Muschen: Und jetzt denk ich endlich mal wieder dran, was zu posten. ;) Ja, irgendwie erschien mir das mit dem Gemeinschaftsbesäufnis passend für die beiden. LG Tami
Ohne Nim und Alvariel war das Leben in Bruchtal wirklich einsam. Die Zwillinge waren immer noch irgendwo in der Wildnis unterwegs, um Orks zu jagen und auch Glorfindel, der sich zwar mühte mir zwischen seinen vielen Verpflichtungen ab und an Gesellschaft zu leisten, war nur ein kleiner Trost. Mal ganz abgesehen davon, dass man sich mit ihm selten vernünftig unterhalten konnte, da er mit seinen Gedanken meist woanders war. Wo, konnte ich mir denken. Seinen Vorschlag, dass ich doch einfach mal versuchen sollte, Erestor von seinem Schreibtisch wegzuzerren, nahm ich erst gar nicht ernst. So freundlich der Finsterelb in letzter Zeit auch gewesen war, schätzte ich doch, dass er bei seiner Arbeit keinen Spaß verstand und mich im Zweifelsfall einfach aus dem Fenster werfen würde, wenn ich ihn störte.
So kam es, dass ich eines Nachmittags allein durch Bruchtals Gärten spazierte und feststellte, dass es anscheinend Herbst wurde. Dank Elronds Ring gab es in dem Tal keine großen Wetterschwankungen, aber die Blätter der Bäume färbten sich auch hier langsam ins rötliche. Überrascht versuchte ich mich zu erinnern, wie es ausgesehen hatte, als ich hierher verfrachtet worden war. Irgendwie verlor man in Bruchtal schnell das Zeitgefühl und ich konnte gut schon einen Monat hier sein oder auch ein Jahr. Wenn ich es mir recht überlegte, hatten die Bäume damals wohl geblüht. Was dann hieß, dass ich schon ein halbes Jahr in Bruchtal sein musste. Wie viel Zeit mochte wohl inzwischen dort vergangen sein, wo ich herkam?
Ich war dermaßen vertieft in meine Überlegungen, dass ich mich plötzlich unversehens auf der Erde wiederfand. Überrascht blickte ich um mich und fand mich Auge in Auge mit einer nicht minder verwirrten Arwen Undómiel. Anscheinend hatte sie auf einer Bank gesessen und ich war über ihre langen Beine gestolpert, die sie von sich gestreckt hatte. Jetzt hielt sie mir eine Hand entgegen, um mich wieder auf die Beine zu ziehen.
„Verzeiht Frau Firiel, ich habe Euch gar nicht bemerkt. Aber Ihr scheint mir ebenso in Eure eigenen Gedanken versunken gewesen zu sein." sagte sie mit einem leichten Lächeln. Etwas verwirrt ließ ich mir aufhelfen. „Ja, in der Tat. Ich wollte Euch nicht stören, verzeiht." sagte ich artig. So langsam schien doch etwas von dem höflichen Benehmen der Elben auf mich abzufärben. Oder mir schwand nach meinen diversen Abenteuern einfach die Energie für Wortgefechte.
„Nein, Ihr stört mich nicht. Ganz im Gegenteil, vielleicht wird mir etwas Gesellschaft gut tun. Begleitet Ihr mich auf einen Spaziergang?"
Ich war ehrlich gesagt etwas baff darüber, dass Arwen ausgerechnet mich um Gesellschaft bat, aber ich sah meine Chance gekommen ein bisschen mehr über Mittelerdes größte Liebesgeschichte, seit Beren und Luthien, aus erster Hand zu erfahren. Und die konnte ich natürlich nicht ungenutzt verstreichen lassen. Mit einem Lächeln schloss ich mich ihr also an und das erste Stück des Weges gingen wir in Schweigen, bis Elronds Tochter plötzlich fragte: „Zürnt Ihr Erestor immer noch, dass er Euch hierher gebracht hat?"
Ein überraschter Blick war ihr für diese unverblümte Anfrage mal sicher. Elrohir hatte ganz offensichtlich getratscht. Eine gute Frage war es dennoch. Einige Zeit schwieg ich und versuchte mit gerunzelter Stirn eine ehrliche Antwort auf diese Frage zu finden. „Ich weiß es nicht genau." gab ich schließlich zu. „Ich denke, das sollte ich eigentlich, aber irgendwie..." Ich zuckte hilflos mit den Schultern. Was sollte ich sagen? Aber irgendwie hätte ich gern mehr Zeit mit ihm verbracht, ihn näher kennengelernt und das, obwohl ich nicht in ihn verliebt bin und er genaugenommen mein Leben, so wie ich es kannte, kaputt gemacht hat?
