Tut mir leid, dass ich mal wieder keine Reviews beantwortet habe. Ich hab im Moment arge Probleme mit meiner Schulter und bin immer froh, wenn ich nicht viel tippen muss. Ich hoffe sehr, dass es nächste Woche besser ist. :(
Deswegen hier ein allgemeines, aber von Herzen kommendes Dankeschön für eure Reviews und viel Spaß beim nächsten Kapitel! °schokofrösche und lakritzzauberstäbe verteil°
Btw, bei diesem Kapitel lohnt es sich, einen genaueren Blick auf die Daten zu werfen! ;)
Kapitel 3.07 – Licht und Schatten
Sein Bewusstsein kehrte nur langsam zurück. Für geraume Zeit fühlte es sich so an, als sei sein Kopf in Watte gepackt. Nachdem Severus es geschafft hatte, seinen Verstand zu halbwegs rationalen Schlüssen zu bewegen, erkannte er, dass es keine Watte, sondern vielmehr ein Verband war.
Seine Hand war unglaublich schwer, als er sie hob; vermutlich, weil sie ebenfalls in einen festen Verband gewickelt war. Also bemühte er seine andere, anscheinend verschont gebliebene Hand und befühlte seinen Kopf. Anstelle der Haare ertastete er den vermuteten Stoff und rümpfte die Nase. Er versuchte zu blinzeln, scheiterte jedoch. Erst da wurde ihm bewusst, dass der Verband bis über seine Augen reichte.
Sein erster Impuls ging dahin, sich diesen Stoff vom Kopf zu reißen und nachzusehen, was passiert war. Die Tatsache, dass er versorgt worden war, zeugte zwar davon, dass es Hermine gut ging. Aber er würde keine Ruhe finden, ehe er sich nicht selbst davon überzeugt hatte. Als er anfing, am unteren Ende des Verbandes zu pulen, griffen zwei kleine, warme Hände nach seinen und hielten ihn ab.
„Lass den Verband, Severus."
„Hermine", murmelte er, sogar für ihn unverständlich. Sein Mund war staubtrocken.
Einige Sekunden später spürte er den Rand eines Bechers an seinen Lippen und Wasser, das die empfindliche Haut benetzte. Er hob seinen Kopf ein Stück und trank gierig, bis der Becher leer war. Schnaufend sackte er in die Kissen zurück. Er musste im Bett liegen. Aber in wessen Bett? Seine Hand tastete nach der Wand, die von rechts sein eigenes begrenzte. Hermines stand frei im Raum. Als er den Widerstand ertastete, beantwortete sich wenigstens diese Frage.
„Was ist passiert?", stellte er dann die nächste, die er sich nur bedingt selbst beantworten konnte. Mit dem Trank war etwas schief gelaufen. Aber was?
„Der Trank ist noch einmal explodiert. Du standest direkt davor." Hermine hatte seine Hand nicht losgelassen und strich nun mit dem Daumen (zumindest vermutete er, dass es ihr Daumen war) darüber.
Severus spürte, wie sein Herzschlag sich beschleunigte und das Pochen in seinem Kopf stärker wurde. Seine Kiefer spannten sich an, ehe er sehr deutlich wieder zu sprechen begann: „Warum habe ich einen Verband über meinen Augen, Hermine?"
„Der Trank ist noch einmal explodiert, du standest direkt davor", wiederholte sie, kläglicher dieses Mal.
„Hermine!" Er ballte seine Hand zu einer Faust und umfasste ihre Finger.
„Du hast ihn in die Augen bekommen", flüsterte sie. „Ich habe getan, was ich konnte. Aber… ich weiß nicht, ob du deine volle Sehkraft zurückerlangen wirst. Es tut mir leid."
Sein Griff wurde lockerer und er holte mehrmals angestrengt Luft. Seine Nase war verstopft und nun, da sie ihn so direkt auf die Verletzung seiner Augen hingewiesen hatte, brannten diese auch leicht. Von Hermine war ein leises Schniefen zu hören, das ihn aus seiner Starre riss.
