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Deanna war gerade auf dem Weg die gestohlenen Sachen zurück zur Vorratskammer zu bringen. Spencer war anscheinend doch nicht so stark wie er nach außen tat, seit Aiden und sein Vater gestorben waren.
Es war wie ein Schalter, der umgelegt wurde. Erst schien alles gut, sie hatte gewollt, dass die Welt gut ist, doch dann kam die Realität und schlug mit eiserner Faust in ihr Herz, ihre Seele und ihr Leben. Unkonzentriert ging sie die Straße hinunter und klammerte sich an dem Korb fest.
Im Haus vor ihr stritten sich gerade zwei Menschen. Sie wusste zwar, wer dort wohnte, doch kam der Streit nicht wirklich bei ihr an, irgendetwas hatte sich verändert.
Plötzlich ein Beißer, der sich auf sie stürzte. Unter Umständen wäre es gut, wenn sie endlich dieses Elend nicht mehr sehen müsste, das Leid ihrer Stadt nicht mitverfolgen musste.
Doch ihr Sohn lebte noch. Einer lebte noch und für den musste sie sich anstrengen. Alle Kraft sammeln, die sie hatte. Hastig versuchte sie sich aus dem Griff des Untoten zu befreien und sie schnappte sich die Glasflasche aus dem Korb, die sie auf dem Boden zerschlug.
Unglaublicher Zorn ergriff sie und sie stach schreiend auf ihn ein bis sie glaubte, keine Kraft mehr zu besitzen. Sie hörte erst auf, konnte erst aufhören, als Rick angelaufen kam und den Streuner gezielt mit einem Stich in den Hinterkopf ausschaltete.
Deanna wollte leben. Das wusste sie jetzt.
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Skeptisch betrachtete Sasha die Uniform, die Abraham sich angelegt hatte. Sie wusste nicht, ob er sie verarschen wollte, doch kümmerte sie sich nicht darum, als sie das Geräusch eines Motors auf der Straße hörte.
Sie drehte sich zum Fenster und musste unwillkürlich grinsen. Da war er ja endlich. Und sie hatten sehr gute Nachrichten für ihn, denn Abraham hatte eine nette Überraschung für ihn aufgetrieben. Das brauchte er nach der langen Zeit.
Sie packten ihre Sachen zusammen und gingen hinaus auf die Straße. Daryl war ihnen beim zweiten Gang gefolgt und hatte ein paar Taschen mitgenommen, in die sie Abrahams Fundstücke geworfen hatten. Auch die, in der sich Judiths Kleidung befand.
„Hey, Daryl. Mach diese Tasche dort mal auf", sagte Sasha lächelnd und deutete mit dem Kinn auf die große Tasche zu seinen Füßen.
Er zögerte kurz, doch tat er wie ihm geheißen. Erst schien er nicht zu begreifen, doch wühlte er direkt Judiths Jacke auseinander und hatte nun die Sturmhaube in der Hand. Seine Gesichtszüge entgleisten. „Was- wie- Wo habt ihr...?"
„Abraham ist zu der Rauchwolke gegangen, die wir im Osten entdeckt haben, erinnerst du dich?"
Daryl nickte entgeistert.
„Sie war das. Ihre Sachen lagen versteckt unter einem Container. Sie hat auf den Boden geschrieben, dass sie überlebt hat. Ich denke, sie ist irgendwo da draußen", versicherte Abraham und Daryls Blick verhieß absolute Dankbarkeit. Endlich ein Zeichen.
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Glenn war schon halb verdurstet gewesen, als er es endlich unter dem Container hervor schaffte. Es war reines Glück gewesen, das ihm Enid beschert hatte. Und er wollte dieses Zeichen sicher nicht ignorieren. Er wollte sie mitnehmen.
Was machte sie überhaupt hier draußen? Sollte sie nicht sicher in Alexandria sein und dort überleben? Zusammen mit all den anderen? Mit Maggie...? Er musste zurück, sie endlich wiedersehen. Sie endlich wieder ansehen. Sie in seine Arme schließen.
Stärke war jetzt das, was er brauchte. Er hatte genug davon, um sich und das Leben seiner Frau und der Gruppe über alles andere stellen zu können. Kein Beißer konnte ihm etwas anhaben. Niemals. Zu keinem Preis der Welt.
