Ausweichmanöver

Die nächste Woche verging hektisch. Rory hatte sich wohl etwas mit dem zusätzlichen Kurs übernommen. Sie musste bis nächste Woche drei Bücher lesen und einen Artikel schreiben, den sie noch nicht einmal angefangen hatte.

Dazu kam ihr Geburtstag am Samstag, durch den ein ganzer Tag Lernen wegfallen würde. Sie kannte ihre Mutter und Tristan und wusste es besser, als zu glauben, dass sie auch nur eine freie Minute haben würde.

Also schloss sich Rory die meiste Zeit in ihrem Zimmer ein und schrie jeden an, der es wagte, sie beim Lernen zu stören.

Doch auch wenn sie meistens beschäftigt war, kam sie nicht umhin, zu bemerken, dass Logan ihr auswich.

Es war mittlerweile Freitag und Rory hatte ihn nicht ein einziges Mal gesehen. Das heißt, sie hatte ihn schon gesehen. Einmal bei einem Kaffeestand, auf den er zusteuerte und dann umdrehte, sobald er sie sah. Und einmal, als er gerade in die Redaktion gehen wollte und dann rückwärts wieder hinausging, als er sie sah.

Tristan meinte, sie würde es sich einbilden.

Finn und Colin hingegen kamen öfter vorbei, als es ihr lieb war. Doch schon am Dienstag hatten sie begriffen, dass Rory im Lernmodus war und besuchten sie nur noch, um sie zu einer Kaffee-Pause zu zwingen oder um ihr Essen zu bringen.

Rory musste lächeln, als sie an die beiden dachte. Sie waren wie Kinder, die meiste Zeit. Aber irgendwie konnten sie das mit Hilfsbereitschaft ausgleichen, sodass es nicht störte.

Rory klappte ihr Buch zu und seufzte. Sie war spät dran, wenn sie es pünktlich zum Freitagsdinner machen wollte. Sie suchte sich ihr blaues Abendkleid raus und lief schnell ins Bad um zu duschen.

Eine halbe Stunde später war sie wirklich zu spät dran. Ihre Haare waren noch nass und sie hatte absolut keine Ahnung, wo ihre Schuhe waren. Außerdem musste sie noch ihre Sachen für Stars Hollow packen, da sie natürlich zu Hause schlief.

Sie lief in ihr Zimmer, wo Tristan gelangweilt auf ihrem Bett saß und durch eines ihrer Bücher blätterte. „Du hattest auch schon spannendere Lektüre.", kommentierte er, bekam jedoch keine Antwort, da Rory unter dem Bett nach ihren Schuhen suchte.

Tristan seufzte und stand auf. „Komm mit", befahl er und zog Rory vom Boden hoch. Diese protestierte: „Ich kann nicht, ich habe keine Schuhe, ich habe keine Hollow-Sachen, ich habe keine trockenen Haare"

Tristan zuckte mit den Schultern und zog sie ins Wohnzimmer.

Er deutete aufs Sofa, wo ihre Schuhe lagen, daneben eine Reisetasche und daneben ein Föhn.

Rory grinste. „Du gehst an meine Unterwäsche?", fragte sie nur und schnappte sich die Schuhe und den Föhn. Tristan verdrehte die Augen.

„Rose hat deine Sachen gepackt. Sie und die Jungs waren eben hier, als du geduscht hast, sie sind jetzt im Pub.", erklärte er und Rory nickte. Sie versuchte nicht enttäuscht zu sein, dass sie Logan schon wieder verpasst hatte und ging in Richtung Badezimmer. Tristan seufzte.

„Logan war nicht dabei. Er war diese Woche sowieso selten gesehen, Mitchum macht im Moment Stress. Er ist gerade bei sich zu Hause in Hartford, weil sein Vater ihn bei irgendwelchen Zeitungsproblemen dabei haben möchte, die es wohl bei einer seiner Zeitungen gibt", meinte er so beiläufig wie möglich und zog dann seine Jacke an.

Rory nickte und biss sich auf ihre Lippe. Sie hatte ein schlechtes Gewissen, dass sie Tristan nicht sagte, dass sie ein bisschen zu sehr an Logan interessiert war. Aber sie wusste, was er dazu sagen würde: Vergiss ihn.

Tristan führte sich immer wie ein großer Bruder auf, wenn es um sie und ihre Freunde ging. Nicht, dass sie Logan als ihren Freund wollte. Rory seufzte gedankenverloren.

„Ich dachte, du bist so spät dran?", fragte Tristan belustigt und riss somit Rory aus ihren Gedanken.

„Bin ich auch", meinte sie und hielt ihren Föhn hoch.

Tristan nickte. „Ich verschwinde mal in den Pub. Wir sehen uns morgen?"

