Kapitel 37 – Unwiderstehlich
Hermine kehrte in die Große Halle zurück und versuchte, ihre kochende Wut zu bändigen. Es musste nicht sein, vor allen in lautes Geschrei auszubrechen.
Ron unterhielt sich mit Luna. Susan Bones und Neville schienen in einen hitzigen Streit verwickelt zu sein. Sie blockierten Hermines Weg zu Ron, so dass sie einen kurzen Ausschnitt ihrer Unterhaltung hörte, als sie an ihnen vorbeiging.
„...kannst du ihn verteidigen?", zischte Susan. „Einmal Todesser, immer Todesser!"
„Alles, was ich weiß, ist, dass Draco Malfoy mir das Leben gerettet hat", beharrte Neville.
„Bist du dir da sicher? Oder haben sie dir nur erzählt, dass es so war?"
Neville richtete sich verärgert auf.
„Beschuldigst du meine Freunde, mich mit Absicht belogen zu haben? Über so etwas?"
Hermine blieb stehen und beobachtete sie. Sie funkelte Susan aus verengten Augen an, die errötete, auch wenn ihr Gesicht seinen trotzigen Ausdruck beibehielt.
„Vielleicht haben sie ihn mit einem Imperius- Fluch belegt."
Hermine lachte humorlos, obwohl ihr danach zumute war, Susan ins Gesicht zu schlagen. Sie antwortete für Neville: „Ach wirklich? Wenn es so ist, dann war es ja sehr schlau von ihm, sein eigenes Bein zu brechen und fast zu verbluten. Ich bin sicher, dass er das getan hat, um Harry dazu zu zwingen, ihn zu retten, und ihn aus irgendeinem schändlichen Anlass nach St. Mungos zu bringen. Und dann hat er es geschafft, gefangen und in den Wald geschleppt zu werden, wo er angenehmerweise von Fenrir Greyback zerfleischt worden ist, den er übrigens im Anschluss daran gefangen genommen hat. Aber ich bin ganz deiner Meinung, es ist eine Art ausgeklügelte Verschwörung!"
Hermines Stimme hatte sich immer weiter gehoben, bis sie beinahe schrie. Susan und Neville starrten sie beide an, als wären ihr zwei Köpfe gewachsen. Hermine fühlte Tränen der Frustration in ihre Augen steigen und wirbelte herum. Kein Wunder, dass Draco nicht hier sein wollte!
„Was ist denn in sie gefahren?", hörte sie Susan hinter ihr fragen. „Ich dachte, sie hasst Malfoy mehr als jeder andere."
Sie bekam Nevilles Antwort nicht mehr mit. Sie konnte sich kaum mehr daran erinnern, Draco gehasst zu haben. Es schien eine Ewigkeit her zu sein. Nun wollte sie nur die Arme um ihn schlingen und ihn vor den Menschen beschützen, die die Opfer, die er gebracht hatte, nicht zu würdigen verstanden. Wie die Person, die nun vor ihr stand.
„Ronald?", fragte sie süßlich. Sie zwang sich dazu, einen möglichst normalen Tonfall anzunehmen und nicht durch zusammengepresste Zähne zu sprechen. „Könnte ich einen Moment mit dir reden?"
Ron grinste, nichts von der Anstrengung ahnend, die es Hermine kostete, ihn nicht beim roten Schopf zu packen und aus dem Raum zu zerren. Sie hielt ihre Augen auf Luna gerichtete, so dass er nicht den siedenden Zorn bemerkte, der in ihnen lag. Luna jedoch sah ihn und blinzelte sie überrascht an.
„Ich muss Vater fragen, wie man Kriechende Parcleps loswird. Wir scheinen eine Seuche zu haben. Ich werde ihm gleich eine Eule schicken", sagte Luna abwesend.
Hermine zwang sich zu einem Lächeln. Wie immer hatte sie nicht den blassesten Schimmer, wovon Luna da sprach. Doch es war ihr ohnehin egal.