Arwen dagegen lächelte verständnisvoll. „Aber irgendwie ist er gar nicht so ein Unhold, wenn man sich erst einmal an seine seltsame Art gewöhnt hat." meinte sie dann mit einem leisen Lachen, als ich sie etwas verblüfft anschaute.
„Und wenn man seine Vergangenheit kennt und seine Beweggründe dadurch besser versteht." fügte ich dann mit einem Lächeln hinzu. Was jetzt wiederum der Elbenfrau einen verwirrten Blick abnötigte. „Seine Vergangenheit!" Sie war ehrlich überrascht und schaute mich lange prüfend an, bevor sie weitersprach. „Er muss Euch sehr schätzen, Frau Firiel. Niemand in Bruchtal weiß etwas über seine Vergangenheit. Glorfindel und mein Vater ausgenommen. Erestor hält sich bei Privatangelegenheiten immer sehr bedeckt."
Zu sagen, ich wäre überrascht gewesen, wäre untertrieben. Mir blieb bei Arwens Eröffnung schlicht die Luft weg und als mir klar wurde, was das hieß, schlug mir das Herz bis zum Halse. Erestor hatte Glorfindel gebeten, mir alles über seine Vergangenheit zu erklären und das machte mich zum Teil eines sehr exklusiven Kreises. Zumindest hielt mich der schwarzhaarige Elb für genauso vertrauenswürdig wie seine beiden engsten Freunde, die er mehrere Zeitalter lang kannte. Und irgendwie schien es ihm wichtig zu sein, dass ich ihn verstand... Bei dieser Erkenntnis huschte ein breites Lächeln über mein Gesicht. Vielleicht würde ich mich demnächst doch einmal ganz zufällig in sein Arbeitszimmer verirren...
Doch Arwens Offenheit hatte mir etwas Auftrieb gegeben. „Was beschäftigt Euch so über die Maßen?" fragte ich scheinheilig, als würde ich mir nicht denken können, dass sie Aragorns Ankunft entgegen fieberte. Die Schönheitskönigin seufzte leise. „Nur Erinnerungen." sagte sie dann, aber ich war nicht bereit mich damit abspeisen zu lassen, nachdem sie quasi schon aus mir herausbekommen hatte, dass ich bei Erestor in hohem Ansehen stand. Wieso erschloss sich mir zwar nicht ganz, aber das war mir momentan völlig gleich.
„Sich über die Vergangenheit zu sorgen hat nicht viel Sinn. Oder habt Ihr derartige Kräfte, dass Ihr sie noch ändern könnt?" fragte ich verschmitzt und auch Arwen musste leise lachen. „Nein, das habe ich in der Tat nicht. Es ist die Zukunft, die mich nachdenklich macht."
Also diese Frau war wirklich eine harte Nuss und unwillkürlich musste ich an eine Textpassage aus den Büchern denken, als Frodo im Auenland auf die Elbenreisegruppe getroffen war. „Frage niemals die Elben um Rat. Sie werden sowohl ja als auch nein sagen." Frau Arwen hielt es anscheinend ähnlich und wollte nicht so recht mit der Sprache heraus.
Und mitten in dieser Überlegung ging mir plötzlich ein ganzer Kronleuchter auf! Der Elb, mit dem Frodo im Auenland gesprochen hatte, war ein gewisser Gildor Inglorion gewesen. Und Gildor war es auch, der die Gruppe mit Nim und Alvariel auf ihrem Weg zu den Anfurten führte. Ich schluckte schwer, als mir zum ersten Mal klar wurde, dass ich in gewisser Weise, wenn auch noch so beiläufig, mit dem Schicksal des Ringes verbunden war.
Ich beschloss einen direkten Angriff auf Arwens wirklich vorzügliche Deckung. „Ich kann es mir denken. Wie mir Euer Vater sagte, habe ich eine gewisse Begabung dafür, Dinge vorauszusehen. Bis ich Euch sah, wusste ich nicht, dass sich dieses Talent auch auf die Vergangenheit erstreckt. Als ich Euch kennenlernte, sah ich ein Bild von Euch hier in den Gärten. Und einen jungen Mann..." fing ich mit einem vorsichtigen Seitenblick auf die Elbenfrau an. Doch Arwen schien nicht im Geringsten überrascht. Sie lächelte lediglich versonnen vor sich hin. „Mein erstes Zusammentreffen mit Aragorn, Arathorns Sohn. Wisst Ihr, wer er ist?"
Na endlich, jetzt kamen wir der Sache doch etwas näher. „Ja, das weiß ich." sagte ich nur. Ich wusste nicht, ob es ratsam war, ihr zu erklären, dass es in meiner Welt ein ganzes Buch, unter anderem über ihren Liebsten, gab.
