Ankunft im Vardenlager
Ich lief durch den Wald. Durch die Begegnung mit Edward war ich ganz durch den Wind. Ich wusste nicht was ich denken sollte. Warum kämpften die Cullens auf der Seite von Galbatorix, obwohl sie ihm keinen Schwur abgelegt hatten? Tief in meiner Brust schmerzte es mich. Ich wäre am liebsten umgedreht und zu Edward zurückgegangen, doch ich hielt mich davon ab. Ich hatte nicht gewollt, dass Edward mich erkannte, doch als er es tatsächlich nicht tat war ich enttäuscht. Bitter enttäuscht. Jetzt wo ich wusste, dass wir immer noch in derselben Welt lebten, hätten wir wieder eine Chance haben können. Wenn er mich nicht hätte töten wollen. Ich spürte die Tränen in meinen Augen, doch ich hielt sie zurück. Bei meinem Weg durch den Wald würden sie mich nur behindern.
Hätte ich es gekonnt, dann hätte ich mich an den nächstbesten Baum gesetzt, mich mit dem Rücken dagegen gelehnt und ausgiebig geweint, wenn ich nicht den Verdacht gehabt hätte, dass Murtagh auch den Wald absuchen ließ. Und so lief ich weiter durch den Wald, einen Kampf gegen mich selbst führend. Ich konnte jetzt nicht schlapp machen. Immer wieder sagte ich mir, dass ich stark genug sei. Mir waren schon sehr viel schlimmere Dinge passiert und ich hatte nicht wirklich aufgegeben.
Ich konnte mich später nur verschwommen daran erinnern, wie ich aus dem Wald heraus gekommen war, doch plötzlich waren da keine Bäume mehr und ich hatte wieder Blick auf das Vardenlager. Ich merkte auch, dass die Droge inzwischen ein weiteres Mal nachgelassen hatte. Vermutlich war das schon länger der Fall, doch ich hatte es einfach nicht bemerkt, da ich so abgelenkt gewesen war. Aus dem Augenwinkel bemerkte ich ein blaues Schimmern und es dauerte nicht lange bis ich Saphiras Stimme in meinem Kopf vernahm: „ERAGON?!"
Ich blickte zu ihr nach oben. Ihre Stimme klang nach einer Mischung aus Sorge, Erleichterung und Wut. Sie landete vor mir und starrte mich an. Und als mich ihre riesigen blauen Augen so durchbohrten, brachen bei mir die Dämme. Ich stürzte vorwärts und umarmte so viel von ihrem Hals, wie ich konnte. Schluchzend presste ich mich an sie und berichtete ihr von dem was geschehen war. Sie hörte mir zu, ohne mich zu unterbrechen. Als ich jedoch fertig war gab sie ihre Antwort.
„Hätte ich gekonnt, hätte ich dich damals schon vor diesem Edward gewarnt. Es hätte nie gut gehen können, sei es auf die eine oder andere Art. Natürlich würde es dich verletzten. Aber Era, ich habe mir solche Sorgen gemacht, als ich von der Jagd zurückgekommen bin und dich nicht erreichen konnte."
„Haben Nasuada und die Anderen etwas gesagt?", fragte ich und blickte betreten zu Boden. Denn es war sicherlich nichts Gutes gewesen.
„Steig auf, ich werde dich zu ihr bringen. Ich habe noch nicht mit ihr gesprochen. Was auch immer sie zu sagen hat, sie soll es dir selbst sagen."
Gehorsam stieg ich auf Saphiras Rücken und konnte von ihrem Rücken aus auf das Lager der Varden blicken. Erneut fiel mir auf wie groß es doch war, was ein gutes Zeichen zu sein schien. Möglicherweise war es sogar größer als wie ich mit Saphira angekommen war. War es vielleicht möglich, dass einige der Soldaten aus Gil'ead zu uns übergelaufen waren?
Wir landeten auf einer Lichtung im Lager, ähnlich der, auf der ich von Murtagh gefangen gehalten wurde. Der einzige Unterschied bestand darin, dass hier kein riesiger Gitterkäfig stand in dem eine Drachenreiterin festgehalten wurde. Seufzend stieg ich von Saphiras Rücken und sah mich auch schon Jakob gegenüber, der mich mit halb wütenden und halb erleichterten Augen ansah. Ich wich seinem Blick aus, denn ich wusste, dass ich ihn mit meinem Verhalten verletzt hatte.
„Jake, es tut mir Leid", sagte ich. „Ich wollte dir nicht wehtun, aber ich konnte dich nicht in diese Sache hinein ziehen und ich konnte Charlie nicht sterben lassen."
Jakob stand noch immer vor mir und wandte seinen Blick nicht ab. Und plötzlich schlang er seine Arme um mich und zog mich an sich.
„Es ist mir egal, dass du Drachenreiterin bist, Era. Du bist immer noch du. Ich werde dich von nun an beschützen."
Das Blut schoss mir in die Wangen und ich wand mich aus seinen Armen heraus. Knallrot starrte ich ihn an, dann wandte ich mich ab und sagte nur: „Ich muss zu Nasuada gehen."