„Gute Idee. Komm mit, Ronald", sagte Hermine und ging voran an Susan und Neville vorbei, die schwiegen und einander musterten. Sie führte Ron durch die Türen und suchte nach einem verlassenen Ort, an dem niemand ihn hören würde, wenn er um Hilfe rief. Sie grinste boshaft bei dem Gedanken, schob ihn jedoch beiseite. Sie musste sich im Zaum halten. Ron trabte neben ihr her.
„Wohin gehen wir?", wollte er wissen.
„Gleich dort drüben hin", entschied sie und steuerte auf die kleine Kammer zu, in der Erstklässler auf ihre Einordnung in die Häuser am Anfang des Schuljahres warteten. Hermine konnte sich nicht daran entsinnen, ihn seit ihrer ersten Ankunft in Hogwarts jemals wieder betreten zu haben. Der Raum war ziemlich verstaubt. Anscheinend würde er nicht gesäubert werden, bevor der erste Tag des neuen Schuljahrs sich näherte.
Hermine lief in die Mitte der Kammer, während sie versuchte, ihre Gedanken zu ordnen. Ron war stehen geblieben, als die Tür sich geschlossen hatte. Wahrscheinlich hatte er endlich etwas von ihrer Anspannung bemerkt. Klugerweise schwieg er, vor allem als sie sich umdrehte und ihm einen vernichtenden Blick versetzte.
„Verrate mir etwas, Ronald Liebes", säuselte sie. „Stimmt es, dass Draco Malfoy dir einen Gefallen schuldet?"
Rons Blick schoss im selben Moment zum Boden, da eine leuchtende Röte in seine Wangen stieg.
„Wo... wo hast du das denn her?", stammelte er. Sie konnte förmlich sehen, wie sein Gehirn nach einer Möglichkeit suchte, sich herauszuwinden.
„Ein Vögelchen hat es mir gezwitschert. Stimmt es?", verlangte sie.
„Naja... sozusagen, denke ich."
„Sozusagen, denkst du. Hast du Draco zufällig um etwas gebeten? Um ihm seinen sozusagen´ Gefallen zurückzuzahlen?"
„Worauf willst du hinaus?", fragte er. Sie funkelte ihn an. Typisch Ron. Sich wehren und leugnen. Sie marschierte vorwärts, bis sie direkt vor ihm stand. Sie muss ein wenig nach oben schauen, um ihn in die Augen zu sehen, doch sie ließ sich nicht dadurch einschüchtern.
„Hast du Draco Malfoy gewarnt, sich von mir fernzuhalten?", wollte sie wissen. Mit jedem Wort stieß sie ihren Zeigefinger in Rons Brust. Am Ende des Satzes zuckte er schmerzhaft zusammen.
Eine lange Stille folgte und dann platzte Ron heraus: „Hat Malfoy dir das erzählt? Er lügt, verdammt nochmal!"
Hermine packte Rons Shirt und zog ihn an sich heran.
„Nein, Ron. Malfoy hat nichts verraten. Er hat sich nur komisch verhalten und deshalb musste ich mir selbst die Frage stellen, warum. Als Harry erwähnte, dass Malfoy dir einen Gefallen schulde, schien alles zusammenzupassen. Jetzt solltest du mir lieber mit der Wahrheit rausrücken, bevor ich dir einen von Ginnys Flederwichtfluch verpasse, den du nie wieder vergessen wirst!"
Rons blaue Augen weiteten sich. Er versuchte, sich aus ihrem Griff zu befreien. Hermine hob mit ihrer freien Hand ihren Zauberstab. Er schaute sie ängstlich an.
„Nein!", rief er. „Das würdest du mir nicht antun!"
„Ach nein?", stieß sie hervor.
„Na schön, du hast Recht! Ich habe Malfoy gesagt, dass er sich von dir fernhalten soll! Aber das war zu deinem eigenen Schutz, verstehst du das denn nicht?"