„Wir haben einander vor langer Zeit hier in den Gärten getroffen. Über 60 Jahre ist das jetzt her. Er war so jung, damals... Und ich so dumm." Für einen Augenblick glaubte ich Tränen in ihrer Stimme mitschwingen zu hören und ehrlich gesagt, war ich auch überrascht, was ihre angebliche Dummheit angehen sollte.
„Weil Ihr Euch in Ihn verliebt habt?" fragte ich zögerlich. Vielleicht ging ich mit meiner Neugier doch etwas zu weit.
„Nein, weil ich so spät erkannt habe, was er mir ist." war die Antwort. „Frau Firiel, Ihr müsst gesehen haben, wie ich durch die Gärten ging und Aragorn mich heimlich beobachtete. Er war jung und hatte gerade erst von seiner wahren Herkunft erfahren. Ich... Ich muss gestehen, dass er mich gar nicht so heimlich beobachtet hat. Meine Brüder hatten mir bereits bei meiner Rückkehr aus Lorien von Estel erzählt und ich war, ehrlich gesagt, neugierig auf Vaters Ziehkind." Hier lachte sie etwas verlegen. „Ich hatte ihn bereits ein-, zweimal gesehen, ohne dass er mich bemerkte. Ich muss sagen,..." Wieder räusperte sie sich nervös. „ich fand ihn für einen Menschen recht anziehend und ich beschloss etwas Spaß mit ihm zu haben. Er war so jung und unverdorben."
Man möchte es kaum glauben, aber Arwen Undómiel, die ich immer für ein braves Tugendlamm gehalten hatte, war inzwischen mindestens so knallrot angelaufen wie Nimriel zu ihren besten Zeiten. Die Schönste unter den Elben schien in keiner Weise die Unschuld vom Lande zu sein, als die Tolkien sie in seiner Geschichte von Arwen und Aragorn dargestellt hatte. Meine Vision von ihr im Garten hatte mich also nicht getrogen. Das war ja in Wirklichkeit noch viel besser als im Buch!
„Ich richtete es also so ein, dass ich dort spazieren ging, wo er immer im Garten saß und mich sehen musste. Er sprach mich als Tinuviel an und ich gab mich völlig unwissend. Ich wusste um die Geschichten, die man mir wegen meiner Ähnlichkeit mit Luthien andichtete, aber damals ahnte ich noch nicht, wie eng Aragorn damit verbunden war. Kaum jemand hier in Bruchtal hat es gewusst, aber wir hatten damals eine Menge Spaß miteinander, wenn Ihr versteht."
Ja, das konnte ich mir vorstellen. Anscheinend war Arwen Undómiel das weibliche Pendant zu Glorfindel. Meine Güte, die hartgesottenen Tolkien-Fans würden wahrscheinlich Amok laufen, wenn sie je erführen, dass die größte Liebesgeschichte dieser Welt als eine simple Bettbumserei angefangen hatte.
„Doch ich merkte schnell, dass Aragorn unsere Zeit zusammen mehr bedeutete als mir. Für mich war es nur ein Spiel, ein Zeitvertreib und als ich dessen gewahr wurde, was er wirklich für mich fühlte, beendete ich die Sache. Außer meinem Vater und einigen Wenigen hat nie jemand etwas davon erfahren. Mein Vater hatte großes Mitleid mit Aragorn und es blieb ihm natürlich nicht verborgen, dass er von Tag zu Tag stiller und in sich gekehrter wurde. Und auch mir tat sein Leid im Herzen weh, doch ich hielt es für klüger ihm fern zu bleiben. Mein Vater beschloss ihn auf eine Fahrt zu schicken, um ihn von seinem Kummer abzulenken. Und so verließ Aragorn Bruchtal. Ich sagte ihm damals nicht Lebewohl, da ich von einer kurzen Reise ausging, doch ich sollte ihn nicht wieder sehen. Ab und an schickte er durch Wanderer Nachricht zu meinem Vater, aber er kehrte nie wieder nach Bruchtal zurück. Am Anfang hoffte ich noch ihn irgendwann wiederzusehen, aber diese Hoffnung schwand mit den Jahren und erst mit der Zeit wurde mir bewusst, was ich ihm gewesen sein musste. Was er in mir gesehen hatte und wie tief ich ihn verletzte, mit meinem kindischem Spiel um seine Gefühle."
Ok, das war ja jetzt mal eine völlig andere Wendung als im Buch. Vielleicht lief hier doch nicht alles nach Plan!