Severus ließ ihre Hand los und tastete nach ihrem Gesicht. Mit Hermines Hilfe fand er es und rutschte von dort in ihren Nacken. Zuerst zog er sie für einen flüchtigen Kuss herunter, dann bettete er ihren Oberkörper auf seiner Brust. „Ich bin froh, dass es dir gut geht. Es geht dir doch gut?"
Sie nickte. „Ja, ich war weit genug vom Kessel entfernt." Er hörte, wie sie aus ihren Schuhen schlüpfte und sich vollends aufs Bett legte. Severus rutschte dichter an die Wand und drehte sich auf die Seite, so dass er sie in seinen Arm nehmen konnte. Stärker als sonst nahm er den Magnoliengeruch ihrer Haare wahr und inhalierte ihn tief.
- 26.05.2002 -
Den Verlauf der Zeit zu bemerken, war schwierig, wenn man nicht sehen konnte, wie die Lichtverhältnisse waren. Severus schlief wie so oft nicht, während Hermines Atem lange Zeit sehr ruhig und gleichmäßig war. Stattdessen nutzte er die Stunden, um zu verstehen, was für Auswirkungen seine Verletzung haben würde.
Er machte sich keine Hoffnungen, dass er weiterhin so leben konnte wie bisher. Zwar hatte Hermine angedeutet, dass seine Erblindung nur temporär wäre, doch zumindest für diese Zeit war er von ihr abhängig. Er könnte sich möglicherweise alleine im Haus bewegen, doch schon bei so simplen Dingen wie dem Zubereiten einer Mahlzeit oder dem Ankleiden würde er sie brauchen.
Er bezweifelte nicht, dass sie ihm ohne Klagen helfen würde. Nein, seine Befürchtungen gingen eher in die Richtung, dass ihn ein so abhängiges Leben bald sehr gereizt und unausgeglichen werden lassen würde. Er musste sie warnen, bevor sie sein Bett das nächste Mal verließ.
Der Unterricht würde sich nun schwieriger gestalten. Hermine müsste ihm detailliert das Aussehen der Tränke beschreiben, ihn immer darüber auf dem Laufenden halten, welche Schritte sie vornahm und was sie außerhalb seiner Anweisungen zu tun gedachte. Sie würden sich auf die leichteren Tränke beschränken müssen, bis er wieder aktiv am Brauprozess teilnehmen konnte.
Er seufzte leise. Trotz all dieser Konsequenzen konnte er es nicht bereuen, den Düngetrank bereits jetzt durchgenommen zu haben. Er wusste, dass sie keinen Fehler in der Zubereitung gemacht hatten. Der Trank war an sich so instabil, dass immer etwas geschehen konnte. Dummerweise hatte er dieses Mal dazwischen gestanden. Und der Gedanke ‚Besser ich als sie' wollte ihn nicht mehr loslassen.
Eher im Gegenteil. Wäre es Hermine, die nun auf ihr Augenlicht verzichten müsste, hätte er es sich niemals verziehen, sie so früh an den Trank herangeführt zu haben. Reiner Instinkt brachte ihn schon bei dem bloßen Gedanken dazu, ihren Körper fester an sich zu ziehen, was sie glücklicherweise nicht bemerkte.
Was er allerdings zunehmend bemerkte, war seine Blase. Und so fügte er sich widerwillig dem Drängen seines Körpers und versuchte, Hermine vorsichtig so weit von sich zu schieben, dass er zwar über sie hinweg steigen konnte, sie allerdings nicht aus dem Bett stieß. Dass sie dabei aufwachte, war quasi unvermeidbar gewesen.
„Was is' los?", fragte sie äußerst verschlafen, während Severus etwas ungeschickt über ihr hing.
„Ich muss kurz ins Bad, schlaf weiter."
„Soll ich dir helfen?"