Hermine ließ ihn los und stieß ihn von sich. Ron taumelte, fing sich aber rechtzeitig vor dem Sturz.
„Zu meinem eigenen Schutz?", brüllte sie. „Wovor kannst du mich überhaupt beschützen wollen? Ich bin fast achtzehn Jahre alt, Ronald! Ich bin seit Monaten volljährig. Du wirst mich vor gar nichts beschützen! Du bist nur verflucht egoistisch und das weißt du auch!"
Ron starrte sie an. „Nein, ich versuche, dich vor dir selbst zu beschützen! Du scheinst Malfoy für ach- so- gut zu halten! Wie kannst du überhaupt so denken, nach allem, was er dir angetan hat? Was er uns angetan hat? Er ist durch und durch verdorben und das wird er immer bleiben!"
Hermine schüttelte den Kopf. „Da liegst du falsch. Du beschuldigst mich, blind zu sein. Und doch bist du derjenige, der sich weigert, den eigenen Augen zu glauben. Schau dir nur an, was er durchgemacht hat, und sage mir, dass du ihn immer noch für einen Todesser hältst!"
„Ich bin schon mal hinters Licht geführt worden und ich habe nicht vor, noch ein Mal darauf reinzufallen!", rief Ron. „Peter Pettigrew hat zwölf Jahre lang vorgetäuscht, mein verdammtes Haustier zu sein. Deshalb nein! Ich werde nicht darauf vertrauen, das Draco Malfoy sich plötzlich in unseren besten Freund verwandelt hat, nach gerademal sechs verfluchten Tagen!"
„Willst du mir sagen, dass alles, was er getan hat, Teil eines perfiden Plans ist?"
Ron stöhnte und schüttelte den Kopf. „Wahrscheinlich nicht alles. Ich denke, auf Greyback zu treffen war unerwartet. Aber ja, ich denke, es war ein ziemlich großer Zufall, dass Wurmschwanz ihn geschnappt und in den Wald geschleppt hat. Es ist vollkommen möglich, dass es geplant war."
„Auch wenn Draco zu der Zeit mehr nach Harry aussah und Wurmschwanz sich auch einfach Harry Potter persönlich hätte schnappen können? Denk einen Moment lang nach, Ronald. Hör auf, deinen Hass zu rechtfertigen."
„Ich brauche ihn nicht zu rechtfertigen!", blaffte Ron. „Ich kann ihn ohne Begründung hassen. Aber findest du es nicht interessant, dass er dich über deine Eltern warnen konnte, aber überhaupt nichts tun konnte, um uns von der Sache mit dem Fuchsbau bescheid zu sagen?"
Hermine konnte es nicht erklären, deshalb versuchte sie es erst gar nicht. Vielleicht hätte Malfoy es ihnen verraten können und sich dagegen entschieden. Sie hatte nur Dracos Wort, dass er es nicht rechtzeitig erfahren habe. Sie seufzte.
„Ich weiß es nicht, Ron. Wenn du so entschlossen bist, ihn zu hassen. Dann soll es so sein. Aber lass mich von jetzt an aus deinen Intrigen raus."
„Intrigen? Jetzt bin ich also der Böse, nur weil ich versuche, dich davor zu bewahren verletzt zu werden?"
„Warum bin ich in Gefahr verletzt zu werden, Ron?", fragte sie milde. Ron scharrte mit dem Fuß auf dem Boden herum.
„Ich weiß nicht", murmelte er. „Es scheint nur, als ob du furchtbar viel Zeit mit Malfoy verbringst. Was ist, wenn du... dich in den Bastard verliebst oder so?"
„Dann, denke ich, wird mir mein kleines Herz gebrochen, nicht wahr?" Sie trat nach vorn und legte Ron die Hände auf die Schulter. „Es ist mein Risiko, Ron. Du kannst Menschen nicht zwingen, das zu empfinden, was du willst."