Rory nickte und lächelte. Tristan gab ihr einen Kuss auf die Wange und ging zur Tür. „Viel Spaß mit den Gilmores, grüß Lorelai von mir.", meinte er noch und nahm sich seinen Schlüssel. Rory nickte wieder.

„Mach ich. Grüß du die anderen von mir und sag ihnen, dass es mir leid tut, dass ich heute nicht da sein kann", rief sie ihm nach und verschwand dann im Bad.

Eine halbe Stunde später kam Rory in Hartford an. Sie sah Lorelais Wagen schon in der Einfahrt und parkte neben ihrem Auto.

Lorelai stand noch vor der Tür und grinste, als sie ihre Tochter sah.

„Jeder andere würde denken, dass du gerade von einem heißen Treffen mit deinem Freund kommst, aber ich kenne dich, und sage: Du hast gelernt."

Rory sah ihre Mutter verwirrt an und Lorelai lachte.

„Du hast Sex-Haar. Und dein Lippenstift ist verschmiert. Hast du etwa versucht, dich im Auto zu schminken?"

Rory sah ihre Mutter böse an und holte einen kleinen Taschenspiegel aus ihrer Tasche. Sie sah sich im Spiegel und stöhnte. Lorelai hatte mittlerweile eine kleine Bürste aus ihrer Handtasche geholt und war hinter Rory getreten, um ihre Haare zu bändigen. Rory wischte sich ihren Lippenstift weg und wollte sich gerade neuen auftragen, als die Tür aufgerissen wurde.

„Rory, Lorelai, was tut ihr hier?", fragte Emily Gilmore genervt. Rory ließ langsam ihren Lippenstift sinken und lächelte ihre Großmutter entschuldigend an. „Ich war ein wenig spät dran, weil ich gelernt habe...", meinte sie vorsichtig und eine Männerstimme hinter Emily lachte.

„Dad?", fragte Rory und lächelte den Mann hinter Emily an.

„Du siehst eher aus, wie deine Mutter, wenn sie mit mir zusammen gelernt hat", meinte er vergnügt und Rory lief rot an. Emily rümpfte die Nase.

„Also wirklich, Christopher", rügte sie den grinsenden Mann.

In dem Moment kam Richard zu ihnen. „Ich sehe, ihr habt die Mädchen gefunden. Können wir dann gehen?", fragte er, mit seiner Nase noch immer in irgendwelchen Papieren.

„Klar, Dad, Rorys Sex-Haar habe ich erfolgreich beseitigt.", antwortete Lorelai fröhlich, was Rory dazu brachte, sie mit ihrer Handtasche zu hauen.

Richard nickte. „Gut, dann los.", antwortete er, was Lorelai und Christopher zum Lachen brachte.

Rory und Emily schüttelten ihre Köpfe.

„Rory, da wir dich morgen an deinem Geburtstag nicht sehen dürfen", sie warf Lorelai einen bösen Blick zu, „haben wir uns überlegt, dass wir zusammen essen gehen könnten. Die ganze Familie. Was hältst du davon?"

Rory lächelte und hakte sich bei ihrem Vater und Großvater unter. „Ich sage, lasst uns endlich gehen.", meinte sie fröhlich und die Gilmores plus Christopher machten sich auf den Weg zum Restaurant, in dem Emily reserviert hatte.

Rory hatte so viel Spaß, wie schon lange nicht mehr beim Freitagsdinner. Zur Überraschung aller hatte Emily einen Tisch bei einem Inder bestellt.

„Du hast doch irgendwann mal erwähnt, dass du gerne zum Inder gehst, oder nicht?", fragte sie, als sie die überraschten Blicke aller sah. Rory nickte schnell.

„Das stimmt, es ist eine großartige Idee", meinte sie lächelnd mit einem Blick auf ihre Mutter. Lorelai hasste indisches Essen. Doch Lorelai zuckte nicht einmal mit der Wimper.

„Eine großartige Idee", murmelte sie jedoch, allerdings so leise, dass nur Christopher und Rory sie hören konnten. Die beiden grinsten sich an und betraten das Restaurant.

Natürlich konnte sich Rory nicht entscheiden, was sie wählen sollte. Es gab zu viele Sachen, die alle wunderbar schmecken würden.

Lorelai brauchte genau so lange wie Rory zum Auswählen, jedoch eher, weil sie nicht wusste, was davon ihr einigermaßen schmecken würde. Irgendwann hatte Emily genug. „Rory, nimm einfach alles, was sich gut anhört. Wir können ja teilen."

Rory war einverstanden und die Gilmores bestellten die Speisekarte rauf und runter.