Er stolperte, weil sein Fuß sich in der Bettdecke verhakt hatte, und erwischte zufällig die Kante des Tisches. „Nein", presste er knapp hervor, nachdem der Lärm seiner Akrobatik verklungen war. Von Hermine kam weder eine Antwort, noch eine sonstige Regung.
Da er nachts das Bad auch immer im Dunkeln aufzusuchen pflegte, fand er den Weg problemlos und nutzte die Ruhe, um seinen Kopf zu betasten. Er pochte noch immer ein wenig und Severus vermutete, dass er gestürzt war und ihn sich angeschlagen hatte; am Hinterkopf war eine Stelle, die ziemlich empfindlich auf Berührungen reagierte.
Als er zum Bett zurückkehren wollte, riss er einen Stuhl mit, der polternd über den Holzfußboden scharrte und Hermine erneut aus dem Schlaf riss. Sie gab einen erstickten Laut von sich und seufzte danach schwer. „Vielleicht solltest du in deinem Zimmer schlafen", murmelte Severus, während er den Stuhl an seinen Platz zurückstellte.
„Nein, ich bleibe hier. Aber möglicherweise sollten wir das Bett verbreitern." Er hörte ein leises Knacken und vermutete, dass sie den Kopf auf den Schultern gedreht hatte. Kurz darauf murmelte sie einen leisen Zauber und als er den restlichen Weg zum Bett zurücklegen wollte, stieß er mit dem Schienbein gegen die Kante.
„Grandiose Idee", zischte er, während er sich setzte und das Bein rieb.
„Tut mir leid", nuschelte Hermine betreten und berührte ihn am Oberarm, der Schulter, dem Rücken. Das Kribbeln war viel stärker als sonst, so dass es ihm eine Gänsehaut bescherte.
„Wie spät ist es?"
„Ich weiß es nicht. Halb drei? Irgendwie um den Dreh. Soll ich nachsehen?" Einige Geräusche verrieten ihm, dass sie nach der Lampe und seiner Uhr suchte.
Severus streckte die Hand aus und bekam ihren Arm problemlos zu fassen. „Nein, es ist gut. Ich wollte nur wissen, ob es noch Nacht ist."
Daraufhin schwieg sie einige Sekunden. „Ist es. Leg dich wieder hin", fasste sie sich schließlich und zog ihn an den Schultern nach hinten.
Severus sank in die Kissen und in Hermines Umarmung. Ihre Finger schienen überall zu sein, obwohl sie nur nach seinen Lippen suchte. Der Kuss war zärtlich und zurückhaltend. „Hermine, versprich mir, dass du mich in der nächsten Zeit nicht ernst nehmen wirst."
„Bitte?" Sie klang reichlich verwirrt.
„Ich weiß, dass es ein Unfall war und dass meine Erblindung möglicherweise nicht dauerhaft ist. Aber ich werde nicht immer ruhig damit umgehen können. Wenn ich dich verletzen sollte, entspringt es höchstwahrscheinlich der Unzufriedenheit mit mir selbst. Ich möchte nicht, dass du es dir zu Herzen nimmst."
Ein Lächeln stand in ihrer Stimme, als sie antwortete: „Das werde ich nicht. Aber nun schlaf. Dein Kopf hat mächtig was abbekommen, wenn du mir mitten in der Nacht Vorträge wie diesen hältst. Ich möchte nicht riskieren, dass es zu Komplikationen kommt."
„Nennst du mich unzurechnungsfähig?"
„Komplett!"
Severus brummte verdrossen, bereute es allerdings sofort. Die Vibrationen seiner Stimme lösten neue Wellen von Schmerz in seinem Kopf aus. „Bei Salazar, womit habe ich diese Frau verdient?", fragte er dennoch theatralisch.
„Verdient? Du hast sie quasi in dein Bett gezwungen! Du bist der Letzte, der sich jetzt beschweren darf."
„Nun, wenn das so ist, sollte ich wirklich besser schlafen." Er drehte sich wieder auf die Seite, um die empfindliche Stelle an seinem Hinterkopf zu entlasten, und legte einen Arm über Hermines Taille. „Schlaf gut", murmelte er.