Rons blaue Augen spiegelten Schmerz und Niederlage wider.
„Dann wirst du mich nie lieben?", fragte er traurig.
„Ich liebe dich ja", beharrte sie. Sie packte ihn fest. „Sehr. Nur nicht in einer romantischen, leidenschaftlichen Art und Weise."
„Ich hätte nie mit Lavender Brown gehen sollen", sagte er verdrießlich. „Ich habe es nur getan, um dich eifersüchtig zu machen."
Sie grinste. „Also du scheinst deine nie endenden Knutschsitzungen damals äußerst genossen zu haben, Won."
Ihm schoss das Blut ins Gesicht. „Sie war es überhaupt nicht, die ich küssen wollte, sondern du."
„Ich weiß." Sie seufzte. „Die Zeit treibt so ihre Spiele mit uns, was?"
Plötzlich legte Ron die Hände an ihre Taille, beugte sich zu ihr herunter und küsste sie. Er legte alles hinein, das er hatte, ließ seine Hände an ihr hochfahren, um sie eng an sich zu ziehen. Sie widerstand ihm nicht, doch sie spürte auch nichts außer einer seltsamen Distanz. Ron ließ sie mit einem reumütigen Seufzen los.
„Nichts, heh?", fragte er, während er zurücktrat.
„Es tut mir leid", sagte sie aufrichtig.
„Ich verneige mich vor der überlegenen Anziehungskraft von Malfoy. Soll er doch zur Hölle fahren."
„Du wirst ihn entbinden von, welchen dummen Schwur er auch immer geleistet hat?"
„Ja. Tu dir keinen Zwang an, mit ihm rumzuknutschen", sagte er bitter. Er wandte sich um und machte Anstalten, den Raum zu verlassen. Als er die Tür erreichte, rief sie ihn: „Ron?"
Er blieb stehen. „Ja?"
„Danke."
Er sagte nichts. Die Tür schloss sich leise hinter ihm.
Eine Untersuchung von McGonagalls Büro enthüllte keine vorher unentdeckten Gryffindor- Artefakten. Harry hatte sogar Gryffindors Schwert herausgenommen und es probehalber ein paar Mal durch die Luft geschwungen. Er ließ es auf Draco zuschnellen und hüpfte in einem spöttischen Scheinangriff nach vorne.
Draco packte er mit beiden Handflächen an der Schneide und riss es mit einem schnellen Ruck aus Potters Hand. Harry wirkte einen Augenblick lang verärgert. Draco ignorierte ihn und warf das Schwert in die Luft. Er fing es am Griff auf und begutachtete es neugierig.
„Typisch Gryffindor- Prahlerei. Prunkhaftes Design", kommentierte Draco. Er warf es wieder zurück zu Potter, Heft voran. „Aber es ist kein Horkrux." Harrys Miene verfinsterte sich und er legte es in die Schutzvitrine zurück.
„Tja, Dumbledore hat vermutet, dass Voldemorts Schlange ein Horkrux sein könnte", bemerkte er. Draco schnaubte.
„Es wäre ganz schön bescheuert, aus einem Lebewesen einen Horkrux zu machen. Wenn das der Fall ist, ist das alte Schlangengesicht sehr viel bekloppter als ich ihm zugeschrieben habe. Nur um sicher zu gehen, schlage ich vor, hauen wir die Schlange in Stücke." Er schauderte. „Ich hasse das verflixte Reptil."
„Wir müssen es zuerst finden", warf Harry ein.
„Gib dem Dunklen Lord etwas Zeit. Früher oder später wird er dich finden."
„Ich würde es vorziehen, nicht die ganze Zeit herumzusitzen und auf diesen Tag zu warten."
„Wir müssen sowieso den Ravenclaw- Armreif ausfindig machen."
„Vielleicht hat Hermine eine Idee", sagte Harry.