Erneut war ich mir im Klaren darüber, dass ich ihm wehtat, aber ich konnte es nicht zulassen, dass Jakob eine falsche Idee bekam. Er war wie eine Art kleiner Bruder für mich und würde niemals mehr sein.
Ich ging zwischen den Zelten hindurch, Saphira immer auf meinen Fersen, und wir ließen Jake zurück. Ich konnte schon Nasuadas Zelt sehen und während ich darauf zuging trat Charlie heraus. Sein Gesicht zeigte große Sorge. Und im Angesicht der Situation sagte mir meine Intuition, dass es Sorge um mich war. Erneut von Schuldgefühlen gepackt, lief ich auf ihn zu und umarmte ihn. Erschrocken stand Charlie da und rührte sich nicht.
„Era?", flüsterte er ungläubig.
„Ja", sagte ich leise.
„Aber wie? Du hast ihm doch geschworen, dass du seinen Anweisungen folgst und außerdem hast du noch diese Droge bekommen. Die war doch sicher Magie-hemmend."
Lächelnd löste ich mich von ihm. „Ja schon, aber genau das war mein Ausweg. Und ein kleiner Fehler, den Murtagh gemacht hat. Aber komm mit rein zu Nasuada, dann muss ich es nicht zweimal erklären."
Damit zog ich ihn mit in das Zelt, während Saphira draußen die Wachen anstarrte, die dadurch gar nicht daran zu denken schienen, mich aufzuhalten. Ich hatte keine Zeit für Prozedere, denn sonst würde Nasuada noch unnötige Schritte einleiten. Als ich eintrat, blickte Nasuada von einem Stapel Papiere auf. Sie wirkte sehr gestresst, weswegen erneut die Schuldgefühle an mir nagten. Ihre Augen leuchteten auf, als sie mich sah.
„Eragon!"
„Nasuada", sagte ich und verneigte mich ein Stück vor ihr. Bevor ich mich komplett aufrichtete, spürte ich ihre Arme um mich und ich ließ mich geschockt von ihr in eine Umarmung ziehen. Es war nicht so, als ob ich sie nicht gut leiden könnte, aber Nasuada und ich waren niemals zu dieser Ebene gekommen. Doch es störte mich nicht, immerhin sah ich in Nasuada eine Freundin. Jedoch war ich der Meinung, dass das die letzte Umarmung für heute sein sollte.
„Eragon, Charlie hat gerade berichtet, dass du dich von Murtagh hast gefangen nehmen lassen und ihm einen Schwur geleistet hast und… wie hast du es geschafft wieder her zu kommen?"
„Nun, ich habe Murtagh tatsächlich einen Schwur geleistet. Nämlich den, dass ich seinen Anweisungen Folge leisten würde. Allerdings habe ich nie gesagt, dass ich das lange tun würde. Eine wichtige Sache, die ich bei den Elfen gelernt habe. Da man in der alten Sprache nicht lügen kann, muss man einen Weg finden ein Schlupfloch zu lassen."
Damit begann ich ihr und Charlie die ganze Geschichte zu erzählen. Es dauerte nicht allzu lange. Nasuada war jedoch die Person, der ich, neben Saphira, von den Cullens erzählte, nachdem mein ‚Onkel' das Zelt verlassen hatte. Sie würde nicht nach meiner Beziehung mit ihnen Fragen und es war wichtig, dass sie auf einen eventuellen Vampirangriff vorbereitet war und über ihre Fähigkeiten Bescheid wusste. Dann ließ sie mich gehen und schickte mich aus dem Zelt. Bevor ich es jedoch verlassen konnte, rief sie mich noch einmal zurück.
„Era, ich bitte dich als eine Freundin, dass du nie wieder so etwas tust. Ansonsten muss ich es dir leider befehlen. Ich weiß, dass Charlie dir wichtig ist, nachdem ihr so lange zusammen in dieser anderen Welt gelebt habt, aber so hart es klingt: Du bist wichtiger. Ohne dich haben die Varden den Krieg so gut wie verloren. Ach ja und sag Roran, dass er nicht mehr zu mir kommen muss. Ich hatte ihn rufen lassen."
Sobald ich das Zelt verlassen hatte, fragte ich mich, ob Nasuada vielleicht einen sechsten Sinn hatte, denn Roran stand vor dem Zelt und wartete darauf, dass die Wachen ihm Einlass gebieten würden.
„Era! Ich hab von Charlie alles gehört!"
„Nasuada sagt, sie braucht nicht mehr mir dir sprechen. Es ging wohl um mein Verschwinden", sagte ich lächelnd.
Roran ging rasch auf mich zu, packte mich bei den Schultern und umarmte mich. So viel zu der Annahme, dass ich heute schon genug Umarmungen hatte. Aber ich freute mich, Roran zu sehen, vor allem nach der Schlacht, also erwiderte ich die Umarmung.
„Zum Glück bist du wieder da", lachte Roran. Von der Tatsache, dass er es lustig fand, verwirrt, zog ich eine Augenbraue nach oben.
„Naja, sonst hätten wir die geplante ‚Willkommen zurück'-Feier doch verschieben müssen."