„Aber mir wurde in dieser Zeit auch etwas anderes bewusst. Mit jedem Jahr das verging, schwand etwas von meiner Freude an diesem Leben. Ich ertappte mich dabei, wie ich auf seine Rückkehr wartete, wie ich hoffte. Dass ich davon träumte, ihm alles erklären zu können. Ich hatte unwissentlich nicht nur mit seinen Gefühlen gespielt, sondern auch mit den meinen. Ich war schon lange an ihn verloren und hatte es noch nicht einmal gemerkt. Bis es zu spät war. Mein Vater hielt es für klug auch mich auf eine Reise zu schicken und ließ mich nach Lorien bringen. Dort, wo ich nie mit ihm zusammen gewesen war, hoffte er auf Heilung für mein Herz. Aber ich wusste bereits, dass es nur eine Art der Heilung für mich geben würde." Unter Tränen musste die schöne Frau plötzlich lachen. „Hätte mein Vater geahnt, was diese Reise nach Lorien bringen würde, er hätte mich wohl hier in meinen Gemächern eingesperrt. Aragorn ahnte nicht, dass ich in Lorien weilte, als er dort von einer langen Reise Zuflucht suchte. Meine Großmutter, die weise Galadriel, hatte schon lange gesehen, was uns verband, doch sie sagte nichts von seiner Ankunft zu mir. Sie kleidete ihn lediglich wie einen Fürsten der Galadrim und dann schickte sie ihn des Abends auf den Cerin Amroth, wo ich immer spazieren zu gehen pflegte. Und dort sahen wir uns nach 30 Jahren endlich wieder. In dem Moment als ich ihn auf mich zukommen sah, da traf ich meine Entscheidung. Unwiderruflich. Ich wusste, noch einmal von ihm getrennt zu sein und nicht zu wissen, ob ich ihn je wiedersehen würde, ob er eine andere Frau gefunden hatte, die mit seinem Herz nicht so sorglos umging wie ich, all das würde ich nicht noch einmal ertragen können. Lieber wollte ich als Mensch zu Grunde gehen, als noch einmal die Qualen der letzten 30 Jahre zu ertragen."
Ihre Erzählung war dermaßen fesselnd gewesen, dass ich nicht einmal mitbekommen hatte, dass Arwen anfing zu weinen. Jetzt atmete sie tief durch, bevor sie weitersprach. „Er verzieh mir. Er vergab mir alles und darüber hinaus liebte er mich noch immer. Trotz allem. Wir verbrachten eine wunderschöne Zeit in Lorien, doch die Wirklichkeit lässt sich nicht für immer ausschließen und er musste wieder aufbrechen. Ich kehrte zurück nach Bruchtal und erklärte mich meinem Vater. Er war natürlich nicht erfreut und später verlangte er von Aragorn, dass dieser erst ein König werden müsste, bevor er mich zur Frau nehmen dürfe. Als Aragorn Bruchtal wieder verließ, ging ich noch einmal nach Lorien, um dort in meinen schönen Erinnerungen zu leben, doch jetzt bin ich zurückgekehrt. Ich fühle, dass er bald hierher kommen wird und wir uns endlich wiedersehen. Es wird nicht mehr lange dauern, bis sich alles für uns entscheidet. Zum Guten oder zum Schlechten."
Wir gingen einige Zeit schweigend nebeneinander her und während Arwen anscheinend halb in ihren Erinnerungen und halb in der Erwartung Aragorn bald wiederzusehen, gefangen war, wunderte ich mich über Tolkien. Also im Großen und Ganzen stimmte die Geschichte von Aragorn und Arwen ja. Sie hatten sich kennengelernt, er hatte sich verliebt, sie nicht, er ging aus Kummer auf Abenteuerreisen und dann trafen sie sich zufällig in Lorien wieder, um endlich zueinander zu finden. Aber die ganzen pikanten Details hatte dieser fromme Katholik weggelassen. Was mich zu der Frage brachte, wie es sein konnte, dass er in meiner alten Welt Geschichten über etwas schrieb, das hier erst noch passierte. Doch ich beschloss mir darüber nicht den Kopf zu zerbrechen, denn wie mir Erestor ja schon vor einer Weile gesagt hatte, ist die Zeit nicht überall gleich. Vielleicht hatte dieser verrückte Professor ja auch so eine Art Zeitmaschine erfunden und war dann nach Mittelerde gereist in die Zeit nach dem Ringkrieg. Und hatte, zurückgekehrt in die Vergangenheit meiner alten Welt, alles aufgeschrieben. Aber dann hatte er entweder eine Menge falsch verstanden oder alles so gedreht, wie es in sein konservatives Weltbild passte.
Wir spazierten noch lange schweigend durch die Gärten und trennten uns erst in der Abenddämmerung wieder. Ich musste zugeben, Arwen Undómiel war eine beeindruckende Persönlichkeit. Wenn auch ganz anders als ich es erwartet hatte.