„Kannst du ihr eine von diesen Patronus- Nachrichten schicken? Wie macht man das überhaupt?"
„Wahrscheinlich sollte ich es dir beibringen. Du hättest uns aus dem Wald bescheid geben können. Ich würde mich in Zukunft lieber nicht auf Kontaktaufnahmen verlassen müssen. Es war gut, dass Hermine deinen Kamm gefunden hat. Sonst hätten wir dich nie gefunden."
„Sie hat meinen Kamm genommen?"
„Er ist in Firenzes Raum. Ich glaube, wir haben ihn in der Eile dort liegen lassen."
„Verdammte Scheiße. Jetzt ist er wahrscheinlich von dem Zentauren verseucht!"
„Ich bezweifle, dass Firenze deinen Kamm benutzen würde", entgegnete Harry trocken.
„Wenn doch, wirst du mir einen neuen kaufen, Potter."
„Ich werde dir drei kaufen, wenn du endlich die Klappe hältst."
„Na schön. Sollen wir mit dem Zauber weitermachen?", verlangte Draco. Er machte sich eine gedankliche Notiz, seinen Kamm zurückzuholen und sich mit Hermine Granger über das Klauen anderer Leute Gegenstände zu unterhalten. Er liebte diesen Kamm.
Potter erläuterte die Kniffe des Zaubers und zeigte Draco, wie die Nachricht zur richtigen Zeit eingefügt wird. Zur Demonstration ließ Harry seinen Patronus zum Vorschein kommen. Der silberne Hirsch umschloss Draco einen Moment lang, während er die einfache Nachricht aufnahm.
Draco nickte. „Ziemlich clever."
„Dumbledore hat es erfunden. Jetzt versuch du es mal."
„Nein danke. Ich habe die Theorie begriffen. Sollte ein Kinderspiel sein, wenn die Notwendigkeit besteht."
Harry blickte ihn verwirrt an.
„Warum übst du es nicht einfach?"
„Zu müde", antwortete Draco gelassen. Das war nicht der wahre Grund, doch er fühlte sich tatsächlich erschöpft, auch wenn er die meiste Zeit des Tages geschlafen hatte. „Ich glaube, ich gehe ins Bett."
Harry schaute verwundert drein. Doch Draco hatte nicht die Absicht, Potter jemals einen Blick auf seinen Patronus zu gewähren. Er musste schon mit einem Werwolf auf der Brust auf dem Boden liegen, um überhaupt an einen Patronus zu denken. Er verzog das Gesicht bei der Erinnerung.
„Morgen lassen wir uns was einfallen, heh, Potter?"
„Malfoy, wenn du willst... kannst du im Gryffindor- Turm bleiben. Alle anderen sind auch hier. Luna kann nicht im Ravenclaw- Turm schlafen, weil der Orden ihn besetzt, und der Hufflepuff- Kerker ist zur Zeit mit Todessern überfüllt. Also..."
Draco hielt bei dem Gedanken inne und warf Harry einen entsetzten Blick zu.
„Gott, nein! Ich werde in meinem schönen, ruhigen, leeren Kerker wohnen, wenn es dir nichts ausmacht. Aber... danke für das Angebot."
Draco lief die Treppe hinunter zu seinem Zimmer.
Er wurde davon überrascht, dass er im Slytherin- Gemeinschaftsraum beinahe Hermine Granger über den Haufen rannte. Sie kam gerade aus seinem Zimmer. Sie starrten einander in geschockter Überraschung an.
„Du hast wohl entschlossen, dich nach Slytherin versetzen zu lassen?", fragte er.
„Eigentlich habe ich dir etwas Kleidung gebracht. Ich habe sie auf dein Bett gelegt", erwiderte sie.
„Was für Kleidung? Ich dachte, ich hätte ziemlich viel davon. Habe ich plötzlich welche erworben?" Draco lief an ihr vorbei und betrachtete die mit Papier umwickelten Bündel, die am Ende seines Bettes aufgestapelt waren.
