CPOV
Nach einer kurzen Autofahrt kommen wir bei unserem Ziel an und ich wundere mich noch immer, wie die Kinder es geschafft haben, die Strecke ganz alleine zurückzulegen. Wir steigen aus dem Auto und gehen zur Eingangstür, wo Andy dann klingelt. Ray macht uns die Tür auf und flüstert ein „Oh mein Gott!", bevor er auf ein Knie geht und die Kinder umarmt.
„'Tschuldigung Opa!", sagt Tommy.
„Ist schon gut, Hauptsache ihr seid gesund und munter retour!", sagt Ray und bittet uns herein.
Als wir ins Wohnzimmer kommen fällt mir gleich auf, dass in der Küche Scherben liegen.
„Was ist hier passiert?", frage ich besorgt und zeige in die Küche.
„Ana wollte zur Beruhigung einen Kuchen backen, der ihr aber nicht aufgegangen ist. Also hat sie vor lauter Zorn die Schüssel und noch ein Trinkglas auf den Boden geworfen. Danach ist sie in den Garten gestampft und versucht seitdem, sich zu beruhigen. Vielleicht könntest du ihr die frohe Botschaft überbringen, dass die Jungs wieder da sind?", fragt mich Ray und ich nicke.
Als ich in den Garten trete sehe ich verblüfft, wie Ana die Schaukel, die ich den Jungs gebaut habe, immer wieder mit aller Kraft gegen den Baum schwingt.
„Ana!", sage ich ganz ruhig, aber sie zuckt trotzdem zusammen, dreht sich um und starrt mich an. Sie ist etwas außer Atem.
„Was machst du hier?", fragt sie irritiert.
„Ich bringe dir die Kinder zurück", sage ich mit einem Lächeln. Sie sieht mich ungläubig an, läuft aber gleich darauf an mir vorbei ins Haus.
Als ich ihr folge, sehe ich sie im Wohnzimmer, innig umarmt mit ihren Kindern und sie sanft hin- und herwiegend. Mein Herz wird ganz schwer als ich diese Szene betrachte. Was würde ich dafür geben, wenn mich meine leibliche Mutter nur einmal so in den Arm genommen hätte. Ich sammle mich schnell und nicke Ray zu, bevor ich das Haus verlasse.
Als ich auf dem Weg zum Auto bin, höre ich, wie Ana meinen Namen schreit. Also bleibe ich stehen und drehe mich um, als Ana auf mich zugerannt kommt, bevor sie sich in meine Arme stürzt und mich ganz fest umarmt.
„Ich danke dir, Christian!", flüstert sie mir zu und als sie meine Wange mit ihren vollen, sinnlichen Lippen anvisiert, kann ich nicht anders als meinen Kopf zu drehen kurz bevor sie ihr Ziel erreicht, so dass sie mich mitten auf den Mund küsst. Ich nutze die Überraschung, drücke sie ganz fest an mich und genieße, wie mein Körper auf den ihren reagiert.
„Hey, hey, hey, halte dich zurück! Was ist, wenn uns jemand sieht? Wir können Freunde sein aber mehr nicht!", schimpft Ana, als sie sich von mir wegdrückt.
„Ich konnte einfach nicht widerstehen! Ana, wenn in Zukunft wieder irgendetwas sein sollte, dann versprich mir, dass du dich bei mir meldest!", sage ich und drücke ihr eine meiner Visitenkarten zu. Sie nickt nur und lächelt mich dankbar an.
„Du kannst dich natürlich auch so melden!", sage ich hoffnungsvoll.
„Das werde ich ganz bestimmt!", antwortet sie mir. Ich muss meine ganze Willenskraft zusammenkratzen, um mich jetzt umzudrehen und zum Auto zu gehen.
So schwer es mir fällt, aber ich muss mich von Ana und den Kindern trennen, da ich nach dem Meeting und dem Weg zurück nach Seattle noch kurz bei Dr. Flynn vorbeischauen will und dann noch rechtzeitig bei meinen Eltern aufkreuzen muss, wie ich es meiner Mutter ja versprochen habe. Als ich ins Auto steige, murmle ich noch ein „Auf geht's!", bevor ich es mir auf dem Rücksitz bequem mache und mein Handy zücke. Ich komme mir vor wie ein Teenager, da ich die nächste Stunde damit verbringe, wie gebannt auf mein Handy zu starren und auf einen Anruf oder eine SMS von ihr zu warten. Aber natürlich kommt keine Nachricht, also versuche ich noch zu arbeiten und so viele E-Mails wie möglich zu bearbeiten, um mich von der Tatsache abzulenken, dass ich am liebsten gleich wieder umdrehen würde.