„Ja, du auch."
- - -
Er wusste beim besten Willen nicht, wie viel Zeit vergangen war, als er das nächste Mal erwachte. Doch die Unruhe in seinem Körper legte die Vermutung nahe, dass es auf den Sonnenaufgang zuging. Ohne großartig darüber nachzudenken, befreite er sich aus der Bettdecke und setzte sich auf. Er erschrak, als eine kleine Hand ihn an der Schulter packte.
„Du kannst liegen bleiben, Severus. Du wirst den Sonnenaufgang nicht sehen, selbst wenn du nach unten gehst."
Er konnte sich einen missmutigen Laut nicht verkneifen. Natürlich hatte Hermine Recht. Aber das bedeutete nicht, dass ihm das gefallen musste. Widerstrebend legte er sich wieder hin und versteifte sich, als sie ihren Arm über seinen Oberkörper legte.
„Ist es dir unangenehm so?", fragte sie leise, sehr dicht an seinem Ohr.
Severus stieß die Luft scharf aus seinen Lungen. Das musste endlich ein Ende haben. „Nein, ist es nicht." Er fasste nach ihrem Unterarm und hielt ihn fest, während er seine Muskeln zur Entspannung zwang.
Hermine zögerte einige Momente, ehe sie ihren Kopf zurück an seine Schulter legte, so dass ihn einige Haare an der Nase kitzelten. Severus wagte es nicht, etwas dagegen zu tun. Sonst würde der Drang, nach unten zu gehen, doch noch siegen.
- 02.06.2002 -
Das erste, das er zu vermissen begonnen hatte, war das Lesen. Und das Schreiben. Er hatte einen Großteil seiner Zeit damit verbracht, zu recherchieren und an dem geplanten Buch zu arbeiten. Bereits nach nicht einmal einer Woche ohne diese Beschäftigung war er bereit, die Wände hochzugehen.
Hermine allerdings fand eine angemessene Beschäftigung. Nachdem seine Kopfverletzung ausreichend geheilt war, hatte sie sich einen Spaß daraus gemacht, ihn zu reizen und zu verführen. Es missfiel ihm, das zuzugeben, aber ihre Berührungen waren jetzt intensiver und prickelnder. Er kam sich wieder ein bisschen wie ein Schuljunge bei seinen ersten sexuellen Erfahrungen vor.
Nichtsdestotrotz waren diese Stunden ein Fest für seine verbliebenen Sinne. Wenn ihre kleinen Finger über seinen Bauch krabbelten, ihre Haare sein Gesicht streiften und die Mischung von Magnolien und Erregung seine Nase erreichte. Er roch sie sogar, wenn sie ihn irgendwo in den Raum stellte und sich lautlos um ihn bewegte. Ob nun instinktiv oder bewusst, er konnte immer sagen, wo sie sich befand.
Natürlich gab es auch Situationen, in denen er nichts sagen konnte. Und nur ein Drittel davon hingen unmittelbar mit dem Küssen zusammen. Er hatte wirklich nicht erwartet, dass ein fehlender Sinn dafür sorgen würde, dass alle anderen der kompletten Reizüberflutung zum Opfer fielen. Aber genau so fühlte es sich an, wann immer er ihren schlanken Körper berührte, die feinen Laute aus ihrem Mund hörte oder – Circe bewahre – in sie eindrang.
„Du machst mich wahnsinnig", ließ er sie mehr als einmal wissen und bekam zur Antwort meistens ein Kichern.
„Keine Sorge, ich war die Beste, als es um die Herzinfarkt-Prüfung ging." Dabei strich sie ihm in einer zärtlichen Geste durch die Haare.
„Wer hat denn was von Herzinfarkt gesagt?" Sie musste nur eine Hand auf seine Brust legen, damit er spürte, wie schnell sein Puls wirklich ging. „Nun, wenn man es so sieht…" Er beugte sich über sie, fand ihr Schlüsselbein und von dort aus den Weg zu ihrem Hals und dem Ohrläppchen.