„Ja. Ich wusste, dass du deine eigenen nicht holen konntest. Und da du und Harry beinahe dieselbe Größe habt... Naja, ich habe sie aus der Winkelgasse bestellt. Sie sind gerade angekommen."
Draco musterte sie und riss eins der Pakete auf. Mehrere Seidenshirts in verschiedenen Farben fielen heraus: blassgrün, grau, schwarz und butterblumengelb. Das letzte hielt er fragend in die Höhe.
„Gelb?"
„Ich dachte, es würde gut zu deinem Haar passen", sagte sie leise. Draco hob eine Augenbraue bei der Vorstellung, dass Hermine überlegte, wie er in verschiedenen Farben aussehen würde. Ein verruchtes Lächeln umkräuselte seine Lippen. Hermines Blick schweifte durch den Raum, überall hinschauend, nur nicht Draco.
„Ich kann dir das Geld noch nicht wiedergeben", sagte er.
„Ich weiß. Eigentlich hat Harry es sozusagen von seinem Konto bezahlt."
Er ließ das Shirt fallen und schoss ihr einen kritischen Blick zu. „Harry Potter. Wunderbar. Ich hasse es, in der Schuld von Gryffindors zu stehen."
„Ich bin eine Gryffindor!", protestierte sie.
„Ja, aber du bist anders."
„Jetzt bin ich also eine andere Gryffindor? Du bist derjenige, der mir ständig vorkaut, was für eine typische Gryffindor ich bin. Was denn nun?"
„Es scheint sich von Moment zu Moment zu ändern", entschied er.
Sie seufzte tief. „Ich sollte gehen. Ich bin nur hergekommen, um dir das zu bringen, nicht um mich von deiner verqueren Logik auf die Palme bringen zu lassen."
„Meine Logik ist astrein."
Sie warf die Hände in die Luft. „Ich weigere mich, mich mit dir zu streiten. Gute Nacht."
„Granger... warte."
Hermine hielt im Schritt inne, drehte sich halb um und schaute ihn erwartungsvoll an. Er lief rasch zu ihr und blieb nahe vor ihr stehen, so wie sie es hasste. Sie hob zögernd den Blick.
„Danke für die Kleidung", murmelte er.
Sie errötete und wandte den Blick ab. „Gern geschehen." Sie stockte. „Weißt du, ich habe noch etwas, das dir gehört."
Sie zog die Galleone aus der Tasche und hielt sie an dem aus ihrem Haar geflochten Band hoch. Sie funkelte im flackernden Licht der Lampen, während sie sich langsam drehte. „Willst du sie zurück?"
„Ja."
Sie zückte ihren Zauberstab und langte nach oben, um das Band über seinen Kopf gleiten zu lassen. Er vergaß beinahe zu atmen, als sie sich zu ihm lehnte. Ihr Handgelenk streifte ihn am Hals, als sie beide Enden mit einer Hand zusammenhielt. Sie tippte sie mit ihrem Zauberstab an und murmelte einen Reparierzauber. Ihre Finger berührten seine Haut federleicht, als sie das Band losließ.
„Weißt du, ich habe gerade etwas entschieden", sagte Draco mit belegter Stimme.
„Und was?"
„Zur Hölle mit Weasley."
Er schlang seine Arme um sie und drückte seinen Mund auf ihren. Sie stieß einen Seufzer aus, der nach purer Erleichterung klang, und er spürte, wie ihre Hände nach oben in sein Haar glitten. Gott, sie schmeckte unglaublich. Er liebkoste ihre Lippen mit seinen eigenen, während er sich zusammenzureißen und dem Drang zu widerstehen versuchte, sie auf sein Bett zu ziehen. Seine Hände streichelten ihren Rücken und er bemerkte, wie ein köstliches Schaudern durch ihren Körper fuhr.
