann niemand von uns sich einen Reim auf die Situation machen.

Unterdessen tritt einer der Rebellen-Waldläufer neben Evennia. Er ist offensichtlich Krytaner, trägt eine leichte, dunkelbraune Lederrüstung, seine Haut ist von fast derselben dunklen Farbe. Schwarze Augen bohren sich blitzend in meine, ich sehe das Misstrauen in seinem Blick.

"Ich traue ihnen nicht, Evennia!" Es scheint ihm völlig egal zu sein, dass wir jedes Wort verstehen können. "Sie gehören zum Mantel, so einfach ist das!"

Gütige Melandru, ich hätte nicht gedacht, dass es mich derartig stören würde, von Leuten, die ich nicht einmal kenne und denen ich nicht traue, für einen Weißmantel gehalten zu werden.

"Das sehe ich selber, Markis", erwidert Evennia zu ihrem Kampfgefährten, während sie ihren Blick auf meinen Trupp geheftet hält. "Aber irgend etwas sagt mir, dass sie ihren Meistern abschwören werden, wenn sie erstmal mit eigenen Augen sehen, was der Mantel wirklich mit den Auserwählten tut."

"Wie? Erklärt das!", fordere ich, doch ich bekomme keine Antwort. Also ist der Mantel doch nicht so harmlos, wie Alesia so gern glauben würde?!

"Was soll das heißen?" Der Bogenschütze namens Markis zieht unterdessen ärgerlich die Brauen zusammen. "Heißt das, du willst sie laufen lassen?!"

"In der Tat, Markis, das ist genau das, was ich tun werde. Wer weiß. Wenn sie erst den Blutstein gesehen haben, werden vielleicht noch wertvolle Verbündete aus ihnen."

"Das ist ein Fehler, Evennia!", blafft Markis zornig.

Evennia zuckt die Achseln. "Vielleicht ist es das. Vielleicht auch nicht." Sie wendet sich wieder an uns. "Wenn meine Ahnung mich nicht trügt, werdet Ihr zum Blutsteinsumpf gehen. Dort wird sich die Wahrheit über den Weißen Mantel selbst enthüllen. Und dann werdet Ihr vor eine schwierige Entscheidung gestellt."

"Was geschieht im Blutsteinsumpf?", frage ich. Meine Verwirrung wächst von Sekunde zu Sekunde.

"Ihr würdet es nicht glauben, wenn ich es Euch erzähle", entgegnet Evennia. "Reist dort hin, seht es Euch selbst an. Euch bleiben vier Wochen – kommt nicht zu spät, Ihr würdet es bedauern", setzt sie hinzu. Sie nimmt mich beim Arm und zieht mich in Richtung eines der größeren, perfekt getarnten Zelte.

"Ich gebe Euch aktuelles Kartenmaterial mit", sagt sie, während sie eilig die Zeltplane beiseite schiebt, "von unseren eigenen Kartographen gefertigt. Nicht dieser Mist, den der Mantel Euch vermutlich angedreht hat." Sie zieht ein zusammengefaltetes Stück Pergament aus einem großen ledernen Rucksack, der im Inneren des Zeltes nahe des Eingangs gegen die Leinwand gelehnt ist, und faltet die Karte auseinander.

"Der Blutsteinsumpf liegt im Südwesten, Ihr müsst die Mamnoon-Lagune und Silberholz durchqueren", erklärt sie und fährt mit einem zierlichen Finger über die Karte. "Seht Ihr? Hier unten. Und hier" – sie tippt mit der Fingerspitze auf eine runde, dunkel hervorgehobene Struktur – "ist der Blutstein. Ihr dürft nicht zu spät kommen! Der Weg dorthin ist komplizierter, als er aussieht, aber wir haben überall unsere Späher postiert. Wir werden ihnen mit Hilfe von Botenvögeln Nachrichten zukommen lassen, damit sie Euch weiterhelfen. Sie werden Euch unterstützen."

"Und wieso kommt Ihr nicht mit?" Ich verschränke die Arme vor der Brust und schüttele meine Mähne. "Wenn es so wichtig ist, in spätestens vier Wochen an diesem Blutstein zu sein, oder wie immer dieses Ding auch heißen mag, warum kneift Ihr dann?"

Evennia schießt mir einen ärgerlichen Blick zu. "Nehmt Euch nicht zu viel heraus, Tari Calenardhon!"

"Und? Sonst was?" Ich straffe die Schultern und blicke auf die um einen halben Kopf kleinere Frau herab, bis sie schließlich seufzend den Blick abwendet.

"Schon gut. Ich verstehe, wie das auf Euch wirkt. Aber die Glänzende Klinge kämpft an vielen Fronten, Tari. Wir müssen jetzt weiterziehen, dieser Platz ist für die Auserwählten nicht mehr sicher. Und wenn wir sie an einen sicheren Ort gebracht haben, müssen wir Verhandlungen mit jemandem führen... mit jemandem, der sich als mächtiger Verbündeter erweisen kann. Dafür solltet Ihr uns Glück wünschen, wenn Euch etwas an den Auserwählten und an Kryta liegt – auch wenn keiner von Euch Krytaner ist, wenn ich das richtig sehe."