Doch musste er sich erst darum kümmern, dass dieses Mädchen mit ihm zurück nach Alexandria ging. Denn hier draußen wollte er sie nicht zurücklassen. Es passte nicht zu ihm und seinen Überzeugungen, die er seit es angefangen hatte, kein einziges Mal unerfüllt ließ. Er blieb sich treu. Und das war das Wichtigste. Nur so konnte er überleben und weitermachen.
Nicht nur für sich. Auch für alle anderen, die ihm wichtig waren. Maggie, die ihm gezeigt hatte, was Liebe ist. Rick, der ihn immer ernst genommen hatte. Daryl, der ihn niemals beleidigen würde, auch wenn er es durch seinen Bruder anders kennengelernt hatte. Michonne, die großes Vertrauen in ihn setzte. Einfach alle.
Alexandria war ein guter Ort und er musste dorthin zurück. Die andere Hälfte der Herde war dort hingelaufen, Glenn hegte größte Befürchtungen. Er musste wissen wie die Stadt aussah. Ob noch jemand lebte oder ob er sich umsonst sorgte.
Und Enid würde ihn begleiten, ganz egal, ob sie damit einverstanden war oder nicht. Sie war noch zu jung, um es alleine zu schaffen. Zu jung, um zu verstehen, dass es normal war Angst zu haben. Diese Welt war eben nur noch zum Fürchten.
Entschlossen kletterte Glenn die Leiter nach oben zu einem geöffneten Fenster und schob sich hindurch. Er schubste ein paar Kisten in den Raum und verursachte eine Menge Lärm, doch war ohnehin kein Beißer mehr hier. Er rief nach Enid und erhielt einige kurze Antworten.
Na gut, das würde sich wohl doch schwieriger gestalten als zunächst vermutet. Aber er würde sie mitnehmen. Maggie würde es so wollen. Und er wollte nicht ohne dieses Mädchen unter die Augen seiner Frau treten. Das könnte er sich niemals verzeihen.
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Die guten Nachrichten von Abraham hatten ihn beflügelt und ihm ein Ziel gegeben. Er hatte zwar nicht vorgehabt die Suche nach Judith in irgendeiner Weise aufzugeben, doch war das Gefühl gegen Windmühlen zu kämpfen endlich verflogen.
Einfach in den Wald zu gehen und ins Blaue hinein zu suchen war eben nicht besonders effektiv. Im Grunde genommen war er jetzt nicht sehr viel besser dran, aber er wusste immerhin, dass sie lebte. Hoffentlich unverletzt. Und immer noch so stark wie er sie zuletzt gesehen hatte.
Sie musste es sein. Es gab keine Alternative. Daryl war sich darüber hinaus sehr sicher, dass sie nicht mehr sehr weit weg sein konnte. Das spürte er.
Abraham hatte die brennende Lagerhalle erwähnt und Daryl war davon überzeugt, dass sie eine gewisse Zeit bei den Menschen mit W auf der Stirn verbracht haben musste...
Diese Frau war eventuell sogar schon zerstört und er hatte trotzdem die Hoffnung, dass alles gut werden würde. Vielleicht machte er sich auch nur falsche Vorstellungen und würde sie nie wiederfinden. Schnell schob er diesen Gedanken bei Seite und konzentrierte sich darauf, den Wagen zu lenken, den er aus dem Wald mitgebracht hatte, um Sasha und Abraham abzuholen. Er hatte die vermisste Patty doch tatsächlich gefunden.
Judiths Maske hatte er sich in die Hosentasche gesteckt, um wenigstens etwas von ihr bei sich zu tragen. Die 44er Magnum war leer geschossen. Gewehrt hatte sie sich also.
Laut Abraham waren etwas mehr als einhundertfünfzig Beißer mindestens in der Halle verbrannt. Höchstwahrscheinlich sogar noch mehr. Judith hatte ganze Arbeit geleistet. In der Hinsicht war sie also noch zuverlässig. Ihr Hass war oftmals Katalysator für ziemlich effektives, aber auch zerstörerisches Handeln gewesen.
Blieb nur zu hoffen, dass sie nicht wieder auf den Geschmack gekommen war und fröhlich durch den Wald ging, während sie gefährliche Menschen angriff, ohne das Risiko zu bedenken. Oder er unterstellte ihr wieder etwas, das sich als ziemlich voreilig herausstellen würde.
