35. Der Außenseiter


Mycroft wartete im Büro auf sie, hinter seinem Schreibtisch an einer Tasse Tee nippend. Auf einem Servierwagen in der Nähe eines Stuhls befanden sich eine Kanne Tee mit zwei Tassen, ein leerer Teller und ein weiterer, der Toast, Würstchen, Gebäck und frisch geschnittenes Brot bereit hielt. Kaum einen Augenblick später saß John auf dem Stuhl und begann seinen Teller aufzufüllen, kurz innehaltend, um Mycroft zu zunicken. ,,Danke sehr."

Mycroft neigte sachte seinen Kopf und wandte seine Aufmerksamkeit seinem Bruder zu. ,,Nun, dann, kleiner Bruder. Vielleicht wärst du so freundlich, zu erklären, warum, während Moriarty nach deinem Blut dürstet, du dich entscheidest, dass dies der perfekte Zeitpunkt ist, um ein romantisches Spiel zu beginnen."

Sherlock legte die verlangten Gegenstände vor Mycroft nieder, ohne ihn auch nur anzusehen. ,,Ich spiele ganz und garnicht."

,,Wirklich." sagte Mycroft ruhig. ,,Dann muss ich diese Fotographie von dir vor dem Club Aquarium, Händchen haltend mit Doktor Hooper, wohl als Fälschung betrachten?"

Sherlock senkte seinen Blick und schüttelte seinen Kopf.

,,Das dachte ich mir. Zeit, mir eine Erklärung abzuliefern, Sherlock."

,,Es gibt nichts zu erklären" sagte Sherlock mit zusammengebissenen Zähnen.

,,Oh, ich bin da anderer Meinung." Mycroft sah zu ihm hinüber und runzelte die Stirn. ,,Was ist das in deiner Tasche? Eine neues Telefon?"

,,Ja."

Mycroft setzte seine Tasse ab und streckte seine Hand aus.

Sherlock blinzelte. ,,Was?"

,,Händige mir dein Telefon aus, bitte."

,,Warum?" fragte Sherlock unruhig.

Mycroft spannte seine Finger an. ,,Sherlock."

Sherlock hielt ihm das Telefon langsam hin. Mycroft nahm es, drehte es vorsichtig in seiner Hand, als würde er einen seltenen Vogel untersuchen. Dann legte er es vor sich auf seinen Schreibtisch und sah seinen Bruder mit gehobenen Augenbrauen an.

,,Lächerliche Wahl für ein neues Telefon." sagte Mycroft mild. ,,Nun, dann, ich werde mir einen Überblick über die Informationen verschaffen und denke, dass ihr euch beide währenddessen hinsetzen und der Stille huldigen solltet."

Während er sprach, erhob er sich und bedeutete John zu an Ort und Stelle zu bleiben, während er Sherlock das Zeichen gab, ihm zu folgen. Sherlock sah ihn an. Mycroft machte eine ungeduldige Geste. Sherlock bewegte sich in die Mitte des Raums und Mycroft drückte sachte einen Knopf. Schubert's Der Tod und das Mädchen begann zu spielen.

Sherlock warf Mycroft einen Blick zu, in dem Anerkennung, aber auch Unruhe lag, aber er folgte ihm, während sie lautlos in den anliegenden Raum glitten.

Die Tür schloss sich lautlos hinter ihnen. Mycroft drehte Sherlock sein Gesicht zu. ,,Nun. Ich schätze, wir haben achtzig Sekunden, bevor Moriarty misstrauisch wird. Erzähl mir alles, was dir möglich ist, und faß dich kurz."

Eine Minute später, sah John sie wiederkommen. Mycroft glitt zurück hinter seinen Schreibtisch, und Sherlock setzte sich auf den anderen Stuhl, ohne ein Geräusch die Tasse Tee anhebend. Mycroft überflog die Gegenstände vor ihm: ein Bild von Mollys Rücken, das Lestrade ihm gegeben hatte, das Love Story - Video, Sherlocks Kopie der Sun und die Tüten. Er stellte die Musik leiser, aber nicht aus.

Er griff zu seinem Tischtelefon und drückte einen Knopf. ,,Bringen Sie mir die Akte von Doktor Hooper. Und ändern Sie ihren Status auf Grad Zwei. Aktiv."

Sherlock runzelte die Stirn. ,,Ich denke kaum, dass das notwendig ist." sagte er und steckte sein Telefon wieder ein.

,,Doktor Hooper ist offenbar im Visier. Und wenn nicht jetzt, dann später. Sie wurde benutzt, um dir eine Warnung zu sein, Sherlock, und wenn Moriarty genug davon hat, aus ihr den Überbringer dieser Warnung zu machen, ist sie noch immer in Gefahr. Entschuldige bitte, wenn ich dein neu entdecktes Liebesleben verkompliziere. Nun. Hat er dich besucht?"

,,Er war der Taxifahrer letzte Nacht, als wir den Club verlassen haben." gab Sherlock zu. Mycroft lächelte süffisant. ,,Kein Zweifel, du warst zu berauscht von Doktor Hooper, um es zu bemerken. Und?"

,,Und er erklärte mir, dass ich nach ihm suchen solle, und dass meine ,,große Romanze" mir nicht zu Kopf steigen solle."

,,Klingt nach einem guten Rat, von einem Wahnsinnigen." Mycroft verschränkte seine Arme über der Brust. ,,Warum sie, Sherlock. Von all den Möglichkeiten, warum hast du dich für ein Date mit Doktor Hooper entschieden?"