Als die Getränke kamen, fingen Christopher und Lorelai an, Geschichten von Rorys bisherigen Geburtstagen zu erzählen, was immer ein amüsantes Thema war. Lorelai war gerade in der Mitte der Clown-Erzählung als Richard aufsprang.

„Nun, das ist ja ein Zufall", meinte er laut und richtete damit nicht nur die Aufmerksamkeit der gerade eingetroffenen Gäste, sondern auch die des restlichen Restaurants auf sich.

Rory und Lorelai, die gegenüber von Richard, Emily und Christopher saßen, drehten sich gleichzeitig um.

Rory stöhnte leise, als sie sah, wer es war.

Logan stand zusammen mit seinen Eltern im Türrahmen und grinste Rory an.

Lorelai stieß ihre Tochter in die Seite. „Das ist Logan", meinte sie verschwörerisch. Rory lachte. „Danke für die Information.", antwortete sie trocken.

Zu ihrem Entsetzen kamen die Huntzbergers zu ihnen an den Tisch.

„Richard, Emily, wie schön euch zu sehen.", meinte Shira mit einem übertrieben aufgesetzten Lächeln, das Logan dazu brachte, die Augen zu verdrehen.

„Ihr kennt doch unseren Sohn Logan, nicht wahr?", fuhr sie dann fort und stieß ihren Sohn in die Seite, der sofort in den High-Society-Modus sprang.

„Richard, Emily, wie geht es Ihnen?", meinte er freundlich und Rory grinste über seinen Tonfall, der dem seiner Mutter nicht unähnlich war.

Emily strahlte Logan an, als wäre er JF Kennedy persönlich.

„Uns geht es sehr gut, Logan, vielen Dank. Wir haben gerade ein vorgezogenes Geburtstagsessen unserer Enkeltochter. Rory, das ist Logan Huntzberger, er geht mit dir nach Yale. Logan, dass ist unsere Enkelin Rory."

Emily deutete Rory mit einem Blick an, dass sie aufstehen sollte und Rory tat es widerwillig. „Hey Logan", meinte sie dann unbegeistert und ihre Mutter prustete in ihr Getränk. Logan grinste noch breiter. „Hey Ace"

Rory wendete sich Logans Eltern zu und lächelte. „Es freut mich, Sie kennen zu lernen. Logan hat mir schon viel von Ihnen erzählt", meinte sie süß und sah aus dem Blickwinkel, wie Logan eine Grimasse zog. Sie lächelte noch ein bisschen mehr.

„Du kennst unseren Sohn?", fragte Shira überrascht, während Mitchum sie grinsend ansah.

„Es freut mich, Rory. Und keine Angst, Logan übertreibt meist in seinen Erzählungen über uns.", sagte er mit einem Blick auf seinen Sohn, der versuchte, unschuldig aus zu sehen.

Rory lachte und nickte. „Gut zu wissen. Er und ich kennen uns aus der Redaktion", beantwortete sie Shiras Frage.

Sie wollte vor ihren Großeltern das Thema Tristan dringend vermeiden, da diese weder wussten, dass Rory mit ihm befreundet war, noch, dass er mit ihr zusammen wohnte.

Logan nickte. „Siehst du, Dad? Und du sagst, ich bin nie dort. Ich schaffe es sogar, so oft dort zu sein, dass sich Leute an mich erinnern. Außerdem habe ich dir glaube ich schon von Rory erzählt. Sie ist das Mädchen, das morgen Geburtstag hat. Deswegen kann ich auch nur bis morgen früh hier in Hartford bleiben", meinte er und lächelte Rory an, die die Augen verdrehte.

Mitchum zog eine Augenbraue hoch.

„In Ordnung. Irgendwie fällt es mir jedoch schwer, das andere zu glauben. Sicher, dass du nicht in der Redaktion warst, damit Rory hier dich kennen lernt?", fragte er mit einem Lächeln während Rory rot wurde.

Logan zuckte mit den Schultern. „So oder so war ich in der Redaktion.", meinte er nur.

In dem Moment räusperte sich Lorelai. Rory zuckte zusammen und biss sich auf die Lippe.

„Das hier ist übrigens meine Mutter, Lorelai, und mein Vater Christopher Hayden", stellte sie ihre Eltern vor. Lorelai und Christopher lächelten dem Paar zu und nickten. „Es freut uns sehr, sie haben einen wirklich netten Sohn", meinte Lorelai und zwinkerte Logan zu.

Shira nickte. „Wir haben schon so viel von Ihnen und ihrer Tochter gehört, Emily und Richard sind immerzu am Schwärmen.", meinte sie freundlich und Lorelai zog ungläubig eine Augenbraue hoch.