Ihre Hände waren in seinem Haar und drückten sich gegen seinen Nacken. Sie zog ihn eng an sich, während sie eifrig seinen Kuss erwiderte. Ihr Atem vermischte sich heiß mit seinem. Verdammte Scheiße, sie wollte ihn genauso stark wie er sie! Sein rasender Puls dröhnte in seinen Schläfen.
Plötzlich unterbrach er den Kuss und taumelte gegen sie, als ihn eine Welle der Schwäche überkam. Hermine keuchte auf und hielt ihn aufrecht, während er sich um Gleichgewicht bemühte.
„Draco! Du Idiot, wann hast du das letzte Mal etwas gegessen?"
Ihn durchströmte bei dem Klang seines Namens ein Gefühl der Wärme, auch wenn ihm eine Beleidigung gefolgt war. „Ich weiß es nicht mehr. Das letzte Mal, da die Pomfrey- Frau mich gefüttert hat, nehme ich an."
„Verdammt, du musst essen, um deine Kräfte wiederzuerlangen. Du solltest wahrscheinlich auch Zaubertränke nehmen. Jetzt leg dich hin."
„Ich würde lieber da weitermachen, wo wir eben aufgehört haben."
Ihr schoss das Blut ins Gesicht. „Ich auch, aber es muss wirklich nicht sein, dass du uns hier umkippst, wenn das Blut dein Hirn verlässt, oder?"
„Malfoys kippen nicht um", brummte er. Doch er ließ sich auf der Kante seines Bettes nieder, als Schwärze an seinem Gesichtsfeld nagte. Er fühlte sich hungrig, nun da sie Essen erwähnt hatte.
„Zieh dich aus. Ich hole dir ein Tablett mit Essen."
Er hob eine Augenbraue bei ihren Worten und unterdrückte ein Grinsen. „Ich glaube nicht, dass ich mich selbst ausziehen kann. Ich fühle mich ziemlich schwach."
Sie schaute ihn misstrauisch an. Er versuchte, hilflos dreinzublicken.
„Ich glaube dir keine Minute lang", versetzte sie. Trotzdem zog sie an den Ärmeln seines Shirts. Schließlich beugte sie sich hinunter und ergriff den Stoff um seine Hüfte. Sie streifte ihm das weiße Shirt über seinen Kopf und starrte ihn dann an. Draco grinste anzüglich, während ihr Blick über seinen Oberkörper zu seinem Haar wanderte, das elektrisch aufgeladen in einem Kranz von seinem Kopf abstand. Sie schaute ihn mit einem Ausdruck an, der an Panik grenzte.
„Hör jetzt nicht auf. Du machst es so gut."
„Ich kann nicht", flüsterte sie.
Er gluckste. „Ich weiß. Der Anblick von mir führt dazu, dass du alle Kontrolle verlierst und dich mit einem Rausch von Lust auf mich stürzen willst, richtig?"
„Ich bin gleich zurück mit einem Tablett", sagte sie heiser und eilte hinaus.
Draco glitt aus seiner Hose und legte sich in die Kissen zurück. Er strich sein Haar glatt und wünschte, er hätte daran gedacht, seinen Kamm zu holen. Er zog die Decke bescheiden bis zur Brust hoch, dann schob er sie wieder bis zu einer Handspanne unter seinen Bauchnabel, dankbar, dass sein Bauch flach wie ein Brett war. Er verschränkte die Hände hinter dem Kopf und pfiff vor sich hin, während er auf Hermines Rückkehr wartete.
Als Hermine ihn sah, ließ sie beinahe das Tablett fallen.
„Hast du keinen Schlafanzug?", fragte sie.
„Malfoys schlafen nicht in Schlafanzügen."
„Malfoys müssen sich im Winter den Tod holen." Sie stellte das Tablett brüsk auf seinen Schoß. „Iss alles auf. Madam Pomfrey hat die hier für dich vorbereitet und in die Küche geschickt, damit du sie mit deinem Essen zu dir nimmst." Sie deutete auf zwei Phiolen mit Zaubertränken.