„Was ist denn, wenn man es so sieht?", fragte sie weiter, klang aber leicht unkonzentriert.
„Dann sollten wir weitermachen, ehe meinem Herz einfällt, dass es eine Pause gebrauchen könnte."
„Gute Idee."
- 06.06.2002 -
„Hermine, wie genau sieht der Trank aus?" Severus' Stimme hatte seit dem Beginn der Unterrichtsstunde merklich an Schärfe zugenommen.
„Blau! Er ist einfach blau. Marineblau, verhältnismäßig dunkel." Ihre hingegen hatte eher eine gereizte Note ausgebildet.
„Weiß ich, wie Marineblau aussieht?", knurrte er leise und strich sich durch die Haare.
Seit dem Unfall letzte Woche war dies der erste Versuch, den Unterricht fortzuführen. Hermine hatte vorher darauf bestanden, dass er sich und seine Augen schonen sollte. Die feuchtwarme Umgebung des Labors tat der Entzündung, die sich trotz aller Vorsicht entwickelt hatte, nicht gut. Und obwohl sie grünes Licht für den Unterricht gegeben hatte, waren seine Augen noch immer hinter einem festen Verband verborgen. Dieser Umstand half ihm nicht zu akzeptieren, dass er auch ohne Verband nichts sehen würde.
„Severus, er sieht aus, wie er aussehen soll", seufzte Hermine in diesem Moment und legte klirrend etwas zur Seite.
„Und das weißt du, weil…"
„Weil ich lesen kann und in diesem Buch eine detaillierte Beschreibung steht! Können wir bitte weitermachen, bevor der Trank verdirbt?"
Das Grollen kam unwillkürlich und tief aus seiner Brust. „Das hat so keinen Zweck", beschloss er dabei und löste sich von der Arbeitsplatte neben der Spüle, um das Labor zu verlassen. Dabei lief er gegen die Ecke des Arbeitstisches, ärgerte sich, dass er den Aufbau des Labors noch immer nicht verinnerlicht hatte und musste gleichzeitig der Versuchung widerstehen, absichtlich irgendetwas mit sich zu reißen. Am besten etwas, das klirrte, wenn es zu Boden fiel.
„Severus!", rief Hermine ihm hinterher, aber er wedelte nur unwirsch hinter sich mit der Hand durch die Luft und stolperte ungeschickt die Treppen hinauf.
- - -
Hermine ließ ihm etwa fünfzehn Minuten, ehe sie ihm folgte. Severus war in die Küche gegangen, einfach weil die Tür am leichtesten zu finden war. Beide Hände auf die glatte, kühle Fläche des Tisches gestützt, hatte er den Oberkörper nach vorne gebeugt und atmete ruhig und tief. Es war das erste Mal gewesen, dass es ihm zu viel geworden war.
Obwohl Hermine sich für ihre Verhältnisse leise bewegte, hörte er es, als sie neben ihm zu Stehen kam. Zweimal holte er noch Luft, dann fragte er: „Wie lange wird es dauern?"
Sie öffnete den Mund, zögerte jedoch mit ihrer Antwort. Und Severus war es unbegreiflich, wie er diese Details wissen konnte, ohne sie dabei anzusehen. „Hermine", bat er nach einigen Momenten mit sanfter Stimme.
„Ich weiß es nicht. Deine Hornhaut war komplett beschädigt. Ich habe alles getan, ein erneutes Wachstum anzuregen, aber ich kann es nicht beschleunigen. Das heißt, ich könnte es schon, aber eine beschleunigte Heilung geht immer mit minimalen Schädigungen im neuen Gewebe einher. Das können wir uns bei der Hornhaut nicht erlauben." Sie stockte, während er leise schnaubte. Dann berührte sie ihn plötzlich an der Schulter und diese Geste war beruhigend und ungewollt gleichermaßen. Er ließ es reaktionslos geschehen. „Lass dir etwas Zeit, Severus. Dir und deinem Körper. Je geduldiger du vorgehst, desto besser wird das Ergebnis sein."