Emily schien einen Kommentar ihrer Tochter zu erwarten, jedenfalls meinte sie schnell: „Warum setzt ihr euch nicht zu uns? Rory und Logan sind scheinbar Freunde und wir haben uns doch wirklich seit Monaten nicht mehr gesehen. Wir haben schon Unmengen an Essen bestellt, das reicht bestimmt noch für drei weitere Personen.", zwitscherte sie auf eine Art, von der Lorelai Gänsehaut bekam.

Richard nickte. „Ihr seid herzlich eingeladen", fügte er hinzu. Shira schien unschlüssig, doch Mitchum nickte. „Warum nicht? Wenn wir nicht stören? Immerhin ist das hier Rorys Geburtstagsessen, wenn ich das richtig verstanden habe. Da sollte sie doch entscheiden, ob sie lieber mit ihrer Familie allein bleiben will."

Alle Blicke richteten sich auf Rory, die innerlich ihre Großeltern verfluchte.

„Je mehr, desto besser", meinte sie jedoch fröhlich und sah dann ihre Mutter verzweifelt an, die nur die Schultern zuckte.

10 Minuten und viel Smalltalk später kam das Essen.

Emily hatte darauf bestanden, dass Logan sich neben Rory setzte und saß somit zwischen ihr und ihrem Vater an dem runden Tisch.

Rory versuchte, ein Gespräch mit ihm zu vermeiden und unterhielt sich hauptsächlich mit ihrer Mutter.

Logan schien dies nicht zu stören, da er und Christopher über verschiedene Internate sprachen, die sie beide besucht hatten.

Christopher lachte gerade über irgendwas, was Logan erzählte und Rory seufzte.

„Wunderbar, warum mag Dad ihn? Dad mag niemanden, er wollte Tristan die ersten drei Monate immer aus dem Haus prügeln, wenn er ihn gesehen hat. Er mochte Dean nie, er mochte Jess nie, wieso versteht er sich mit Logan?", fragte sie ihre Mutter leise, die nur mit den Schultern zuckte.

„Vielleicht, weil er das Gefühl hat, dass du Logan nicht magst? Das Gefühl kann man nämlich leicht bekommen, wenn man euch so beobachtet. Du hast noch nicht ein Wort zu ihm gesagt. Und Christopher hat generell nichts gegen das männliche Geschlecht, nur, wenn sie in Kontakt mit dir treten.", versuchte sie, die Logik ihres Ex' zu erklären.

Rory schnaubte.

„Was soll ich auch zu ihm sagen? Hey, na, wie geht's dir, hier, wo du nicht vor mir weglaufen kannst?"

Lorelai legte ihren Kopf in die Seite. „Nein, ich glaube, das wäre ein wenig komisch und würde ihn bestimmt dazu bringen, sich unwohl zu fühlen.", meinte sie dann nach reiflicher Überlegung. Rory schwieg und nahm sich noch mehr Essen auf ihren Teller.

„Das hier sollte ein Geburtstagsessen sein. Ein fröhliches Zusammensein der Familie. Ich meine, du konntest nicht mal die Clown-Geschichte zu Ende erzählen. Das ist nicht fair. Jetzt sitzen wir hier, in der Falle. Grandpa redet mit Mitchum über irgendwelche Business-Sachen, Grandma mit Shira über irgendwelche DAR-Sachen und Logan und Dad über irgendwelche Internats-Sachen. Und wir? Warum amüsieren sich alle und ich mich nicht? Ich habe morgen Geburtstag, ich bin die, die sich amüsieren muss.", schmollte Rory und tat sich noch mehr Essen auf.
Lorelai sah ihre Tochter mitleidig an.

„Du kannst dich darüber amüsieren, wie ich dieses Essen hier runterschlucke. Oder wir könnten die Kellner verarschen und ab jetzt nur noch auf indisch mit ihnen reden."

Rory verdrehte die Augen. „Wir können kein indisch. Und ich glaube, die Amtssprache in Indien ist Englisch. Also wäre das Witzlos. Und der Kellner hat uns schon reden hören. Das fällt also aus. Wir könnten unser berühmtes „1, 2, er gehört" dir spielen.", schlug Rory vor und Lorelai nickte begeistert.

Die beiden drehten sich von den anderen weg und sahen sich im Restaurant um. „Ok, wie machen wir es? Die Leute, die ins Restaurant kommen und gehen? Oder einfach die, die an unserem Tisch vorbeigehen?", fragte Lorelai aufgeregt.

Rory zuckte mit den Schultern. „Besser die, die hier vorbeigehen, wer weiß, wie viele dieses Restaurant jetzt noch betreten. Du fängst an."

Lorelai nickte und die beiden warteten auf die erste Person, die an dem Tisch vorbeigehen würde.