Es war gleichgültig. Sie mussten sie finden. Er musste sie finden. Daryl würde sie sicher nicht ein zweites Mal aufgeben.
Abgelenkt nahm er das WalkieTalkie in die Hand und sprach hinein: „Rick, Glenn, kann mich einer von euch hören?" Rauschen. Abraham und Sasha sahen zu ihm und warteten ebenfalls gespannt auf eine Antwort. Es kam keine.
„Hallo? Kann mich überhaupt irgendjemand hören?" Es war zwecklos.
Dann eine Stimme. „Hilfe."
„Hallo? Wer ist da?" Er bremste das Fahrzeug ein wenig ab.
„Ich brauche dringend Hilfe..."
Das war nicht gut. Wer war das? Und warum brauchte er Hilfe? War er gefangen? Oder stellte er ihnen eine Falle?
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Die Mauer brach langsam, aber sicher zusammen. Lange würde es nicht mehr dauern, dann hätten sie ein ziemlich gigantisches Problem. Rick tat alles, um diesen Menschen hier zumindest das Gefühl zu geben, dass sie ihn in irgendeiner Weise interessierten.
Er hatte über Michonnes Einwände bezüglich des Verfahrens mit den restlichen Bewohnern Alexandrias nachgedacht. Und er war sich unsicher, ob es nicht doch einen anderen Weg gäbe, als diese Leute im Ernstfall zurückzulassen. Deanna gab sich beste Mühe endlich wieder eine starke Anführerin zu sein, doch wenn das auch nicht reichte?
Er hasste es in ihre verängstigten Gesichter zu schauen. Er hasste die Schwäche, die sie sich selbst zuzuschreiben hatten. Er hasste die Unerfahrenheit der meisten im Umgang mit Beißern oder riskanten Situationen.
Das hatte nicht selten jemandem das Leben gekostet. Leider nicht denjenigen, die sich hier drin verschanzten und jegliche Verantwortung abgaben. Es ging ihm auf die Nerven und gegen jedes Ehrgefühl, das noch in ihm übrig war.
Sie waren Feiglinge, allesamt. Selbst sein Sohn hatte mehr Erfahrung im Umgang mit Waffen als einige erwachsene Männer hier. Es war nicht nur entmutigend, sondern auch peinlich.
Rick schämte sich manchmal für diese Gemeinschaft. Auf seine Gruppe konnte er sich verlassen. Doch was hatten diese Menschen hier vorzuweisen? Nichts. Nur Angst und die Gewissheit, dass sie irgendwann mit Pauken und Trompeten in den Abgrund gerissen werden können. Ganz egal wann, jeder hatte immer die Chance hier jederzeit einzufallen und die meisten niederzustrecken.
Das hatten sie vor kurzem sogar ziemlich deutlich bewiesen bekommen. Die Wölfe waren einmarschiert und hatten eine Schneise der Verwüstung hinterlassen. Ihm wäre das nicht passiert. Niemals. Wenn seine Gruppe einen Standort zu verteidigen hatte, dann kam nichts und niemand hindurch. Nicht, wenn sie es nicht wollten. Es sei denn, sie ständen einem Panzer gegenüber...
Aber er musste irgendetwas tun. Musste seine Kinder schützen, die leider auf diese soziale Umgebung angewiesen waren. Sie alle brauchten diesen Ort auf eine Art und Weise, die nicht zu erklären war. Es war auch egal, aber sie mussten diese Stadt sicher machen. Er musste diese Stadt sicher machen. Mit seinen bloßen Händen.
Er schaffte gerade mehrere Bretter heran, um eine Stützkonstruktion zu bauen, die die Mauer stabilisieren sollte. Zumindest in der Theorie. Es war wichtig.
Und noch während er den ersten Balken anbrachte, bekam er schon ungefragt die Hilfe von Tobin. Er brauchte sie eigentlich nicht, doch war Tobin ein Mensch, der sich nicht einfach abwimmeln ließ. Und wenn Rick noch so wütend wurde. Es nützte nichts, also schwieg er und ließ sich den Balken halten, während er ihn befestigte. Rick versuchte ihm nicht zuzuhören, doch war es schwierig. Tobin sprach einfach weiter.