Er grinste freudlos, war dies doch einer seiner Grundsätze, wenn es um das Zubereiten von Trankzutaten ging. „Alles, was Sie sagen, kann und wird vor Gericht gegen Sie verwendet werden", murmelte er.
„Absolut", stimmte Hermine zu, doch er glaubte, ein sehr feines Lächeln in ihrer Stimme zu hören. „Kommst du nun wieder mit nach unten und erklärst mir, wie ich diesen Trank zuzubereiten habe?"
Er nickte und richtete sich endlich wieder auf. Bevor Hermine jedoch vor ihm die Küche verlassen konnte, hielt er sie fest, nahm ihr Gesicht in die Hände und fand ihre Lippen, als gäbe es eine unsichtbare Verbindung, die ihn dorthin zog. Nach einem für sie spürbar unerwartet zärtlichen Kuss drehte er sie zur Tür und gab ihr einen Klaps auf das Hinterteil. „Nicht trödeln!"
Von ihr kam ein gedämpftes „Pah!" als Antwort.
- 15.06.2002 -
Es war so absolut still im Garten, dass er die Vögel auf der anderen Seite der Absperrung hören konnte. Mit kerzengeradem Rücken saß Severus auf der äußersten Kante eines Gartenstuhls und bewegte sich nicht einen Millimeter, während die zunehmend wärmer werdende Sonne sein Gesicht erhitzte und seine Haut kribbeln ließ. Die Ruhe kroch in seinen Körper wie Hermines kalte Füße abends zwischen seine Beine – nur die Konsequenzen gefielen ihm wesentlich besser. Er konnte sich nicht daran erinnern, wann er das letzte Mal so ausgeglichen gewesen war.
Zumindest bis Schritte sich näherten und seine Atmung sich unwillkürlich beschleunigte. „Was machst du?", fragte Hermine leise, blieb allerdings an der Terrassentür stehen.
„Ich zähle die Sekunden", antwortete er träge.
„Ernsthaft?"
„Natürlich ernsthaft. Ich habe keine andere Wahl, wenn ich nicht gänzlich den Überblick über die Zeit verlieren will."
„Du könntest mich fragen."
„Glaube mir, es würde dich bald nerven." Genauso wie ihn die Pflaster auf seinen Augen nervten. Immer, wenn Hermine sie wechselte, konnte er sehen, dass Licht und Dunkel allmählich einen Unterschied machten. Aber sie weigerte sich trotzdem, seine Augen gänzlich schutzlos zu lassen. Es gab Momente, in denen würde er sie am liebsten fesseln und knebeln und sich die Pflaster genüsslich vom Gesicht ziehen. Allein die Tatsache, dass er ihre entsetzte Miene nicht würde sehen können, hielt ihn davon ab.
„Severus, du solltest die Sekunden besser drinnen weiterzählen", sagte sie in diesem Moment, was ihn erst darauf aufmerksam machte, dass sie vor ihn getreten war.
„Warum?"
„Weil dein Gesicht die Farbe eines Knallrümpfigen Kröters angenommen hat."
Daraufhin sagte er lange Zeit nichts, ehe sein Mund sich zu einem Lächeln verzog und Hermine so dazu brachte, ihre Belustigung durch ein Kichern zu zeigen. „Das ist der erste Sonnenbrand seit mindestens zwanzig Jahren."
„Er steht dir wirklich ausgezeichnet. Aber könntest du möglicherweise trotzdem…" Sie fasste ihn bei der Hand und ließ den Satz unvollendet, während sie ihn mit sich ins Haus zog. Als er aus dem direkten Sonnenlicht in das geschützte Innere trat, wurde es dunkel um ihn und das Lächeln wurde breiter.