„Ich weigere mich, sie ohne ein Glas La Romanee- Conti zu schlucken. Sie schmecken ätzend."
„Ohne was?", fragte sie verständnislos.
Plötzlich tauchte ein kleiner Hauself auf, der ein Glas Rotwein in der Hand hielt. Er verbeugte sich tief und reichte das Glas an Draco. Der Hauself verschwand wieder.
„Nützliche kleine Kreaturen manchmal", kommentierte Draco und nippte am Glas. Hermine verdrehte die Augen.
„Provozier mich nicht, dir wegen deiner fürchterlichen Behandlung der Hauselfen die Ohren lang zu ziehen", sagte sie und begann, seine neue Kleidung zusammenzufalten. Sie öffnete seinen Koffer und verstaute die Päckchen darin. Draco haute rein, realisierend, dass er am Verhungern war. Hermine hatte ihm eine große Portion Rinderbraten und Gemüse besorgt.
„Was ist das?" Hermine hielt ein kleines schwarzes Buch in der Hand. Draco schaute es überrascht an. Er hatte es vollkommen vergessen, nachdem er es nach seiner Ankunft von sich geschleudert hatte.
„Das hat Snape mir gegeben. Er sagte, es enthält Zaubersprüche, die er mir noch nicht beibringen konnte."
Hermine setzte sich auf die Kante von Goyles Bett und begann, es durchzublättern.
Draco warnte: „Ich würde mich nicht dorthin setzen, wenn ich du wäre. Wenn du nur wüsstest, was Goyle in diesem Bett angestellt hat..."
Sie schoss in die Höhe und ließ sich hastig auf Dracos Bett neben seinem Knie nieder. Augenblicke später war sie in das Buch vertieft. Draco aß auf, schluckte die Zaubertränke und trank den Rest des Weines auf, während er sie die ganze Zeit beobachtete. Er war angenehm satt, gewärmt vom Alkohol und das erste Mal seit langer Zeit rundum zufrieden.
„Die sind wirklich fortgeschritten. Die meisten sind furchtbar", kommentierte Hermine. Draco beugte sich hinüber und zog ihr das Buch aus den Händen. Er warf es auf den Nachttisch.
„Lies es später. Nimm das Tablett weg, Mädchen, und lass uns mit dem Küssen weitermachen."
„Kein Küssen mehr. Du musst dich ausruhen."
„Bleibst du nicht bei mir? Nur für eine Weile?", fragte er sacht. Er konnte Unentschlossenheit auf ihrem Gesicht erkennen. Sie knabberte auf ihrer Unterlippe herum. Er fügte hinzu: „Ich verspreche, dich nicht anzurühren. Ich bin wirklich müde."
„Du versprichst es?", fragte sie zweifelnd.
„Ganz sicher."
„Ich hasse es, wenn du kranke Ideen so auslegst, dass sie völlig vernünftig klingen."
„Es ist vernünftig. Ich bin schwach wie ein Kätzchen. Jetzt komm her." Er hob einladend die Bettdecke. Erstaunlicherweise zog Hermine die Schuhe aus und glitt neben ihn ins Bett. Sie legte den Kopf auf seine Brust. Eine Hand breitete sich über der Narbe aus, die Greyback hinterlassen hatte. Draco schlang ihr die Arme um die Schultern und seufzte zufrieden. Sie fuhr sanft die gerötete Linie nach.
„Tut es weh?"
„Kein bisschen. Nützliche Vögel, diese Phönixe."
Er drückte seine Lippen gegen ihr Haar und hauchte ihren Apfelduft ein. Er fragte sich, was für Konsequenzen folgen würden, wenn er zwei Versprechen in einer Nacht brach. Schließlich war er jedoch einfach zu müde, um sich dazu hinreißen zu lassen, und schlummerte ein, mit dem angenehmen Gefühl von Hermine an sich gedrückt.