Sie betrachtet jeden von uns eingehend, als sähe sie uns jetzt gerade zum ersten Mal.

"Ich bin sicher, jeder von Euch hat eine interessante Geschichte zu erzählen – ebenso wie jeder von uns." Evennia deutet auf ihre Kampfgefährten, die jetzt ihr Gepäck schultern und sich abmarschbereit machen. "Vielleicht haben wir bei unserem nächsten Treffen die Muße dafür. Dann werdet Ihr hoffentlich auch meine Schwester Saidra kennenlernen – Ihr werdet sie mögen." Das erste Mal sehe ich Evennia lächeln, was ihr Gesicht vollkommen verändert, ihre kühlen Züge warm und sympathisch macht. "Sie ist Waldläuferin, so wie Ihr, und sie ist ein Hitzkopf – so wie Ihr. Ihr solltet Euch hervorragend verstehen." Sie wendet sich zum Gehen, ihren Rebellen-Gefährten hinterher. Der Bogenschütze namens Markis winkt schon ungeduldig.

"Bleibt hier in diesem Lager, so lange wollt, aber denkt daran – es ist ein langer Marsch zum Blutstein. Kommt nicht zu spät!"

Rasch leert sich der Platz, und nach nur wenigen Minuten erinnern nur noch die toten Spinnen an das Gemetzel, das hier stattgefunden hat. Ich blicke in die nachdenklichen Gesichter der anderen, fühle mich für einen Moment vollkommen ratlos.

"Was tun wir jetzt?", fragt Claude und blickt sich auf der dunklen Lichtung um.

"Erstmal machen wir ein Feuer", meint Alesia, praktisch wie immer, "dann koche ich uns etwas..."

"Muss das sein?", stöhnt Orion und kassiert einen tadelnden Blick von meiner Freundin.

"Dann", fährt sie fort, "sucht sich jeder ein Zelt aus, und wir teilen die Wachen ein. Wir sollten heute Nacht hierbleiben und morgen vormittag Richtung Blutsteinsumpf aufbrechen. Oder hat jemand eine bessere Idee?"

Ich blicke zu Boden und fahre mit den Fingern durch meine Haare, bin von der Entwicklung der Dinge immer noch wie erschlagen, wenn auch nicht wirklich überrascht. Während Alesia mit Stephan, Orion und Claude versucht, mit dem feuchten Dschungelholz ein Feuer in Gang zu bringen, bleibe ich einfach stehen, versuche, meine Gedanken zu sammeln. Feanor steht dicht hinter mir, berührt mich beinahe. Ich spüre den Impuls, die Flucht zu ergreifen, aber ich bin schlicht zu müde dazu.

"Es sieht so aus, als hättest du Recht gehabt mit deinen Zweifeln an der Redlichkeit des Mantels", meint Feanor nachdenklich.

"Du hast ihnen doch auch nicht getraut, oder habe ich dein Verhalten falsch gedeutet?" Ich schaue in sein Gesicht, begegne dem Blick seiner dunklen Augen.

"Nein", entgegnet er. "Aber noch haben wir ihr Geheimnis nicht vollständig gelüftet... und es liegt noch ein langer Weg vor uns, wie es scheint." Er nimmt sanft meinen Arm, führt mich an das kleine Feuer, das Alesia inzwischen mit Orions Hilfe in Gang gebracht hat, und ich lasse es einfach geschehen. Ich fühle mich zu matt, um mich gegen ihn zu wehren, auch wenn ich eigentlich lieber allein wäre.

"Es ist nicht immer gut, allein zu sein, Tari", sagt Feanor leise, als hätte er meine Gedanken gelesen. "Wenn dich die Schwärze schon gepackt hat, lässt dich die Einsamkeit, auch die selbst gewählte, nur noch tiefer hineinstürzen."

"Und woher weißt du das?", frage ich spitz und spüre, wie mein Widerspruchsgeist versucht, sich trotz meiner Erschöpfung und Mattigkeit selbst wiederzubeleben.

Feanor breitet eine Decke aus, die vor einem der Zelte liegt, drückt mich sanft darauf nieder. Er entfaltet eine zweite, die er mir um die Schultern legt, und setzt sich neben mich.

"Ich habe es erlebt", antwortet er schließlich leise. Wieder habe ich das Gefühl, dass er darauf wartet, dass ich nachfrage, und wieder weigere ich mich, obwohl ich mir selbst zähneknirschend eingestehen muss, dass er mich allmählich neugierig macht. Aber ich werde nicht nachgeben, werde nicht noch mehr Nähe zwischen uns zulassen. Süße Melandru, schick mir bitte keine Träume mehr, denke ich, während mein müder Kopf langsam auf meine Brust sinkt.