- 25.06.2002 -
Das Haus war still, als Severus am Morgen die Küche betrat. Das bestätigte seine Vermutung, dass Hermine in der letzten Nacht nicht ins Bett gekommen war. Zumindest nicht in seines. Gestern Abend hatte sie gelernt, weswegen er früher schlafen gegangen war. Anscheinend hatte sie es danach vorgezogen, in ihr eigenes Zimmer zu gehen.
Er tastete sich an den Schränken entlang und suchte Geschirr und Besteck für das Frühstück raus. Es war lange her, seitdem er das letzte Mal Frühstück gemacht hatte, doch mittlerweile hatte Hermine zugestimmt, dass seine Augen ausreichend verheilt waren, um die Pflaster abzunehmen. Licht und Schatten konnte er bereits klar unterscheiden, hin und wieder erkannte er auch sich bewegende Schatten. Dennoch hielt er die Augen meistens geschlossen. Er kannte es inzwischen kaum mehr anders.
Die Erleichterung darüber, dass seine Sehkraft langsam zurückkehrte, wechselte sich mit Schüben tief empfundener Unzufriedenheit ab. Natürlich hatte Hermine Recht, wenn sie ihm sagte, dass er sich und seinem Körper Zeit lassen sollte. Aber das machte es weder besser, noch beschleunigte es die Heilung.
Umso zufriedener machten ihn Gelegenheiten wie diese, bei denen er Hermine beweisen konnte, dass er nicht vollkommen invalid war. Das Frühstück stand fertig und – soweit er es beurteilen konnte – ordentlich auf dem Tisch, als sie die Küche betrat. Severus hatte seine Blicke auf den hellen Fleck gerichtet, den er als Fenster identifizierte, wandte ihr jedoch den Kopf zu, als er sie hörte.
„Guten Morgen", murmelte sie, klang müde und reichlich verwirrt.
Severus erwiderte den Gruß und fasste sie bei der Hand, um sie an sich zu ziehen. Hermine küsste ihn flüchtig. „Wie lange hast du gestern noch gelernt?"
„Hm? Oh, bis nach Mitternacht. Ich wollte dich nicht wecken."
„Es hätte mich nicht gestört."
„Ich weiß. Aber mich." Ihre Finger strichen durch seine Haare, ehe sie sich von seiner Seite löste und an den Tisch setzte. „Hm, das sieht gut aus", murmelte sie und bald darauf zeigte ihm das vertraute Klappern, dass sie sich das Marmeladenglas geschnappt hatte.
- 07.07.2002 -
Severus hatte das Labor vollkommen ausgeleuchtet. Magisches Licht sorgte dafür, dass selbst die dunkelsten Ecken hell waren, als ob die Sonne direkt darüber stehen würde. Nicht, dass er das wirklich beurteilen konnte, aber er hatte genug Erfahrungen mit dem Zauberstab, um sich in dieser Beziehung sicher zu sein.
Zumindest erlaubte ihm dieses Maß an Licht, ausreichend sehen zu können, um eine grobe Ordnung in den Raum zu bringen. Hermine hatte sich vor einigen Tagen Bücher von Albus bestellt, die selbst für ihn schwere Kost waren. Insofern kaute sie nun auf Steinen herum und ließ ihn die Zahnschmerzen, die das verursachte, gerne spüren.
Also hatte er sich auf der Flucht vor einer weiteren Diskussion in das Labor zurückgezogen. Zuerst hatte er versucht, einen sehr simplen Trank mit wenigen Zutaten zuzubereiten. Doch er hatte gespürt, dass die geschnittene Alraune nicht so gleichmäßig und fein wurde, als dass sie seinen Ansprüchen gerecht werden könnte. Deswegen hatte er es gelassen. Seitdem er Zugang zu den Tränken gefunden hatte, hatte er keinen mittelmäßigen Trank mehr gebraut. Er würde jetzt nicht damit anfangen.
