Prompt: Selbst zubereitetes Essen
Zeit: Prä-Serie
Als Marie nach Hause kam schnupperte sie erst einmal. Das roch gut!
Zunächst war sie nicht gewahr, daß dieser Geruch, der ihr das Wasser im Munde zusammenlaufen ließ, aus ihrer Wohnung kam. Dann aber … bemerkte Marie, daß die Tür offenstand – einen Spalt breit.
„Was zum … ?"
Mit einer fließenden Bewegung zog Marie ihren guten, alten Dolch, den sie immer irgendwo am Körper trug, und schob ihre überdimensionale Tasche auf den Rücken. Ihre Grimmsinne liefen auf Hochtouren, als sie vorsichtig die Tür ganz aufstieß.
Fröhliches – und falsches – Pfeifen drang aus der Küche, die hell erleuchtet war. Ansonsten lag das kleine Apartment im Dunkeln.
Marie hob den Dolch und wirbelte um die Ecke.
Kommode, Stuhl, Tisch. Alles wie gehabt, einmal abgesehen von dem Mantel, der wenig ordentlich über der Stuhllehne hingeworfen worden war.
Mantel?
Maries Kopf ruckte herum, als sie ein Klappern hörte.
Na warte!
Als hätte sie es nicht schon schwer genug als Grimm, die aber nicht Grimm sein wollte. Mußte sie es jetzt auch noch mit einem Einbrecher aufnehmen?
Marie pirschte sich an die halbgeschlossene Tür zu ihrer winzigen Küche heran, den Dolch gehoben und bereit zum Sprung.
Wer auch immer da gerade ihre Küche durchsuchte, er oder sie würde ein blaues Wunder erleben! War nicht der erste Einbruch in ihr Apartment – und bisher hatte sie es mit jedem dieser Junkies oder unterbeschäftigten Teens aufnehmen können. Ein erwachsener Einbrecher wäre mal eine Abwechslung – ein Umzug dagegen war momentan finanziell leider nicht drin. Nicht, solange sie studierte und keine Unterstützung ihrer Familie erhielt.
Wer auch immer da in ihrer Küche war summte jetzt eine Melodie. Und der verlockende Geruch, den sie bereits draußen im Flur wahrgenommen hatte, war beinahe überwältigend und ließ das Wasser in Maries Mund zusammenlaufen.
Das allerdings war der merkwürdigste Einbruch aller Zeiten. Da kam jemand in ihre Wohnung, um zu … kochen?
Maries Brauen schoben sich zusammen. Vermutlich irgendein Wesen, das gewahr geworden war, daß sie hier wohnte. Es war einfach für Wesen, an Gifte oder ähnliches zu kommen – da hatte vor nicht allzu langer Zeit nur drei Straßen weiter ein Hexenbiest einen Teeladen eröffnet. Gut möglich, daß besagtes vermutetes Wesen sich ein Gift besorgt hatte und den neuen Grimm in der Stadt damit vielleicht über den Jordan, vielleicht aber auch nur ins nächste Krankenhaus schicken wollte.
Diese ganze Grimm-und-Wesen-im-Dauerkrieg-miteinander-Sache nervte Marie nur noch. Darum hatte sie sich ja abgesetzt von der Familie und sich hier ein Apartment genommen. Ließ man sie in Ruhe? Nein! Entweder ihre Schwester Kelly brauchte dringenst ihre Hilfe, weil sie sich wieder mehr zugemutet hatte als sie bewältigen konnte, oder irgendein Wesen lauerte Marie auf, das sich für Mord X an Verwandtem Y rächen wollte – mit beidem hatte Marie nicht wirklich zu tun, aber hörte man ihr zu? Natürlich nicht!
Rein menschliche Einbrecher waren da wirklich eine willkommene, wenn auch seltene Abwechslung – oder sie sparte sich das Geld für eine Bunkeranlage irgendwo im finstersten Montana zusammen. Aber vermutlich würde sie dort auch noch irgendeinem Wesen über den Weg laufen!
Jetzt aber reichte es! So lecker das auch roch, es war sicher nicht freundlich gemeint, und Marie hatte die Nase voll davon, ständig auf wirklich alles achten zu müssen. Also …
Sie hob den Dolch, trat die Küchentür mit dem Fuß auf und wollte sich gerade auf den vermeintlichen Giftmischer stürzen, als sie erkannte, WER ihr Einbrecher war:
„Farley?" Marie klappte das Kinn herunter.
Sie hatte vor nicht allzu langer Zeit dem Mann und Wesen das Leben gerettet, als dieser wiederum ihr geholfen hatte, die Münzen wieder einzusammeln, die man ihrer Familie gestohlen hatte. Seitdem tauchte er ab und an wie zufällig in ihrer Nähe auf, saß in dem Cafe, das sie bevorzugte, oder lungerte unverrichteter Dinge vor der Uni herum.
Und jetzt …
Farley strahlte sie an, während er weiter in einem ihrer Töpfe rührte. „Miss Kessler, Sie brauchen definitiv ein besseres Schloß. Als ich herkam war da ein kleiner Reinigen, der gerade das Schloß aufgebrochen hatte", erklärte er ihr.
Marie starrte den Mann vor sich immer noch groß an. Dann ging ihr auf, nachdem Farley ihre gehobene Hand mitsamt Dolch mit einer gehobenen Braue betrachtet hatte, daß sie sich unhöflich verhielt.
„Aber er hatte gut eingekauft. Da dachte ich, warum die guten Lebensmittel verschwenden", fuhr ihr unvermuteter Besucher fort.
Marie schloß endlich, wenn auch geräuschvoll, den Mund.
Also war ihr Verdacht doch nicht ganz unbegründet gewesen. Reinigen? Vermutlich der älteste des Hausmeisters im Nebenhaus.
„Ich würde das nicht anrühren", sagte sie endlich und steckte den Dolch weg. „Vermutlich vergiftet."
„Oh, das Gift habe ich entsorgt", antwortete Farley mit einem breiten Lächeln. „Sie brauchen wirklich ein besseres Schloß … und bessere Nachbarn."
Marie stutzte. „Entsorgt?" echote sie.
Farley tauchte den Kochlöffel tiefer in den Topf und hielt ihn ihr dann hin. Was auch immer sah verdächtig nach einer Art Tomatensosse aus, und es duftete einfach verführerisch.
„Der Junge hatte so ein kleines Fläschchen in der Tüte. Hab den Inhalt weggekippt", erklärte Farley und schüttelte sich, als er zu morphen begann. „Gut?"
Marie hatte mittlerweile probiert und die Soße konnte sie wirklich nur als göttlich bezeichnen. „Mmmh!" machte sie genießerisch.
Und goldene Augen in dem Gesicht eines Steinalders glitzertenihr entgegen, als Farley, jetzt in seine Wesen-Art gemorpht, lächelte. „Man soll nie allein essen, Miss Kessler", erklärte er, „und … wer weiß, vielleicht gibt es ja noch ein besonderes Dessert?"
Marie leckte sich die Lippen. Irgendwie hatte sie da gerade eine Idee, wie dieses Dessert aussehen könnte …