Und er hatte Recht – er und die anderen hatten Rick als angsteinflößend wahrgenommen. Mittlerweile war er es auch. Seit Beginn der Apokalypse war es definitiv dazu gekommen, dass er häufiger Menschen in Angst und Schrecken versetzte.
Rick war aber auch der festen Überzeugung, dass es nichts Falsches war, jemandem zu zeigen, dass er sich in Acht nehmen sollte. So kam niemand auf die Idee sich mit ihm oder seiner Gruppe anzulegen. Das würde sich auch niemals ändern. Er war lieber der Alptraum anderer Menschen als ihr Freund.
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(Inspiriert von 'Outro' (Invictus), Heaven Shall Burn)
Weiter, weiter, weiter. Nicht stehenbleiben. Niemals angreifbar sein. Die Haut juckt, das Blut kratzt. Ein Sonnenstrahl auf dem Gesicht.
Atemluft. Sie ist frisch und rein. Doch nicht für sie. Alles stank nach Tod. Der Tod, ihr liebster Begleiter. Sie war sein Diener. Seine erfolgreichste Waffe. Sie sollten im Blut kochen, diese Tyrannen.
Sie sorgte dafür. Es war ihre Aufgabe. Für immer. An allen Tagen. Für immer...
Er blickte sie immer noch an. Seine kleinen Augen. Seine faltige Stirn. Sein widerlicher Mund. Er war tot. An allen Tagen. Für immer.
Nicht stehenbleiben. Niemals angreifbar sein. Er wehte im Wind. Hin und her. Links und rechts. Sachte, sachte, sachte. Atemluft.
Der Wald, so ruhig. So hell. So unschuldig. Sie war es nicht. Nicht mehr. Auch er schmorte in der Hölle, der Räuber ihrer Unschuld. An allen Tagen.
Sie blickte ihn an. Er wehte im Wind. Doch war das Wind? Sie schwang ihn hin und her. Er baumelte wie ein Windspiel.
Faszination. Sie war von der Bewegung angetan. So viel Dynamik. So viel Bewegung... So viel Genugtuung. Er hatte sie nicht bekommen. Sie gehörte ihr ganz allein. Nicht stehenbleiben.
Weiter, weiter, weiter. Und raus aus dem Wald. Freiheit. Immer geradeaus. Nicht einschüchtern lassen. Lange Straße, aber nicht unendlich. Nichts war unendlich, bis auf die Ungewissheit. Frisch und rein. Für immer.
Ihre Füße brannten auf der Straße. Nicht stehenbleiben. Niemals angreifbar sein. Weitergehen. An allen Tagen. Stille. Nur Wind und sein Baumeln. Genugtuung. Atemluft.
Die Sonne auf ihrem Gesicht. Und niemand sonst. Nur sie und sein Rest. Und die Einsamkeit. Es gab niemanden. Nur die Bewegung. Nur ihre Aufgabe.
Dann Hass, unendlicher Hass. Einsamkeit und der Wind, der sie zerstreute. Für immer zerstörte. Für immer.
Wut. Ein Schrei. Blut, eine große Menge Blut. Gekreisch. So viel Bewegung, so viel Dynamik, so viel Hass.
Ein Sonnenstrahl auf der Klinge ihres Messers. Verseuchte Atemluft. Sie waren wieder da. Sie wollten sie holen. Ihr endlich geben, was sie verdiente. Doch gaben sie es ihr nicht.
Sie war leider noch stärker. Noch unverwundbar. Noch unendlich. Wie der Wind...
Weiter, weiter, weiter. Nicht aufhören. Weiter zerstören. Nicht mehr baumeln, nur noch hassen. Die Welt vernichten. Wut, Gekreisch, Bewegung.
Auf die Knie. Er lag vor ihr. Sah sie an. Sie hasste ihn. Er sollte endlich still sein. Das Messer in seine Stirn. Immer und immer wieder. Weiter, weiter, weiter.
Endlich Ruhe. Atemluft. Sie ist frisch und rein. Doch nicht für sie. Nie wieder. An allen Tagen. Dann ein Wesen. Direkt vor ihr. Es sah sie an. Wollte sie holen.
Ihr endlich Frieden schenken. Sie erlösen. Starre. Es sprach. Doch was? Es war unendlich weit weg. So weit weg...
Dunkelheit. Endlich Ruhe. Endlich schwach. Endlich.