,,Du hast offensichtlich Kenntnis von Möglichkeiten, die mir verborgen sind." sagte Sherlock gerade heraus.

,,Du hättest an vielen Orte gehen und eine Frau treffen können. Und doch hast du dich für sie entschieden. Ist es, weil du vertraut mit ihr bist? Sie dich ins Labor lässt, dir irgendjemandes nekrotische Hand in einem Einmachglas mit nach Hause gibt? Weil ihr euch gegenseitig kennt und du viele Dinge überspringen kannst, du die ganz besonders langweilig und nervtötend an einer Beziehung findest?"

Sherlock sah hinunter. Mycroft starrte ihn an. ,,Guter Gott."

John sagte nichts, auch weil sein Mund mit seinem Frühstück angefüllt war, aber er beobachtete die beiden aufmerksam. Er wusste besser als jeder andere, wie die beiden waren, wenn sie sich zusammen in einem Raum befanden.

,,Du tust so, als ob eine solche Abweichung meinerseits in der Angelegenheit ein unvorstellbares Ereignis wäre." sagte Sherlock.

Mycroft hob seine Augenbrauen. ,,Ja. Das hätte es sein sollen. Das einzige Interesse, das du jemals an Frauen gezeigt hast, war an Irene Adler, und wir beide wissen, was das wirklich war. Nein, nein. Das hier ist anders. Doktor Hooper ist ...dir wichtig. Warum?"

Sherlock blinzelte. ,,Sie eine Freundin. Sie hat mir das Leben gerettet, schon vergessen?"

,,Sich zu sorgen, ist kein Vorteil, Sherlock. Das habe ich dir schon einmal erklärt. Natürlich, wann hast du je auf mich gehört, hmm?"

,,In jedem Fall." fuhr Mycroft sanft fort ,,Musst du Moriarty finden, bevor, was immer er auch plant, weiter geht, als das hier. Der Kopie der Sun nach zu urteilen, denke ich, du hast schon eine Idee, wo du zu suchen hast?"

,,Ja." sagte Sherlock.

Mycroft nickte. ,,Gut, gut. Halt mich auf dem laufenden, das wirst du doch?"

,,Natürlich." sagte Sherlock gefällig.

John beendete sein Essen und runzelte die Stirn. ,,Warten Sie einen Augenblick. Sie wissen, wo Sie suchen müssen? Aufgrund der Zeitung, die er geschickt hat?"

Beide wandten ihm ihren Blick zu. ,,Ja," sagten beide einstimmig.

,,Wie können Sie das wissen?"

Sherlock tippte in sein Telefon während er sprach.

,,Die Tüten, John. Die eine war feucht, die andere trocken. Die feuchte Tüte ist von Tescco. Die trockene von Sainsbury. Die feuchte Tüte roch leicht nach industriellen Ausdünstungen, was die Feuchtigkeit unterstreicht. Die feuchte hatte im Innern Spuren von Schmutz, Schmutz, der winzige Mengen von Sägemehl und Metall aufwies. In einem laufenden Betrieb, würde so etwas nicht auf dem Boden liegen lassen, ohne, dass es sofort beim Putzen weggeräumt würde. Sie kam aus einem verlassenen Gebäude, höchstwahrscheinlich ein eine ehemalige Fabrik, die Feuchtigkeit weist auf eine Niederschlagsstärke hin, die wir letzte Nacht in London nicht hatten, also ist von einem Ort außerhalb Londons, aber nicht so weit entfernt, dass es schwierig gewesen wäre, eine Kopie dieses Klatschblatts aufzutreiben, und es innerhalb des gegebenen Zeitrahmens zu verschicken. Also suchen wir nach einem Ort innerhalb einer annehmbaren Distanz, die den Kriterien der beiden Supermärkte und einer in der Nähe gelegenen verlassenen Fabrik entspricht und...".

Sherlock lächelte und hielt das Telefon hoch. ,,Hier haben wie sie."

John blinzelte. Mycroft lächelte beinahe.

,,Gut, ihr solltet euch auf den Weg machen." sagte er.

,,Ja, dennoch ein reizendes Wiedersehen." antwortete Sherlock.

John nickte und stand auf. ,,Nochmals danke für das Frühstück."

,,Es war mir ein Vergnügen, John." sagte Mycroft.

Sie waren drei Schritte von der Tür entfernt, als er wieder sprach. ,,Und Sherlock?"

Sherlock sah zurück. ,,Ja, Mycroft?"

,,Lass es mich wissen, wenn du ein gutes Buch zum Thema Sex brauchst. Ich werde dir eines schicken lassen."

John zwang sich, nicht zu lachen, als sie hinausgingen.

Mycroft dankte der Assistentin, die ihm Doktor Hoopers Akte brachte. Er öffnete sie und starrte, ohne sie zu sehen.

Sherlock sah anscheinend nicht, was für alle anderen so offensichtlich war. Aber andererseits waren Gefühle dieser Art ein unbekanntes Territorium für seinen Bruder. Mycroft schüttelte seinen Kopf und betrachtete die Fotos von ihr. Ziemlich gewöhnlich, aber nicht unattraktiv. Da war etwas in ihren Augen, entschied er, ein Funken von etwas - verstörendem. Als könne sie damit Licht an einen dunklen Ort dringen lassen.

Sherlock wusste es noch nicht, aber er war dabei sich in Molly Hooper zu verlieben.

Möge Gott uns allen gnädig sein.

Mycroft schüttelte seinen Kopf und begann zu lesen.