Nachdem er nun etwa eine Stunde lang aufgeräumt hatte (vermutlich würde Hermine ihm im Laufe der nächsten Tage persönlich an die Gurgel gehen, weil sie nichts wiederfand – diesem Moment sah er zu seiner eigenen Überraschung jedoch mit einem sardonischen Lächeln entgegen), fand er nichts mehr, das sich noch umstellen ließ. Zumindest nichts, das dabei nicht in größere Gefahr geraten würde.
Deswegen löschte er das Licht und fand sich urplötzlich wieder in Dunkelheit gehüllt. Und diese wurde auch nur unwesentlich heller, während er die Treppen nach oben stieg und in den Flur ging. Die warme Luft des Sommertages umfing ihn mit ihren stickigen, klebrigen Fingern und ließ seine Atmung schwerfälliger werden. Es war ihm wirklich unbegreiflich, wie Hermine es aushielt, bei diesen Temperaturen ständig draußen zu sitzen.
Da es nun jedoch nicht mehr so heiß war wie vorhin, vermutete Severus, dass es allmählich dem Abend entgegen ging. Er lenkte seine Schritte in Richtung Terrasse, denn die Tür war zweifellos noch immer offen. Er konnte den Luftzug spüren und das sehr leise Vogelgezwitscher hören. Lautlos bewegte er sich durch das Haus. Er hatte diese Fähigkeit in den letzten Wochen perfektioniert und vermutete, dass jeder Schüler Hogwarts' dankend auf die Knie fallen würde, wenn er wüsste, was ihm erspart blieb.
Er konnte Hermine auf einem der Gartenstühle sitzen sehen. Ihre Silhouette hob sich zwar unscharf, aber dunkel vom hellen Hintergrund ab – ganz im Gegensatz zu der Wohnzimmereinrichtung. Wüsste er nicht, wo Tische, Stühle, Sessel und Sofa standen, hätte er sie jedes Mal gnadenlos umgelaufen.
So allerdings schaffte er es, sich von hinten an Hermine heranzuschleichen, ohne dass sie es bemerkte. Erst als seine Hände sich auf ihre Schultern legten und die verspannten Muskeln massierten, erschrak sie und klappte im Affekt das Buch zu. „Severus!", keuchte sie dabei. Er feixte zufrieden und spürte, wie sie den Kopf schüttelte; ihre Haare kitzelten auf seinen Handrücken. „Ich finde es nicht fair, dass du dich komplett lautlos anschleichen kannst, seitdem du nichts mehr siehst. Es sollte dir schwerer fallen."
Er runzelte die Stirn, was jedoch weniger an ihren Worten, als am Klang ihrer Stimme lag. Etwas war anders als sonst. „Wenn es dir lieber ist, dass ich mich frühzeitig bemerkbar mache, musst du nur die Möbel im Wohnzimmer verstellen", antwortete er.
Hermine gab einen grunzenden Laut von sich. „Nein, das ist gemein. Ich kann behinderten Menschen das Leben nicht noch schwerer machen, als es ohnehin schon ist."
Severus schnaubte. „Behindert…"
Hermine lachte leise auf und lehnte ihren Kopf gegen seinen Unterarm. Er konnte sie seufzen hören. So leise, dass es ihm noch vor wenigen Wochen entgangen wäre. „Was ist los, Hermine?", fragte er mit ernster Stimme.
„Gar nichts. Was sollte denn sein?"
„Du hast geweint", stellte er so selbstverständlich fest, dass sie sich unter seinen Händen verspannte. Der Nachhall von Tränen war es gewesen, den er in ihrer Stimme gehört hatte.
„Ich habe nicht geweint, Severus."
Doch, das hatte sie. Aber er wusste, dass es jetzt keinen Sinn hatte, weiter nachzubohren. Er wusste es genauso instinktiv, wie er wusste, dass das Sofa fünf Schritte in Richtung zwei Uhr von der Tür zum Flur entfernt stand. Das änderte zwar nichts an dem bitteren Ausdruck seines Gesichts, aber es machte den Rückzug ein kleines bisschen leichter. „Mach nicht mehr zu lange", murmelte er, küsste sie auf den Scheitel und kehrte ins Haus zurück.
